Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 16 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 3. Beiblatt 17. April 1935 UiÄfej §r. MS Mch Franz Rosenzweig war für das deutsche Judentum — und noch ein gutes Stück darliber hinaus — noch als Lebender zur Legende geworden. Sein „Stern der Erlösung" ist ein berühmtes und wenig gelesenes Buch. Kaum hatten seine kurzen Broschüren angefanqen, die Jugend auszurütteln. eben erst war er als Begründer des Frankfurter Lehrhauses ins volle Licht getreten, da siel ihn jene fürchterlich fortschreitende Krankheit an. die nach und nach zur körperlichen Lähmung führte. Man vernahm noch die - Stimme, in den Uebcrtragungcu aus Iehuda Halevis Hymnen, iit dem großen Wurf der zusammen mit Martin Buber begonnenen Bibelübersetzung, aber die Werke selbst mutzten erst eine Aura des Geheimnisvollen. Esoterischen durchstoßen: die Stimme schien fast körperlos, wie entrückt. Seine Person war zur Legende geworden. Plötzlich ist er setzt selbst da. in ganzer Wirklichkeit; nicht in „Zeugnissen", mögen sie auch noch so „authentisch" sein, sondern e r selbst. Franz Roscuzwerg. „Ich werde erst posthum meinen Mund ganz austuu". steht irgendwo in den Briefen, die. von Edith Rosenzweig mit Ernst Sunons Unterstützung hcrausgegebcn, in diesen Tagen imS ch o ck e nverlag erscheinen. Dieses „den Mund auftun" ist nicht im mindesten übertrieben: denn diese Briefe sind nicht geschrieben, sie sind gesprochen, so laut und deutlich und herzhaft, daß man laut darauf anüvortet und erst an der eigenen Stimme merkt, nicht gehört. nur gelesen zu haben. Das wiederholt sich immer wieder, denn es ist von Gott und der Welt die Rede. Bon sehr viel „Welt" in allen Arten, geistig, künstlerisch, praktisch: und von Gott wird auch gesprochen, nicht viel anders übrigens als etwa vom Isenheimer Aüar. Oder doch, ganz anders sogar, noch viel einfacher nämlich, als von' einer erfahrenen und erfahrbaren Wirklichkeit. von etwas, das es gibt und das man ansprechen kann, als Jude ausprechen kauu — also /ebenfalls völlig ..uutheologisch", ohne „Schmelz" und ohne Schmalz und ebenso ohne künstliche Naivität, sondern mit dem vollen wissenschaftlichen BcUmtztscin eines europäischen Gelehrten, der ein dickes Buch über „Hegel und der Staat" geschrieben hat. Man mutz diesem Ton glauben, was er sagt. Es wäre aber weit gefehlt, irgendwelche Mvstik zu erwarten. Es erscheint ein Borkriegsstndeut ans gutbürgerlichem Haus. der Ski fahrt, vor einem Givrgiouc-Bild oder von Bachscher Musik tiefe Eindrücke hat und sic sehr lebendig zu schildern weiß, jung, strahlend begabt und von einer frischen geistigen Tapferkeit, wenn er vor Kants Philosophie .,gar nicht mehr fragt, ob meine alten Gedarckensamilieu es in seiner Nähe auch aushalteu", sondern „rücksichtslos dicht au ihn rau" geht. und wenn er sic alle auffrißt, kauu ich's nicht ändern". Dieses energische Zupackcn. dieses Zueudedenken ohne Rücksicht auf die Folgen ist der Grundzug seines Wesens; an einer denkwürdigen Stelle grenzt er sich später einmal darin gegen seinen Lehrer Cohen ab. Aber diese harte Entschiedenheit. die an den jungen Lcssing erinnert. ergänzt ein Heller ritterlicher Klang in seinem Wesen: „Wenn der Jude. . . angegriffen wird, dann hat er die Tora nicht als Schild vor sich zu halten, sondern er gehört vor die Tora. Nicht die Juden sollen erhalten bleiben, sondern das Judentum." Das ist ein ganz neuer Tvp des deutschen Inden: nicht vergrübelt, nirgends in der Entwicklung gcheunnt, — das ganze Wesen ist frei ausgebildet, alles hat Form und wird ihm .zur Form, so objektiv, datz er sich früh richtig auch von außen sehen lernt. Er studiert 1905 bis 1912, hauptsächlich in München, Freiburg und Berlin, zuerst Medizin, später Geschichte und Philosophie. Der geistige Horizont weitet sich immer mehr, aber die innere Entwicklung vollzieht sich nicht eigentlich an den Universitäten, nicht einmal in der Auseinandersetzung mit ihnen: das „Beziehungsspstem" des jungen. Studenten ist vielmehr ein Kreis älterer und gleichaltcriger Freunde, die fast alle der eigenen weiteren Familie angehören und auch in ihrem Streben mit dem feinen verwandt sind. So ist ihm früh das „wir" geläufiger als das „ich". Bon hier geht aber auch (1913) der erste schwere Kampf aus. den er in sich zu bestehen hat: mit und gegen das - Christentum, das innerstes Anliegen . der Freunde, ist. Erst ans der Intensität dieser leidenschaftlich erlebten Auseinandersetzung erwächst die Intensität von Rosenzwcigs eigener Rückwendung zum Judentum (nicht der Anstoß dazu; der liegt, wie cs scheint, schon in frühen Jugendzahren und, eher gegen die Stimmung des Elternhauses, int Einfluß eines Onkels).' Nach der Promotion geht Franz Rosenzweig au die Berliner „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" zu Hermann Cohen, der seine Marburgcr Professur aufgegeben hat. um int Alter jüdische Wissenschaft zu treiben. Cohen und später der Frankfurter Rabbiner Nobel sind seine jüdischen Lehrer gewesen, beide verehrt, aber beileibe nicht kritiklos verehrt (der Band enthält beißende und amüsante Proben, wie sehr er tiefe Verehrung mit schärfster Kritik zu verbinden wußte). Aber er gibt über der Beschäftigung mit dem Judentum weder seine deutsche Wissenschaft preis noch seine Freundschaften mit all ihrer Spannung: ein Briefwechsel mit Eugen Rosenstock aus dem Feld, von einer 'rumänischen Ftakstativn zur Somme, ficht nochmals den Kampf nur die eigene jüdische Position gegen die christliche mit der äußersten .Schärfe und mit gelehrtem Rüstzeug ans; es war sehr richtig, dies „Duell" geschlossen im Anhang zu bringen. Auch innerhalb der Familie selbst wird Franz Rosen- Zweigs Weg durchaus nicht vorbehaltlos anerkannt — in dem Zwang, sich zu erklären, klärt er sich und behält, durch diese Aus- , eiuaudersetzuug gewappnet, jene volle Natürlichkeit. die sein Wirken in der jüdischen Oefsentlichkeit anszeichnct: ohne jeden Anspruch einer „Mission" doch entschieden und damit gerade seiner eigenen Gruppe gegenüber immer unabhängig 311 sein. Pessach 1917 ist er in Uesküb: ein scphardischer Junge, mit dem er sich (Kindersreund. der er ist) angcfreundet hat. fragt ihn ans. ivas er eigentlich sei. Ans die Auskunft. Rosenzweig sei Historiker. fragt er weiter. ob er nur „pour les Israelites“ Bücher schreibe? „Warum tust du nicht alles für die Juden?" — „Ta war guter Rat teuer. Das Kind guckte mich so kategorisch an. daß ich mir vorkam, als ob das Volk sellier mich verhörte" . . . Das Manuskript zum „Stern der Erlösung" schickt er aus Feldpvstkarten nach Hanse, geschrieben „bei dauernder Unterhaltung mit Kameraden und Vorgesetzten" — „was der Rosenzweig für eine Korrespondenz hat!"— ernennt es „das erste unfanatische jüdische Buch, das mir bekannt ist, nämlich jüdisch und doch unsanatisch, unsanatisch und doch jüdisch". Dem „Stern" ist jenes heldische Motto aus dem 45. Psalm vorangestcllt, das Cohen dem Lieblingsschüler mitgab; sein Ende aber weist — ins Leben. Und Rosenzweig selbst zieht sich nach dem Krieg nicht in die Gelehrtenstnbe zurück, sondern geht den gleichen Weg. Das neue Denken, das er vertritt, bleibt nicht ohne Wirkung; aber seine Art. ein jüdisches Leben zu führen, wirkt noch stärker: er macht den Begriff deutschen Judentums nicht nur sagbar, sondern, über das Haus und das Lehrhaus, leb bar — wir alle leben heute von ihm. Tenn Leben.kann mit Begriffen erst in zweiter Linie etwas anfangcn. es will vorgelebt werden. Und auch hier ist er gleichzeitig genau und jedem Schema, jedem -lsmus ein geschworener Gegner. Er halt das Gesetz und warnt vor dem „Saltomortale ins Gesetz", ins Ghetto: er ist deutscher Jude („Mein Deutschtum wäre doch genau, was es ist. auch wenn es kein Deutsches Reich mehr gäbe. Sprache ist doch mehr als „Blut" . .. 1929) und läßt sich die beiden Seiten feines Wesens nicht begrifflich auscinanderrcißen, aber er setzt sich energisch für den Ausbau Palästinas ein. So wächst er, durchaus wcltklug, aber entschieden und ohne Kompromiß, über alle Parteien und Gruppen hinaus. Alan sollte denken, das; die Krankheit nicht ohne Spicren auf die Briefe geblieben wäre. Doch es gibt da keinen Bruch, keine Vcrbitterung — kaum ein Teil des Bllchcs ist so voll der feinsten Scherze wie der letzte. Die Briefe an Buber gehören zu dem Zarte stell, was je au einen Freund geschrieben wordeil ist. und am nleisten da. wo sie ilichts als sachlich sind. In den letzten Monaten noch setzt Rosenzweig anscinallder. wie er seinen Arzt in diesen. Jahren behandelt hat. um ihm die Illusion zli lassen, er selbst wisse nicht genau über seinen Zustand Bescheid . . . Nur ganz selten, und dann um so erschütternder, zeigt er dies Wipen. wie in dem Brief an Leo Bacck. nlit dem er die angebotene (und immer gchcimgehaltclie) Rabbincrlvürdc anilimlilt: ..Mein kleiner Junge, der soll einmal mit diesem Vatersnamen ausgerusen werden und so hören, datz mein Vater, der sein Lehrer nicht mehr sein tnirftc, auf dem Weg über „unsern" doch auch sein Lehrer wird sein können..." Das sind ein paar Züge aus diesen Briefen. Tie Sammlung lvird die Legende um Rosenzweig nicht zerstören, aber die blaßen Konturen seines Bildes mit ' lebendigem Leben füllen. „Es gibt noch Leute in Deutschland, die zllr Vollendung ihrer Persvnlichleit ans der Welt zu. sein glauben; aber sie haben nichts mehr zu bedeliten und werden nie mehr etwas zll bedeuten haben; sic sind endlich abgemeldet. lmd wir dallken Gott dafür." Diese Sätze stehen in dem gedankenreichen, tiefen, vorn besten Bildungsgllt aller Zeiten dnrchtränkten Blich „Das Alte Wahre" (Verlag Jakob H e g n e r. Leipzig), von Karl T h i e m e. dem früheren Herausgeber der „Religiösen Besinnung". Thieme heißt den politischen Umschwuilg in Deutschland willkommen; er begrüßt cs, datz nach einem radikalen Individualismus das ganze Volk in den Schmelzticgel einer Revvlution geworfen wllrde und ihm so eine "Möglichkeit gegeben wurde, „die der kühnste Traum nicht zu hoffen wagte"; „freilich ebenso eine Gefahr, wie sie gewaltiger kaunl zu deilkeu ist". Von dieser Grundhaltung aus will der Verfasser, der vor kurzem vom Protestantismus zum Katholizismlis konvertiert ist. in einem knappeil, überaus dicht gearbeiteten, mit jedem Wort lebendigen und kämpferischen K 0 m P c n - d i ll m der abendländischen Bild u n g s g e s ch i ch t e, die besondere Allsgabe lind Bcstimmllng der Kirche als , Katholik dem Bewußtsein unserer Epoche näherbringen. Dieser Versilch scheint urls als deutsche Indell ans den ersten Blick in unserer Situation nichts anzugehcn. Bei näherem Hinsehen erkennen wir mit Zlinchmender Spaumnlg. wie hier ein geschulter, humanistisch, theologisch, historisch durch lind dlrrch gebildeter Geist in dem kämpferischen Rhythmus unseres herrschenden Zeitgeistes — diesen bejahend — zu einem konservativen, humanistischen, streng kirchlichen Leben, einer christlichen, nationalen und sozialistischen Einsicht allsruft. Ten vermeintlich, unvereinbaren Widerspruch in einem solchen Untersallgen. zwei einander sich gegenseitig aufhebende Haltungen zu vereinen, kann nur eine gedrungene Jnhaltsskizze über diesen merkwürdigen und energischen Abriß der katholischkirchlichen Ideen aufklären und die besondere Eine MniMesMte des Mublondrs Wichtigkeit eillcs derartigen Vcrslrchcs für die innerhalb der Zcilströmnngen oft ziemlich ratlosen dclitscheil Inden demonstrierell. Wir lesenübrigens zum Schluß des Buches: „Folgenden neueren Alitvren ist — mittelbar oder unmittelbar — diese Arbeit zu vorzüglichem Taut verpflichtet." Thieme zählt sodanll zwei Dutzend der besten, lvcithin nürtenden meist deutschen Gelehrten und Publizisten auf, darunter Alois Tempi. Otto Hintze. Ktagcs, Mirgcler, Kardinal Newlnan. Theodor Haecker, an der Spitze Per Lifte: „Walter Benjamin vor allem für „Ursprung des deutschen Trauerspiels". Hub die Liste schließt mit „Hans Weil, dem Analytiker des deutschen Neuhlllnanismlls". Thieme beginnt bei Sokrates. Sein Tod war „die erste große, größte kvperilikanische Wettloendullg der Geschichte der Meuscheil". In den beiden erstell Kapiteln „Sokrates" lind „Plato und Aristoteles" wird iusbcsondere die platonische Ideenwelt als Ouelle riri)- tiaen Tatwisscns erklärt. Karl Thieme hatte schon 1928 als Dozent der Pädagogischen Akademie in Elbing sein Verständnis für Sokrates (in seiner Arbeit „Sokrates und der historische Materiatismus" in der dainatigell „Gesellschaft") gezeigt. Plato ist ihm auch helite noch der Schlüget für ein überindividliettes Wissen. Tie llnverbrüchkiche Treue zum ganzen, Zerstörung des Eigeildüntels. Bernichtullg der persönlichen Illusion, in dieser staatscrzieherischen Ausgabe treffen sich Plato und die katholische Lehre. Die societas porferta der antiken Polis als Vorläuferin des christlichen Gesellschastsgedankeus! Es wäre ein Mißverständnis, wenn man anuähine, daß hier Historie. „Geistcsgeschichte" oder so etwas 'getrieben würde. Die Achse, um die sich alles dreht, ist der neue Wahrheitsbegriss. Nicht das System von ein für allemal richtigen Sätzen ist die Wahrheit; sondern ein richtiger Satz hat nur Bcstaild in einer Gemeinschaft Sichverstchendcr. Dieser neue, alte Wahrheitsbegriff („Das Alte Wahre"), der zur Konsequenz von 2X2 — 5 führen kann, ist bei Thieme unter dem Tenor: „Ter Mensch kann streilg ge- Geschichte und Gegenwart Unter diesem Titel erscheint im ERICH REISS VERLAG, BERLIN W 15 eine Reihe umfangreicher, musterhaft ausgestatteter Bücher, die dem Gebildeten und Bildungshungrigen aus berufenen Federn Darstellungen der Hauptgebiete der jüdischen Wirklichkeit, Biographien der markantesten Gestalten der jüdischen. Geschichte und Querschnitte durch das jüdische Schrifttum zu erschwinglichem Preise bringen. Die Reihe wird mit der einzigen, dem heutigen Stande der Forschung entsprechenden MAIMONIDES - BIOGRAPHIE von Dr. Abraham Heschel eröffnet. Dieser Band hat gegen 300 Seiten Umfang und kostet kartoniert RM 3.80, in Ganzleinen gebunden RM 4-8o. / Als zweite Publikation folgt bald ein seit langem erwartetes Buch DIE JUDEN DER WELT von Dr. Mark Wischnitzer, da, zum ersten Male einen Ueberblick über das gesamte Judentum der Gegenwart (gegenwärtiger Stand und geschichtliche Entwicklung) in allen Ländern gibt / Weitere Bände folgen im Laufe des Jahres. / Prospekte durch den Verlag. / Die Bücher sind nur durch den Buchhandel zu beziehen. Wir werden den Lesern unserer Bücher in Zukunft regelmäßig Informations-Briefe über unsere Arbeit zugehen lassen und bitten auch Sie, an« Ihre genaue Adresse anzugeben, damit wir Ihnen diese Briefe kostenfrei zusenden können. An den ERICH REISS VERLAG, Berlin WI5 Senden Sie mir Ihre Informations-Briefe regelmäßig kostenfrei zu Ortt . Straßei. I O.A