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Central-Verein-Zeitung · 1936-02-27 · 9 (27.2.1936) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
9 (27.2.1936)
Date
1936-02-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Jüdisches Leben Von den Grenzen Jüdischer Kultur Zur Vortragsreihe des Berliner jüdischen Lehrhauses Im Rahmen der Tonnerstagsreihe des Berliner jüdischen Lehrhauses' sprach am 20. Februar Dr. Georg L u b i n s k i über gesellschaftliche Bor7 aussetzunScn jüdischer Kultur, Er ging. davon aus, daß die Juden auch nach der Zerstörung des Tempels eine eigene Kultur besessen hätten,-deren Sprache das Hebräische oder Jiddische", und deren Träger das jüdische Volk in seiner Gesamtheit gewesen sei. Niemals sei das jüdische--Volk eine geschichtslose Nation, d. h.' eine -Gemeinschaft, deren kultureller Schöpfungsprozeß jahrhundertelang unterbrochen worden sei, geworden. Der Referent wandte sich dann den beiden außerhalb Palästinas bestehenden Zentren jüdischen Volkslebens, Amerika und dem Osten, zu. In Amerika sei trotz eigener Presse, Gewerkschaft und Schule eine Auflockerung des kulturellen Eigenlebens sestzustelleu. Das gleiche gelte im Prinzip für das o st j ü d i s ch e Leben, wo religiöse Gegensätzlichkeit zwischen der alten und jungen Generation die überkommenen jüdische legitimen Bindungen zu zerstören drohe. Den Juden in D e uck s ch l a n d sei zum großen Teil das Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volk erst durch die Ausnahmegesetzgebung des Jahres 1930 gekommen. Bis dahin hätten sie in ihrem überwiegenden Teil versucht, sich der Gesetzmäßigkeit der jüdischen Gesamtheit zu entziehen. Für die kulturelle Neubildung kämen die jüdischen Organisationen wegen der jüdischen Ungebildetheit vieler ihrer Führer nur bedingt in Frage. Einen Ansatzpunkt könnte die jüdische Schule bilden. Ten Möglichkeiten für die Schaffung einer hebräischen Atmosphäre steht Lubiuskl skeptisch gegenüber. Kulturbund, Landschule heim und Lehrhaus seien noch nicht jüdische Kulturträger. Sie könnten höchstens diekünstigen Träger einer jüdischen Kultur vorberciten. Allerdings werde die Schaffung einer jüdischen Kultur in Deutschland auch durch das Fehlen der äußeren Stetigkeit infolge der Auswanderung erschwert. Hinzu komme, daß der Akadennkernachwnchs in Deutschland fehle, und daß überhaupt die Ausbildungszeit unserer Jugendlichen erhebliche Abkürzung erfahren habe. In diesem Zusammenhang unterstrich Lubinski die Bedeutung des 19. Schuljahres. Angesichts all dieser Schwierigkeiten einer jüdischen Kultur in Deutschland, in Amerika und im Osten liege die eigentliche kulturelle jüdische Chance in Palästina. Eine heute in Palästina akute Gefahr' sei die der Verflachung des Hebräischen. Da diese Sprache von Menschen gesprochen werde, die sie erst nachträglich gelernt Hütten, so werde die Berücksichtigung der sprachlichen Feinheiten vielfach vernachlässigt. Dxn eigentliehen Ansatzpunkt einer sprachlichen Regeneration bildeten die landwirtschaftlichen Siedlungen. Es dürfe ferner nicht übersehen werden, daß der Neufäiaffung einer jüdischen Kultur auch erhebliche strukturelle Schwierigkeiten entgegenstünden, da die religiös-legitimen Bindungen heute nicht mehr als allgemein gültig anerkannt würden und die politischen Probleme sich für die Gesamtheit mehr trennend als verbindend answirkten. Trotz alledem fei Palästina das Zukunftsland — jüdischer Geist auch in kultureller Beziehung, während die Mög. - lichtesten für eine jüdisä)e Kultur in Deutschlandgering seien. , Da mit dem Lnbinskischen Referat die Vortragsreihe über jüdisäie Kultur abgeschlossen iit. so seien auch einige abschließende Bemerkungen zu der Gesamtbehandlnng, die das -gestellte. Problem erfuhr, gestattet. Als das Thema „Jüdijäie - Kultur',-dessen Aktualität gerade für .uns -und in heutiger Zeit nicht bestritten werden soll, a'nge- ' setzt wurde, stand von vornherein einesfeit: Die Behandlung des' Problems mußte' dann nnbofriedigend.ansfallen, wenn man von der Not- Wendigkeit und Möglichkeit einer alle Juden um» fassenden jüdischen Kultur ausging und jüdisch» Einzelleistung außerhalb des -eigenen jüdisä>em Külturl>ereichs als jüdisch unerheblich hinstellte. Tenn Grundelemente des allgemeinen Kulturbegriffs sind nun einmal Land und Sprache; und soweit diese fehlen, sind jüdisch-kulturelle Entwicklungsmöglichkeiten nur inverhältnisinäßig geringem Ausmaße . gegeben. Auch dann sogar, wenn mqn den Knlturbegriff weiter ausfaßt, wie es zum Beispiel Leo Hirsch in seinem Referat tat, wirb mir ein bestimmter Sektor jüdischer Kulturleistungen als jüdisch legitim ersaßt. Aber wird der Wert unseres jüdisäsen Seins dadurch verkleinert, daß die Juden -keine kulturell einheitliche Gemeinschaft bilden? Auch wir bejahen die Entscheidung zum Jüdischen und'Fordern die Einordnung des einzelnen in die jüdische Gesamtheit. Aber mit einer Verabsolutierung des Jüdiscl-en können wir dem jüdischen Sein in. seiner ungeheuren Vielfältigkeit nicht gerecht werden. Unsere Geschichte hat uns gezeigt, welchen Wert die Aufgeschlossenheit für die Kiilturen der Umwelt — bei aller auch von uns geforderter Grenzziehung! — in sich birgt, sie hat uns bewiesen, daß das „Minus" an. „eigener" Kultur ausgeglichen wird durch den Reichtum, der ./uns durch die Berührung mit europäischer Kultur und dadurch mit Kultur schlechthin zuteil ivurde. Wir hätten es gern gesehen, wenn in-den Vorträgen auch ^.einmal diese "Seite des Problemsanfgezeigt worden wäre, obwohl, oder gerade weil wir wissen, daß dies im jüdischen Leben heute ebenso unmodern geworden ist, wie es — zu dieser Bemerkung halten w i r uns für berechtigt — vor dem Ilmschwung unmodern war, sich für das Primat des Jüdisck)en, für die gesamtjüdische Bedeutung Palästinas; ja für jüdisch Arbeit überhaupt cinzusctzen. Vielleicht wird auch, gerade einem der betont jüdisch eingestellten Nichtzionisten, die sich immer gegen die d i st a n z - lose Identifizierung mit der Umwelt gewandt hatten, erst durch das Entbehren klar, wie stark' wir unbewußt diesen Werten verhaftet waren. Wir forderten das hebräische Lied, weil wir das deutsche ohnehin sangen; wir rangen um BuberS und Rvfenzwcigs Gedankenwelt, weil uns die Gedankenwelt Goethes und Schillers gesicherter Besitz schienwir begeisterten uns für den „Dybuk", nachdem uns „Fideliv" selbstverständlicher Bestandteil unseres künstlerischen Erlebens geworden Wenn daher Menschen von dieser Vortragsreihe- Abschied nehmen mit der Empfindung, daß das jüdisäie Leben außerhalb Palästinas nicht oder weniger lebenswert sei als im Lande, so hätte der Zyklus seinen Zweck verfehlt. Wenn sie aber aufgeschlossen worden sind für die ungeheure Vielfältig keil süd? * ch e n S e s n?. ivemt sie an dein Dc-tlproblem der jütn'wen Kultur erneut , gespürt hiilH'ii. ivrlchrr Eigengesetzlichkcit jüdisches Sein unterworfen in, und wenn ihnen bewußt geworden ist. daß es daraus ankonnut. wie mau i'id) diesem Sonderichictial gegenüber» stellt, ob als. Herr oder als .gneäit. ob innerlich frei oder innerlich-unfrei, ob als Glied der jü» büchen Gxu'aintheit oder als Flüchtling vor dem eigenen Selbst -- daun war das, Bemühen auch lbieier Vortragsreihe nicht vergebens. Ist. W erner - Kosenstock. Arthur Ruppin 'In .dielen Tagen, begebt Dr.,Arthur -Ruppin - seinen- 00.. Gebiir'lsiug. Wenn unaii feine Laii'- bahu heute nverlchniN. jp bleibt le'ilzustelien. -daß vor.allem seine-praktische Täligkeit in Palästina "eindeutig von reichen Erfolgen begleitet war. In Rawitsch lPosenI geboren, arbeitete er kurze Zeit als Rechtsanwalt' in. Magdeburg, nahm 190t an der Gründung des Verbandes für Statistik der Juden teil und leitete dessen Büro in Berlin bis 1903. Im Jahre 1-907 besuchte er erstmalig Palästina und.übernahm dann ein Jahr später die Leitung des Palästina-Amtes in Jaffa. Eine Fülle von Projekten praktischer Kolonisation (Dagauja. Merchawja. Kinereth. Hulda, Emek, die Stadt Tel-Aviv, die Paleftine Land Develvpinent. Hypothekenbank u. a.l sind ihm zuznschreiben<^Vo» Anfang an galt seine besondere Zuneigung der Lösung der jüdischen Arbeiterfrage auf der Grundlage organisierter Siedlung. V!it Unterbrechungen gehört er der Zionistischen Erekutive an. Einem größeren Kreis der jüdischen Gemeinschai't i» -Deutschland ist er im Fahre 1933 durch seinen Vortrag auf dein 1-9, Zionistcnkongreß bekannt geworden, wo er die Idee entwickelte. innerhälb von süns bis zehn Jahren _'00 000 Juden ans Deutschland -planmäßig in andere Länder zit über- . führen. Palästina sollte'danach 100 000 Juden aufnehmen.- andere. Länder weitere 100000, davon die Vereinigten Staaten-'von Nordamerika »allein 50 000., In jüngster Zeit unternahm Rnppin im Anstrage der .Icwish A^i'iiey eine Studienreisenach Südamerika, um die Alöglichkeiteii 'der Einwanderung von Juden in diesen Erdteil zu untersuchen. Das Ergebnis seiner Reise hat er vorckurzem der Leffentlicht'eit zugänglich gemacht. Läßt man die Einschränkungen, die vom luchtziviiistischeu Standpunkt aus gemacht iverden müssen, außer Betracht,, weil sie i» praxi »ür große Teile der jüdischen .Menschen ' ans Deutschland, die in andere Länder wollen, ohnehin prablematisch sind, so können die Ergebnisse und' Tchlußfolgeriiugeu seiner Studien als durchaus positiv und wertvoll für viele ivandernngsivilljge Inden angesprochen werden. Wir müssen Ruppin. der im Verlaufe. Pon nahezu 30 Jahren große Erfahrnngen ans dem Gebiet Praktischer Kolonisation in halbentwickeltein Land gesammelt hat, für diese Leistling dankbar sein. . Seine reiche praktische Entsaltimg hat Ruppin von Anfang an durch ivisseiischaftlich-Pvlitische Betätigung ergänzt.- Eine Anzahl Schriften legt davon Zeugnis ab. Wir nennen nur seine.Hauptarbeiten: „Die Inden der Gegenwart" ll. Auslage -1904), „Ter -Aufbau des Laiides Israel" sllilli», „Zionistische Kvloiiisationspvlitik"' (1!*14), „Shrie» als Wirtschastsgebiet" (19171. Sei» Haupt, werk ist die zweibändige „Soziologie der Inden", die im wesentlichen ans Vorlesungen an der Hebräischen Universität .Jerusalem, wo Ruppin als Dozent für Soziologie wirkt, entstaiiden ist. Die Griindzüge dieser Soziologie sind bereits in seinem Erstlingswerk „Die Lage der Inden" enthalten, in denen Rnppin noch ivührend seiner ersten juristischen Tätigkeit die sozial- und Wirt- Oppenheim Das bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe Charlottenburg, Wilmersdorfer Str. 115-116 Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe schkftsstatistüclicn Ergebnisse jüdischer Bcvöl.lcriingseiitn'lclliiiig im Dinne'der Ilnlergangskatnstrophe dnrä, die AlsüiiilatioN und stirer positiven - Umleitung >» de» ..indischen- Nat-ionalismi-ls". ans'ivertet. Duräi leine Arbeit Hut er wesent- Just zur wisseiisäxiitlichen Fornmiig iiiid Entivick- '-.luii-g einer jüdiiäieii Vockstiiinsideologie bei-, getragen. die Vielzahl der akadeniischen Fnlirer des Z-io>iis>n»s zeigt und ivie es in den -: Abliaiidlniigeii 'Knvvin's in Ersciieiniuig tritt, ist ° allerdings vst die indische Frage -aUpiiehr nnler dem Gesichtspniikl der-besonderen Lage des L>tjiidentiims betraäitet ivorden. Häufig hat sich auch sein aus feiner Deukiveife entitairdeuer PessimiS'- nius Überschläge», wen» er z. B. aus uiäil selir bedtiitsaiiieu Ereignisse» in '.'ieiv.-Pork im Jahre 1920 de» Schluß zog. daß ..fast über A'aclit aus dem freien.Amerika'ein antisemitisc>>es. Land ge-, worden ist". - Jin Lanie der Jahre hat er sein soziologisches System.-'immer, starker zu »utermaueru imd zu vertieieii versucht, ivobei sein sich stark iveiteuder Gwüclit.skreis und die mit dem Alter ivachfeude Erfahrung eine stärkere Schließung der Lücken imd dadurct, eine Abglättuug und Dänipfung jener Gedaukeiiiühruug mit sich bracliten, die i»> jugendliche» Feuer entstandeli - war. Riippin' ivird, iiaäidein er die Sä»vel.te des Alters iiberjehreilet. stäierlicli sein 'Illerk iveiter vertieje» nild iiiit der Weisheit des Alters beirniclste». Die Erfahru'ngen gerade der letzten.Jahre sind ihm geiviß ein Beiveis siir die ziveiselineidige» Folgen jeder Ideologie. Aber es bleibt ihm das befriedigende-.Be-. nuifttfci.it, sich ,»it ganzer Tnikrail und der Fülle ieiner Anregungen siir ei» -praktisches Abfangen der Folgen dieser Ideologie in Palästina erfolg, reich eingesetzt zu haben. —t—n. Lehrhans Berlin. I.» Rahmen der . ArveiG. gemeinschait Lotte P >> l v e r m n ä> c. r ..Ucl'uiigco "iin Vetrachte» von Kiiilsliverkeii" iindei am 'Sonntag, l. Alär;. I» Uhr', eine Fiihrung du>ü, die Lielierinnmi«Icdääitiiis Aiisstellnug iin Jnd>slN-:n Al»ic»i» statt. Teilnalniic. iür H»>er des Jüdiistien ' Lehrhaufes »nr »acl> vorhe.r-iger 'Aiimeldniig im Tefi'ctiniiil, Alardiirger Straße 5 (10 dis 13, lr> dis Der üiervennrzt Dri Gustav Oppenlieim in Fraiiksnrt a.!)Ji. hielt k»rzlicl> in der S t u d i e'n - g e s e l l s ch a f t f ü r st' a r n p s h ä> o l b g i s tl) e . U n 1 e v jn ri) n n g e n in A m st erd a in einen vielbeaäiteten Vortrag über „Elektrische Felder am ineiisäiliche» Körper und ihre Bedeiitiing für dieparapshchvlvgisä>en Erscheinmigen". Ai» Tage »ach dem Vortrag sührte er in einem Lal'vrnto«-- riliin Erperiniente vor. Die iiiederländisclie' Tagespresje brachte - über diese ivijsenjchastliche Veranstaltung umsangreichc Berichte. . An .der ..Ungarisch-Jüdisäie» Freien - Universität" in Budapest sprachen Projesjor Armin Bi lies, über „Europäische und amerikaniiäie .Juden" »nd Dr/ Heinrich G.ii t t m a n ii über: „Deutsche-/Juden, ii'n- >'9. Jahrhniidert". Za drin Pkrlii,! ln. N>. 7 drc S.-P.-Ztiinng »nnr ltt. .Februar - über'das Sozial- »nd veilpadagogi>ä>ö Seminar Frankfurt ». A>. wird nns e>ga»>end mit« geteilt, daß seit dein I. Februar I!«:!«> in Verl in-. Schöncberg. Golßstraße Ü I., ein heilpädagvglscher BeschLftigungszirkel sür Kinder von drei dis zehn J»l)re» bestellt. Tiefer Kindergarten, der von der <stadt Berlin grnelimigt ist. wird.-'- von. Elifabelh Wächter geleitet, Tie speiiell ausgelnldete Leileiin hat langjährige Praris mit anormalen Kindern in großen.- anerkannten Ansiallen Tenlschlands. Frage, ob Vater Geld mitbringt und wieviel. Es mutz erst noch etwas abgerechnet werden. Mit wem denn? Atit Herrn Wittelso ttzal, dem Verleger der Zeitschrift, denn er" ist derselbe, dem auch die jüdischen Gebetbücher und Betkleidcr gehören. Was? Die gehören nicht Vater? Nein, denn dann wäre Vater Ladenbesitzer; aber weil die Kisten, Pakete und Schachteln in dem Oberzimmer hinter dem Geschäft von Krant Herrn Wittelsthal gehören, darum ist -Vater Vertreter. Aber wer bekommt denn das' Geld? Herr Wittelsthal kriegt das meiste, aber Väter bekommt „Kommission" — so nennt man das. Vater empfängt zuerst das Geld von' den Leuten, die gekauft haben, und daun schickt er es gleich an Herrn Wittelsthal. Warum macht Atutter nun so ein sonderbares Gesicht, als wützte sie selbst nicht, ob sie -Zachen oder betrübt aussehen soll? Geht es denn so nicht? Meistenteils wohl . . . aber manchmal lätzt Vater es erst etwas auflanfen; denn das Schicken von kleinen Be- ' trägen ist oft zu umständlich, dazu hat Vater auch nicht immer Zeit mit seinen vielen Berufen, und so hat Vater nun. gerade in der letzten Zeit getan, und es war sogar ziemlich viel zusammen gekommen . . . und darum weitz Mutter nicht, ob Vater wohl noch etwas nach Hause bringt von dem Geld für das Büch, wenn alles ausgerechnet und abgerechnet ist. Und darum möchte Mutter nur, d.atz es schon halb sechs wäre. Ach ja, das wollten die Kinder auch. Dürfen sie Vater . vom Schiff abholen? Ja ... und wenn Vüters Koffer schwer ist, dann können sie ruhig glauben, datz Vater auch noch Geld in seiner Tasche hat. Aber nicht gleich merken lassen, datz Ätutter ihnen schmrZovicl von allem erzählt hat. Wenn man aus der Enge des steilen Weges, zwischen den hohen Gartenzäunen der großen Häuser um die Ecke, aus der Straße kommt, sieht man gleich das Wasser breit vor sich, und das Wasser ist immer schön und gibt einen herrlichen, frischen Geruch von sich. An dem kupferroten Schimmer der kleinen. Wellen, au der tiefen Farbe des Turms, der rundherum in der Sonne steht, sieht man, daß die Tage bereits kürzer werden,, daß es jetzt schon auf den Abend zugeht. Nun schnell über die Schleuse, ehe sic geöffnet wird . . . um die Ecke, hinunter, da' ist der . Steiger, nun riecht .man das Wasser erst richtig, und immer wieder weist aus der Ferne eine leichte Holzluft vvin Hafc-u heran. Das Schiss! Rauch steigt über den fernen Bäumen auf, jetzt fährt es um die Ecke, und ist noch unsichtbar, noch einen Atoment . . . und nian sieht es ..da...quer Haltes auf die Mitte zu, hart an dem Schleppboot vorbei — ein Angstschrei ertönt. Es fährt vor der Sonne her und sieht ganz schwärz aus, es dreht den Vordersteven zum Steiger und erscheint nun kurz und schmal, es macht eine Schwenkung und wird wieder breiter und länger ... gleich wird es pfeifen, dann wer-' den die jliiider den Steiger hernntergejagt . . . dann werden die Gitter geschlossen, die Ntänner. halten sie schon bereit und blicken grimmig über ihre. weißen Pfeifen; aber sagen noch nichts. . . Sahst'du das? Erft kam der Dampf ausder. Schifsspscise, und dann hörte mari es erst! Herunter! Herunter! . ... Ja. ja. wir gellen schon, wir sind schon weg? Ein Manu rollt schwarze Fässer heran, es dröhnt wie Donner, und zw bi kippen große, weiße Kisten wieder und wieder, daß der Staub ans den Brettern fliegt, pass' auf deine Füße auf, solche Männer sehen sich nicht vor. Alan sieht die Passagiere bereits auf dem Teck, man hört das Schiff stampfen und danipfen . . . jetzt ans einmal nicht mehr . . . min muß der Kapitän etwas durch das Sprachcohr nach unten gerufen haben ... das Schiff treibt ohne das geringste Geräusch . . . es treibt langsam an den Steiger hcran ... alles an ihm wird mit jeder Sekunde größer und deutlicher ... es gibt sich nun keine Acühe mehr . . . ans ist die Reife.'und eine kleine halbe Stunde darf es ansrnhen. inird ill diefer^Zeit entleert und wieder vottgeladen — und ist dann das Boot von sechs Uhr geworden. „Tag, Vater! Tag. Vater!" Trägt Vater schwer an seinem Koffer? Ach. woran soll inan das hehen? "Auch wenn er mit Blei 'gefüllt wäre,- könnte inan es Vater noch nid)t aiimerkeu, fo einem starken Mann . . . Die 'Reisenden kommen über die Laüfbrücke und passieren die Barriere. Vater gibt seine Karte dem ältesten Mann, endlich. . . „Tag. Vater! Tag, Vater!" W-er-' darf Vaters Koffer tragen? Beide abwechselnd; aber das Bcanntzvolk geht vor. Der Knabe nimint ihn froh und behende dem Vater ab, und Vater« Rücken fragen ihre Augen und antw.vrtLu die seinen .. . ja, er ist schwer, kolossal schwer! Also. . . also . . . also . . . Aber sie dürfen nichts fragen, nicht einmal sich etwas merken' lassen. Ilnd da dem Blüdchen wieder wie nachmittags vor lauter Fragen ein dicker Pfropfen im Halse steckt, sagt sie nicht, sieht mir schräg in die Hohe /nach Vaters -Gesicht) nach, ihrem tüchtigen Vater! Bis zn dem Lebensmittelhändler an der Ecke darf der Junge den Koffer trägen, dort bleiben sie stehen und er übergibt ihn. seiner Schwester. War er sehr schiver? Ja. ivenn Bater es selbst fragt . . . sie werden alle beide rot und brechen beide in Lachen aus, Vater lacht auch, und sie gehen weiter. Und ivcnn der Koffer--auch schwer ist, er hängt an ihrer Hand. Herrlich, so alle drei nach Hans zu Mutter zn gehen, zivisciien den fremden 1)^1,- scheu hindurch . . . Und Vater weiß doch nicht genau, was sie wi-nen, aber sie wissen auch nicht, .was Bater weiß, das sie wissen. Run gehen sie den schmalen Pfad zwischen den Gartenzäunen hinab, nun sind sie in der Stille ihrer Straße und gleich zu Haus. Dvtcnstill steht das Wasser in den Gräben, zn beiden Seiten der kleinen.Brücke, totenstill und grün und sieht beinahe so dick ans wie Erbsensnp)>e. Mutter, steht auf der Schivelle und späl>t und spä-l)t, aber sie sieht -nicht, und sie sehen P.iilter schon lange, sie äst nurij ein bißchen liirhichtsip „Dag. Bintter! Tag, Pintler!" Ha, nun ivinkt sie endlich zurück. Verstohlen siha-nt' das Riädcheii nacl) Bater und l>ebt dann mit einem' gespielt sci>inerzliclien Gesicht so schrecklich schwer ist der Koffer! - -- il,re Last ein Endihen in die Hvlie. Ob 'Mutter" begreift? Oh, sie Iai:I)Vsie lacht . .... Run 'bräncht gnnn lischt zn denken, daß Bater sofort zn erzählen ansängt, sobald sie zn Hans sein werden. O. nein, bei Bater geht alles seinen geregelten Gang. Hut und Plantet an den Garderobenständer und Plntter bekommt einen Kuß. Und dann ist iinincr die erste Frage: „Briefe- oder Bcstellnngen?" Hat Vater es diesmal gefragt? Das Riädchen wollte daraus achten und >iat rs dvcl) nicht getan. Vater hat den Koffer ans den Disch gestellt lind sie stehen rund herum. Und Rlntter blickt Vater an und fragt mit den Augen. An-Vaters Gesicht kann man nichts selten. Es köiilite ebensogut sihliinin ivie gut . sein, was er zn erzählen l)at. / Aber der Koster war doch so schwer! Tie Kinder selien deutlich, ivie Blntters Gesiiht.bereits. ängstlicher ivird, ihr Rlnnd öffnet sich . , . „Und?" „Elf . . ." Wie -schroff und, trocken das klingt! Sie blicken einander an. sie schanen nach Vater, sie schauen nach Pinttcr . . . Oh. sicht RUitter blaß ans! „Elf Groschen . . .?" Mutter sagt es so leise, als ob sie es beinahe nicht l>eransbringeä kann. Ja, es muß wohl auch sehriwenig sein. „Elf Gulden . . Es klingt wieder genau so nncrjchütterlich ruhig. Aber plötzlich , begreifen sie. Es ist alles nur Scherz? daß Vater so spricht, daß Vater so tut. Tenn sieh nur Riutters Gesicht! Und ja, iinn lacht Vater selbst auch, und die Kinder ebenfalls. Ja. Mutter, wir wußten es sofort, denn fühl' mir mal, wie schwer der Koffer ist . . . - (Berechtigte Uehersetzung aus dem Holländischen von IVilly Blachcrt)

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