Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 10 (10.3.1938)
- Date
- 1938-03-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2278191-2278198--12641-2291502- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Beüog« der C-V.-Zeitung Nr. 10 * 2. Beiblatt 10. Marz 1938 Mitteilungen äos Hem Hilfsverein der Juden In Deutschland }ernn Auswanderung und Überseesiedlung Eine grundlegende Denkschrift Die Wanderungsbewegung der Juden ist ein Ausschnitt aus dem allgemeinen Wanderungsstrom. Deshalb sind für die jüdische Auswanderung neben ihren besonderen Gründen im wesentlichen auch die gleichen Faktoren massgebend, die in den entsprechenden Zeiträumen für die allgemeine Wanderungsbewegung festzustellen sind. Die Untersuchung, die das Internationale Arbeitsamt auf Vorschlag des- Wanderungsausschusses des Völkerbundes über die Entwicklung und die Zukunftsaussichten der Wanderung vorgenommen hat, darf daher in jüdischen Kreisen besondere Aufmerksamkeit beanspruchen. Diese Denkschrift (IRA 1938, 2. Heft) bringt zunächst eine zahlen massige Uebersicht über die Entwicklung der Wanderungsbewegung, insbesondere nach Uebersee, wobei darauf hingewiesen wird, dass alle Zahlen nur auf Schätzungen beruhen können. In den Jahren 1846 bis 1932 sind nach der Statistik der grossen Auswanderungsländer rund 53,5 Millionen Menschen und nach den entsprechenden Zahlen der Haupteinwanderungsländer rund 59 Millionen Menschen nach Uebersee, d. h. nach einem anderen Erdteil, ausgewandert. Die Abweichung der beiden Ziffern zeigt, welche Schwierigkeiten einer exakten, fortlaufenden, zahlenmässigen Erfassung der Wanderungsbewegung entgegenstehen. Zur Illustration sei ergänzend hinzugefügt, dass der jüdische Anteil an der allgemeinen Wanderungsbewegung (der naturgemäss in der Denkschrift nicht behandelt wird) seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum •Jahre 1930 auf rund 4,25 Millionen Menschen geschätzt wird, von denen sich ungefähr 3,25 Millionen nach Amerika gewandt haben. Um feststellen zu können, wie viele Menschen tatsächlich ihren Wohnsitz von Europa nach Uebersee verlegt haben, müsste man von den obigen- Ziffern die Rückwanderung, die immer einen gewissen Umfang hatte, in Abzug bringen, um so die Reinauswanderung zu erhalten. Hierfür sind jedoch, wie die Denkschrift betont, Angaben nicht vorhanden. Wenn auch die Ziffern für die Rückwanderung fehlen, so beweisen die bekannten Zahlen doch, „dass die politische, soziale und wirtschaftliche Allgemeinentwicklung unserer gegenwärtigen Welt kaum durch irgendwelche Erscheinungen stärker beeinflusst wurde als durch die Wanderungen". Die Wanderungskurve verzeichnet, wie die Denkschrift feststellt, in ihren' Hoch- und Tiefpunkten mit äusserster Empfindlichkeit die Wirkungen der grossen inneren und äusseren Ereignisse und der jeweiligen Wirtschaftslage. In der Vergangenheit seien zwei schwerwiegende Ereignisse für die Abdrosselung der Wanderungsbewegung festzustellen: der Ausbruch des Weltkrieges 1914 und der Begi-nn der Weltwirtschaftskrise im Jahre 1930. Hierfür zwei Zahlenbeispiele: In dem Jahrfünft 1921 bis 1924 ist die Einwanderung nach amerikanischen Ländern gegenüber dem Jahrfünft 1911 bis 1915 um 40 Prozent und diejenige nach anderen Ländern um 14 Prozent zurückgegangen. Für den Einfluss des Weltkrieges und der Weltwirtschaftskrise sind ausserdem folgende Zahlen von Interesse: Efnwanderuntr Ton Ausländern In überseeisch© Staaten (in lOOO Einwanderern) Staat 1913 Durchschnitt 1920—24 1929 1932 1933 1934 Arg-entlenlen . 302 132 140 37 30 33 Australien____ 14-2 »1 29 8 8 9 Brasilien...... 100 74 95 30 46 45 303 86 133 7 6 6 Kuba.......... +3 53 11 1 2 3 18 ]7 => 2 3 2 Neuseeland ... — 15 4 ] ] 1. — 9 5 8 29 39 Südafrika... . 14 17 9 4 4 6 11 9 12 5 3 4 U.S. A.......... 1112 394 174 19 15 24 Diese Tabelle zeigt einmal den starken Rückgang der Wanderungsbewegung nach Uebersee im Vergleich zur Vorkriegszeit, zum andern den neuen Einbruch, den die Weltwirtschaftskrise verursacht hat. Der Anstieg seit dem Jahre 1933 dürfte, wie das Beispiel Palästina am deutlichsten erkennen lässt, nicht zuletzt auf die jüdische Auswanderung aus Deutschland zurückzuführen sein. Es soll, obwohl es auf die jüdische Wanderung der neuesten Zeit nicht zutrifft, erwähnt werden, dass in der Denkschrift auch auf die wachsende Bedeutung der Rückwanderung bei der allgemeinen Wanderungsbewegung hingewiesen wird, die zum Teil sogar eine Umkehrung der Wanderungsströme herbeigeführt habe, indem herkömmliche Einwanderungsländer zu Auswanderungsiändern, ausgesprochene Auswanderungsländer zu Einwanderungsländern geworden seien. In der Denkschrift werden dann weiter die Ursachen untersucht, die zu diesen starken Veränderungen in der Wanderungsbew7egung geführt haben. Hierzu wird an einer Reihe von Einzelbeispielen festgestellt, dass sie im wesentlichen auf den Abschliessungsmassnahm e n. der früheren hauptsächlichen Einwanderungsländer beruhen und ihren Höhepunkt in den nordamerikanischen Kontingentierungsbestimmungen gefunden haben. Die Gründe, die die überseeischen Länder zu der fortschreitenden Drosselung der Einwanderung veranlassten, werden in der Furcht vor einem Massenzustrom nach dem Kriege, dann in dem überall auch auf wirtschaftlichem Gebiet stärker werdenden Nationalismus und schliesslich in der einsetzenden Weltwirtschaftskrise gesehen. Für den fast völligen Ausfall Nordamerikas durch die neue Einwanderungsgesetzgebung habe zunächst ein teilweiser Ersatz in Südamerika gefunden werden können, bis auch diese Länder „eine Ueberflutung durch die aus ihrem altgewohnten Bett abgedrängten Wandererströme befürchteten und deshalb ihre Bestimmungen gegen ,unerwünschte' Einwanderer verschärften". Der Börsenkrach vom Herbst 1929 habe geradezu eine Flut von Vorschriften zur Einschränkung der Wanderungen ausgelöst, wie man sie seit Menschengedenken nicht gekannt habe. Die Zukunftsaussichten für die allgemeine Auswanderung werden — insbesondere auf dem Gebiet der Siedlung — in der Denkschrift nicht allzu pessimistisch beurteilt. Wenn dabei darauf hingewiesen wird, dass die Gesamtwanderung aus zwölf europäischen Ländern nach Uebersee von 1934 bis 1935 von 114 000 auf 130 000 gestiegen ist, so dürfte auch diese Entwicklung, wie hinzuzufügen ist, nicht zuletzt in der verstärkten jüdischen Wanderung ihre Ursache haben. Ausserdem sei die strenge Durchführung der Einwanderungsbeschränkungen mehrfach praktischen Schwierigkeiten und Bedürfnissen der Erzeugung begegnet, die sich nicht verdrängen Hessen. Deshalb hätten verschiedentlich Vorschriften geändert werden müssen. Zur Situation der Wanderungsbewegung in unseren Tagen wird in der r Denkschrift betont, dass die Lähmung des zwischenstaatlichen Kapitalmarktes . und die Schwierigkeiten im internationalen Handelsverkehr die Wanderung ungünstig beeinflussten. Denn jede Wanderung bedinge in der Regel eine grössere oder geringere Anlage eigenen oder ausländischen Kapitals, um gewerbliche oder landwirtschaftliche Erzeugungsmittel für die Ausgewanderten zu beschaffen. Auch habe die Einwanderung nur dann Erfolgsaussichten, wenn den Einwanderern Absatzmärkte offenständen. Die angelsächsische Formel „Menschen, Geld und Märkte" fasse diese Voraussetzungen gut zusammen. Trotz dieser Hemmungen seien die Voraussetzungen für die Wanderung im Zeitpunkt der Abfassung der Denkschrift (September 1937) günstiger als noch vor wenigen Jahren, da Bestrebungen am Werke seien, um gesündere Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Staaten zu schaffen und die aus der Krise geborenen Schranken abzubauen. Insbesondere würden sich die noch schwach bevölkerten Staaten dank der durch die Einwande- Erste Gruppe der Gross-Breesener nach Argentinien angefordert Die Leitung des Jüdischen Auswandererlehrguts Gro.ss-Breesen teilt uns mit: Die Jewish Colonization Association (JCA) hat zugesagt, 30 Gross-Breesener Praktikanten, die im Laufe der nächsten Wochen ihre zweijährige Ausbildung in Gross-Breesen vollenden, in ihren Siedlungen in Argentinien anzusetzen. — Bekanntlich hat das Jüdische Auswandererlehrgut Gross-Breesen am 1. Mar 1936 seine Arbeit begonnen, so dass es durch die Zusage der JCA möglich ist, noch vor Beendigung der turnusmässigen Ausbildung der ersten Gruppe ihre Unterbringung innerhalb des jüdischen Kolonisationswerkes der JCA in Argentinien zu ermöglichen. * In unserer Leserschaft, und besonders unter den Mitgliedern des Jüdischen Centrai-Vereins, wird diese Meldung Befriedigung, Genugtuung und Dank wecken. Seit der Gründung von Gross-Breesen ist das Problem, was aus den ausgebildeten Schülern und Praktikanten später einmal werden soll, Gegenstand von Beratungen und Verhandlungen mit""jüdischen Stellen im In- und Ausland gewesen. Ja, es hat sogar gewisse jüdische Gruppen und Zeitungen gegeben, die der Meinung waren, sie seien Sachwalter des echten jüdischen Auswanderungsringes, wenn sie den Gross-Breesener Bemühungen Aussichtslosigkeit attestierten und damit die Arbeit und die Schüler verwirrten. Für den Freundeskreis von Gross-Breesen ist die .Anforderung der ersten Gruppe eine Bestätigung und Stärkung in ihrer Arbeit. Er weiss, dass der Ansetzung von jüdischen Siedlern in Uebersee Schwierigkeiten in ungewöhnlichen Ausmassen entgegenstehen. Aber diese Männer und Frauen sehen keine Möglichkeit, die leichter und verantwortbarer wäre. " Darum werden sie sich in ihrer Haltung nicht beirren lassen. Sie glauben keineswegs, dass sie dabei, wie ein gewisses Blatt neulich meinte, mit ihrer „Weisheit am Ende" sind, sondern sie wissen, sie sind am Beginn der Arbeit. rung möglichen rascheren Erschliessung ihrer natürlichen Reichtümer eine bessere Stellung auf dem Weltmarkt sichern können. Ein entscheidender Unterschied zu "der "Vorkriegswanderung liegt nach der Denkschrift aber darin, dass sich die Wanderungsbewegung in der Gegenwart und in der Zukunft nicht mehr ohne Ueberwachung und in voller Freiheit vollziehen könne. Denn die Staaten seien seit dem Kriege bestrebt, die Wanderungen, unter Berücksichtigung verschiedener Voraussetzungen, nach bestimmten Grundsätzen zu ordnen. Hierfür wären, neben wirtschaftlich enErwägungen, ethnographische und politische Gründe massgebend. Vor der Erteilung Jüdische Kundschafter Von Micha Michalowitz I. Zur Psychologie jüdischen Reisens In einem seiner tief in die Zusammenhänge des exotischen Lebens hineinleuchtenden Essays berichtet Lafcadio Hearn die merkwürdige Wandlungsgeschichte eines adligen Japaners, eines Samurais, der die Entwicklung vom extrem radikalen Europaschwärmer zum liebenden Bewunderer der japanischen Kultur durchgemacht hat. Es wird von ihm erzählt, er sei in vielen Städten Europas und Amerikas gewesen, er habe sich da auf mancherlei Gebieten betätigt, und das hätte ihn in die Lage versetzt, die höchsten und die niedersten, die besten und die schlechtesten Seiten dieses Lebens zu studieren. Aber er sah — so bemerkt Hearn an dieser Stelle seines Berichts, — er sah alles mit den Augen des Orientalen, nämlich anders und grundverschieden von der Art, wie vergleichsweise ein Engländer die Welt betrachtet. Und Hearn knüpft hieran die ausserordentlich pessimistische Erkenntnis, dass das, was in der eigenen Schätzung am höchsten stehe, von dem Fremden am niedrigsten gewertet werde, und dass darin eigentlich beide recht und unrecht hätten. Aber die Welt mit eigenen Augen sehen, sie mit eigenen unverwechselbaren Augen sehen . . . wieviel, oder richtiger: wie wenig Juden haben das je vermocht. Sie haben es* einmal gekonnt, aber sie hatten es dann verlernt, sie mussten es verlernen, es gehörte zu den Bedingtheiten ihres sonderbaren Lebens. Wenn es dann aber dennoch irgendwann geschah, dass sie das Leben, die Welt, die Länder und die Menschen dieser Erde mit eigenen Augen, mit den Augen des Juden, betrachteten, dann geschah es in den meisten Fällen immer nur aus einer Not. Natürlich darf man das alles nicht mit den Augen eines Menschen des 19. und 20. Jahrhunderts betrachten. Denn das Reisen um des Reisens willen kannte nicht nur der Jude nicht. Der Mensch des Altertums oder des Mittelalters kannte es ebensowenig. Nach einer allgemeinen Uebereinkunft beginnt die Neuzeit mit den Entdeckungsreisen des Colümbus. Und wenn Columbus auch kein Jude gewesen ist, so sind doch schon an den ersten welthistorischen Entdeckungsreisen Juden beteiligt gewesen — so z. B. Gaspar da Gama, von dem noch zu reden sein wird —, allerdings (und es ist wichtig, das hier zu betonen) nicht als Juden und nicht für Juden. Und auch jene klassischen, welthistorischen Reisen sind, wie gesagt, aus Not unternommen worden. (Nachdem die Türken den Orient für das Abendland durch die Einnahme Konstantinopels vom Land und vom Mittelmeer her abgeriegelt hatten, mussten die europäischen Mächte den Seeweg nach Indien suchen — und Amerika entdecken. Es ist eben in den früheren Jahrhunderten nur aus Not gereist worden — der Weltenbummler und Welterforscher ist eine Erfindung der Neuzeit.) Die schöne schöpferische Unbefangenheit des frei in die Welt Schauenden, der mit aufgetaner Seele die Wunder der Meere, der Berge, der Wälder und der Flüsse in sich einströmen fühlt, frei von aller trübenden, einengenden Zweckbestimmtheit, die immer wie ein Fluch auf dem Betrachtenden lastet und seine Blicke verhängt, war keine Sache des mittelalterlichen Menschen. Es finden sich hierüber in der europäischen Literatur auch gar keine Zeugnisse: Am ehesten noch bei den aus Not reisenden Juden: die erste „maritime*' Poesie, die Entdeckung des Meeres für die Lyrik sind Jehuda ben Halevis Meerlieder. Wieviel Naturfrömmigkeit ist allein in der Tatsache ausgedrückt, dass in jedem jüdischen Gebetbuch Segenssprüche enthalten sind, die man „beim Anblick hoher Gebirge und grosser Wüsten" zu sprechen hat, „bei Donner, Erdbeben und Sturm", „beim Anblick des Regenbogens" und „beim Erblicken des Weltmeeres". Und es gibt noch ein besonderes Gebet, das man zu sprechen hat, wenn man eine Reise unternimmt. Dass die Not jüdisch und die Welt Gottes ist: das war die eine Seite dessen, wie der jüdische Mensch die Welt in sich aufgenommen hat, wenn er hinausgefahren ist über die Meere in fremde unbekannte Länder. Die andere, die sehr viel schmerzlichere Seite war: Raum und Lebensmöglichkeiten zu suchen für die immer wieder aller menschlichen Sicherheit beraubten und dem Verfall anheimgegebenen Menschen seines Volkes, deren schweres Schicksal es war, immer unterwegs sein zu müssen und nach einiger „Rast" die Wanderung wieder aufzunehmen. Was diese Rast aber für sie und für die Welt bedeutete, das freilich steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls konnte es, bei einem solchen Leben, nicht ausbleiben, dass da „die Zeit" für ihn, den Juden, zu einem sehr eigenartigen Wertbegriff werden musste. * Leopold Zunz, der Schöpfer einer Wissenschaft des Judentums, hat in einer Studie über die Beiträge von Juden zur geographischen Literatur und ihrem Anteil an der Erforschung des Erdballs die schmerzliche Erkenntnis ausgesprochen, dass kein Gebiet der jüdischen Literatur spärlicher bearbeitet, und keine Bearbeitung weniger gekannt sei als die Länderkunde. M. M.WARBURG&CO. GEGRÜNDET 1797 HAMBURG FERDI NANDSTR. 75 BERLINER BÜRO: TIERGART EN STR. 2 b Natürlich hatte das seine Gründe, und diese Gründe waren das eigentlich schmerzliche daran. Als mit zunehmendem Weltverkehr und steigender Kultur — so ungefähr formulierte es Zunz — die Notwendigkeit, aber auch die Neigung sich einstellte, fremde Länder, Völker, Meere und Erdteile kennenzulernen, zumal griechische Wissenschaft und römische Herrschaft der geographischen Forschung den Weg gebahnt hatten, konnte es bei den bereits isolierten, zerstreuten, überall angefeindeten oder unterdrückten Juden zu einer so natürlichen Auswirkung ihrer Kräfte schon nicht mehr kommen. Die dringenden Sorgen für den nächsten Augenblick waren für eine Wissbegierde dieser Art nicht gerade sehr förderlich. Die Ablehnung, die sie ringsum einschloss, machte vor ihren zergrübelten und schwach gewordenen Augen alles Nichtjüdische gleich und liess sie nur noch die eigene Gemeinschaft als würdigen Gegenstand ihrer Forschung betrachten. „Wurde dann auch durch Bücher oder eigenes Sinnen eine Teilnahme für die Kunde der Erde hie und da angeregt, so blieb sie haften bei demjenigen, was als unmittelbar göttliches Werk den Geist zu dem Schöpfer erhob, nicht getrübt durch das Tun und die Einrichtungen der Menschen. So hat die Naturkunde, die Astronomie, die mathematische Geographie stets Kenner und Liebhaber unter den Juden gefunden; aber das politisch-statistische Element lag ganz vernachlässigt. Als im Mittelalter Finsternis die Völker bedeckte und sie einander unkenntlich machte, und kein Wissen ausserhalb des Aristotelischen Fachwerks vorhanden war: da gab es denn auch bei den Juden nicht viele, die eich um Völker und Länder kümmerten." Und so lag es ganz folgerichtig in der vorgezeichneten Linie ihrer Entwicklung, dass eine bedeutsame und befriedigende Kunde nur über ihre heilige Urheimat vorhanden war, wo die Topographie noch mit den alten Ueberlieferungen und dem lebendigen Gesetz zusammenhing. So gesehen — und warum sollte man diese Dinge nicht auch einmal von dieser Seite her betrachten? — bekommt das alles ein ganz anderes und sehr schmerzlich eigenes Gesicht.