Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 11 (17.3.1938)
- Date
- 1938-03-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 C-V.-Zeitung Nr. IT * 17, Marz 1938 dem Gulliver dröhnt das grosse, fast nicht mehr irdische Lachen, und wer das lernt... Und wen geht's denn an und -wem tut's denn not, wenn nicht uns? ■'' Qk> Ideale- < j. &'mSamJißtt ,.Die Jahrhunderte haben ein Kinderververgnügen daraus gemacht!" „Ach was, die Jahrhunderte! Die Schulmeister waren es!" „Gibt es eigentlich keine dringenderen Sorgen für Leute unserer Art, ich meine jetzt, ich meine hier, wissen Sie —wisperte Dr. E. mitten in das erregte Gespräch hinein und warf einen fragenden und triumphierenden Blick auf die Dame des Hauses. Wir sassen geborgen um ein Tischchen, auf dem eine Lampe mit mattem, gelbem Lichtschein *tand. Das Licht zog wie der Kegel eines Scheinwerfers durch das breite Fenster ins Freie und umfing noch den rostroten, runden Stamm einer Fichte, deren Krone nicht mehr sichtbar war. Es war nasskalt, neblig, unwirtlich grau und trübe draussen. Man hatte den Eindruck, dass selbst die Fichte ihren nächsten Fichtermachbarn nicht sehen könnte. Infolgedessen müsste sie sogar das Gefühl für die Wurzelnähe der andern Fichten verlieren. Der eisige Nebel schien stumm und an seiner eigenen Zähigkeit erstickend um Erbarmen für die Fichten zu schreien, die er unbarmherzig jede für sieb vereinzeln und in ihrer Einsamkeit zerschwemmend aufzulösen drohen musste. Dass solch ein Winter su überstehen war, musste selbst den Bäumen unbegreiflich sein. Aber wir Menschen sassen wohlig warm im grossen Zimmer, die gelbe Lampe brannte, wir sprachen vom Robinson Crusoe, wir sahen lächelnd auf, durchs Fenster hinaus ins Nebelgrau oder in die feurige. Zimmerecke, in der es sogar einen Kamin gab, und darin, am Knistern merkte -man es, brannten grosse Scheite Fichtenholz. „Was^ Sie -unsere dringenderen Sorgen nennen, Herr Doktor, die geschäftlichen wie die für unsere Zukunft, wo sie unser auch immer warten mag, das wird in den Bürostunden erledigt Heute abend ist der Robinson, unsere Sorge.** „Wer spricht am Feierabend von geschäftlichen Sorgen? Aber sagen Sie. mir bitte, was geht uns als Juden jetzt und hier der alte Robinson mit seinem Kannibalenzögiing, dem schwarzen Freitag, an?" „Ihr schwarzer Freitag ist wie jeder eine verfehlte Spekulation. Man könnte systematisch einen Haufen von Beziehungen herausfinden. Erstens gibt es nicht bloss „den" Robinson, sondern jedes Volk hat sich einen Robinson eigens zurechtgemacht, und der hebräische feiert am Ende noch dieser Tage seinen hundertsten Geburtstag. Das heisst ich weiss nur, dass es seit Jahrzehnten einen gibt, seinen Geburtsschein ganze Bewegung, wenn nicht die Rückkehr zur Natur?" „Das Gegenteil ist der Fall — mit dem Robinson. Es ist wieder die alte.'Geschichte wie mit dem Gulliver. Unser Dichter Mendale Mocher Sfarim hat seine .erste Satire eine - „Bombe aus Galle" genannt; nun dann ist der Gulliver eine Gallenbombe vom Umfang eines Herzogtums. Und was hat man . daraus gemacht? Ein putziges Kind erbuch. Und so hat man auch aus dem Robinson ein Kinderbuch gemacht, das im Gedächtnis der Erwachsenen dann als die naiv kolorierte und ach so nette Idealisierung der Rückkehr zur Natur herumspuken darf. Die monumentalen Werke der Weltliteratur haben doch ein komisches Nachleben, fast wie alte, kleine Götterkenne ich nicht. Den jüdischen dagegen kenne ich, und eigentlich gibt es schon, drei davon, zwei so zurechtgemacht wie bei allen andern Völkern, von den Portugiesen bis zu den Chinesen, aber neuerdings sogar einen nahezu originalgetreuen (während es eine Uebersetzung des originalen Robinson ins Deutsche bis heute nicht gibt) für den Schulgebrauch. Jawohl, im Osten und in Amerika in den jüdischen Schulen wird Robinson „gelernt"! Aber dann gibt es noch die innere Beziehung, man könnte ja jeden Chaluz im unbearbeiteten Land fast einen Robinson nennen! Und schliesslich könnte man aus diesem besonders in seiner verbreifetsien Bearbeitung so hochmoralischen Roman.alle Bibelzitate und biblischen Andeutungen, deren es eine schöne Menge gibt, herausziehen, endlich noch in der ■ Kinderlektüre die Verdrängung der biblischen Geschichten durch den Robinson und — der Ihnen offenbar so fehlende Aufsatz „Robinson und die Juden" wäre bereiis eine Doktorarbeit, Herr Doktor. Aber wir sind ja keine Systematiker und meinen es etwas anders/' „Erlauben Sie mir ein Wort dazu", mischte sich nun ein alter Herr mit weissem Haar und Spitzbart und jungen, rosigen Bäckchen ein, „ich bin als Rabbiner sozusagen Berufsjude. Morgens, wenn Sie wahrscheinlich noch schlafen — ohne Ruhm zu melden und ohne Ihnen nahe treten zu wollen —, bin ich bereits, wie man das sonst nennt, ..jüdisch tätig". Und auch bei allen sonstigen Gelegenheiten. Es ist auch eine Mesusa an meiner Tür, und ich erinnere mich selbst aus meiner Kindheit nicht des Wunsches, auf eine einsame Insel ohne ein Minjan Juden, ohne Schochei und Gemeindestreitigkeiten verschlagen zu werden und alle Tage, und selbst am Freitag abend keine Frau und Kinder und nur einen schwarzen Freitag um mich zu haben. Aber wie kommt das Eine zum Andern? Habe ich doch den Robinson und den Gulliver und manche beispielhafte Erzählung von fremden Völkern und Sitten und Erlebnissen mit geistiger Unterhaltung und Belehrung gerne gelesen, solange ich Zeit hatte, und nicht anders als manchen Midraseh oder weltliche jüdische Literatur, wie die Reisebücher Benjamins von Tudela und anderer! Und kt nicht in allen guten und merkwürdigen Büchern Gottes Wirken zu erkennen, und wenn jeder Mensch daraus lernen kann, so der Jude doch doppelt so viel und immer und überall,, also erst recht jetzt und hier. Ich bin nicht gerade als liberal bekannt, aber ich habe gar nichts "dagegen, dass die jüdischen Kinder in Polen oder sonstwo auch solch, ein Buch .Jemen", wenn sie nur „lernen". Und sie werden schon .lernen." „Wenn man es so allgemein auffasst, kann man die gleichen Argumente ja aber -auch auf das unjüdischste und religionsfeindlichste Buch anwenden, wenn es nur berühmt oder gut geschrieben ist. Aber darum wollen wir nicht streiten. Vielleicht erklären Sie mir indessen, wieso Robinson ein — Chaluz ist?" „Aber Robinson ist doch die personifizierte Rückkehr zur Natur. Und was ist denn unsere Ein vergessener Maler Ein Maler der Natur und aller ihrer Erscheinungen ist Ludwig Danziger, der in dem schlesischen Städtchen Lauban 1874 geboren, zuletzt an einem Berliner Mädchengymnasium als Lehrer tätig gewesen ist. Freundschaftliche Beziehungen verbanden den üeissigen und rastlos schaffenden Künstler mit seinem Vetter, dem palästinensischen Soziologen Arthur Ruppin. Eine anregende Monographie über das Werk Ludwig Danzigers, der erst fünfzigjährig verschied, zeigi_die besondere Befähigung, Landschaften zu erfassen, die Atmosphäre wiederzugeben, auch Menschen mitten hinein in diese Landschaftsausschnitte zu komponieren. Eine grosse Zahl von Radierungen, Steinzeichnungen, Bildern, die in Tempera und Oel gemalt wurden, ist uns erhalten geblieben, vieles befindet sich im Besitz der Familie des Künstlers. Von besonderem Interesse sind — wie bei jedem Maler — die Skizzenbücher, die berichten, wie zahlreich die Pläne und Ideen gewesen, die Ludwig Danziger zu künstlerischer Formung drängten. Ludwig Danziger starb im Dezember 1924 in Bailenstedt im Harz, er ist in seinem Geburtsort Lauban beigesetzt. Dr. 0. B. Kunstnachrichten Die Sammlung von annähernd. 1800 Vasen, die der Berliner Chemiker Dr. Georg Cohn in den Räumen des Aufbringungswerkes der Jüdischen Gemeinde, Leitung Dr. S a 1 o m o n s k i, Jüdische Bücher *'S?. Wormser Strasse 6a, am Wittenbergplatz, Ruf 24 7022 GERHARD FUCHS weiteren Kreisen zugänglich macht, ist eine Kuriositätensammlung im besten Sinne, eine Kunstsammlung will sie gar nicht sein! Der so kenntnisreiche Besitzer dieser zahlreichen Vasen und Väschen, der Gläser und Becher aus mannigfachem Werkstoff hat das Ziel vor Augen, an Hand dieses vielfältigen Materials die Entwicklung der Vase aufzuzeigen, die Wandlungen im Stil und im Geschmack, die Wandlungen im Werkstoff durch die Zeiten hindurch zu verfolgen. Das gelingt ihm, indem er in der Rankestrasse 33 Gefässe aus aller Herren Ländern ausstellt, holländische Fayencen, neben Sevres-Porzellanvasen, ungarisches Steingut und Henkelgefässe aus Holz oder Kunstharz, Finnisches, Englisches, Gefässe aus der Schweiz. Imitationen antiker Vasen, Weissporzellan aus Deutschland, bemalte Keramiken aus Kopenhagen. In dieser mit viel Sammeltalent ausgestalteten Schau ist die Qualität weniger entscheidend als der Leitgedanke, unter dem Alt und Neu zu einem amüsanten Ensemble vereinigt sind. Dr. 0. B. ¥ Im Kun-stinstitut c o 1 e du Lour re1'. das mit, den Pariser Museen iu enger Verbindung' steht, sprechen in den nächsten Monaten u. a. Andre Blum-, der Leiter des Graphischen Kabinette des Louvre, über das Vermächtnis des Barons Edtnon.de de Rothschild an den französischen Staat, vornehmlich über die niederländische Graphik des 17. Jahrhunderts, und Georges B1 u m e n t h a 1, der Leiter der modernen Abteilung des Louvre, über „Moderne europäische und amerikanische Malerei". Dr. Wolfgang Born, geboren in Breslau,, der lange Jahre hindurch in Wien als Maler und Kunsts-chriftsteller tätig ist, hat eine Berufung als Professor der Kunstgeschichte an das Maryville College zu St. Louis (USA) erhalten. ......* In Paris fand mit grossem Erfolg die Versteigerung der Sammlung Ch. M. David statt., einer der bekanntesten Porzellansammlungen Frankreichs. ' bilder, die von ahnungslosen Findern den Gohren als Spielzeug überlassen werden." „Aber geht es uns denn mit unseren %igjmslen Schriften anders? Sind nicht biblische Geschichten selbst noch zum Kinderspiel geworden, wurde nicht, was vielleicht bedenklicher ist, sogar jeder Satz der Bibel zum Tüftelspiel rabbiniseher Gehirnakrobaten?" „Es scheint so", lächelte der Rabbiner, „und man braucht den Pilpul nicht einmal als Geistesübung gelten zu lassen, wenn er zum Selbstzweck entartet, obwohl diese talmudische „Tüftelei" alle anderen Geduldspiele in den Wartezimmern unseres Lebens immerhin an Geistreichigkeit bei weitem übertrifft. Aber im ganzen kann man das doch nie ein Spiel nennen, und der tiefe, heilige Sinn ist darunter niemals eigentlich versunken." „Aber oft der menschliche Sinn. Während der göttliche für die Gottesmänner sozusagen reserviert blieb,' hat die restliche Menschheit sich darin gefallen, selbst aus den ungeeignetsten Figuren Heroen zu. machen, und mit einer Mischung von Wehmut um das Verlorene und von Siolz auf das Vergangene blicken wir auf die ..grossen" Zeiten unserer nationalen Selbständigkeit zurück, obwohl deren vorherrschendes Kennzeichen der Hader war. Man darf so vieles aus unserer Geschichte einfach nicht näher auseben, wenn man sich das allgemeine Gefühl des Heroischen wahren will. Aber wir wollen ja uns aus" dem Spiele" lassen und diese Beobachtung nur auf Robinson anwenden, in dem man bei eindringlicher Betrachtung schwerlich das Loblied auf die Rückkehr zur Natur finden kann." „Mir scheint diese Folgerung nicht ganz korrekt, wenigstens ist sie nicht die, einzig denkbare. Der heidnische Prophet, in dessen Geschichte das Eseltum eine entscheidende Rolle spielte, kam bekanntlich, um zu fluchen, und segnete. Ist es nicht durchaus denkbar, dass-es dem Verfasser des' Robinson und seinen Nächarbeitern mit der. Rückkehr zur Natur ebenso erging? Wir sind doch meist so' ungehorsame Schul- und Lausbuben; man schildert uns jenen Wald, Berg oder Fluss in den erschreckendsten Farben, um uns vor Gefahr zu warnen, und eben die Warnung lockt uns in das verbotene Gebiet Und wären wir nicht dermassen auf alles erpicht, wovor wir von Weisen und Phantasten, von Priestern und Professoren gewarnt sind, so gäbe es gewiss tausenderlei Uebel und Unglück nicht, aber auch wenigstens vier dunkle Erdteile und unsere Naturwissenschaften, unsere Technik und Philosophien gäbe es nicht" „Das ist schon recht wir wollen uns nur hüten, diese Feststellung nicht ins Paradoxe entgleiten zu lassen, wie es denn auch ganz Schlaue gibt, nach deren Ansicht die Verbote selbst erst zur Ursache und zum höchsten Anreiz für Uebertretungen werden. Im ersten Menschenbuch steht der Mord, im nächsten das Verbot zu töten, das aber nicht bloss einen unserer Spezies eigentümlichen Trieb 'eindämmen soll, sondern wie alles Gesetz einen innerlich bereits erreichten Zustand, also die Ueberwindung des Triebes, legalisiert. „Wollen wir doch", schloss mit nachdrücklichem Lächeln der Rabbiner, „von den Menschen das Bessere glauben." „Dann glauben wir aber auch dem Robinson und nicht seinen missverstehenden Lausbuben —" „Erlauben Sie mir lediglich einzuwerfen, dass von all Ihren sogenannten Lausbuben der erste Monsieur-Jean Jacques Rousseau war, der „Erfinder" der Rückkehr zur Natur, der den „Staatsroman" Robinson in seinem „Emile" feiert." „Um so schlimmer für die Rückkehr zur Natur, dies Schlagwort, diese Schlaganschauung, die endlich eine Verleumdung des Geistes, eine Denunziation der Kultur von unten her werden und die Bildung, die Erziehung des Menschengeschlechts konterkarrieren muss! Gewiss, werden Sie sagen, aber Rousseau wollte ja nicht die Rückkehr zur Primitivität des Ungeistes, sondern zur Natürlichkeit des Geistes. Aber dann hätte man ihn nicht übler missverstanden, als er selbst den Robinson missverstand. Bedenken Sie doch, der Robinson Crusoe i s t ein Lausbub, ein Tunichtgut. Wie kommt er dazu, zur See zu gehen, trotzdem ihn sein Vater warnt? Aus Uebermut, oder wie er selbst sagt, aus Frevelmut. Und nicht nur sein Vater redet ihm ins Gewissen, auch der Vater im Himmel redet und mit Donnerstimme, mit Sturm und Schiffbruch. Aber es steckt nun einmal der Helden- und Abenteurerteufel in ihm, und selbst wenn er es nun besser wüsste — und er weiss es wohl ■—, kann er seinem Schicksal nicht entrinnen. Er wird nun Guineafahrer, und Seeräuber fangen ihn. Abenteuer genug und übergenug, .aber er kann nur durch neue Abenteuer entrinnen. Nach zwei Jahren Gefangenschaft entflieht er in einem Boot, Portugiesen nehmen ihn auf, er wird Pflanzer in Brasilien. Und damit fast ein Mensch, aber — er muss wieder zur See und wohin, wozu? Zur Sklavenjagd nach Afrika! Und also wieder Schiffbruch. Und jetzt beginnen die achtundzwanzig Jahre seiner, der originalen Robinsonade. Es liest sich sehr bübsch, wie er mit den Tücken der Natur und der Einsamkeit, man muss-fast sagen; der Adamhaftig- Jüdischer Centrai-Verein E.Y, Landesverband Gross-Berlin Rezitationsabend Donnerstag, den 31. Marz, 20,15 Uhr Grosser Saal des Brödervereinshauses W 6?, Kurfürstenstrasse 115/116 Jenny Bernsfein - Otto Bernstein Martin Buber / J.L.Perer / S.J.Agnon / Gustav Wied Scholen? Alechem / L. Börne / Nestroy / Jean Pasl Eintrittskarten sind nur gegen schriftliche Vorbestellung durch das Büro des Jüdischen Centrai- Vereins (Berlin W 15, Emser Str. 42) für Mitglieder und deren Angehörige zu erhalten. Der Bestellung ist pro Karte in Briefmarken der Unkostenbeitrag von 30Pfg. u. ein frankierter Rückumschlag beizufügen.!l!!!||iliniI!l!ll!IIIIIIl!iniliiin!ll!llil!i!l!l!iIIIIIfl!iillilini!Illi!iinill!!i!E keit fertig wird, wie er jagt, viehzüchtet, ackerbaut, wie er all die kleinen, unendlich grossen Menschenerfindungen grauer Vorzeiten noch einmal erfinden muss. Wie er lernt, dass „der Mensch sich nach und nach zum Meister in jeglichem Handwerke machen kann dadurch, dass er alles durch seine Vernunft bestimmt und regelt und alles nach den Regeln der Vernunft prüft." Und das wäre die Rückkehr zur Natur?. Im Gegenteil, Robinson wiederholt geradezu am eigenen Leibe die Entwicklung der Kultur, er wiederholt sie bis zu ihrem Gipiel, zur Entdeckung Gottes (als er vom Fieber gesund wird und als eine Saat verworfener Getreidekörner aufspriesst) und wiederholt sie noch einmal, nun lehrend, nun der Magister der Kultur, an dem Schwarzen Freitag, den er vor anderen Schwarzen, Menschenfressern, reitet. Und endlich kommt Robinsons eigene Rettung durch den Kapitän eines englischen Schiffes, mit dem er sieb gegen die meuternden Matrosen verbündet. Aber Robinson ist nun selbst eine europäische Macht, Führer spanischer Schiffbrüchiger, die an seine Insel verschlagen wurden, der Herr Freitags, der Gouverneur der Insel. Und das alles nennt man Rückkehr zur Natur?*4 „Es ist lachhaft, was alles man doch Natur nennt. Aber ist denn-der Mensch nicht Natur?. Und wenn er's ist, warum nicht in jedem Stadium seiner Entwicklung? Aber unser Leichtsinn im Umgang mit Worten geht so weit, dass man selbst ungewohnte Naturereignisse, angefangen von einem verhältnismässig warmen Winter, xia- Datürlich nennen hört." „Beim Robinson wären wenigstens zwei Arten von Natur zu unterscheiden. Robinsons eigene Art, die in harter Zucht sich soviel wie möglich —: und das ist für einen alleinstehenden Menschen wirklich viel für die damals immerhin schon im. Zeichen Spinozas, Newtons, Voltaires und Haydns stehende Menschheit Europas ärmlich wenig — Kultur schafft, und die Natur jener karaibischen Kannibalen, denen Robinson seinen Freitag entreisst Zu welcher von diesen beiden Naturen empfiehlt sich's eigentlich zurückzukehren? Robinson selbst entschied sich für die dritte Natur, der ganze Robinson ist von den beiden Naturen her scharf und klar auf die dritte hin gesteuert. Und die dritte Natur nennen wir einmal übertreibend: Newton. Was Robinsons anderes grosses Erlebnis betrifft, die Einsamkeit, die mancherlei salonüberdrüssige Salonlöwen, angeekelte Uebergeniesser und gotterfüllte Mystiker rühmen, so genügt dem aufmerksamen Leser die Portion Einsamkeit Robinsons gewiss, um sein Bedürfnis nach so viel Alleinsein für immer mit Robinsons Grauen herunterzuschlucken. Und was endlich die Chaluziut angeht, so können wir von Robinson gar Dicht genug lernen, nämlich nicht zu abenteuern und zu romantisieren, sondern zu bauen, zu roden, urbar zu machen, und zwar so praktisch wie möglich, mit allen nur aufzubringenden Errungenschaften der Kultur (denn wer heute noch einmal den Pflug erfinden muss, ist tragikomisch) und nicht allein ..." --— An diesem Abend musste ich trotzdem allein nach Hause gehen. Aber der unheimliche, eisige Nebel war einem klaren Frost gewichen, und die Fichten standen hoch und stämmig rund, und wenn ein Windstoss kam, so beugten sie ihre hohen Kronen ein wenig einander näher durch die Luft, die aus lauter unsichtbaren, durchsichtigen Eiskriställchen zusammengefroren schien, UndderBodenknirschte unter meinen Schuhen, und manchmal stolperte ich über «inen der Wurzelknorren, mit denen die mächtigen Bäume unterirdisch nach ihrenNachbarn hintasten. (Wird fortgesetzt.) Der Verlag Herbert R e i c b n e r , Wien, kündigt an: Joseph Gregor: Perikles und die Blütezeit Griechenlands; Paul Stefan und Otto Erich Deutsch: Die Oper in Wien; Hugo Glaser: Gift, ein Handbuch über Geschichte, Eutstehuug. Verwendung und Missbraucb von Giften; Otto Erich Deutsch: Haydn im Bild; Georg K i n s k y : Ludwig van Beethoven; Katherine Mansfield: Briefe und Tagebücher.