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Central-Verein-Zeitung · 1935-05-16 · 20 (16.5.1935) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
20 (16.5.1935)
Date
1935-05-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XTV. Jahrgang / Nr. Berlin, 16. Mai *935 Preis 10 Pfennig Dic vorliegende Nummer mnftutt 20 Seiten Sie enthält u. a.: Die nichtjudischen Nichtarier In Deutschland / Eine Statistik Phiion / Von Isaak Heinemann Solomon J. Solomon Von Max Osborn Beilage: Erziehung, Eitern, Schule mmn ü lieber den Tod des Marschalls. Pilsudski trauern nicht zuletzt die polnischen Juden. Der schon zu seinen Lebzeiten legendenumwobene Mann an der Spitze eines Staates, der seine Existenz vor allen anderen ihm zu danken hat, war ein Hüter des Rechts und der Ordnung auch in der gerade in Polen besonders heiklen Judenfrage. Von Pilsudski kennt man nicht etwa solche freundliche Aeußerungen zur Judenfrage wie von Masaryk. Der immer zurückgezogener lebende und stets wortkarge Mann hat kaum, außer in einer gelegentlichen lakonischen Aeußerung zu einem Juden, der ihm über die soziale Not der polnischen Juden berichtete („DieJuden vermehren sich so stark", sagte Vilsndski), ausdrücklich Stellung zu diesen Problemen genommen. Aber er hatte vom Anfang seiner Arbeit an immer mit einzelnen Juden zu tun, er hatte viele jüdische Parteigänger, Helfer und Genossen, und er ist mehr als einmal nationaldemokratischen Pogrommisten entgegengetreten. In Wilna ausgewachsen, dessen Bevölkerung zu einem bedeutenden Teil aus Inden besteht, hat Pilsudski das jüdische Leben schon als Kind aus der Nähe kennengelernt. Als junger Revolutionär hatte er dann auch viel mit den jüdischen Sozialisten aller möglichen Schattierungen zu tun, und es kam zu lebhaften Auseinandersetzungen - zwischen .ihm und besonders den „Bundisten", die ihr sozialistisches Ideal nur in einer allgemeinen, also allgemein russischen Revolution glaubten erlangen zu können, während Pilsudskis Sozialismus schon früh nationalpolnisch war; auch die jüdische Befreiung, erklärte Pilsudski, könnte nur im nationalen (polnischen) Freiheitskampf errungen werden. Als Pilsudski dann seine illegale Tätigkeit gegen den Zarismus in Rußland ausgeben mußte, um sie in Galizien fortzusetzen, fand er dort auch unter jüdischen Sozialisten wie Diamant und Lieber-' mann Mitkämpfer der gleichen Ueberzeugung. Schon in den berühmten Schützenvereinen, die Pilsudski kurz vor dem Kriege organisierte, und in seiner illegalen polnischen Gcneralstabsschule in Krakau gab es Juden, und als er im Kriege die polnischen Legionen gründete, die auf deutscher Seite mitkämpften, nahmen Juden auch hier als Mannschaften und Offiziere teil. Als Haupt des neuen polnischen Staates hat Pilsudski sich 1916 für die durch Unruhen bedrohten Juden eingesetzt, vor der Konstituierung der Staatsverfassung eine jüdische Delegation angehört, nach seiner Machtübernähme 1926 judenfeindliche Sonderbestimnumgen abgeschafft, die noch aus der zaristischen Zeit stammten, 1927 und 1928 das jüdische Gemeinderecht konstituiert, wodurch die Gemeinden in den Ostmarken zum ersten Mal staatlich organisiert wurden; die wichtigsten jüdisch-pädagogischen und wissenschaftlichen Jnstituionen wie das Religionslehrer- Seminar und die Rabbiner-Hochschule, sind vom Staat errichtet worden und werden vom ... Staat erhalten, das Institut der jüdische» : Wissenschaft ist vom' Staat bestätigt, j Davon abgesehen ist ' ein. Eingriff in innerjüdische Probleme durch Pilsudski und sein Regime nie erfolgt, aber der Schutz des Judentums überhaupt gegen antisemitische Uebergriffe - ist vom Pilsudski-Regime immer als staatliche Aufgabe gehandhabt worden. Es ist gleichgültig, ob diese Stellungnahme Pilsudskis mehr seiner unbedingten Berechtig- » keit oder seiner Politik entsprungen ist. Schon! während . de8 russisch-japanischen -. Krieges I. hatten die polnischen Nationaldemokraten Pilsudskis Pläne Hintertrieben und seine Dündnispolitik durchbrochen; während des Krieges, auch als Pilsudski nicht mehr die geringste Hoffnung auf den Sieg der Mittelmächte fetzte, wurde er von den von Anfang an französisch orientierten Nationaldemokraten als „Boche" bekämpft und diskreditiert; und sowohl in den ersten Jahren des polnischen Staates wie in seiner letzten diktatorischen Periode war der kräftige und gefährliche Kern der Opposition gegen Pilsudski immer nativnaldemokratisch.- Der Antisemitismus aber, ist einer der wichtigsten Programmpunkte der Nationaldemokraten. Schon aus dieser Konstellation mußte sich die von der Negierungsseite immer anerkannte Loyalität der jüdischen Sejm-Abgeordneten ergeben. Auch wo die Meinungen auseinandergingen, besonders bei Pilsudskis letzter großen politischen Tat, der Konstituierung der neuen, den unfruchtbaren polnischen Parlamentarismus ablösenden Verfassung, ist das jüdische Interesse in hohem Maße gewahrt, obwohl bte eigentlichen Wahrer dieses Interesses» die Ab-, geordneten der jüdischen Minderheit, kaum noch in dieser Eigenschaft in den Sejm zurückkehren werden. Die Konstellation Pilsudskismus — polnisches Judentum ist stärker und ist eine tragfähigere Ncchtsgarantie als ein System, das nur die eigene parlamentarische Vertretung der Interessen garantierte. Daß das Recht, das Pilsudski geschaffen hat, auch ihn überlebe, ist eine große Hoffnung der polnischen Juden, wenn auch sie mit schweren Herzen dem toten Marschall die letzten Ehren erweisen. Sämtliche jüdischen Zeitungen haben anläßlich des Todes Marschall Pilsudskis Trauer- und «Jedenknummern veröffentlicht. In den von schwarzen Trauerleisten umrahmten Leitartikeln wird der tiefen Sympathie des polnischen Judentums mit dem verstorbenen Führer Ausdruck gegeben. Der Klub der jüdischen Abgeordneten im polnischen Sejm hat an Ministerpräsident Slawik sol- In dem Berner Prozeß um die „Protokolle der Weisen von Zion" hat Gerichtspräsident Meyer Dienstag, 14. Mai, nachmittags das Urteil verkündet. In dem Urteil wird erklärt, daß die sogenannten „Protokolle" eine Fälschung und ein Plagiat Larstellen, das unter die nach dem Berner Gesetz über daS Lichtspielwesen und Maßnahmen gegen die Schundliteratur verbotenen Schriften fallt, da sie geeignet seien, Unruhen gegen einen Teil der gleichberechtigten Schweizer Bevölkerung hervorzurufen. Die Expertisen deS Obergutachtcrö C. A. LooSli und des Gutachters Professor Dr. Baumgarten werden in dem Urteil vollständig anerkannt, die Expertise des Gutachters Fleischhauer hingegen verworfen. Der Beschuldigte Theodor Fischer wurde zu 50 Franken, der Beschuldigte Silvio Schnell zu 20 Franken Geldstrafe verurteilt. Der Richter betonte hierbei, er habe die Strafen absichtlich so mild bemessen, weil er keine Märtyrer schaffen wolle. Die übrigen drei Angeschuldigten Haller, Dr. Meyer und Aebersold wurden infolge unzureichender Beweise freigesprochen. Ihnen wurde ein Entschädigung von 400, bzw. 200 und 5V Franken zuerkannt. Eine Konfiszierung der „Protokolle" lehnte der WL'DL dies «.V©Ikis®]Jaen EB©©IbacIaters' A.H. „Die Liquidation der deutschen Judenfrage" ist eine aus drei Aufsätzen bestehende Serie betitelt,- die im „Völkischen Beobachter" vom 9., 10. und 11. Mai veröffentlicht sind. Die Kenntnis der Gedanken und Tatsachen, die. das führende nationalsozialistische Blatt veröffentlicht, rst für unsere Leser von Bedeutung. Bemerkenswert ist, daß zugleich mit der Veröffentlichung im „Völkischen 'Beobachter" die seinen Aufsätzen zugrunde liegenden Tatsachen auch in der Hearst-Presse in Amerika zur Verwertung gelangen. Der erste Beitrag ist übcrschrieben: ' „Die jüdischen Kapitalverschiebungen/ •t geht davon aus, daß die Feststellung er tatsächlichen Ziffern jüdischer Ausmüderer aus Deutschland fett 19.M auf Schwierigkeiten stoße. Nach kritischer Beandlung von Daten aus ausländischen und wischen Quellen, die zwischen 60 000 und 60 000 schwanken, stellt der B.B. fest: „Den tatsächlichen Ziffern dürfte die Kalkulation des Berliner Geheimen Staatspolizeiamts. dessen Erhebungen . sich freilich auf Preußen beschränken, noch am nächsten kommen; dort schätzt man die Masse der jüdischen Emigranten auö dem ganzen Reich auf rund 90 000, die der arischen, durchweg politisch belasteten Flüchtlinge auf 20 000. Rückwanderungen sind, nach der. gleichen Quelle, bisher erfolgt in VS Prozent Juden. (Fettsah und Sperrungen bei allen Zitaten wie im „B.B. Die Schrift, leitung.) . Da die Heimkehr dieser draußen enttäuschten Auswanderer in letzter Zeit sehr im Zunehmen begriffen . ist, hat man sich LU rhrer einst. . wenigen Unterbringung m Schulungslagern entschlossen, schon deshalb, um den heimischen Stellenmarkt nicht weiter zu belasten. Als ‘ Stichtag für diese Maßnahme ist der 28. Januar 1935 festgesetzt, so daß alle nach diesem Termin 'heimgekehrten oder noch zurückkommenden Emigrauten sich darauf gefaßt machen müsien, interniert zu werden." Nach Ansicht des Statistischen Reichsamts sei eine exakte Mitteilung nicht möglich, da sich die große Masse der jüdischen Emigranten aus Neichsfluchtsteuergründen nicht polizeilich abgemeldet hätte. Im Reichswirtschafts- Ministerium schätze man den durch Steuer- Verstöße entstandenen Verlust am Nationalvermögen auf etwa 400 Millionen NM in der Hauptsache Altbesitz, Neichsanleihe, Jndustriewerte, aber' auch eine Menge Devisen. Der D. B. schildert die Entwicklung, die seit dem Reichsfluchtsteüergesetz von 1931 eingesetzt habe, und äußert die Auffassung, daß der effektive Schaden an 1 Milliarde heranreiche. Seit 1933 seien die Strafgelder erheblich ange. schwollen, durch die scharfen gesetzlichen Bestimmungen aber zugleich auch die Barein- Zahlungen erheblich angewachsenso daß 1933/ 34 und 1934/35 insgesamt gegen 64 Millionen Reichsfluchtsteuer bei den Reichskasien zur Ablieferung gekommen feien. Es bedarf von unserer Seite keines Hinweises, daß wir „Schiebungen" durch Juden aufs schärfste verurteilen., abgesehen von den selbstverständlichen ethischen Motiven, nicht nur aus dem allgemeinen Gesichtspunkt der Rückwirkung auf die Beurteilung der jüdischen Moral überhaupt als auch wegen der er» 'chwerenden Umstände, die den ehrlichen uni» inständigen Juden' aus dem von minderwertigen Elementen gesäten Mißtrauen evwachsen könnten. . . . ‘ . gendes Beileidstelegramm gerichtet: „Mit der ganzen Nation in untröstlichem Schmerz und tiefer Trauer über den Tod des ersten Marschall Polens, Joseph Pilsudski, vereint, huldigen wir dem Geist des Verstorbenen, eingedenk seiner historischen Leistungen als Gründer und Baumeister Großpolens. Die Erinnerung an ihn wird dem Herzen des jüdischen Volles für ewige Zeiten eingcprägt bleiben." Tie polnische Landesorganisation der Agudas Jisrocl, der Borstand der jüdischen Gemeinde Warschau, der Verband der jüdischen Kausleute und andere jüdische Organisationen haben anläßlich des Ablebens Marschall Pilsudskis an den Staatspräsidenten Professor Moscicki, Ministerpräsiden!.' Slawik und die Witwe Pilsudskis BeileidZkundgcbungen gerichtet. Richter mit der Begründung ab, daß eine solche Maßnahme zwecklos wäre, da sich seine Kompetenz nur auf Bern, nicht aber auf die gesamte Schweiz erstrecke. Die Verurteilten haben gegen das Urteil Berufung eingelegt (Meldung der ITA.) * In unserer Vorbemerkung zum Berner Prozeß, die am 3. Mai d. I. unter der Ueberschrift „Kairo und Bern" erschienen ist, hatten wir ausgeführt, was sich erfreulicherweise bestätigt: „ . . . Wir haben die Hoffnung, daß in diesem politischen Prozeß in Bern ein Urteil des ' Rechies und keins der Politik ergehen möge, und auch wir möchten, wie es Professor Grimm über Kairo ausgeführt hat, daß nicht ein politischer Machtkampf in Bern geführt werde, sondern ,ein Kampf um das Recht mit den Waffen deS Geistes' — und nicht nur um das Recht, sondern auch um die Wahrheit und. um die Ehrlichkeit der Wisienschaft. Tie von den Angeklagten eingelegte Appellation wird eine zweite Verhandlung bringen. Von jüdischer Seite her kann man um so ruhiger den Ergebnissen solcher Verfahren entgegensetzen, je wissenschaftlicher, unpolitischer, gründlicher sie geführt werden. Ausführlicher Bericht 2. Beiblatt S. Seite Der zweite Aufsatz lautet: „Der Zionismus marschiert“ Er beginnt: „Es ist typisch für die jüdische Grundeinstellung, daß die überwältigende Mehrzahl der Emigranten (rund 70 060) in europäischen Nachbarstaaten, zumal in die westlichen, „floh". Sie dachten nicht im entferntesten daran, dem Land ihrer Bäter, Palästina, zuzustreben." Als Grund wird die Ablehnung der Juden gegen schwere Arbeit bezeichnet. Von den rund 70000 jüdischen Auswanderen seien 1933 7210 Personen ins Mandatsland Palästina eingewandert, 1934 9429. Die Zahl der deutschen Alija seit 1933 wird auf ca. 22 000 geschätzt. Sie ergibt sich daraus, daß auf die Zertifikate in der Regel Familien einwandern. (Schriftleitnng der E.-V.-Zeitung). Der V. B. wendet sich sodann der Untersuchung der Veränderungen innerhalb der Stimmung der Juden Deutschlands zu. Er führt aus: „Der Zionismus hat bis vor zwei Jahren wie in anderen Wirtsländern auch in Deutschland bei der Judcnschast eine völlig untergeordnete Rolle gespielt. Seine Anhänger machten höchstens 5 bis 7 Prozent der jüdifci-en Bevölkerung im Reiche aus; sie bildeten vielfach Objekte mehr oder weniger schlechter Witze für bte „liberalen" Rassegenosscn. Diese ironische Einstellung auch der Daheimgebliebenen wich, je fataler die Nachrichten von der ablehnenden Haltung der neuen Wirtsvölker 'Europas gegenüber der jüdischen Invasion aus Deutschland lautete, einer wesentlichen Umfor- .. mung in der jüdischen Mentalität. Man be- - merkte mit starkem Mißbehagen, daß der überall in der Welt wachsende Drang der Völker, sich national und rassemäßig zusammenzuschließen und artfremde Elemente auszuscheiden, die Juden vor «rn brennend aktuelles Problem stellte, das gelöst werden muß. I» diesen anderthalb Jahren hat der Zionismus, das hier religiöse, dort mehr räsieu« mäßige Bewußtsein, daß die Juden nach Palästina gehören und sonst nirgendshin, Fortschritte btt der jüdischen Bevölkerung auch im

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