Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 18 (3.5.1935)
- Date
- 1935-05-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Km WE' /~'V^.t t '!/ Am 2. Mai wäre Theodor Herzl 7.) Jahre alt geworden. So hat er heute noch nicht das biblische Alter erreicht, könnte noch unter uns weilen, ein schöner Greis mit weißem Haar und Bart und hoher, edler Gestalt — aber seit mehr als dreißig Jahren deckt ihn die Erde. Bon vielen, die ihn kannten und die nach ihrn kamen, ist immer wieder daraus hingewiesen worden, daß seine äußere Erscheinung, seine Gestalt und sein Gehaben viel, ja vielleicht entscheidend zu seiner einzigartigen Wirkung bcigetragcn haben. Diese Vermutung, die ein großes Maß von Wahrschcinlichkeit für sich hat, ist trotzdem nicht geeignet, die Leistung des großen Juden Theodor Herzl zu verkleinern. Denn eine nur äußerliche Wirkung, eine suggestive Beeinslussung. die der Voraussetzung körperhafter Nähe nicht entraten kann, geht hin mit dem Menschen. Aber Theodor Herzl ist mehr als dreißig Jahre tot und seine Idee ist lebendig geblieben: lebendiger, freier vielleicht, als sie sich im Bannkreis seiner starken Persönlichkeit hätte entfalten können. Herzls Größe liegt darin, daß er einer günstigen Weltstunde ein Samenkorn anvertraute, da? ausging und wuchs, auch als der Sämann längst die Angen zugetan hatte. Gr setzte eine Kraft in Bewegung, die durch ihre anziehende Wirlung auf andere Kraftguellen schließlich so stark wurde, — daß sie ihn selbst überwand. Der heutige Zionismus ist in seinen besten Vertretern kein Herzl-Zionismu? mehr. Das fühlen wir wieder deutlich, wenn wir den vor kurzem erschienenen fünften Band der gesammelten zionistischen Werke Theodor Oerzls (Jüdischer Verlag. Berlin) in Händen halten. In ihm sind das vieraktigc Schauspiel ..Da? neue Ghetto", der Roman ..Altueuland", der Schwank „Im Speisewagen" und eine große Reihe von Briefen und Notizen aus dem Nachlaß zusammengcsaßt. Unter den letztgenannten befinden sich zahlreiche, zum großen Teil dem Wiener Herzl-Archiv entnommene Grstver» öffeuttichungen. Als historisch interessanteste von diesen sei ein offener Brief Herzls an Sir Francis Montcsiore in London au? dem Jahre .1.903 erwähnt, der ursprünglich für das zionistische Organ „Die Welt" bestimmt war'und in dem da? Uganda-Prosekt mit ausführlicher Begründung abgelehnt wurde. Unmittelbar bevor dieser. Brief im Druck erscheinen sollte, entging jedoch der treue Freund und Mitkämpfer Herzl?- Max Norden, den man der Preisgabe Palästinas zugunsten von Uganda verdächtigte, nur durch einen glücklichen Unfall den Nevolvcrschüssen. die ein russisch-jüdischer Student unter dem Ruf: ..Tod Norden, dem. Ostafrikaner!" auf ihn abgescuert hatte. Daraufhin unterblieb die Veröffentlichung des offenen Brieses, damit nicht durch ihn zu Vermutungen über einen Zusammenhang mit dem Attentat Anlaß gegeben würde. Bi? aus solche für die Geschichte des Zionismus bedeutsamen Besonderheiten trägt der vorliegende letzte Band der gesammelten zionistischen Schriften kaum neue Züge zum Gesamtbild ihres Autors bei. Ob wir mit dem altueuen Roman „Mneuland" respektvoll-freundliches Wiedersehen feiern und doch für manche der überraschend verwirklichten Einzelheiten staunend ein neues Verständnis entdecken, ob wir die dramatischen Versuche durchblättern oder in Briefen und Aufzeichnungen die Bruchstücke eines kühnen Lebens- Werkes bewundern — es ist, als ob wir in allein, in Irrtum und Größe, in Gnge. Kleinlichkeit und Schönheit, nur die widerspruchsvollen und eben dadurch so menschlich-nahen Züge eines alten Bekannten wicderfänden. Keine Uebcrraschung. kein aufhorchendes Jnnehalten und neues Sehen enthüllter Zusammenhänge wird einem mit diesem Nachlaß geschenkt. GS ist der alt-neue Herzl, der klein-große, der begrenzte Mensch, dessen Idee in die unbegrenzte Wett de? Geistes, de? Willens und der Not hincinwuchs, um. sich so, losgelöst von ihrem. Urheber, erst ganz zu entfalten. G? ist verständlich, daß Dankbarkeit 'und politische Rücksicht die heutigen Träger de? Zionismus davon abhaltcu. ihre zunehmende Entfernung von Herzl offen festzustellcn. Der Wettstreit um die wahre Nachfolge eines' großen Anfanges ist in politischen Bewegungen eine immer wiederkehrende Erscheinung. Aber alle internen Notwendigkeiten sollten nicht als so dringlich angesehen werden, daß', sie die Blickrichtung aus das eine versperren: Ehrung und Förderung des großen Anregers werden durch Abstand und Kritik sicherer gewährleistet als durch eine bedingungslose und eben dadurch billige Hinnahme. Grst durch völlige und bewußte Abkehr von der. nnr-politischcn Phase des Herzl-ZionismuS, durch Uebcrwindung aller Versuche zu seiner Wiedererweckung und durch entschiedene Hinwendung zu einer religiösen Vertiefung und geistig-sittlichen Bändigung der wuchernden Kräfte wird der Ausbau Palästinas zu dem. jüdischen Werk werden, zu dem — abgesehen, von allen Gegensäjwn im einzelnen — auch wir Nicht-Zionisten uns bekennen. Eva Rcichmann-Jungmann. MMtzU HÄWM Die Breslauer ..Jüdische Zeitung veröffentlichte in ihrer letzten Nummer unter der Hebcrschrift ..DieTitetänderinig der C.-V.-Zcitung" eine Notiz, in der es n. a. heißt: ... . ...Selbst cm gesichts der in dieser Verfügung liegenden Zurechtweisung kann es die „G.-D.-Zeituug" nicht unterlassen. noch einmal den Versuch einer Rechtferti-, gung für ihre frühere Bezeichnung zu unternehmen. ... Es ist kaum zu verstehen, daß der C.-V. bzw. die E.-V.-Zeitüng noch immer nicht begreifen wollen, worum es geht. Eine solche Shnthese zwischen Deutschtum und Judentum hat cs nie gegeben und soll es vor allem noch dem Willen derer, die heute Deutschland regieren, nicht geben. Damit haben wir uns abzufinden, und wir sollten eigentlich uns überflüssige Belehrungen und Er- Mahnungen ersparen." W«k M StötöföÄJ’ Ws der MiMen SWWlUüm.. Das Exekutivkomitee der Wcltunion der Zionisten-Nevisionlsterr unter Führung des Präsidenten Jabotinsky hat beschlossen, auS der Zionistischen Organisation, die bisher. sämtliche zionistische Richtungen in sich vereinigte, auözutrctcn. Der' Wortlaut der Beschlüsse ist der' folgende: „A. Austritt aus der Zionistischen Organisation. - Gemäß der Resolution der sechsten Welt-' konferenz, die Va6 Exekutivkomitee bcvoll» mächtigt hat, das Verhältnis der Union der Zionistcn-Revisionisicn zu den zionistischen Kongreßwahlen, zum Kongreß selbst und zum Schekel zu bestimincn, ordnet die Exekutive an: ■ J. Kein Mitglied der Union oder einer ihr angeschlagenen Körperschaften darf sich an den Wahlen zum nächsten Zionisten-.Aongreß, sei es als Wähler oder als Kandidat, beteiligen. 2. Nachdem die Zionistische Organisation den Herzlschcn Schekel abgeschasst und an seine Stelle eine Legitimation parteiischen Charakters eingeführt hat, darf kein Mitglied der Union oder einer ihr angeschlossenen Körperschaft den . neuen Schekel cntgcgcnnchmcn; damit treten alle Revisionisten aus der Zionistischen Organisation aus. 3. Wer gegen diese Verordnungen verstößt, wird automatisch aus der revisionistischen Union und den ihr angcschlossenen Körper-, schäften ausgeschlvssen. 4. Die revisionistischen Mitglieder des. Zionistischen Aktions-Komitees treten aus diesem Organ aus. 5. Das Exckutiv-Komitee stellt fest, daß die Zionistische Organisation einer Vertretung der' zweitgrößten aller zionistischen Richtungen ermangelt. wodurch die Zionistische Organisation das Recht verloren hat. als eine Vertretung der gesamten zionistischen Bewegung zu fun- Das Gxekutiv-Kon'itee wird hierüber der nt -Exekutive eine offizielle Note zu-, gehen lassen. . ,szit betreffend Unabhängige Zionistische Organisation. Das Exclutiv-Komitce glaubt, daß unter den geschaffenen Umständen auf der Union der Zionistcn-Redisionistcn die Pflicht ruht, die Initiative zur Gründung einer Unabhängigen Zionistischen Organisation zu ergreifen: demgemäß stellt das Erekutiv-Komitcc die folgende Resolution zum Plebiszit innerhalt der Union der Zionisten - Revisionisten und der ihr angeschlosscncn Körperschaften; von der Annahme dieser Resolution hängt das fernere Verbleiben der Exekutive im Amt ab: Die Union der Zionisien-Revisionisten proklamiert die unmittelbare Gründung '. einer Unabhängigen -Zionistischen. Organisation und beauftragt das Erckutiv-Komitee,. .- für Dezember den konstituierenden Kon- . greß der Organisation auf Grund des Zudcri- . staats-Prinzipö und'auf. der Basis des Herzl-' Schekck cinzubcrufcn. Das Plebiszit wird in allen Orten und unter allen Teilen der Bewegung am Sonntag, dem 19. Mai 1975, stattfinden. Eine genaue Instruktion betreffend Durchführung des Plebiszits wird in nächster Zeit ausgegcben werden.. Gleichzeitig mit der Bekanntgabe dieser Bcschlüssc gibt das Exekutivkomitee der Union der Zionisten-Revisionlsten ein von allen Mitgliedern unterschriebenes „Manifest - an das jüdische Volk" heraus." Diese' Beschlüsse bedeuten den vorläufigen Abschluß einer Phase erbitterter Kämpfe zwischen - Ser zionistischen - Organisation und -ihrem rechts« ' ' radikalen'Flügel. Ost schon schien der Bruch uiw vermeidlich und wurde in letzter Stunde dock) wieder umgangen. Das vor einigen Monaten . geschlossene Londoner Friedensabkommen, in denz Richtlinien für eine Mäßigung der innerzionisttt schon Auseinandersetzung ausgestellt wurden -< wir haben an dieser Stelle darüber berichtet — schien noch einmal Aussichten, für eine wenigste::? äußerliche Befriedung zu eröffnen. Doch erwiesen sich die inneren Gegensätze als zu siaA- Ter Auseinanderfall der zionistischen Organisation war nicht mehr auszuhalü t. Der nichtzionistlsche Beobachter könnte 6m gcsichts dieser Katastrophe der zionistischen Politik leicht der Verlockung erliegen, mit einer gewissen Genugtung zu reagieren. Denn leider sind in umgekehrt gelagerten Fällen die zionistischen Wortführer nicht immer einer solchen Gefahr ent-, gangen.. Wer gerade deshalb, weil die Formen, in denen leider rwch immer innerjüdische Gegensätze ansgetragen werden, unschöne Gesten nahe-- legen, wollen wir ausdrücklich darauf Hinweisen, daß die innere Schwächung der zionistischen Bewegung in einem Zeitpunkt. zu dem ihr große gcsamtjüdische. Ausgaben obliegen,, von jedem Juden nur Lies bedauert werden kann. Air hoffen immer noch, daß das letzte Wort nicht gesprochen ist. Vielleicht wird der innere Wider-' stand, gegen die Spaltung, der sich seit langem in den eigenen Reihen der Revisionisten bemerkbar macht und dort u. a. zu der Absplitterung der lohal in der zionistischen Organisation verbliedenen Judenstaatspartei führte, die Führung schließlich doch noch auf ihre Verantwortung Hinweisen. Sonst freilich werden die Folgen nicht! nur des Kräftezerfalls an sich, sondern vor allem des ungehcmrnten Einflusses einer autonomen, extrem nationalsozialistischen, machtpolitischen Bewegung, als welche der 'Revisionismus anznsehen ist, unabsehbar verhängnisvoll sein. Di-. E. R.-.J. As MMrlabrkMsfLW (n BMtkNl Tie unter Leitung von Medizinalrat D-r. Fritz Noack neugefchafsene GesundheitSabteilnug des jüdischen Natümakrats (Waad Lcumi) hat umfassende Maßnahmen zur Malarrabekämpsung in den ländlichen Siedlungen cingeleitet. Aus drei Gründen befürchtet man für diesen Sommer eine erhöhte Malariagefahr. Die außergewöhnlichen Rcgensällc dieses Winters haben der Anophelesfliege, der Verbreiterin des Malariabazillus, verinehrte Brutplätze gegeben. Ter starke Zuzug von Hauraniern (arabische Wanderarbeiter aus Transjordanien) vermehrte die Zahl der Bazillenträger, die große Einwanderung aus Europa vergrößerte die Zahl der ansallsber'eiien Bevölkerung: Der Waad Leumi erklärt, daß man durch geeignete Maßnahmen die Gefahr sehr wohl bannen könne.' Aber er beklagt sich bitter über ungenügende Unterstützung durch die Negierung. Obwohl der Higtz Eoininissioncr großes Interesse an dieser ffrctfr bekundet hat. haben die Nachgeordneten cnglittV Instanzen weniger getail als der Waad Leumi. namentlich im Hinblick aus die Erfahrungen der jüngsten Epidemie in Ceylon, für nötig hält. Bei der Krankenkasse wurden 1934 viermal soviel neue Malariasälle behandelt, wie im Vorjahr, nämlich rund 2200. Ticse Steigerung erklärt sich freilich zum guten Teil daraus, daß die Bevölkerung iu diesem Jahre stark gestiegen ist. und daß sich darüber hinaus der Anteil der Krankenkassenmitglieder an der Bevölkerung infolge der anhaltenden Bcrufsumschichtung wesentlich erhöht hat. Dutzend kleiner Gedichte unter dem Titel: .Kitty. närrische Worte von Heinrich Heine. -- noch näcrtlcliere Musik von Ferdinand Hiller. — geschrieben im Jahre 1834.*" In Paris wurde auch der Frcmudschastsbiind mit Felix 'Mendelssohn befestigt. Schon als Knaben hatten sich die beiden in Hillers Vaterhaus in Frankfurt kennengelernt. unter hohen Gesprächeil. sehr viel Musizieren verlebten nun die beiden Gleichgestimmten eine frohe, anregende Zeit, die auch später in einem reichen Briefwechsel nicht vergessen Aber das Elternhaus ries den Sohn. Nach siebenjährigem Aufenthalt in Pari? lehrte er nach Frankfurt zurück und übernahm die Leitung des berühmten Cäcilienvereins. Dann zog er nach Italien, kam aber zur Uraufführung seines Oratoriums ..Die Zerstörung Jerusalems" nach Leipzig und erlebte hier den ersten unbestritten großen Erfolg als Komponist. Nach nochmaliger. Jtalienfahrt wirkte er am Gewandhaus in Leipzig als Stellvertreter Mendelssohns, dann richtete er in Dresden regelmäßige Abonnementskonzerte ein. Hier verkehrte er viel mit Robert Schumann und durfte manch schöne persönliche Erinnerung an den viel zu früh Dahingegangenen. mit dem. er sich sogar duzte, in sein weiteres Leben mitnehmen. Schumann hat in seinen musikalischen Schriften dem dort ihm hochgeschätzten Hiller unö seinem kompositorischen Schaffen' eingehende Betrachtungen gewidmet. Auch mit Richard Wagner trat. Hiller in Dresden in freundschaftlichen Verkehr. Wagner ging Hiller um ein Darlehen an und dieser hat dem Dichterkomponisten seine materielle Hilfe nicht versagt. Im Februar 1847 schrieb Wagner an Hiller über eine Beethoven-Aufsührung: „Nun mache ich Ihnen aber noch mein Kompliment wegen der .Ruinen von Athen'. Die Ausführung war vortrefflich und die Wir- . kung des Ganzen aus mich eine'totale, wie ich sie immer einzig beanspruche und daher selten erhalte." Uebrigcns empfahl Wagner, der damals die Dresdener Liedertafel dirigierte, Hiller als seinen Nachfolger. Hiller wurde dann als Mnsildireltor nach Düsseldorf berufen. td-'w kam er als Leiter der bekannten Gürzenich-Kwnzerte. der großen niederrhcinischeu Musikseste und de? von ihm eingerichteten Konservatorium? nach Köln. Hier hat er bis kurz vor seinem Tode werbend und fördernd der deutschen Kunst treu gedient. Schüler wie Mar Bruch und Fried-- rich Gernsheim herangebildet, denl Publikum die Bekanntschaft mit Bcrlioz vermittelt. Gin. bedeutende? zeitgenössische? Mnsiklerikon er-, kennt seine Verdienste mit folgenden Worten an: „Diese Stadt hat es fast ausschließlich ihm zu danken, daß sic in musikalischen Dingen mitgerechnet wird. Die dortigen großen Gürzenich- Konzerte haben unter seiner Leitung, durch seine gediegenen Programme und durch sein vortrefflich eingeübtes Orchester, im Konzertwesen der musikalischen Welt eine bcachtens- . werte Stellung erlangt und sind oft genug Stütze und Grundsäule für hervorragende. Taten junger Talente gewesen." 1885 ist Ferdinand Hiller gestorben. Unter seinen literarischen Arbeiten findet sich ein lYCiiil'Icton von bezauberndem Reiz: ..Bestiche im Jenseits": der alternde Musiker schildert darin einen Wachtraum, der ihm die Vorstellung vorgankelt. ins Elysium hinaufzuschweben, um die vertrauten Freunde der Jünglingsuird Mannesjahre uueder einmal sehen und sprechen zu können; eine himmlische Reportage, in der wir die Nteister Spohr, Heine, Mendelssohn. Chopin. Schadow. Börne. Schumann. Lenau. Wellini. Grillparzer. Derlioz, Eckermann, Goethe.' Cherubim. Rossini. Offenbach. Beethoven wie einen Reigen seliger Geister in Ruhe und heller Verklärung vorbeischreiten sehen, sie alle persönliche Freunde und Bekannte unseres Hiller. Hier aber haben wir zu fragest: Was zog sie zu diesem Manne, was machte sie ihm gegenüber so mitteilsam und beredt? Spürten sie Kongeniales? Hiller war seinen Freunden nicht ebenbürtig, wohl aber ihrer Freundsäiaft wert und würdig. Er lvar kein Rcvottltionär in der Kunst tote sie und im geselligen Kreise kaum je der führende Kopf': aber er besaß in hohem Maße die Kunst de? Zuhörens. Dem Menschen Hiller enispriaht sein Werk. Seine Musik repräsentiert den Zeitstil, aber sie gelangt kaum über ihn hinatis. sie überwindet ihn nicht. Hiller hat von der Vergangenheit viel gelernt, er hat von ihr genommen, angenommen, der Zukunft konnte er wenig geben. 'Für Richard Wagner hatte er kein Verständnis, weder für seine theoretischen Grundlegungen, nod] für die .Klangseligkeiten der immer üppiger emporblühenden Ehromaiik. Dagegen sind die Kräfte der Tradition stark iir ihm lebendig und (leoen den Kindern seiner Attlse ihre Klarheit, den' Zug znm ,Formvollendeten, zic einer in Grenzen bleibenden gesunden Virtuosität, zur melodischen Einfachheit und Svmmetrie. Die Schassenssrende Hiller? war erstaunlich groß, er hat etwa 200 mit Opuszahlen versehene Werke hinterlassen, darunter 6 Opern, 20 Oratorien, Kantaten. Sinfonien, Ouvertüren. Kammermusik für jegliche Bcsetzung. . ,$cr Anteil altbiblischer Text- Vorwürfe ist beträchtlich. Genannt, seien dw Kantaten „Israels Siegesgesang" und ..Rebekka", die Psalnren „An den Wassern Babvlon? und „Aus - der Tiefe",, der 93. Psalm, die Oratorien „Saul" und Die Zerstörung Jerusalem?". Ist Hiller? Opus heute noch lebensfähig? Gin Teil sicherlich. Tro sehr große Zahl schnell hingcworfener GelegenhertskomposiLionen zwar ist ohne ^.rese, Sorgfalt und Originalität, aber einige der großen Werke, an deren Ausarbeitung Mer mtt -gesammelter Kraft ging, wird man immer wieder einmal mit Erfolg hervorholen dürfen. 6 So wird Hiller in diesen Tagen durch eine Ausführung der „Zerstörung Jerin sateins" anläßlich seine? 50. Todestage? in Berlin geehrt. Es ist bezeichnend und von fast shmbvlhaster Bedeutung, daß Hiller dieses^ Opus Felix Mendelssohn gewidmet hat. seinem Schutzpatron und Vorbild in allen musikstilistischen Dingen. In seinen literarischen Arbeiten, in denen er ^ästhetische Ansichten vorträgt oder Begeb^ nisse und Begegnungen seines Leben? erzählt, ist Hiller der Manir der behaglichen Breite, der gemütvollen Anekdote, de? heiteren Bonmots. Gar keinen Sinn hat dieser Stil für der: scharf zugespitzten Witz, für das schlagend Pointierte. Stärker als im nrusikalischen Werk ist hier der Pulsschtag de? Juden Hiller zu spüren. Er war zwar au? der jüdischen Gemeinschaft ansgeschiedcn. rvar aber nicht getan ft und hat aus seiner Abstammung niemals ein Hehl gemacht. „Ich war nie bescheiden genrig. um zu verheimlicherr. daß ich einem der 'ältesterr Geschlechter der Erde angchöre". schreibt er. als ihn bei der Einreise in Wien. ein Beamter nach seiner Religion fragt. Bezeichnenderweise bäumt sich der Stolz dieser ganz im deutschen Geistesleben verwurzelten Natur' besonders dann aus, wenn den Inden da? tief eindrinbende Verständnis für deutsches Wesen abgejprochen wird, wie bei den Angriffen ans seinen Freund Berthold Auerbach, den schwäbischen Heimatdichter. Hier wird Hiller zwn leidenschaftlichen Verteidiger der ' jüdischen Sache, hier spricht er über jüdische Musiker und Musik Erkenntnisse aus, die heute noch gültig sind. Ter hochbedeutenden Sammlung synagogccker Gesänge „Baal t'FillnhF dre der Kantor Baer herarrsgegeben hatte, hat er eine interessante Studie gewidmet: dre herrlichen Worte, die er für Mvse^ Alendelssohn fand, legen Zeugnis ab yon den geheimen, aber innerlich starken Bindungen, dre diesen deutschen Musiker an den Glauben der Väter gekettet haben. Ludwig AUmaiin