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Central-Verein-Zeitung · 1938-03-03 · 9 (3.3.1938) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
9 (3.3.1938)
Date
1938-03-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr.9 * 1. Beiblatt CKMimq 3. Marz 1938 » Seite3 Eiee „schone Geschichte" „Guten Tag, Herr Lewia, auch am Anhalter Bahnhof? — So, nach Zürich fahren Sie, Sie besuchen Ihre Tochter ...? Sie werden wohl auch bald auswandern? — Nun, Sie wollen noch nicht darüber reden .Ich? Ich warte auf meine Frau, sie kommt aus Frankfurt, von ihren Kitern ... Am Anfang nächster Woche sind Sie wieder in Berlin . .'? So, so. Sie müssen zum Zuge? Ich will Sie nicht aufhalten. Gute Reise. Wiedersehen." * „Dass du noch immer glaubst, dein Vater wird sein Leberleiden verlieren! In seinem Alter verliert man ein Leberleiden nicht mehr, üebrigens, Leberleiden. Da hab' ich eben den Lewin getroffen, von I..Lewin Söhne, fährt nach Zürich, angeblich wdll er die Tochter besuchen. Mir kann Foto, Rolleiflex, Contax, Gelegenheitskäufe Wotff u. Leonhard? (gegr. 1905) S»ri'n Wilmersdorf. Berliner Str. 129, Telef. 86 29 44 er so etwas nicht erzählen. Aufgeregt war der Mann. Er will sich umsehen natürlich .. * ..Ein Coer haben Sie gereizt, Frau Silbermann? Zwei Karo ... Weil Sie von dem Schwager ihres Uebervetters erzählen, Frau Rosenbaum, schrecklich auf der üeberfahrt nach Amerika einen Herzanfall zu bekommen, als mich mein Mann neulich von der Bahn abholte, ist auch gerade ein Bekannter von ihm ausgewandert, nach der Schweiz glaube ich ... zwei Pik sagen Sie, Frau Rosenbaum ...? Ein Herr Lewin, von I. Lewin Söhne ... Gut, spielen Sie drei Coeur, Frau Silbermann ... Sie kennen den Lewin und Sie wissen nicht, dass er ausgewandert ist? .Aber ich bitte Sie .. Er hat es doch meinem Mann selbst erzählt, und mein Mann hat 1)322 noch an den Zug gebracht Er war direkt angesteckt von seiner Aufregung ... Sie spielen aus. Frau Rosenbaum ... Ich kann mich gar nicht konzentrieren, immer muss ich daran denken» wie leicht hätte er einen Herzschlag haben können. Der Lewin soll auch. schwer ieberkrank sein." * ,.Tch hätte dem Lewis auch ein anderes Ende gewünscht — nicht auf dem Schiff ... Welchen Lewia ich meine? Den von I. Lewin Söhne. Raben Sie das noch nicht gehört? Freunde von meiner Frau haben ihn noch an die Bahn gebracht, und auf dem Schiff kommt ein altes 4 Uhren. Juwelen, Gold-u.Siiberwaren Münsstro3e13 '.Uberleiden „.„ an Land hätte man ihn noch operieren können, aber so? Kurzum, das Herz bat es nicht ausgehalten. Sie rauchen nur ohne Mundstück? Kann ich leider nicht dienen. Wie? Es stimmt nicht? Was stimmt nicht? Die Sache mit Lewis"? Wie können Sie so etwas ...? Freunde von meiner Frau, ich kann ihnen Namen nenne* ... Sie haben ihn heute gesprochen? Wen? Von L Lewin Söhne? Es ward der Bruder gewesen sein. Nein? Dort ist nur ein Inhaber? Ja, tun Sie mir den Gefallen, rufen Sie ihn an . .- Was ich sage? Nun ja, er lebt und ist hier. Freut mich, freut mich wirklich. Grüssen Sie ihn von mir." „Eigentlich schade. Es war doch eine so schöne Geschichte zum Weitererzählen." E. K. Jüdisches Leben - jüdischer Geist Der jüdische Publizist Zwiegespräch im Berliner Lehrhaus Nicht häufig hat man Gelegenheit, etwas über das Wirken des jüdischen Publizisten zu erfahren; für gewöhnlich spricht er nicht selbst über sich, sondern lässt seine Arbeit für sich sprechen, hinter der er fast völlig zurücktritt Um so begrüssenswerter war es, dass das Jüdische Lehrhaus Berlin in. einem. Zwiegespräch zwischen Dr. A1 f r e d H i r s c h b 0 r g, Chefredakteur der C.-V.-Zeitung, und Kurt Löwenstein, stellvertretendem Chefredakteur der „Jüdischen Rundschau", seinen Hörern die Möglichkeit bot, einen Einblick in die praktischen und ideologischen Hintergründe der wichtigen und verantwortungsvollen jüdischpublizistischen Tätigkeit zu erhalten. Nachdem Hirschberg den Begriff des jüdischen Publizisten "kurz skizziert hatte, wandte sich das Gespräch sogleich einem Hauptproblem zu: dem Inhalt der" jüdischen Zeitung. Politik, Religion, Erbauung, Kritik, Feuilleton wollen zu ihrem Recht kommen. Den einzelnen Themen den richtigen Platz anzuweisen, ein Auseinanderklaffen zwischen Autoreu und Lesern zu verhindern, kurzum, in jeder Hinsicht die „richtige Mischung" herzustellen, bezeichnete Hirschberg als eine der wesentlichsten Aufgaben des jüdischen Publizisten. Löwenstein wandte ein, dass eine Zeitung doch auch ein Geschäftsunternehmen, sei, so dass man vor dem Problem stehe, ob und inwieweit man bei der Zusammenstellung des Inhalts auf das Publikum Rücksicht nehmen müsse, das nicht allzu viel Unangenehmes vorgesetzt zu erhalten wünsche. Hirscbberg erwiderte, es sei durchaus nicht notwendig, Konzessionen zu' machen, die Lösung dieser Schwierigkeit sei vielmehr darin zu sehen, dass man das^ZufälKge anders werten und also auch, in der Veröffentlichung anders berücksichtigen müsse wie das Typische. Löwenstein meinte, das sei eine Aufgabe der Erziehung des Publikums und steilte'die Frage, ob der Presse eine solche Autgabe überhaupt zufalle Diese Frage wurde von Hirschberg dahin beantwortet, dass der Presse eine doppelte Erziehungsaufgabe zufalle: einmal die Leser dahin zu bringen, die Zeitung überhaupt richtig zu lesen, zum andern aber, ihnen die Gedanken, Haitungen und Absichten zu vermitteln, die das Blatt verkörpert. Besonders interessierte dann die Erörterung der Frage, wie der jüdische Publizist sich zu den Schöpfungen jüdischer Künstler verhalten solle. Löwenstein vertrat den Standpunkt, man müsse den Künstlern einen Start geben und dürfe nichts tun, was das Publikum abschrecken könne. Demgegenüber betonte Hirschberg mit Recht, dass man bei zu milder Beurteilung Gefahr laufe, dass das Publikum dann auch an Besserem keinen Geschmack mehr finde. Dem jüdischen Büchermarkt sei dadurch spürbarer Schaden erwachsen, dass die Buchkritik vielfach nicht den Mut fand, aus der Konjunktur entstandene Bücher jüdischer Autoreu als schlecht zu bezeichnen. Mau solle also bei aller wohlwollenden Grundhaltung die Massstäbe unverändert streng lassen, denn nur so könne man die Entstehung einer dumpfen, eugen, kleinlichen Atmosphäre im. jüdischen Raum verhindern. Das Gespräch wandte sich sodann der Frage der Mitarbeiter zu, die, wie Hirschberg darlegte, vielfach selbst noch Lernende seien: sie immer mehr in ihre neue Aufgabe hineinzuziehen und sie zu brauchbaren Werkzeugen der jüdischen Publizistik zu machen, sei eine dankbare Aufgabe des erfahrenen jüdischen Redakteurs. Im weitereu Verlauf der Diskussion wies Löwenstein darauf hin, dass meistens nur über und um das Judentum geredet und geschrieben wird, dass man aber zum eigentlichen jüdischen Kern nicht vordringt; dies sei auch der Grund, warum es so schwer sei, die grosse jiddische, hebräische, englisch-jüdische Literatur an das Publikum heranzubringen. Dass sich hieraus eine gewisse Eintönigkeit und sogar Langweiligkeit ergeben müsse, wurde von Hiischberg durch den Hinweis widerlegt, dass eine echte Begabung sich nie zu wiederholen. 0rauche, weil sie immer wieder neue Varianten finden werde. Mit diesem inhaltlich wie formal interessierenden Zwiegespräch ist wieder einmal unter Beweis gestellt, dass diese Vortragsform sich sehr wohl zur Erörterung der verschiedensten Probleme eignet — wenn man nur die geeigneten Menschen als Gesprächspartner findet! Günther Looser. Breslau Das Jüdisch -Theo logische Seminar in Breslau, beging die Gedenkfeier für seinen Stifter, Kommerzienrat Jonas Fraenckel. Der Vorsitzende des Dozentenkollegiums. Dr. Albert L e w k o w i t z , skizzierte in grossen Zügen das Lebenswerk des Stifters und sprach die Zuversicht aus, das« in " einer Zeit, in der seelische Erhebung und Stärkung des jüdischen. Bewusstseins nötiger als Asphaltierungen "5SÄSÄ3 PfüasSeruneen, «tirserstelge, — Telepbon. 924765 . je ist, nicht der Bestand einer Anstalt gefährdet werde, die für das Judentum so segensreich wirkt. Der neue Vorsitzende des Dozentenkollegiums, Seminarrabbiner Dr. S. Och s, hielt seine A atrittsvorlesung über das Thema „Meister und Jünger im talmu diseben Schrifttum". Der Jahresbericht des Seminars ist in der üblichen Form im Druck erschienen. Er enthält als wissenschaftliche Beilage eine Arbeit de? dem Lehrkörper angehörenden Bezirksrabbioers Dr. Nacbum Wahr mann (Oels): „Die Bedingung im jüdischen Recht."* Selm. Im Religiös-Liberalen Verein sprach kürzlich Dr. Fritz Bamberg er (Berlin) über „Individualismus und Gemeinschaft in der Geschichte des Judentums". Der Redner betrachtete die Kuiturkreise des europäischen Judentums und legte an zahlreichen Beispielen die Vorherrschaft des Gedankens der Gemeinschaft im aschkenasischen und den betonten Individualismus im sephard.iscben Judenßj^jVimk^i^^ ALUCÄTOR^Ier das sind gute Lederwaren UNSERE VERKAUFSGESCHÄFTE. Berlin. Tauentzienstraße 16 Hamb arg. Juugfernstieg 43 Köln a. Eh.. Hohestraße 115 Essen. Linibeckstraße 10 Essenjldolf-Hitler-StraSe 13 Bochnm KortumstraSe 67 Frankfurta.M„B,oßmarkt!5 * Zentrale. OfFenbacb a. M. Wi lertai-Elberfeld. Herzogstraße Sß tum dar. Während zum Beispie] die aschkenasische Dichtung zum Teil ihrem Wesen nach anonym und in Form und Inhalt schematisch wäre" seien die Dichter des sepbardischen Kuliurkreises ausgeprägte Persönlichkeiten mit bedeutenden Leistungen in so subjektiven Gedichteformen wie Lyrik uud Satire. Auch die Philosophie des Mittelalters habe eigentlich ^cur in der sepbardischen Welt gelebt. Aehnlich© Gegensätze finden sich in der Wanderuugsgeschichte. Arn Schluss seines Vortrags wies der Redner auf die Entwicklung des Problems in der Neuzeit bin, charakterisierte die Persönlichkeiten Uriei Acostas uud Spinozas, das Schicksal der Sephardim, die heute im Verhältnis zu den Asehkenasim gering an Zahl gewordeu seien, und den Gegensatz zwischen Individuum und Gemeinschaft, der in den Typen der Hofjuden und im Werk Moses Mendelsohns auftritt. Schw. Essen Den vierten Vortrag im Zyklus des Lehrjhauses : ..Die Weltreligionen'*, hielt Rabbiner Dr. Max Wiener (Berlin) über den „Islam**. Judentum uud Islam, so führte er aus, werden durch die Anerkenntnis des einen Gottes, der seinen Willen in der Gestaltung der Geschichte dokumentiert, getragen. So ist es zu verstehen, dass sowohl in der mohammedanischen wie in der jüdischen Religion alle Kräfte auf die Verwirklichung des Willens Gottes konzentriert sind. Im Mittelpunkt beider Rejigionen steht ein Buch: hier die Bibel, dort der Ivoran. Die Fülle der Lebensmöglichkeiten ist für beide Religionen in der Heiligen Schrift gegeben, wenn auch ihre Aktualisierung durch Auslegung des heiligen Wortes, hier im Talmud, dort in der ..Sünna", gefordert ist. Auf Grund solcher Gemeinsamkeiten in der Aneignung der Welt der Religion haben sich jüdische und arabische Religionsphilosophen während des Mittelalters gegenseitig angeregt und befruchtet. Der Redner beendete seine sehr aufschlussreichen Ausführungen mit der Hoffnung, dass auf Grund der gemeinschaftlichen Geschichte in der Vergangenheit ein neues erspiiessliches Zusammenarbeiten von Arabern und Juden in. Palästina sich ermöglichen lassen möge. H.H. Frankfurt au Main Der Initiative des Syndikus des Jüdischen Centrai-Vereins. Dr. Wolfgang S. Matzdorff, war es zu verdanken, dass der Freisinnige Verein für jüdisches Gemeinde« 1 e b e n E. V. in der Westend-Synagoge zu Frankfurt 3 M. eine religiöse Feierstunde veranstaltete, die unter dem Motto ..Neue Menschen in unserer alten Gemeinde'* stand. Nach einer kurzen Begrüssung durch d3S Mitglied des Frankfurter Gemeinde Vorstands, Dr." Richard. Rheinstein, gab zuerst Ge- Sally und Kid Von Alice Stem-Landesmann Solch ein dunkler Regentag ist ein sicheres Geschäft für das „Nou-Stop-Variete" am Piccadilly. Von 3 Uhr mittags an füllt sich das Parkett. ..Sally und Kid" sind als einzige Nummer vom vorigen Monat mit übernommen, worden in das neue Programm — eine grosse Ausnahme. Bedingung war: völlig neue Kostüme, neues F.utree. Und so erscheint Sally heute in einem, perlmutterschillernden Flittertrikot, das der Scheinwerfer abwechselnd mit grellen Tinten von Ret Gelb und Grün überschüttet. Das Gesicht ist kalkig geschminkt, es zeigt die tragische Fratze des Clowns; Das Quäken des Saxophons begleitet. Saliys Umherirren auf der Suche nach Kid. Das Orchester illustriert die verzweifelte Hetzjagd — endlich entdeckt Sally unter einem Wust von Dingen den kleinen Korb, in dem Kid versteckt ist Er trägt ihn mit lautem Jubel nach vorn an die Rampe, und dann hebt er den schmalen Kinderkörper heraus, dieses kleine Wesen, das wie die Puppe der Bauchredner hergerichtet ist Mit erstaunlichem Talent kopiert Kid die Leblosigkeit und das mechanische Bewegen der Gliedmassen, Kid lässt sich schütteln, hochwerfen, auffangen —. Die atemlos hervorgesprudelte Begrüssung der geliebten Puppe, ein Kauderwelsch von Deutsch und Englisch, löst den ersten Beifall aus. Sally zieht an den Schnüren, die von Armen und Beinen der Puppe herabhängen — das Kind reagiert in mustergültiger Weise wie eine aufgezogene Figur. Sally markiert den Bauchredner. Kid öffnet und schliesst die Augen, Kid gibt Antwort auf lächerliche Fragen, Kid singt ein kleines Lied in deutscher Sprache — Kid ist eine vollendete Schauspielerin — mit ihren acht Jahren hat sie sich rascher als der Vater in dieses völlig neue Dasein hineingefunden. Für sie ist das Auftreten eiae-Art Spiel, und dieser private Einfall Saliys aus den Tagen gesicherten Lebens wird nun für beide zum Beruf, der die Familie vor Not schützt. In der Kulisse steht eine junge Frau — Kids Mutter. Sie wartet dreimal am Tage zwischen diesen verwirrenden Wänden aus buntgemalter Leinwand, inmitten dieses scheinbaren Durcheinanders, das doch voller Disziplin ist und das für Lea eine Fülle beängstigender Geschehnisse birgt Aus einer deutschen Kleinstadt hat sie ein Sturmwind hierher geweht in dieses fremde, überwältigende London, und ihre kleinbürgerliche, erfahrangslose Jugend kann sich noch immer uicht in den neuen Rhythmus linden, den die Situation ihr und den ihren aufgedrängt hat. Mann und Kind sind beweglicher als sie, und dennoch leidet Sally noch immer unter dem unbarmherzig grellen Licht der Rampe. Noch immer ist dieser Auftritt Qual und Angst für ihn. Dass Kid dabei vergnügt und unbeschwert kindlich bleibt, ist der einzige Trost.--Und ebenso zittert Lea jedesmal, wenn vor Saliys Auftritt der junge Guru mit seinen Wunderelefanten an ihr vorüberdrängt, noch immer schrickt sie zusammen, wenn die zwölf Tscberkessen, mit wildem Geschrei ihre Gewehre abfeuernd, die Bühne betreten. Lea erscheint doppelt bleich zwischen den Gestalten, die sie umgeben. Mit geteiltem Herzen lebt die junge Frau dieses Leben mit Mann und Kind. Sie kann sich nicht befreien von der Erinnerung an jenes andere Dasein, das in frommer Tradition dahinfloss. Ihr scheint es Sünde, sein Brot mit einem „Trick", in dem Kostüm eines Pojaz zu erwerben — wenn ihre alten Eltern ihn sehen würden, und das früher so behütete Enkelchen. — Heute erfüllt sie eine besonders schmerzliche Spannung: Sally hat Jahrzeit für seinen Vater. Seit Tagen denkt Lea daran — noch nie hat er \-ersäumt, Kaddisch zu sagen. Aber sie erinnerte ihn nicht — seit Wochen sieht Lea den Mann immer weiter von sich iortgleiten. Er scheint ihr zu zürnen, dass sie ihm diese notwendige Umstellung so erschwert. Lea wartet — Heute früh hätte er in den Tempel gehen können. Doch er war übermüdet van den dreimaligen Vorstellungen, und so schlief er bis in den späten Morgen hinein. Sie hat ihn nicht geweckt. Wird er abends daran denken"? Der Weg ist weit und es bleiben ihm nur die drei Stunden zwischen seinem zweiten und dritten Auftreten. An- und Abschminken nimmt auch fast eine Stunde in Anspruch. Lea' bat daheim das Licht entzündet Er hat es nicht bemerkt Jetzt fühlt sie sich schuldig. — Heimlich betet sie, er möge sich treu bleiben und. an die Jahrzeit denken, aber sie zittert zugleich vor der Bestätigung ihres Verdachtes, dass er nicht mehr der gläubige Jude sei, den sie liebte. Auch das Kind glaubt sie sich durch diese ..abscheuliche Nummer*' entfremdet Prasselnd rauscht der Beifall in Leas Gedanken hinein. Sie schüttelt den Kopf, da sie sieht wie sich Sally und Eid dankend verneigen. Sie empfindet das ganze als einen hässliehen Spuk: was tut Sally Seeliger hier? Wie kommt Mirjam in dieses feuerrote Seidenwams unter diese strohblonde Perrücke? Wieder Händeklatschen. Vorhang hoch, Vorhang herunter. Lichtwechsel, Bühnenarbeiter. Klingelzeichen. Bühne frei! Gongschlag. Da kommen schon die Tscherkessen vorübergejagt, Gewehrgeknatter — Lea fühlt Mirjams Arme um ihren Hals, sieht Saliys ernsten Blick auf sich gerichtet Sie drängen sich bei Seite, und nun endlich sind sie für drei Stunden wieder private Menschen! Aber erst eilen »ie zur Garderobe hin, umkleiden, abschminken — immer Eile, immer unter einem Druck. „Wrar es gut, Manimy?" Mirjam hat schon den selbstverständlichen Ehrgeiz des Artistenkindes, das zarte Gesichtchen glüht vor Aufregung. Lea nickt Sie muss sich noch immer mühsam beherrschen, um ihren Widerwillen zu verbergen, den diese seltsame Atmosphäre in ihr auslöst. Sie ist jedesmal erstaunt wenn Mirjams helles Stimmchen zu ihr in vertrauter Tonart spricht — dieses Köpfchen mit dem blonden Schopf ist beängstigend — nicht minder schlimm als die Aufmachung als Mohrenpuppe im vorigen Programm» Sally summt den neuen Vers vor eich 'hin, den Mirjam heut zum erstenmal gebracht hat (in ihrem Schuimädchen-Englisch). „Yes, I am your little Monkey. little Monkey . . .u „Bravo — du warst vorzüglich, Darling —** ruft er. „Was sagst du* Lea, hat sie ee nicht prachtvoll gemacht"?'' „Aber einmal hast du die falsche Schnur gezogen, Pappi — wir haben anders probiert; Weisst du nicht mehr — rechter Arm — linker Arm —" Lea drückt das Kind an sich: „Mein Liebling — du siehst so müde aus!'* Sally, jetzt vor dem Spiegel, wendet sich um; „Kid bleibt liegen bis zum Auftritt!" ..Sage nicht Kid —" murmelt Lea unwillig. Für sie bleibt die kleine Tochter ^Mirjam" - . >. „Aber Mammy — mir gefällt der neue Name!" Sally seufzt und schweigt B!r kennt die Widerstände — er versucht hier wie früher als Kaufmann, seine Leistung zu steigern durch Energie und verbissenen Fleiss. Sein wacher Geist hilft ihm, das Notwendige zu tun. Er reibt sich jetzt hastig das Gesicht ab. Mit unbewusstem Aufatmen verfolgt die Frau, vne sich das vertraute dunkeläugige, etwas melancholische Antlitz herausschält, das ist Sally, ihr Mann! Sie betrachtet ihn stumm. „Hilf mir doch — rasch die Sachen! Wie. spät ist es schon?" Sie fragt mit zweifelnder Freude: „Wo willst du denn hin?" Er greift nach dem Anzug und tritt hinter den Wandschirm. Das Kind ruft dazwischen: „Pappi geht doch zum Tempel! Hast du vergessen, Jahrzeit für den Grossvater!:' Lea beugt sich errötend über sie und deckt sie zu. Ihr ganzes Wesen ist in Aufruhr: ,.Gott sei gelobt! Er ist fromm geblieben!" Sie schämt sich ihres Zweifels. ,.Du hast mich, nicht erinnert", sagt Sally ruhig. In e-eiuer Stimme ist kein Vorwurf. Aber Le3 spürt dennoch, wag in ihm vorgeht.

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