Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 2 (13.1.1938)
- Date
- 1938-01-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 14 C-V.-Zeitung Nr. 2 * 13. Januar 1938 EinweihungdesjM Eröffnungsvorstellung: „Romeo und Julia" Von unserem nach Hamburg entsandten Theater-Bericht er statter Der Hamburger Kulturbund ist aus dem alten Conventgartensaal, der länger als zwei Jahre für seine künstlerischen Darbietungen nicht viel mehr als ein Notbehelf war. in ein.neues Heim nach der Hartungstrasse übergesiedelt, das am vergangenen Sonntagvormittag als Jüdisches Gemeinschaftshaus, feierlich eröffnet wurde. Schon der Name ist Sinnbild, Sinndeutung, die über die bisherigen, fast ausschliesslich musischen Zwecke des Hamburger Kulturbundes weit hinausweist: hier wurde für die 15 000 Juden Hamburgs eine gemeinsame Stätte geschaffen, die allen kulturellen und gesellschaftlichen Bestrebungen ein lebendiger Mittelpunkt sein soll. In seiner einleitenden Ansprache hob Max Warburg, der besondere Förderer des neuen Gemeinschaftswerkes, des näheren die Ziele und Absichten hervor, von denen man. sich bei der Gründung leiten liess. Er ging dabei von den materiellen Schwierigkeiten aus. die zu überwinden waren, dankte den Spendern, vor allem dem Vorstand und Repräsentantenkollegium des Jüdischen Religionsverbandes für die Hergabe der Hypothek, die, wie er scherzhaft bemerkte, eine zinslose Kapitalanlage darstelle, und dehnte seinen Dank auch auf die Architekten, die künstlerischen und geschäftlichen Leiter des Kulturbundes und die technischen Helfer aus, die alle echte. Pionierarbeit geleistet hätten. In ideellem Sinne soll, nach den Worten Warburgs, das neue Gememschaftshaus Sammlung und Erhebung, Entlastung von den Sorgen des Alltags und Lebensfreudigkeit vermitteln: diese Aufgabe zu erfüllen, sei nicht nur das Theater, als eine moralische Kraftquelle, geschaffen, sondern auch das aus der Franz-Rosenzweig-Stiftung hervorgegangene Lehr haus, für das ein besonderer Vortragssaal mit einem Fassungsraum von etwa 200 Personen hergerichtet worden sei. Aber auch geselligen Veranstaltungen jeglicher Art soll das jetzige Gemeinschaftshaus dienen, und vielleicht würden sich hier neue Formen der Geselligkeit herausbilden in einer Zeit, in der das gesellschaftliche Leben sich nicht mehr wie früher in der jüdischen Häuslichkeit abspiele. Mit einem warmherzigen Appell, die Zeit der Prüfung mit Haltung zu ertragen und das Band der Gemeinschaft fester zu knüpfen, sehloss der Redner seine mit starkem Beifall aufgenommenen Ausführungen. In einer weiteren Ansprache begrüsste sodann Studienrat Dr. Loewenberg im Namen des Vorstandes des Jüdischen Religionsverbandes die massgebenden Männer des Gerne! nschaftshauses. die Vertreter der erschienenen Organisationen (darunter des Jüdischen Central-Vereins), der Reichsvertretung, der Jüdischen Kulturbünde, und er gab der Genugtuung Ausdruck, dass" der Jüdische Kulturbund Hamburg endlich sein eigenes Haus, sein eigenes Theater bekommen-habe, in dem er sich als Erzieher zur Kunst weiter bewähren könne. Auch in diesen Räumen solle der Geist der Schöpfung zu spüren sein. In einigen wohlgeforraten, von starkem Pathos erfüllten Versen wiederholte Julius Kobler, der Charakterdarsteller der Hamburger Kulturbundbühne, den Mahnruf Warburgs, Stolz, Würde und Mut zu wahren. Psalmengesänge des Hamburger Tempelchores umrahmten die besinnliche Feierstunde, nach deren Abschluss Gelegenheit gegeben war, das neue Haus in allen seinen Teilen eingehend zu besichtigen. Nicht ohne stillen Neid durften wir Berliner feststellen, dass hier von den Architekten Hochfeld und Bock aus einem vorhandenen alten Bau eine Anlage hervorgezaubert wurde, die in ihren zweckvollen Ausmassen auch den Ansprüchen eines verwöhnteren Publikums entgegenkommt. Da ist zunächst der leicht ansteigende Theatersaal — mit Parkett und einem Rang —, geschmackvoll und hell mit seinen gelb getönten Wänden, von der behaglichen Intimität eines etwa 500 Personen fassenden Kammerspielsaales. Da sind weiter die Vorräume, zu denen man unmittelbar von der Strasse her über einige breite, beleuchtete Treppenstufen gelangt, ebenso freundlich und licht in ihrem einheitlichen, durch keine überflüssige Ornamentik beschwerten Weiss; und da ist die Garderobenablage im unteren Vorraum und am Eingang zum oberen Parkett —, bequem und gegen lästigen „Zug" geschützt. Dazu die Bühne, von einem einfachen, schwarzen Holzrahmen umspannt, nicht mehr als acht Meter tief, aber mit eingemauertem Rundhorizont, modernen Beleuchtungsanlagen, Schnürboden, -Versenkungen und sonstigen praktischen Einrichtungen, die dem Regisseur eine gewisse Bewegungsfreiheit geben. Für das Publikum besonders angenehm die unter dem Dachgeschoss angebrachte, abgedichtete Ehtlüftungsanlage, die es ermöglicht, innerhalb ganz kurzer Zeit die verbrauchte Luft zu absorbieren, und dem Theaterraum frische Luft zuzuführen. Auch der im Parterre als Vortragseal und für kleine Festlichkeiten in Aussicht genommene Raum, der mit den Restaurationsräumen in unmittelbarer Verbindung steht, atmet Behaglichkeit und freundliche Wärme, Für die Eröffnungsvorstellung am 'Abend hatte man gleich nach dem Höchsten gegriffen, nach Shakespeares unverwelklicher Liebestragödie „Romeo und J u 1 ia Hier waren der Inszenierung des ausgezeichneten künstlerischen Leiters und Regisseurs des Hamburger Kulturbundes, Dr. Hans Buxbaum, von vornherein nicht geringe Beschränkungen auferlegt: so vermochte das Maskenfest im Hause Capulet sich nicht in voller Pracht zu entfalten; 'der namenlose Zauber der Balkonszene strahlte nicht in eine tiefe und w^eite südliche Mondnacht hinaus: Graf Paris konnte nicht mit dem grossen Hochzeitsgefolge der Musikanten bei Julia erscheinen. Immerhin war es doch möglich, dank der geschickten technischen Leitung von Harry Blumenthal die IS, von Hans Sondheim e r mit viel Raum- und Farbensinn gestellten Bilder in rascher Verwandlung aufeinander folgen zu lassen. In der Darstellung liess der Regisseur die wilde Glut der Leidenschaft bis zur Flamme auflodern, dämpfte andererseits aber auch die zarte Lyrik der Liebesszenen nur ganz selten bis zu einem Pianissimo herab, das gewiss noch verständlicher werden dürfte, sobald sich die einzelnen Darsteller erst mit den ungewohnten akustischen Verhältnissen des neuen Raumes vertraut gemacht haben werden. Als Julia verkörperte Ruth Man heim er (Reimer) — den Berlinern wohlbekannt — das lyrische Element der Aufführung, keusch und sanft wie aus dem Unbewu&sten gestaltend, Liebesfreud und Liebesleid im Ausdruck nicht bis zur letzten Ekstase steigernd, eine Rosenknospe, noch ganz in sich verschlossen und erst, wie Heinrich Heine so schön sagte, vor unseren Augen von Romeos Lippen aufgeküsst. Der junge Hans Heinz Friedeberg war anfangs mehr Hamlet als Romeo; später schlug dann die steinerne Melancholie in ungezügelte Leidenschaftlichkeit um, die besonders im Zusammenstoß mit Tybalt echt und überzeugend wirkte. Aber für das Erotische, die Grundnatur Romeos, fehlt seiner Sprödigkeit der Glanz und die seelische Melodie. Aus der grossen Zahl der übrigen Darsteller, die sämtlich bemüht waren, ihr Bestes zu geben, seien hoch der forsche und streitsüchtige, stämmige und spöttische Mercutio von Fritz Mel- . chior, der von Jähzorn mächtig gepackte alte Capulet von Julius Kobler, der schlichte, in die stille Einfalt des Herzens eingesponnene Pater Lorenzo von Max Koninski, und Erna C o h n als breit-humorvolle Amme Juliens . rühmend genannt. Nach diesem würdigen Beginn darf man dem Hamburger Kulturbund ein 'herzliches Glückauf zu weiteren Taten im neuen Heim zurufen. Dr. H. L. Am 23. Januar findet im Theater in der Josef-stad-t?n Wien eine literarische Morgenfeier ..Oesterreich im Gedicht" statt, in der n. a. Werke von Richard Beer-Hofmaun und Franz W e r f ei voa Emst Deutsch, Maria Fein, Frieda Richard, Ernst Lothar und anderen vorgetragen werden. * Huberman wird in der Konzertsaison 1937/3S noch nicht auftreten können. Man rechnet damit, Iladiß-- Uujtfred Gelegenheiten und neueste Modelle. Berlin-Neukclin, Berliner Str. 35/39, Tel. 62 65 22 <3a95 er nicht vor Ablauf eines halben Jahres konzertieren kann. * Der holländische Rundfunk überträgt am 13. Januar, 2Ü.5."> Uhr. ein Konzert aus dem Amsterdamer Conzertgebouvv mit Franz O s b o r n als Solist. * Warschau sendet am 17. Januar, 17 K Uhr, u. a. die Komposition „Kaddisoh" von Maurice Ravel, der vor kurzem gestorben ist. als durch eine gewisse Schlichtheit des älteren, erfahrenen Ratgebers, der alles zum Guten wenden möchte. Als Don Pedros Diener Balthasar überraschte Martin.Brandt durch den dezenten Vortrag eines" Liedes, der den Spott seiner Umgebung gar nicht verdiente. Andere kleine Rollen waren mit Eva Baruch, Arthur Lew in, Georg Jacobsohn, Berthold Guttentag, Fritz Ritter und Wolfgang Bernstein angemessen -besetzt. Am Schluss gab es stürmischen Beifall, der alle Beteiligten wiederholt vor den Vorhang rief und der nicht zum wenigsten auch dem Leiter des musikalischen Teiles der Aufführung, Kapellmeister Rudolf Schwarz, galt. Dr. Hugo Lachmanski. * Die Musik Erich Wolf gang Korngolds, die hiermit unter Rudolf Schwarz' beschwingter Leitung ihre Berliner Uraufführung erlebte, zeigt die reiche Palette des Neuromautikers. Im Lyrischen etwas konventionell,, bewährt sie sich am besten da, wo die sinnliche Klangphantasie und die leichte Hand des Komponisten die Renaissanceatmosphäre übermütig überschäumender Daseinslust in leuchtenden Tongeweben auffängt. Unmittelbare Charakteristik trifft in grämlichen Harmonien den neidisch-missvergnügten Don Juan, pointiert den Schluss mit orgelklanghaftem Hinweis auf den wartenden Priester. H. Freyhan. # Der Berliner Kulturbund veranstaltete eine Matinee, die der Einführung in Shakespeares ..Viel L ä r m um n i c h t sil und vor allem in die Musik E. W. Korngolds dienie. Obgleich der Sonntagvormittag keine den Musen sehr geneigte Zeit zu sein pflegt, war ein grösserer Zuhörerkreis erschienen, dem Gespräch und Betrachtung über das Werk genau so wesentlich waren wie das Werk selbst Doch stellte nicht etwa eine zusammenhängende Analyse von Aufführung und Musik grosse"Anforderungen au den matinalen künstlerischen Appetit; in kleinen hors d*oeuvres serviert, jedes einzeln in sich fertig zubereitet, wurde einem das Wesentliche schmackhaft gemacht. Intendant Dr. Kurt Singer sprach einleitende Worte, die das geistige Ohr für Korngolds Musikertum und den Wert seiner Persönlichkeit für unsere Zeit öffneten — ein Wert, der zwischen . starken Ueber- und Unterschätzungskontrasten stets zu leiden hatte und erst heute musikhistorisch ziemlich stabilisiert worden ist. Beispiele aus Korngolds Schaffen: ein mit grossen Stimmlichen Mitteln von Doris W ilaiiiowska und Ernö G a r a y gebrachtes Duett aus ..Die tote Stadt" und Szenen aus „Viel Lärm", wiedergegeben von Rudolf Schwarz am Klavier, bewiesen deutlich die starke Illustrationskraft dieser Musik, die auch ohne Bühne und Orchester wirksam blieb. Eine freundliche Zäsur bildete Camilla Eisner-Spira, die mit Charme berichtete, was sich auf den Proben für Lärm um Camilla abgespielt zu haben scheint. Die Vorrede zu diesem Stück von Julius B a b trug an Stelle des erkrankten Regisseurs Fritz Wis'teu Alfred Berliner vor. Bab kam aber auch persönlich zu Wort: mit einem knappen und geistvollen Lichtbildervortrag über Shakespeare- Inszenierungen im Wandel der Zeiten durch jüdische Regisseure. Und schliesslich zogen die Shakespeareschen Wachsoldaten leibhaftig vorüber — «ine lustige Nachhut dieser Veranstaltung. H. Angel. Da,? Wiener Burgtheater brachte Goethes ..Faust1" in der bekannten Einrichtung von Richard Beer-Hofmann neu heraus. oder das Phänomen des Dichters Arthur Rimbaud beschwört. Zweig war immer ein Wanderer. Dieser Vermittelnde reist; er kann es und tut es in einer Art, die weit über dem liegt, was dem Durchschnittlichen, der nicht innerlich zu schauen vermag, eine blosse Ortsveränderung bedeutet und snobistisch äusserlicher Reiz; und so muss es sich für ihn von selbst verstanden haben, diesen Band, der Marksteine seines Lebens zusammenfassen will, einige seiner Reiseschilderungen beizugeben. Sie enthalten mehr als nur oberflächliches Tatsachenmaterial, wie wir es zum Ueberdruss bei solchen Gelegenheiten vorgesetzt bekamen. Wie er das Tatsächliche, das Nüchterne, in grosse Zusammenhänge. zu bringen, ja, symbolisch zu machen, versteht, das ist durchaus Dichterart; und es ist. man erkennt es immer wieder, jene Art eben, die ihm von den Hymnen Verbaerens einstens gewiesen worden ist als einem Gleichgesinnten, Weltvertrauenden. Da schildert er nach dem ergreifenden Eingang über die Monotonisierung der „W e 11" unter den Zeiterscheinungen sozialer und wirtschaftlicher Art im „Besuch bei den Milliarden" den gespenstisch untergebrachten Goldbort der Bank von Frankreich in unerhörter Sichtbarkeit, und im „Rhythmus von New-York" den grossen und besonderen Atem dieser einmaligen Stadt, wie es von vielen oft mit unzulänglichen Mitteln versucht worden ist, oder er bringt den Zauber des indischen Wallfahrtsortes Benares, der „Stadt der tausend Tempel", beklemmend nah im Klang seiner Worte, wie auch das ungewöhnliche Erlebnis des grenzenlosen Landes Brasilien, das für viele von uns heute Hoffnung geworden ist. Fragen wir aber nach dem Juden, der dieses gewichtige Buch geschaffen hat, so müssen wir sagen, dass seine Haltung wohl jüdisch ist in Aufnahmefähigkeit und Aufgeschlossenheit für anderes Leben. Zweig -vergisst nie, dass er ein Jude'ist, er hat es früher nie verhüllt und tut es vor allem auch heute nicht; wir brauchen dabei nicht einmal auf bestimmte seiner Dichtungen hinzuweisen, worin er sich bekennt; auch hier geschieht es nun eindeutig. So erhält das Buch im einzelnen stoffliche Aeusserungen, in denen wir unverkennbar den Juden sprechen hören; das, wenn auch im Verhältnis zum Ganzen, nur kurze Kapitel der Erinnerung an Theodor Herzl zum Beispiel, der hier einmal nicht als Politiker erscheint, sondern in seinem hilfsbereiten Wesen als Schriftleiter einer grossen Zeitung und als privater Mensch, rührt uns besonders. Die wenigen Worte, mit denen hier ein Dichter aus eigenem Erleben ihn erscheinen lässt. charakterisiert ihn mehr als gewichtige Bände es vermochten, die über ihn von bestimmten Zweckgesichtspunkten aus geschrieben worden sind ... Und aus neuester Zeit stammt das Bild jenes Londoner „Hauses der tausend Schicksale", wo die wandernden Juden aus dem Osten ein gutes Heim finden, ehe sie weiterwandern, worin sein brüderliches Gefühl den Trost bekundet, weil den Verwandten diese Zuflucht geboten wird auf dem weiten Wege. So vielfältig ist dieser Mensch Stefan Zweig, so reich dieses Buch durch das, was er erlebte und wiederzugeben vermag mit der Verantwortlichkeit des wahren dichterischen Gestalters — ein wirkliches Dokument unserer Zeit für spätere Tage. Und wenn er im Schlusskapitel „Dank an Büeher" bekundet, was ihm immer über alle Fährlichkeiten des alltäglichen Lebens hinaus Bücher bedeutet haben, als ein nie versagender Trost, so wollen wir das für uns gerade jetzt selbst als eine Mahnung nehmen und nie vergessen, dass sie „in allen Düsterungen den inneren Himmel zur Ferne erweitern" — wie sein eigenes Werk. Theater in der Kommandantenstrasse 57, 20 Uhr: „Viel Lärm um nichts". 16. Januar (Abt. 42. 52), 17. Januar (Abt. 41, 51). 18. Januar (Abt. 43/53). 19. Januar (Abt. 44, 54), 20. Januar (Abt. 1, 11). Kulturbundsaal, Kommandantenstr. 5S/59: 16. Januar, -20.15 Uhr: Kleinkunstbühne: 20 Uhr: 17. Januar: Vortrag Julius Bab; 19. Januar: Vortrag Dr. Kurt Sternberg; 20. Januar: Rezitaüonsabend Otto Bernstein. Uriel Acosta Zur Aufführung der Bearbeitung von HerbertFriedenthal - Karl Gutzkow hat in seinem „Uriel Acosta" die Tragödie des Rationalisten geschrieben, des philosophischen Suchers, der mit der Autorität des religiösen Gesetzes in Konflikt gerät und darunter zerbrechen muss, weil er in diesem Kampf die geliebte Fräu verliert. Philosophie gegen Religion — ein echtes Problem aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, aber kaum die Problematik des historischen Acosta. Liess sich schon die Liebesgeschichte, um nicht das ganze dramatische Gefüge zu Fall zu bringen, nur in den Hintergrund drängen und nicht eliminieren, so war es Sache der Bearbeitung, wenigstens die ideeliche Themenstellung auf die historisch richtige zurückzuführen. Uriel, Sohn eines Marannen, lernt als Fünfundzwanzigjähriger den Pentat euch kennen, und eine glühende Liebe zu der Welt und dem Volk des Pentateuchs erfasst ihn: er tritt zum Judentum über und muss aus Portugal fliehen. Damit beginnt eine geschichtlich einmalige jüdische Tragödie: er kämpft um die Thora gegen den Rabbinismus, mehr noch: er kämpft für seine Vorstellung vom Judentum gegen das reale Judentum. Aus Liebe zur Lehre verstösst er gegen das Gesetz, obwohl er liebte, wurde er von der Gemeinde verbannt. Zwischen ihm und seiner Welt der Thora stand die jahrtausendlange Entwicklung des Judentums und des jüdischen Gesetzes. „Du bist — aber Du bist nicht: geworden. Du kamst zu uns — Du hast nicht: miterlebt Dir fehlen tausend Jahre unseres Werdens, Das ist die Tragik Deines Seins, Acosta", lässt der Bearbeiter Silva sagen, in dem sich auf einer anderen Ebene die. gleiche Tragödie w<ie in Acosta abspielt Acosta liebt das Judentum und wird von ihm verbannt! Silva liebt den Acosta und muss ihn verdammen — denn er ist der grosse Gegenspieler Uriels, vom Sanhedrin eingesetzt, um über sein Buch zu richten, aber Philosoph genug, um sich an der schöpferischen Unruhe des jungen Suchers zu entzünden. Um diese Problematik und diese beiden Menschen beherrschend in den Vordergrund zu stellen, hat der Bearbeiter eine Reihe von Figuren (Uriels Mutter und Brüder sowie den jungen Spinoza) gestrichen, andere Szenen ergänzt und umgestaltet. Nicht nur dass orthodoxe Juden ihre Wortbilder sämtlich der griechischen Mythologie entnehmen, machte darüber hinaus eine sprachliche Siebung notwendig, sondern Verstösse gegen das jüdische Ritual, wie zum Beispiel die Fluchszene, die in einer Abendgesellschaft erfolgt, hatten dramaturgische Umstellungen zur Folge. Ob trotz alledem eine Einheit zwischen Original und Bearbeitung zustande gekommen ist, ob die „Nähte" nicht zu bemerken sind — das wird den Erfolg oder Misserfolg der Bearbeitung entscheiden. Herbert Friedenthal. Stephen Heller Zu seinem 50. Todestag am 14. Januar ';,Er ist ein geborener Ungar, reiste schon als halbes Wunderkind, lebte und dichtete dann in Augsburg und verlief sich später leider nach Paris." Mit diesen Worten schildert ein berühmter Zeitgenosse den jungen Stephen Heller, der' vor 50 Jahren in der französischen Hauptstadt starb. Er war einer der poesievollsten Klavierkomponisten seiner Zeit und hat alsr echter Romantiker seinen Schöpfungen meist naturschildernde Namen gegeben. Unter den 150 Werken, die ausschliesslich für sein Instrument geschrieben sind, ragen die 24 Etüden hervor, die bis auf den heutigen Tag ihren pädagogischen und musikalischen Wert nicht eingebüsst haben. Später hat er noch viele Hefte der gleichen Art veröffentlicht, so dass der Name Heller eins wurde mit dem Begriff „Studien". Doch überwiegt in ihm ein schwärmerischer Dichtergeist „mit seinem klassisch-romantischen Doppelgesicht und der vorgehaltenen humoristischen Maske". Die kleine Form erfüllt er mit dem ganzen Reichtum seiner Einfälle; aus dem Material eines einzigen Klavierstückes würden andere „haushälterische Komponisten Konzerte freundschaftlichen Verkehr. K. W.