Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 20 (16.5.1935)
- Date
- 1935-05-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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J7s, ’ L.i Durch die llobcrlcilunfl aller Einrichtungen be3 estnischen Staatswesens vom parlamentarischen zum korporativen System wird den Inden ihrer Zahl nach ein entsprechender Anteil an der Staatssührnng gesichert. ES wurde eine Reihe berufsständischer Organisationen geschassen: den betreffenden Kammern gehören auch , die in den einzelnen Bernsen tätigen Juden an. Nunmehr soll auch an Stelle des Parlaments eine allgemeine beratende Kammer treten, der Vertreter aller Richtungen, Berufe und Nationalitäten aiigehören werden. Hier wird allch den Inden eine ständige Vertretung gesichert werden. Ende März - wnrde auf Wunsch des Ministcrinms in Estland eine jüdische Volkszählung durchgeführt. Die Ergebnisse sind noch nicht vollständig verarbeitet. Festgestcllt wurde durch die Volkszählung unter anderem, das; die Juden am estnischen Freiheitskrieg in großer Zahl tcilgcnoinmrn haben. Ungarn Anläßlich der Beratung des Etats des Kultus- und Unterrichtsministeriums im »Finanzausschuß de8 ungarischen Abgeordnetenhauses sprach Abgeordneter Dr. Ras sah u. a. gegen das noch immer bestehende System des Numerus clausus. Eine Regierung, die sich in ihrer Reformpolitik als Nachfolgerin Szöchenyis bekennt, könne unmöglich dieses System alifrechterhaltcn. Der Nummis clausus könne weder mit Raummangel an den Hochschulen, noch mit dem Argument begründet werden, daß der Staat die vielen diplomierten jungen Leute nicht versorgen könne, denn eine solche Versorgungsverpflichtung habe der Staat nie übernommen. Die gegen eine bestimmte Konfession gerichtete Spitze des Numerus clausus sei heute wohl verhüllt, in der Praxis aber sei die Lage unverändert. Der Abgeordnete richteie an den KnltnSminister den Appell, bei der Auswahl der zu den Hochschulen zugelasscncn Jugend nicht Abstammung oder Konfession, sondern einzig und allein die wissenschaftliche Befähigung als entscheidendes Kriterium gelten zu Unterrichtsminister Dr. Valentin H 6 m a n vermied es in seiner Antwort, ans die Vorwürfe des Abgeordneten Rassah betreffend die Handhabung des Numarus-elLNSus-Prinzips in konfessionellcm Sinn direkt einzngehcn. AnS seinen Ausführungen war jedoch klar zu ersehen, daß er die Auslese der Bewerber für das Hochschulstudium nicht auf Grund konfessioneller oder rassischer Erwägungen getroffen zu sehen wünscht Der Minister sprach sich für eine Auslese unter dem Gesichtspunkt der Begabung ans. Im weiteren Verlaus der Debatte hielt. Minister Dr. Valentin Homan eme Rede, in der er, wiederholt durch stürmische BeisallskundgeL'm. gen aller Seiten des Hauses unterbrochen, die Notwendiglcit der Hochachtung vor jeder religiösen lleberzeugung im Interesse der nationalen Einheit betonte Griechenland Dem Oberrabbincr von Saloniki und Griechenland, Dr. Zwi Koretz, der jetzt zum erstenmal seit seinem vor l-i Jahren erfolgten Amtsantritt die Hauptstadt Athen besucht hat und von der Regierung begrüßt wurde, wurden aus dem Platz der Verfassung, als er in Begleitung einer militärischen Ehrcugarde mit Militärkapelle erschien, von einer tausendköpfigeu Menge lebhafte Lvationen dargcbracht. Die Presse von Athen nimmt den Besuch deS Oberrabbiners zum Anlaß, ihm herzliche Degrüßungsartikcl zu widmen, in denen von dem Beginn einer neuen Aera enger Berknüpsung der Juden mit den; Leben Griechenlands gesprochen wird. Holland Im Alter von 75 Jahren ist in Amsterdam der Präsident der Exekutive der dortigen asthlc-. nasischen Gemeinde, S. Loopuit. Mitinhaber der vckanntcn Amsterdamer Diamantcufirma Granaat, gestorben. Loopuit betätigte sich führend ans dem Gebiet der sozialen Hilfsarbcit der Ge> mcinde und.der holländischen Inden überhaccpt; er war Präsident des Israelitischen Zentralkrankenhanses in Amsterdam/ Anläßlich seines 70. Gelmrtstages war er von Königin Wilhelmine mit dem Orden Oranicn-Nassau ausgezeichnet worden. Lettland In letzter Zeit haben dunkle Elemente in . Dünabnrg das Gerücht verbreitet, Juden hätten eine Ehristin zu rituellen Zwecken ermordet. Diele Hetze rief begreiflicherweise unter der jüdischen Bevölkerung, die den Ausbruch von Unruhen befürchtete, starke Erregung hervor. Der sofort eingeleiteten behördlichen Untersuchung gelang es. die Namen der Schuldigen zu ermitteln. Ihnen wurde bedeutet, daß rücksichtslos gegen sie vorgegangcn werden würde, falls das sinnlose Ge-- rücht weiterverbreitet werden sollte. Dank dem . energischen Einschreiten der Behördenist die Ritualmordhetze verstummt. R-ichgc:rm>ht. Der Pre'.eu tse.tr an überzeugj len Zionisten ist. wic ein .nennet der Verhältnisse versichert, ncurrdingö aus »0 bis 50 des i^esaiiusonlingcnts grsticgrn und dürfte wohl noch znnchiucn." //cm der Verfasser der Aussätze des V. B. die Auchüln-uiigen des — inoljL jüdischen — Sachkenners nicht mißverstanden hat. so mag die Angabe über den Prozentsatz ndercengier Zionisten auch bei dem Sachkenner ans der mangelnden Unterscheidung zwischen Pt a I ä st i n a f r e n n d e a und Z i o n i si e n beruhen. Es besteht lein Zweifel daran, daß die Zahl derjenigen in Deutschland lebenden Inden, die von positiver Palästiua-Gesinnnng erfüllt sind, in den letzten Jahren außerordentlich groß geworden ist. so daß hier 50 Prozent'sogar als unterschätzt anzusehen ist. Dagegen ist nach unserer Beurteilung der Stimmung innerhalb des deutschen Jndentnms der natiorialjüdisciic Gedanke bei weitem nicht in dem geschätzten Ansmaß vorgcdrnngen. Gerade im .Znsauunenhang mit dem nächsten Absatz des V. B.. der Zieh mit der jüdischen Jugend beschäftigt, darf darauf ist «gewiesen werden, daß sogar innerhalb der orgauisierteik jüdischen Jngend die nationaljüdisch Orientierten nur etwas mehr als die Hälfte betragen. Hieraus folgert schlüssig, daß die älteren berufstätigen deutschen Juden erheblich geringere Prozentsätze nationaljüdisch Orientierter stellen. Die weiteren Ausführungen des D. B. beiasten sich mit dem Schicksal vor allem der ansgen'anderten Akademiker, das, wie nnsecen Lesern bekannt ist. zwar sehr schwierig, aber nicht einheitlich trüb sich darstellt. Wir erinnern beispielsweise an den Bericht, den wir unter der lleberschrift „Geistesarbeitern wird geholfen" in der ,.l5.-B.-Zcitnng" Nr. 11 vom l l. März >055 veröffentlicht haben. und gerade heute haben wir Gelegenheit, eine japanische Pressestimme zum Abdruck zu bringen, die dem gleichen Thema gewidmet ist/ Allem; freilich der „Beobachter" zu der Schlußfolgerung kommt: „Jüdislhe Intellektuelle dürsten inzwischen begriffen haben, daß ihr ehemaliger Ehrgeiz, bei uns massenhaft akademische Grade zu ermcrbeu und die deutschen Studierenden in den Hintergrund zn dränge», eine herausfordernde Anmaßung war. die sich lütter gerächt hat", so dürfen wir darauf Hinweisen, daß cs das ernste, hingebungsvolle Bemühen aller jüdischen. verantwortungsbewußten Kreise ist, eine soziologische Struktnrwandlnng auch der in Deutschland verbliebenen Inden, vor allen Tingelt der Heranwachsenden jungen Generation. zu veranlassen, in der die Akademiker und Intellektuellen nur in-dem Verhältnis zn den andereit Bernsen und der Gesamtzisser stehen, wie sie normalerweise bei einer überwiegend städtischen BevblkcrnngSgrnpPc. anzntressen sind. Eine Zwischcnübcrschrift im zlveitcn Aussatz lautet „Auswanderung und Devisen". Erbeginitt: „Die für die Auswanderung und deren Finam zieruilg zuständigen deutschen Behörden waren von Anbeginn lebhaft daran interessiert, den regellosen Strom der Emigranten in vernünftige und legale Bahnen zu lenke». Da vor allem die heimlich-unheimliche Kapitalflucht möglichst durchkreuzt tvcrdeu mußte, kamen die Deviscnst-Ucn jenen Auswauderuugslustigen, die sich nicht gegen das Reichsfluchtstenergesetz vergehen wollten, mit Rat und Tat entgegen." Weiterhin heißt cs: „Bor allem war man darauf bedacht, die Gefahr auszuschalten, daß solche jüdische Emigraulen. denen es im Auslände nicht gelang, festen Fuß zu fassen, am Ende wieder ins- Reich zurücklehrten." und an; Schluß wird folgende Feststellung getroffen: ./Alle man hört, ist die legale jüdische Ans- Wanderung ins europäische Ausland wic nach Neve,-fee infolge dieser geldlichen Erschwernisse neuerdings fast völlig eu,geschlafen. Rur nach Palästina dauert die Emigration, wenn auch unter ganz besonderen Umständen, weiter au." * Diese Sätze leiten zum dritten und Schlußaufsatz über, der „Oie Jttden in Palästina“ laufet. Eingangs heißt es: ..Die uürtschaftliche und politische Zukunft. Palästinas ist für Deutschland nicht ganz ohne Wianigleit. weil zum Teil auch von diesem Faktor die Lösung des Judcnproblcms im Reiche abliäugt. Entwickelt siel) das Mandatsgebiet in den nächsten zehn Jahren so. wic die Zionisten lwsfen. so darf damit gerechnet werden, daß iuvl| dieser Zeitspanne eine Abnahme der Juden in unserin Lande ztir Tatsache wird. Palästina ist an sich durchaus imstande, mindestens eine Million Inden zu ernähren. In Damaria und an den Berglehnen Galiläas gibt es so viel üppiges Kulturland, das; bei einigem Fleiß dort ein zahlenmäßig sehr beträchtliches Vanernkontingent sein Auskommen fände. Allerdings stehen diesen Aussichten zwei peinliche Momente entgegen, einmal, der heftige Widerstand, derl die eingeborenen Araber der vermehrten jüdischen Einwanderung entgegenstellen. und dann die jzroße Unlust, die die Juden dem anstrengenden Feldbau bisher bezeigten. England, das durch die B a l f o u r - D e k l aration vom Jahre 1917 den Zionisten Palästina als „nationales Heim für das jüdische Volk" garantiert hat, ist andererseits als größte mohammedanische Schutzmacht der Welt nicht in der Lage, die Araber ernsthaft herairszufordern. Die blutigen Zusammenstöße, die. sich wegen der gesteigerten Betriebsamkeit der eingewandcr» ten Juden zwischen diesen und den Arabern ereigneten, sind noch In frischer Erinnerung, Vor allem herrscht tiefe Verbitterung wegen der rüe-i'.ckstclosenVüdenspLlulütion, die geldkrästige jüdische Einwanderer betreiben." und weiter unten: „Die jüdische Einwanderung in Palästina, die 1926 bis 1931 stockte, wächst feit drei Jahren rapide. Anfang 1932 gab cs dort 180 000 Juden, Ende 1931 schon 319 939. „Times" glaubt, daß sich diese Zahl in fünf Jahren verdoppelt haben wird. Das HanpkvnLingrnt der Einwanderer stellen neuerdings die polnischen Juden (41 Prozent), dann folgen jene aus Dcutfchtand mit IN Prozent. £ct jüdische Zustrom aus den Vereinigten Staaten ist nur gering (3,8 Prozent). ‘ Die KapUaleinwauderung hat, wic das Berlincr Organ des jüdischen Hilfsvcrcins fesistellte, im Jahre 1933 nicht weniger als 7 Millionen Pfund, das heißt 90 Millionen RM ins Land gebracht." Der Schluß der Aufsatzserie wendet sich wieder der Situation der deutschen Inden zu. „Sterben die Juden ans?" wird gefragt. Hier heißt es: „Unsere bisherigen Volkszählungen, sonst Muster einwandfreier Statistik, geben leider kein zutreffendes Bild von der zahlenmäßigen Stärke der jüdischen Rasse in Deutschland, weil sie nur diejenigen Juden erfaßt, die sich auf den Fragebogen als Bekenner des „mosaischen" Glaubens bezeichnet haben. Die betreffenden Zahlen waren im Jahre 1923 genau 66-1379 „Israeliten", im Jahre 1933 noch 199 682. Man hat ans dieser Disserenz schließen wollen .daß inzwischen ein zahlenmäßiger Rückgang von 61697 Inden im Reich erfolgt sei. der teils auf Auswanderung, teils aus G e b u r t e n n im t c t f ch u ß zurückzusühren wäre. Die Berechnung stimmt insofern nicht, als das verhältnismäßig starke Kontigent jener Inden, die sich in den Volkszählungslisten keineswegs als „mosaisch" eingetragen haben, sondern als .konfessionslos", Protestanten oder gar als Katholiken, nicht zur Zahl der religiösen Inden addiert wurde." Nachdem dann nach die Fracw der vstjüdischen Zuwanderung gestreift wird, wird gefolgert: „Folgt man den (wohl zn hoch angesetzten) Schätzungen in zionistischen Kreisen, die ein begreifliches Interesse haben, das verhältnismäßig rasche AnSsterben ihrer Rassegenosscn im nationalsozialistischen Deutschland zu prophezeien, betreffs der Sterbeübcrschüsse. die von ihnen mit je 6000 bis 7000 Personen in den beiden Ausloanderungsjahren angegeben werder,, s o m i'l ß t e n g e g e n w artig i m m e r noch rund 5 3 5 0 0 0 I u d e n i m Reiche Vorhandensein." Wir veröffentlichen in der vorliegenden Nummer der E.-B.-Zeitnng eine Untersuchung über die Zahl der jüdischen und nichtarischen Bevölkerung Deutschlands, die mit aller Vorsicht moderner Statistik vorgenommen ist und damit eine gewisse feste Basis für künftige Schätzungen liefern soll. Auch die Frägc der natürlichen Bcvölkerungsverringerung durch Neberalternng und Anssterben wird in fachmännischen Untersuchungen in unserem Blatt demnächst dargestellt werden. Ter Schlußsatz dcS dritten Aufsatzes trägt die lleberschrift „Die weitere E n t w i er - lung". Hier heißt es zn Beginn: „Die erste Panik (wenn boiv einer solche:; überhaupt die Rede sein konnte) ist längst verpufft und hat einer sozusagen philosopischen - Auffassung der Lage in den jüdischen Kreisen Platz gemacht. Mau besitzt Geld und kam; leben, häufig foflat sehr gut." Der Beobachter* stellt dann kritisch die inneren Hemmungen fest, die bei zahlreichen Inden gegen die harte Arbeit in 'Palästina und die militärischen Gefahren etwaiger Auseinander, sctznngen mit den Arabern vorhanden seien, und konstatiert absolut zutreffend das völlige Desinteressement der deutschen Inden am Birobidschan-Projekt. Sehr bemerkenswert ist der Schluß der Artikelserie, der wiederum auf zionistische und diesmal revisionistische Quellen Bezug nimmt. Es heißt: „Dort (im „Staatszionist") kalkuliert Herr Georg Kareski. Direktor der Berliner^ jüdischen Bvlksbank Jwria. daß „die jüdische Scelcnzahl in Deutschland schon in zehn Jahren aus wenig mehr als 100 000 zurückgehen" dürste, und zwar nach einem jährlichen AusroanderimgSabzug von 20 000 Personen und infolge jährllcher Sterbe- Überschüsse von 8000 und mehr Seelen, wobei der Verfasser irrig die gegenwärtige Gesamtzahl seiner Rassegenossen in Deutschland auf „nur unwesentlich über 100 000" veranschlagt. „Die Entwicklung würde sich dann allerdings verlangsamen/da mit einen; erheblichen Rückgang der Auswanderungszisfer schon deshalb gerechnet werden muß, weil sich das deutsche Judentum alsdann im wesentlichen aus überalterten Schichten zusammensetzen wird, für die eine Akklimatisation in einer neuen Heimat nicht mehr in Frage kommt." * Für uns ist bemerkenswert, daß sogar in nationalsozialistischen maßgebenden Kreisen die Verelendnngstheorien des Herrn Kareski auf Zweifel stoßen. Wir sind der Auffassung, daß mitsolchen Feststellungen, wie sie in gewissen Kreisen aus propagandistischen Gründen gern getroffen werden, und wie man sie vor allen Dingen m revisionistischen Kreisen mit bewußter Einseitigkeit produziert, der Sache der deutschen Juden nicht gedient ist. Unjet Bemühen muß dahingehen, ein möglichst zuirefscndes, die ■ realen und. seelischen Faktoren unter den 460 000 Juden innerhalb der deutschen Grenzen ehrlich dar-' stellendes Bild zu geben. Nur damit wird auch für die gesetzgeberischen Absichten in der deutschen Iüdensrage das Tatsachenmaterial zur! Verfügung gestellt. Noch immer ist die Zahl derjenigen Inden, die in ehrlicher' und anständiger Arbeit ihr Leben in Deutschland fortführen und für ihre Kinder eine arbcitserfnlltc, aber würdige Zukunft in Denkschland wollen, erheblich größer als die der ansvrnchbcreiten. Gerade wenn allgemein feststellbar ist. daß sich der Lebensstandard der deutschen Inden — von einer ganz kleinen- Oberschicht abgesehen, deren jüdische Verantwortung nicht immer mit der Zunahme ihres Einkommens gewachsen ist — gesenkt hat. so mag man daraus ersehen, daß nicht etwa aus einem Gefühl des „ubi bene, ibi patria“ jüdische Menschen hier bleiben, sondern weil die irrationalen Kräfte der Heimatverbundenheit stärker sind als -die rationalen Erwägungen von Einkommen oder von Rechtszustand. Es ist auch keineswegs eine Abneigung gegen harte Arbeit, die das Hierblciben bestimmt. Wer die Stimmung in den nichtzionistischen Kreisen der jüdische:; Jngend Deutschlands genau kennt, weiß, daß diesen jungen Menschen feine .Arbeit zn schwer wäre, wenn sie sich durch sie ihr Leben hier anfbanen könnten. Sie sind ans jüdischen; Verantwortungsgefühl und ans einem Geschichtsbcwnßtsein heraus, das sich eben ans den irrationalen Kräften einer durch viele Generationen reichenden Verbindung mit Land. Sprache und Kultur herlcitet, bereit, den Beweis anzutreten, daß ein Judentum in Deutschland möglich ist, über dessen Wesen und Erscheinung abivcrtende Urteile nicht mehr möglich wären und durch ihren Einsatz die deutsche Jndcnfragc, so wic sic heute ist, ehrenhaft zn liguidiercn. Die Betrachtungen im V. B. bestätigen uns in unserer eigenen Auffassung von der doppelten Aufgabe, die die Situativ,; des dentscheu Judentums seiner verantwortlichen Führung anferlegt: Zunächst in restlos loyaler Beachtung des Staatswillens die Lebensmöglichkeiten der Inden in Deutschland zu prüfen und zu betreuen. Es ist selbstverständlich, daß säkulare Vorgänge, wie die deutsche Ent- Wicklung seit 1933 auch die Arbeitsprogramme der jüdischen Richtungen geändert haben, sie sowohl einengend als auch erweiternd. Wir im.E. V. haben, wie unsere Freunde wissen: inentschlossener Umstellung vor allem diejenigen Ausgaben innerhalb des Arbeitsprogramms übernommen, die zum Fragenkreis der E x i st e n z s i ch e r u n g gehören. Unsere sich in aller Oefsentlichkeit abspielende Tätigkeit während mehr als zwei Jahren hat gezeigt, daß der E.-V. damit eine wesentliche Funktion übernommen hat, in der -Gestaltung dev Entschlüsse von jüdischer Seite wie in der Vorstellung, die mau von der Tätigkeit des deutschen Judentums von außen her hat. Sodann ist, ohne daß wir damitzin diesem Augenblick besonders überflüssige ideologische Kontroversen einleiten wollen, festzustellen, daß in daS neue ArbcitSprogramm des deutschen Judentums wie der E.-B. es sieht und handhabt, auch daS P a l ä st i n a w a n d e r u n g s Problem eingeordnet ist. Nur Fanatiker auf unsercv Seite werden daran Anstoß nehmen, ebenso wie es auch auf zionistischer Seite nur Fanatiker sein können, die meinen, daß es nichts Anderes gäbe, als die jüdischen Kräfte in Deutschland nur auf dieAnswandcrrmg zn konzentrieren, und die die Sorge als zweitrangig ansehen, waS aus den Menschen innerhalb der deutschen Grenzen wird, die nach Lage der Dinge in absehbarer Zeit selbst bei stärkstem Bemühen nicht in Palästina Aufnahme finden können. Aufsätze wie die im „Völkischen Beobachter" sollten auch in jüdischen Kreisen zur vermehrten Einsicht in die Realitäten unseres Daseins hier führen und darüber sachliche Entscheidungen treffen helfen, was in sorgloseren Zeiten nur zn i d e o l o g i s ch e n Auseinandcrsctzungcn Anlaß zu bieten pflegte. „Unsere jüdische Wirklichkeit“ In einer überfüllten Ortsgruppenversommlung. die unter Vorsitz von Lonitütsrot Tr. Caro im Westen Berlins stnttfand. sprach Alfred Hirschberg über „Unsere jüdische Wirklichkeit". Er ging von der Feststellniig ans. daß Wirk- Iiclifcit mehr fei als mir eine Lumme von Erscheinungen und Tatsachen. Wirklichkeit sei das Bild, daß wir uns vom Willen und von der Idee her formen. Hieraus behandelte der Redner das Gebiet ocr staatsbürgcrlick)eii. wirtschaftlichen und kulturellen Tatsachen, die wir um uns und in unseren eigenen Reihen beobachten könnten und erhob die Forderungen, die wir von unserer Idee und von unseren; Willen her an die Juden Deutschlands zu stellen haben. Tie Zuhörerschaft folgte den anderthalbstündigen Darlegungen mit angespannter Aufmerksamkeit, die sich in häufiger Zustimmung während des Referats und in stürmischen Beifall-5äußerungen am Schluß äußerten. Einleitend las Lotte Holms Prosa von Füg und Goethes Urworte. Auf eine Einladung der Landesverbände Lben fchlesicn und Mitteldeutschland des E.-S. wird Dr. H i r s ch b e r g über daS gkciche Thema am 18. Mai in Gleiwitz, am 19. Mai in.Bei»' then. am Montag, 20. Mai. in Hindenbtirg und Donnerstag, 23. Mai,, in, Leipzig t» vom C.-A. einberufenen Gemeindeversammlungen sprechen.