Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 21 (23.5.1935)
- Date
- 1935-05-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Np. 21 2. BoSbSalt 23.April1935 Lebensbilder zweier Herrscherinnen Stefan Zweig: „Maria Stuart“ So» Stefan Zweig, dem erstaunlich Fleißigen, ist ein großer Band über Maria Ltuart ersessenen im Berlage Herbert Reichner (SBii'it), mit interessanten Bildern schön ansgesiattet. Ein Material Non höchstem Interesse ist mit höchst dankenswertem Fleiß gesammelt und gesichtet. Mer das Buch ist zu lang. Diese ö'.'o weiten sind zu Niel — und zwar deshalb. Werl diese Ausführlichkeit der wirksamsten Darstellung dieses Stoffes nicht nutzt, sondern schadet. Stefan Zweig Psychologisiert zu viel. Statt die mächtigen Ereignisse durch seinen Vortrag wirksam zu machen und ihre Ausdeutung getrost dem Leser zu überlassen. verbraucht er unendlichen Hin tun für psychologische Kommentare. ..Verhängnis der Unterjochung: Wer seinen. Willen von sich gegeben, kann nicht mehr seinen Weg wählen." Wozu braucht man solche Sätze? Oder er hat den fünftlcrisch guten Gedanken, die endlose monotone Hast Maria Stuarts in England fühlbar zu machen, indem er die Lebensjahre, die Maria Stuart dort verbringt, aufzählt: „Das einnnddreißigste. das zwciunddreißigstc, das dreiunddreißigste . . . das ueimunddreißigste." Aber dann fügt er hinzu: „Schon die Zahlen nebeneinander zu schreiben, ermüdet. Aber man muß sic neunen. Zahl an Zahl, um die Dauer, die zermürbende und auslaugende ^auer dieser Scclcuagonie ahnen zu lassen." Wieder zerstört der psychologische Kommentar die lunstlerische Wirkung. Das soll nicht etwa so verstanden werden, als ob hier von Stefan Zweig etwas anderes verlangt wird als er geben wollte:' Dichtung statt historischen Esiaps. Nein; aber man kann unter strengster Beschränkung auf denkbar sorgfältig erarbeitetes und kritisch gesichtetes Material ein Lebensbild so aufbauen, daß sein Rhythmus uns unmittelbar ins Gefühl dringt,' inan kann geschichtliche Wahrheit mit rein künstlerischen Mitteln geben. Aber Stefan Zweig spricht hier so viel über den besonderen Rhythmus dieses Lebens, daß wir nicht dazu kommen, ihn zu fühlen. Man empfindet das schmerzlich, weil dieseS große (nur zu große) Buch nun doch deutlich niacht. daß es sich l>ci Maria Stuart um eine der großartigste«! und unheimlichsten Lebensläufe handelt, die von irgendeiner Frau zu schreiben sind. In Deutschland kennt man den Stoff ja meist nur aus Schillers Drama. Aber Schiller gibt nur, in sentimentaler und moralischer Betonung. das Nachspiel der eigentlichen Tragödie. Doch wie diese Frau, schon bei der Geburt Königin von Schottland, als Kind Königin von Frankreich und zu ihrem Verhängnis auch Prätendentin von England — wie dieses vom Glück verwohnte, mit vielen guten Gaben des Körpers und des Kopfes ausgestattete, leichtherzig stolze Geschöpf mit 25 Jahren in den Bann einer furchtbaren Leidenschaft gerät, die sie zur Mörderin ihres Gatten macht und alle Vorsicht, alle Vernunft, allen Schein mit nachtwandlerischer Fühllosigkeit vergessen läßt — das ist schon eines der grausigsten -und großartigsten Schauspiele, ■ die die Menschengeschichte kennt. Von den „Kassetten-Briesen", den Liebesbriefen der Maria Stuart an Bothwell, den Mörder ihres Gatten Tarnley, sagt Stefan Zweig sehr mit Recht, sie können gar nicht gefälscht sein, weil ein Dichter von der Genialität Dostojewskys nötig wäre, um derlei zu erfinden. „Weh mir! Ich habe niemals jemanden betrogen, aber ich tue alles in deinem Willen. Sende mir nur ein Wort, wa§ ich tun soll und was immer mir geschehen möge, ich will dir gehorchen . . . Gott vergebe mir und schenke dir. mein teurer Freund, alles Glück und alle Gnade, btcdeine untertänigste und getreueste Geliebte dir wünscht, sie. die bald hofft, dir noch mehr zu sein als Entgelt für ihre Onal . . Solche 'furchtbaren Natnrlaute haben außer dem Leben mir lveuige der größten Dichter anzuschlagen vermocht. — Und diese Frau der hemmungslosen Leidenschaft, die im Bösen lvie im Guten im letzten Moment immer das Nichtkluge tut. hat nun (durch ihren unseligen englischen Erbschaftsansprnch) zur Gegcnspiclerin jene Elisabeth von England, die niemals nach einem Impuls handelt, die immer wieder bedenkend, zweifelnd, zögernd jede Entscheidung von sich schiebt und gerade dadurch erreicht, daß die Zeit für sic arbeitet und schließlich alles zu ihrem Vorteil geschieht. Das lebenslange Gegeueinanderspiel dieser beiden Frauen (die sich im Gegensatz zu der berühmten Schiller-Szene niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen haben!), cs mußte am Ende mit der Vernichtung Maria Stuarts enden. Und es gehört zweifellos auch diese Grundsituation zu den großen symbolischen Konstellationen der Menschengeschichte. Diesen außerordentlich merkwürdigen und Eckenden Stoff uns au? sehr intimer Kenntnis aller Quellen ausgebreitet zu. haben, bleibt jedenfalls ein bedeutendes Verdienst von Stefan ZweigS Arbeit. Julius Bai». . Gina Kaus: „Katharina die Grosse“ Schrieb Gina Kaus eine Biographie der großen Katharina oder schrieb sie ihren Roman? Beides! <ie machte aus diesem unendlich weiten und überfüllten Leben, aus dem eigentlich in die historische Nirklichlcit übertragenen Kitschroman einer Kaiscrin eine ordentliche, saubere Biographie. (Verlag E- U Tal u. &>., Wien—Leipzig.) Sie läßt ihre Phantasie nicht der großen Gefahr unterliegen, das an Hintertreppenromontik so reiche Schicksal der Kacharina durch eigene, willkürliche Betonung noch romantischer. noch wundersamer zu gestalten — toie groß die Gefahr ist, beweisen zahlreiche andere Romane. Filme. Theaterstücke —, diszipliniert und gescheit versucht sie die überwältigende Fülle von Widersprüchen. Zufällen. Sprüngen. Ileberraschungen. mit der die Natur dieses majestätische Genie oder diese geniale Majestät und ihren Weg aus-, zeichnete, zu ordnen, sie läßt sich'nicht von ihnen verwirren und baut skistematisch aus ihnen den komplizierten Mechmismiis eines überragenden Menschen auf. Und indem Gina Kaus immer dar- °«s ausgeht, vor ollem den Menschen, die Frau in Katharina zn suchen und zu schildern, indem sie ' ilne reichen Quellenstudien und ihre überraschend grotzm Kenntnisse der zeitgenössischen Geschichte das" benutzt, immer mehr Farben für das Eharakterbild der Frau zu finden, gelingt es ihr. Katharinas Bedeutung aus ihren zeitlichen Bindungen heraus- .'Uheben und ihr die Gültigleit einer einmaligen Romanheldin zu verleihen. So lesen wir mm oleinlos mid gespannt den Roman der Katharina, ber deui Loben abgcschrieben ist. und müssen un8 wieder an die alte Binsenweisheit erinnern, daß ^3 Leben der mutigste, großzügigste und einfallsrcichste Romanschriftsteller ist. und daß seine irdischen Kollegen nichts Besseres tun können, als sich seiner Führung anzuvertrauen, sich seiner Eigenwilli^keit zu fügen mid es möglichst wortgetreu zu 'plagiieren. Nur so kann man seinem Geheimnis nahekommen, nur so seine, literarische Fähigkeit unter Beweis stellen. m Gina Kaus bestätigt da8. Sie legt sich gleich zu . Beginn des Buches die schwierige Frage nach' dem Woher des Phänomens, nach dem Woher der Per-; stnlichkeit. nach dem Woher des Genies. Sie kennt nur die wesentlichen Züge des Genies, sie weiß von : chrer Weite, wo Herrschsucht und Toleranz. Toll"! nihnheit und Weisheit. Großmut und Erbarmungs- - wsigkeit, Genialität und Lasterhaftigkeit Platz sin» Menschliche und Persönliche aus der Fülle der politischen Ereignisse klar und deutlich hervortritt. An solchen Stellen wird dann „der Ausblick vom Münsterturm" eine Art von weiblichem Geschichtsbuch, die große, hohe Politik entwickelt ' sich nicht in wissenschaftlichen, langatmigen Abhandlungen, sie versteckt sich eigentlich hinter privaten Erlebnissen, Erfahrungen und Begebenheiten der Autorin und erhellt sich selbst in dieser anekdotischen Form oft lebendiger und charakteristischer. als es in historisch abgeleiteter und logisch aufgebauter Art, kurz in männlichen, objektiven Gcschichtswerken der Fall ist. Mit viel Innigkeit erzählt Elly Heuß-Knapp von ihrer frühesten Kindheit, von ihrem Vater, dem Nationalökonomon Professor Knapp, und von seinen wunderbaren Erziehung- und Lebensmassmen, sie erzählt von den Straßen und Winkeln um das Münster in Straßburg so anschaulich und plastisch, daß man fast meinen könnte, selbst dort einen Teil seiner Jugend verbracht zu haben. Lächelnd hört man viele, viele nette, sympathische det, aber sie keimt rwch nicht da8 Geheimnis des Lebens, das dahintersteckt. Langsam beginnt sie mit dem Forsü)en, langsam rollt sie das Geschehen auf. fügt Ereignis an Ereignis. Mensch an Mensch, Jahr an Jahr. Und langsam wächst die klein» Prinzessin aus Zerbst zur großen Katharina.. Tie Herrscherin hat sich vor Miseren Augen entwickelt. Soweit wir Menschen das Woher der Ebbe und Flut, tniö Woher des Donners und Blitzes, daS Woher deS Genies erkennen können, soweit löst unS Gina Ka'is die Rätsel. Sie bringt das mit so besser fertig, als sie für ihr Buch nicht nur ein sorgfältig znsammengetragencs Wissen, psychologische Feinfühligkeit mid eine gewandte. lebendige Darstellnngs- und Koinbmaticnsgabe bereit hat. fondern auch für Katharinas Vorzüge eine ehrlickp: Begeisterung und Bewunderung, für ihre Schwächen ein inniges Verstehen und Verzeihen, für Katharina, ihre Heldin, sehr viel Liebe hegt. Vielleicht auch kann nur eine Frau mit solcher Wärme und Nachsicht, mit solcher Hochachtung.und Anerkennung Katharina der Großen gerecht werden. Tenn es handelt sich ja hier nicht um die Feststellimg von absolut stichhaltigen Wahrheiten — wer könnte je-, mals endgültige Wahrheiten über einen Menschen wie Katharina, ihr Wesen und ihr inneres Sein finden und verkünden —. es genügt die vielleicht etwa? subjektive, daher aber um so menschlichere Darstellung, um die Impression eines hohen, bedeutungsvollen Lebens mit deutlichen Konturen und ahnungsvollen Schattierungen zu zeichnen. G.H. Und komische Aussprüche von Familienmitgliedern, .von Dienstmädchen und Freunden des Hauses, die alle dazu beitragen, die kultivierte Atmosphäre, das fein gebildete Niveau der Knappschen Familie und nicht zuletzt den Humor von Elly Knapp- Heuß zu bestätigen. Mit Interesse verfolgt man ihre sorgfältige Schulausbildung, weiter die bcruiliche Entwicklung, die mit der Entwicklung der sozialen Fraucnsürwrgc schritt hält, man stößt auf Namen von bekannten Persönlichkeiten, die auf beider Entwicklung Einfluß nehmen, auf den Theologen. Philosophen, Bach-Biographen und Orgelspieler Albert Schweitzer, der mit der Tochter des Historikers Harry Breßlau. Helene Brest- .lau, vcrlseiratet ist, auf Friedrich Naumann. Adolf von Harnack. Alice Salomon. Gertrud Bäumer. Bodelschwiugh und noch viele andere. So lernt man ans den verhältnismäßig wenig Seiten sehr viel Zusammenhänge zwischen Strömungen. Bestrebungen. Zeiten und Menschen aus der Perspektive einer gebildeten, arbeitenden und warm fühlenden Frau kennen. 6. LI. r ..Ausblick vom Münsterturm“, Erlebtes aus dein Elsas« und dom Reich, von Elly Heus«- Knapp, erschienen im Hans-Bott-Verlag, Berlin- Tempclhof. Elly Heuß-Knapp sagt in dem Vorwort zu ihrem Buch, daß sie die Absicht - hatte, die Bewegungen der Zeit tu einem Emzelschicksal zu spiegeln, zu zeigen, wie diese Bewegungen daS Schicksal des einzelnen gestalten. Sre findet den hübschen Vergleich mit den Bilderteppichen, die die Frauen m den mittelalterlichen Burgkemenaten gewirkt haben und in denen sie die Geschichte ihrer Familie und ihres Vaterlandes darzustellen versuchten, nicht ohne ornamentalen Schmuck und anekdotisches Beiwerk. Nun, wir wollen diese sinnvolle historische Parallele, die . Elly Heuß-Knapp erwähnt, gleich beibehalten und seststellen. daß ihr geschriebener Teppich nicht an bunter Farbigkeit den mittelalterlichen gewirkten nachsteht, ja. daß er auch so weich und schmieg-, sam wie jene wird, wenn er Kindheitserinnerungen und- Landschaften. schildert und wenn. das. Ein neuer Essayband von Thomas Mann ,Leiden und Grösse der Meister* Thomas Mann gibt zur Vorfeier feines 60. Geburtstages einen Band von fast 800 Seiten unter dem Titel .Leiden und Größe der Meister" heraus. (Verlag S. Fische r.) Das Buch enthält Abhandlungen über Goethe, über Richard Wagner, über Platen. Storni und Eervantes — sehr verschieden an Umfang. Gewicht und auch an Art. — und doch sehr einheitlich in dem innersten Lebensgefühl. in dem geistigen Blickpunkt, von dem aus all diese Abhandlungen geschrieben sind. Die letzte ist am leichtesten in der Formgebung, tveniger wissenschaftlich als. plaudernd im Ton, sie heißt „Meerfahrt mit Ton Quichote" und erzählt tagebnck)artig von einer Ucberfahrt nach Amerika, auf der ThomaS Mann das unsterbliche ' Werk deS Cervantes liest. Sie handelt also von deinsellxm wunderbaren Manne, dessen Leben Thomas Manns treuer Schüler. Bruno Frank, unlängst in einer biographisclM Dichtung darstellte — und vielleicht gibt cs zwisck)en der Entstehung jenes Buck)es und dieser Reiselektüre deS Meisters sogar einen Zusammenhang. Die Fahrt auf einem holländischen Schiff, mit vollendeter Technik und höchstem Komfort über da§ gebändigte Urelement des Ozeans zur Gigantcnstadt Ncw-Jork, sie enthält ziveifcllos allerlei Elemente der Ironie und der Ehrfurcht, die eine untcrirbifrijc Beziehung zwischen der Situation deS Lesenden und dem Inhalt seiner Lektüre bilden. Die größte Arbeit deS Buches, die über Richard Wagner, steht in der Mitte, und sie ist ein Meisterwerk liebevoller und furchtloser Sachkenntnis und Darstellnngskraft; diese Abhandlung erreicht, daß selbst der, der sich im Gegensatz zu Thomas Mann durch ein Entscheidendes vom Meister des Musikdramas getrennt fühlt, die dämonische Gewalt spüren muß. die in höchst fragwürdiger Gestalt und doch triumphal sich in jenem Manne durchsetzte. Ein merkwürdiges Bindeglied zwischen dem rührenden Ritter von der traurigen Gestalt und dem großen Zauberer von Bayreuth bildet dann die schmale Erscheinung des Grafen Platen. Denn er ist, wie Thomas Mann sehr schön formuliert, als „eine fahrende Seele von sublimer Narrheit" Platen- Don Quichote — und er ist zugleich Platen- Tristan! Sein berühmtestes Gedicht ist ja jenes, das mit den Zeilen beginnt: ( „Wer die Schönheit angcschaut mit Augen. | I ist dem Tode schon anheimgegcben ..." und das erstaunlicher- und beinahe unheimlicherweise ein Mcnschenalter vor Wagners Werk die Ueberschrift „Tristan" erhielt. In diesem Gedicht aber spricht sich ans. „daß das Prinzip der Schönheit und Form nicht der Sphäre des Lebens entstammt, daß seine Beziehung zu ihm höchstens die eines rigorosen und melancholischen Kritizismus ist: cs ist die Beziehung des Geistes zum . Leben." Da aber sind wir wieder bei dem tiefen Einheitspunkt dieses Buches und aller Bücher, der betrachtenden und der dichterischen, die Thomas Mann von den Buddenbrooks bis zu den Geschichten Jaakobs geschrieben hat. Die Beziehung des Gei st cs zum Leben, das ist da8 unergründliche Problem, um dessen Lösung ' er sich in immer neuen Versuchen müht, es ist der große Stachel, der feine Kraft weckt und vorwärts treibt. Urfeindschaft scheint zwischen beiden gesetzt, denn immer will det freie. Geist, das Genie, die Hülle des Lebens sprengen; und doch wächst seit einem halben Jahrtausend aus dem Leben europäischen Bürgertums eine Kraft, die daS Genie der Zivilisation, der technischen Naturbeherrschung, dem Leben befreundet und dienstbar macht. Und als der Mann, in dem sich diese Synthese von bürgerlicher Lebenstreue und überlebensgroßer Genialität aüfS wunderbarste vollzieht. feiert Thomas Mann inden beiden einleitenden Abhandlungen die Erscheinung GoetheS. (Theodor.Storm erscheint als eine kleinere, zartere, liebenswert schwache Variation . deS gleichen Typus.): „Goethe als Repräsentant deS bürgerlichen Zeitalters" und ^Goethes Lauh bahn als Schriftsteller". daS sind zwei Reden, die Thomas Mann 1932 bei der Hundertjahrfeier von Goethes Tod gehalten hat. „Das würdig Bürgerliche als Heimat deS Allmenschlichen, Weltgröße alS Kind der Bürgerlichkeit" — daS ist das Tbema, das Thomas Mann in beiden Ab. Handlungen mit kühner Einseitigkeit und fruchtbarer Stärke durchführt. „Tie großen Söhne des Bürgertums, die aus ihm heraus ins Geistige und Ueberbürgcrliche wuchsen", sie ruft Thomas Mann voll innerstem Anteil ans „als Zengen dafür, daß im Bürgerlichen grenzenlose Möglichkeitcn liegen. Möglichkeiten unbeschränkter Selbstbefreiung und Selbstüberwindimg". Seine wahlverwandte Hingebung läßt uns die höchste Kraft des Goethcschen Alters erleben, jene unvergeßliche Bereinigung von tiefstem Weltgcfühl und klar messendem Verstand, jene Begeisterung, die nüchtern ist! ' J.B. Eine neue Bücherreihe -v Gestern und Heute r' „Gestern und Heute", so nennt die Brandus'sche Vcrlagshandlung in Berlin eine neue Bücherreihe, deren Herausgabe sie beginnt. Eine Schristensammlnng. die „in frischer, anregender Form" ans allen Gebieten jüdischen Wissens Kenntnisse verbreiten, „das Wertvolle von gestern'., beleben, das Gute von e" fördern und nach ' und nach ein umfassendes Bild vom Judentum/, seiner Geschichte, seiner Kultrir und seiner Lehre gestalten soll." Beim jähen Wandel vom Gestern * zum Heute gewiß ein wohl zn begrüßendes Unternehmen! Besonders, wenn es zn einem Ausblick zu einem freundlicheren „Morgen" sollte führen können. Tie ersten zwei kleinen Bändchen der menen Sammlung sind soeben erschienen. Sie muten schon äußerlich, in ihrem hübschen roten Kleide, angenehm an und verheißungsvoll in ihrem Inhalt. „Tic schönsten Legenden aus dem Talmud", so nemlt sich das erste Bändchen, das Manuel Schnitzer beigesteuert hat. Es beginnt mit einigen der poetischen Bilder, in denen der Talmud die knappen Sachdarstellungen der Bibel zu beleben unternimmt. Es ist nur die gebührende Ehrenbezeigung, wenn der Bibel und dem Talmud der Vortritt eingeräumt ist. Zwei der merkwürdigsten, der schicksalsreichsten Schriften der gesamten Weltliteratur hat das Judentum geliefert: Bibel und Talmud. Merkwürdig und schicksals. reich in sehr verschiedenem, in ungefähr entgegengesetztem Sinne. Die Bibel ist seit Jahrtausenden das bekannteste, das verbreitetste Buch. Das führende Mitglied einer Bibelgesellschaft durfte einmal die kühne Behauptung wagen, die Bibel sei vielleicht so verbreitet wie alle anderen Bücher zusammengcnommen. Bedenken wir. daß die Bibel in Hunderte von Sprachen übersetzt ist. daß sie für manche Bölkerschaften das einzige Buch ist — ihre ganze Literatur, daß die Bibel in Millionen von Familien als einziges Buch hochgehalten wird, daß es in allen Fremdenzimmern der Gasthäuser in Amerika und England, vielfach auch in anderen Staaten, aufliegt, und daß die Bibelgesellschaften noch immer unausgesetzt Bibeln Herstellen, verbreiten, dann wird man jenes viel-, leicht allzu kühne Woxt verstehen. Umgekehrt ist der Talmud, mit seinen; vielen Folianten, ein Werk, das zwar viel, allzu, viel, genannt, aber außerhalb des kleinen Kreises' der Fachgelehrten gar nicht bekannt ist. Donallen, die angebliche Stellen aus dem Talmudzitieren, hat wohl selten einer auch nur'einen, feiner Folianten gesehen, und schwerlich kann' Alle Ihre Bücher ■ Buchhandlung am Zoo! Fritz Ring. Quriottenhurg, Joachlmsthaler Sfr. 45-44 Mitglied der jüdischen Telefon Bbaerck690t ‘' —di«H—5tirftt«W