Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 16 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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01 Mri/p£' / Bloemerrdoal, 9. April 193-3. bei \yx<iu v. Suchtelen. erbettelt, b’.ip eine hauswirischafrlichL' Kommission 5tcu vicarnnbci, eine ocutralfreüc für ehrenamtliche [oktale Arbeit geschaffen worden ist, und daß die Gruppe berufstätiger Frauen jetzt auch kaufrnännifche Angefiellte in größerer Zahl heranziehen null. stlm die vermehrte Arbeit des Frauenbundes bester bewältigen zu können, wurde der Vorstand durch Hinzuwahl von Tr. Käthe Ni ende und Tr. Ncamlock ergänzt. Am Schluß der Versammlung hielt Professor Tr. Eora berliner einen aufschlußreichen Vortrag über die Reichsvertretuug der deutschen .Juden. ' Dr. X. M. Lina Morgenstern Aachsleheude Au'irdiguug der bekannten Berliner Jüdin Lina Aiorgeustern entnehmen Nur einem Aufsaß „Vitia Morgenstern — ein GedenE i laft" non Bertl'.a E i tu er in der „Frauenpost", Nc'chrndleii ans den Inlecesjengebieteu der Frau. Fcniih-Vcrlag. llstriin-Steglitz, Ar. 3 Uom 24. Februar. Jahrgang l'. „Nalwzu alle sozialen Einrichtungen, welche Viua Morgenstern erdachte und ansbaute, sind heute von der Siadt Berlin verwaltete und zeitgemäß mugestaltete Organisationen geworden. Gine Frau uild einige Mitarbeiterinnen haben vorausgesehen. was Zlvei. sa drei Generationen zugute kommen sollte-. naum ist der Name Lina A-'argen Ilern heute uoeh geuauut. aber ihre -Werke. die sie iit imermüdlicher Hilfe für ihre Lllül-genossen begründete. die leben, und denen müssen wir noch' heute u.usere unbegrenzte Hochocütinig zuspreä,en . . . Lina Aiorgensiern weihte das volle Maß ikirer ^Arbeit dell Gründungen zum 2lloh!e der Hilssvcdüriligen, der -üraukeii und Armen, vor allein den Frauen und hindern des Volkes, ^chon als A'chizetiiijährige gründete Lina Bauer in Breslau den „Pseimigoerein" zur Unterstüßuug armer Belnissiuder. R'act) iiner lßerlieiratliug lebte Lina B-lorgensteru in Berlin, und dort begann sie ihre großzügige soziale Tätigkeit. Fm Jahre!333 begründete 'sie den Franeuverein zur Förderung der Fröbelscheu .Kindergärten, dessen Vorsitz sie lange Fahre führte. — Tie Einrichtung der „Voltsliielieu" in Berlin im Fahre Ido-«',, diese für die Arbeiter und den Mittelstand überaus praktische Gründung, wurde allgemein anerkannt und machte Lina Biorgenstern zu einer populären Personliehkeit. — Fm Fahre 1330 gründete Lina Morgenstern den ..Kinderschutzverein" und die „Akademie für wissenschafUnhe Fortbildung sunger Mädthen", eine Auüali, die unter dein ütamen „Lhceum" überall Rachahmnng fand. Es folgten die Gründungen des ersten „Arbeiterinnen- Vereins", der ersten „Krankenkasse". der „Fortlnlduiigslurse sür Arveiierinnen". des „Berliner Han-.granenvereinS mit Kaclisckiule", der „Prämienkasse für brave Tieuftboteit", des „Vereins zur 9,'ettung und Erziehung strafentlaffener stRadchen". Als in den Kriegsfahren 1379/71 die durch Berlin transportierten Truppen, die Verwundeten und Gefangenen Hilfe forderten, war Lina MorgerNtern eine der" ersten deutschen Frauen, welche unter Mühen und Opfern das Liebeswerk organisierte und leitete. Fm Fahre 1374 - begründete Lina Morgenstern die „Tentsche Hansfrauenzeitung". „Illustrierte Wochenschrift sür alle Franeiiinteresseu sür Familie und Volkswohl". Btit den: Titel dieser Fettung war zugleich das Arheitsprogramm der Herausgeberin skizziert. Durch die Bettung konnte den deutschen Frauen Rat m>d Hilfe vermittelt lverden. praktische Erfahrungen uuirdeu veröfseutlicht. für Belehrung und Erziehung war ein breiter Raum gesehaffen. skber amh eigene Büeher und Tchrisien widmete Lina Morgenstern den Frauen, der Fugend und den Kindern: „loO Geschichten für die Kinderwelt". „TaS Parodie? der Kindheit". „Glaube. Andacht uub Pslieht". „Fehn goldue Leitworte für Mädchen im Hausdienst", „Praktische Studien über Hauswirtschaft", „Frauenarbeit in Deutschland" und ihr Hauptwerk „Tie -Frauen des 19. Jahrhunderts". Zugleich mit diesem hier nur angedeuteten Arbeitsgebiet war Lina Morgenstern selbst eine fleißige, praktische Hausfrau, eine treue Mutter, nie fünf eigene Kinder aufgezogen hat. Fn der Erziehung ihrer Kinder haben sich die Grundsätze auss beste beivährt. die bestimmend waren kür Lina Morgensterns Leben und Werk. So lebte Lina Morgenstern in ernster, aufreibender Arbeit iur Dienste für da? Bvlkswohl, rastlos fdjarfcnb für ihre Mitmenschen ..." Jüdischer Kinderschutz Aus dein Jahresbericht der „Zentrale für indische Pflegestellen-- und Adoptionsvermittlung. Kinder- und Bluttersehuß des jüdischen Frauenbundes c. V." in Elberfeld geht u. a. hervor, daß fiel? im Large bei Jahres 1934 die Struktur der (Äternmeldungen verschoben hat. Deutsche jüdische Eltern fanden wieder den Mut, ein Kind als eigen anzrinehmen. Wo erne Kindesannahme zu erreichen war. geschah e? durch Eltern in Deutschland. Fm Pflegestellenwesen konnte wiederum ein lleüerangebot sesigestellt iverdem Große Sorgen verursachten die Kinder, die bisher bei ihren treuforgenden christlichen Pflegeeltern verblieben waren iinbjum in jüdische Umgebung verpflanzt werden mußten. Auch die Meldung nichtarischer Kinder und die Betreuung solcher, die heute noch in christlicher Pflege sind, da cs sich um getaufte nichtarische Kinder jüdischer Mütter handelt, stellten die Zentrale vor besonders schwierige Probleme. Die Ueberivachung der Adoptiveltern, die mehr beim je aus das Halten religiöser Bräuche und aiif die Wichtigkeit positiv jüdischer Erziehung hrnzuweisen waren, die Beschaffung von Lehrstellen sür die Schützlinge der Zentrale, die Benennung unehelicher jüdischer Knaben, seien nur als Beispiele für die vielfältige Arbeit der Organisation ge- Mit besonderem Intereste wird man einer Arbeit von Dr. Käthe Mendo entgegensehen dürfen, dis im Auftrag de? Frauenbundes und mit Unterstützung der .Zentrale für jüdische Pflegestellcn usw." Erhebungen über das „Vorkommen und Schicksal jüdischer Unehelicher in Deutschland" an- Mt. Liebe Mutter. waS wirst Tu denken, wenn Du diese neue Adresse liest? Aber iä) bin ja selber wie im Traum. Du sollst alles genau hören, und das Herz wird Dir aufgehen, weil ich es so gut habe! Ich schrieb Dir zuletzt vor eßoa zwölf Tagen -- da klang mein Brief sicherlich recht mutlos. Mein Gelb war zu Ende; eine Möglichleit. etwas zu verdienen, hatte ich nicht gefunden, und Onkel Io sh machte ein sehr bedrücktes Gesicht, wenn ich abends ohne Erfolg heimkam. Er hat selber schiver zu kämpfen, nin sich und die Seinen durä^ubringen. Aianchmal schien mir, daß ich Unrecht tat. zu ihin zu reisen und bei ihm zu wol,nen und zu essen! Er hat gar nidn das Recht, für einen Reffen soviel zu tun. Aber das ist seht alles überholt.- An jenem Abend ging ieh ziemlich verzweifelt allein durch die Straßen. Ich schrieb Dir schon, daß die portugiesische Synagoge mich so sehr anzog, und daß mir in dein immt'erfar zauberischen Raum, im Glanze der vielen hundert Kerzen immer so ruhevoll und zuversichilich zumute wurde. Es stört mich nicht, daß dort andere Gebräuche sind als bei nuserin Gotlesdieust. Ans die Andacht kommt es an. hat Vater immer gesagt —- daran muß ich hier so oft denken. Und anbäcliiig hu tiefsten Sinne macht urich diese Synagoge. Das großartige Hellduukel gab mir sofort wieder den Frieden, der unr so .not tat. Ein Knabenchor sang. Ich saß lange aus einem Bänkchen allein und empfand lmld die Beglückung, die mir nur aus der Musil kommt. Als ich nüeber ins Freie trat, empfing mich die seltsam versponnene Dämmerung der holländischen Siadt. Die schn>arzen Wasser der Grachten spiegelten geheimnisvoll die Lichter der Kanalftraße wieder — ich empfand alles als Melodie. Mutter! Der Aufenthalt hier ist ja troß der bitteren Trennung , von Dir und von der Heimat eine Quelle ungeahnter Herrlichkeiteu. Diese Landschaft singt sür mich ganz neue Tonsolgen — Tu weißt, Mutter, wie stark die optischen Eindrücke sich für mich in niusikalische nmsebten. Neulich habe ieh eine Wiese gesehen, eine Mühle, zivei sel)warze Kühe, einen Wassecsireis — darüber einen Abendnebel, der alles unwirklich ruachte. Fch kain nach Hanse, Onkel Fosg hat mir die Kammer von Eousine Leedse eingeräumt, so daß ich allein sein kann — sofort schrieb ich (als wenn mir jemand diktierte) ein Lied aus. Du wirst es gern haben, es ist-ganz einfach, kl-moll, und der Tert-aber Mutter, id) will Dir ja das Herrliche. Wichtigste. Neue berichten und sehe eben mit Schrecken, daß ich noch gar nicht angesangen habe, von Frau Suchtelen zu sprechen. Also. Mutter — als ich an dem Abend so langsanr über den Tamm schleuderte — es war der 29. März, ich will dieses Datum nie vergessen — fuhr ein Auto vorüber, aber ich ack)tete gar nicht daraus, weil ich die N,elodie des mir ganz fremden Ehorgefangs suchte. Dos Vorderrad streifte mich, und ich stürzte — aber mir ist gar nichts geschehen. t»tutter! Fch war nur ein bißckpm benommen, und ich kam erst zu mir. als ich schon in dem Wagen saß. Fron von Suchtelen nahm mich in ihr Haus mit, denn ich habe absolut nichts sagen können, uw ich wohne. Fch murmelte immer: „Berlin. Lüßmvstraße 47"-verrückt, nicht wahr? Meine Amsterdaiuer Adresse war mir völlig entfallen- Dagegen fielen mir die ersten Töne des hebräischen Gesanges ein. und die soll ich laut und sehr zufrieden vor mich hin gesumnrt haben. -Ach. Mutter — ich kann nicht der Reihe nach berichten! Ich siße hier in einer Märchenvilla, die steht in Bloemeiidaal. das ist em wunderbar gepflegter reicher Brlleuort in der Nähe von Zaaudvoort. Ich habe einen herrlichen Flügel zur Verfügung. meine Fenster gehen aus einen paradiesischen Blumengarten-es ist alles unwahrscheinlich. und das Beste weißt Du noch immer nicht. Frai^ v. S. ist eine sehr reiche Frau. Witioe und hat keine Kinder. Sie singt — das 'ift ihre Leidenschaft. Noch nie bin ich jemanden begegnet, der so von Musik besessen ist wie sie. Ich begleite sie viele Stunden am Tage, und manchmal wird es 2 Uhr nachts, und wir sitzen noch immer am Flügel. Sie ist 35 Jahre, weißhaarig und zart, aber ihre Stimme, ein sehr tiefer Alt. ist unbegreiflich jung! Ihr absolutes Tonbewußisein, ihre Küusilerschaft. ihre lebendige, ivarmherzige Art sind Aiiureißend. llud diese prachtvolle Frau hat mich hierbehalten. lOadicr-sie sorgt für mich, sie will mich weiter ausbilden lasten und behauptet, ich müßte es unbedingt aunehmen. Sie ist Jüdin. Als sie erfuhr. daß ich daheim keine Möglichkeiten mehr zum Studiunü hatte, da hat sie lange geschwiegen und nachgedacht. An diesem Abend wurde nicht mehr musiziert. Sie begreift sehr genau, waS Tu für mich bist. Mutter — und daß wir beide für die Musik jede? Opfer bringen wollten. Nun hat sie den Onkel hergobeten; ihr Herzenstakt ist so groß, daß der alte Mann sofort'seine Befangenheit verlor. Heute früh hat sie ihn wieder mit dem Wagen herholen lassen, weil ihr nachts ein neuer Einfall gekommen - ist. Ich wurde hcrcingeruscn. llllutter, und da hat sie nur gesagt, daß sie mich adoptieren möchte. Sie ist ein JmpulSmcnsch. sic urcint.- daß ich als ■ Erich von Suchtelen und als Holländer hier wunderbare Möglichkeiten haben würde. Heute abend sind 50 Gäste zum Tiner geladen. 'Noch Tisch soll ich spielen, zuerst Beethoven, die III. Sonate — Tu weißt meine Liebe, und dann soll ich phantasierew Mutter — ich bin ganz betäubt von dem allem es ist alZ ob sich ein Full- Horn, über unch auvschüttet. Onkel Iosy wird Tir ausführlich benchten. Was denkst Tu nur von alledem? Nun wirst Tn also eine große Sorge loS fein, meine gute Mutter! Von Alice S t ein-Land es man n Fch aber werde lernen, lernen, lernen -! Ich hoffe, eines Tages wirst Tu sehr stolz sein können ans Deinen Dich küssmiKn, grüßeiiden ^ohn Erich. Berlin, 13. April 33. Acein geliebter Junge! Drei Tage habe ich Deinen Brief unbeantwortet gelassen. Ich mußte erst ruhiger werden. Tein lleberschwang ist mir nur zu verständlich — cs ist ja wirklich wie ein Wunder und eine Gnade, inmitten all meiner Sorgen um Dich! Inzwischen kam auch Onkel Ioshs 2>erickst: er schreibt mir hauptsächlich über die materielle Seite der Angelegenheit. lieber den gediegenen Reichtum der -Familie und über ihren ausgezeichneten lllameu. Daß sich ein wertvoller Ntenfch findet, der Dir helfen will und auch kann, ist ein unermeßliches Glück, mein Erich! Ich bleibe Deine Mutter, gewiß. Aber selbst wenn ich Bedenken hätte, so müßten sie schweigen. Du bist außerdem alt genug, um selber über Dich zu bestimrnen. Die Zeit hat Dich reifer geinacht, als man es sonst mit 18 Fahren ist. Du weißt, daß ich nicht längerim Stande war. für Deine Ausbildung zu sorgen — von den Schwierigkeiten auf der Hochschule abgesehen. Sonst hätte ich Dich niemals ins Ausland geschickt — denn Du fehlst mir wie die Sonne, mehr Herzeusjunge. Laß mich wissen, was für Papiere Du brauchst und welche Formalitäten nötig sind. Ich wollte Frau Suchtelen schreiben, dreimal habe ich's versucht, aber ich kann den Ton nicht finden. Gott verzeihe mir — ich müßte dieser Frau so tief dankbar sein, und ich bin cs auch. Erich! Glaube mir. mein Kind — ich bin es aus ehrlichstem Herzen! Aber trotzdem mußt Du mir Zeit lassen. Es ist nickst leicht, zu denken, daß mein Sohn nun Erich von Suchtelen heißen und ein Holländer sciu soll. •— Vater hat sein ganzes Glück in Dir gesehen — er hätte gewiß die Größe gehalst. Deine Handlungsweise richtig zu finden. Ich bin eine Frau — ich kann nicht nur mit dem Verstand antworten. Onkel Iosy schreibt, daß Ihr oft ans Meer fahrt. Ist es auch riclstig für Dich, bei diesem stürmischen Weiter zu segeln? Frau Suchtelen weiß nicht, wie sehr Tu zu Halsentzündungeir neigst! Ich umarme Dich zärtlichst, mein Junge! Mutter. v Amsterdam, Mmassiraat 8. 13. April 33. Liebste Mutter! Tein Brief kommt eben erst in meine Hände, weil er mir von Bloemendaal nochgesandt wurde. Fch wohne seit zwei Tagen in Amstcrdcun. Ich habe ein nettes Zimmer mit Klavier, und die Wirtin sorgt gut für mich; es ist nicht teuer und sehr sauber. — Ich bin ans der Villa ausgezogen, weil ich es nicht mehr richtig fand, dort zu bleiben. Frau v. S. hat es zuerst nickst eingesehen. Es rvar so: der große Gesellschaftsabeud verlies wunderbar für mich. Ich habe Harry Bictorins kennen gelernt. Erinnerst Du Dichau sein Konzert in der Philharmonie? Damals saßen wir ganz hinten aus uuuumerierteu Plätzen, und hier durfte ich ihn — wenn auch ganz improvisiert — begleiten. Frau v. S. lies; seine Geige ans dem Amsterdamer Hotel holen. — Ich lvar schon damals von ihm fasciniert. Diese Begegnung hat vieles m mir entschieden. Ich weiß nicht, ob ich cs brieflich werde erklären können. Alles ging gut, mau lobte mein Spiel und meine Auffassung. — Aictorius sagte: „Ich würde niemals hier gespielt haben, loeun ich nickst vorher Ihren Beethoven gehört hätte. So wird Beethoven nur von einem Deutschen erfaßt — Sie sind ein begnadeter Junge — gehen Sie nicht zu früh an die Oeffentlichleit! Ich warne Sie — lassen Sie sich nickst verwirren. Die meisten können cs nickst alstvarten. daß man sie hört — ich habe denselben Fehler gemacht." Mutter, ein herrlicher Mensch — so bescheiden, wie nur die ganz Großen sind. Aber vielleicht wirst Tu gar nicht begreifen, worin seine Wirkung aus mich bestand. Er sprach mehrfach mit mir im Laufe der 9tacht. (Das Fest dauerte bis 4 Uhr früh.) Einmal sagte er: „Leider bin ich international geworden. NNir fehlt jedes Heimistsgefühl — Wunderkinder sind übel dran. Selbst irn Alter verliert sich das nicht — dieses ,Zn Gast seilst. Verfluchte Angelegenheit — hüten Sie sich davor!" — Siehst Du, Mutter — das war plötzlich wie ein ,Fanfareuton. Ich wachte ans, ich meine, ich machte die Augen auf und sah mich urm Tu mußt Dir das richtig vorsielleu, Mutter. Ter Glanz dieses kultivierten Hauseshatte mich völlig betäubt. Ich begreife heute gar nicht mehr, wie ich Dir im Ernst den Plan einer Adoptierung vorlegen kormte. Vaters Name bleibt auch der meine, mrd-gerade so wenig will und werde ich Holländer u,erden. Ich denke und fühle als Deutscher, und das wird auch so Weihen. Nleinen Weg als Ntnstker werde ich trotzdem machen — mag es auch etwas länger dauern. Victorius wird mir weiterhelfen, sobald ich seine Protektivll.brauche. Vorerst unterrichten mich zwei erste Lehrer in Amsterdam — Frau v. S. honoriert sie. und dafür musiziere ichtäglich einige Stimdcn mit ihr. Ich habe diese wunderbare Frau durch meine Weigerung nicht verloren. Das wird Dich freuen. Mutter! Sie hat mir mit keinem Wort zugeredet' ich glaube, sie war enttäuscht, aber sie läßt es mich nicht fühlen. Onkel Iosy freilich ist sehr entsetzt — doch das ist gleichgültig. Heute morgen fiel mir ein neues Thema für meine Sinfonie ein: Andante in c-dur — ich bin glücklich darüber. Das Scherzo wird mir keine Titelblatt einer Amtlerdamcr Haggadah au» dem Jahre 1720: Mose» und Aaron Rni!!i!!!!!!lin!iri!!lI!!!l!llUini!!Ul!l!!!!itllI!l!l!!ili!I!Ii!l!ltIll!iI!llil)!]3 Schwierigkeiten machen, nämlich die alte Nlelodic aus der portugiesischen Synagoge hat sich seltsam verwandelt. Das sugenartige Hauptmotiv höre ich jetzt ganz in sprühende Heiterkeit getaucht'. Wahrscheinlich ist sie für niein,mden sonst erkennbar - - aber ich weiß, daß da Zusammenhänge sind — — Mutter — der Victorius hat beim Abschied zu mir gesagt: „Lebt Ihre Mutter noch?" — Und da muß er wohl einen besonderen Ausdruck in meinen "Augen gelesen haben — er nahm meine Hand und lächelte auf eine wunderbare Weise: „Grüßen Sie Ihre .Mutter von mir! Sie hat einen guten Sohn — und den wird sic behalten!" Damit ließ er mich allein. Liebe Mutter — bleibe mir, was Tu mir immer tvarst! So rvic ich immer sein werde Dein Sohn Erich- Alice Bensheimer zum Gedächtnis Am 20. März starb Alice Bensheimer in Mannheim, die Witlve des bekannten Verlegers der „Badischen Landeszeitung". In ihr ist eine der Jüdinnen hingegangen, die in den Kampsfahren um die Gleichberechtigung der Frau mit an der Spitze der deutschen Frauenbewegung ge-- standcn haben. Sie war eine treue Gehilfin van Helene Lange. Gertrud Bäumer, Cfmtm Ender und all den anderen Frauen, die in evolutionärer Entwicklung zunächst die Erschließung der Franenberuse unb erst als Krönung der Gleichberechtigung auch die staatsbürgerlichen Rechte für die Frau erstrebten. Als die letzte große General- Versammlung des Bundes Deutscher Frauenvereine 1931 in Leipzig tagte, konnte die damalige Vorsitzende Emma Ender der deutschen Jüdin Alice Bettsheirncr für ihre 23jährige Schristsührerttätigkoit danken: „Ich möchte nickst daran denken." sagte Frau Ender, „was aus dem Bunde geworden wäre, wenn Frau Bensheimer nicht in den schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren wie ein Turm unter den Führerinnen gestanden Härte. Wir danken ihr sür das große Geschenk ihrer Treue in jeder Stunde." Alice Bensheitner bewahrte die gleiche Treue gegen alle Mitarbeiter innerhalb der Frauenbewegung, mit denen sie durch ihr Schristiühreramt und als Heransgeberiu des Nachrichtenblattcs des Bultdes Deutscher Frauenvereine in engster Fühlung stand, und die sie auch bis in die letz'c Zeit hinein mit der ihr eigenen menschlichen Wärme und persönlichen Liebenswürdigkeit stets gern beriet. Dr. M. E. Jüdische Kinderpflegerin Wie bekannt, hat die Jüdische Genreinschast im ^Rahmen der B e r u f s n m s ch i ch t un g sich auch der Ausbildung von Kinderpslegerinnen gewidmet, die in Angliederung an die Haushaltung:-' schulen der Berliner Gemeinde erfolgt. Das der Kinderpflegerin verwandte Berujsgc-biet der Kindergärtnerin wird bekanntlich' durch zwei Kindergärtnerinnenseminare betreut. Alle jüdischen jungen Alädchen, die sich der Kinderpflege, also der B e t r e-u u n g des Kindes bis z u m Schulalter, zuwenden wollen, aber auch die Kindergärtuerinnou, die darüber hinaus auch in ben etftcn Schnljahren den Müttern die Sorge um das Kind einige Stunde am Tage nt'-- nehmen, seien auf eine nette, übersichtliche, kleine Schrift der jüdischen Sozialarbeiterin in Berlin. Betty Grumach, hingewieseu. die im Verlag der „Arbeitsgemeinschaft Fröbelscher Ktnderpflegerinnenschulen", Kassel, mit dem Titel: „Tie Kinderpflcgerin". Ein Beitrag zur Berufs" künde, erschienen ist. Wenn das Büchlein auch bereits vor zwei Jahren herauSgekommcn ist. w ist es für Eltern, die ihre Heranwachsenden Töchter bei der Berufswahl beraten wollen, ein aktueller und nützlicher Führer, für die berufsentschlossenen jungen Mädchen eine wichtige O r i e n t i e r u n g s a u e l l e Da das Bückflein sehr billig ist, wird es auch in jüdischen Kreisen, wo für viele Eltern und Töchter die' Verufsfrage große Sorge macht, Beachtung und Verbreitung finden. - Dr. E. B*.