Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 20 (16.5.1935)
- Date
- 1935-05-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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- Homer 2× ep/1025156
- Isaiah 1× ep/1005097
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J. Beiblatt C-.V.-Zeitung Nr. 20 * 16. Mai 1935 Ai M ä2ii®3 V©» Isaats Mit der Betrachtung Philrms nimmt unsere Wanderung. durch die jüdische Geistesgeschichte eine neue Wendung. Die Männer, die seither dargeste.llt wurden, von Mose bis Esra, fühlen sich nur als Kinder ihres Volkes und seiner Kultur: sie verschmähen es nicht, von anderen Völkern zu lernen: aber nur Israel wollen sie innerlich angehören; sie sprechen die Sprache ihres Volkes und nur ihm fühlen sie sich verantwortlich. Philon dagegen ist der erste Bürger aus .Zweistromland in der jüdischen Geschichte, den wir genauer kennen. Er. spricht Griechisch: Zitate aus Homer und Platon fließen ihm viel leichter in die Feder, als aus den Psalmen oder Jesaja. Aber im Gegensatz zu den hellenisicrten Juden der Makkabäerzeit hält er durchaus 'an seinem Judentum fest. Er vollzieht also als erster jene Synthese des Judentums und der Weltkultur. die wir im Mittelalter und in der Neuzeit wieder-, finden; er glaubt vor den Hellenen sein Judentum, vor den Juden seine griechische Bildung verantworten zu können. Daher greift unsere Betrachtung an seinem Bilde weniger das Persönlich-Zufällige, als das Allgemeine, auch später Wicderkehrende heraus. Wir fragen: wie ist es Philon möglich gewesen, Bürger zweier Welten zu sein und die Anregungen, die er aus beiden empfing, zu einer Weltanschauung zu ordnen? * Jeder Versuch, zwischen zwei Kulturwelten eine Synthese hcrzustcllen, bedient sich unwillkürlich einer bestimmten Methode. In beiden Kulturen wird cinunddieselbe Norm als „wesenhaft" hcransgcgrifsen: neben ihr tritt das Unterscheidende beider zurück. So wird heute beispielsweise vereinend bisweilen als „wesenhast" für Christentum und Deutschtum das ..Heldische" hingestellt: im Kampf um die Durchsetzung dieses Heldischen in einer selbstsüchtigen. verweichlichten Zeit knüpft der „deutsche Christ" an Jesus wie an Siegfried an: beide scheinen ihm die gleiche Richtung, wenn auch von verschiedenen Gesichtspunkten aus. zu weisen. Nach gleicher Methode verfährt Philon.: Aus dem Judentum hört er das Gebot heraus, das auch Männer, die außerbalb der hellenischen Wett standen, als wesenhaft für das Judentum erkannt haben: das Gebot, sein Leben nach Gottes Willen sittlich zu gestalten. Von solch sittlicher Lebenshaltung war seine hellenistische Umwelt freilich weit entfernt. In den Kämpfen der Diadochen. dann in den römischen Bürgerkriegen zerfleischten einander die Länder:. der sinnlose Luxus eines Antonius und einer Kleopatra verhöhnte das Elend der blassen, der freien wie der unfreien Arbeiter. Aber aus dem Ekel über den Wahnwitz dieses Getriebes, aus der Sehnsucht nach tiefem Seelenfrieden, nach echten Lebenswerten, waren philosophische und mystische Systeme hervorgegangen,- die olle, jedes in seiner Sprache, verkündeten, daß nur die Erkenntnis chic Mystiker sagen: Gnosis) uns wahrhaft'befriedigen kann, die Erkenntnis, was wir sind und was wir sollen. Unter diesen Systemen aber gewinnen diejenigen vor allem das Herz des Volkes, welche eine ethische Regelung des. Lebens aus religiöser Grundlage versuchen. Nun erscheint.es uns freilich als ein großer Unterschied, ob Platon mahnt, dem Gotte, der mit der Idee des Guten im wesentlichen zusammenfällt, nach Möglichkeit ähnlich zu werden,.— ob die Stoa uns aufsordert, der Gottnatur zu folgen,. — ob der Hermesmyste ausrust zum Erwachen aus dem Sündenschlaf. Für die damaligen Menschen aber verschmolzen diese Mahnungen vielfach zu einer: nicht Macht und Luxus kann dir wahre Beseli- -. gung geben, sondern ein schlichtes, sittliches Leben, das dir die göttliche Erlösung verheißt. .Das ist aber nach Philon dieselbe Mahnung, die das Judentum an uns richtet. Und die Uebereinstnnmung der hellenischen und der jüdischen Forderung. kann er nur daraus erklären, daß die Weisen der Griechen bei dem viel älteren Gesetzgeber der Inden, bei Moses,'in die Schule gegangen sind. Diese Einheit aber nicht nur zu erkennen, sondern sie durchzusetzen in einer dem Polytheismus.' dem Machthunger und der Schwelgerei verfallenen Zeit ist die. Lebensaufgabe, die Philon für sich und seine.Gesinnungsgenossen ^erblickt. * . ... Im Glauben an die Einheitlichkeit dieser Aufgabe können ' die Unterschiede zwischen jüdischer.und echter hellenischer Kultur nicht irremachen. Beide stehen vielmehr zunächst in einem Verhältnis — man darf sagen — freundschaftlicher Ergänzung. Die griechische Philosophie gibt der überlieferten Frömmigkeit des Judentums das sichere Fundament wissenschaftlicher Erkenntnis. Sie hilft, diese Frömmigkeit durch logische Erwägungen sichern gegen Zweifel, vor denen der naive Glaube hilflos versagt. Andererseits bietet das Inden- tunt nicht nur eine feste Lebensordnung, deren. Schlichtheit damals Zehntausende von Griechen und Römern anzog, sondern auch eine altehrwürdige Urkunde, deren Bericht über Gott und Weltschöpsung so manches Rätsel zu lösen schien, zumal in jenen weiten Kreisen, in denen der Glaube an die geheime Weisheit der Orientalen noch fester wurzelte als das' Zutrauen zur Kraft des eigenen Denkens. So dürfen sich denn jüdische Ueberlicferung und griechische Wissenschaft verbünden zum Kamps gegen die Schäden der Zeit. Ja. es kommt sogar'zu einer eigentümlichen wechselseitigen Verstärkung der aus beiden Kulturen stammenden. Antriebe. Das griechische Denken drängt gewiß zum Monotheismus. ..Ein Gott ist. der größte im Kreis der Götter und Menschen, nicht an Gestalt den Menschen vergleichbar, nicht an Gedanken", so sang schon ein griechischer Dichter zur Zeit der Perserkriege;, leidenschaftlich tadelte er Homer und Hesiod, die den Göttern angedichtet, „was bei den Menschen als Schimpf und Schande gilt". Nichtsdestoweniger opferte der Grieche noch in hellenistischer Zeit den homerrschen Göttern. War es ein Wunder, wenn Philon-stolz darauf war. daß nur die Juden den Dienst jedes anderen Gottes außer dem „Vater der Götter und Menschen" ablehnten? Trat nicht deutlich zutage, daß sie aus dem griechischen Denken die-vollen Konsequenzen-ziehen konnten,-weil sie-an die griechische Kultur traditio n nicht gebunden waren? Ebenso stand es in einer wichtigen Frage, der Ethik. Im griechischen Denken tritt im Lause der Zeit der Begriff der Philanthropie immer stärker in den Vordergrund. Deut Inden macht man einer. Verstoß gegen sie znm Vorwurf, weil sie es ablehnen, mit den Hellenen zu speisen und sich mit ihnen zu verschwägern.' Nun aber bestand in Griechenland fast unwidersprochen die Sitte, schwächliche Kinder sofort nach der Geburt auszusetzen. Der Hellene wunderte sich, daß Moses den Inden das Gesetz gegeben hat. „alle Kinder auszuziehen". Und doch hatte die Ethik und namentlich, die Naturwissensckrait längst erkennen lehren, welch bewundernswürdige Weisheit die Gottnätur auf die Entwicklung des werdenden Menschen und aus die Erhaltung seines Lebens nach der Geburt verwendet. Nicht selten erkannten daher auch die Philosophen an. daß das Aussehen kleiner Kinder nicht nur eine Grausamkeit, sondern auch einen Verstoß gegen den Willen der Gottnatur, also eine Sünde. bedeutet. Und nun gibt Philon jenen Vorwurf zurück: da wagen sie cs, uns Unmenschlichkeit vorzuwersen, Menschen. b:c ihre eigenen Kinder den Füchsen zum Fraß preisgeben! Auch hier zeigt sich, daß der Jude aus Grund seiner Tradition den besten Normen des griechischen Denkens besser entsprechen kann als der gebürtige Hellene. Andererseits scheint die griechische Kultur erst'die Mittel darzuüietcn zur vollen Entfaltung der Werte-der jüdischen Religion. Tie Griechen hatt>ut ihre eigene-Art.-den-Homer zu-der» stehen. Tie Erzählungen des Epos erschienen ihnen nur als sinnbildliche Einkleidung natürlicher oder ewiger Vorgänge. Wenn sich etwa die Freier der Penelope, da sich ihnen die * Herrscherin versagt, <m die Mägde halten, so ist diese Erzählung sinnbildlich für solche Menschen, die sich mit den Einzelwissenschaften begnügen, aber bis zur „Königin", der Philosophie, nicht Vordringen können. Nach dieser griechischen Methode erläutert Philon die Heilige Schrift. Nah der Bibel tritt Abraham, che er mit Sara einen Sohn zeugt, erst zu Hagar.in Beziehung. Nach ihrem Wortsinn gefaßt und für sich allein genommen, enthält diese Erzählung keine ethische Lehre. Aber sie soll und will nach Philon nicht wörtlich genommen werden. Jeder von uns ist Abraham; jeder muß sich erst die „dienenden Wisienschastcn" sdie sieben freien Künste des Mittelalters) aneignen, ehe er für den Umgang mit der Herrscherin «das bedeutet der Name Sara ja in der Tat) reis ist. Und jeder von uns ist Jakob. , der mit dem Stabe «der Zucht) den Strom ldcr Leidenschaften) überschreiten soll. Gelingt es ihm, dann darf er. das „lieberschreitungsopscr" Pc stach!) bringen, das nach Philon zwar auch im buchstäblichen Sinne dargebracht werden soll, aber eine verborgene sittliche Lehre enthält, wie alle rituellen Vorschristen. Auch die Deschneidung ist für ihn kein Bunde^- zeichen Israels, sondern trotz ihrer buchstäblichen Geltung ein Hinweis auf unsere-Pflicht, alle überschüssigen Triebe ein- .zndämmen. So gewinnt unter dem Einfluß der griechischen Methode das scheinbar religiös Gleichgültige. einen tieferen Sinn. dVWAW dZ. 2 Vom Leben and Schaffen eine* englisch-jüdischen Maler* Wer zu Beginn des Jahrhunderts in. den Morgenstunden durch den Londoner Hyde- Park spazierte, konnte unter den gepflegten, gutangezogenen-Männern, die zu Hunderten über die Reitwege sprengten. Tag für Tag einem eleganten "Vierziger begegnen, der in bollendetem Dreß, den damals 'modischen Strohhut auf dem wohlgeformten Kopf,'in- Mitten einer - erfreulich anzuschauenden WH - V * Y^'v^vi »LML MM- . iilf MK 1 11 Ilk Solomon /. Solomon Nach einem Gtmäldi von Wfight- Rcitergruppe hintrabte. oder als jugendsrischer. Familieuches seine ans munteren .Ponys folgenden Kinder führte. Das war Solomon I. Solomon, der hochangesehene. erfolgreiche, in England weithin bekannte Maler, einer der beliebtesten Porträtisten des endenden victoriani scheu und des. kurzen eduardischen Zeitabschnitts (wie später der King-George-Acra). In seinem Beruf, wie in seinem. Leben war er .ein so absoluter Engländer, daß er sich' weder als Künstler noch als Mitglied der großbürger- . lichen Gesellschaft.'.weder: in -feinen Daseinsgewohnheiten noch, in seinem Charakter und. seiner Gesinnung irgendwie von den-Scharen seiner ' Verehrer, Kollegen und Auftraggeber unterschied. Aber zugleich war er im Herzen ein guter Jude, der an allen Angelegenheiten seiner'Glaubens- und Stam- . mesgenossen den tiefsten, leidenschaftlichsten -'Anteil nahm. Die beiden Elemente seines Wesens waren von seiner „welt-dalaneed existenes" ohne Rest zu einer Einheit verschmolzen. Vom Leben und Schäften dieser für das englische Judentum typischen-Künstlererscheinung gibt ein kürzlich erschienenes Buch interessanten Bericht: „Solomon J.' Solomon. A memoir of peace and war“, by Olga 'Phillips (London, Verlag Herbert- Joseph). Es' ist ungemein lesens- und beach-; tenswert, nicht nur durch die-liebevolle, eindringliche Darstellung eines Ausschnitts aus der lüngsten englischen Kunstgeschichte, sondern -ebenso durch die damit verflochtenen," kenntnisreichen' Schilderungen ' aus.' der - „Ättglo-Jewry" dieser Jahrzehnte.' ' Man kann nicht, gerade saaen. daß Solomon Joseph Solomon — die bald jedem vertraute -Namensabkürzung wählte. - er nach dem Beispiel von - Jerome K. Jeröme. um Verwechslungen mit anderen Malern salomonischer Herkunft' vorzubeugen — in •' seiner Kunst ein Führer zu neuen Zielen gewesen sei. Ein tüchtiger Könner, der ebenso sorgfältig zeichnete, wie er sich kleidete, trieb er mit großem Fleiß,'in nie ermüdender Selbst- - samkcit im Strom der „Royal Academy", die seine erste Lchrmeisterin gewesen. Was an neuen Gedanken - und Anregungen über den -Kanal kam. lehnte er lächelnd ab; der Freilicht- und Jmpressionistenbewegüng, die seit 1900 auch in England, wenngleich immer in bescheidenen Grenzen, an Einfluß zunahm, stand er. wie ein anderer Beurteiler sich ein- 'mal ausdrückte, „gütig und liebenswürdig intolerant" gegenüber. Aber fern sympathisches Talent war kräftig und stand' auf festen Füßen. - - Solomon war noch . ein Nachfahr der Romantik und der Historienmalerei. Auf den' Season-Ausstellungen der Londoner Akademie fanden seinefigürlichen Kompositionen allgemeinen Beifall: die temperamentvolle. . nur' allzu bewußt gestellte „Gefangennahme .Simsons", „Niobe mit ihren Kindern", der „Blinde Bettler", „Allegorie", „Amor, und 'Psyche" und so fort. Man. verfolgt deutlich die Vcrbindungsfädcn, die zu den bekannten -Vertretern der englischen Kunst vom Ende des'vorigen Jahrhunderts hinüb erführen, zu Alma Tadema/ zu den Prärassaeliten Holman Hunt und 'John Everett' Millais, zu George Frederick Watts und Sir Leighton, seinen ' beiden Ateliernachbarn in Holland- ' Park Road. Solomon hatte auch in Paris und München studiert , und sich daoei ein.solides Handwerk angceignet, aber letzten Endes, war ' und blieb er.m.solchen Gemälden ein rechter- Engländer, gefällig, schmiegsam, ohne Scheu 'vor dem Konventionellen und mitunter von einer weichen Süße, die uns nicht besonders . zusagt. Ausgezeichnet war-er jedoch, auch das auf der Linie der britischen..Tradition, als ' Porträtist! ' Sein gründlich durchgearbeiteter. Farbvortrag verband, sich hier mit der nationalen Ueberlieferuna aus der klassischen 'Zeit deS' englischen' Porbmts im: 18. Jahrhundert. In unzähligen Bildern hat er die Repräsentanten der englischen Gesellschaft ' seiner Epoche konterfeit. Frauen und Manner, -Politiker und Kaufleute. Bischöfe - und Minister, Gelehrte und Künstler.- Aerzte und Juristen. Mitglieder der Aristokratie und des jetzt jubilierenden Königshauses,- und sich .ohne Zweifel damit überall. Tank erworben. Er kannte alle, dieim Lande eine Rolle spielten; - dem Gentleman- -Maler öffneten Mich bereitwillig die Türen der Salons - und der Klubs. Zu .seinen besten B ildnissen gehörten das glanzvoll und dramati'ch angelegte Porträt der.berühmten Schauspielerin Patrick Campbell (wobei er an Rey- •pfT* ir ti -JON V?• ... =>•/-' : - ■J,1! ■1: *At' f- ’iii k Lady Violet Melchett und ihrm beiden; Töchter. . Gemälde «ö» Solomon I. Sotomo*’