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Central-Verein-Zeitung · 1938-03-24 · 12 (24.3.1938) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
12 (24.3.1938)
Date
1938-03-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seife 4 C-V.-Zelfung Nr.12*24.Marz1938 mögen, für den Weg, der vor ihnen liegt, durch die Schule ausgerüstet sind, und dass sie daher auch unseren Jüngsten zum Vorbild dienen können, die jetzt als Mirjams und Michaels die untersten Klassen zu bevölkern beginnen. Sie alle lernen für die Schule und für das Leben. Dr. Werner Rosenstock. 3: Am 6. März versammelte sich die Schulgemeinde .der Unterrichtsanstalten der Israelitischen Synagogengemeinde Adass Jisroel, Berlin, zu der Entlassungsfeier der 18 Reifeprüflinge. Dr. Marcus Birnbaum vom Vorstand der Gemeinde und Rabbiner Dr. Ed. Biberfeld, der Vorsitzende der Schulverwaltung, ermahnten zur Treue an die Schule, die Gemeinde und die von ihr vertretenen jüdischen Lehren. Der Schulleiter, Direktor Dr. Nachmann Schlesinger, erläuterte den Sinn der jüdischen Bildungsidee für die heutige Zeit. Die Feier war von Darbietungen des Schülerchors imd des Schulorchesters umrahmt, deren Leiter der Musiklehrer der Anstalt, Hans Freyhan, ist * Ein Wegweiser durch die Berufe. Das unter dieser ITeberschrift in der vorigen Nummer der C.-V.- Zeitung besprochene, vor kurzem erschienene Buch „Vor der Berufswahl" ist bei der Zentraiwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Abt. Jüdischer Buchverlag, Berlin-CharIottenburg2, Kantstrasse 15S, erhältlieh. Der Bezugspreis beträgt gjj!} Malersrlseifea / Eduard Glaser Berlin NO 55, Greifswalder Strasse 88. 53 50 59. 0,50 E^r, bei Abnahme von mehr als 30 Exemplaren 0,45 RM, bei Abnahme von mehr als 50 Exemplaren 0,40 EM (zuzüglich Porto). Die Jüdische Jugendhilfe E. V., Berlin-Cliarlottenbarg 2. Kantsir. 158, teilt mit: Wir erteilen Auskunft über Berufsausbildungsstätten in Deutschland und Palästina (Mittleren-Hachscharah und Jugend-Alijahl in unseren Sprechstunden Dienstag und Donnerstag, WA bis 17% Uhr. Schülerausstellungen Mode, Reklame, Schaufensterdekoration sind die drei Lehrgebiete, die in der Privatschule für Mode und Reklamekunst von Georg Hausdorf, Berlin, nach vielen Seiten für die Lernenden ausgebaut und für die Auswandernden den jeweiligen Notwendigkeiten angepasst werden. Das Arbeilen der werdenden Dekorateure an Versuchsfenstern, die alle Branchen einschliessen und auch dem Steckkleid besondere Aufmerksamkeit schenken, wird durch handwerkliches Können unterbaut. Selbstanfertigung von Aufbauten und Blickfängen lehrt nicht nur, mit dem Gegebenen auszukommen, sondern sich auch das ,N'icht''-Gegebene zu schaffen. Dieses Prinzip, für den Dekorateur unerlässlich, wirkt sich auch befruchtend auf die anderen Arbeiten aus, wenn sich die Maler ihre Farben selbst herstellen müssen, wenn sie bei den Plakaten, bei denen für die Kinoreklame auch das Grossformat gepflegt wird, vor der künstlerischen die technische Aufgabe zu lösen haben. Unter den Plakaten und Schriftproben zeigte sich manche eindrucksvolle Leistung, die, ob sie von einem Umschichtler oder "einem Sechzehnjährigen stammte, von einer individuell abgestimmten Methode Zeugnis ablegt. Mehr noch als im Vorjahre steht bei der Leistungsschau der Lehrgänge von Jakob Knoller in Berlin die schnelle Umsetzung theoretischer Unterweisung in die Praxis im Vordergrund. Das ist um so wertvoller, als sich der Schülerkreis neben Schulentlassenen und Umschichtlern aus Auswandernden zusammensetzt, die oft in kürzester Zeit für eine berufliche Arbeit gewappnet sein wollen. Nicht in Form von Kursen, sondern von Lehrgängen ist eine brauchbare Methode entstanden, um dem „einzelnen Fall" gerecht zu werden, der durch einen auf ihn abgestimmten Lehrplan auf den Gebieten der Mode oder der Werbung zu schnellen und erfreulichen Leistungen geführt wird. Vom Entwurf einer Modeskizze bis zu seiner praktischen Ausführung, unter Berücksichtigung des Bedarfs in südlicheren Zonen, erhält der Lernende in aufbauender oder ergänzender Unterweisung einen gediegenen Unterbau. Ebenso zeigen wirksame Plakate und Schriftproben, wie jede Anlage liebevoll gepflegt und einem erreichbaren Ziel zugeführt wird. Immer ist es dankbar, die Resultate von Arbeiten zu sehen, die aus dem Leben mit Kindern erwachsen, und die schon damit von einer warmen und lebensbejahenden Atmosphäre befruchtet werden. Ja, man muss sich, wie es bei der Besichtigung von Schülerarbeiten der Umschulungslehrgänge von Nelly Wolffheim, Berlin, der Fall war, erst besinnen, dass die gleichen jungen Mädchen, die ein jüdisches Fest vorbereiten, ein Zimmer reizvoll ausschmücken, einen Kindertisch lustig decken oder mit Kindern Geschenke für Eltern und Freunde ersinnen, auch scheuern, waschen und kochen lernen, dass sie sofort in die pädagogische Praxis des Haushalts oder Betriebs gestellt werden, um die dort auftauchenden Probleme in theoretischer Unterweisung zu klären. Es gehört, dem Laien oft rätselvoll, zu dem ABC der werdenden Erzieherin, dass alles „selbstgemacht" ist, nicht nur das aparte Kinderkleid, nicht nur Holz- und Papparbeiten aller Art, auch jedes Spielzeug, jedes Buch. Oft genug wird es aus dem Nichts hervorgezaubert, aus Draht und Papier, aus Knöpfen und Paketknebeln! Auch das zum Examen gesteilte Werkstattthema, Herstellung eines jüdischen Gesellschaftsspiels, liess das jüdische Element in den Vordergrund treten und. zeigte ausserdem die fruchtbare Durchdringung von Handfertigkeit und Phantasie, das sich als besonders wertvoll und richtunggebend erwies. M. S. Die Paula Ollendorff-Haushaltungsschule in Breslau veranstaltete zum Abschluss des Schuljahres eine Ausstellung von Schülerinnen-Arbeiten, die zum ersten Male auch einen Ueberblick über die Tätigkeit der seit einem Jahre bestehenden als Aufbauklasse geltenden Sehneiderklasse und der Schneiderkurse für Damen gab. An. diesen Arbeiten und an den Arbeiten der eigentlicben Haushaltungsschülerinnen sah man den guten Leistungsdurchschnitt des Jahres, der auch in der haus wirtschaftlichen Betriebslehre und in vielen Bastelarbeiten zum Ausdruck kam. Hier gefielen besonders die aus wertlosem. Material gefertigten Werkarbeiten (Spielzeug und Wirtschaftsgegenstände). Die Leistungen im Kochen und Backen wurden unter dem Motto „Das jüdische Jahr" gezeigt: Sabbat- und Festtagstische waren geschmackvoll hergerichtet. Im ganzen zeigte die Ausstellung einen erfreulichen Fortschritt der Leistungen, Die Schulleiterin, Hilde Weinmann, eröffnete die Ausstellung mit Begrüssungsworten und berichtete über die Arbeit des abgelaufenen Schuljahres. Schw. Aus den Gemeinden Das Landschulheim Florenz mit Berufsschulen (höhere Schule und Internat; mit Vorbereitung auf die englischen und italienischen Absehlussexarnen) führt ab Ostern neu durch: einen Kursus im Kunsthandwerk (mit Spezialausbildung in Photographie), einen Lehrgang für medizinisch-technische Assistenten und Assistentinnen) und einen Lehrgang im Kindergärtnerinnen - Seminar Florenz. Berlin Im Synagogenverband Gruppe Kottbusser Ufer sprach der stellvertretende Vorsitzende und Leiter des Jüdischen Wohlfahrts- und Jugendamts Berlin, Dr. Fritz L a m m, über „Wohlfahrts- und Jugendarbeit unserer Gemeinde". Die Ausführungen wurden mit grossem Interesse aufgenommen. J. W. Die Feier der Chewra Kadischa Gross-Berlin zum Gedenken an unseren grossen Lehrer Moses gestaltete sich auch in diesem Jahre zu einer überaus stimmungsvollen Kundgebung für den religiösen Gedanken, den die Chewra Kadischa durch ihre Liebestätigkeit an Kranken, Sterbenden und Toten verkörpert. Auf dem Friedhof Weissensee schilderte- Rabbiner Dr. Link die Grösse Moses'. Bei der darauffolgenden Seelengedächtnisfeier in der Alten Synagoge widmete Dr. Link dem verewigten Rabbiner Dr. Freimann warme Worte des Gedenkens. Mit dem Kaddischgebet schloss die eindrucksvolle Feier. Düsseldorf Der Verein selbständiger jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender e. V. Düsseldorf (Vorsitzender: Leo Winter) feierte sein 2öjähriges Bestehen. An der Feier nahmen zahlreiche Delegierte aus den Vereinen des Reiches teil. Eine gesellige Abendveranstaltung beschloss den Ehrentag des Vereins. J. C- Hamburg Der Zentralausschuss für Hilfe uud Auf bau bei der Reichsvertretung und der Jüdische Reiigionsverband Hamburg hatten zu einem Gemeindeabend geladen. Rechtsanwalt Dr. Kurt A 1 e x a n d e r"(Krefeld). Mitglied des Präsidiaiausschusses der Reichsvertretung, gab Rechenschaft von der umfangreichen Arbeit der Reichsvertretung. Dr. Ernst Loewenberg schickte einen Bericht über die Arbeit der jüdischen Beratungsstelle für Hilfe und Aufbau in Hamburg voraus. Den Vorträgen folgte die Vorführung des Films der Reichsvertretung „Schaffender Wille, Juden werden Bauern und Handwerker". Rektor i. R. Joseph Feiner, der weit über Hamburg hinaus bekannte Pädagoge, der Jahre hindurch dem Repräsentantenkollegium angehörte, ist plötzlich gestorben. Zu seinen besonderen Verdiensten gehören die Organisation der jüdischen Lehrerschaft in Hamburg und die Tätigkeit im Vorstand des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reich. Seine jüdisch-wissenschaftlichen Arbeiten, besonders über Gabriel Riesser und Ludwig Pkilippson haben ihm einen Namen gemacht. S. E. Am 3. März fanden die Abschlussprüfungen an der Talmud Tora Oberschule statt. Das Äbschlusszeugnis, das dem früheren Reifezeugnis für die Obersekunda entspricht, wurde allen 51 Schülern der beiden Obertertien und allen 38 Schülern der Untersekunda zuerkannt. Die Abiturientenprüfung bestanden sämtliche 13 Schüler und Schülerinnen der beiden Primen mit gutem Erfolg. Hessen Die jüdische Bevölkerung im Lande Hessen zählte am 31. Dezember 1937 9534 Köpfe; am 16. Juni 1933, dem Tage der letzten reic'hsdeuischen Volkszählung, waren es noch 17 8SS. Von ihnen entfielen auf die Provinz Oberhessen 2081 (5055), auf Rheinhessen 3688 (5S30) und auf Starkenburg 3765 (7003). Es' ist also ein Rückgang im gesamten Lande Hessen von etwa 47 Prozent zu verzeichnen. Mannheim Am 4. März erfolgte, in der Hauptsynagoge die feierliche Einführung des neuen, von Stettin hierher verpflichteten Rabbiners Karl Richter. Synagogenratsvorsitzender Stiefel begrüsste ihn namens der Gemeinde und betonte, dass er hier eine grosse Tradition fortsetze. Rabbiner Richter wies in seinen Dankesworten darauf hin, dass er sich bewusst sei, welch ausgezeichnetes Vorbild er in seinem Vorgänger ertafrastlrepi Cs^nd? Berlin.WBktorstr.2p.Gegr.l893 lSS§2ÜäSaSi5"3 SähuMS Tel 971084. An-u.Verkauf und dessen Arbeit habe. Den Abschluss der Feier bildete die ergreifende Abschiedspredigt von Rabbiner Dr. Max G r ü n e w a 1 d. So. Reichenbach Am 17. März fand ein Gemeindeabend statt, zu dem auch Mitglieder der Nachbargemeinde S c h w e i d n i t z erschienen waren. Dr. B. Schön feld (Berlin) sprach über ..Die Messiasidee im Judentum". Max M a n s f e 1 d (Berlin) brachte religiöse Gesänge zu Gehör. Am Harmonium begleitete ihn Herr Segall (Berlin). Wc rms Anfang März wurde der neue Rabbiner• der Gemeinde. Dr. Frank. Wiesbaden, feierlich in sein Amt eingeführt. Der 1. Vorsitzende der Gemeinde. Bernhard Spi es. begrüsste den' neuen Rabbiner und wips auf die schweren Aufgaben und die grosse Verantwortung des Rabbiners in dieser'Z^U hin. Dr. Frank' kennzeichnete in seiner Einliforuagsoredicl die Arbeit in dieser Zeit. Das Jüdische V»r<ili'?ahrts- und Jugendamt Berlin bittet diejenigen G-emeindr-mitsliecter, die zu den Sedenibendon Gäste aus dem Kreis der Betreuten des Wohifahrtsnmtcs einzuladen bearsi '.btisr^n. ihre AnsrEirift mögrlirh«t umsehend der Zentralste"e des Jüriis;\hen Wohlfahrtsamts, C 2, Roscnstrasse 2-4. mitzuteilen. iann und wo finden Sie &®t? ITfsspu-Xassau und Memsen fraxiltfurt a. I Wiesbade« Darm Stadt utfaiuz C-iessen Kassel ^lasulieim Mosbach. . 2,040?.). .Moni*:;, Milfsvcvh, tf.?, 11—13 Uhr. B.-.hnhorst Von Albinistr. 12. H (Tel. .31657),-. Montac, Dieaslajr, Donucrsis?, FrciTasr, 16-18 Uhr. ' 29. Mürz, 10-12 Übt, Gemeindehaus, Lonysir. 4. 29. März. 3«;—17 Uhr, Gemein.lobihliothok, Gr. Roseuli—12 Uhr oder nach riat des ^a-V.1,1'Herreri-! Jod,n Mittwoch TiHd Froit.r 10-12 Uhr, E 7 28, Zimmer; Arn 30. Marz;. ]'» üeiücinJoziüiiuer.' mich, erfüllte mich mit Mitleid und auch ein wenig mit Stolz, andererseits verwirrte er mich und brachte mich aus dem gewohnten Gleis meines Lebens, das eingeteilt und ausgefüllt war. Ich hielt das Ganze für eine Schwärmerei, hervorgerufen durch den Eindruck, den mein Spiel auf sie gemacht hatte. Ich kannte Frauen aller Länder der Erde, blonde und schwarze, stolze und demütige, doch an die sagenhafte grosse Liebe, die es nur einmal im Leben geben soll, glaubte ich nicht recht — ich war ihr nie begegnet. Ich überlegte lange und kam zu dem Entsehluss, nicht zu antworten. Ich war überzeugt, dass sie mit der Zeit innerlich zu ihrem Gatten zurückfinden würde und wollte durch eine Antwort nicht neue Konflikte heraufbeschwören. Mit diesen Gedanken wandte ich mich meiner Arbeit zu und bald hatten die wechselnden Eindrücke, die mein Beruf täglich niit sich bringt, ihre Worte aus meinem Innern verdrängt. Nur ab und zu, besonders wenn ich das kleine Lied .Erinnerung' spielte, überkam mich wie eine Mahnung ein Gefühl, als hätte ich etwas gutzumachen, doch auch dies verlor sich bald. Inzwischen waren sechs Jahre vergangen, sechs Jahre voller Arbeit, Erfolg und Befriedigung. Ich war wieder einmal im Begriff, meine Koffer zu packen, um am nächsten Morgen auf Konzertreisen zu gehen, als sich plötzlich wie eine Wolke aus heiterem Himmel eine Schwermut um mein Herz legte, dass ich meinte, unter ihr zu ersticken. Ein Angstgefühl überkam mich lähmend, ich hatte die Empfindung, als müsse ich forteilen, um irgendein Unglück abzuwenden, ohne zu wissen, worin dieses Unglück bestand. Ich legte mich hin und versuchte, mich zu beruhigen. Es gelang mir nicht. Erst gegen Morgen fiel ich in einen kurzen, von wirren Träumen erfüllten Schlaf. Als ich am nächsten Morgen erwachte, fühlte ich mich wie nach einer schwer durchfechten Nacht. Ich wurde mit nichts fertig und stellte, als ich mit dem Wagen am Bahnhof ankam, fest, dass mein Zug vor einer Minute die Halle verlassen hatte. Ich erfuhr, dass der nächste D-Zuir erst vier Stunden später ging, dass ich jedoch für dieselbe Strecke einen Personenzug sofort benutzen könne. Ich schwankte, ob ich nochmals umkehren oder den Personenzug nehmen solle. Unschlüssig stand ich auf dem Bahnsteig, als der Zugführer das Zeichen zur Abfahrt gab. Im letzten Augenblick sprang ich mit meinem Koffer in den Personenzug. Kaum hatte ich meinen Platz eingenommen, als mich wieder diese Angst überkam. Ich versuchte mir klarzumachen, dass ich überarbeitet und mit meinen Nerven herunter sei und nahm mir fest vor, im nächsten Monat keine Tournee anzunehmen, sondern eine längere Erholungsreise zu machen. Mit diesen Gedanken schlief ich ein. Ich erwachte durch einen Ruck des anhaltenden Zuges, dachte mit Schrecken, dass ich während des Schlafes bestimmt zu weit gefahren sei und überhaupt hier unbedingt aussteigen müsse. Ohne mir über mein Tun weiter Rechenschaft abzulegen, nahm ich meinen Koffer und stieg aus. Der Zug fuhr ab. Ich stand in der Dämmerung des Nachmittags auf dem Bahnhof einer mir völlig fremden Stadt, deren Name mir jedoch im Unterbewußtsein irgendwoher bekannt vorkam. Aergerlich über mein unüberlegtes Handeln und meinen verwirrten Zustand beschloss ich, einen Gasthof aufzusuchen, .mich ein wenig zu erfrischen und mit dem nächsten D-Zug weiterzufahren. Ich gab meinen Koffer im Gasthof ab und wollte durch einen Spaziergang in der frischen Luft meinen Kopfschmerz vertreiben. Als ich vor die Tür trat, sah ich einen Leichenzug die Strasse heraufkommen. Dem Sarg folgten nur wenige Menschen. Beim Anblick dieses Zuges krampfte sich mein Herz wieder in jener furchtbaren Traurigkeit zusammen, die mich seit dem Vortage nicht losliess. Wie von einer inneren, unabwendbaren Macht getrieben, schloss ich mich dem Zuge an, betrat den Friedhof und folgte dem Sarge bis zum Grab. Als man ihn in die Erde senkte, fühlte ich einen unsäglichen Schmerz und wünschte, zu sterben. Als ich mich endlich von dem Grabe losriss und dem Ausgang des Friedhofes zuging, sah ich einen Herrn, den ich vorher im Trauergefolge bemerkt hatte und wandte mich an ihn mit der stockend vorgetragenen Bitte um Auskunft, wen man hier zur letzten Ruhe gebettet habe. Er sah mich an und sagte: „Sie sind ein Fremder, doch ich sehe, Sie nehmen Anteil an dem Schicksal dieser Toten. Eine Verwandte von mir, mein Herr. Es ist ein trauriger Fall. Sie war eine junge Frau, reich und schön — nur die Ehe war nicht gut Sie liebte die Musik über alles und fuhr als Ausgleich für ihren Alltag oft nach London zu den Konzerten, bis ihr Mann es ihr verbot, weil er fand, dass sie dadurch noch nervöser wurde. Er war kein schlechter Mensch, nur zu nüchtern, und konnte dem Schwung ihrer immer schönheits- und liebesuchenden Seele nicht folgen. Nun spielte sie nur noch zu Haus, meist ein kleines wehmütiges Lied. Und oft weinte sie. Vorgestern nun kam es zu einem heftigen Streit zwischen ihr und ihrem Mann, und in ihrer Aufregung zerriss er das kleine Notenblatt, aus dem sie so oft spielte. — Gestern früh, fand mau sie. Sie war freiwillig aus einem Leben gegangen, das ihr zu schwer erschien, um es weiter tragen zu wollen. Es ist sehr traurig, mein Herr." Er ging. — Jetzt erst fiel mir ein, dass der Name der Stadt, den ich am Bahnhof gelesen, derjenige war, den sie mir als ihren Wohnsitz angegeben hatte. Mir schwankte der Boden unter den Füssn, unter Aufbietung meiner letzten Willenskraft ging ich zum Gasthof, nahm meinen Koffer und fuhr nach Haus zurück. Auf meinem Schreibtisch lag ein Brief mit. ihrer Handschrift. Ein Grauen überfiel mich, die Buchstaben tanzten vor meinen Augen — mühsam las ich: ,,Lieber — es ist so merkwürdig, zu denken, dass Sie diese Worte lesen werden, wenn ich nicht mehr am Leben bin. Ich sehe Ihre Hände, Ihre Augen, wenn Sie diesen Brief lesen, und in diesem Moment werden wir viel näher sein, als wir es je im Leben waren. Es ist so sonderbar, zu denken, dass dies die letzten Worte sind, die ich in diesem Leben schreibe und denke. Sid gelten Ihnen — wie all meine Gedanken, mein Leben Ihnen gehört hat, seil ich Sie zum erstenmal sah. Es ist mir. als ob ich nur auf die Welt gekommen sei, um auf den Augenblick zu warten, Ihnen zu begegnen und dann war es wieder ein Warten auf Sie. Jeden Tag rief mein Herz Sie, das Denken an Sie war der einzige Sonnenstrahl, an dem ich mich ein wenig erwärmen konnte. Mein Herz rief Sie — seine Stimme hat ihr Herz nicht erreichen können, sie war zu schwach. Ich konnte nichts anderes tun. als Sie, lieben, und es scheint mir nun. da ich keine Hoffnung mehr habe. Sie noch einmal zu sehen, wertlos, dieses Loben weilerzutragen. Um mich ist alles ohne Liebe und ohne Lkbe kann ich nicht leben, ich habe Sie jeden Tag gerufen und auch jetzt noch, um Abschied zii nehmen von einer Welt, die schön war weil Sie in ihr lebten, die voller Musik war, weil Sie in ihr spielten. Es wäre schön gewesen, noch einmal Ihre Hände auf meiner Stirn zu fühlen und Ihre Stimme zu hören, wenn nun alles still wird. So sage ich Ihnen jetzt Lebewohl. Ich danke Ihnen für jede Stunde, die ich an Sie denken durfte. Ich rufe Sie noch einmal, drücke ihre Hand und nehme ein Streicheln mit in die andere Welt, in die ich jetzt gehe. Ich danke Ihnen--• —" Hier war der Brief zu Ende und mit ihm mein Leben. Ich habe keine Ruhe mehr zur Arbeit — immer wenn ich spiele, sehe ich vor mir ihre traurigen Augen und das leise wehe Lächeln um ihren Mund. Ich komme nichi mehr los von dem Gedanken, dass kb. ihr Leben' mit Licht und Liehe hätte aiufüüer. können und es nicht getan habe. - Ja, es' gibt ein Rufen "von Mensch zu Mensch über Entfernungen hinaus und man soll sein Herz dem nicht verschliessen. Ich habe ihre Stimme nicht gehört und dies hat mein Leben wertlos gemacht. Erst im Tode hatte sie die Kraft, mich zu sich zu rufen." Ritten schwieg. Eine Weile sah er vor sich hin, dann erhob er sich, drückte uns die Hand und ging. — Wir sahen ihn nie wieder. Im Tode hatte ihre innere Stimme die Kraft ihn zu sich zu rufen.

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