Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 20 (16.5.1935)
- Date
- 1935-05-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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3. Seidl. C-V.-Zfg. Nr. 20 LT 16. Mai 1933 Hebräisch isn s@ph<§irdiis£li©r ©der EceinisiSBsdher Aussprache? Ein pädagogisches Problem für den Anfangs-Unterricht Vor wenigen Tagen hat ein neues Schuljahr begonnen! Für die jüdischen Eltern, die es mit Freude begrüßen, daß ihr Afinb mehr an jüdischem Wissen in sich aufnehmen, stärker von jüdischem Geistesgut erfüllt werden soll, als sie selbst es in der Schill,zeit konnten, bringt der Beginn dieses Schnliahres verpflichtende Aufgaben. Selbst stärker als zuvor eingegliedert in das jüdische Gemeinfchastscrlcben, versuchen besonders die Mütter vielfach, früher Versäumtes nachznholen, gefühlsmäßige Verbundenheit mit jüdischer Vergangenheit durch Wissen zu fundieren und gemeinsam mit ihren Kindern zu erleben. Hebräischer Sprachunterricht ist heute für die Kinder, die Mische Schulen besuchen, obligatorisch. Gleichzeitig mit den Kindern beginnen viele Väter und Mütter, sich mit der Sprache der Bibel, des jüdischen Schrifttums näher zu befassen: und gerade denjenigen unter ihnen, die in der eigenen Schulzeit in mechanischem Auswendiglernen höchst mangelhafte Grundlagen erworben haben, wird es zu freudigem Erlebnis, wenn sie nach Uebcrwindung der ersten grammatikalischen Schwierigkeiten sich imstandefühlen, das früher Erlernte jetzt sinnvoll zu verstehen. Wenn Erwachsene sich heute intensiver mit der hebräischen Sprache befassen, so erlernen sie sie wohl ausnahmslos in sephardischer Aussprache. Denn während frühcr deutsche Juden im allgemeinen' Hebräisch nur lernten, um die Gebetssprache zu beherrschen, so rechnen doch auch die nichtzionistisch Eingestellten unter ihnen heute mit Palästina als einer Gegebenheit im jüdischen Gcgenwartsschicksal, die. unabhängig von ihrer Einstellung und ihrem Wollen, irgendwie einmal ein Faktor in ihrem oder ihrer Kinder Leben werden kann. Die Schulverwaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde hat im vollen Bewußtsein der Tatsache, daß der hebräische Unterricht heute eincn..DoPpelzweck verfolgt, daß dem Lernenden die Gebetssprache und das in Palästina gesprochene Iwrith übermittelt werden soll, , eine Regelung getroffen, die bei- ' den Zwecken Rechnung tragen soll: die Schul». ausänger erhalten Unterricht ut aschkenasischer Aussprache, einen Unterricht, der in erster Linie dazu bestimmt ist, die Schüler in-' standzusetzen, die Gebetssprache zu erlernen.' Ferner wird an allen gemeindeeigenen Schulen, fakultativer neuhebräischer Sprach-, unterricht gegeben, dessen Beginn auf das Schuljahr gelegt ist, in dem im allgemeinen mit dem Erlernen fremder Sprachen begonnen wird. Betrachten wir nun — rein pädagogisch gesehen — die Folgen dieses Nebeneinander der beiden Aussprachen: Es entsteht zunächst die für zehnjährige Kinder nicht ganz ein-' fache Situation, daß dieselbe. Sprache im Religionsunterricht des Vormittags aschkenasisch, im fakultativen Nachmittagsunterricht sephardisch ausgesprochen werden soll, eine Schwierigkeit, die am besten. dw Erwachsenen beurteilen können, die sich selbst von der gewohnten aschkenasischen Aussprache auf die des Neuhebräischen umgestellt haben. Die rein gedankliche Umstellungsarbeit aus die wenigen anders ausgesprochenen Buchstaben ist gering. Das Ohr aber ist auf den gewohnten Klang so eingestellt, daß das Verstehen des anders ausgesprochenen, vielfach auch anders betonten Wortes kaum möglich ist. Und das ist wichtig! Denn einen Unter-, richt in sephardischer Aussprache erhaltendie Kinder, um hören, verstehen und sprechen zu können, um das freie Wort' aufzunehmen, das man an sie richtet, ohne daß die Möglichkeit besteht, auf dem Wege über das Auge, das geschriebene Wort, sich das Erfassen zu erleichtern. Ganz anders dagegen steht es mit dem- Erlernen der Gebctssprache, um derentwillen jetzt der Anfangsunterricht in aschkenasischer Aussprache erteilt wird. Die Schulverwal-. tung hat sich auf den Standpunkt gestellt, daß es den Schulkindern ohne diese Maßnahme nicht möglich sein werde, dem Gottesdienst mit Verständnis zu folgen. Es liegt nun im Wesen unseres jüdischen Gottesdienstes, daß der Text des Gebetbuches mit ihm übereinstimmt, daß daS gedruckte Wort das Hören und Verstehen des oft langsam gesungenen, leicht verständlichen Textes erleichtert. Orientierung über die Abweichungen der Aussprache, Uebung im Lesen der Gebet- - buchtexte in aschkenasischer Aussprache m späteren Schuljahren, tn denen daS Kmd auch erst zum inhaltlichen Verstehen der Gebete heranreist, dürsten durchaus genügen, um jedem Schüler verständnisvolle Teilnahme am Gottesdienst zu ermöglichen. . Die gegenwärtige Situation der Juden rn Deutschland hat es mit sich gebracht, daß ein Teil der jungen Menschen sich mit dem Gedanken späterer llebersiedlung nach Palästina besaßt; ein Gedanke, oft. unabhängig von zionistischer Einstellung des Elternhauses und des Kindes selbst gefaßt, der häufig zcitycbotenen Notwendigkeiten entspricht. Dw Jugcndbünde verschiedenster Richtung tragen diesem Umstande dadurch Rechnuiig, daß sie das Hebräische in der sephardischcn als der in Palästina üblichen Aussprache pflegen. Schon dem Kinde, das sich in Deutschland einem Jugendbimde einfügen will, wird es schwer, sich von der in der Schule erlernten auf die dort gepflegte Aussprache umzustellcn. Einem Kinde aber, das etwa nach Palästina übersicdeln sollte, wird die Umstellung eine sehr erhebliche Schwierigkeit bedeuten. Die Kinder selbst klagen lebhaft über die Verwirrung, die für sie durch das Nebeneinander der beiden Aussprachen entsteht. Wenn wir Eltern, die wir es bedauern, daß wir selbst umlernen müsien, uw'? wünschen, daß diese Schwierigkeit unseren Kindern erspart bleiben möge, so geschieht das nicht etwa aus der übertriebenen Fürsorge heraus, den Kindern alle nur möglicher. Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Wir wissen, daß die junge Generation sich körperlich uird geistig anstrengen muß. daß sie größere Schwierigkeiten zu übei.'winden hat, als dies in früheren, leichteren Zeiten von uns selbst verlangt wurde. Abec gerade weil dies der Fall ist, sollte man sich davor hüten, pädagogische Maßnahmen zu trstfen, die den Weg der Kinder unnötig erschweren. Keineswegs soll unseren Kinde':» das Leben dadurch erleichtert werden, daß man daraus verzichtet, ihnen die aschkenasische Aussprache nahezubringen und zu erläutern. Der A n - f a n g s unterricht aber sollte ir; sephardischer Aussprache erteilt und später, darauf ausbauend, den Kindern die aschkeuasische als die im Gottesdieiist übliche durch Erklärung und Uebung übermittelt werden! In Uebereinstimmung mit vielen Vätern iind Müttern, die die augenlilickliche Regelung lebhaft bedauern, möchte ich zu Beginn dieses Schuljahres an die Schul- Verwaltungen die Bitte richten, ihren Beschluß noch einmal zu überprüfen, svweit er die Kinder betrifft, d:e sich in diesem Schuljahre zum ersten Mal init der hebräischen Sprache befassen, und damit einer babylonischen Sprachverwirrung in den Köpfen unserer Kinder vorziüieugen. Dr. Enrn Goldschmidi. Bildung und Beruf in.inqtand Adel und Geistlichkeit beherrschten im Mittelalter die englischen Schulen und Hochschulen und machten sie zu aristokratischen Einrichtungen. Da sind z. B. noch heute die großen, vornehmen?udlic schools, etwa 150 an der Zahl. Sie gehen auf die alten Kloster- und Adelsschulen zurück und sind trotz des Namens Privatschulen und große Selbstverwaltungskörper. die au^ reichen Stiftungen beruhen. Auf diesen Schulen und Hochschulen steht die Ausbildung des jungen Mannes zum gläubigen Christen und Gentleman und damit die Bildung des Charakters noch heute im Vordergrund. Eigentümlich ist diesen Schulen und Hochschulen die Wohngcmein- .. ... schaft der Zöglinge (residential systerrt). In Oj.*--gutc^ englischst. Sprachkenutnissc fort) und Cambridge gibt es eine große Anzahl " . sogenannter Colleges, tu denen Studenten neuerdings auch Studentinnen) nach hergebrachtem Stil leben. Daß bei der Charakterbildung der sportlichen Betätigung weiter Raum gewährt wird, ist bekannt. Das öffentliche Schulwesen liegt in der Hand der Gemeinden. An die Elemontary scliool schließt sich einerseits die Mittelschule (meist Central school genannt) und die Berufsschule an (oft Technical school genannt). anderseits aber das Gymnasium, die Secondary school. Alle diese Schulen sind Externate (vay schools). Daneben besteht eine Anzahl von Privat, schulen (Public schools), die meist wiederum Inter, nate sind (Boaiding schools) und zwischen den?udlic schools und dem öffentlichen Schulwesen die Mitte halten. Sind sie für Mädchen bestimmt, so tragen sie oft den Titel High scliool. Auch der' Titel Orammar school ist häufig. Biele dieser Schulen sind im Besitz deS Leiters, andere sind Stiftungen religiöser Gemeinschaften, z. B. die' Ouäkerschulen. Zur Ausnahme in die Public, und andere Privatschulen bereiten Breparatory schools vor. Während die kommunalen Schulen aller Art häufig schulgeldfrei sind oder zum mindesten über zahlreiche Stipendien (seholnrships) verfügen, ist der Besuch der Public schools mehr oder minder teuer. Man rechnet etwa 125 bi8 200 Pfund pro Schuljahr. Neben den beiden alten Universitäten Oxford und Cambridge besteht längst eine Anzahl neuer (London. Birmingham. Bristol. Durham, Exeter, Leeds. Manchester,' Sheffield, Nottingham, Neading und Males). Vom neueren Typ sind auch die schottischen Universitäten Aberdeen, Glasgow. Edinburgh und St. Andrews. Sie alle haben viele Externe als Studenten. - Trotz der erwähnten Verschiedenheiten und deS Mangels einer organisatorischen Zusammenfassung - stellt das englische Schul- und Hochschulwesen eine geistige Einheit dar. Charaktererziehung, Spiel und Sport stehen überall mit im Bordergrund. und auch die neuen Universitäten haben ihre Colleges. Anderseits können sich auch die alten Hochschulen, und?ublie schools der Notivendigkeit nicht ver. schließen, auf die akademischen Berufe und das Leben vorznbereiten. Hierbei spielen auch die zahl.. reichen Prüflingen, die vor Universitäten und staat. lief) beaufsichtigtem Körperschaften abgelegt werden, eine Rolle. Sie sichern eine gewisse Einheit, lichkeit deS Lehrplans. Auf den modernen öoar-. dings schools herrscht vielfach Koedukation. Schulaufbau und Studiengang sind im allgemeinen folgende: Unterste Schulart ist die Blemontnry school, meist eine öffentliche Anstalt (bzw. die private Preparatory school). Sw hat oft eine untere Abteilung. daS Junior-Department für die Jugend vom 7. bis 11.. und ein Senior. Department für das 11 bis 14. Lebensjahr. An die Llementary schools schließen sich die central-, oft aber auch unmittelbar' die 8econdary schools b,w. Public schools an. In die Central school kann man unter Umständen schon nach Absowie- Central schools ähneln den Secondary schools. Die Secondary schools habet meist einen vierjährigen Lehrgang (12. bis 16. Lebensjahr), der bis zur ersten Cchulprüfung führt, bic hier und da so. gar als Ersatz für die Matrikulction gilt, durch die man zur Universität zugelassen ist. Hierauf folgt daun ein zweijähriger Lehrgang (advanced course) mit einer Prüfung, die unter Umständen sogar die erste Universitätsprüfung, das i üermediats ersetzt. Für den Eintritt in die Universität ist, wie gesagt, die Matrikulation erforderlich. Ausländische Studenten müssen im Besitz eines Abiturs sein, das als gleichwertig anerkannt wird. Sie müsien im allgemeinen eine besondere Ei.ttrittsprüsung und 'e englische Sprachkenntnissc vorweisen. Ter Tradition entspricht c;>, daß die Universitäten, und besonders die alten, auch heute noch von Stiidicrenden besucht werden, die lediglich die Ertüchtigung zum Gentlcmcn ei streben (passmen). In der Mehrzahl sind die Studierenden, welche auf eine akademische Berufs'aufbahn zustrcben, diese heißen Honours students, und wenn sie bereits einen ziveiten Grad erreichen wollen, llesearchs students. Sie erwerben^ die Ilonour Degrees (Grade). Xcv englische r-tudent heißt, solange er noch keinen vegree hat. klnclergraduate. Sein Lehrplan ist streng geregelt, und auch in seiner Lebensführung wird er strenger gehalten als der dentschc. An Diplomen iocrden verliehen — von Unterschieden im einzelnen abgesehen — der Bachelor of Arls (ß. A.), . der Bachelor of Science (B. Sc.) und verschiedene andere Fachbachelvrs. Bora.rssetzung sind 3 bis 4 Studienjahre und die ensiprechcnde Prüfung. Weiter werden Master, und Doktortitel verliehen. Das englische Stndicnjahc läuft von Anfang Oktober bis Anfang Juli und ist in drei Terms eingcteilt. Alan rechnet für Cambridge und Oxford mit 86 bis 150 und ür die anderen Universitüten mit 50 und mehr Pfund pro Studien/ jahr. Das Studium der Mediz n dauert gewöhnlich fünf Jahre, die klinischen Tcimester einbegriffen, und das der Zahnheilkiinde rier Jahre. Apotheker wird man nach vierjährigem Studium. Der Gang des Rcchtsstudiums ist theoretisch. und praktisd). Man unterscheidet in der An. waltschaft solllcitors und darristers. Tie ersteren verkehren mit den Mandanten und weisen sie den harrislers zu, die sie vor Gericht vertreten. Die barristers haben Zünfte, die bestimmen, wer znm Studium zugelassen wird. Der angehende barrister macht nach drei Jahren seine Prüfung und arbeitet ein bis zwei Jahre bei einem älteren Kollegen, den er dafür bezahlt. Die Gesamtkosten - betragen einschließlich des Lebensunterhalts etwa 1200 Pfund. Der Svllizitor-Anwärter muß ebenfalls drei Jahre studieren und zwei Jahre praktisch arbeiten. Sollitors müsien stets englische Staatsbürger sein, darristers nicht. Das PHilologicstudium und das entsprechende der Naturwissenschaften dauert bis zum Master sechs bis sieben Jahre. Lehrrr wird man oft durch gute Beziehungen zum Headmaster (Direktor) einer Schule. Das landwirtschaftliche rmd volkswirtschaftliche Studium dauert in der Regel drei Jahre. Tech, nische Fächer studiert man an den verschiedensten Hochschulinstituten. Sehr entwickelt ist das' Abendschulwesen für Erwachsene._Dr. Schw. Ein jüdisches Leseheft: Berthold Auerbach In der Reihe der .^Jüdischen Lese, hefte", die unter Mitwirkung der Reichsver. tretung der deutschen Juden von Studienrat Dr. Adolf .Le schnitz er im Schocken.Verlag, uum «um ......—, ...._ Berlin, herausgegeben werden, erscheint soeben rung des Junior-Departments einüceten. Manche , als 6. Heft eine Auswahl aus den Schriften von Berthold Auerbach. Die Anthologie rst von E. Gut geschickt zusammengestellt und eingeleitet. Sie enthüllt vor allem Proben aus Werken, in denen jüdischer Stofs behandelt wird. Wenn es Dichter gibt, die besonders qualifiziert sind, heute in Schullesebüchcr ausgenommen zu iverden, so gehört geiviß der Verfasser der „<-chwarzwälder Dorfgeschichten" zu ihnen. Sowohl von allgemcin-pädagogischem Standpunkt wie von der Auffassung, daß mehr denn je lebendige jüdische Tradition bei der Heranbildung Jugendlicher gepflegt werden soll, ist dieses neue Leseheft zu empfehlen. Es enthält Erzählungen wie „Der Sabbat im Elternhause" oder Auerbachs Erinnerungen an seine Mutter, die in ihrem schlichten und herzlich humorvollen Ton ihren Eindruck aus junge Mernchen nicht verfehlen werden. Außerdem enthält die Sammlung noch zwei kurze Erzählungen „Lederherz" und „Freiwilliges Fasten", sowie mehrere Anekdoten, die teils Auerbachs „Illustrierten Volksbüchern", teils dem „Schatzkästlein des Gevattermanns* entnommen sind. _ Bn. Lehrt Eure Kinder Verantwortung! Jüdische Eltern müsien sich über eine große Gefahr im klaren sein: Von vielen jüdischen Kindern wird — teils unbewußt, teils halbbcwußt. teils aber auch mit voller Täuschungsabsicht — die Situation dahin ausgenntzt, daß sie alle Verantwortung von sich abivälzen mit dem Hinweis, ihr Mißerfolg beruhe lediglich auf antisemitischer Behandlung. Ob es sich um min. derwertige Leistungen in der nichtjüdischcn Schule handelt — um die Unbeliebtheit bei den christlichen Klassenkameraden — um die isolierte Stellung auf dem Spielplatz: immer sind die anderen angeblich daran schuld. Diese Erscheinung ist durchaus nicht neu. Ich kenne genug Beispiele auch von früher, wo jüdische Kinder auf dieses billige Täuschungsmanöver verfielen. In ihrer Uebercmpfindlichkeit leihen jüdische Eltern diesen bequemen Ausreden ihrer Kinder häufig ein allzu williges Ohr. Da war vor mehreren Jahren in einer Klasie der Städtischen Höheren Mädchenschule, die von sechs jüdischen Schülcrinlien besucht wurde, ein Mädel, das immer schlechte Zensuren nach Haus brachte, vor allem auch in Betragen, Fleiß und Austncrksamkcit stets ungünstig deurteilt wurde. Die verblendeten Eltern, die in ihrem einzigen Kinde etwas ganz Besonderes zu sehen meinten, hatten lange geglaubt, daß ihre Tochter — wie sie geschickt darzulegen wußte — der Willkür einer judenfeindlichen Lehrerin aus. gesetzt sei. Endlich aber kam die Mutter einmal auf den klugen Einfall, Vergleiche mit den Zensuren' der übrigen jüdischen Klassengenossinnen ihres Kindes anzustellen. Und zu ihrer lieber- .raschung mußte sic feststcllen, daß diese den Leistungen entsprechend und zum-Teil jogar hervor, ragend waren. Auf ihre Vorhaltungen hin entgegnete ihr ihre Tochter in abgebrühter, dabei aber reichlich naiver Weise: „Na ja — gegen die anderen ist es »Fräulein M. eben nicht —, aber gegen mich ist sie antisemitisch" Heute mehr denn je nrüssen unsere Kinder mit einem reichlichen Vorrat an Verantwortungsge- . fühl ausgerüstet sein. Sie müsien unbedingt dahin erzogen werden, daß sie zunächst die Schuld ehrlich und gründlich bei sich selbst suchen, bevor sie die Verantwortung für »Fehlschläge in der Art der Schivachen ans die Umwelt abivälzen. Wir müsien unsere Kinder zur Bescheidenheit der Persönlichkeit erziehen — und dennoch nicht zur Kriecherei! Sie müssen mit einem sicheren Taktgefühl das rechte Maß einhalten können. Sie sollen sich weder vordrängeln — noch aber sich ducken! Sie müsien über eine feste Selbstbchaup. tung in zurückhaltender Form verfügen. Sie sollen keine Schreier sein — aber auch keine Leisetreter. lxrtte Aehimheim. Die Schöpferin des Altersheims jüdischer Privatiehrerinnen Pauliue M ünchHausen. die Schöpferin deS A l t e r s h e i m s jüdischer Privatlehrerinnen, begeht am 25. Mai ihren 80. Geburtstag. Pauliue Münchhausen kannte aus eigener Erfahrung die Sorgen dieser »Frauen, die durch keine Pension gesichert sind und deren Einkünfte niemals zu Er. sparnisien für die alten Tage reichen. 1886 gab sie in der Zeitschrift „Die Lehrerin" die erste Anregung zur Gründung eines Heims für jüdische Lehrerinnen, die auf fruchtbaren Boden siel. 13 Jahre lattg suchte sie in ganz Europa Gönner und Helfer, um von der Idee zur Ausführung zu gelangen: erst 1699 konnte sich der Verein „Israelitisches Lehrerinnen. Heim" konstituieren. Bescheiden brachte man die ersten sechs Jnsassinncii der neuen Stiftiing in einer Mietwohnung in Steglitz unter, bis Max und NannY Wygodzinsky, die unvergeßlichen Vorbilder jüdischen Gemeinsinns, die Mittel zur Errichtung eines eigenen Hauses zur Verfügung stellten. 1903' konnten 26 Lehrerinnen in das schöne eigene Heim in dem friedlichen Berliner Villenvorort Lichterfelde einziehen. Nahezu 50 Jahre wirkt Pauliue Münchhausen, heute noch als Ehrenvorsitzende, für ihr Werk. Die Besten standen ihr dabei zur Seite; dem ersten Vorstand gehörten unter anderen Studienrat Dr. Salo Adler, Geheimrat Dr. W i es e n t h a l, Geheimrat Dr Albert Oliven und Kommerzienrat Tr. Leopold Netter an. »Frauen wie Ernestine Eschelbachsr. Fanny Reichenheim. Lina Morgenstern. Hen» riette May setzten sich für die Sache des Lehrerinmn-HeimS ein. Jetzt hat der Verein durch Tod und Auswanderung Mitglieder verloren — werden sich genug neue Freunde und Gönner finden, die den Fortbestand des Heims'sichern? Ettjr Hirschleld