Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 3 (20.1.1938)
- Date
- 1938-01-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 4 C.-V.-Zeitung richtete er die dringende Aufforderung, dass sie, wenn das Jahr 1938 auf der Einnahmeseite enttäusche, mitten im Jahr auch die Ausgaben rücksichtslos abstoppen müsse und sich nicht darauf stützen dürfe, dass der Kaushaltsausschuss — und das empfehle er namens des Ausschusses auch dem Rat — einstimmig für Annahme des Etats eingetreten sei und ipeinem gewissen Optimismus noch einmal das zugrunde gelegt habe, was von der Reichsvertretung bisher geleistet worden sei. Die GeneralausspracLe Bei der Beratung der einzelnen Positionen des Sachetats (wir haben in grossen Zügen bereits in der letzten Ausgabe der C.-V.-Zeitung darüber berichtet) —, der sich auf insgesamt 3,90 Millionen Mark beläuft, während im Jahre 1936 4,6 Millionen eingesetzt und 3,96 Millionen ausgegeben, 1937 3.98 Millionen eingesetzt und 3.94 Millionen ausgegeben worden waren —, kam es insbesondere zu einer Debatte bei der Position Berufsausbildung und Berufsumschichtung (Berichterstatter: Rosenthal-Berlin). In ihr wurde u. a. festgestellt, dass mit den angesetzten Mitteln höchstens 400 junge Menschen Ostern neu der Berufsausbildung zugeführt werden könnten, während der Bedarf für 500 weitere vorhanden und es ein grosses und schweres Problem sei, was mit diesen geschehen soll. Es wurde dabei jedoch der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass es gelingen möge, die zur Bezuschussung für diese weiteren 500 jungen Menschen notwendigen 150 000 Mark aus anderen Etatpositionen freizumachen. Für die Aufgaben der Wanderung (Berichterstatter: Oertinger-Frankfurt) wurden insgesamt 1,34 Millionen Mark bewilligt, wobei äber festgestellt wurde, dass sich die einzelnen Wanderungsorganisationen grösster Sparsamkeit in ihrer Geschäftsführung und in ihrem Sachaufwand zu befieissigen hätten. Genehmigt wurde weiter der W o h 1 - fahrtsetat (Berichterstatter: Rosenthal-Berlin) mit rund 480 000 Mark. Zu einer längeren Aussprache führte die Position „Religiöse Einrichtungen'*' (Berichterstatter: Ministerialrat a. D. Dr. Fuchs-Berlin), die mit 118 000 Mark dotiert ist und insbesondere die Zuschüsse an die drei Rabbinerseminare enthält. Die Ansichten über die finanzielle Notwendigkeit und allgemeinjüdische Berechtigung einer Aufhebung des Breslauer Seminars, das auf eine grosse Tradition zurückblickt, gingen dabei weit auseinander, und der Antrag des Präsidialausschusses und des Haushaltsausschusses, Rabbiner Dr. Grünewald- Mannheim mit der Prüfung dieser Frage zu betrauen, verfiel mit 13 gegen 10 Stimmen der Ablehnung, so dass die Anstalt zunächst unverändert erhalten bleibt. Für „Kulturelle Einrichtungen (Berichterstatter: Ministerialrat a.D. Dr. Fuchs-Berlin), insbesondere für Zuschüsse für Kulturbünde, wurden 61 000 Mark bewilligt, auch hier mit der Massgabe, dass grösste Sparsamkeit auf allen Gebieten notwendig sei. In einem gewissen Gegensatz zu dieser Aufforderung stand der unerwartet auftauchende Antrag, weitere 5000 Mark für die Palästina-Filmstelle "bzw. ihren eventuellen Ausbau zu einer jüdischen Filmstelle zu genehmigen. Die Debatte kam schliesslich zu dem Ergebnis, dass der Antrag dem Präsidialausschuss zugeleitet werden und von diesem mit seinem Votum vor den Haushaltsausschuss gebracht werden soll. Die Etatposition blieb also unverändert. Dem S c h u I e t a t (Berichterstatter: Ministerialrat a. D. Dr. Fuchs-Berlin) mit rund 720 000 Mark wurde gleichfalls zugestimmt, dabei jedoch zum Ausdruck gebracht, dass durch Organisationsvereinfachung bei einzelnen Stellen, zum Beispiel der Mittelstelle für Erwachsenenbildung, in Zukunft Ersparnisse erzielt werden müssten. An dieser Stelle forderte Oberstlandesgerichtsrat Neumeyer-München die jüdische Bevölkerung Deutschlands auf, freiwillige Beiträge für die Förderung der jüdischen Wissenschaft zu geben. Als Zuschüsse für die Jugend- und Sportverbände sowie zur Errichtung von Sportplätzen und Uebernachtungsbeimen (Berichterstatter: Rosenthal-Berlin) sind in den Etat der Reichsvertretung insgesamt 95 000 Mark eingesetzt worden. Zu einer längeren Debatte führte schliesslich noch der Personaletat (Berichterstatter: Staatsrat a. D. Lippmann-Hamburg), der im letzten Jahr gegenüber einem Ansatz von 240 000 RM 280 000 RM erfordert hatte und für 1938 mit 250 000 RM angesetzt ist. Hier, wie in dem Verwaltungsetat von 138 000 RM (Vorjahrsverbrauch 162 000 RM gegenüber einem Ansatz von 157 200 RM). soll das Aufgabengebiet der bereits oben erwähnten dreigliedrigen Kommission liegen. Ihre Einsetzung wurde namens des Präsidialausschusses und der Geschäftsführung von den Herren Dr. Hirsch, Dr. Seligsohn und Rabbiner Dr. Baeck in der Hoffnung begrüsst, dass sie den in der täglichen Arbeit Stehenden gangbare Wege und Möglichkeiten für Ersparnismassnahmen aufzeigen werde. Insbesondere Rabbiner Dr. Baeck äusserte sieh in eindrucksvollen Worten über die gewaltige Arbeitsleistung der gesamten Angestelitenschaft der Reichsvertretung. Er wies darauf hin, dass sich die Reichsvertretung den grösseren Aufgabenkreis nicht freiwillig erwählt habe, sondern dass er ihr zugewachsen sei. und dass, unter Berücksichtigung der augenblicklich notwendigen Arbeitsleistung oft bis in die tiefen Nachtstunden hinein, der Personaletat nicht zu hoch, sondern eher zu niedrig sei. Von seifen des Rates wurde durch die Herren Staatsrat a. D. Lippmann-Hamburg und Bendix-Köln noch einmal ausdrücklich klargestellt, dass man sich bei Einsetzung der Kommission nicht von irgendwelchem Misstrauen gegen Präsidialausschuss und G e s c h ä I t sführung leiten Ii esse, sondern sich auf diese Weise gegenseitig helfen wolle, Möglichkeiten für die Durchführung der notwendigen Sparmassnahmen zu finden. Dabei solle an Struktur und Aufbau der Reichsvertretung auf Grund der Beschlüsse vom Juli 1937 in keiner Weise etwas Grundsätzliches geändert werden. In seinem Sehlusswort stellte Präsident Dr. Baeck noch einmal fest, dass er und die Geschäftsführung mit diesen Ausführungen absolut übereinstimmten. Nach Annahme der an anderer Stelle wiedergegebenen Resolution und Dankesworten von Oberlandesgerichtsrat Neumeyer an den Generalreferenten Staatsrat a. D. Lippmann sowie an Präsidium und Geschäftsführung der Reichsvertretung, schloss Rabbiner Dr. Baeck mit herzlichen Worten der Anerkennung für die vom geschäftsführenden Vorsitzenden der Reichsver.tretung Dr. Otto Hirsch und seinen Mitarbeitern geleistete Arbeit die Tagung. H. W-l. Von dem Preussischen Landesverband jüdischer Gemeinden geht uns die folgend© Erklärung zu: Der in Nr. 2 Ihres geschätzten Blattes enthaltene Artikel „Indiskrete Fragen" des Rechtsanwalts Dr. Hans Callmann enthält die folgenden irrtümlichen Annahmen, deren Richtigstellung im Interesse der Aufklärung der Oeffentlichkeit nötig ist und zu der wir uns deshalb für verpflichtet halten: 1. Der Rat des Preussischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden hat nicht den Beschluss geiasst, das eine Verhandlung mit den anderen Landesverbänden erfolgen soll. Der ergangene Beschluss lautet vielmehr dahin, dass die Berliner Dezernenten ermächtigt w-erden, in solche Verhandlungen einzutreten. Der Rat hat es somit dem Ermessen der Dezernenten überlassen, ob sie von der Ermächtigung Gebrauch machen wollen oder nicht. 2. Der Beschluss wurde zwar alsbald veröffentlicht, aber nicht, wie man nach dem Zusammenhang annehmen müsste, in dem dies in dem Artikel dargestellt wird, von dem Preussischen Landesverband.. 3. Der Preussische Landesverband hat nicht eine Mehrzahl von, Presse-Erklärungen ergehen lassen, sondern nur eine einzige. In dieser ist nicht zum Ausdruck gebracht worden, dass der Landesverband dem in der Ratssitzung angenommenen Antrage „Wichtigkeit" beigemessen habe. * Wir geben der Erklärung gern Raum. Es ist nicht anzunehmen, dass unseren Lesern alle Einzelheiten unserer wiederholten Auseinan» dersetzung mit der Resolution des Rats noch in Erinnerung sind. Wir möchten deshalb nur kurz bemerken, dass unsere grundsätzlich ablehnende Haltung gegen sie unvermindert fortbesteht. Voranzeigen Berlin: 24. Januar, 20.35 TJlir: Künstlerhiife der Jüdischen Gemeinde. ,.Uligehörte Stimmen." Werke von Kurd Adler, Walter Call Hans Ehrenbaum-Degele, George A.. Goldschlag. Walter Heymann, Franz Kafka, Alfred Lichtenstein," Kachel BJu\vstein (übertragen von Kurt Mayer). Vorspruch: Jakob Picard. Klubheim des Jüdischen Frauenbundes, ilarburger Str. 5. 24. Januar, 20 Uhr: Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Dr. Faul Eppstein ,,BevöIkerungswissenschan als Grundlage einer Soziologie der Juden". Lehranstalt, Artilleriestr. 14. 23. Januar, 20.15 Uhr: Jüdischer Centrai-Verein. Vortragsahend Jakob Picard. Mitwirkende: Helene Lachnianski- Schaul, Godfried Zeelander, Hansjurgen Remis. -Grosser Saal des Brüdervereinshauses. Kurfürstenstr. 115'16. 26. Januar, 20.15 Uhr: Bezirksgruppen Westen. Süden und Südosten des Verbandes Berlin des Jüdischen Frauenbundes. Dr. Arnold Horwitz „Ueberseewanderang. Probleme und Ziele". Klubheim, Marburger Str. 5. C.-V.-Veranstaltungeii 24. Januar: Landesverband Oberschlesien, Ortsgruppe Beutlien. Dr. Ludwig Lewinski (Oppeln) „Jüdische Gemeindeaufgaben und jüdisches Gemeinschaftsbewusstsein". Kulturbundräume, Schiesshausstrasse 6, I. * In den Vorstand der Mannheimer Ortsgruppe des C.-V. wurden gewählt: Zum 1. Vorsitzenden Justizrat i. R. Dr. Julius Appel, zum 2. Vorsitzenden Dr. Martin Fried mann, zum Kassierer Hermann T a u s i g, zum Schriftführer Dr. Hans Lurch. Dem Vorstande gehören ausserdem zehn Beisitzer an. Geschäftsführer ist Erich Sonnemann. * Ueberaus eindrucksvoll verlief die Delegiertentagung, die der Landesverband Mitteldeutschland am Sonntag. 16. Januar, in Halle a. d. Saale im grossen Gemeindesaale abhielt. Aus allen Teilen Mitteldeutschlands waren die Delegierten erschienen und bewiesen so die Verbundenheit, die bis in. die kleinsten Gemeinden hinein zwischen dem C.-V. und seinen Mitgliedern besteht. In seiner Begrüssungsansprache gedachte der Landesverbandsvorsitzende Rudolf- A p t (Dresden) Nr. 3* 20. Januar 1938 der dahingegangenen führenden Persönlichkeiten des C.-V., des Landesverbandes und se'ner Ortsgruppen, zu deren Gedenken sich die Anwesenden von den Plätzen erhoben. Sodann gab er einen gedrängten Ueberblick über den vielgestaltigen Aufgabenkreis der Organisation. Nach ihm nahm der Syndikus des Landesverbandes, Kurt Sabatzky (Leipzig), das Wort zu einem eingehenden Situationsberieht über Mitteldeutschland. Dr. Alfrend Hirschberg hielt ein umfassendes großzügiges Referat über „Unsere jüdische Lage". Nach einer Mittagspause fand eine lebhafte Aussprache statt, in der eine Reihe von wichtigen Anfragen gestellt und beantwortet wurde. Der geschäftsführende Vorsitzende des Landesverbandes, Landgerichtsrat a. D. Dr. Kurt Cohn (Chemnitz) schloss die Tagung mit einem Dank an Redner. Delegierte und gastgebende Ortsgruppe und rief die Delegierten zur nachhaltigen Mitarbeit am C.-V. auf. K. S. bearbeitet von P. Rosenblatt Schachaufgabe Nr. 116 von L. Sehor (Haagsehe Post 1922) Matt in drei Zügen Weiss: Kc7, Db.3, Le3, Sdl, Sf6, Bb6, c2, d6, fo, gö (10) Schwarz: Ke5, Taö, La8, Lh2, Sa2, Bai, a6, c4, c6, ei> hö (11) * Lösung der Aufgabe Nr. 115: 1. Sf5—d6, KgSXbi; 2. Sd6—e-1, g6—go; 3. Se4-g3, f4Xg3f; 4. f2Xg3 matt. , . o . Kgö—f6; 2. Th4—h7, g6—g5; 8. $06— e4 (e8)f, Kf6—g6; 4. Ld7—fö matt. * Richtige Lösungen gingen ein von: Bernhard Loeb (Bingen), Gerhard Lewisohn (Quedlinburg), Landg.-Rat a. D. Dr. Karl Ulrich (München), Walter Simon (Duisburg-Hamborn), Tierarzt Max Koschminski (Landsberg), Gottfried Gumbel (Stuttgart), Karl Bechhöfer (Nürnberg), Kantor D. Cohn (Koblenz), Landg.-Rat i. R. Emil Bacharach (Arnberg), Siegmund Austerlitz (Giessen), Rechtsanwalt Dr. Ernst Boehm (BriegX Alfred Dzialoszynski (Breslau), Reg.-Bmstr. L. Hirschfeld, Dr. med. Gerhard Böhm, Dr. med. Herbert Picard. Paul Silberstein. Erwin Fraenkel, Gustav Lewi, N. Süssermann (Berlin), Dr. med. J. Meyerhoff (Rotenfels), Kantor W. Schul (Gelsenkirchen). « Weitere richtige Lösung von Nr. 114: Justizrat Kurt Jacusiel (Berlin). Schaehbriefkasteu. B. L. (Bingen). Das beiderseitige Springerschach im 3. Zuge (Nr. 115) ist keine Nebenlösung, sondern nur ein Dual, welches hier belanglos isj dann — ja, dann vernahm ich. was nach Wochen geschehen. Man hatte ihn wieder zu Herrn P. geschafft? wohl nur nach schweren Kämpfen. Delila hatte es erreicht, nachdem sie von gehässiger Falschheit dazu gedrängt worden. Es handelte sich um die Feier dessen, den Simson einst zu Boden geschlagen. Jetzt konnte er sich wieder regen, und derselbe „Künstler" war es, der seinen Feind im Elend sehen wollte. Simson wurde von dem Knaben in die lüstern gaffende Gesellschaft geführt. Aber heute liess man ihn nicht ruhig sitzen. Die Gruppe um den Rachsüchtigen forderte laut und frech, dass auch er etwas „bieten" sollte. Delila hatte seine Laute mitgebracht. Simson betastete das liebe Instrument, und es soll der erschütterndste Eindruck gewesen sein, als er erkannte, es war wirklich seine Laute. Aber er weigerte sich, er wollte hier nicht spielen, es brannte in ihm ein furchtbares, grimmes Leid, dass man hier zu gaffen und zu lächeln wagte, dass man vor blöde, lüsterne Augen herauslocken wollte, was er in Entsagung mühsam verschüttet. Herr P. und seine Frau bewährten ein feineres Gefühl. Sie nahmen den Hilflosen, der sich stammelnd sträubte, in Schutz. Sie wollten die Rädelsführer, obwohl sie ihre Kunden waren, um ihr böses Vergnügen bringen. Es half nichts — Delila wurde losgelassen, Delila erreichte auch das bei Simson. Nur eines hatte die ganze Kumpanei nicht beachtet: Simsons Kopf hatte sich inzwischen verwandelt, geschoren war der geblendete Riese nichfmehr. Schon umsäumten dunkle Locken sein bleiches, verzerrtes Gesicht. Plötzlich erhob er sich, als ob es nun doch sein eigener Entschluss wäre. Es musste eine Eingebung über ihn gekommen sein. Er liess sich von dem Knaben auf das Podium führen. Es war ein kaum erträglicher Anblick, ihn mit geschlossenen Augen singen zu sehen. Still wurde es im Saal, kein Lachen und kein Flüstern mehr war hörbar. Eine unheimliche Gewalt schien die Menge in graue Arme zu nehmen. Kein Humor mehr war bei Herrn P., kein Uebermut. Die ernsteste Stunde schlug. Simson sang nur ein Lied, das man kannte. Es wurde schüchtern beklatscht. Dann glitt er tiefer und tiefer in seitsame Wirrnis ab. Niemand wusste mehr, was er sang, ob es eben erfunden, ob es überhaupt noch Sinn und Gestalt hatte. Er stöhnte, er jauchzte, er raste. Mit unerhörter Gewalt entströmte ihm die Klage und Anklage des Schicksals. Fluch den Freunden, Fluch den Frauen, Fluch den Banausen — man hörte nur noch Fluch. Schon standen einige auf, angstvoll empört, und konnten noch das Lokal verlassen. Sie gaben ein-Signal für die Mehrheit. Plötzlich erhob sich alles, denn der blinde Sänger schien um den Verstand gekommen zu sein. Er schrie und tobte und schlug mit der Laute um sich. Er zertrümmerte sein kostbares Instrument. Raserei ergriffnen Gewaltigen. So entstand eine Panik. Herr P. konnte nichts verhindern. Die Polizei, die er zu Hilfe rief, richtete nichts aus, da sie nicht in den Saal gelangte. Das kopflos fliehende Publikum drängte ihr entgegen. Plötzlich ertönte ein gellender Schrei: „Feuer!" Was geschehen, ob Simson selbst es verschuldet, ob ein unvorsichtiger Raucher die Vorhänge in Brand gesteckt — das Element war mit dem Blinden und' griff furchtbar um sich. Es wurde eine grenzenlose Katastrophe. Ein Knäuel von Wut und Grauen und Todesangst. Viele sind damals zugrunde gegangen. Auch Simson und Delila, inmitten der „Geniesser". Herr P. verlor seinen erfolgssicheren Verstand. Paul Franlo und Hans W ei gel haben eine neue Komödie „Eine Stunde Verspätung" vollendet. Jüdische Selbstkritik Das Januarheft des „Morgen" Das neue reichhaltige Heft dieser reichhaltigsten jüdischen Zeitschrift in deutscher Sprache wird, absichtlich oder zufällig, von einem Hauptthema, einem Leitmotiv beherrscht, das in sämtlichen, auch den kleinsten Beiträgen, durchklingt: Selbstkritik. Juden üben hier rücksichtslose, illusionsbekämpfende Kritik an sich selbst und an ihren aktuellen Angelegenheiten. Der Leitartikel „Moralische Zwischenbilanz" übt diese Selbstkritik an der Personalpolitik, Wanderungs-, Sozial- und Kulturpolitik der in Deutschland verbliebenen Juden, vom Moralischen ausgehend, aber immer auf das praktische zielend. Arthur Prinz stellt in dem grossen Aufsatz „Am Wendepunkt" eine doppelte Forderung in der Palästinafrage wie für das jüdische Wanderungsproblem im allgemeinen. Einen glänzend und überraschend geschriebenen Beitrag gibt Leo Hirsch im „Letzten Kapitel". Er analysiert und kritisiert einen Artikel des jüdischen Publizisten Gedaljah Bublik. der wiederum die Erscheinung analysiert und kritisiert, dass in Amerika die Bedeutung der einst aus Deutschland eingewanderten, zu Reichtum und Kultur gelangten Juden als Gruppe erloschen sei, nachdem, wie oft in der jüdischen Geschichte, das jüdische Volk als Masse, also in diesem Fall die aus Osteuropa übers Meer gekommene Judenhek, ihr Schicksal allein in die Hand genommen habe. Es Hesse sich demnach, meint Hirsch, aus den Erfahrungen der jüdischen Wanderung ableiten, dass „die Zivilisation der schon sesshaften Minorität von der Dynamik der erst immigrierenden Majorität überschwemmt und weggeschwemmt wird". Diese These zerpflückt Hirsch als „Vergewaltigung ' der Wirklichkeit" angesichts der wechselnden Vielfältigkeit jüdischen Lebens io Amerika. Die im ..Morgen" scoon trieb nach mit begabten dichterischen Beiträgen hervorgetretene Gina G ä r 11 e r gibt unter dem Titel „Begegnungen" novellistisch-psychologische Erinnerungen einer Jüdin aus ihrer Mädchenzeit: Schulerlebnisse. Julius Bab erstattet einen ausführlichen Bericht über Gerhart Hauptmanns am wenigsten bekannte, von Bab besonders geschätzte dramatische Dichtung „Das Hirtenlied", jener Jacobsgeschichte, die eigentlich „Patriarchenluft" heissen sollte — auf Grund der jetzt erschienenen, vervollständigten Ausgabe des Fragments von Felix A. Voigt. Gleich zwei sehr achtungsvolle Kritiker findet Hans Joachim Schoeps' Buch vom jüdisch-christlichen Religionsgespräch : Eduard S t r a u s s und S c h a - lom ben Chorin, der sich besonders mit der Zurückweisung der Rosenzweig-Schoepsschen These beschäftigt, dass das Judenvolk, das für sich allein den Bund am Sinai für verpflichtend halte, den Golgatha-Bund als „für die Weltvölker" bindend und zum gleichen Gott führend annehmen könne. Lutz Weltmann kritisiert das zur Zeit in aller Welt viel gelesene Buch über Madam Curie, geschrieben von ihrer Tochter. M. |. ben G av r i e 1, der zum ersten Male seit 10 Jahren Palssiina verlässt, erkennt beim Besuch Athens mittels scharfer Selbstkritik die Versunkeuheit des alten Hellas; Kritik bedeuten die „Bilder und Gleichnisse" von Herbert Connor, und noch eine Glosse über einen Kater wird zu sozialer Kritik. Jüdische Selbstkritik bedeuten die. mit Recht, allerdings zu völlig positiven Urteilen gelangenden Betrachtungen zweier jüdischer Frauen über zwei bedeutende jüdische Männer. Gabriella Rosen thal spricht über den weltberühmten, kürzlich hochbetagt verstorbenen Münchener Antiquar Jacques Rosenthal, und Eva Reichmann-Jungmann dankt, anlässlicb seines Jubiläums, Leo. Baeck im Namen des Judentums in Deutschland, das „an zwei wesentlichen Etappen seines Weges in Leo Baeck seinen Ausdruck gefunden hat", als er das „Wesen des Judentums" schrieb, und als er die Führung der Reichsvertretung übernahm. ..Man denkt Leo Baeck, wenn man Judentum in Deutschland denkt." K. p.