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Central-Verein-Zeitung · 1938-03-24 · 12 (24.3.1938) · page 14

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
12 (24.3.1938)
Date
1938-03-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 C.-Y.-Zeitung Nr. 12* 24. März 1938 der ..Kleineren Schriften" versagen. Sie geben Im Ganzen das einprägsame Bild" eines vorbildhaften Lebens und der"'Mächte und Personen, die in es hineingewirkt haben, neu als. Gesamtheit auch da, wo es im einzelnen manchem, der es an sich vorüberziehen lässt. schon vertraut war. Sie enthalten philosophieffeschichtliche, sprachwissenschaftliche, bildungspolitische Aufsätze, in denen Kraft der Abstraktion und Wirklichkeitsnahe sich vereinen. Es soll nicht verschwiegen werden. dass auch einiges Allzu-Aphoristische sich einschiebt. SFlIfQ PpI7P UbSarodsfr. 42 32 30 77 « 1 IHO I Gr. Lager,günst Angebote vorhanden Aber es finden sich auch Ueberraschungen, wie eine Reihe von Schallplattenbesprechunsen, die eine überaus reizvolle musikgeschichtliche Spezialarbeit darstellen. Aber der eigentliche Kosenzweig ist das nicht. Er spricht am klarsten und fasslichsten . als der Rosenzweig des ..Freien Jüdischen Lehrhauses", aus dem Konzept zur Eröffnung dieses Instituts im Jahre 1920. Dort wird gefordert, was heule noch nicht über die Ansätze, von damals hinausgelangt ist: als Korrelat zum ..Neuen Denken" das .,Neue Lernen5'. Es soll ein Lernen sein von Aussen nach Innen, aus der Fülle des Welterl'assens-zurück zur Keimzelle jüdischen Wesens. Es soll eine Einkehr werden, so meint Rosenzweig. die zur Heimkehr werden wird. Dass wir von einem solchen Ergebnis noch meilenweit entfernt sind, verbürgt seiner Mahnung die fortwirkende Aktualität.-Dr. Werner Cahnmaim. '3Iüncheii. III. Georg Brandes ■ Die Erfüllung des Wunsches, den ein Dichter einmal in die bange Frage fassle: Leben die Bücher bald?, ward Georg Brandes in reichem Masse zuteil. Auch wenn er sich, zeitlebens mehr als Märtyrer denn als Sieger fühlte, auch wenn immer wieder Kritik lauf wurde und wird, in Wirklichkeit haben seine Bücher das kulturelle Leben der skandinavischen Länder bis zur Stunde mitgeformt. Auf Brandes seht jene Weltofl'enheit zurück, die allerdings mehr in die Weile als in die Tiefe und Höhe "strebt, die wache Intelligenz, der Verzicht auf alle Romantik des Gefühls" und allen .Berge versetzenden Glauben, wie ihn noch Kierkegaard. Dänemarks grosser Denker seiehrt halte, ..Bruudesianismus"" ist die Vorurteilslosigkeit des Leben und Lebenlassens. Die zünftige Wisseuschait wird in Georg Brandes' Wirken 'immer die ausgeprägt literarische-' und journalistische Note zu kritisieren haben. Abe-r sein eigenartiges Duzverhältniszu den grossen Dingen und Menschen-kam einem Bedürfnis nicht zuletzt der skandinavischen Völker entgegen. Es ist aber nicht ■ die Aufgabe dieser Zeilen, das Vergängliche und . Unvergängliche " in seinem Werk neu zu umreissen, . sondern auf zwei Neuerscheinungen hinzuweisen, die Wirkung und Leben Georg Brandes' beleuchten. - . Im Nachlass A rihur S c h n i t zI e;T s fand sich - eine- .,N i c-h t gehaltene' Festrede i'-ür Georg Brandes", die der Verlag Beritt an-Fi sc her in Wien vor kurzem publizierte. -Hier sieht.ein Schaffender ganz im Bannkreis des grossen Kritikers.-, der verrammelte Türen ■ in die- Wirklichkeit' aufstiess. Arthur Schnitzler ist nicht der zünftige Wissenschaftler, der bec-kmesserisch die Fehler-zählte. Er sieht in Brandes den Geschichtsschreiber, der ohne Werimig Gestalten schuf, wie auch ein Dichter sie nicht anders schaffen könnte, der ununterbrochen fühlte, dass über Cäsar wie über dem Lastträger, der zu seinen Zeiten durch die Strassen Roms ging, über Voltaire wie über seinem Kutscher dieselbe Sonne schien wie heute über uns. Die Rede gipfelt in einer Heraussteilung der Brandesseben Biographie Voltaires. Schnitzler missfc nicht Voltaire an Brandes und nicht .Brandes an Voltaire, aber er sieht die geistige Verwandtschaft und die gleichen Feinde. Es sind die Feinde, die Voltaire sein „Ecrasez l'infäme" nie verziehen haben und die in der verslandesmässigen Betrachtung der_ Dinge und Menschen und" in der Neigung zu Zweifeln eine unzulängliche Geistesverfassung sehen. Georg Brandes hat seine eigene Biographie niedergeschrieben. Sie. wird jetzt ergänzt durch die Herausgabe des ersten Bandes seiner ..Briefe nach Hause" (..Breve til Hjemmet", H. PI irsc h Sprungs Verlag, Kopenhagen 1S38), denen das Dichterwort vorausgeschickt ist: ..Deshalb sind Briefe soviel wert, weil sie das Unmittelbare des Daseins aufbewahren." Das Buch umfasst die für die Entwicklung Brandes' entscheidenden Jahre 1870.'71, in denen er, 20jährig, Frankreich, England und Italien besuchte. Es "waren wirklich seine Lehr- und Wanderjahre. Da diese Briefe ungekürzt sind, mischen sich in' bunter Folge ungewöhnliche Porträts der führenden Geister des damaligen Frankreich und England, namentlich Tnines. Renaus und John Stuart Mills, mit den Alltagssorgen eines jungen Mannes, die Geldmangel. Krankheit und Rechenschaftspflicht gegenüber den Eltern bedeuten. Das persönliche Bild, das wir gewinnen, gleicht jenem Baccalaureus, zu dessen Entschuldigung angeführt werden kann, dass aller Most sich ganz absurd gebärdet. Das Jüdische spielt keine nennenswerte Rolle. In den Briefen finden wir nur eine kurze Bemerkung, dass ein Franzose sich einmal nach der Rechtsstellung der Juden in Dänemark erkundigt hat. Aber das gegenseitige Verhältnis des Sohnes zu den Eltern hat etwas spezifisch Jüdisches. Die Verbundenheit von Mutter und Sohn ist überraschend. Zwar kommt die Mutter in keiner Zeile selbst zu Wort; wir haben nur die Anrede und die Antworten von Brandes splbst. Aber welches Interesse der Mutter! Welch anspornende Kritik! Welch treibender Ehrgeiz! Was' in den Lebenserinnerungen noch als menschlich verständliches Denkmal erscheinen, mochte, das ein Sohn seiner geliebten Mutter setzt, wird in jeder Zeile der Briefe bestätigt. Die Mutter nimmt teil an jedem Plan, an jedem Gedanken, si e erhält Aufschluss über die geistigen Strömungen des Jahrhunderts. So manches Wort Georg" Brandes', das'indem kühlen Fluss seiner Bücher Erstaunen weckte, wird von hier aus verständlich und dem Psychologen und Biographen wichtig, etwa der Satz aus seinem Shakespeare-Buch: "Der .Verlust der Mutter ist immer ein furchtbarer, unersetzlicher Verlust; er wird häufig der unersetzlichste Verlust sein, den der Manu erleiden kann.' •' Brandes starb 1927. Der erste Band seiner Briefe umfasst die Jahre 1870/71. Es gilt der Schlusssatz aus . SobuttzterS' .-nicht gehaltener Rede: .,.Wir .sehen den -nächsten zwanzig .Bänden mit freudiger .Erwartimg entgegen." Dr. Fritz Bauer. Kopenhagen. Ein jüdischer Schüler-Kalender ist für das Jahr 1938/39 im Jüdischen Buchverlag Stefan M ü n z, Breslau, erschienen. Auf etwa 100 Seiten finden die Schüler neben dem ausführlichen Kalendarium Raum zum Eintragen der Stundenpläne, von Adressen und Büchern. Geographische Tabellen über Städte und Länder. Gebirge und Flüsse werden durch sportliche Daten ergänzt. Der jüdische Teil bringt unter Anlehnung an den C.-V.-Kalender statistisches Material, die .Anschriften und Aufgabenkreise der Organisationen, eine historische Zeittafel u. v. a.. Der Kalender wurde mit viel Verständnis für die Interessen'der Jugend von Kurt Schwerin und Stefan Münz zusammengestellt. Die Schuljugend wird ihn am Beginn"des neuen Schuljahres sicherlich gern erwerben.' Der Joachim Go 1 d s t e i n Verlag. Berlin, kündigt folgende Neuerscheinungen an: Herbert F r i c d c n t Ii a f „Ein Schiff unterwegs'1, Erzählung: Kurt? t e r n b e r g ,J?.hilosophiscihe Probleme im biblischen und apokryphen ' Schrifttum der Juden14; Benno K o.sstec h e r ..Die Wanderleiter", Gedichte: Reichsverband der jüdischen Kulturbünde „Pult und Bühne", Almanach. Ferner ver. anstaltet der Verlag eine S u b s k r i p t i o n für Hermann Sinsheimers ..Shylock — die Geschichte einer Figur oder der Mythos vom Juden". . * Günther Daimnamn: Zauberkunst und Zauberkünstler. Dieses in der C.-V.-Zeitung Nr. 9 vom 3. März besprochene Buch ist im Verlag Fr. Scheibl, Wien, erschienen. Neuordnung im Berliner Jüdischen Museum Die Neuordnung im Jüdischen Museum wird durch den mit der Zeit immer vollständiger werdenden, die künstlerische' Entwicklung des Meisters in allen Schaffensphasen verdeutlichenden Liebermann-Saal gekennzeichnet und durch neue Anordnung des übrigen vorhandenen Materials und eine strenge Sondierung der Maler, die laut "neuerer Forscherstudien zum Judentum gehören und die Entwicklungslinie der jüdischen Kunst erweitern und vergrössern helfen. Schon unter diesem Gesichtspunkt interessiert daher ein Rundgang in der Oranienburger Strasse, beginnend mit der Zeit des Biedermeier, in die das Wirken von Eduard Magnus, Julius Muhr. Michael Alexander (aus Posen), Meyer Michael söhn und von dem aus Hessen gebürtigen Louis Katzenste in fällt. Von diesem um 1820 in Westdeutschland tätigen Künstler stellt das Museum jetzt ein neuerworbenes Bildnis eines jungen Mannes aus, ein frisches und typisch biedermeierisch gehaltenes Porträt. In der nächsten Umgebung fanden die jüdischen Miniaturisten Aufstellung: Fiorino, Pineas, Leopold Horwitz, und der Weg ist nicht weit, der bin zu den Gemälden von Daniel Moritz. 0 p p e n h e i m führt, der nun mit drei 'anerkannten Werken in Berlin vertreten ist. Grosse Namen der neueren Malerei stehen neben kleineren. Ernst Oppler, Victor Tischler (Wien), Liebermann sind auch mit Zeichnungen zu studieren, ausserhalb jenes Liebermann-Saales, der nun elf Meisterwerke aus sämtlichen Arbeitsgebieten und sämtlichen Arbeitsepochen des grosseh Impressionisten sein eigen nennt. Neu "unter den auswärtigen Künstlern ist Benno Becker (München) mit einer .zum" Befrachter sprechenden. Landschaft,. Rudolf Le vy, der Schüler von M a t i s s e, mit zwei Blumenbildern, ein immer interessierender und bleibender Eindruck Josef Oppenheim er mit den . Porträts von Dr. I. Kastan und Schema r ja h u L e v i n, auch Wolfgang S c h ü 1 e i n; (Frankfurt) muss erwähnt werden, . von dem ein Strandbild aufgehängt wurde. - Im Eingangsraum ist eine Vitrine mit kunstgewerblichen Arbeiten zu sehen, unter denen keramische Arbeiten von Emil Pottner und Ottilie Wollmann neben einer jener jüdischen Puppen von Edith Samuel hervorzuheben sind. Die Abteilung Kultgerät wird von der Museumsleitung weiter ausgebaut und gepflegt, ein grosser holzgeschnitzter Chamikkaleuchter von Nikolaus Braun und ein Sederteller aus .Fayence von Eva Samuel, der palästinensischen Töpferin. ist nur weniges, was aus dieser neuzeitlichen Schau zu nennen, ist. Photos von Aenne Mosbacher (Kassel) ans Palästina sollen der Jugend, die die Räume durchwandert, eine Anregung und die Freude vermitteln, sich in die umfangreichen Sammlungen' des Berliner Museums eingehender zu versenken. Dr. Olga Bioch * Im Jüdischen Museumsverein in Berlin sprach Rabbiner Dr. Samuel (Berlin) über künstlerische Kultur in Palästina. Es waren lebendige Reiseeindrücke, die Dr. Samuel vermittelte. Vieles,, was im Lichtbild vorbeizog, konnte man zum erstenmal bewundern: die Villa Weizmann, die Erich Mendelsohn erbaut hat, seine Landhäuser am Toten Meer, die sich in allem dem Klima und dem Boden, auf dem sie errichtet wurden, anpassen: den Museumsbau üi Tel- Aviv, das. Kunstgewerbe, das sich im Silbergar$| von Emmy Roth, in abwechslungsreichen ."Ott« formsicheren Keramiken von Eva Samuel repräsentiert, neue Bilder von Jakob Steinhard t, von Rub i n. einem aus .Rumänien eingewanderten Künstler, von Malern aus vielen Ländern, deren Gemälde und Zeichnungen die umfangreichen Sammlungen vornehmlich des Museums von Tel-Aviv beherbergen. O. B. Unter dem Titel Aus kleinen jüdischen Gemeindon bereitet das Berliner J vi d i sehe M u s e.u m unter Mitwirkung des Ges a m t a rc h i v s <i o r Juden i n [t> e u't s c h 1 a n d eine, sehr beachtliche Ausstellung vor. Sic wird wertvolles Knltgerüt und wichtige historische' Dokumente enthalten, die; den beiden; Instituten aus kleinen Gemeindenzugeflossen sind. Aus London kommt die Nachricht, dass die "Firma S o th e b y & C o mit der Versteigerung der beruh inten Bibliothek Schiff betraut worden ist. -Ks handelt es sich um den anerkannten bibliophilen Besitz., den John Mcrtimer Schiff irs. New-York \~w seinem verstorbenen -Vater"-Mortimcr L. Schiff-übernommen hatte." Baupthestände dieser Bibliothek bilden in Furo pa gedruckte Bücher, vielfach französische Werke, vom 16.-Jahrhundert bis in die neuere Zeit hinein sammelte der bekannte Mäzen. Kostbare Einbände finden sieh in dieser im Frühling stattfindenden Versteigerung. Der Katalogder Sammlungen aus. der Feder von Seymour de Ricci wird dem Auktionsverzeiebnis des Hauses Sothcby ein wertvoller Hinweis sein. Wir nennen; schon heute bedeutendste Kamen, herrliche antike Einbände für die Madame de Pompadour, Dia.ne de Poiticrs. von Maioli. Grober. Dazu .frühe Ausgaben von Montaigne, Moliere, Corneille, Raeine. mich des eigenen. Schnabels zu bedienen, der, wenn er auch etwas stottert, doch die Wahrheit unverkümmert herausbringt, und die versteht man ja, selbst wenn sie 'sich nur durch Zeichen kundgibt."' Da hast du. was mich zum Freund von Cervantes macht: Persönlichkeit. Hintergrund, .Motive. Probleme."* Aber im Don Quichotte, dem mit Absicht und vollendet komischen tmd als Spoilwerk herrlichsten Ritter von der traun* cren. Gest all. ist doch alles gelöst', alles Persönliche af darum gran. ail^s objektiver und wie gesagt, einfach lacho vi ich. einfach und lächerlich — wie alles, was ich Donquichotterie nenne. Weiss: du. wie recht du hast? So recht wie Sancho Pausa. Von unten her. vom Lakaien gesellen, vom Maulesel oder vom reinen Esel als Stand-.Sitz- oder Reitpunkt aus ist aller Donquijoli-nms einfach und lächerlich. Du vergissest aber, dass auch Sancho beim Cervantes eine komische Figur ist. und vielleicht die komische Erscheinung. Am Don Quijote mag alles verrannt, jedenfalls unzweckmässig, wenn du willst: wahnsinnig sein, aber nichts niedrig, alles ritterlich, alles edel. Am Sancho Pausa ist manches gutmütig, er ist ja dicklich, und alles gemein, wobei du ..gemein" sowohl im Sinne von niedrig wie von allgemein nehmen magst. Aber glaube nur ja nicht, dass das Wort Wahnsinn schon irgend einen Werl hätte. Es ist ein Jliifs- und. Schimpfwort für etwas, was uns un- Lrewnhnlicb und unbegreiflich erscheint, und nicht einmal das. denn es ist nur ein Füllwort 'mit wechselnden), relativem Begriff.. Wahr schelnlich hat man schon Noah. als er die Arche baute, für wahnsinnig erklärt, gewiss aber Abraham, als er die Götzenbilder zerschlug, und Jochanan ben Sakkai, als er das Judentum durch ein Lehrhaus retten wollte und sich aus Jerusalem im Sarge heraustragen liess. für wahnsinnig und verräterisch. Tatsächlich ist. nach Ibsens ..Brand", wahnsinnig, wer allein ist. Und wenn ein Wahnsinn einen Massencharakter ergreift, so hört er auf. ein Wahnsinn zu heissen. Als der Baalschem und seine ersten Jünger noch die einzigen Cbassidim waren, fand man ihr Tun und Denken wahnsinnig. Als Herzl seinen Judenstaat schrieb, fanden ihn seine Freunde verrückt. Als Mendale sein erstes Buch jiddisch erscheinen liess. zweifelte man an seinem Verstände. Du würdest es eine Donquijoterie genannt haben, andere eine Halluzination, jedenfalls, soweit man dergleichen harmlos findet, nennt, mans auch lächerlich. Und macht damit nur sich selber lächerlich. Unterscheiden wir doch, bitte, zwei Sorten von Halluzinationen. Die eine Sorte, von den religiösen, moralischen, philosophischen Ideen bis zu den technischen, bis zur Idee des Luftschiffs, Radio und Films, hat sich, sobald sie nur anfing, allgemein ..populär" zu werden, aus Halluzinationen in Realitäten verwandelt, -die andere Sorte, wie zum Beispiel der Donquijotismns, bleibt Halluzination. Gut. unterscheiden wir so. aber, was ist der Unterschied? Gar keiner. Denn unser ganzes Dasein mit all seinen Requisiten vom Wasserklosett bis zum elektrisch betriebenen Krematoriuni und vom ersten infantilen Komplex bis zur psychoanalytischen Heilung des letzten ist doch eine Kette von realisierten Halluzinationen, und wenn es. auch unrealisierte geben mag — sofern man die Gestaltung des Don Quijote oder des Donquijolismus durch Cervantes nicht eine Realisierung nennen will —. so gibts doch keine unrealisierbare Halluzination. Ich weiss nicht — . Ich auch nicht. ' Aber bleiben wir beim Don Quijote Was für eine Art von Wahnsinn oder Halluzinationen oder Lächerlichkeit oder Donquijoterie hatte der Ritter? Auf welche Verrücktheit ging er aus? Erinnere dich ah. das Kapitel nach seiner zweiten Heimkehr, wo ihm seine Nichte, dies nette, weltkluge und. ganz 'unlächerliche, nämlich praktische Hauskätzchen all seine Verirrung und Danquijoterie vorhält, um ihn davon zu heilen, so kurz und bündig wie nur möglich: „Und trotzdem", sagt sie ihm, ,.seid Ihr mit so völliger Blindheit geschlagen und hängt einem so zweifellosen Unsinn nach, dass Ihr Euch für einen streitbaren Mann haltet, während Ihr alt seid; für begabt mit Stärke, während Ihr gebrechlich seid; für einen Helden, der alles Ungerade wieder gerade macht, während Ihr vom Älter gekrümmt seid: und mehr als alles das für einen Ritter, während Ihr es doch nicht seid — denn «wiewohl die Junker es werden können, so sind doch die Armen nicht in dem Falle." Da hast du das vollständige Lexikon der Küchenweisheit. Die Hauptsache für die Nichte, den weiblichen und darum noch echteren Sancho Pansa, ist, dass ein armer Mann kein Ritter werden kann. Als ob man nur durch Geld oder durch adelige Herkunft ein Ritter werden könnte. Dabei stimmt's, das Rittertum, das dieses Hauskätzchen meint, kann man nur kauien oder erben. Aber daraus nmsst du ja folgern, dass Don. Quijote ein anderes Rittertum meint, nämlich eins, das man sich durch Kühnheit, Geradheit, Kraft und Rechtlichkeit, durch Wiedergutmachung, des Unrechts erwerben kann. Aber der Suppentopfverstand der jungen Dame kann nicht verstehen, dass sich ein alter Mann für streitbar halten, dass er tapfer, kühn sein kann, dass ein Gebrechlicher, ein Kranker stark sein kann, dass ein Held ist, wer das Ungerade gerade macht und dem Recht zum Recht verhilft, dass überhaupt das Verhelfen zum Recht möglich und nötig sein soll, und dass ihm ein von den Jahren Gekrümmter helfen kann. Allerdings wird es der gesunde Menschenverstand der Nichte, mit dem Alter und der Gebrechlichkeit Don Quijotes so ernst nicht gemeint haben, denn sie erwähnt im Lexikon der Verrücktheiten ihres Onkels, offenbar aus Eifersucht, nicht dessen Liebe zu-Dulcinea von Töboso. Und du am besten wirst begreifen, dass si* diese Verrücktheit, wenn sie davon selbst alles gewusst hätte, was ihr Onkel wusste, niemals einen Wahnsinn, eine Halluzination, eine Donquijoterie nennen würde. Erstens wird ein Wahnsinn schon zur Realität; wenn'man darauf neidisch und gar liebesneidiscfr, eifersüchtig ist. Zweitens aber wird jedes Bauernmädchen vom Nachbardorf tatsächlich zum Inbegriff alles Schönen und .Honen, wenn man sie so liebt, so ritterlich liebt. LTnd drittens ist die Realisierung von Halluzinationen oder die Halluzinierung von Realitäten durch schöntönende Nanlengebung in der Liebe höchst allgemein und populär, in diesem Falle ist jedermann ein Don Quijote und jede Benennung „Dulcinea von Toboso", wie Cervantes sagt, „ein Name, nach seinem Urteil musikalisch, fremdtönend und bedeutsam wie alle übrigen, die er zu seinem Gebrauche erfunden hatte". Und damit hast du auch den ganzen Don Quijote: die Halluzinierung von Worten und Taten, die andere nur in der Liebe auszeichnet, wie die Schönheit -jedes Tier zur Liebeszeit schmückt, die .beherrscht auch alle übrigen Namen, die der Ritter zu. seinem Gebrauche erfunden hat. und alle Taten, die er, zum groben Spass der Bartkratzer und Dorfpriestet und Bakkalaureusse. und Leser wie du, vollführt. Das ist ja alles schön und gut, aber du vergissest ja völlig das Historische. Der Don Quijote ist doch vor allem eine Parodie auf das Rittertum, auch wenn Cervantes seinem mit dem gröbsten «Humor verspotteten - Ritter absichtlich oder wie unabsichtlich die mit dem edelsten Humor verherrlichte Seele des Rittertums einhaucht. Und worauf denn kommt es dir an als auf dein „auch wenn"? Liest du die groben Helm- und Lanzenspässe? Eine Lanze hat dich wahrscheinlich nie genug interessiert, um sie auch nur im Schaufenster zu betrachten. Aber die Seele, das Rittertum, die Ha! iuzination! Die Don Quijoles sollen leben, du alter. donquijote? kor Liebhaber der ..Ren Ii täten"!

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