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Central-Verein-Zeitung · 1938-03-31 · 13 (31.3.1938) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
13 (31.3.1938)
Date
1938-03-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 C-V.-Zeifung Nr. 13 31. März 1938 Vom Wesen derholländischenMalerei Es igt für den Kunstfreund ein wunderbares Erlebnis, vor Werken, die ihm längst vertraut und gleichsam Teil seines inneren Besitzes geworden sind, einem Manne zuzuhören, der diesem Reichtum völlig neu, bisher fremd, gegenübertritt, der aber gewohnt ist, alles, was er in sich aufnimmt, von der Warte höchstgestimmter Geistigkeit zu überschauen. Wenn PaulCiaudel auch nur eine kurze Reise nach Holland unternimmt, so wird er schwereres Gepäck optischer, denkerischer, seelischer Art aufsammeln und heimbringen als andere, die seit Jahrzehnten dort heimisch sind. So entstand ein schmales Buch: „Vom Wesen der holländischen Malerei" (Bermann-Fischer Verlag, Wien, in der Schriftenreihe „Ausblicke"). Es ist eine durchaus unvergleichbare Betrachtung hundertmal geschilderter Kunstwerke, von einem dichterischen Genius angestellt, der seiner Natur nach gar nicht imstande ist, sich mit der äusseren Haut der Dinge zu begnügen. Erkenntnisse, die uns aufs tiefste berühren, Formulierungen von einer überraschenden Treffsicherheit, wie wir sie Jüdische Bücher W 62, Wormser Strasse 6a, am Wittenbergplatz, Ruf 247022 GERHARD FUCHS kaum je gehört, reihen sich vor uns auf, in einer sublimen Sprache, die zum geniessenden Mitdenken und Nachdenken aufruft, und deren Klang und Luftschicht die Uebersetzung von Ernst Hardt meisterlich eingefangen hat. Man glaubte auch die Landschaft Hollands gut zu kennen, aber wie nie zuvor enthüllt sie ihre Geheimnisse, wenn Claudel von ihr spricht, von dem Himmel, an dem in jeglichem Augenblick etwas zu geschehen oder sich vorzubereiten scheint, von der unermesslichen Ebene, die wie ein Präludium zum Meere auf uns wirkt, in der kein Gegenstand sich mit grober Wucht dem Blick aufdrängt, wodurch sich das Denken auf natürlichste Weise zu geistiger Beschaulichkeit weitet. Wir verstehen, dass gerade in diesem Lande Spinoza „sein mathematisches Gedicht ersann". Denkmäler der Beschaulichkeit, Quellen des Schweigens sind ihm die holländischen Landschaften, die ihren Ursprung weniger einer nach aussen gerichteten Neugierde als einer nach innen gewandten Versunkenheit danken. Es ist die „ungeheure Wertigkeit der Leere'*, die dem Verfasser zuerst an ihnen auffällt, im Vergleich zur Gefülltheit der englischen und französischen Malerei. Claudel meint, man würde sie besser verstehen, wenn man lernen wollte, ihnen nicht nur das Auge, sondern auch das Ohr zuzuneigen, um ihre Melodie wie ein Flötenklingen, einen langgehaltenen Geigenton zu vernehmen. Weit eindringlicher als selbst durch die geistvollen Analysen von Eugene Fromentin, wird die grosse Stille gekennzeichnet, die den holländischen Gemälden ihren Stempel aufdrückt und in aller irdischen Bescheidenheit, ihre Heiligkeit gibt. Sehr schön ist es, wenn die Kategorien herausgeschält und aufgebaut werden: die Landschaften, die sich uns gewissermassen im Schnitt oder im Profil zeigen, die anderen, die, wie Hobbemas „Allee", uns ins Innere der Bildkomposition hineinzwingen, die Bilder, in denen uns wieder andere ins Innere der menschlichen Behausung bringen, und der Bezirk des einen, der grösser ist als sie alle und uns in das Innere der Seele selbst geleitet, „wo jenes Licht erstrahlt, das jeden Erdgeborenen erleuchtet." Wenn Claudel sich den Grössten, Frans Hals und Rembrandt, nähert, spricht er — ein herrlicher Einfall — von der chinesischen Sage, die erzählt, dass ein Minister der Han-Kaiser, der sich im Gebirge im dichten Nebel verirrt hatte, plötzlich vor einer zerborstenen Stelle stand, auf der er die Inschrift entzifferte: Grenze der beiden Welten. Auf diesem Grenzstreifen in ragender Höhe sieht er die Meister. Dabei ist freilich zum Fall Frans Hals etwas anzumerken. Claudel hat die späten, überwältigenden Gruppenbilder der Vorsteher und Vorsteherinnen des Altmänner- und Altfrauenhauses, die einst das Rathaus zu Haarlem bewahrte, bis sie in das köstliche Haarlemer Frans-Hals-Museum (ein von verzauberter Stimmung erfülltes Altersheim des 17. Jahrhunderts) übersiedelten, offenbar vor der letzten Restaurierung gesehen.;Durch sie trat etwas Verblüffendes zutage: unter der Staubschicht der Jahrhunderte kamen prachtvoll entwickelte Farbenkompositionen zum Vorschein, so dass die Monochromie der schwarzgrau-gelblichen Tönungen verschwand, die uns vordem ergriffen in ein Zwischenreich von Realität und Jenseitigkeit geführt haben. Es gibt Leute, und es sind nicht die schlechtesten, die diese zweifellos geschichtlich-dokumentarisch notwendige Wiederherstellung der berühmten „Regentenbilder" heimlich bedauern, weil sie eine so gern gepflegte Illusion ins "Wanken gebracht hat. Liest man Claudels Worte über die unheimliche Grösse, die uns vor den Gemälden einst erschauern liess, so vertieft sich jene ketzerische Klage. Immerhin, es bleibt noch genug übrig, was seine machtvolle Beschreibung rechtfertigt. Ihren Höhepunkt aber ersteigt die Schrift in den Seiten über Rembrandt, in dem Claudel nicht, wie Fromentin es wollte, eine Ausnahme innerhalb der holländischen Malerei erblickt, ' sondern ihre „triumphierende Vertiefung". So ist von keinem das Wesen dieses Meisters umschrieben worden. Aus seinen letzten Gründen, aus der Enthüllung des Reiches, dem „der Sohn des Lichtes und der Finsternis" seine Eingebungen entnahm, wird auch das gedeutet, was an dieser Stelle den Leser vor allem beschäftigen wird: die Lockung, welche die jüdische Rasse, die „noch tief im Unvordenklichen und im unermüdlichen Umwühlen von Buchstaben und Lumpen steckt", auf Rembrandt ausgeübt hat. Claudel schildert, wie der Meister nur durch das kleine „Judasienster" in seiner Tür zu blicken brauchte, um sich als Zeitgenosse Abrahams und Labans zu fühlen, um auf Bergesgipfeln der Vision zu weilen und aus den Herzen der alten Rabbiner das Staunen über das ungeheure Rätsel jüdischen Menschentums zu schöpfen. Vorhang um Vorhang wird weggezogen. Wir haben wenig über siebzig Druckseiten gelesen, und immer neue Lichter haben sich entzündet, um in bisher unerforschte Tiefenstollen zu leuchten. Max Osborn. Kunstnacfarichten Am 26. März starb der Kunsthistoriker Cornelius G u r 1 i 11, der am 1. Januar 1S50 als Sohn des Landschaftsmalers Louis Gur.Iitt und seiner Frau Else_Lewald, einer Schwester Fanny Lewaids, in Nischwitz bei Würzen geboren worden war. Sein Weg ging über malerische"Studien beim Vater über den Beruf eines Bauhandwerkers in Berlin und Wien an die Baugewerkschule in Gotha, die Berliner Bauakademie und das Stuttgarter Polytechnikum. Den Krieg 1870 machte er als Freiwilliger mit. Umfangreiche Studienreisen führten ihn durch Europa, die Türkei und den Balkan. Sein kunstgeschichtliches Werk begann in Dresden, sein Hauptinteresse galt dem europäischen Barock. Gurlitt hat eine ungewöhnlich' umfangreiche Tätigkeit als Schriftsteller und Lehrer entwickelt. In den 88 Jahren, die sein Leben währte, hat er viele Ehrungen erfahren und eine grosse Anzahl von Werken veröffentlicht, die seinen Kamen erhalten werden. Ueber „Alte und neue Kunst in Palästina" sprach Dr. Mas Osborn (Berlin)) in Karlsruhe. In einer Schilderung der ältesten Baukunst der Königszeit, der uns erhaltenen und durch Ausgrabungen zugänglich gewordenen Zeugen legte Dr. Osborn die heimischen Grundlinien und die vielfältigen griechischen, römischen und byzantinischen Einflüsse dar, welche zusammen den Stil diej?er Denkmäler erklären;. Nach späteren christlichen Einflüssen tritt dann in der Türken zeit die Stagnation ein. Die europäischen Einflüsse in der neueren Zeit knüpften äusserlich an den arabischen Stil an, wie etwa das Technikum in Haifa, während die neueste Zeit europäische Architektur den Forderungen des Landes anzupassen sucht. Auf dem Gebiete der Malerei beherbergt heute das Museum in Tel-Aviv Werke repräsentativer jüdischer Maler des Landes und Europas. Stg. * _ Fritz S. S c h a m e s , Frankfurt a. M., zeigt in seinem Atelier, Weissfrauenstr. 8, seine neuesten Arbeiten, Oelgemälde und Monotypien. Die Ausstellung dauert vom 3. bis zum 13. April und ist täglich geöffnet von 11 bis 13 Uhr und 16 bis 19 Uhr. Eintritt frei. * Das Sekretariat für BildendeKunst teilt mit. da« die März-Ausstellung in der Marburger Strasse 5, in der Dorothea Horwitz, Margarete yehemias, Ludwig Schwerin und Manfred Steinhardt ihre Arbeiten zeigen, bis zum 30. April .verlängert wird. iDe Ausstellung ist vormittags zwischen 11 und 14 Uhr zu besichtigen. Ausweis erforderlich. Der als Neudörfer Collection bekannte Rest der berühmten, 1885 von Theodor Graf in Wien nach Europa gebrachten Sammlung von Fayam-Porträts ist gegenwärtig in den Karl Freund Galleries in. Jiew-York ausgestellt. Die Zeitschrift „Sulamith" Das soeben erschienene. Heft 4 der „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" (Phito G,m.b.iL, Berlin W 15) enthält, neben kleineren Studien mehr fachwissenschaftlicher Art, unter denen Raphael St raus. „Die Speyerer Judenprivilegien von 1084 und 1090", und*Felix Lazarus, ..Die Judenbefehlshaber im Münsterland'*, hervorgehoben seien, und neben ausführlichen Buchbesprechungen als umfangreichste und tragende Arbeit eine Untersuchung über die Zeitschrift „Sulamith" von Siegfried Stein. Gern eindemitgllederl Gebt die Gräber Eurer Verstorbenen in Pflege. Ihr erfüllt damit nicht nur ein Gebot der Pietät, sondern schafft auch dadnrchArbeitsmöglicMjeiten für Eure Glaubensgenossen. Wenden .Sie sich an die Friedhofsgärtnerei der ludischen Gemeinde Berlin-Weissensee, Lothringenstr.22, Tel. 564036 Schriftliche u. telefonische Anskünfte bereit-willigst . Es ist die erste jüdische Zeitschrift in deutscher Sprache, im Juni 1806 begründet, beendet 1848 unter dem Eindruck, ihre politische und kulturelle Funktion, erfüllt zu haben und darum überflüssig geworden zu sein. Die kulturelle Seite der Aufgabe bezeichnet der Untertitel als „Beförderung der Kultur und Humanität unter der jüdischen Nation", bzw. seit 1810 „unter den Israeliten"; politisch kämpfte die Zeitschrift für die Emanzipation. Ihr Leserkreis umfasste, wie Stein aus den Subskriptionslisten zeigt, die bürgerliche jüdische Oberschicht, deren Tendenzen sie denn auch zum Ausdruck bringt; zeitweise kam ihr ein repräsentativer Charakter in den Augen der Regierungen zu. Die allgemein kulturelle Richtung der "Zeitschrift ist die bekannte der Zeit, in dem Wort Humanität zuzusammenfassend angedeutet; auch ihr jüdisches Programm zeigt kein grundlegend neues Bild: überschwengliche Verehrung Moses Mendelssohns. Annäherung an das Christentum durch deutsche Predigt, Konfirmation, Mädcheneinsegnung und katechismusartige Fassung der „Glaubenslehren", allmähliche Ersetzung jüdischen Wissens durch abendländische Bildung. Eintreten für geschichtliches Sehen und biographische Umdeutung und Ausdeutung jüdischer Lebensläufe der Vergangenheit. All das ist später teils besser ausgebaut, teils wieder aufgegeben worden. Von der werdenden Wissenschaft des Judentums zeigt jene ältere Generation, die die Zeitschrift trug, sich noch kaum berührt: sie stand ganz auf dem Boden der Aufklärung. Auch die Zeitschrift blieb, wie Stein feststellt, „geistesgeschichtlich ausserhalb der Bewegtheit ihrer Zeit". Man spürt diese Haltung an einzelnen Zügen heraus, wenn z. B. ein Lehrer vorschlägt, das Gotteserlebnis den Zöglingen auf einem Spaziergang angesichts der Sonne, des Mondes oder der Sterne nahezubringen, indem er sie „mit der Simplizität, die den Erzieher vom Pedanten unterscheidet, fragt: .Sag mir doch, wer hat diese geschaffen?'!" Der Verfasser nimmt seinem Thema gegenüber eine eigentümlich geteilte Stellung ein. So aufschlussreich viele seiner Feststellungen und so sorgfältig die Ausfeilung der Arbeit ist, wäre in der Beurteilung des 19. Jahrhunderts heute doch — und durchaus nicht'nur in dieser Arbeit — eine strenger historische Fragestellung am Platze, die das Material nicht nur vom Standpunkt der Gegenwart, d. b. als Entwicklungslinie auf den jetzigen Zustand hin betrachtet, sondern auch in seiner Eigengesetzlichkeit. Dann wird sich zeigen, dass im 19. Jahrhundert noch auf Jahrzehnte hinaus zwischen Reiormprogrammen und jüdischer Wirklichkeit eine tiefe Kluft bestand, dass der Alltag sehr viel jüdischer war, als Zeitschriften und Festreden es sich eingestehen wollten. Die damalige Wirklichkeit aber, und nicht mehr die damaligen Programme machen das eigentliche Interesse an jener Zeit aus. — a — selbst, da wird eine Landschaft geschildert, die es schon vor hundert Jahren nicht mehr gab, ein Edelsinn und Heldentum, wie es nur diesen ausgestorbenen Mohikanern eigen ist, und eine huronische Teuflischkeit, die höchst effektvoll und psychologisch unstatthaft erscheint: warum % und wozu unsere Kinder mit solchen Trugvorstellungen anfüllen?" „Um Himmels willen, skalpieren Sie mich , nicht mit meinem eigenen Tomahawk! Das alles ist gewiss richtig, aber doch nur auch richtig, unter anderem. Eine Photographie der Wirklichkeit werden Sie ja in keinem Buch vollkommen finden. Die Einteilung der Menschheit in Engel und Schurken werden sie nie vermeiden können, denn ..die Psychologie, die richtige, gibt's ja nicht, nur eben verschiedene Psychologien und Arien von Realismus, von denen auch die Romantik, das Idealisieren eine ist. Ausserdem sind das alles im Streit leere Worte, und beim Lederstrumpf kommt man gar nicht zur Besinnung darüber, man lebt einfach mit, mau glaubt blind, der Lederstrumpf lebt! Und das ist die Hauptsache, das ist das einzig Wichtige, alles andere vergisst man beim Lesen, alles, auch ob die Menschen Engel oder Schufte, auch ob wir . Juden oder Mohikaner, Grosse oder Kinder sind. Und darum nur sollen meine Kinder Lederstrumpf lesen. Allerdings unter einer Bedingung: dass ich noch einmal mitlesen darf. Denn wozu sollte ich Kinder haben, wenn ich nicht mit ihnen Mohikaner werden dürfte." „Ganz kalt und verantwortungsvoll oder wie Sie, gnädige Frau, als kinderlose Mutter das nennen, pädagogisch-kritisch gesprochen,, haben Sie bisher zwei Momente von entscheidender Bedeutung im Lederstrumpf übersehen, die ich besonders in einem der fünf Romane, im „Pfadfinder", ausgeprägt finde, nämlich eine tiefe, alles beherrschende Frömmigkeit und guten Humor. Beides werden Sie auch mit den besten Vorstellungen von Erziehung und Jüdischkeit vereinbar finden. Was das Moralische sonst betrifft, die Teilung in Gut und Böse, so werden Sie das Gute im Lederstrumpf immer siegen, das Böse immer besiegt und beschämt finden, ein Vorzug, den die Kriminalromane als nur scheinbar keine Verherrlichungen des Kriminellen (sonst wüssten Sie von vornherein, wer. und ob nicht etwa der Detektiv selbst der Halunke ist) nicht haben und den die psychologischen Romane nicht haben können und dürfen. Solch ein Pfadfinder dagegen 'ist geradezu ein Lehrbuch der moralischen Tugenden, cur dass es die Langweiligkeit von Lehrbüchern nicht hat. Ich will gar nicht daran denken, wie Pfadfinder und Jasper Eau-douce einander an Edelmut übertreffen, wie Mabel, selbst wenn's ans Heiraten geht, ihrem braven und so wenig frauenkennerischen Papa ein Musterbeispiel von Kindesliebe vorführt, wie der Schuft und Verräter von einem Quartiermeister nicht nur als Soldat und Mensch seine verdiente Strafe kriegt, sondern auch als Don Juan sich in die Nesseln setzen muss, wie die zärtlich-treue Junitau, das Tuscaroraweib, leben und sterben darf, — nein, die Moralität im Kleinen, der feine Humor gegenüber den winzigen Alltagslastern spricht ja viel deutlicher. Nehmen Sie zum Beispiel die Prahlsucht, die Einbildung, so haben wir hier den Meister Cap, den ollen ehrlichen Seebären, der kein Süsswasser ' ernst nimmt, nur seemännische Ausdrücke gebraucht und alle Landratten verachtet, nein bemitleidet. Ein Kerl, sagt er etwa, „der nie Salzwasser sah, bildet sich ein, er wisse mehr als einer, der das Kap Horn umsegelt hat. Nein, nein, die Erde ist weiter nichts als 'oe ziemlich grosse Insel, und alles übrige ist Wasser, nichts als Wasser." Und die unermessliche Waldwildnis am Ontario ist ihm nur „eine Handvoll Blätter" dagegen. Und wie 'heilt ihn Cooper von seiner Salzwassersucht? Erst bringt er ihn durch eine . kühne Fahrt über die Oswego-Fälle im Rindenkahn Respekt vor dem Süsswasser bei, dann durch eigenes Indieirresegeln im Sturm auf dem Ontario Respekt vor den Süsswassermatrosen und endlich und überhaupt zeigt er ihn als einen schrullig verschrobenen; aber braven und feinen Kerl, und das ist der beste Humor davon. Aber so fein und menschlich erscheinen auch die anderen Figuren oft. Allen Respekt aber gar davor, dass so viel Feinheit und Takt hier in der sonst gröblich behandelten sozialen Sphäre bewiesen wird. Mabel, geliebt und begehrt von allen, vom Offizier, dessen „Fehler nun einmal das Heiraten ist", bis zum Tuscarora, ist keine •Dame, aber sie wird. angefasst wie eine Prinzessin, und ihr Vater, dessen soldatische Bravheit und Pflichtauflassung mit der Liebe berichtet wird, die sonst nur der Biograph eines Generalissimus aufbringt, ist nur Sergeant. Und was für eine Seele von Mensch ist doch Pfadfinder! Seine rührende Naivität als unglücklicher Liebhaber, sein armer Traum, auch einmal häusliche Freuden zu kosten, seine Treue, seine ausserordentliche Beherrschtheit, „dass ihm seine Sinne und seine Glieder nie ihre Dienste versagten", seine Zielsicherheit, seine indianische, fast mohikanische Spürfähigkeit und Waldverbundenheit, aber vor allem seine grossartige Naturfrömmigkeit! „Es ist nicht leicht, Mabel", so beginnt eines seiner Stichworte, „immer in der Gegenwart Gottes zu weilen und nicht die Macht seiner Güte zu fühlen. Ich habe den Gottesdienst in den Garnisonen besucht und, wie es einem Soldaten geziemt, versucht an den Gebeten teilzunehmen; denn, obgleich ich nicht auf der Dienstliste des Königs stehe, so kämpfe ich doch in seinen Schlachten und diene seiner Sache! — aber so sehr ich mich auch bemühte, den Garnisonsbrauch würdig mitzumachen, so könnt' ich mich doch nie zu den feierlichen Gefühlen und zu der treuen Hingebung erheben, die ich empfinde, wenn ich allein mit Gott in den Wäldern bin. Hier steh ich Angesicht in Angesicht mit meinem Meister. Alles um mich ist frisch und schön, wie es aus seiner Hand kommt. Da gibt» keine spitzfindigen Doktrinen, um das Gefühl zu erkälten. Nein, nein, — die Wälder sind der wahre Tempel Gottes, in dem die Gedanken sich frei erheben und über die Wolken dringen.'* Das ist vielleicht etwas zu pathetisch, denn sogleich wird es von dem komischen Seebären parodiert, der die gleichen Gefühle gehabt zu haben behauptet, wenn er „unter dem Aequator Wache haite", und der dann, auf den Vorwurf, die Seeleute seien sonst eben nicht als religiös verschrien, schimpft und sagt: „Sie haben freilich nicht so viel Unterricht als die Landratten, aber was das Wesen des Glaubens anlangt, so bohren die Seeleute die Ufermenschen stets in Grund." „Ich will für alles dies nicht einstehen, Meister Cap", entgegnet jetzt der wunderbare, nun ganz echte Pfadfinder, „obschon einiges davon wahr sein mag. Aber es bedarf nicht des Donners und des Blitzes, um mich an meinen Gott zu erinnern, und ich bin nicht der Mann, seine Güte eher in der Verwirrung und Trübsal zu bewundern als an einem feierlichen, ruhigen Tage, wo seine Stimme aus dem Krachen der toten Baumzweige öden., im Gesänge eines Vogels ebenso lieblich tönt,""als wenn ich sie in dem Aufruhr der Elemente vernehmen müsste. Was meint Ihr, Eau-douce?" Und dergleichen schlicht-herrliches Raisonnement kommt mit der gleichen Natürlichkeit, aber viel beiläufigerem Akzent von Pfadfinders Lippen als etwa eine Bemerkung über verräterisch geknickte Blätter, und ebenso selbstverständlich naiv-weise wie seine ständige grossmenschlich tolerante Floskel von den verschiedenen „Gaben" der Menschen, und dass man jeden, Rothaut und Bleichgesicht, nur nach seinen Gaben beurteilen dürfe: „Grosse Schlange da hat ihre Gewohnheiten, und ich meine; und doch haben wir so manche Jahre Seite an Seite gefochten, ohne dass einer dem andern seine Manier verdachte . . „Nein, gnädige Frau, auf meinen Pfadfinder lasse ich nichts kommen und werde ihn immer gegen jede Art von Fadfindern verteidigen." (Fortsetzung folgt)

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