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Central-Verein-Zeitung · 1938-01-20 · 3 (20.1.1938) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
3 (20.1.1938)
Date
1938-01-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 3 * 1. Beiblatt 20. Januar 1938 * Seite 3 Die Ratstagung der Reiclisvertretuiii Genehmigung des Etats In der schönen, geräumigen Aula der Josepb- Lehmann-Schule in Berlin, die für die Tagung derartiger Körperschaften ihre besondere Eignung erwies, fand die Ratssitzung der Reichsvertretung statt. Sie hatte den Etat für das, laufende Jahr zu genehmigen. Man konnte die erfreuliche Feststellung machen, dass eine allgemeine Uebereinstimmung in den Anschauungen und in den Beschlüssen bestand, die denn auch darin ihren Ausdruck fand, dass der Etat mii 4,35 Millionen RM nach fast neunstündiger Beratung im ganzen einstimmig genehmigt wurde. Nur wenige Punkte gaben Änlass zu Kontroversen, dafür aber um so mehr Positionen Gelegenheit zu eingehenden Debatten, in denen vor allem auch die Auffassung der Ratsmitgli.eder aus dem Reich zum Ausdruck kam. Man kann allerdings einzelnen Rednern den Vorwurf nicht ganz ersparen, dass ihnen die Bedeutung dieses Etats als Not-Etat nicht genügend vor Augen stand, so dass es bei manchen Punkten des Eingreifens des ausserordentlich kenntnisreichen und verantwortungsbewussten Generalberichterstatters des Haushaltsausschusses, Staatsrat a.D. Lippmann (H a m b u r g) bedurfte, um klarzustellen, dass eine Erhöhung einzelner Positionen überhaupt nicht in Frage kommen könnte, dass man sich vielmehr für die Zukunft auf eine wesentliche Reduktion des Gesamtetats entsprechend der wachsenden jüdischen Notlage und der fortlaufend geringer werdenden jüdischen Bevölkerung in Deutschland gefasst machen müsse. Höhepunkt der Tagung waren zweifellos die beiden Reden ihres Präsidenten, Rabbiner Dr. Baeck, sowie die einstimmige Annahme der nachstehenden Entschliessung ,Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland hat in Zusammenarbeit mit den jüdischen Landesverbänden, Gemeinden und Organisationen sich bemüht, den Raum, der den Juden in Deutschland geblieben ist' mit Sinn und Inhalt zu erfüllen. In ihren Massnahmen durfte sie •sich auf die Zustimmung und Mitwirkung des ■weitaus grössten Teils der Judenheit in Deutsehland stützen. So hat sie den geschichtlichen, oft so schwierigen Umwandlungsprozess auf fast allen Gebieten des jüdischen Lebens massgebend beeinflusst Seit Jahren steht die Auswanderung, die Schaffung von Einrichtungen, die ihr und ihrer Vorbereitung mittelbar oder unmittelbar dienen, im Vordergrund des Sorgens und Handelns der Reichsvertretung. An die Stelle der unruhigen und ziellosen Auswanderung wurde mehr und mehr das, Prinzip der Ordnung und Planung gesetzt Die Reichsvertretung sieht es als ihre Pflicht an, auch dem Verlangen nach Beschleunigung der Auswanderung Rechnung zu tragen. Sie sieht sich aber genötigt, vor übertriebenen Erwartungen zu warnen. Die Möglichkeiten der Auswanderung hängen nicht nur von ihrem Willen und der Arbeit der Wanderungsorganisationen ab, sondern vor allem von der Bereitwilligkeit der anderen Länder, ihre Tore für die Juden aus Deutschland, ebenso wie auch für die ans Osteuropa, offen zu halten. Darauf hat aber die Reichsvertretung keinen bestimmenden Einiiuss. Sie kann nicht Wunder tun und sie vermag nicht, die Bedingungen, die ihrer Absicht in der Welt entgegenstehen, zu ändern. Bei einer planlos sich vollziehenden Auswanderung kann sie eine .Verantwortung für ihren geordneten Vollzug nicht übernehmen. Die Reichsvertretung richtet in dieser Stunde einen Appell an die Palästinaregierung, den Juden m Deutschland, vor allem den ausgebildeten jungen Juden, die sich für den Aufbau Palästinas einsetzen wollen, den Weg dorthin nicht zu verlegen. Sie richtet ihren Appell an die - überseeischen Länder, insbesondere an die mit dünn besiedelten Gebieten, durch Gestaltung und Handhabung der Einwanderungsbestimmungen eine grössere Zahl nützlicher Einwanderer aufzunehmen. Ein erheblicher Teil der in ihrer Zusammensetzung stark überalterten Judenheit in Deutschland ist auswanderungsunfähig und wird seine Tage in Deutschland beschliessen müssen. Soll er nicht der öffentlichen Wohlfahrt anheimfallen, so dürfen ihm die Erwerbswege nicht völlig verschlossen werden. Auch die Fortsetzung geordneter Auswanderung — und nur diese hält die Einwanderungstore auf die Bauer offen — ist nur möglich, wenn die wirtschaftliche Existenzfähigkeit der Juden in Deutschland nicht noch weiter geschmälert wird. Nachdem die Juden .aus dem staatlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben und aus allen führenden wirtschaftlichen Stellungen ausgeschaltet sind, bitten wir deshalb die Reichsregierung, dass der Verringerung der Erwerbsmöglichkeiten für die Judenheit in Deutschland Einhalt getan werde. Brietfuaricaii - mtz Lewsn Beresn W 35, LützowsSrasss 91 A. Wir hoffen ferner, dass die Möglichkeit des persönlichen Verkehrs zwischen den Ausgewanderten und ihren Angehörigen, die in Deutschland zurückbleiben müssen, nicht unterbunden wird. . An die Juden in Deutschland wendet sich die Reichsvertretung mit der Bitte. Geduld zu bewähren und angesichts der gesteigerten Anforderungen, die "an sie gestellt werden, nicht müde zu werden. Ohne Lebensmut und Selbstachtung sind unsere Aufgaben nicht zu lösen. In der Erwartung, dass diese Erklärung mit Verständnis, Vertrauen und Hilfsbereitschaft beantwortet werden wird, verbindet sich die Reichsvertretung mit jedem einzelnen Juden in Deutschland.'' In seinen einleitenden Worten wies Rabbiner Dr. Baeck darauf hin, dass hinter den Ziffern des Etats das Leben der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland stehe, der die Arbeit der Reichsvertretung gelte. Ihre Aufgabe, die durch die schwierige Lage der Juden in vielen Ländern und die fortdauernde Verringerung der Einwanderungsmöglichkeiten nicht leichter werde, habe sie mitten in die Geschichte und die Welt hineingestellt. Dass die Juden in Deutschland wieder ein Volk von Wandern d en geworden seien, bestimme die Arbeit der Reichsvertretung in erster Linie. Wenn man auch mit mancher Einzelleistung noch nicht zufrieden sein könne, so sei doch etwas Grosses geleistet worden: an die Stelle von Emigranten seien Kolonisten und an die Stelle p 1 a nlosen Umherziehens planvolle Wanderung getreten. Im Zentrum der Arbeit der Reichsvertretung stehe daher auch das grosse Werk der Berufsumsehichtung und der Berufsausbildung der Jugend. Darum herum gruppieren sich zwei nicht minder wichtige Probleme: das der ganz Jungen: die jüdische Schule, — das der Alten: die Altersversorgung. Rabbiner Baeck schloss seine Ausführungen mit einem starken Appell an die Juden, den Lebensmut und den Glauben an den Sinn jüdischen Lebens nicht zu verlieren. In die sachliche Beratung führten dann die Ausführungen des geschäftsführenden Vorsitzenden der Reichsvertretung, Dr. Otto Hirsch Seine Darlegungen befassten sich insbesondere mit der Einnahmeseite des Etats, die sich zusammensetzt aus der von den Gemeinden bzw. Landesverbänden erhobenen Umlage von 0.8 Millionen RM, dem geschätzten deutschen Sammelaufkommen von rund 0,749 Millionen Reichsmark und dem gleichfalls nur geschätzten Aufkommen ausländischer jüdischer Hilfsorganisationen von 2,8 Millionen RM. Dr. Hirsch Hess aber keinen Zweifel daran, dass das Steueraufkommen in Deutschland durch den fortschreitenden Verarmungsprozess der Juden in den nächsten Jahren erheblich zurückzugehen drohe. Er zog daraus die Folgerung, dass nicht nur verstärkte Sammlungsanstrengungen gemacht werden, sondern auch eine Zusammenfassung und Zentralisierung des gesamten jüdischen Sammlungswesens erfolgen müsse. Auch bei dem Auslandaufkommen sei für die nächsten Jahre mit einem nicht unerheblichen Rückgang zu rechnen, da die Anforderungen an die Juden in der Welt durch die Entwicklung in Polen und Rumänien immer grösser würden, während andererseits die Mittel durch die ungünstigere Wirtschaftslage in vielen Ländern spärlicher zu fliessen begännen. Es bedeute schon sehr viel, wenn vom Ausland im laufenden Jahre die gleichen Beträge wie 1937 eingingen. Man müsse sich deshalb bereits jetzt die grundsätzliche Frage überlegen, wie man diese Ausfälle in den kommenden Jahren ausgleichen könne. Eine scharfe Reduktion der Ausgaben müssten in Angriff genommen werden. Bei einem kurzen Üeberblick über die Ausgabenseite wies Dr. Hirsch darauf hin, dass von den vier grossen Aufgaben der Reichsvertretung: Schule, Wanderung, Berufsausbildung und Wohlfahrt die beiden ersten in diesem Etat noch einigermassen ausreichend dotiert werden konnten, während dies bei den beiden letzten Positionen keineswegs der Fall sei. Das Etatsreferat Ueber den Gesamtetat referierte namens des Haushaltsausschusses des Rates als Generalreferent Staatsrat a. D. Lippmann- Hamburg. Er ging von der Feststellung aus, dass am 1. Januar 1937 bei der Reichsvertretung ein Defizit von 170 000 RM bestanden habe, wobei man aber hoffen dürfe, dass noch 20 000 RM nachträglich eingehen, so dass per 1. Januar 1937 mit einem Defizit von 150 000 RM zu rechnen sei. Mit dem in den Etat 1937 eingesetzten Ausgabeposten von 4,3 Millionen RM sei die Reichsvertretung im wesentlichen ausgekommen. Sie habe infolge erheblicher neuer Aufgaben allerdings 30 000 RM mehr verbraucht. Das Inlandsaufkommen sei 1937 erfreulicherweise um 170 000 RM höher gewesen als vorausgesehen, während das Auslandsaufkommen einen Rückgang von rund 270 000 RM zu verzeichnen hatte. Per 1. Januar 193S habe sich daher das Defizit der Reichsvertretung auf rund 2 5 0 0 0 0 R M erhöht. Die Aufgabe der Finanzverwaltung sei es, dieses Defizit durch äusserste Sparsamkeil in der Geschäftsführung so schnell wie möglic'a abzudecken, da es nicht angängig sei, dass eine Körperschaft wie die Reichsvertretung ihre Ausgaben anders — etwa durch Bankkredite oder Kredite von Organisationen — decke; als durch ihre ordentlichen Einnahmen. Der Etat für 193S sei so aufgestellt, dass trotz aller Unsicherheitsfaktoren die Hoffnung bestehe, einen grösseren Teil des Defizits mit abdecken z u k ö n n e n. Im Zusammenhang mit den notwendigen Sparmassnahmen befasste sich der Referent insbesondere mit der Frage, ob die A»M,bi^SeiAHi8M««n«a ROBERT WÜLFERS, W 15 ÄS^OSiÜSFUSIgSn Kurfürstendamm 48/49 PfJ&sternnsjen. Bürgrersteig'e, — Telephon: 924756 Reichsvertretung finanziell nicht dadurch zu entlasten sei, dass ihr gewisse Aufgaben abgenommen und auf andere Organisationen übertragen werden könnten. Bei allem unbegrenzten Vertrauen, das der Haushaltsausschusszu der Geschäftsführung der Reichs Vertretung habe, sei er mit dieser gemeinsam zu dem Vorschlag der Ernennung einer Konnnission gekommen, die aus den Herren Dr. Alexander, Dr. Fuchs und als Stellvertreter Dr. Rau bestehen soll. Sie soll in eingehender Prüfung die Möglichkeiten solcher aufgabenmässiger Veränderungen, die jedoch an der Struktur der Reichsvertretung nichts ändern dürften, sowie der Durchführung von Sparmassnahmen in der Haushaltsführung untersuchen. Darüber hinaus müsse das Judentum in Deutschland, den Mut haben, durch die Tat dem Umstand Rechnung zu tragen, dass es wesentlich kleiner und leistungsschwächer geworden sei. Lippmann erörterte dabei vor allem die Möglichkeit der Verminderung der Zahl gewisser Anstalten, so zum Beispiel eine eventuelle Liquidation des Rabbinerseminars in Breslau und seine Zusammenlegung mit einer der beiden Berliner Anstalten. An die Geschäftsführung der Reichsvertretung Wwmf Jahre Bilfe mmd A.mihmmt Der Präsident des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, Mitglied des Rates der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, schreibt: „Hilfe und Aufbau" hat in den letzten Jahren vielen geholfen. Die >Tot ist grösser geworden, noch mehr Hilfe tut daher not! So stark die Ansprüche sind, die an jeden einzelnen gestellt werden: Gebt für Hilfe und Aufbau! Max M. Warhurg Simsoes Nacht Von Georg HirscKfeld Es war eine seltsame Lücke in der breiten Verkehrsstrasse, deren Bauten vom Geschmack der Lebewelt bestimmt worden. Ich weiss nicht, ob sie noch da ist, aber lange blieb sie sichtbar, wie ein Memento, eine stumme Warnung. Dieser Eindruck wurde besonders durch schwarze Brandflecken hervorgerufen, die an den Mauerflächen der Nachbarhäuser sichtbar blieben. Es handelte sich in der Tat um die düstere Historie einer Feuersbrunst, die den grössten Teil des verschwundenen Hauses zerstört hatte. Es gab dort ein sehr bekanntes Nachtlokal, eine jener „Vergnügungsstätten", deren Existenz man jetzt kaum noch begreift Der Wirt des Lokals war der Hausbesitzer, der mit seiner eleganten Frau üppig von dem Ruhm der Nächte lebte, die zahlungsfähige Gäste hier verleben konnten. Theater und Geschäftswelt, Fremde kamen. Selbst Jude, empfing Herr P. ein jüdisches Publikum, aber es blieb nur die latente Gefühlseinheit in der blasierten, nie gelangweilten Gesellschaft, die den jüdischen Zusammenhang nicht betonte. Ein Ethos wurde überhaupt vermieden, nur das Interessante galt, das Originelle, das für seine Geltung alles wagen durfte. Das Ganze war ein modernes Luxusrestaurant, die Unterhaltungen, die es bot, ein erfolgreiches Kabarett, ging scheinbar nicht von angestellten Künstlern aus, sondern wirkte improvisatorisch. Nur „Stimmung" schien Unvorbereitete miizureissen. Es gehörte zum Vergnügen, die Gäste den Sprung auf das Podium wagen zu sehen. In Wirklichkeit waren natürlich alle dem Wirt verpflichtet und wurden unter der Hand bezahlt. Es ergaben sich ganz wertlose Abende und solche, die Genialität offenbarten. Man musste Glück haben bei Herrn P. Der grossartigste Abend aber soll derjenige gewesen sein, der zugleich der letzte war und den tragischen Zusammenbruch gebracht hat. Simson war bekannt als ein sehr bedeutender Maler, der kindlich schwerfällige , urkräftige Mann, den man überall und im Reich des Herrn P. besonders Simson nannte. Sein Erfolg, von einem geschickten Kunsthändler ausgewertet, war wie ein Meteor erschienen und hatte dem primitiven Sohn eines Landstädtchens glanzvolle Jahre gebracht. Er war eigentlich unschön, aber von einer Lebenskraft, einer „Vitalität", wie man bei Herrn P. zu sagen pflegte, die erstaunlich war- Simson konnte alles wagen. Bummelnächten, in jeder Hinsicht verschwenderisch, folgten Arbeitstage von aszetischer Hingabe. Er war ein grosser Zeichner und schluderte nie. Dazu offenbarte sich seine Begabung ebenso in Liedern, die er zur Laute sang, mit einer südlichen Grazie, die bei diesem plumpen Riesen vollends überraschte. Man delektierte sich an Simson. Die Frauen wurden natürlich ein grosses Historienfeld. Eigentümlich parallel Hessen sich Simsons Abenteuer mit denen des biblischen Gewaltigen vergleichen. Auch dieser hatte bei den Kunstfremden und Geniessern geheiratet, und seine Ehe wurde ein Naturkampf. Von einer Afrikareise heimgekehrt, hatte er die Freunden anvertraute Frau bei frechem Verrat betroffen. In unbeirrbarer Moralität war Simson dem gebotenen Ersatz, der jungen Schwägerin, ferngeblieben, und plötzlich, mit verheerender Gewalt war seine Rache hereingebrochen. Man hatte ihn schon lange gereizt, da man sein Rätsel erforscht und durch ein Weib erraten hatte. - Auch mit einem Löwen hatte der neue Simson zu schaffen, denn er brachte aus Afrika Trophäen von der Löwenjagd mit. Als er sich an seinen Widersachern rächte, tat er es freilich nicht durch brennende Füchse, die er in ihre Kornfelder jagte, auch ging er nicht mit einem Eselskinnbacken auf sie los, aber man raunte von einem schrecklichen Strafgericht, und e i n „Gefallener", der sich lange nicht aufrichten konnte, galt in der unbiblischen Zeit für tausend. Eine Tatsache aber bot mehr Aehnlichkeit von einst und jetzt als alles: der ungeheure, nicht zu löschende Hass gegen Menschen, die ihn ausnützten. Dass er ihren Ränken unerreichbar blieb, dass er in wunderbarer Weise gefeit war, konnte niemand bezweifeln. Hier lag Simsons Geheimnis, das Mannes- und Weibes-Tücke nicht erriet. Schaudernd fühlte mancher: er musste wohl ein Verlobter Gottes sein. Seinen schlichten Eltern in der Heimat war er einst von einem Engel des Herrn verkündigt worden. Er war ein Künstler und stellte schaffend aus sich heraus, was ihm rätselvoll gegeben worden — doch war er nicht auch berufen, Israel in ein höheres Sein zu führen? Dieser Heitere, im Grunde seiner Seele Gesunde hütete seine Kraft. Auch die Frauen versagten, wenn sie nächtliche List gegen die Unschuld eines Sonnensohnes richteten. Er blieb Sieger. Er siegte auch, als Delila kam. Man nannte sie natürlich Delila, die kleine Rotloekige mit den Glutaugen im holden, perlfarbigen Gesicht. Vom Bache Sörek brachte er sie nicht, aber seine Liebe hatte heilig und still begonnen. Sie wurde seine einzige Schülerin. Lächelnd sah man den bezwungenen Bezwinger und meinte: „Simson soll sich hüten. Wein und starke Getränke, die er in der Heimat nicht gekannt, hat er bei Herrn P. kennengelernt. Nun möge er nicht noch das Schermesser auf sein Haupt kommen lassen, denn wer weiss, ob Delila nicht von seinen lauernden Feinden bezahlt wird und das Geheimnis seiner Kraft herausbringt?" Er trug wie sein Ahnherr in üex Bibel - einen Haarwuchs, der märchenhaft war. Aestheten benörgelten ihn, aber Frauen und Narren sahen über die fehlende Sauberkeit fort und liebten Simson gerade deshalb, als ob er ein Mann vor Jahrtausenden wäre. Nun begab sich eine merkwürdige und erschütternde Metamorphose, die man mir erzählte, von der ich mich aber, als ich mit Freunden Herrn P.s Lokal kennenlernte, überzeugte. Simson war lange unsichtbar geblieben, um so sichtbarer jedoch Delila im Schwärm seiner „Freunde". Man liebte den Riesen, bewunderte ihn als Künstler und stellte bedauernd fest, dass eine Augenkrankheit, die plötzlich über ihn gekommen, die Ursache seiner Verbannung war. Dieses schwere Malerschicksal war symbolisch, denn das ganze Wesen des Mannes schien zu tief in die Sonne geblickt zu haben. Er konnte nicH,t mehr arbeiten, die leibliche Sorge verband sich mit der seelischen. Unbedeutende Klexer verdrängten ihn in der modischen Gunst Delila ging unbekümmert mit diesen. An dem Abend, da ich das Lokal des Herrn P. kennenlernte, erschien endlich auch'Simson wieder. Aber seine Veränderung, sagte man mir, sei ungeheuer. Er wurde von einem halbwüchsigen Knaben geleitet. Delila führte ihn nicht Und Simson war geschoren! Seltsam verdeutlichte sich das biblische Bild. Dieser Sehende sah nicht mehr, dieser Urmensch hatte seinen Haarwald verloren. Warum und wie es geschehen, wusste man nicht. Er wirkte wie sein eigener Schatten. Bleich, abgemagert, teilnahmlos sass er unter den Fröhlichen. Man erriet nicht, ob er wirklich nichts mehr sah oder auch nichts mehr hörte. Ein trauriger Vorfall. Delilas Horde aber war gesund und übermütig. Ich wurde Simsons Anblick nicht mehr los -— es tönte immer wieder in meine Arbeitsstille. „Philister über dir!" Und

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