Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 20 (16.5.1935)
- Date
- 1935-05-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Hilfe snd Aufbau in Argentinien Von Mark Wischnitzer Die Republik Argentinien gehört zu den südamerikanischen Landern, in denen innerhalb einiger Jahrzehnte die. jüdische Bevölkerung außerordentlich stark angewachsen ist, von etwa tausend Seelen zu Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zu einer Biertelmillivn oder vielleicht schon 300 001», nach verschiedenen privaten Schätzungen. Die überwiegende Mehrheit bilden Inden ans Osteuropa. Außer Sepharden leben auch Inden aus Mitteleuropa — Oesterreich und Deutschland — in Argentinien, die sich int April 1933, als eine neue Auswanderung aus Deutschland einseßte, zu einein „Hilssvcreiu d e u t s ch s p rechc n d c r Juden" in Buenos Aires zusainmenschlvsten. Diese Organisation leistet, wie man ans ihrer Korrespondenz mit den jüdischen Stellen in Deutschland und aus Berichten der nach Argentinien ansgcwandertcn Mensehen entnehmen kann, wertvolle Arbeit°nicht mir in eharrtativcr Hinsicht, sondern — und zwar irr ziinehmeirdem Maße — auf dem Gebiete der konslrultiven Luise. Der .Hilfsverein dcutschsprechender Juden gibt seit März 1034 monatlich ein Mitteilungsblatt lierarrs, das sieh ans einem Nachrichtenbnlletin über die Tätigkeit des Vereins und feine Stelleiivermitllnng zu einem Organ entwickelt hat, in dem Fragen der Einwanderung und Seßhastmachnng, der Berufsumschichtung und -ausbildung. des Emlebens der Neueinwanderer in die neue Umgebung behandelt werden. Bor mir liegen die lebten sechs Hefte, vom September 1034 bis Februar 1033. Das September-Heft bringt an erster Stelle einen Anssatz unter der Ucberschrift „Auswandererschicksale". Die Schriftleitung schickt.einige allgemeine Ausführungen diesem Thema voraus und erteilt einem jungen cingcwandcricn Zahnarzt das tll'wrt zu einer Schilderung seines jüdisclien Werdegangs und der Umstände, die ihn zur Auswanderung nach Argentinien veranlaßt haben. Im Oktober-Heft lesen wir einen weiteren Bericht eines Eingewanderten, eines Metzgers aus Ostfriesland. In dem Leitartikel dieser Nummer, „Geistige Wendung" betitelt, wird der Versuch gemacht, die argentinischen Leser mit der geistigen und seelischeu Verfassung der Juden in Deutschland bekannt zu machen. Es ist nicht zu erwarten, sagt der Verfasser, „daß in eineinhalb Jahren, in einer Zeit schwersten — auch wirtschaftlichen — Druckes aus einer Gruppe, deren Judentum völlig verkümmert war, plötzlich ein vvlllraftiges jüdisches Leben crlvacht. Abeb man hat den Weg zur jüdischen Gemeinschaft innerhalb der deutschen Juden gesunden. In gewisser Beziehung sind wir in Argentinien wirklich weit vom Schuß, und »vir konstatieren, daß die geistige Wandlung innerhalb der deutschen Iudenhcit in ihrer gewaltigen Tragiveite hier bisher nicht erkannt wurde. Bon einer Resonanz dieser Bewegung am Nio de la Plata ist jedenfalls nicht viel zu verspüren. Und doch wäre es unendlich zu bedauern, wenn wir, die hier lebenden dentschsprechenden Inden, den Anschluß-an diese Bewegung versäumen würden. Ties würde für uns eine Stagnation bedeuten, die zu gänzlicher Verkümmerung fuhren mußte. Deshalb hoffen wir. daß es uns auch ohne den Zlvang eines unmittelbaren äußeren Druckes gelingen möge, den Anschluß an die jüdische Bewegung in Deutschland, die wohl an einer 'jüdischen Renaissance mitschasfcn kann, zu finden. Voraussetzung hierfür ist. daß mir uns als einen Teil der jüdischen Gemeinschaft empfinden und jüdisches Leid mittragen Helsen. Das würde für uns, die ja, was wir tun, freiwillig tun. bereits ein vollwertiges jüdisches Erlebnis bedeuten". Bon besonderem Interesse ist das November- Heft (Nr. 0) durch eine längere Abhandlung „Das Niv'Ncgiw-Gcbict und was lvir aus Choele Choel schassen wollen". Das Nio-Negrv-Gcbiet liegt im Süden Argentiniens an der Bahnlinie Bahia-Blanca—Neuguöu bzw. etwas südlich derselben. Choclc Choel ist eine Station dieser Eisenbahnlinie. Bor der Einfahrt dorthin — so schreibt der Verfasser des Artikels —, nach einer langen Reise durch Steppe und Staub, „bietet sich dem Neiseudcn ein Ausblick, der wie eine herrliche Fata Morgana wirkt." Man sieht große-saftige Wiesen-, Obst- und Gemüsegärten, inan kommt in das Städtchen Villa Regina, das seit kurzem ansgeblüht ist. und stößt weiter ans üppiges, fruchtbares Land, das noch vor wenigen Jahrzehnten völlige Steppe war. Es kostete ungeheure mühselige Arbeit, bis das Land seinheutiges Aussehen erhielt. - Im Gegensatz zum bewässerten Teil deö Rio-Ncgro-Tales, ist die Insel Choele Choel, zu der mau von der Eisenbahnstation gleichen NameuS gelaugt, bis jetzt noch wenig kultiviert. Die Insel ist etwa 34 Hektar groß. Sie ist nur znm Teil bewässert, und ans einem Teil der Insel sind Pflanzungen, u. a. eine durch ihr ausgezeichnetes Obst tu Argentinien sehr bekannte Baumschule. Der Besitzer dieser Baumschule schlug dem Hilssverein dcutschsprechcnder Juden vor. junge jüdische Leute als Obstbauern in dem Gebiet anzustedeln. Nach Verhandlungen au Ort und Stelle und im Vorstand des Vstlfsvercius wurde beschlossen. eine laudwirtschaftliche Versuchsanstalt zwei Kilometer von der Ortschaft Choclc Choel zu errichten. Ter Boden ist nicht salpctcrreich und eine Bewässerung leicht durchführbar. Es wurde die Gesellschaft ,,Fomcnto Agricvla Adolso Hirsch" gegründet. Hirsch ist Vorsitzender des Hilssvereins der deutschsprechenden Juden. Seiner Initiative und aufopfcrnden Tätigkeit ist das Unternehmen in Choele Choel zu verdanken. Im 10. Heft wird ein sehr interessanter Brief eines ehemaligen Anwalts, der sich in Nahalal ansiedelte, veröffentlicht, und wie wir ans den ersten Beilen erfahren, ist er auf Ersuchen des Vorstandes des Hilssvereins geschrieben worden. Dies spricht für das Interesse, das in dem Kreise dcS Hilssvereins und in seinem Organ für die Fragen des Palästina-Aufbaus besteht. Eine ständige Rubrik „Anregungen" bietet Raum für Diskussionen über praktische Arbeit, Verufssrageu, geistigen Austausch usw. So wird die Einrichtung eines Gemciuschastshauscs für jüngere alleinstehende Einwanderer vorgeschlageu. Heft 12 berichtet über Stellenvermittlung und Fürsorge für die Neueingewaiidertcu (Baruutcrstiitzungcu, Verpflegung. Einkleidung, ärztliche Behandlung und Reisezuschüsse). Das Mitteilungsblatt bemüht sich, ein Mittel- Punkt für geistig-jüdische Interessen, ein Bindeglied zwischen den Alteingesessenen und den neueingewandcrtcn Inden in Argentinien zu werden. Wir werden die weitern Nummern des Blattes und die Bestrebungen des Hilssvereins mit dem Interesse, das sie verdienen, verfolgen. Starke Einwanderung nach Brasilien Wie aus einem Bericht der Vereinigung für Einwandercrschntz (Hicem-Abteilung in Rio de Janeiro) hervorgeht, sind im Jahre 1934 1819 Juden nach Brasilien eiugewandert. Fast die Hälfte der Einwanderer, nämlich 900 Personen'/ stammten aus Deutschland. 90 Prozent von diesen hattendurchdie Pariser Hicein-Fentralc Auswanderungshilfo erhalten. Tie zweitstärkste Gruppe, 749 Personen, stammte aus Polen. 1433 Personen haben mit Hilfe der Bereinigung in Rio de Janeiro und benachbarten Laudestcileu festen Fuß gefaßt. 129 Einwanderer wurden mit Hilfe der Bereinigung bei Verwandten und in anderen Städten uittergcbracht. Durch die Spcisungsaktion der Lerciiugung wurden 10S37 Mittagsmahlzcitcn verabreicht. „Wir brauchen jüdische Wissenschaftler“ In 9er. 11 bet „G.-V.-Zeitung" vom 14. Mürz veröffentlichten wir unter der lieberschrift „Geistesarbeitern wird geholfen" auszitgsweise einen Tätigkeitsbericht des Leiters der „Hohen Kommission für deutsche Au-. .Wanderer", W. M. Kvtschnig. vom 13. Januar. Tie Uebersicht beschäftigt sich in erster Linie mit der Hilfe für jüdische Wissenschaftler, Hoch, schul lehret und sonstige Gelehrte. Wie wir erfahren, haben sich die zustäudi gen japanischen Regierungsstellen bercitcrklärt, einer Anzahl der vom Berus-- beamtengesetz betroffenen jüdischen Universitätsproscssorcn Lehrstühle an japanischen Univcrsitätcn zu übertragen. Bisher sind aber noch keine jüdischen Lehrkräfte an japanische Hochschulen berufen worden, mit Ausnahme von Klans Pringshcim, der in Deutschland als Musikkritiker tätig war und gegenwärtig an einer Tokioer Musikakademie als Lehrer der Dirigentenklasse wirkt. Um so beachtenswerter ist ein Artikel der nordjapanischen Zeitung „Hokkai Times" vom 19. April, der die Frage der Berufung jüdischer Lehrkräfte wiederaufgrcist. .Japan braucht die Dienste bcsähigier ausländischer Gelehrter. Cs hat bemerkenswerte wissenschaftliche Fortschritte gemacht das ist richtig.'aber cs braucht immer uoch erstrangige - Wissenschaftler. Unter den jüdischen Emigranten aus Deutschland werden sich viele Persönlichkeiten befinden, deren Dienste znm Fortschritt der javanischen Wissenschaft wesentlich beitragen könnten. Unter normalen Umständen mußten erhebliche Geldmittel ansgcwandt werden, um sich ihre Dienste zu sichern, aber unter den ge- . genwärtigeu Verhältnissen wären wahrschein. . lief) jüdische Gelehrte bereit, zu kommen, wenn man ihnen die Reisekosten ersetzt und ihnen das gleiche Gehalt gibt wie japanischen Professoren. - Tie japanische Regierung entsendet alljährlich 30 1 ‘ junge Gelehrte auf Studienreisen in fremde Länder. Sofern sie nicht peinlich überwacht werden, können sie leicht in den Wirkungskreis schädlicher Gedanken geraten. Anstatt sie ins 'Ausland zu schicken, würde die Regierung gut tun. hervorragende jüdische Gelehrte anzustellen, die ihnen in der Heimat ihre Ausbildung geben." l€>teil§ unü immn i" Sanatüiiü ßnaamilä £ s™!1 Vorm. Frau KcSone Meyer Hagenstrusno 22-47 / Telefon: H9 Schmargendorf 7751 Allerbeste Ycrpflognng wio anerkannt. Streng klinische ür/tllche Versorgung der Kranken. 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