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Central-Verein-Zeitung · 1938-01-13 · 2 (13.1.1938) · page 13

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
2 (13.1.1938)
Date
1938-01-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 2* 3. Beiblatt C-V.-Zeitung 13. Januar 1938* Seite 13 ,«/(»- , fi.V-VJ», maus ^//i^y * IM BERLINER. KULTURBUND « Man hat Shakespeares Lustspiel „Viel Lärm um Nichts" von jeher mit ..Der Widerspenstigen Zähmung" in Zusammenhang gebracht: die' stoffliche■ Ähnlichkeit liegt, für den Hauptteil der Fabel auf der Hand. Aber es ist ebenso unverkennbar dass Benedikt und Beatrice, die beiden Gestalten, die Shakespares Ruhm in England begründet haben, veredeitere Züge tragen als der rohere Petrucchio und sein gezähmtes Kätchen, und dass das neckische. Scharmützel, das sie miteinander führen, sein Vorbild eher in den spöttischen Plänkeleien des jugendlichen Paares Biron und Rosaline aus Shakespeares frühestem Lustspiel „Verlorene Liebesmüh'" gefunden hat. Man sieht: auch das dramatische Genie vermag sich von Variationen des gleichen Themas nicht frei zu machen; nur ist seine gestaltende Phantasie so unerschöpflich, dass es für dieselben Charakterzüge eine immer neue geprägte Form bereit hat. In „Viel Lärm um Nichts" kommt hinzu, dass mit dem humorvoll-funkelnden Liebesspiel, das Benedikt und Beatrice, nicht ohne den einfallsreichen Beistand Dritter, schliesslich einander in die Arme treibt, eine sentimentale Handlung verknüpft ist. die von der stillen, sanftmütigen Hero und dem leichtgläubigen jungen Sanguiuir ker Claudio getragen wird und die sich bis zur tragischen Groteske steigert. Es ist, in der lockeren Fügung und den Lücken der Motivierung, der schwächere Teil des Stückes, der dazu den ausgesprochenen Lustspielcharakter beinahe gefährdet. Aber Shakespeares Meisterschaft in der Mischung komischer und tragischer Züge hat auch hier einen Ausgleich geschaffen, der-zu- - gleich seine tiefe Kenntnis der menschlichen Natur offenbart: er weckt mit dem Scheintod Heros die Reue und das Mitleid Claudios, und er lässt schliesslich das Ganze mit einer fröhlichen Maskerade enden, die der gegen Heros Liebesglück gesponnenen Intrige vollends ihren bösartigen Stachel nimmt. Das stärkste Gegengewicht gegen die tragischen Begebenheiten der Hero-Handlung bilden jedoch die burlesken Auftritte der beiden niederen Gerichtsherren, in denen die Rüpelszenen aus dem „Sommernachtstraum" in veränderten Gestalten und in gedrängterer Form wiederkehren. In der drastischen Komik dieser Szenen um die verbündeten Dümmlinge Holzapfel und Schlehwein liegt stets die be-?' sondere Wirkung des Lustspiels und sie blieb auch diesmal nicht aus, zumal Herbert Grünbaum als Holzapfel, bei aller Herausarbeitung der komischen Charakterzüge, kluge Zurückhaltung übte, sich also zu den naheliegenden Sprüngen einer forcierten Lustigkeit nicht verleiten Hess, und auch Fritz L i o n den guten alten Schlehwein als einen naiven, treuherzigen Trottel ohne alle Mätzchen auf die Beine stellte. Auch sonst blieb die in ihrem dramatischen Teil vom Regisseur Fritz W i s t e n liebevoll geleitete Aufführung in den Grenzen einer wohltuend temperierten Heiterkeit: sie mied alle üebertreibungen, alle eigenwilligen Improvisationen und szenischen Tricks, wie man sie wohl noch von früheren Aufführungen des Werkes in Erinnerung hat und hielt sich, im Bunde mit dem bewährten Bühnenbildner Heinz Cond eil, auch im äusseren Rahmen an eine geschmackvolle, einfache, den Raumverhaltnisseu sehr geschickt angepasste Linienführung. (In Paranthese sei bemerkt, dass Wistens Leistung diesmal . um so höher anzuschlagen ist. als er, wie wir hörten, infolge einer schweren Erkrankung an Grippe den letzten Proben fern bleiben musste.) Schauspielerisch stand neben dem Komikerpaar, wie selbstverständlich, das Paar Benedikt-Beatrice im Vordergrund des Interesses. Alfred Berliner, der in jede neue Rolle mit verblüffender Sicherheit hineinwächst, war dem abgedämpften Ton der Aufführung gemäss,' als Benedikt kein prasselnder Feuerwerker des Geistes, der seine witzigen Keckheiten wie Raketen in die Lüfte steigen Hess; seine Spotisucht hatte etwas Gezügeltes, sein Humor überschlug sich nicht in tollen Purzelbäumen — dieser .-.Lusligmacher" war ein liebenswürdiger, prahlerischer Charmeur, von dem man sehr bald überzeugt ist, dass seine stolze und witzige Verachtung der Frauen dem zauberischen Ansturm des Gefühls nicht standhalten wird. Camilla E i s n e r als Beatrjce, von der ihr Partner sagt, sie spräche lauter Dolche und jedes Wort durchbohre, ging schon heftiger, Camida Eisner — Alfred Berliner Walcer Herz Elfriede Borodkin Foto (2) Abraham mutwilliger, schlagkräftiger ins Zeug, ohne dass der tanzende Stern, unter dem sie geboren, die natürliche Anmut ihres Wesens verblassen liess. Sehr fein, wie der männlich-starke und weiblichweichere Zug dieses überlegenen Frauennaturells in der Szene zum Durchbruch kam, in der sie sich gegen das ihrer Muhme Hero angetan© Unrecht zur Wehr 'setzt. Hero selbst — eine Stimme, stets sanft, zärtlich und mild, hätte König Lear auch von ihr sagen können — war Elfriede Borodkin, die den keuschen, schamvollen Liebreiz dieser wie von zarten Lyrismen umklungenen Gestalt noch in der natürlichen Munterkeit aufleuchten liess3 mit der sie der gereifteren Beatrice zum Manne verhelfen will. Die beiden jungen Freunde Don Pedro und Claudio, von Hans Karl Rosenberg und Walther Herz dargestellt, trafen sich in der offenen, früh herangereiften Männlichkeit ihres Wesens: der eine massvoller und zugleich strahlender, der andere mit hitzigem, unbedachtein Eifer blind in das selbstverschuldete Unglück hineinstürzend. Rosenbergs hellerem Don Pedro- Stand Alfred Lichtenstein, der aus* gezeichnete Chargenspieler mit der Schärf« eines ungewöhnlichen Charakterisierungstalentes, als sein Halbbruder Don Juan wie ein finsterer Schatten gegenüber; mit klugem Bedacht vermied es jedoch Lichtenstein, die Kontrastfigur dunkler zu färben als nötig und aus dem verdriesslichea, missgünstigen Menschenfeind von etwas gezierter Selbstgefälligkeit einen: schleichenden Theaterbösewicht zu machen. Als Heros Vater Leonato schwankte S i gm un d Nunberg zwischen polternder Bonhommiö und. unbeherrschter, rauher Leidenschaft? Willy P r a g e r als sein steinalter Bruder mit dem „wackelnden Kopf ging diesmal mehr als sonst, aus sich heraus. Die beiden willigen Werkzeuge der Intrige, Heros Kammerfrau Margarete und Don Juans Begleiter BoraccaiÖ, waren bei Gina Friedman und B e r t h o 1 d S e g a 11 in guten Händen, die allerdings noch! fester hätten zupacken können. Der Mönch von Martin C h a ss e 1 überzeugte weniger durch: humoristisch gefärbte Ausdruckskraft der Rede, Bild eines jüdischen Essayisten Von Jakob Picard Man ist es gewohnt, dass dieser Autor sich für sein Schaffen immer die gehobenen Stoffe auswählt, ja seinem Wesen nach, dem er stets treu blieb, wählen zu müssen scheint Wenn er nun kommt, uns in einem gewichtigen Bande von fünfhundert Seiten — „Begegnungen mit Menschen, Büchern, Städten" (Herbert Reichner Verlag, Wien 193 7) — einen Teil seiner betrachtenden Arbeiten aus dreissig Jahren gleichsam zu einer Einheit verbunden darzubieten, so erkennen wir das besonders deutlich; immer neigte er den menschlich repräsentativen Stoffen zu aus einer angeborenen grossen Humanitas heraus, von seinen überaus erfolgreichen, ausgefeilten Novellen angefangen, die ihn weiteren Kreisen bekanntgemacht haben, vor Jahrzehnten schon, bis zu den umfangreichen biographisch-historischen Werken, die seinen Namen über die Welt getragen und ihn zu einem der meistiibersetzten Autoren gemacht haben. Diese Aufnahmebereitschaft der Vielen seinem Werk gegenüber hat also ihren guten Sinn; sie ist darum da, w-eil dieser Schriftsteller, der in seinem Besten zweifellos ein Dichter ist, durch die bejahende Art seiner Anschauungsweise einem offenbaren Bedürfnis der Menschen entgegenkommt, sich selbst und die Dinge von ihrer guten Seite zu sehen, also, um sich im Bilde zu erkennen, in Gestalten sich zu verwandeln, die dem entsprechen; immer ist er von seinen Stoffen aus einem grossen Gefühl heraus überwältigt worden und hat sich ihnen auch so hingegeben. Da er sich ihnen aber damit als ein Begeisterter, als ein im Grunde Unkritischer widmet, so erklärt sich daraus die Tatsache einer oft superlativischen Darstellungsweise, die man bei ihm durchaus erträgt, weil sie doch soviel an wahrhafter Einsicht in sich schliefst. dass kaum ein Rest bleibt zwischen der Wirklichkeit des einzelnen Objektes und seiner so gearteten Gestaltung. Sie nimmt auch den anspruchsvollen Leser ganz hin. Es schien notwendig, dieses Allgemeine zu sagenals Voraussetzung für die Erörterung eines seiner Bücher, das nur „Betrachtungen" enthält, wie der Dichter selbst im Vorwort meint. Es darf hierbei nicht schlechthin von „Essays" gesprochen werden; der Band umschliesst auch kürzere, fast anspruchslose Bekundungen, ja Bekenntnisse, wie Gedenkreden auf Tote und Ansprachen zu besonderen Merktagen sichtbarer, bedeutungsvoller Menschen, abgesehen von der Darstellung von Landschaften und Zeiterscheinungen. Und er ist, wir wiederholen es, mit seiner inneren Hingabe doch schöpferisch in der sauberen und •klaren, niemals leichtfertigen Form der Sprache; dies sei vor allem betont. Ueber die unmittelbaren Aulasse hinaus ist das Buch aber stark biographisch und — mehr als gewöhnlich in solchen Werken — für den Autor geradezu ein Vorwand, von sich selbst zu erzählen; es sagt viel über ihn selber aus, mindestens soviel wie über die Stoffe. Ja, dem, der seit langem den Weg dieses im Geiste schaffenden Menschen Stefan Zweig verfolgt hat, gibt es wirklich ein Bild von ihm selbst und erinnert ihn an die Stationen des eigenen Lebens. Denn der Mensch wählt instinktmässig stets die Genüsse für die. Erhöhung .seines Daseinsgefühls, die seinem eigensten Wesen entsprechen, — und am 'meisten der künstlerisch gestimmte und. höheren Zielen nachstrebende ... Wenn der junge wienerische Dichter Stefan Zweig, dessen erste Gedichte eben erschienen waren, unvermutet den grossen belgischen Hymniker Emile Verhaeren in seiner Weltofi'enheit entdeckt, noch ehe sonst jemand im deutschen Sprachgebiet - von ihm wusste, so hat das seinen besonderen Sinn; rückschauend kann man sagen, es sei lebensbestimmend für ihn geworden. Denn zwischen beiden wuchs über die Berührung mit dessen Werke hinaus eine echte Freundschaft, die dem Adepten sowohl als auch dem Meister zu Ehren und Nutzen gereichte. Zweig übersetzte einen wesentlichen Teil der Gesänge; in einem angesehenen Verlag erschienen diese Nachdichtungen mit seinen biographischen Worten. Sie wurden wirksam auf einen guten Teil der damaligen Jugend. Aber es kam der Krieg und die grosse Scheidung. Während dieser Jahre ereilte den Dichter auf der anderen Seite ein jäher Tod durch einen über das Gewöhnliche hinaus sinnlosen Unglücksfall. Wie sehr der den jungen Freund treffen musste, leuchtet nach allem ein. Das Eingangsstück des vorliegenden Buches nun ist die Totenklage gleichsam um den Freund in einer ausführlichen Rückschau auf sein Wesen und das Wachsen dessen, was die beiden schliesslich in fruchtbarer Gemeinschaft erlebt hatten. Sie ist zuerst als Privatdruck, in geringer Auflage vor zwanzig Jahren erschienen. Diese bekennerische Hingabe au repräsentative Erscheinungen der Zeit ist — um es noch einmal deutlich zu sagen — charakteristisch für Stefan Zweig. Ob der Autor dann im wachsenden Leben später der überwältigenden Erscheinung des Bildhauers Auguste Rodin begegnet oder dem vielfältigen flämischen Maler und Holzschneider Frans M a s e r e e 1 oder den grossen Musikern unserer Zeit: Mahler, Toscanini und •Bruno Walter, oder dem edlen Dichter Rainer Maria Rilke — an jedem von ihnen misst er sein Eigenes, aus jedem aber auch sucht er dessen besonderen Kern zu lösen, in dem er ihm ganz nahe zu kommen trachtet, ihn umschreitend, bis er das letzte aus ihm erkannt und gesagt hat. In vier grosse Abschnitte ist das Buch eingeteilt: „Begegnungen mit Menschen, mit der Zeit, mit Städten und Landschaften, und mit Büchern." Dabei wäre nur zu bemängeln, dass der umfangreichste-Essay des Ganzen, der über die französische Dichterin Marcelirie Desbordes-Valmore, unter die letzte Rubrik und nicht unter die erste eingereiht wurde; denn wenn je die Begegnung mit einem Menschen dargestellt wurde und nicht die'mit einem Buch, so hier. Es ist wahr, diese grösste französische Dichterin ist seit fast hundert Jahren tot: aber Zweig macht sie in seiner Art so lebendig, indem er ihr Leben in ihrem Werk verfolgt, dass man das Gefühl hat, er sei ihr persönlich begegnet. Hier wird von einer Menschengestalt gesprochen, die über das Gewöhnliche hinaus ewiges Menschentum repräsentiert in einem Uebermass von Leiden und von Rettung zugleich' durch reines dichterisches Werk. Das wird immer eines der besten Stücke des Essayisten Zweig bleiben; und es ist, wenn wir uns recht entsinnen, die erste Erprobung seiner biographischen Kunst gewesen, der dann manch berühmt gewordene Arbeiten der Art gefolgt sind wie „Marie A n t o i n e i t e" und zuletzt nun der „Mag eil an". Hierher gehören aber überhaupt seine „Begegnungen mit Büchern". Denn stets sucht er in den Dokumenten, die uns Tote von ihrem Leben zurückgelassen haben, ihr menschliches Wesen klarzumachen, sei es, dass er von Ernest Renan spricht oder in Sainte-Beuve den Typus des Kritikers kat-exocheh vorstellt Jakob Picard liest am 25 Januar 20 Uhr 15 im Grossen Saal des Brüdervereinsftatises. Berlin, Kurfürsfenstrasse 115/16 aus eigenen Werken im Rahmen einer Veranstaltung d. Landesverbandes Gross-Berlin des Jüdischen Cenfral-Vereins. Es spielt das Trio Helene Lachmcsnski-Schaul Godfried Zeelander Hansjürgen Ronis Nähere Mitteilungen in der nächsten Nummer der C.-V.-Zeitung.

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