Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 20 (14.5.1936)
- Date
- 1936-05-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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faflt, c5 gebe ihr schlecht genug. sie will, nicht zeltzlen. sic kann nicht zahle» und man tönne ihr doch nicht ^tnmitcn, zu Fuß zu gehen, der Schaffner drückt ein Auge zu. irgendein Zwifet,enfalt jxrssiert. der Feistrcr schimpft, olle-: schreitdurcheinander, und da die Frau nicht zahlt, will ein anderer Passagier auch umsonst fahren, ja. es finden sich nur noch Anwärter auf unbezahlte Beförderung, man disputiert, der Setiaffner läßt die Pferdebahn halten, man schimpft, man schreit gegen ihn los. man debattiert usm.. — das alles - erzählt §6)vlcm Allheiten,,- ohne ein Wort hinzu-- zusügcn. wie er diesen Zustand findet' ja, er hüllt sich qüssi beim Erzählen in Schweigen, und der Leser — .lacht. Lacht Scholem Alejchcm auch? -Er.erzählt. - Natürlich lacht er.?lbrr man weißdas nicht' so ohne weiteres. Man erfahrt es erst >etzl, zwanzig Jahre nach seinem Tode ans den Me. moircn seine» Bruders. In seinen Bücltcrn näm. Iich steht er so sehr auf allen Seiten zugleich, läßt er die Tinge und die Personen so a>ts il>rem eigenen Wesen und Handeln heraus nurkeii. daß man da» lachende Gesicht des Autors niä,t mehr dahinter erkennen kann. UeberdieS ift fein Lachen keineswegs so robust unbeschwert u>io etwa dar Atark Twains, und das Bild vom •Vnimotificn „mit der Träne" im einen Auge ist nicht ganz iinbcrectstigt. Scholem Alejchemr ergreifendste Figur, der Milchhändlcr Tewjc, weiß sehr wohl, wie traurig alles ist. was er mit feinen Kindern erlebt, aber, sagt er. ..bin ich denn nicht ein großer Narr? Was schreie ich?. Was jammere ich? Was bedeutet, sag' ich, „ich, ein klein Würmchen, das da auf der Erde kriecht, und das geringste Windcl)cn, wenn Gott nur will, macht in einem Augenblick einen Welt- »»tergang mit mir. und ich stelle mich hin mit meinem närrischen Verstand und will ihm Berscheid sagenwie er dies sein-Weilchen zu führen hat? Wahrscheinlich, wenn er so befiehlt, muß rS so sein, was helfen, da Einmändc?" Ist das Humor? Jawohl. denn Humor ist — Distanz. Humor ist nicht nur Komik. Tewje ist eine ebenso komische wje tragisci)c Figur: Scholem Aieje>>cins Humor steckt nie im Stoff wie bei Mark Tivain. sondern in der Perspektive. Tie Auffassung und Spiegelung des Stoffes ist objektivierend, darum Humor, und was darin Philosophic ist, das ist-nicht mit dem Kopf, nicht ..mit dem Hammer", sondern mit dem jüdischen -Herzen philosophiert. Scholem Alejclji'i» gehört der Literatur, der -'vcltliterntuv ou, aber sein Stil ist bewußt und leloiit ch»f Volkstümlichkeit ausgcrichtet: „Fch jel>reibe meine Romane vor allem fürs niedere 'Volk, d. h. für die Art Publikum, die hohen Gedanken-oder, wie man das nennt. Ideen fremd iftp m'u muß sie allmählich an alle Siuieu des Leiteraiens geivöhiieu. das Poesie'genannt mird ... Mau »nch mit dem Volk gehen, schrittweise, nicht - -sprungweise, von nuten heraus und höher und höher." Er knüpft alw bei der damals beliebtrn . tVolksliteratur" aii, die durchweg Schund nach naiizösischei, Mustern ist wie etwa bei. .uns Elauren, den Wilhelm Hauss parodiert hat. und ist ihr schärfster Gegner und laet-ender Verächter: . 'Wenn Gott mich:mit 'so einem Talent gesegnet hatte-wie zum Beispiel andere Schreiber, die höchst interessante Romane machen, würde ich meine erste Hieschichtc so beginnen: ' Ein großer, gewaltiger Sturm usm. nim." Selbst noch mitten in seinen R'omanen reflektiert er über diese Art von Lite-- rätur und beginnt etwa daS vorletzte Kapitel von fragte Senta: „Bitte, können Tie mir nickst noch sagen, wie ich in Moskau Anschluß nach Peiping habe". Der Angestellte des Reisebüros musterte sie mit dem kritischen Blick eines Detektivs durch seine scharf geschlissenen Brillengläser, io daß sie sich-verpflichtet fühlte, hinznznletzen: „Ich hoffe zwar von Moskau aus mit der.Empreß of Iudia' weitcrzufliegen. Ader es tväre immerhin möglich, daß ich das Flng. zeug nicht erreiche". Der Beamte nahm das wortlos zur Kenntnis und blätterte lange in dem dickleidigen. abgegriffenen Kursbuch, das griff, bereit zu seiner Linken lag. Europa und Asien glitten zwischen seinen Fingern hin- „Verzeihen Sic. gnädiges Frättlein." Eine wohltuend leise und. trotzdem fest klingende Stimme drang an Senta Hartinattns Shvi^ Am Nebeuschalter stand tinter den Wartenden ein Mann. Vierziger, in korrekt sitzendem, englisch karriertcn Reise, anzug. Sein scharf profiliertes Gesicht wurde durch eine breite Narbe über dein linken Angeil in scilier Kühilhcit noch erhöht. Gin wenig lmwillig wandte das Mädchen ihm einen fragenden Blick zu. „Ich kann Ihnen vielleicht ans Ihre Frage 'Antwort gebeil. gllädiges Fräulein. Ich 'iahre -die gleiche Strecke. Interessant. Sie 'liegen mit' der .Empreß of Iudia' weiter - mit.'Mister Flolvcrbriilks berühmter Ma- 'chiile? Wann wollen Sie denn hier abfahrcu, lvellil ich fragen darf?" „Uebermorgeu" gab die Redakteurin fast gegen ihren Willen kurz zur Antwort. - „Uebermorgeu?" Gr dehnte das Wort. als überlege er etwas dabei. Dann, wie ans einem plötztlcheM'Irntschluß heraus: „Möglicherweise werden wir im gleichen Zug fahren".. lö Senta fiel) in ii,reiu Hvnpö, das iie mit einer jungen Russin teilte, eingerichtet hatte und musternd durch den Wagcngang Stempenju: ..Ein-stiller Abend! sogt der Leser imlürlich 'ehr imbesriedigt, zumal er zu jenen .höchst nsterenanten' Jiomancii erzogen ist,' worin man sich erhängt und ertränkt, worin man sich ocrgiilet lind erschießt oder wo'ans einem Aielanret* (L'i'livor» ein Graf, ans einem Dieustmädlheu. eine Königstöchter wird . . . Was selb ichtun., daß es hei uns keine Grafen, und keine Königs-, löchter gibt? Bei uns gibt'» einfache ,'nide»„ ein- - fochc Weiber, jüdische Töchter , und Mnstlniuen." El ist Realist und bekennt halb ironisch‘ -jeine' Ausgabe: „Ich bin. lein Rvma-n.ichrciber. nur ein , Historiker, der die 'Wahrheit hiiten nuiß und. behüte mit) bewahre. keinen Abstecher zulasten kann, damit davon, bewahre,.mur.nichts Böses stur die Welt ' hcrauslvmmt.". Anssolchem Realismus, heraus iste sein 'Friihiverk- „Sender Blank" ein. „Roman vhilc Roman"/ nämlich ohne Liebesgeichicijle. w«l „Liebe", die Romanliebe, im jüdischen Veben noch keine Talsache ist, ans solchem Realismus tragen „Stempenjn" und „Iosfele Svlowci". beide) den Untertitel..Fin jüdischer Roman": Liebe kommt darin zwar: vor. aber nicht ä Ir, Elauren oder Paul de Kock, sondern eben jüdisch und — aller Schnndromantik ein Schlag ins Gesicht - ohne happv end. N>it diesen Mitteln bewußter Taktik hat Scholem Atejchem. nachdenl Nlcndele die jiddische Literatur geschaffen hatte, den jiddischen Leser gescitancu. indem er'an die Stelle der Sensationsromanc mit ihren Fabelocrhaltnisten. jüdiset)eil Lordsj Grafen. Helden. Mondicheinliebesergüsien natürliche und vielfach lustige Vvltsgeschichtcn setzte.. Das war aber keine Gcwaltsache. Er propagierte die Natürlichkeit des Stoffes, weil die Natürlichkeit des Stils ihm angeboren war. Er schrieb, wie dem Volk der ..Schnabel" gewachsen war: dem Volke nämlich, dessen Spracl)c weder großstädtisch abgeschtrfsen'. noch) literarisch, zu Papier erstarrt ist, sondern so quicktebelidig vollsmäßig nnd schöpferisch wie etwa das Schweiz--rdeutsch lvi Jeremias Gotthelf. Ja. das Jiddische sprudelt, lacht, weint, jauchztspintisiert, schmnnzeit, schimpft, schreit, flüstert, es lebt bei Scholem Alejchem! Es singt, es hat seinen „Nigiiw", Tewjc spricht >vic jeder Tewje, Ehawc wie jede Ehawe, lind doch erkennt maii an jedem Satz den einzigen, eininaiigen Scholem SAlejchem. Wie ist das iiiöglich? Wie ist bei soviel Allgcmeingültigkeit 'o viel Lriginalität möglich? Hier fängt das Ge-, heimnis Scholem Alejchcms an, und wir werden uns hüten, es zu sezieren. Lebende seziert man nicht, und Scholeni Alejchems Stil lebt. I-. ll. .7ennv Knckt: .kucken ln! Polen.“ (Schocken-Verla", Berlin). „— - Seit Jahren schon lastet auf der Maste der polnischen Juden schwerste Terseilisiiot. Dieser Druck aber hat die Jude» nicht stumps gemacht oder in ihrem Lebenswillen gebrochen 3)»it diesen Sätzen, für deren stolzen Sinn niemand soviel Verständnis ausbringen dürste wie gerade wir Inden hierznlaiide. beginnt d»rs stö Sei-, teii nmsassendc kleine Lesehcft zur Kunde der jüdischen Gegenwart „Die Juden in Polen" von oenM) Radt. das jeder leien sollte, der in knappeil Zügen, eine erste Einführung in das ethnologische. >virtsc>,«iftliche. iozlolögisct>e, historische nnd kulturelle Velx-n unserer nächsten'und doch in vielem noch fernsten Nächtxlrn sucht, lind wir müssen sie suchen, wir müssen Bescheid wissen, wir müssen sie kennenlernen. es ist mindestens so wichtig für ims z» wissen, wie die polnischen Inden etivä ihre Schulaiigelegenheiten organisieren, wie zu wissen, zu welcher Schule der oder lener Rcnaissancemalcr gehört. 3. Leopold Low: Zur neueren Gee-rhiebte der Juden in Ungarn. Budapest 18.4. ' 4. Josef Bergl: Gesdiichle der ungariwlien Juderi. Leipzig 1879. . Bela roivak: Die Juden in der nnerarischen LandWirtschaft. (In ungaiif-dier Sprarbe.) ..Budapest 19?8., ll. Isirän Viräg: A z<Mddk jogällasa Maeyarorszägon 10"—1780 (Die Rechtr-dellung der -inden in Ungarn).; Budapest 1935. XXI. Polen 1. David I'rirdläniler: ...Ueber die Verbesserung der Israeliten in, Könicreieh Pohlen.“ (Gut- . ächten-'von d. Regierung angerordert, 1816) . Berlin 1819. >. I»uis Luljliner: Des Juifs'en Pologne., Brüssel- Leipzig 1839". - 3. H. Graetz: Frank und die Fianki.-ten, eine Sektenceschichte aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Breslau 1868. 4. Herrn. Sternberg: Geschichte der Juden in Polen unter den Piasfen ‘und Jagiellonen. Leipzig 1878. 5. Philipp Bloch: Die Generalprivilegien der polnischen Judenschaft. Posen 1892. 6. I. Caro: Geschichte der Juden in Lemberg von den ältesten Zeiten bis 1792. Krakau 1894. 7. Bensener: Beiträge zu einer Geschichte des Riiihens und des Niedergangs der Juden im Königreich Polen. Berlin 1898. 8. Leo Schönhaus: Die alte, Geschichte der russischen und polnischen Juden. Berlin 1909. 9. 8. Spinner: Etwas über den Stand der Kultur der Juden hei den . Polen im 16. Jahrhundert. FrankfurPMairi 1903. 10. Majer Ballaban: Skizzen und Studien zur Geschichte der Juden in Polen. Berlin 1911. 11. Majer Ballaban: Zur Geschichte der Juden in Polen. Wien 1915. 12. Beatrice BaskerviUe: The Polish Jew, bis social and economic value. London 1916. 13. Wladimir W. Kaplun-Kogan: Die Juden in Poleii. Berlin 1915. 14. Sahnan Rubaschow: Die jüdische Selhstv^rwaltung im polnischen Staat. Berlin 1916. 15. Moses Schorr: Rechtsstellung und innere Verfassung der Juden in Polen. Berlin 1917. 16. A. Tänzer: Geschichte der Juden in. Brest- Litowsk. Berlin 1918. 17. A. v. Marylski: Geschichte der Judenfrage in Polen. Berlin 1918. . 18. Majer ßalahan: Die Judenschaft von Lublin. Berlin 1919. 19. M. Stein: . Die politische Entwicklung im polnischen-Judentum während der Zeit der deutschen Okkupation. Leipzig 1919. 20. S. M. Dubnow: s. bei Russland. 21. Josef Meisl: Geschichte der Juden in Polen uud Russland. Bd. 1—3. Berlin 1921 '1925. . ...22: Milizin: Die .luden in Galizien. (Blätter für Demographie. Statistik u. Wirtschaftskunde d. Juden, 1924, Nr. 3.) 23. Majer Balaban: Studien und Quellen zur Ge- - \ schichte d. trankist. Bewegung in Polen. Warschau 1927. 24. F. Friedmann: Die Galizisclien .Juden im Kampfe um ihre Gleichberechtigung (1848 bis 1868). Frankfurt Main 1929. 25. Markus Breger: Zur Handelsgeschiebte der Juden in Polen während des 17. Jahrhunderts. Berlin 1932. DIE MARKE FÜR STARKE 26 Aron Eisenstein: Die Stellung der Juden io -Polen vom 13. bis 14. Jahrhdt. 1934. 27. S. B. Wcinryb: Neueste Wirtschaftsgesch. .ck. Juden in Russld. u. Polen. Breslau 1934. 28. J. .Schipper: Die galizischen Juden 1772 bis. 1818 in wirtschaftlicher Beleuchtung. Neue ■ -jiul: Monatsh,, Bd. II, 9'10; .; XXII. Litauen, Lettland, Estland 1. R. J. Wunderbar: Geschichte der Juden in den Provinzen Livland u. Kurland. Vlitau 1853. 2. Leo Rosenberg: Die Juden in Litauen. Berlin/ München 1918. , 3. A. Harkavy: Zur Geschiehfe der Juden in- Litauen iin 15./16. Jahrhundert in „Russi^he Revue“ XXII—XXII1. Petersburg 1883. 4. A. Buchholtz: Geschichte der Juden in Riga bis 1842. Riga 1899. 5. J. Joffe: Register und Urkunden zur Geschichte der Juden in Riga und Kurland. Riga 1910. ’ 6. A. Tänzer: Geschichte der Juden in Brest- Litowsk. Berlin 1918. 7. Blättler fiir Demographie, Statistik und Wirtschaftskunde der Juden. 192-5.. Nr. 5. 8. K. Jokton: Di■■ gesciiichte tun di Jdcn in Estland. Dorpat 1927. XXIII. Russland Die geschichtlichen Darstellungen sind zumeist in russischer oder-polnischer Sprache er- ' schienen und infolgedessen hier nicht angeführt- Im übrigen sind zahlreiche Darstellungen über .■die ■historische' Entwicklung der Juden in..Russland in Broschüren und Flugblättern aus Anlass der verschiedenen Progrome und Proteste dagegen iii Amerika, England, Frankreich und Deutschland erschienen. 1. Louis Simon; Die Juden in Russland. Hamburg 1814. 2. . ... T. Les Juifs en Russie. (E!nd-s ' historiques. legislatives et sociales.) [Anonym ersx-hienen.l Paris 1885. .3. Julius Elk: Die jüdischen Kolonien in Russland. Frankluri Main 1886. 4. Des Israeliles eil -Russie. 1. Bd. (traduit du Russe). [Paris 1890. [~ , 5. L. Schönhaus: Zur Geschichte der russischen Juden im 19. Jahrhunderl. Berlin 1901. .‘"’iH.. Die sozialen Verhältnisse der Juden in Russland. (Veröffentlichungen des Büros für Statistik der Juden. Berlin .1906.) 7. 8. M. Dubnow: llislorv of the Jews in Russin and Polami. From the earliest times until ■ the present dav. (Translated fröm the Russian.) Philadelphia 19161920. 3 Bd. 8. Josef Meisl: llaskalah. Geschichte der Aufklärungshewegung unter den Juden in Russland. Berlin 1919. 9 Arnold Margolin: The Jews in EasternEurope, - 1926. ,;• 10. 8. B. Weyuryh: Neueste Wirtschaftsgeschichte der Juden in Russland und Polen. Breslau 1934. _. v Forttetzurig folgt. Hiuduichpromenierte. entdeckte sie in einem der Abteile des nlfichen Wagens, den Fremden ans demPieisebürv, an den sie ganz vergesson hatte. Vvn einer Reisebibliothek roter, petber und grüner Bücher umgeben, las er in einer englischen Zeitung. Doch schien seine Aufmerksamkeit durch die politischen Nachrichten nicht so in Anspruch genommen zu sein, daß er nichl sofort die geheimnisvolle Ehinareisende erspäht hätte, die er mit gespannter Erwartung bereits in Berlin hatte einsteigen sehen, mit dem bestimmten Plan, hinter das Geheimnis ihrer weiten Fahrt zu kommen. Doch er wartete bis znm gemeinsamen Mittagessen im Speisewagen, um die' Bekanntschaft zu erneuern. Juan Liborra. wie er.sich vorstellte, war Senta.und der in ihre Heimat znrückkehrenden Nnssin ein angenehmer, zurückhaltender und anfmerfsamer' Neisegefährte. Gr schien in allen Ländern, ans allen Pkeeren zu Hause. Mit der gleichen Gründlichkeit wie die junge Nnssin. die gebrochen deutsch sprach und der tvißbegicrigen Journalistin mancherlei Ansklärung geben konnte.. .kannte er sich in den Gegenden ans., die die. rasende Fahrt vor Sentas verzauberten Blicken entrollte. So wurde sie mal ans den. kleinen russischen Stationen antmerksam gemacht ans die Samowars, die Dag und Nacht auf Kohkcnsener dampften', und ans die Fässer mit Gurken, bestimmt-für den Appetit der läuMtciieu; Passagiere. Fräulein Nawikow wies auch ans riesige Bauernwirtschaften hin. an dönen sie vorbeifuhren, und aus die neuen Bauten, die in ihrer bizarren Form schon aus der Ferne große Städte erkennen ließen. .Senta suhlte sich bald heimisch in ihrem kleinen Abteil. Wo es möglich war. sandte sie an den „Freitag Abend"'Berichte ab. und auch Lnkel -Henoch Lrhiclt säst täglich Nachi richten von ihr.' Die innge Berlinerin nnd die Nnssin ivaren die einzigen iveiblichen Nkitreisenden. die den Zug an der deutschen Grenze nicht verlassen halten. Senta -Hartmann wurde von allen Seiten verwöhnt.' Tie Speisewagen» kcllncr bedienten sie mit besonderer Sorgsamkeit, und ihre Tischgenosscn waren bemüht, es^ nicht an Aufmerksamkeiten fehlen zu „Die Dame in Grün", wie sie im Zug genannt wurde, blieb bon Negoroljose ab als letzterweiblicher Fahrgast im Transsibirischen Erpreß ziirück. Im Geiste hatte sie noch einmal ihr Borhaben 'gründlich überlegt und sich umfassende schriftliche Notizen gemacht, von denen sie eine Kopie an Lnkel Nochi schicken wollte. Sie steckte den frankierten Brief an ihn in die weite Tasche ihres pelzgefütterten Ledermantels, um das Schreiben ans der nächsten Station in den Kasten zu befördern. Dann kuschelte sie sich begnein in ihre Fenstereckc ein nnd ließ ihren Gedanken freien Laus. Was Rer wohl für Augen machen würde, wenn sic plötzlich in seinem Flugzeug anstauchtc? Angenehm war die Situation, in der sie sich Wiedersehen würden, für sie beide bestimmtnicht. Aber die'jüdische Gemeinde, um derentwillen Senta setzt in die 3BcIt reiste, war wohl auch nicht gefragt worden, ob ihr ihr ferneres Schicksal angenehm war oder nicht. j -Heißer Zorn stieg noch jetzt, nach Jahren, in Senta aus. wenn sie an ihren Streit mit Rer zurückdachte. Wochenlang zuvor hatte sie gewußt, daß der Tag nahe war, an dem er sie fragen würde, ob sie seine .Frau werden wolle. Geträumt hatte sie von diesem Augenblick, seit sie den schlanken, großen Jungen mit den herrischen grauen Äugen und dem kantigen Iungmännergesicht. das Luft und Sonne bronzebraun getönt, kennengelernt hatte. Hs blieb ihr nicht verborgen, daß er ihre fa.ft männliche Gneraie zeitweise als nncrträglich empfand. Auch ihr Berus störte ihn. ^aber er liebte sie so, daß er im Lause der Zeit sich wohl daran gewöhnt haben ivürde, wenn auch sie ein Hinsehen gehabt hätte. An einem wunderschönen Sonnabendnwrgcn hatten sie in seinem Faltboot ans der Themse nach Maidenheatz paddeln wollen. Wie die Kinder hatten sic sich ans den Ansslng gefreut, von dem sie genau wußten, was er ihnen bringen würde. Gerade in dem Augenblick, da Senta das Haus verlassen wollte, kam ein Telcphonanrns. „The Ladies Iouri nal" fragte an. ob N!iß Hartmann eine Kritik über die „H>amlet"-Anfführung in Stradfort bn Avon für das Blatt schreiben wolle: „-Vamlet"—Irene Tree. Hnglands größte Tragödin. Vergeblich bat Rer, zugunsten ihres gc-.^ meinsamen Ausflugs auf den lockenden journalistischen Auftrag zu verzichten. „Rerie. cs gibt noch so viele Wochenenden für uns", ivar Sentas Antwort gewesen, „der Sommer hat doch erst angcfangen!" . ..All right, mtc i>u mcinft!" Das mar das letzte, was sic von ihm hörte. Am' andern Morgen war er abgereist: und seitdem hatte sie nie wieder ein Iicrsönliches Lebenszeichen von ihm bekommen. Schwor zu sagen, wie er sich fetzten ihr stellen würde: und beschämt dachte Senta, was für ein .Rindskopf sie doch vor ein paar Jahren gewesen sei, sind welch Glück sie leichten Herzens beiseite.gestoßen habe. -- ~ Während der ganzen Neisezeit war der Fremde Liebenswürdig-sorgsam um sie be- . müht. Inan Liborras Zurückhaltung gefiel- Senta. Hr war da, tvenn.er glaubte, daß j'ie nach der IlNterhaltnng mit ihm Berlangen trug, er zog sich in sein Abteil zurück, wenn er spürte, das; das Mädchen allein sein wollte. Aber seinen vorsichtig bohrenden Versuchen, Senta Hartmann, im-Ernst und im Schmerz, ans ihrer Reserve hervorznlockcn, setzte sie gewandt Widerstand entgegen. Auch als er ihr an ejnem der Tage eine Ausnahme von sich schenkte, die im Hinterarnnd eine der Landschasten zeigte, durch die sieIjerabe hindtirchfnhren. um sie, nsie er hoffte, zu bewegen, von ihrem persönlichen Leben etwas zu erzählen, mußte er enttäuscht bekennen, daß er in der Ergründnng des Rätsels um diese Senta Hartmann noch nicht eine Spur iveiter gekommen war. (Fortsetzung folgt.)