Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 11 (17.3.1938)
- Date
- 1938-03-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Hr.11 * 17. März 1938 2. Beiblatt * C.-V.-Zeifung Seite 5 gjeSpv&cfaje/ tcrfigarx&l betadcrz •~~__--"^^(jHadi^^^Z&rtäwdS %JotUfcrt Seitdem wir uns das letztemal, Sie, liebe Leserin, und Sie, lieber Leser, mit so alten Büchern beschäftigt haben, wie dem Robinson oder Gullivers Reisen, ist' eine Weile verstrichen und allerlei verändert. Von den begeisterten Lesern jener Tage — ich entsinne mich noch, manches, c[er nur in der Schule unter der Bank las, und Herbert A. und ich lasen am liebsten in unserer selten gestörten Bodenkammer — ist mittlerweile mancher selbst ein Robinson geworden, und es gibt auch gewiss eine Reihe von Gullivers. Wir selber wiederum haben in unseren Vorstellungen einige Reisen und Abenteuer durchmachen dürfen oder müssen, ohne die Geographie bislang sonderlieh zu bemühen. Dies alles und einiges darüber wie zum Beispiel der Mangel anbesserer Unterhaltung, das Bedürfnis, alte Bestände zu revidieren, und die Lust, sich an scheinbar fernliegenden oder tatsächlich entfernten Gegenständen beiläufig Rechenschaft zu geben, veranlasste eine kleine Gruppe sonst nicht in Erscheinung tretender Personen unseres Kreises, die vergilbten Bände wieder hervorzuholen und an langen Abenden zwanglos die Meinungen auszutauschen. Es war wirklich zwanglos, denn niemand empfand Veranlassung, den Historikern, Philologen, Literaturgeschichtlern oder anderen Systematikern dieses Gebiets ins Handwerk zu pf-usehen. oder mit den berufsmässigen Kritikern in Wettstreit zu treten. Aber vielleicht findet eben das Private und Zwanglose solcher Gespräche die Gunst Ihrer Aufmerksamkeit. Wir sehen nun nur noch die Kardinaifrage auf Ihren Lippen, gestrenger Herr Leser, — aber das Jüdische ist doch wohl selbstverständlich. Nun, so lesen Sie wohl. Qxuieia. ^ßtäxB'fi, Die ersten Bücher las ich bei Kerzenlicht. Der rechteckige Tisch war lang ausgezogen, darauf wurde Wäsche geplättet und „gelegt", mein kleiner Bruder sass auf dem hohen Kinderstuhl mit dem geheimnisvollen, lederüberzogenen Sitz, der im Notfall weggenommen wurde, meine Schwester schlief in der Wiege, auf dem Tisch stand der kleine- Leuchter mit der brennenden Kerze und in der Ofenecke auf dem Fussboden hockte ich und las Märehen. Es war nicht sehr hell da unten, aber die Mutter konnte mich nicht entdecken; sie war nicht dafür, dass ich im Halbdunkel las. Es war auch sehr gruselig, denn ich las die Abenteuer des Herrn Gulliver bei den Riesen. Und noch gruseliger wurde es, wenn ich aufsah: drüben an der Wand bewegte sich der Oberkörper einer Riesendame auf und ab, immer auf und ab, wie um einen Baum zu durchsägen oder ein noch viel lebendigeres Wesen. Die Riesendame war der Schatten meiner Mutter, die plättete. Aber ich nahm das Schattenspiel heillos ernst und fürchtete mich gewaltig, und erst wenn ich vor lauter Riesenangst nicht mehr aus noch ein wusste, und nur, weil mir der .ss sie jetzt Wäsche Zeichnungen Horst Morafz Atem stockte, nicht gellend aufschrie, tröstete ich mich und murmelte mir wohl zu: es ist ja bloss ein Schatten, es ist doch Mutters Schatten. Und dann kroch ich ganz leise unterm Tisch durch und versteckte mich klammheimlich unter Mutters heimelig blauer, weissbepunkteter Schürze. Es passte sich eigentlich gar nicht mehr, denn ich war schon bald sieben Jahre alt, aber da der Vater noch im Laden und Marjnka schon in der Küche und mein Bruder eingeschlafen war, so sah mich niemand, auch die Mutter nicht, denn die Schürze war ganz undurchsichtig (nur am Schabbat trug die Mutier die indiskreten weissen, schmalen Schürzen mit Spitzenbesatz) und das Kerzenlicht nicht bell. Und später, als wir Gasbeleuchtung bekamen, hatte ich keine Angst mehr. Wenn ich denke, wie gross ich bei der Gasbeleuchtung wurde! Ich wuchs der Mutter um einen Kopf über den Kopf, und die Gasschatten waten genau so ungruselig nüchtern, so hell und scharf wie das Licht. Ich wurde so gross, dass ich ganz oben nach dem Pfadfinder in den Bücherschrank greifen konnte und den zerflederten Gulliver ganz unten iiess, tief unter meiner erwachsenden Würde, bei den Kinderbüchern, die nicht einmal meiner kleinen Schwester dumm genug waren. Mittlerweile bin ich wieder ganz klein geworden, und Mutters Schatten ist wieder riesig gross. Mir gruselt's, wenn ich denke, plättet und „legt", zehn Posttage entfernt von mir in einem neuen Dorf in einem alten Lande, auf dem Tisch, den mein kleiner Bruder gezimmert hat ... Mittlerweile sind sie mir alle längst wieder über den Kopf gewachsen. Mit ihren Händen, die schwielig geworden sind und vielleicht manchmal bluten, machen sie das, was wir dann jüdisches Leben nennen, und ich darf nur die jüdischen Probleme lösen oder wenigstens lesen. Es ist eine beklommene Lektüre, und wenn man aufsieht, sind riesige Schatten an der Wand, obwohl ich mir jetzt zur Erleuchtung die fortgeschrittensten elektrischen Blitze in die Birne fahren lasse. Nein, ich habe keine Angst, aber ganz unten in den Bücherschrank habe ich gegriffen und mir den Gulliver wieder hervorgeholt Ausgerechnet das Kinderbuch, sagte Frau G.,' die sich mit unheimlicher Gescheitheit auf unsere jüdische Zukunft vorbereitet — was hat das jetzt mit uns zu tun? Dies Gespräch fand gestern abend statt, es schneite draussen, und wir sassen hübsch im warmen Zimmer, mit dem uneingestandenen Gefühl, nächstes Jahr — vielleicht hoffentlich — in Jerusalem zu frösteln oder in Buenos Aires zu frieren, denn da steht ja unser Wetter auf dem Kopf. Wir reden oft so darum herum, und Reisen ist eigentlich das unerschöpflichste Thema. Den Gulliver liess es ja auch nicht los. Dabei war er — wie Frau G.'s Mann — Arzt, allerdings erst auf Schiffen, wo er oft genug mit anpacken musste, wenn's stürmisch wurde, und dann in der Heimat, aber — wie bei Frau G.'s Mann — da haperte es mit der Praxis, und endlich wurde er wie unser Rechtsanwalt P. — Reisender. Nur dass Herr Gulliver in andere Länder kam, zuerst nach Liliput. Da war es am hübschesten, sagte der Rechtsanwalt, ich entsinne mich noch genau. Denn natürlich reiste nicht Herr Gulliver, sondern ich selber wurde auf die seltsame Insel Liliput verschlagen. Es war der Traum meiner Kindheit: einmal so gross zu sein, dass alle anderen Leute gegen mich Liliputaner sind. Was mir allerdings gar nicht benagte, war das Benehmen des kleinen Volkes. Sie wandten ja ganze Provinzen auf, um den Riesen Gulliver zu fesseln und gebändigt zu halten, und als er ihren Königspalast vor dem Feuer gerettet hatte, wenn auch in der Not und Eile mit dem Wasser, das er eben bei sich hatte, da wollten sie ihn töten, und der arme Riese musste vor den Zwergen fliehen. Aber was hat das jetzt mit uns zu schaffen? meinte die beharrliche Frau G. Man muss es nicht eben wörtlich nehmen, sagte der Rechtsanwalt in aller Ruhe. Mir ist dies Liliput seit meiner eigenen Liliputanerzeit nicht aus dem Kopf gegangen, und manchmal dachte ich, Gulliver ist vielleicht nur ein Beispiel für das Genie und sein Schicksal. Alle wirklichen Märchen sind für Kinder wörtlich und für Erwachsene in einem höheren Sinne wahr. Und was die Wahrheit und das Genie jetzt mit uns Juden zu schaffen haben, braucht man nicht erst zu fragen. Man könnte selbst ein solches Beispiel wie den Gulliver auf die Rolle Israels unter den alten Völkern anwenden oder auf das Sckicksal unseres Lehrers Mose unter seinem Volke. Aber ich weiss nicht, ob der Verfasser des Gulliver Jonathan Swift je dergleichen von. seiner, soweit ich mich erinnere, ziemlich unpersönlichen Figur gedacht hat. Es ist merkwürdig, klärte , uns schliesslich unser Arzt G. darüber auf, wie gut der Gulliver als Kinderbuch und wie wenig das Original, das man erst zu einem Kleinkinder-Märchen verkrüppeln musste, bekannt ist. Ihre Vorstellung von Liliput ist hübsch, auch nicht falsch, aber bei weitem zu enge. Swifts Gulliver ist die monumentale Satire auf die Menschheit, die bitterste, die es gibt. Die Reise nach Liliput ist ja nur der harmlose Anfang, worin Swift noch liebenswürdig nur seine Landsleute wie Pygmäen sieht. So hat, wenn er in Laune war, mancher Humorist von Aristopbanes bis Shaw oder, wenn uns der näher ist, Scholen) Alechem seinen Leuten den Spiegel vorgehalten. Aber dann wird er ernst und schliesslich verzweifeit böse. Nun ja, wir mögen alle insektenhaft klein und 'kleinlich erseheinen, wenn ein grosser Mensch wie Gulliver zu uns verschlagen wird, aber das nächste Abenteuer schon belehrt uns eines Besseren, indem es Gulliver unter die Riesen verschlägt, wo er selbst so minimal wirken muss, wie zuvor die Liliputaner auf ihn wirkten. Auch dann noch wirkt das Winsige putzig, und tatsächlich findet der König der Riesen an Gulliver viel Vergnügen, und die Hofdamen sogar manchen für Zwergenbegriffe nicht mehr anständigen Spass. Der König glaubt nicht recht, dass Gulliver ein Mensch sei und dass es mehr von der Sorte gebe. Aber Gulliver klärt ihn auf und schildert ihm begeistert die europäischen Verhältnisse. Aber der König ist davon entsetzt und folgert — ungebildet, wie er nun ist —, wir wären doch das widerlichste Insektengesch meiss, das man sieb nur vorstellen kann. Unsere rechtlichen, politischen, sozialen und religiösen Einrichtungen mögen ja ursprünglich ganz gut gemeint gewesen sein, aber was wir daraus gemacht haben, sei grauenhaft. Und als ihm Gulliver den Gipfel unserer Kultur, das Schi esspul ver, beschreibt, gerät der König in Zorn. Und auch der Leser, wenn er noch ein Restchen Riesenherz in sich hat, muss sich schämen, ein „Mensch" zu sein. Doch das alles ist, wie gesagt, noch Satire, gepfeffert von eisiger, trockener Schärfe, aber doch noch, sagen wir einmal positiv, denn die Riesen sind ja gewissermassen auch moralische Riesen, Vorbilder, und das heisst doch wohl: bei gutem Willen und recht angewendetem Verstände erreichbare Vorbilder. Man könnte, vom erzieherischen Werte des Lächerlichmachens ausgehend, formulieren, Satire sei Utopie mit verkehrtem Vorzeichen, und noch Gullivers drittes Abenteuer, die Erlebnisse auf der fliegenden Insel, ist Satire in solchem Sinne. Ihr lächerlich gemachtes Objekt ist der wissenschaftliche Mensch, wie er inzwischen auch das wohlfeile Zielobjekt der Witzblätter geworden ist, der zerstreute Professor. Den gab es schon zu Swifts Lebzeiten, und man erzählt ja die hübsche Anekdote von Newton, der, wenn das Wasser im Topfe kochte, das Ei hineintun und vier . Minuten kochen lassen sollte und der,, als die Dame des Hauses zurückkam, das Ei in 4er Hand hielt und seine Uhr kochen liess. Swift allerdings geht auch gegen die Wissenschaftler radikaler vor, besonders die Mathematiker und Astronomen, deren Hang zur Astrologie er totspottet, und kommt endlich zur „Akademie der Pläneschmiede", die um ihrer Experimente willen die gesamte Landwirtschaft von Laputa ruinieren, und eine phantastischere Experimentiersucht ohne Sinn und Nutzen ist wirklich nicht auszudenken. Den Gipfel aller Satire allerdings bildet Gullivers viertes Abenteuer, bei den Houyhnhums, den edlen Pferden, wo die Yahoos, die .unflätigen Menschen, als Sklaven gehalten werden wie bei uns die Pferde. In diesem Teil des Buches sind die Menschen überhaupt die tollste und .ekelhafteste Tierart, der die Vernunft gewiss" nicht abgesprochen wird, aber sie dient nur dazu, die abscheulichen Laster zu vermehren. Selbst das ,,dern Menschen sonst nicht unähnliche" Schweis! rieche nicht so übel; das schlimmste Schimpfwort bei den Pferden ist „Mensch". Offen gestanden, diese Darstellung des Menschengeschlechts ist dermassen schaurig, dass ich mir Einzelheiten zu ersparen bitte, und doch so schlagend und treffend, dass im einzelnen auch nichts dagegen gesagt werden kann. Swift war eben ein Menschenhasser, versuchte der Anwalt den stoekenden Vortrag unseres Arztes abzuschliessen. Der aber fuhr auf: Nein! Wer sagt Ihnen das? Und was besagt es? Gewiss war Swift ein schwieriger Mensch in seinem Verhältnis zu den Frauen und zu seinen politischen Feinden oder schlecht lohnenden Auftraggebern, aber persönlich ein bekanntermassen guter Kerl. Uebrigens ein Prachtkerl von einem geistigen Kumpan; der Gulliver ist von ihm mit seinen Freunden ausgeheckt worden, von Gullivers Abenteuern hatte Swift nur die Reisen zu schreiben übernommen, die anderen sollten diese weltliterarische Mystifikation in anderen Sphären ausführen. Nein, nein, von persönlichem Menschenhass kann da keine Rede sein. Dann vielleicht von Tierliebe? fragte Frau G. Aber warum denn ein solches Phänomen durchaus landläufig erklären? Swift war/wenn sonst nichts, so doch masslos klug, viel zu klug für die auch bei Philosophen wie bei andern mopsliebenden, enttäuschten alten Jungfern verbreitete Auffassung: die Tiere seien doch die menschlicheren Menschen! Sich selber wusste ja Swift auch Mensch! Allerdings konnte er hassen und hasste masslos, aber geistig. Es gibt glücklicherweise einen Brief von ihm als Antwort auf die Frage des Menschenhasses. Er hasse nicht, erklärt Swift, den Menschen, das Individuum, diesen und jenen Menschen, sondern alle Formen von Menschenmasse und Gemeinschaft, die er auch im einzelnen aufzählt, und damit nimmt er eigentlich der jetzt erst begonnenen Wissenschaft die Feststellung des erstaunlichsten und erschreckendsten Phänomens vorweg, nämlich den Unterschied im Vorhalten des Menschen als Individuum und als Masse: zahllose hohe und niedere Taten vom Sichaufopfern bis zum Lynchen, die der Einzelmensch nie fertig brächte, vollführt er geradezu rauschhaft in der Masse. Und Swift ist Individualist, der konsequenteste, den es je gab ... Und was hat das nun wirklich mit uns zu schaffen? Wir suchen doch — Gemeinschaft!, schloss Frau G. Ja, Gemeinschaft. Ich habe mir das oft überlegt. Wissen Sie, wir hatten, glauben wir doch, eine ideale jüdisehe Gemeinschaft in der Religion. Ob noch eine andere möglieh ist, wird vielleicht nicht von unsern vergemeinschaftenden, sondern von unsern individualistischen Fähigkeiten abhängen. Man muss das abwarten, das Znsammenhalten während der Bedrohtheit etwa in Palästina ist noch keine endgültige Probe. Was Gullivers edle Pferde betrifft, so wissen die gar nicht, was Religion ist, sie brauchen keine. Die scheusäligen Menschen wieder, zu denen Gulliver dann ekelgeschüttelt heimkehrt, haben Religion und — reden wir nicht davon. Lesen sie den Gulliver . . . ---Ich las und las. Bei elektrischem Licht im wohlig warmen Zimmer, niemand plät-' tete, und kein Schatten an der Wand sägte tonlos irgend etwas lebend Unsichtbares mitten hindurch. Und doch kroch das Grauen vor den Menschen erst liliputanisch und dann riesig, dann mit der sonnenverdunkelnden und regenabhaltenden fliegenden Insel und endlich entsetzlich yahooisch aus dem grossen originalen Gulliver-Buch herauf, und Mutters Schürze selbst hätte es nicht mehr verdecken können. Und trotzdem war dabei die Hauptsache zu lernen; Utopie oder Satire, Grauen vor den Menschen oder Bewunderung der Idealwesen, Menschenhass hiri, Moral her: das Lachen ist zu lernen, das Lachen ist die Hauptsache. Unter und über indischer BuchvertrieS» Martin Saiomon BERLiN.CHARLOTTENaURfi, DAHLMANN.STRASSE 8 RUF: 96,1141 Blicher - Ritualien - Schaiipiatten VERSAND IN- UND AUSLAND