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Central-Verein-Zeitung · 1938-03-17 · 11 (17.3.1938) · page 12

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
11 (17.3.1938)
Date
1938-03-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 C.-V.-Zeitung Nr. 11 * 17. Marz 1938 *3Warum lügst Du* Gherie?. Kleinkunst im Berliner Kulturbund 99 künstlerische Die Kleinkunstbühne des Jüdischen Kulturbundes Berlin gibt diesmal keine Revue, sondern das musikalische Lustspiel „Warum lügst Du, Cherie . . .?". von Hans Lengefelder und Siegfried Tisch, Musik von Leonhard K.'. ker, das soeben Wien einen Serienerfolg gehabt hat. Zu Beginn meldet srch, nun schon traditionsgemäss, Max Ehrlich, Leiter und Regisseur, am Lautsprecher. Er definiert, musikalisches. Lustspiel: musikalisch, ■weil Musik darin vorkommt, musikalisches Lustspiel, das heisst: man braucht nicht singen zu können. Und es ist gut, dass er das vorher sagt; denn es ist damit gleich der Gesichts- oder Hörpunkt gegeben, von dem aus wir diese Aufführung zu würdigen haben. Singen können an diesem Abend die wenigsten; am besten, und da muss man wirklich schon von Kunstgesang sprechen, das Polizistenquartett Alired Pelz, Wilhelm Meyers ohn, Erich Sachs und S. Lanzmann, das sich denn auch jedesmal einen Extraerfolg holt und mit einem da capo dankt. Die Musik, so vertraut und wenig neu sie uns auch manchmal vorkommen mag, ist also gewissermassen nur Hintergrund und wirksames Mittel, die Stimmung zu heben. Die Hauptsache bleibt Regie und Spiel. Den Inhalt des Stückes verraten wir nicht. Denn 'das hübscheste an ihm ist die Spannung, die uns von dem ersten Augenblick, da in ein Junggeseüenheim anonym ein Korb mit Damensachen gesandt wird, bis zum Sehluss betShi f/ \ r^iv gleitet, wo wir endi^L^r iy^/N üch in letzter Minute, kurz vor Mitternacht, erfahren, weshalb, wieso und warum. Inzwischen haben wir uns an Steffi Rosenbaums Spiel und Tanz erfreut, die von einem grünen Baum mit einem Sprung in der von Heinz Gondel! geschmackvoll ausgestalteten Halle des Junggesell enheims landet und damit von der Jugendbühne auf die Kleinkunstbühne gesprungen ist. Die Rolle gibt ihr die Gelegenheit, ernst und heiter, frech und sentimental, verspielt und ernsthaft verliebt zu sein, und sie vermag uns alle Stimmungen glaubhaft zu machen. Der Erfolg, der ihr durch häufigen Beifall quittiert wurde, wird ihre Sicherheit auf der Bühne zweifellos noch stärken. Hans Karl R o s e n b e r g als berühmter Dramatiker bewegt sich in diesem Lustspiel gehemmter, als wir es auf der ernsten Bühne von ihm gewöhnt sind. Obschoa. er mit seiner Liebenswürdigkeit die Frauen auf der Bühne und das Publikum gewinnt, möchten wir ihm doch etwas mehr Tempo anempfehlen. Er sollte sich mitreissen lassen von seinem Partner, dem verkommenen Genie Achille Pompon, das Max Ehrlich, mit der üblichen Routine und mit einer Fülle von Einfällen charmant und liebenswürdig ausstattet, so dass es selbst seinen Mitspielern schwer sein muss, die Würde zu wahren. Diese ist besonders dem Kammerdiener Alfred Berliner anvertraut, der mit diesem. Horatio Cromwell ein Gegenstück zu seinem Jean kreiert, das von der ersten bis zur letzten Sekunde darstellerisch fesselt. In seiner Vornehmheit steht er turmhoch über dem ganz gewöhnlichen Diener Baptiste, dessen Einfalt Berthoid Segall sehr gut gelingt. Irma I n f e 1 d schliesslich gibt einen hysterischen Bühnensiar, von dein wir hur hoffen können, dass er sein Leben nur als Bühnenrequisit führt. An zwei Flügeln spielen Werner Baer und Dr. Richard Hirsch, das Schlagzeug bedient Alfred Neustadt Diese kleine Kapelle verdient, besonders gerühmt zu werden; denn sie spielt schwungvoll und mitreissend. Max Ehrlich muss noch einmal erwähnt werden als der Regisseur des Ganzen, dem es mit diesem Abend wieder gelungen ist, dem Publikum etwas zu servieren, das es einige Stunden vom Alltag entfernt. Und dafür dankte es ihm und den Mitwirkenden an erster Stelle. Zeichnungen von Igna Beth & Konzerte und Vorträge Zwei unserer Besten, Paula Salomon- Lindberg und Wilhelm Guttmann, stellten sich — in einer Sonderveranstaltung des Berliner Kulturbunds — in den Dienst eines 9!>Griixie Felder" im Theater der Jüdischen Schulen Das Stück des ostjüdischen Dramatikers Perez H i r s c h b e i n (in der Uebertragung von Leo Hirsch) ist uns bereits vor etwa zwei Jahren auf der Bühne des Berliner Kulturbundes begegnet; es ist damals an dieser Stelle (vergl. „C.-V.-Ztg." Nr. 6 vom 6. Februar 1936) eingehend gewürdigt worden. Bei der Neuaufführung, die man jetzt für die jüdische Jugend herausbrachte, vermochte dies volksstückartige, aus Rührung und Heiterkeit gemischte Idyll aus dem Leben jüdischer Bauern gerade der jungen, in städtischer Umgebung aufgewachsenen Generation Eindrücke zu vermitteln, die ihr bisher grossenteils fremd waren, aber in einer völlig umgeschichteten Welt für sie auch eine ernste, aktuelle Bedeutung annehmen mussten. Die bühnenmässige Wirkung ergab sich für das jugendliche Publikum freilich in erster Linie aus den heiteren Szenen des Stückes, und die Regie, die diesmal ungenannt blieb, tat denn auch ein übriges, nach schwankendem Beginn die humoristischen Züge in dem jüdisch-ländlichen Genrebilde stärker hervortreten zu lassen, als es dem Charakter des in tieferem, religiösem Bereich verwurzelten Werkes vielleicht angemessen war. Selbst Nikolai E1 j a s c h o f f, der (wie bei der Uraufführung) auch diesmal den jungen, weltscheuen Raw spielte, setzte der Rolle manche spürbaren „Drücker" auf, die der zarten und frommen Grundmelodie der Figur nicht immer zuträglich waren. Von den übrigen Darstellern traf Bert Baer als der älsteste Sohn der einen Bauernfamilie den derben, rustikalen Ton noch am echtesten; auch Sofie Seiigmann als seine Schwester Zine fiel durch eine ursprüngliche Frische ihres gewiss noch bildungsfähigen Talentes auf. Von den beiden streitsüchtigen Vätern war Fritz Ritter mehr Bauer als Simon S a i n sky , der wie ein bäuerlich maskierter, cholerischer Gutsherr wirkte; hingegen schienen die beiden Mütter — Rosa Cohn und Jenny Boree (Marba£ — schon fester mit ihrem Milieu verwachsen. Kurt Süssmann und Franziska Okmiansky fügten sich unaufdringlich in das Ensemble. Der Beifall war besonders nach dem letzten Akt, dem beweglichsten des Stückes, ausserordentlich stark. Dr. Hugo Lachmanski. Jüdisches Theater in Daezig Das in jiddischer Sprache spielende „Jüdische Theate r", dessen Protektorat im Laufe, des Winters gleichfalls der Kulturbund übernehm, verfügt in dieser Spielzeit über ein Ensemble guter Kräfte unter der Leitungder bekannten Warschauer Künstler Jonas Turkow und Diana Blumenfeld; über deren Tätigkeit berichtete die „C.-V.-Zeitung" in Nr. 51 vom 23, Dezember 1937. Aus dem Spielplan des Theaters sind zu nennen: „Matura" von Fodor. „Für unseren Glauben" und „Mottke der Dieb" von Schalom Asch. „Goldgräber" und „Jankel der Schmied" von David Pinski, „Moscbkele Cfaaser" von Berkowicz, „Merlach em Mendel" von Scholem Alechem, „Des Schmieds Töchter" von Perez Hirschbein, „Wir Frauen" von Borosowicz-Szepkowska und als Höhepunkte Jakob Gordins „Esther", eine Glanzleistung von Diana Blumenfeld, und „Menschen auf der Eisscholle" von Werner mit Jonas Turkow als Hauptdarsteller. Den Bemühungen einiger Theaterfreunde ist e* gelungen, die anfangs bedrohte Spielzeit des Theaters bis zum Ende der Saison finanziell zu sichern. So fand am 5. März die Uraufführung vm Max Baumanns Drama „Morgengrauen" statt. Sein Verfasser ist für die jüdische Bühne kein Unbekannter mehr, seit im Herbst 1937 sein Schauspiel „Glückel von Hameln" in Lodz von Ida Kaminska kreiert wurde, von der man einen Band geschliffener Epigramme kennt, die europäisches Geistesgut verarbeiteten. Es waren woh! drei Umstände, die den Erfolg des Werkes ausmachten: einmal der Kriminalfall, der an das Verschwinden des--. Ehemanns der Glücke! geknüpft ist; zweitens die Gestalt einer furchtlosen jüdischen Frau und Mutter, die ihr Schicksal energisch in die Hände nimmt; und schliesslich und vor allem der Rechtsgedanke, um dessen abwechslungsreichen und geschickt aufgebauten Programms. Der erste Teil war erfreulicherweise fast ausschliesslich Gustav Mahl er gewidmet. Die Altistin gab die Kindertotenlieder. stark im Gefühl, das letzte ein wenig überakzentuiert, alle in leuchtende, schmelzende Farben getaucht. Guttmann deutete danach den musikantisch-volksliedhaften Mahler, dem er keine Pointe schuldig blieb. Von der musikantischen Seite, straff, konstruktiv, freilich nicht ekstatisch, fasst auch Rudolf Schwarz, Begleiter von Rang, Mahler an. Im zweiten Teil gab es als Novität' ein wirksam gearbeitetes, aber doch ziemlich triviales Duett von Arthur Wolff, ferner vier slawische Volkslieder, von Wilhelm Guttmann gewandt und frisch gesetzt. In den Duetten vereinigten sich die Stimmen zu vorbildlichster Ensemblekunst; in der Ansprache des Gianni Schicchi sowie in dem zugegebenen Flohlied von Moussorgsky liess Guttmann wieder alle Funken eines künstlerisch urechten Temperamentes sprühen, wobei er sich auch stimmlich immer freier entfaltete. Ebenso steigerte Paula Salomon in-der Eboli-Arie ihr grosses Organ zu äusserster Kraft. Man könnte noch weiter aufzählen — jedenfalls: ein Abend mit "Glanzleistungen, ungewöhnlichem Beifall und entsprechenden Zugaben. H. Ft. Der „Josua" gehört zu den seltener aufgeführten Oratorien Händeis; doch kennt alle Welt den Chor „Seht, er kommt", den der Meister von hier erst in den „Judas Makkabäus" übernahm und dessen Melodie durch Lewandowski sogar Eingang in die synagogale Liturgie fand (Haliel). Aber auch abgesehen von diesem Glanzstück bietet die Partitur all das, was wir an Händel lieben: die Klarheit und Hoheit, die auch im stärksten Affekt und sogar im Illustrativen nicht verlassen wird. Zur Aufführung wäre grundsätzlich zweierlei zu bemerken: etwas mehr Kürzungen hätten den Gesamteindruck noch mehr konzentriert, ohne doch dem Werk Gewalt anzutun. Und ferner: die Aussprache des Gottesnamens in einem jüdischen Konzert, zumal in der Synagoge, wirkt auf weite Kreise überaus verletzend und ist daher in jedem Falle zu meiden! Leo K o p f gibt stets sein Bestes als Chorleiter und wusste auch hier die Jüdische Chorverein i g u n g zu einer wuchtigen und geschlossen nen Leistung emporzureissen. Im orchestralen Part, der der Jüdischen Orchestervereinigung anvertraut war, machten sich verschiedentlich rhythmische Schwankungen bemerkbar, besonders im Zusammenwirken mit den Solisten, während die rein instrumentalen Sätze sauber herauskamen. Von den Solisten ist in erster Linie Julius Peissachowitz zu nennen, der durch die Tragfähigkeit und Ausgeglichenheit seines vollen Organs überzeugte. Fritz Kauffmann war ein Caleb voll ruhiger Würde; er sollte nur seine Intonation noch schärfer fixieren. Aehnliches gilt für Bernhard Chrzelitzer, dessen gutes Material am günstigsten' im lyrischen Piano anspricht. Hanna Brand neigt etwas zum Treinolieren und zum Treiben des Tempos, besitzt aber Gewandtheit in der Koloratur. Auffallend der milde Sopran von Else Besztymt. Werner B a e r an der Orgel und Gertrud Marcus am Klavier-füllten den klanglichen Rahmen. In einführenden Worten legte Dr. Kurt Singer ein warmes Bekenntnis zu Händel ab. H. Freyhan.. Ein bunter Abend vermittelte einem zahlreichen Hörerkreis in Frankfurt a. M. Klaviervorträge, Gesang, Chansons und Tanzdarbietungen. Lilly Flohr-Günzburger bewies an Stücken aus Operetten und des Kabarettbereichs ihr ungebrochenes Temperament und die Fähigkeit, allen Pointen ihres — nicht immer gut gewählten Programms zur Geltung zu verhelfen.- Gertrud Narewczewitz liess einen sehr anmutigen, gut geschulten Sopran hören und erfreute durch ihre Musikalität. In Grotesktänzen gefiel Lulu N e u - manu, und die beiden Jüngsten, Dodo Hirschmann und Tutti S t e r n , zeigten bemerkenswerte Körpergelöstheit und tänzerische Grazie. Martel Sommer und Max F i r n - berg, die trefflichen,Begleiter, ergänzten das mehrstündige Programm durch hübsche Klavierv'orträge leichteren Stils. — Alfred Auerbach und Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader veranstalteten bei -den „Jüdischen To nkün s.t 1 e r n" Frankfurts einen gemeinsamen Abend. ' Auerbach. - las ausser Teilen der (in der C.-V.-Zeitung schon veröffentlichten) Novelle „Die Brüder Beer" Kurzgeschichten. Bernhard Hirschberg-Schrader setzte sich auch für die Gedichte von Hedwig Steger ein, in denen — wie inseinem eigenen Schaffen — ein starker ethischer Ton mitschwingt. Den drei Autoren und der mitwirkenden Pianistin Alice Rosenbaum wurde für den — zu läng bemessenen — Abend herzlicher Beifall zuteil. tt. Der Kulturbund Leipzig veranstaltete einen Lieder- und Arienabend - mit -Hans Assenheim und ein Winterhilfsfest mit Susanne Löwenstein, Leo Schönbach, Herbert Z e r n i k, Max 0 s c h i t z k i und Walter Meyerstein. Es folgten ein Gastspiel von Max Ehrlich und seinem Ensemble mit der Revue „Von Romeo bis Streichquartett" und ein Sinfoniekonzert des Berliner Kulturbund-Orchesters unter Leitung von Kapellmeister Rudolf-S-ch war z. K. S- Der Leipziger Kulturbund hatte die Freude, das Opernensemble des Berliner Kulturbundes als Gast zu hören. Man brachte uns die reizende Märchenoper „Wenn ich König war'" in ausgezeichneter, in Berlin wohlbekannter Besetzung. Leicht und heiter rollten die Bilder und Melodien an uns vorüber und erfrischten Ohr und Herz. L. St. Im Jüdischen Kulturbund Düsseldorf gab Erwin Palm mit seinem gemischten Chor einen Opernabend. Der Dirigent hatte eine Anzahl Solisten gewonnen, die in Soli, Duetten und Terzetten aus Opern von Verdi, Bizet, Offenbach, Smetana und Puccini ausgezeichnete Leistungen boten: Käthe E 111 i n g e r, Frankfurt a. M. (Sopran), Hilde A r o n s t e i n, Düsseldorf (Alt), Richard Dresdner, Berlin (Tenor), Hans A s.s e n h e i m, Frankfurt a. M. (Bariton). und Hilde Levy-Blumenth a 1 (Düsseldorf (Mezzosopran). Ausserordentlichen Beifall fand der von . etwa 60 Schülern und Schülerinnen gesungene Kinderchor aus „Carmen". Die Klavierbegleitung der Chöre versah mit bewährter Präzision und Umsicht Gertrud Neumann- Brünn, Düsseldorf. Erwin Palm, der einen Teil der Darbietungen am Flügel begleitete, wurde mit seinen Solisten, die sich zahlloser Hervorrufe erfreuen durften, und seiner grossen und kleinen Sängerschar wohlverdient für den besonders schönen Abend gefeiert. J. C Jüdischer Kulturbund Berlin Theater in der Koramandantexistrasse 57: „W e n n ich König wä r'": 19. März.. 20 Uhr (Abt. 2. 12), 20. März. 15 Uhr (Abt- 50, 60); 20 Uhr, 22. März (Abt. 43, 53), 23. März-(Abt. 7, 17), 24.- März (Abt. 8, 181: „Kap der Guten Hoffnung" 21. März, 20 Uhr (Abt. 6, 16); 20. März, 20" Uhr, 2: Vortrag RabHner Dr. N u s s'b a u m. Kultarbundsaal Kommandantenstr. 58/59: 19. und 20. März. 20.15 Uhr: Kleinkunstbühne: „Warum.lügst Du Cherie...?": 20 Uhr, 21., 22.. 23., 24. März: Vortrag Dr. Anneliese L a n d a u. j$ - Die nächste'Premiere ist Franz. Mobiars. neuestes Werk, die Komödie ,.D e Ii 1 a". Verwirklichung der Jurist Max Baumann sein Drama kreisen lässt. Kommt zu diesen Bestandteilen noefr eine vorzügliche Inszenierung und Darstellung, wie sie Ida Kaminska dem Werk in Lodz angedeihen liess, so wird es begreiflich, dass die jüdischen Massen in Polen sich von dem Schauspiel begeistern und erheben liessen. Max Baumann hat diese und andere Werke nicht etwa unter dem Einfluss der jüdischen Renaissance von heute geschrieben, sondern vor vielen Jahren, in einer Zeit, in der die dramatische Gestaltung jüdischer Themen noch alles andere als modern war. Seit damals ruhte in seinem Schreibtisch neben der „Glückel" auch ein „Jud Süss" und ein Drama, in dessen Mittelpunkt ein jüdischer Arzt des 16. Jahrhunderts, Isaac ben Jehuda, stand. Als in diesem Winter der Schwager von Ida Kaminska, Jonas Turkow, gleichfalls ein bedeutender Schauspieler und Regisseur, nach Danzig kam, lernte er diese Manuskripte kennen und erwarb das letztgenannte unter dem Titel „Morgengrauen". Die Uebertragung ins Jüdische fertigte mit feinem Sprachgefühl der Schauspieler Mosche K u p r i c Anders als in Polen setzte sich hier das Premierenpublikum vorwiegend aus Juden deutscher Sprache zusammen, die nur mit Hilfe einer deutschen Einführung der Darstellung zu folgen vermochten. In einer starken historischen Belastung; liegt eine gewisse Gefahr des Stückes. Der Dichter führt uns in das Jahr 1514. in dem auf Betreiben Pfefferkorns der Prozess gegen den grossen Humanisten Johann Reuchlin geführt wird, in dem Mittelalter und Neuzeit miteinander im Kampf liegen. Der Freispruch, in den das Drama ausklingt trägt mit dazu bei, den jüdischen Arzt Isaac und seine Glaubens- und Leidensgenossen von dem auf ihnen, ruhenden Verdacht der Hexerei zu befreien. Bei aller kritischen Haltung, die wir an dem gebildeten jüdischen Publikum kennen, erzielte das Werk einen beachtlichen Erfolg. Er rührte in der Hauptsache daher dass das überzeitliche jüdische Schicksal, das aus dem Werk spricht, auch denen mit Macht bewusst wurde, die sonst mit rein ästhetischen Wertmassstäben an die Erscheinungen des Theaters herangehen. So war es charakteristisch, dass vor allem die Jugend, die Frauen, der einfache Theaterbesucher, aufs tiefste beeindruckt wurden. Sie wollen nicht abgelenkt, sondern erhoben sein. Die Aufführung unter Jonas Turko'ws Leitung hatte hohes Niveau. Er selbst gab den jüdischen Arzt imponierend in Erscheinung und Sprache, seine Frau, Diana B l .u m e n f e 1 ö , schuf in der Rolle der Jüdin Fromet eine fesselnde psychologische Studie. Ausstattung und Kostüm waren mit historischer Treue gestaltet. Bei einem Beisammensein äusserte sich der Dichter über die Absichten seiner Arbeit. In einer Dramenreihe bildet „Morgengrauen" das zweite, „Giückel von Hameln'' das dritte Stück. Das erste und das abschliessende Glied der Kette, stehen noch aus. Es ist sicher, dass die beiden von Ida Kaminska und Jonas Turkow herausgebrachten Werke die jüdische Bühne um zwei wertvolle und wirksame Theaterstücke bereichert haben, die sicherlich überall dort, wo die jüdische Sprache von den jüdischen Massen gesprochen und verstanden wird, Erfolg haben und Erhebung spenden werden. Li. Trotz aller Existenzsorgeu hat sich auch das übrige kulturelle jüdische Leben >n Danzig auch in diesem Winter nach anfängliche!.! Schwierigkeiten reich entfaltet. Die Veranstaltungen fanden ihr Publikum und befriedigten durch ihr Programm. Der „Kulturbund der Juden in Danzig" eröffnete die Saison mit einem Lieder- und Arienabend von Rita Atlasz, Berlin (am Flügel: Günter Boren t, Danzig), der bei den Besuchern grössten Anklang fand. Es folgte ein Gastspiel der Jüdischen Tournee- Bühne (Berlin) mit Shakespeares „Komödie der Irrunyen" und Georg Hirscbfelds „Popz". Beide Aufführungen standen auf hohem Niveau. Alexander Kipnis wurde wieder stürmisch umjubelt; auch ihm war Günter Bereut ein vortrefflicher Begleiter. Das Theaterstudio des- Kulturbundes, eine Laienbühne unter Leitung von Dr. K a i s e r , bot mit gutem Erfolg Szenen aus „Jaakobs Traum" von Beer-Hofmann. in Form eines Hörspiels, der Hamburger Kulturbund gastierte mit Molnars „Deli.la", und Dela . L i p i n s k a j a erfreute mit neuem Programm den grossen Kreis ihrer Verehrer. Ein Winterhilfskonzert in der Grossen Synagoge unter Mitwirkung von Oberkantor Hanns Jacobson (John) und Organist Hermann Schwarz, beide Berlin, brachte ■■ein? Reihe von Ur- und Erstaufführungen syuagoyaler Musik, ii '

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