Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 19 (9.5.1935)
- Date
- 1935-05-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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, , . ©ri WH! mQ. O L-J W Li Li ü W r. 19 2» EcSblctt 9« Mol 1935 MMSEeM-L fii VMM WM» £ m r*yfV V(m Sonntag vormittag fand die feierliche Eröffnung der von der Künftlcrhilfe der Berliner Jüdischen Gemeinde veranstalteten FrühjahrSausstellnng jüdischer Künstler in den Räumen des Jüdischen Museums in Berlin statt. Die Ausstellungscröffnung war mit der Preisverteilung für das von der Künstlerhilfe ausgeschriebene Preisausschreiben: „Darstellung des Gcgenwartserlebnisscs der jüdischen Frau" verbunden. Die kleine Feier, die vor einem zahlreichen Publikum in den Museumsräumen stattfand, wurde mit der Aufführung des Sprcchchors von Hilde Marx, den wir unten wiedergeben, eingeleitet. Nicolaj E l j a s ch o s f, Regisseur am Berliner Kulturbund, hatte den Chor einstudiert und etwa zehn ,Frauen, unter ihnen Rose Lichten st ein und Erna Feld, brachten ihn wirkungsvoll zu Gehör. Dann eröffnete der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Direktor Heinrich Stahl, die Ausstellung mit einer Ansprache, in der er es als eine besondere Aufgabe der Gemeinde bezcichnete, den jüdischen Künstlern eine Stelle zu bieten, wo sie ihre Kunst zeigen dürfen. Der Leiter der Künstlerhilfc, Dr. Hermann Schildberger, gab das Ergebnis des Preisausschreibens bekannt. Kompositionen, die künstlerisches Niveau erreichten, seien kaum eingegangen, da es jüdische Kvmponistinnen fast noch nicht gebe. Deshalb sei für dieses Kunstgebiet kein Preis zucrkannt worden. Dagegen konnten verschiedene Preise für das Gebiet der Literatur, der Malerei und auch der bildenden Kunst verteilt werden. Den ersten Preis für eine Dichtung erhielt die junge Schriftstellerin Hilde Marx, die unseren Lesern aus ihrer regen Mitarbeit auch in diesen Blättern bekannt ist, für ihre Arbeit „Chor der jüdischen Frauen in Deutschland". Den zweiten Preis erhielt Lotte Adam für zwei (Gedichte. Bier dritte Preise wurden zuerlannt: Marcelle Blank für eine Nachdichtung der Estergeschichte, Else E!is ch ewa.I a co b ns . Helene Roth ba r t und einer bisher unbekannte Einsenderin mit dem Stichwort „Glauben". Auf bcxii Gebiete der bildenden Kunst wurde ein erster Preis nicht verteilt. Vier zweite Preise erhielten Else Mcidner (für eine Zeichnung „Diaspora"). Adele R e i s e n b e r g - R o s e n b a u m. Ottilie W o l l m a n n (für eine Plastik) und Julie W o l f t h o r n. Ein dritter Preis wurde an Viola Böhm für eine Plastik gegeben. Irgendwo muß an ge fall gen werden! Diese Allule, die Max I. Friedländer in die Einleitung seines großen Standardwerkes über die niederländische Malerei fetzt, um damit anzudeureu. wie riesengroß das «Stoffgebiet ist/ das seilt siebenbäudiges Werk sich meistern zur Aufgabe machte, diese Worte jaden anch für die schöne Ausstellung Geltung, die die Künstlerhilfe soeben eröffnete. Ja, wo soll man anfangen? Am besten bei den Porträts, die so vielfältig sind, so gegenwartsverbunden ans der einen, so zeitlos lebensvoll auf der anderen Seite. Da hängt gleichfain als ein Symbol, als ein Symbol lebendigsten Wirkens eines Künstlcrgcistes. das Selbstbildnis Max L i c b e r m a n n s ans dem Besitz des Mnseunts, da hängt als lieucntbccEte Arbeit aus dem Besitz eines Berliner Sammlers das Nabbincrbild dieses toten Lehrrneisters unserer jetzigen Künstlcrgencration: Liebermann malte den holländischen Rabbiner in der Frühzcit des Schaffens, 1873, und so reiht sich das kleine Bild ein in die unvergänglichen Dokumente.. durch die der Altmeister nicht nirr der Berliner Kunst, sondern in unserem Sinne der größte Meister des deutschen Judenttuns, in das Buch der Kunstgeschichte geschrieben ist. Um Liebermann herum wirkte lange. Jahre hindurch Erich W o l s s f e l d, von dem die Ausstellung Arbeiten zeigt, die fast monumentale Malereien sind. Eindrücke von einer Palästinafahrt, auf der der Künstler Menschen beobachtete, tmd so kann man feinen „Arabischen Bettler" und die „Arabische Mutter" als hervorragende Porträtleistungcn, als glänzend komponierte Bildgestalten buchen. Ludwig Mcidner, dessen Köpfe und Gestalten betender Juden unvergeßlich sind, hat in dieser Schau lein Zeugnis seiner zeichnerischen Begabung abgelegt, dafür aber spricht die Kohlezeichnung der Else Meiduer (Gattin) ganz besonders zu uns. In dieser Darstellung einer Frau liegt so viel Empfindungskraft, daß man ohne Uebcrtroibung von einer großen Begabung reden kann, es ist eine frauenhafte .sinnst, die auch in Landschaften sich anszusprcchen weiß. Und derselben Generation rechnen wir die bildnerischen Werke Alexander Oppl^ers zu, des Bruders von Ernst Oppler. Sein Porträt des Verlegers S. Fischer ist _ eine noble Arbeit, ein vornehm dürchgearbeitetes Werk. Der Künstler, der mamngfache Aü-" rcgungen der großen Belgier der Jahrhundertwende verarbeitet, ist anch als Zeichner 311 sehen: in der Porträtzeichnung der Dusolina Giannini wird das spürbar, was wir in den Skulpturen bewundern. Man kann nicht von den Bildnissen in ' dieser Ausstellung sprechen, ohne das Frauenbild von Julie W 0 l s t h 0 r n zu nennen, das im Wettbewerb der Künstlerhilfe einen Preis errang. Es ist ein überaus geschmackvolles Werk, ganz . aus einen grünlichen Akkord abgestimmt: Eine Jüdin am sabbat- . Z cuiKiiniiimuiiiuiiiiHiimiiiiimiiiiiiimmiiiuimimimmituiiiiiiiis lich gerichteten Tisch, vor ihr die Bibel, der Leuchter, in der nächsten Umgebung Wein und Brot. Die Künstlerin nennt ihr Gemälde „Besinnung", und die Jury, die dieses Werk preisgekrönt hat, mag von denselben Gedankengängen geleitet gewesen sein, wie sie sich bei dem Beschauer einstellen, ohne daß er es vielleicht will: hier ist mit aller Deutlichkeit das Erleben der jüdischen Frau zum Ausdruck gebracht, die schmerzvollen Erfahrungen der letzten Jahre, zugleich aber das Fazit, nämlich Beherrschung des Lebens und ferner Arrsgaben innerhalb der neugeordneten jüdischen Welt. Und dann sind da die Landschaften. Das Herz könnte cinenr aufgehcn bei Betrachtung der Pastelle, Oclgemälde rurd Farbenholzschnitte, in denen Meta E 0 h n - H e n d e l, Adele Reifcnbcrg - R 0 f enbaum, Emmi Frankenberg. eine Schülerin von Spiro, Käte Bo rodin rurd Martha F r i e d l ä n d e r - L e w e n z sich die Schönheiten des Gartens, der Berliner Umgebrurg, des ganz anders gearteten Seine-Tals oder deutscher Landschaft überhaupt von der Seele malten. Hier arbeitet man mit Präzision rurd Gefühl, rrnd die rechte Verteilung ergibt diesen guten Klarrg. der in dieser Ausstellung einheitlich wirkt. Parrla N e rr s e l d s „Am 'Nordhasen" birgt mannigfache Bewegung, künstlerisches Temperament auch da, wo das rein sachliche der Schiffe rrnd ihrer Lasten das Hauptthema bilden. Wolfgang M eher- Michaels Bronze, die er „In der Sonne" nennt, ist gewiß der bildnerische Ausklang eines Sonnentages, denn das kleine Werk sprüht von Larure rrnd Temperament. Und auch seine „Knieende" darf nicht übersehen werden, weil Werkstoff rrnd Gestaltungswille sich glücklich zrr einer Einheit formen. Unwillkürlich schweift man zurück zu denen, die der Ausgangspunkt wurden für ,r; & L 4 \ \f > vf--.. •, vv- M * Yj \ ■ v r.. 1. Die Mitlelwand m Aussicllungssaal: Sclbslporträl und Bildnis eines Rabbiners von Max Liebermann. 2. „Bettelnder Araber“ von Erich Wolfsfcld. 3. „Besinnung“, preisgekröntes Gemälde von Julie IVolfthorn. 4. Plastik (preisgekrönt) von Ottilie IVollmarin. Sämtliche Au(nahmen: Grete Karplus Chor der jüdischen Frauen in Deutschland Sprechchor / Von Hilde Marx Ente Stimme, hell, aber ernst: Gott schuf die Frau, auf dass sie Leid erfrage rmd Leid in Lust und Schmerz in Schöuheit wandle, und dass sie ewig neu die Welt gebäre. Gott schuf die Frau, auf dass sie lächelnd . wage, dass sie mit milden Händen kraftvoll handle, dass sie mit ihrem Blut das Leben nähre. und dass, durch sie geleitet, zu ihm finde . ein jedes Herz, das Seiner Grösse schlägt. Zweite Stimme, sehr eindringlich: Dies ist seit Urbeginn die heilge Sendung, . die sich wie Band um alle Zeiten schlingt, das Schicksal, das die Jüdin zur Vollendung des göttlich vorbestimmten Kreises zwingt. ' Stimmen der alten Frauen: , Wir Alten, ■ Stimmen der jungen Frauen: Jungen Stimmen der Mädchen: und wir Jüngsten Zweite Stimme, dunkler und schwerer: 0olt schuf die Frau, dass sie die Arme reiche, Stütze Seiner rauhen Welt bereit, dass sie die erdhaft Starke, endlos Reiche, die Grosse sei, die weiss und die verzeiht, dass ihr Verstehen Seinem Willen gleiche, so ganz voll Güte und so tief und weitunj ZWciie 5timme, gehoben: Gnd in der Frauen Kreis schuf Gott die .. ' . einen, die, doppelt Leid und doppelt Lust zu o tragen, hem Wille hiess, von einer bis zur andern t c Ewigkeit, m Schmach und Glück,, im Jauchzen und . . im Weinen sind sie bestimmt, wie Türme hoch zu „ , ragen, *ie Seherinnen, Mütter für ihr Volk in aller Zeit. ' Stimme, gesteigert: Gott schuf die Jüdin, dass sie Ihn. . verkünde, nen mau, so wie ein Kind, mit-Schmerzen; trägt, ‘ :; Ile Stimmen, getragen: wissen as schwere Werk, zu dem wir heut berufen. 7ir leuchten in des Volkes Finsternissen Is Fackeln vor des höchsten Thrones - Stufen.^ 7ir gehen einen Weg, den Er gegeben, ir gehen ihn seit allen Ewigkeiten, ir gehen ihn seit tausend Menschen-; leben — ■ir sehen ihn durch alt und neue Zeiten. Stimmen der allen Frauen, schwach, aber eindringlich’ Vor Jahren oft, im Schein der Feier-, kerzen, wie segneten wir innig unsre Kinder, wie warben wir um ihre jungen Herze wie waren wir für sie des Glaubens Künderl Wir lehrten sie, den alten Gott zu liebe; und ihre Heimat, die die unsre war. Wir. lehrten sie, dass auch für sie ... geschrieben das Buch der Bücher, gross und wunderbar. . Wir führten wie ein Heilges ihre Hände, als sie das Leben fassten, jung und scheu; bei ihnen war an jeder schweren Wende der Segen unsrer Herzen, stark und treu. Sie wuchsen von uns weg. Wir wurden Ahnen; uns blieb nur Einsamkeit noch und Gebet. Nur noch mit Wünschen konnten wir sie mahnen auf jenem Weg, der in die Ferne geht. Erregter: > Wir zitterten uin sie in Kriegesnot — so manches Kind kam nicht zu uns zurück. Wir sah’n um Leben kämpfen sie, um Brot — und an der Schwelle dann von Licht und Glück--r Da kam das Schicksal, übermäcliig, schwer, es trieb sie in die Nacht, ein scharfer Wind. Wir Alten fassen nicht das Ganze mehr, nur — leuchtend: . — dass sie Juden, ganze Juden sind! Erste, und zweite Stimme, zusammen: Die Jahre verstreichen im Kreise. Es weichen, dem nächtlichen Dunkel sich bindend, die Alten. Die Wogen, sie heben aus schäumendem Leben die Jungen ins Licht, die das Erbe ver- ’ walten. Stimmen der jungen Frauen, kräftig, bewusst: Unser Herz war voll, unser Haus war so warm, in bescheidenem Glück so geborgen- Wir hielten Kinder in unserem Arm und sprachen tröstend von morgen. Uns nahte der Sommer, die Aehrenzeit. wir hofften auf grosses Gelingen; . . wie Schnitterinnen, zur Ernte bereit, so standen wir, Opfer zu bringen — die Opfer des Dankes für Mann und für . . Kind: und das Land, das uns alles gegeben; zu beten, in endloser Liehe und blind, so wollten die Anne wir heben. Da grollte ein Licht und ein Wort klang uns zu, dass wir Fremde, Verlassene seien! Da raubte Entsetzen uns machtvoll die Ruh', am Geschaffenen uns zu erfreuen. Mit starker, erfüllter Innigkeit: Wir pressen die Kinder nur fester ans Herz, und wir schreiten den Männern zur Seite, -und manchmal sehen wir himmelwärts, Licht suchend im heiligen Streite. Wir stehen voll Kraft in dem alten Grund des Glaubens unserer Ahnen; so ringen wir, kämpfen wir, Stunde um Stund’, uns im Lande die Wege zu bahnen. Wir hämmern den Tag, der uns grausam erweckt, wir regen die Hände und singen. Nichts gibt-es, was unsere Seele mehr schreckt, das Unsere neu zu erringen. Wir führen die Kinder an zärtlicher Hand durch ein Leben voll Liebe und Glauben zu Vätern und Brüdern und Heimatland — und wir lassen den Mut uns nicht rauben. - Stimmen einet Gruppe der-jungen Frauen: Ja, wo die Mutter noch im Kind das Hoffen auf Zukunft sieht und auf ein spätes Glück, da steht sogar der dunkle Himmel offen + und zeigt von Seligkeit ein kleines Stück. Doch wir, die ganz allein das Leben meistern, die einsam kämpfen, immer Schritt um - - Schritt — uns kann das Lied der Arbeit nur begeistern; Und sei es noch so leis*, wir singen mit: