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Central-Verein-Zeitung · 1938-03-31 · 13 (31.3.1938) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
13 (31.3.1938)
Date
1938-03-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Kurzgeschichten Von den Autoren dieser Bücher mit kurzen Erzählungen können wir nur weniges mitteilen, von ihren Büchern wäre allerlei zu sagen. „Tränen und Lächeln" igt ein gewiss nicht ohne Ironie so gewählter Titel, die 16 sehr knappen Kurzgeschichten aus Wien und Amerika, aus allen Sphären der realen Welt sind in der besten Shortstories-Schule gewachsen, sie verraten von Herrn Brind (N. J. B r i n d : Tränen und Lächeln. Erzählungen. Verlag von Dr. Heinrich Glanz, Wien. 1937.), dass er ein vorzüglicher Beobachter des täglichen Lebens, ein geschickter und tüchtiger Ziseleur der kleinen Prosa und offensichtlich ein Jude ist, der, ohne stofflich Jüdisches zu bemühen, ohne sein eigenes Gefühl und seine Gesinnung zu Markt zu tragen, doch bestjüdische Eigenheiten hat: den Sinn für den Schwerpunkt im Dasein der gleichgültigsten Kreatur, den Sinn für das Tragische und für das Lächerliche. Man liest ihn mit einer Art von erregtem, um nicht zu sagen nervösen Behagen. Wer Judäus ist? Ein keineswegs so ums Wort bemühter, zum Leben des täglichen Lebens geborener Mann, sicherlich keiner unserer Generation, aber einer mit zweihundert Prozent Judentum, ein Ueberjudäus. Wenn Herr Brind die Summe seiner erzählerischen Versuche bescheiden und ironisch „Tränen und Lächeln*' nennt, so verheisst Judäus „Eine ungenannte Welt" (Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben. Band I. Verlag des Israelit und Herrn on GmbH, Frankfurt a. M. 1937), und das bedeutet wohl: Ihr habt keine Ahnung, aber ich will's euch zeigen! Und er zeigt uns wirklich etwas Neues, nämlich orthodoxe Belletristik, manchmal tres belle, manchmal tres triste, immer sichtlich fromm, erzählte Traktate über jüdischen Glauben, Liebe und Treue, manchmal sogar Traktätchen, mit Mizwot als Pointen und allesamt sozusagen mit dem moralischen Zeigefinger geschrieben. Manche hübsch geschrieben, manche nicht einmal in ordentlichem Deutsch, alle etwas altfränkisch umständlich. (Esist eine zweite Auflage.) Sieht man das als Literatur an. so erscheinen die meisten der 17 Geschichten wertlos: die „Tendenz" wird faustdick aufgetragen. — Man missverstehe uns nicht. Unsere Aufgabe besteht darin, jüdische Bücher auf ihren literarischen und jüdischen Wert hin zu beurteilen. Am jüdischen Wert, d. h. hier an der Gläubigkeit des Verfassers Judäus ist nicht zu zweifeln, auch wenn er gelegentlich katzbuckelt; wir können seine Unbedingtheit des Glaubens nur bewundern. Aber daraus allein wird kein Kunstwerk, wenn nämlich die religiösen Tugenden die Psychologie und die Formkraft der Sprache ersetzen müssen und das Wunder an die Stelle der gestaltenden Entwicklung tritt. Wir sind beileibe nicht gegen Frömmigkeit, wir sind keineswegs gegen „orthodoxe Kunst", deren monumentale Werke vom ersten Buch Moses bis zu den Märchen des Rabbi Nachman oder den Novellen von Perez uns gelehrt haben, dass die jüdische wie jede Dichtung ihre eigenen Gesetze hat. Jedes wirkliche Kunstwerk hat seine Religiosität und seine Moral in sich, dem Scheinkunstwerk muss die Moral angeklebt werden. Was uns hier liehen Hingabe an die grossen allgemeinen Räume der reinen Dichtung, erlebt und gesehen in einer bestimmten geistigen Haltung, glaube ich davor bewahrt zu sein, jüdisches Schicksal aus der Ghettoschau des ostjüdischen Schriftstellers zu gestalten, noch in die literarisierende Art der westlichen Entdecker zu verfallen. Ein sogenanntes jüdisches Erlebnis zu einem allgemeinen, menschlichen Thema zu erheben und es in Form und Sprache zu bringen, das heisst, gleich weit entfernt von plattem Realismus wie von sentimentaler WTirklichkeitsverfälschung, dichterisch darzustellen, ist für einen jungen Schaffenden keine geringe Aufgabe. Zu ihrer Lösung habe ich bereits einiges druckfertig liegen und für die weitere Zukunft den Plan eines Romans. Heute bin ich 28 Jahre alt und könnte frisch ans Werk gehen, wrenn der äussere Lebensgang der Sicherheit des inneren entspräche. Mein Reiseziel ist Palästina, und dort wird mein Beitrag kein schriftstellerischer sein, sondern, wie ich es erhoffe und wünsche, ein handwerklicher, nachdem ich eineinhalb Jahre durch die Jüdische Gemeinde Berlin auf den Beruf eines Schlossers vorbereitet wurde. Darüber bin ich wohl am glücklichsten, denn seit ich mich in einem festen Beruf weiss, fühle ich mich auch in meiner Berufung sicherer. Berlin, im März 1938. Moritz Kaswan Mit dem Abdruck der preisgekrönten Arbei ten beginnen xvir in der Pessachnummer iMxr»/^ KßAjuis&u*^ also befremdet, ist die Verquickung von Heterogenem oder, wie Judäus sagen würde, „Schatniss". Ob Fiechel Schneersohn „orthodox" ist, wissen wir nicht, aber seine „Geschichte von Chajim Grawitzer dem Gefallenen" (Bücherei des Schocken-Verlags, Berlin, 1937) ist in jeder Hinsicht so prächtig jüdisch, wie man nur wünschen kann. Wenn hier eine Moral ist, so ist's die des flammenden jüdischen Herzens und nicht des Zeigefingers. Die Welt, in der sie spielt, ist die Chabad-Richtung des Chassidismus, deren Mystik hier bis an die äusserste Grenze des Glaubens vorgetrieben wird, aber in einer vielfach lebendigen Gestalt, in dem seltsamen, grossartigen Grawitzer, der ins Vermessene aufsteigt oder fällt. Und allein sein Schicksal spricht, wächst, ist erlebt und brennt weiter in uns; der Autor steht unsichtbar dahinter. Das zu lesen, ist ein sublimer Genuss! — Noch ein Wort über den Autor. Er entstammt einer berühmten chassidischen Dynastie, ist Arzt und mit einigen Publikationen psychologisch-pädagogischer Natur ein Wissenschaftler von Rang und Format. Er ist u. a. auch mit einem Roman hervorgetreten, der in Berlin spielt, „Grenadierstrasse" heisst und in der jiddischen Oeffentlichkeit Aufseben erregt hat. Professor Schneesohn lebt jetzt als Dezernent für das Gesundheitswesen in Tel-Aviv. L. H. Träger des Erzählerpreises der C.-V.-Zeitung ^»•m 20. November 18S8 wurde ich in Frankfurt a. M. geboren. Seit Jahrhunderten lebten meine Voreltern im westeuropäischen Raum. Als jungen Menschen formten mich Elternhaus und Landschaft, humanistisches Gymnasium und die Universitäten Heidelberg und Berlin. Reisen in glücklicher Zeit schenkten mir Bilder, die sich unzerstörbar einprägten. Der Krieg machte mich vollends wach. Die Sorgen der Nachkriegszeit, die mich auf mich selbst stellten, Hessen mich stark werden und brachten mir die Freude an meinem Anwaltberuf, den ich noch immer ausübe. Früh zeigte sich die Lust am Niederschreiben, oft und lange von beruflicher Arbeit niedergehalten, aber immer wieder hervorbrechend als innere Notwendigkeit, die nun endlich Erfolg brachte, nun, da nahezu ein halbes Jahrhundert hinter mir liegt. Zwar habe ich allerlei veröffentlicht, Geschichtliches und Kulturgeschichtliches, so 1922 ein kleines Buch über ein Teilgebiet des Barock; zwar habe ich, mehr Sprecher als Schreiber, in den letzten Jahren in Lehrhäusern und Kulturbünden der Jüdischen Gemeinschaft durch Vorträge über kultur- und literaturgeschichtliche Epochen von mir hören lassen, aber dieser Erzählerpreis bedeutet für mich doch die erste offene Tür rein literarischen Schaffens. Mancherlei Manuskripte liegen, für alle Zeit tot, in meinen Schubladen. Ein „Abendländisch Judenspiel" harrt seiner Auferstehung, und Pläne und Hoffnungen warten darauf, dass sie Gestalt gewinnen. Die letzte grosse Hoffnung allerdings wird nie mehr Wirklichkeit werden: frei von der Sorge des Tages in einem kleinen Haus am Meer mit Frau und Hund und Büchern meinen Studien und meiner Arbeit leben zu dürfen. Wiesbaden, im März 1938. Alfred Mayer lender in einem ostjüdischen Städtchen, Horodenka, mit allem Reiz verklungener Romantik ablief, erwies sich für meinen Lebensgang nicht weniger ausschlaggebend, als die fünfzehn Jahre später erfolgte Begegnung mit dem Napoleon- Biographen Berthold Vallentin, dem Freunde Karl Wolfskehls und Friedrich Gundolfs, der mir eine dichterische Welt ohnegleichen erschloss. So ausgerüstet und verwoben mit dem lebendigen Ursprung der ostjüdischen Seele und ihren Erschütterungen wie mit einer leidensebaft- Dä?ie Tatsache, dass sich über meine Wiege ehrwürdige Chassidimrabbis beugten, und bis zu meinem fünften Lebensjahr der kindliche Kay^c^rcT7itAY£*. Q^Spräcfk an. ^9p4bmden, Alufgezeicfo^t von. j£ko}€irsdi Fortsetzung. Zeichnungen von Horst Moratz. 3VjdmluS4bmhuQV „Niemals", erklärte Frau G.. „niemals würde ich erlauben, dass meine Kinder, wenn ich welche bekomme, etwas so Rohes lesen wie diese Indianergeschichten!" „Mir haben -sie sehr viel Freude gemacht. Ich war allerdings niemals ein zartes Mädchen." „Und mir machen sie noch heute Freude. Ich lese sie hundertmal lieber als alle die Kriminalromane und womit man sonst schlaflose Nächte verbringt oder sich schlaflose Nächte macht." „Ein Kriminalroman ist doch wenigstens eine spannende Denkaufgabe. Wenn er gut ist, weiss man bis zum Schluss nicht, wer der Halunke ist." „Welch eine Denkaufgabe ist dann erst ein Liebesroman und besonders einer in Fortsetzungen! Da man doch auch erst am Ende erfährt, ob sie sich kriegen." „Aber Indianergeschichten sind weder Kriminalnoch Liebesromane. Ausserdem sind sie völlig unjüdisch. Die Lust am Skalpieren ist unjüdisch. Ich möchte meine Kinder nicht mit einem Tomahawk sehen, auch nicht mit einem aus Pappe. Solche Sachen darf man gar nicht erst aufkommen lassen. Ich glaube auch nicht, dass die Lederstrumpfgeschichten ins Hebräische übersetzt sind. Ich wünsche es jedenfalls nicht. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie man „Lederstrumpf" oder gar Skalp übersetzt. Es wäre einfach lächerlich." „Wenn Sie die Indianergeschichten unjüdisch finden, so haben Sie gewiss recht. Denn die Indianer sind keine Juden, ebensowenig wie die Eskimos oder die Chinesen, Malaien und Inder. Auch die Elefanten nicht, und doch würden Sie Ihren Kindern gewiss gern Elefantengeschichten zu lesen geben. Auch die Märchen aus „Tausend und einer Nacht", natürlich eine gesäuberte Ausgabe. Aber auch darin geschieht alles Unjüdische und Rohe, von der masslosen Zauberei ganz zu schweigen. Und sogar unsere eigenen Märchengeschichten von manchen biblischen angefangen bis zum Golem und Dybuk würden sich nie mit Ihrem Begriff von Jüdischkeit decken. Also wäre es doch gescheiter, eine Norm gar nicht erst aufzustellen und die Kinder lesen zu lassen, was ihnen Freude macht. Und Lederstrumpf macht seit hundert Jahren Millionen Kindern Freude." „Verbieten Sie den Kindern nur, Indianergeschichten zu lesen. Sie werden es dann mit desto grösserer Freude und Spannung heimlich tun." Uebrigens haben Sie von den Lederstrumpfgeschichten ein falsches Bild. Es ist wie in jedem guten Buch und im Leben nicht nur Rohes, sondern auch viel Hohes darin. Ja, sie sind eigentlich überhaupt eine Idealisierung und Romantisierung. Ich muss Ihnen sagen, den ersten Begriff von Edelsinn verdanke ich den Indianern Chingachgook und seinem Sohn Unkas, dem letzten Mohikaner. Und so ein Begriff spukt, glaube ich, zeitlebens in unseren Köpfen herum. Wir müssen selber ein bisschen Mohikaner sein, wenn wir überhaupt was sein wollen. Aber natürlich läuft einem auch gelegentlich ein falscher Gauch in die Quere, den man innerlich nur mit der Kennmarke: Irokese! oder: tückischer Hurone! versehen kann. Es gibt da also gute und böse Indianer oder vielmehr nur edle und schurkische Rothäute, denn zwischen Engel und Teufel kennt die richtige Indianergeschichte keine Menschen, aber mit den Blassgesichtern hält sie es ebenso, wobei allerdings, mindestens bei Cooper, die Frauen alle Engel sind. Nun ja, der psychologische und realistische Roman war in Lederstrumpfs frauenarmen und jungfräulichen Wäldern noch nicht erfunden, und daher mag's auch kommen, dass in den Indianergeschichten die Mestizen durch die Bank Kanaillen sind, und die Wissenschaft kann nichts dagegen tun. Denn die Vorurteile der Romane sind eine ganz andere Welt als die Vorurteile der Naturwissenschaffen, und so würde auch dieser Fehler mich nicht von der Lektüre und ihrer Empfehlung abhalten." „Gewiss, und ich möchte es sogar für einen Vorzug der Lederstrumpf-Romane halten, dass sie Romantik und Idealisierung bieten. Was kann einem jugendlichen Leser besser bekommen? Schon Cooper selbst musste vor hundert Jahren zugeben, dass er das ,Gemälde* einer idealen Landschaft ausmalte. Denn schon zu seiner Zeit waren Badeanstalten, modern und gut eingerichtet, zu finden, wo einst Falkenauges Wasserquell gewesen war, und bis auf einige heruntergekommene, zerlumpte Oneida waren die Rothäute aus dem Jagdbereich ihrer Väter an den grossen Seen verschwunden. So schilderte er, zur Rührung der Nachgeborenen, die kein lebender Indianer mehr ängsten konnte, die Waldwildnis am Rande unermesslich schimmernder Wasserflächen, die labyrinthische Einsamkeit, die nur von der Raserei des Sturms oder Feuers; Blichtet wurde, die Indianer, die katzenhaft auf Mocasins durchs Gestrüpp gleiten, den Tomahawk in der Hand und Skalps am Gürtel, die Häuptlinge, mächtig stark, im Rat überlegen und homerisch weise, Chingachgook, die Grosse Schlange, und Unkas, den indianischen Achilleus, der tollkühn die Weisse Cora rettet und stirbt, und vor allem Pfadfinder, Lederstrumpf, das edelste und redlichste Blassgesicht unter der Sonne mit seiner langen Büchse Wildtod, die nie fehlt. Und auch mir kommen die Tränen, wenn ich ihn Chingachgook die Hand reichen und beide über dem Sarge des letzten Mohikaners .heisse Tränen wie Regentropfen' weinen sehe, und der Held aller Helden, der verhaltene Häuptling leise in den Melodien seines bis auf ihn ausgestorbenen Volkes die Totenklage anhebt: .Mein Geschlecht ist geschieden ' von den Gestaden des Salzsees und von den Bergen der Delawären . .. Der Grosse Geist Manito bedurfte eines solchen Kriegers und berief ihn zu sich. Ich aber, der Sohn und Vater eines Unkas, ich bin ein verdortrer Stamm im grünen Wald. Ich bin allein.4 Sie mögen das nun finden, wie Sie wollen, mich packt's wie das Kaddisch eines jüdischen Vaters." „Ich glaub's Ihnen gern", sagte Frau G., „und es spricht nur für Sie, dass Sie selbst bei solcher Lektüre romantisch und sentimental gestimmt werden. Sie sind demnach als Leser auch heute noch ein Kind und ein gutes Kind. Wenn man die Lederstrumpf-Romane nun aber einmal pädagogisch-kritisch lesen würde, müsste dann nicht eben die Romantik und Idealisierung der Charaktere und der Landschaft gegen die Lektüre durch Kinder sprechen? Sie sagen

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