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Central-Verein-Zeitung · 1938-03-24 · 12 (24.3.1938) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
12 (24.3.1938)
Date
1938-03-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seife 6 C.-V.-Zeltung Nr. 12 » 24. Marz 1938 in Handföcfcsrn, Ycschentüehern, Karren - BsrüfäkJsidcE^g, Ts-skotegen usw. kayf? ständig eesen Kasse. Angebote unter K. 7ÖS3 an C - V. - Zeitung, Berlin W15. paratur- und Garagenkosten zu schlucken. Unser Albdruck ist der Moaatserste. Das Auto wird uns unweigerlich weggenommen, wenn wir die Rate nicht zusammenhaben, und das bisher schon abbezahlte Geld verfällt. Wir leiden unter der gegenwärtigen Wirtschaftskrise und es fällt uns doch schon schwer, in dem Lande, wo man auf die Frage: ,.How are von?" mit „Thanks, I am very well" unter allen Umständen antwortet ehrlich zu sagen, dass wir Sorgen haben. Wir sind angestellt in den grossen Bazaren und stehen manchmal zehn Stunden hinter dem Ladentisch. Wir verkaufen 'Glaswaren oder Wäsche, und wir müssen nicht immer lächeln, wenn uns die Füsse wehe tun, weil das „keep srnilling" noch nicht Gesetz in Südafrika ist. Wir verdienen 10 Pfund im Monat, und wir,halten zitternd den Atem an, wenn man von grossen Entlassungen in der Firma munkelt. Wenn wir krank sind, wrerden uns die ausgebliebenen Arbeitsstunden vom Gehalt abgezogen. Wir sind angestellt als Nurse bei Familien mit drei Kindern. Ein schwarzer Boy verrichtet die grobe Arbeit. Wir sitzen bei Tisch mit der Familie. Es wird vom Steigen und Fallen der Börsenpapiere, von Golf und von den Gästen bei der letzten Cocktailparty gesprochen. Wir verstehen nichts von Golf, wir kennen die Cocktailparty und ihre Gäste nicht Aber wenn wir fleissig zuhören, gelingt es uns immer besser, dem englischen Gespräch zu folgen. Wir fabrizieren zu Hause Schokolade und gehen in die grossen Bürohätiser, um sie zu verkaufen. Die Menschen sind manchmal liebenswürdig zu uns, und manchmal kaufen sie uns etwas ab. Wir bessern Wäsche aus und wir machen Hüte. Es fällt uns schwer von andern Ausgewanderten, die uns Arbeit geben, die üblichen Preise zu verlangen. Aber unsere Mieten sind hoch, Wrir verärgern unsere Freunde damit und sie kommen dann nicht wieder. Wir massieren und wir treiben Schönheitspflege. Wir haben einen einheimischen Partner mit etwas Geld gefunden, wir eröffnen einen Salon- Wir arbeiten, der Partner berechnet die Kosten eines Prospektes. Es gibt in jedem Haus fast einen Schönheiissalon und es gibt eine einzige Wirtschaftslage. Der Prospekt ist fertig, er ist nicht sehr nützlich, wir verzanken uns mit der Partnerin. Wir liquidieren unseren Betrieb. Wir finden einige Massageaufträge und fahren lange Strecken in der Strassenbahn. Wir haben alle unsere Empfehlungsschreiben mitgebracht Wir melden uns bei den Bekannten unserer Bekannten, die hier ansässig sind. Wir werden zur „Party" eingeladen und gefragt, wie uns das Land gefiele. Wir trinken Tee und stehen in unserem irisch gereinigten Anzug, der uns mit seinem Schnitt auch ohne Kommentar als Ausländer stempelt zwischen ein paar freundlich lächelnden Fremden, die uns versichern, dass wir schon fliessend englisch sprächen. Wir wissen, dass wir den falschen Akzent nie verlieren werden. Wir sind noch einmal eingeladen. Dann rufen wir dreimal an; nachher sind wir vergessen. Wir treffen unsere Gastgeber manchmal auf der Strasse und sie fragen: „How are you getting on?" — „Thanks, very well" — Wir gehen in die Vorstadtkinos und sehen uns die amerikanischen Filme für einen Schilling statt für drei, wie in den grossen Stadtkinos, an. Am Sonntagabend treffen wir uns im Kaffeehaus. Dort sprechen auch die Kellner deutsch. Dort reden wir über der andern Privatleben. Wir wissen, wer sich verlobt hat wer sich scheiden lässt. Wir haben schon unseren eigenen Klatsch. Wir heiraten sehr rasch. Das Leben ist dann billiger und das zu Hause nicht so öde. Wir lassen uns aber auch rasch scheiden. Wir sind nicht liebenswürdig und tolerant genug für die Ehe im Einzimmerfiat. Die Sorgen sprengen Wände und Ehe. Uns bricht nicht gleich das Herz, wie sind Trennung von Menschen gewöhnt. Wir warten manchmal mit der Scheidung, weil der Anwalt zu viel Geld kostet. Wir schützen uns vor der heissen Sonne nach dem ersten und zweiten Sonnenbrand, den wir uns wannseeselig geholt haben. Wir tragen dunkle Brillen und man kann es nicht gleich sehen, wenn wir traurige Augen haben. Einem Neuankömmling zeigen wir die Rikschaboys und die Wolkenkratzer, die wir sonst nicht mehr bemerken und wir essen dann auch die afrikanischen Früchte mit mehr Aufmerksamkeit. Wir sind nicht immer sehr gut. Wir gönnen es nicht leicht einem andern Ausgewanderten, wenn es ihm besser geht, als uns. Wir erzählen uns auch gerne gegenseitig, dass wir nur afrikanischen Verkehr hätten, weil wir dadurch an neiderfüllter Achtung gewännen. Wenn wir am Sonntagabend im Kaffeehaus sitzen, wirken wir vielleicht wie eine geschlossene Phanlanx. In Wirklichkeit aber stammen wir aus den verschiedensten beruflichen, sozialen, menschlichen und geistigen Erdteilen, und nur die Schwere und Bitterkeit, mit der uns das neue Leben empfängt ist uns gemeinsam. Aber'wenn einer von uns erkrankt findet er immer jemand, der nach ihm blicken kommt Wir lachen auch, ja ein amerikanisches Lustspiel kann uns vor Lachen erschöpfen. Wir sind nicht immer ehrlich zueinander, aber wir belügen uns selbst immer, wenn wir an unsere Vergangenheit denken. Sie wird immer bunter und kostbarer, je weiter wir uns von ihr entfernen. Wir lieben es, uns zu erinnern, zu erinnern, wir werden bewusst erinnerungskrank, um unser Selbstvertrauen gesunden zu lassen. Wir schreiben wöchentlich unseren Eltern, dass es uns gut gehe. Wenn wir ihre besorgten Fragen nach wilden Löwen und Schlangen auf der Strasse verneinen, dann lächeln wir und schreiben, dass diese, so wie überall auf der Welt, nur im Zoo von uns gesichtet worden wären. Wir schreiben, dass das wichtigste sei, dass wir alle gesund blieben, aber wenn der Brief im Postkasten ist, haben wir vergessen, unsere geraden Glieder zu schätzen. Wir warten auf die Luftpost, zweimal wöchentlich warten wir auf den Messias. Wir sind müde. Wir glauben manchmal, dass es nicht wahr sein könne, dass wir endglüitig im neuen Leben angekommen seien. Dass es nun mit der Müdigkeit und mit der Angst vor der Entlassung so bleiben werde. Dann aber erinnern wir uns, dass wir angekommen sind. Dass wir hier aufbauen sollen. Wir brauchen dazu Freude und Freunde, wir wollen sie finden; es ist sehr schwer. Wir vergessen auch danach zu suchen, wenn wir neue Arbeit suchen müssen. Wir lesen englische Zeitungen, manchmal sprechen wir aus dem Schlaf englisch. Aber wenn wir uns etwas vom Herzen seufzen, dann tun wir es noch immer in der Muttersprache. Wir waren uninteressante, gleichgültige, kleine Leute. Wir sind es geblieben, nur dass die Sorgen unsere Fehler verschärft haben, und dass die Grösse unseres Schicksals uns noch kleiner erscheinen lässt. Wir verdienen nicht die Aufmerksamkeit die man uns schenkt, nicht die Vorstellung, die man von uns hat. Wir können ihr nicht gerecht werden, nicht das erfüllen, wozu sie uns verpflichtet. Wir blicken in den herrlich schönen afrikanischen Himmel. Mächtige Wolken jagen wild zur Grenze. Sie liegt weit. Von jedem kleinen Hügel, den wir besteigen, dehnt sich das gesunde Land tief, ehe der Horizont, es berührt — immer grösser scheint der Kreis. Und wir brauchten doch nur so einen kleinen Flecken, um Wurzel zu schlagen. Gusfi Hecht. argentinischen Einwanderungspolitik Von unserem K. -J. -R. - Berichterstatter BUENOS AIRES, Anlang März. Die Beratungen über Auswanderungsfragen im Rahmen des Genfer Internationalen Arbeitsamtes, über die in der C.-V.- Zeitung eingehend berichtet wurde, haben in der argentinischen Presse lebhaften Widerhall ausgelöst. Die Zeitungen nehmen in längeren grundsätzlichen Ausführungen zu dem Problem der europäischen Einwanderung Stellung, und es* hat den Anschein, als würde diese Frage, die in der letzten Zeit zur Kühe gekommen war, einer neuen Prüfung unterzogen werden. „La Prensa", die grösste unabhängige Zeitung Argentiniens^ veröffentlicht an "hervorragender Stelle zwei Aufsätze, denen im Hinblick auf die Resonanz dieses Blattes in ganz Südamerika besondere Bedeutung zukommt. In dem einen ihrer Aufsätze kritisiert ..La Prensa" die widerspruchsvolle Einwanderungspolitik Argentiniens. Es wird darauf verwiesen, dass jede beschränkende Massnahme etwas Künstliches sei, den natürlichen Ablauf der Dinge und den Fortschritt hindere. Die regulierende Arbeit der Regierungen habe in der letzten Zeit unbefriedigende Ergebnisse gezeitigt. Paradoxerweise habe man in Argentinien mittelbar oder unmittelbar die Einwanderung neuer Menschen "beschränkt. Diese Politik laufe den Interessen des Landes zuwider. Nun habe der argentinische Delegierte auf der Genfer Wanderungskonferenz erklärt, die gesammelten Erfahrungen lehrten, dass man qualifizierte Einwanderer, in erster Linie Landwirte, brauche. Auch diese Einschränkung sei nicht recht erklärlich in einem Lande, in dem es alles gäbe, und das ein weites Feld nicht nur für Ackerbau und Viehzucht, sondern auch .für den Bergbau und viele andere Industrien biete.. Vielmehr müsse sich die Regierung für alle Arten von Berufen in gleicher Weise interessiert zeigen, da jede einseitige Handhabung Verwirrung stiften würde. Man dürfte die Türen des Landes weder schliessen, noch auch nur anlehnen, denn wo heute zwölf Millionen Menschen leben, könnten 50 Millionen ihr Auskommen finden; noch lange Jahre hindurch wird das Bevölkerungsproblem die eigentliche Kernfrage der argentinischen wirtschaftlichen Entwicklung darstellen. Die Bedingung, dass der Einwanderer sich einer bestimmten Berufsart widmen müsse, müsse deshalb fallen gelassen werden, da die Einwanderer selbst am besten ihre Möglichkeit an Hand der Wirklichkeit werden erkennen können. In ihrem zweiten Artikel bezeichnet es?,La Prensa" zunächst erneut als einen Irrtum, der schwerwiegende wirtschaftliche Folgen heraufbeschworen hat, dass man die Zuwanderung von Menschen aus Europa teils durch Aliswanderungshindernisse, teils durch Einwandenmgsschwierigkeiten beeinträchtigt habe. Die Genfer. Beratungen seien begrüssenswert, und man müsse ihnen praktische Ergebnisse wünschen. Die öffentliche Meinung Amerikas stelle gern fest, dass man in Europa für die Förderung der Auswanderung nach dem südlichen Teil des Kontinents wieder Interesse gewinne, könnten doch hier breite Massen von Ausländern jederzeit die Möglichkeit finden, sich, anzusiedeln und sich mit den Bewohnern des Landes zu verbinden. Eine (für den Grossteil einer jüdischen Einwanderung wohl kaum relevante Schwierigkeit. Red. d. C.-V.-Ztg.) Voraussetzung hierfür sei freilich, dass die europäischen Regierungen sich von der Vorstellung lösten, die Einwanderer und ihre Kinder auch weiterhin als ihre Untertanen zu betrachten; schon die ersteren verknüpften sich moralisch und wirtschaftlich eng mit ihrer neuen Umgebung, und die letzteren erwerben sowohl rechtlich wie auch gefühlsmässig die Nationalität ihres Geburtslandes. In einem etwas anderen Sinne äussert sich die Zeitung „El Mundo" zu den Genfer Beratungen. Sie meint, dass angesichts der Krise in den wichtigsten Agrarländern erst geprüft werden müsse, ob eine Ausdehnung fügt noch hinzu, dass es unter ihnen sehr reiche und wohltätige Leute gäbe, die jedem, der zu ihnen kommt und in Not ist, helfen. Jedem! Er berührt hier noch die Städte Lunel und Marseille, er kommt nach Genua, wohin die Fahrt zur See vier Tage dauert, und er findet da nur zwei jüdische Familien vor. Und er gibt in knappen Strichen ein auf schlussreiches Bild der politischen und sozialen Struktur dieser Stadt: sie ist von einer Umfassungsmauer eingeschlossen; sie steht nicht unier der Herrschaft eines Königs, sondern wird von Richtern regiert, welche die Bürger frei wählen. Jeder dieser Bürger hat einen Turm auf seinem Hause; bricht Krieg unter ihnen aus, so dienen ihnen die Zinnen der Türme als Schlachtfeld. Sie beherrschen das Meer, bauen sich Schiffe, Galeeren genannt und ziehen zum Raube aus in die entlegensten Ortschaften. So ähnlichst es mit Pisa, der nächsten Stadt, in die er kommt, und wo er zwanzig jüdische Familien vorfindet Und nun ist er in Rom. Diese für ihn, den Juden, mit gramvoller Geschichte ganz beiadene Stadt, fesselt sein empfängliches Gemüt. Etwa zweihundert jüdische Familien gibt es da. Sie sind angesehen und sie haben keine Sondersteuern an irgendwen zu zahlen. Die Palastbauten machen einen gewaltigen Eindruck auf ihn. Der Palast des Titus, schreibt er in sein Buch, befindet sich ausserhalb Roms, weil er, Titus, den Auftrag der Senatoren, Jerusalem in zwei Tagen zu nehmen, nicht ausgeführt hat. Er nahm es erst in drei Jahren ein, und darum verweigerten sie ihm die Aufnahme in der Stadt. Von einer Kirche, Santo Stefano, berichtet er, . es befänden sich eherne Säulen in ihr, die aus dem zerstörten Tempel stammen und die König Schelomo habe anfertigen lassen. Jede dieser Säulen trage den eingravierten Namen: Schelomo ben David, und die Juden Roms hätten ihm versichert, dass am 9. Aw jeden Jahres an den Säulen Schweis? bemerkbar sei, der wie Wasser berabfliesse . . Und dort sei auch die Höhle, in welcher Titus die heiligen Geräte des Tempels aufbewahrt habe. Und so zieht er weiter seine mühselige Strasse hinab, er durchquert Italien, in allen Städten spricht er mit den Häuptern der Gemeinden, er notiert die Anzahl der in ihnen vereinigten Juden und macht sich Vermerke über die Umstände ihres Lebens. Er durchwandert Griechenland, das byzantinische Reich, er kommt in die Hauptstadt Konstantinopel, in der 4er Kaiser Manuel mit zwölf Unterfürsten residiert. Der ungeheure, märchenhafte Reichtum blendet ihn und er wird, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, gesprächig. Von der Heiligen Sophienkirche, dem Sitz des Metropoliten, berichtet er, es gäbe in ihr soviele Altäre als es Tage im Jahre gibt. Neben dem kaiserlichen Palast, so erzählt er weiter, befindet sich eine Rennbahn, in welcher alijährlich am Geburtstage des Nazareners ein Schauspiel veranstalte! wird. Der Kaiser und die Kaiserin seien dabei, es gebe da Maskenspiele und Tierkämpfe zwischen Löw^en, Bären, Leoparden und Waldeseln; auch Kämpfe zwischen allerlei Vögeln. Und er bemerkt dazu, dass es Aehnliches in keinem Lande der Erde gäbe ... Er schreibt weiter: ..Der Kaiser hat sich einen Palast am Ufer des Meeres bauen lassen, dessen Säulen und Wände mit purem Gold und Silber belegt sind. Die Malerei stellt die früheren Kriege dar, wie auch die, die der Kaiser selbst geführt hat. St in Thron ist aus Gold und mit Edelsteinen besetzt und darüber hängt die juweienübersäte Krone, deren Schimmer das Licht in der Nacht entbehrlich macht . . . Des Kaisers viele Burgen sind angefüllt mit Gold., Purpur und Seide, und man behauptet, dass die Abgaben der Hauptstadt allein zwanzigtausend Goldstücke täglich betrage ... Die Griechen, die eigentlichen Bewohner des Landes, sind immens reich an Gold und Perlen; sie kleiden sich in Seide, eiugefasst und durchwirkt mit Gold, und sie reiten zu Ross, Fürstensöhnen gleich . . . Das Land ist sehr ausgedehnt, reich an Früchten. Aber auch Brot, Fleisch und Wein gibt es dort in Fülle, so dass kein zweites Land sieh eines ähnlichen Reichtums zu rühmen vermag. Die Bewohner sind in der griechischen Literatur bewandert, kurz, sie leben glücklich, jeder unter seinem Weinstocke und Feigenbaum . . ." Um mit dem Sultan, König der Thogarmim, Türken genannt, Krieg zu führen — so notiert Rabbi Benjamin weiterhin —, haben sie Truppen gemietet, welche den verschiedensten Nationalitäten, von ihnen Barbaren genannt, angehören, weil sie selbst keinen Mut zum Kampf haben und weshalb man sie den Frauen gleich achtet, die keinen Krieg auszuhaken vermögen . . . Dann berichtet er von den dort lebenden Juden. Sie wohnen nicht in der Stadt, sondern am jenseitigen Ufer, wohin die Griechen sie verwiesen hätten, so dass sie durch den Arm des Russischen Meres von ihnen getrennt seien. Wenn sie Geschäfte haben, müssen sie sich über das Wasser zu ihnen übersetzen lassen. — Die Gemeinde zählt zweitausend Familien, darunter achthundert Karaiten. welche durch eine Mauer von den Rabbaniten geschieden sind. Es gibt unier den Juden Seidenfabrikanten, viele Kaufleute und viele Reiche. Aber es ist keinem Juden gestattet, ein Pferd zu reiten, ausseT Rabbi Schelomo ha' Mizri, der aus Aegypten stammt und der der Arzt des Kaisers ist. Durch ihn, sagt Rabbi Benjamin, finden die Juden einige Erleichterung. Denn schwer ist der Druck, der auf ihnen lastet, und gross die Feindseligkeit gegen sie. Und nun nennt er den erschütternden Grund dafür: weil die Gerber das schmutzige Wasser vor die Türe giessen und so das ganze Viertel verunreinigen — deshalb hassen die Griechen alle Juden, ohne Unterschied ob gut oder böse, legen ihnen ein schweres Joch auf, misshandeln sie auf offener Strasse und treiben sie zu schweren Arbeiten an. Trotzdem, so fügt er hinzu, sind die Juden begütert, sie sind wohl- und mildtätig, sie halten die Gottesgebote und ertragen mit Geduld den Druck. Der Stadtteil, welchen sie bewohnen, heisst Pera. Auf weiten Wegen hat Rabbi Benjamin Palästina erreicht. Er kommt nach Kaifa, d. i. Gat Hache fer, das heutige Haifa, zwischen dem Meeresufer und dem Berge Karmel; am Fusse des Berges findet er jüdische Gräber; dort wo die Höhle des Propheten Eüjabu ist, haben zwei Christen eine Kirche bauen lassen, die sie St Elias nennen. In Cäsarea beschäftigt er sich mit den Chutäern. einer jüdischen Sekte, Schomronim oder Samaritaner genannt und was er hier berichtet, ist archäologisch und historisch ungeheuer interessant und aufschlussreich. Von Jerusalem sagt er, es sei eine kleine aber feste Stadt, von dreifachem Mauerwerk eiagefasst und von einer dichten Völkermasse, als: Jakobiten, Armeniern, Griechen, Georgianern und Franken bewohnt. Es gibt dort eine Färberei, welch« die Juden vom Könige alljährlich pachten, womit zugleich jede Konkurrenz von ihnen ferngehalten sei. Aber es wohnten in der Stadt nur vier jüdische Familien, und zwar an ihrem Ende — unter dem „Turm David". Er gibt eine sehr eingehende Schilderung der Stadt wie überhaupt des ganzen Landes — aus allem blickt ihn die szresse Vergangenheit seines Volkes an. Tn Schilo findet er in einer Kirche das Grab Samuels und t Tbelin, d.?. das alte Jahne, erkennt er noch die Stelle des Lebrnauses das Jochanan ben Snkkai zur Zeit der Belagerung Jerusalems eröffnet hatte. So wandert er weiter, verzeichnet überall bis ms kleinste alles Wissenswerte über das Lehen der Juden und sammelt so, auf diese V/eise, ein unschätzbares Material. Er berührt Damaskus, und das ist eine phantastische Stadt, in der es dreitausend jüdische Familien gibt Von da erreicht er in einer Tagereise Gelaad. d. i. das biblische Gilead, und er ist da umwittert von jüdischer Geschichte. Er überschreitet die Grenze Mesopotamiens; in Racea, dem biblischen Khalne, findet er eine Gemeinde von siebenhundert in Nisibin von tausend jüdischen Familien vor. In Gözirat-ul- Amar, einer Stadt mitten im Tigris, am Fusse des Berges Arrarat. leben viertausend jüdische Familien. In Mossut in der heiligen Schrift das grosse Aßcbur genannt — siebentausend jüdische Familien. Daneben, durch eine Brücke mit Mossui verbunden, liegt das alte zerfallene Niniveh.

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