Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 16 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- Zeit gäbe, dahergehcn. Tie archaischen Umrisse der Passanten, iijvc Haltung, ihre ruhigen Gesten, die Bewegungen der verschleierten, graziös in wehenden Tüchern dahinschreitenden Frauen lassen mich glauben, daß hier van der Vergangenheit sehr wenig verschwunden ist. das; das Leben wie in den alten Veiten van Kanaan adcr Zion weitergeh!. Tausend kleine Bilder, ans denen sich das tägliche und familiäre Leben znsaininensctzt, stellen die lebendige Illustration der Szenen dar, die die Bibel beschreibt. Ist .dies wirklich eine IllnsiviH Zar göttlichen Stunde, wenn die ersten Sterne funkeln, wenn alles in der sich nicdcrsenkenden Dämmerung verschmilzt, sitzt ein Greis mit patriarchalischem Bart ans der Schwelte seines weißen Hauses. Könnte cs nicljt Abraham fein, der auf seine Gäste -wartet? Um die Visian zu vervollständigen, erscheint jetzt in der halbgeöffneten Tür hinter ihm das reine Oval Sarahs. Und wer ist dieses graziöse Mädchen unter ihren Schleiern? Sie neigt sich über eine niedrige Mauer und scheint nach irgendjemandem ausznspähen. Hier ist die Vielgeliebte ans dem Hohen Lied, zur Freude unserer Augen und -Herzen wiedcrauferstanden. Nun ist es völlig Nacht geworden. Die Noscnsarbe des -Himmels wandelte sich zögernd ins Blau. Wie soll man da zurückge'hen, mein Gott, wenn inan im Reiz der stunde von etwas Undefinierbarem auf der Straße .zurückgehalten wird? Aus Mauleseln mit llingcndeu Schellen reiten Araber durch die große Straße, die das jüdische Dorf in zwei Hälften teilt. Hinter ihnen ziehen Herden vorüber. Jetzt hebt ein lautes Gcnmrwel an und übertönt das Blöken nnb ländliche Schellengeläute. Langsam wandele ich weiter. Und plötzlich an einer Straßenecke erblicke ich ein fesselndes Schauspiel: dreißig Juden stehen da mit auf der Brust verschränkten Armen, betrachten den Neumond und segnen ihn. Einige Schritte weiter steht die Synagoge mit geöffneten Türen, vom ersterbenden Schein ihrer Ocllämpchen schwach beleuchtet . . . Durch die Nacht tönt die Hymne an das Licht, verstärkt sich und verklingt im Frieden der Felder. Kein Schrei eines Nachtvogels, kein Hauch der klaren Lust stört die Zeremonie. die sich in gleichbleibeudcm Nhvthinns abspielt. Ringsumher stehen Olivcnbäume. unbeweglich, als ob auch sie von der Majestät des Vorgangs gebannt würden. Die innig betenden Gläubigen, der einfache stimmungsvolle Ort versetzen mich in frühere Zeiten und lassen mich eine der alten Nächte Jerusalems wiedcrerlcben, da ein König noch über Israel herrschte . . . Mit vom Schlaf noch trunkenen Augen erhebt sich das Kind, von der Mutter geweckt, im Morgengrauen und begleitet seinen Vater in die Synagoge. Tort sind die Gläubigen, in das Talis gehüllt, schon zahlreich versammelt, stehen oder sitzen, schreien laut. erheben Arme und Augen, nehmen den Himmel zum Zeugen der Leiden Israels und seiner Rene. An der Schwelle des Tempels, fast ans der Straße, werden die letzten Verse gemurmelt, dann eilt nran nach Hanse und verschlingt das Frühstück. ITer Vater geht zur Arbeit, das Kind zur Synagoge.. Dort wird cs sein Leben bis zum Hochzeitstage zubringcn. Dort verweilt cs vom frühen Morgen bis zum dännnernden Abend an allen Tagen, die der liebe Gott werden läßt, ob cs reglet, stürmt oder ob der Schirokko dahinsegt. Brüderlich hockt cs aus einer Matte unter sechzig Kameraden verschiedenen Alters, so gut cs kann, lernt es vom Alphabet 6rs zu den Kommentaren der Bibel und des Talmud. Selbst am Sabbat, während der Vater endlich mal ausschläft, die Mutter mit einigen Nachbarinnen an der Schwelle des Hauses sitzt, nimmt es seinen Weg ziir Synagoge, liest laut die Psalmen, die Sprüche Salomons und den Prediger. . . Unter dem eintönigen Singsang der frommen Lektüre schlafen schließlich einige Sünder ein. Die Jahre mit der regelmäßigen Wiederkehr der Feste und Jahreszeiten vergehen. Das Kind wächst und entwickelt sich kräftig. Um seine Ohren rollen sich die lieben Löckchen wie Korkzieher. Das weiße Hemd über der Hose verleiht ihm das Aussehen eines jungen Mannes. Und später wird cs mit Hilfe des Allmächtigen ein berühmtes Mitglied des hebräischen Voltes werden, ein Schmuckstück in der Krone. Israels, denn es kennt alle Gebete auswendig, den Pentateuch und die anderen heiligen Bücher. Gs lernt den Talmud von den Abhandlungen über das Ei bis zu den Traktaten über die Scheidung. Gs weiß jetzt, was verboten und was erlaubt ist. Mit kühner Hand lüftete sein Nabbi den Schleier der Ghegesetze: leviral, ogunoh . . . Aber von der Geschichte seiner Väter, von der Geschichte anderer Völker kein Wort. Bibel und Talmud. Talmud und Bibel. Alles andere ist unnütze Wissenschaft.. . Wenn der Jüngling sechzehn Jahre alt ist und blondes Flaumhaar seine Wangen beschattet, führt ihn der Vater int „sonk" ein, macht ihn mit den ..Geschäften" vertraut. Bald daraus verheiratet man ihn mit einem jungen Mädchen, einer richtigen Blume Afrikas, deren Glanz einen Tag währt, die. kaum berührt, verblüht. Häufige Mutterschäften verunstalten sie bald, die Frau ist die geborene Sklavin des Hauses. Sie sortiert und mahlt das Getreide. Bevor die Sonne aufgcht, erhebt sie sich, knetet das Brot, das sie selbst nur dem Kopfe mit Hilfe eines Brettes zum allgemeinen Backofen trägt. Arm oder reich führen alle das gleiche Leben: kochen, waschen, holen Wasser am Brunnen, setzen sieh niemals zu Tisch, sondern essen in der Küche oder in einer Hosecke ans einer Matte, wenn Manu und Kind zu Bett gegangen sind. Tie Familie bekommt oft Zuwachs, und die Lage des Vaters bleibt mißlich. Tann packt er seinen Plunder in_ einem „cabas" zusammen, schifft sich nach Ssar, Lvusse oder Tunis ein tind empfiehlt sich dem lieben Gott ... Er ernährt sich von Brot und Oliven und betreibt sein Handwerk: Schmnckhändler oder Schuster, Krämer oder Färber, Spengler oder Rabbiner. Nachts schläft er in-seinem Laden, wäscht selbst Feme Wäsche und flickt seine Hosen. Son aus Sou legt er unter heldenhaften Entbehrungen zurück. Die kleinen Geschäfte, die er begonnen hat, nehmen einen guten Verlauf. Daun betet er von morgens bis abends zu Kodausch Bornch hu, zu dem Heiligen, gelobt sei er. Kommen die Feste, begibt er sich nur für einige Tage nach Djerba. Gerade Zeit genug, die Familie wiederzusehen, die solange von. den Großeltern unterhalten wird, und er kehrt wieder in das Exil zurück. Nach drei, vier Jahren ist er in der Stadt ein angesehener Kaufmann. Nun läßt er die Scinigen 31t sich kommen. Tie Erinnerung an seine Heimat erlischt allmählich. Und wenn jemand die Taktlosigkeit begeht, von seiner Insel, diesem herrlichen Stück Erde, zu sprechen, vor ihm. der vergaß, daß er das Hemd über der Hose getragen, der die Synagoge und die Ruten seiner Lehrer vergaß, so wird er bestimmt mit unendlicher Verachtung anSrufcn: Djerba?? Ah ja! Ta wohnen doch Wilde! Aber leider lacht das Glück nicht allen! Und wer trotz Entbehrungen und Gebeten nicht vorwärts gekommen ist, kehrt nach Hause zurück. Wenn er dann nicht mehr von einem Markt zum anderen ziehen kann, wenn er unfähig ist, Eisen zu schmieden oder Kaffeekannen zu löten, dann erhält der Manu von Djerba ein kleines Plätzchen in irgendeiner Synagoge, in der er sich als rabbinische Autorität, als Pädagoge niederläßt . . . Gs muß geschieden werden. Umsonst kämpfe ich gegen die Erregung au. die mein Herz erschüttert. In dieser vergessenen Ecke des Weltalls habe ich in einer Atmosphäre der Ruhe und des Friedens so wundervolle Tage verlebt. daß der Gedanke, das aufreibende Stadtlcben wieder beginnen 31t müssen, mich traurig macht. Sehne ich mich nach der klaren Luft, der Milde des unvergleichlichen Klimas, dem riesengroßen Teppich der Gärten zurück, der sich von einem Ende der Insel bis zum anderen erstreckt? Vielleicht. Aber sicherlich quält mich der Gedanke sehr, mich von diesen Insulanern trennen zu müssen, die mich fast wie ihren Bruder ausnahmen. „Kommen Sie nächstes Jahr wieder! Gesund und munter!" Mit Händen und Augen verspreche ich cs. aber ich weiß genau, daß es leider nicht geht! Der Strudel des Lebens wird mich anderswohin, an andere Gestade verschlagen, ich werde neue Beziehungen anknüpsen müssen, um sie einige Zeit später wieder abzubrechen. Gin letzter Händedruck, ein letzter Blick über den Hasen, dann gleiten wir ruhig über das klare' Wasser, in dem sich die Schisse und ihre Segel spiegeln. Die Insel versintt in. der, Ferne, versinkt immer noch . . verschwindet unter der blanen Linie des Horizontes . ., Zeichnungen von Heinz IV all enb er g. In Chatanvvga im Staate Tennessee (USA) starb, 77 Jahre alt, der Besitzer der Zeitung „New Port Times", Adolph S. Schs. Geboren im Jahre I808 in Cincinnati als Sohn einer ans Fürth i. B. stammenden Familie, begann er seine Laufbahn als Zeitungsjunge. Er wurde Sctzerlchrling und bereits im Älter von 20 Jahren Herausgeber einen kleinen Provingzeitung. 1806 erwarb er „New Times", die größte und einslnßreichstc Zeitung der Bereinigten Staaten. Er war auch Mitdirektor des bekannten Nach, richtcnbüros Associated Preß. Adolph S. Schs war ein eifriger Förderer jüdischer Bestrebungen. Er ist der Schöpfer des amerikanischen Rcsormjudentnms und zeigte besonderes Interesse für das Hcbrew Union College in Cincinnati, der größten Anstalt zur Ausbildung von Neformrabbinern. Tie Beisetzung fand am 12. April unter antzerordcntlich starker Beteiligung der politischen und publizistischen .Ureifc New-Porks statt. An, «arg wurde im Anstrage des Präsidenten der Bereinigten Staaten. Roosevelt, ein Blumengewinde nicdcrgelcgt. Alle öffentlichen Gebäude hatten ans Grund einer Anordnung des New- Porter Bürgermeisters halbmast geflaggt. Tic Lrgano der größten Standesvereinigungim Kn deutschen Pressewesen veröfsentlichen Nachrufe ans den Verstorbenen jüdischen amerikanischen Verleger, sowohl die .Deutsche Presse", Zeitschrift des Reichsverbandes der Deutschen Presse als auch der „Zcitnngs-Berlag" das Fachblatt des Reichsverbandes der deutschen Zeitungs- Verleger. „Ter Zeitnngsverlag" widmet in seiner Nr. 1-5 vom M. April der Persönlichkeit Adolph S. Lehs n. a. folgende Worte: .Der Verstorbene war eine der interessantesten Figuren des amerikanischen Zeitungslevens. Ter frühere Zeitungsjunge hat die vielseitigste und größte Zeitung der Welt ausgcbaut. Die trägt an ihrem Kopf das Signum: „Xil tbo news fil lo print\ .Jede Nachricht, die mir in Betracht kommt.' Tie „New Pork Times" ist nicht durch die Sensationsmcthoden emporgekonnncn, seit sie Lchs im Jahre 1806 übernahm, durch die andere Pressennteruehmnngen einen Kometenflng durch die amerikanische Lesfentlichkcit machten, um dann zu veröffentlichen, sobald die treibende Persönlichlcit, so erstaunliche Erfinder immer neuer Aufregungen, wie z. B. Gordon Bennct vom „Hcrald" und Pnlitzer von der „World" nicht mehr hinter ihnen standen. Iw Gegensatz dazu isr die „New Pork Times" planmäßig Schritt für Schritt ausgebaut worden, anl dem Prinzip der Berlässigkeit und Solidität, im stritten Gegensatz zu den Skandalblättern aller Grade und Färbungen." NEUERSCHEINUNGEN AUS DEM SCHOCKEN VERLAG Franz Rosenzweig: Briefe [744 Seiten Großoktav. In Leinen M 12.50] Kaum ein Buch kann den jüdischen Leser von heute so tief ergreifen, führen, aufrichten wie dieses hinreißend schöne Dokument eines beispielhaften Daseins. „Man kam zu sich bei Franz Rosenzweig, man war entbürdec, entschwcrt, entengt bei Franz Rosenzweig“, schreibt Karl Wolfskchl von einem Besuch bei dem Lebenden und sagt so zugleich aus, was der Leser dieser Briefsammlung an sich erfahren wird. Franz Kafka: Gesammelte Schriften Von der auf sechs Leinenbände zum Preis von je M 4.50 angelegten Ausgabe liegen bisher drei Bände vor: in dem Band ERZÄHLUNGEN UND KLEINE PROSA sind alle zu Lebzeiten des Dichters erschienenen Werke vereinigt; die beiden weiteren Bände enthalten Kafkas „große, für das edelste Judentum unserer Zeit repräsentative Romane“ DER PROZESS und DAS SCHLOSS. Anläßlich dieser Neuausgabe schreibt Hermann Hesse: Unter den Zeugen unserer zerrissenen und leidenden Zeit wird das erstaunliche Werk des Prager Dichters weiterleben. Er war zum Grübeln und zum Leiden, begabt, er stand aller Problematik seiner Zeit offen, oft prophetisch offen, und zugleich besaß er — trotz allem ein Liebling der Götter — in seiner Kunst einen Zauberschlüsscl, der uns nicht bloß Verwirrung und tragische Visionen erschlossen hat, sondern 'auch Schönheit und- Trost. SCHOCKEN VERLAG / BERLIN SW 19 Philo Verlag u. Buchhandlung G. m. b. H. Berlin W. 15, Pariser Slrasse 44. / Fernspr. > Oliva 1375 Die ersten Bände der PHILO BÜCHEREI Schriften zeitgenössischer jüdischer Autoren sind erschienen Hermann Sinsheimer: Rabbi, Golem und Kaiser Leo Hirsch: Gespräch im Nebel leibniz begegnet Spinoza Max Samter: Der Gast Jedes Bändchen farbig kartoniert 1.10 M. Das wertvolle preiswerte Geschenk KON Handbuch des jüdischen Wissens f Das 16. bis 21. Tausend ist soeben erschienen | Etwa 5000 Stichworte und Nomen, 300 z.T. mehrfarbige Bilder,Tafeln, Karten, Tabellen auf 800 Spalten. In Ganzleinen nur 4.80 M. „Das kleine Wunderwerk" nannte es Prof. Elbogen. C<KXX><>C><XXXX>O<X><XXX><>0 110 vorzfl. erprob. Orig. Wien Kochrezepte I (Fisch-, Fleischu. Mchlsp.) versend, f. I RM1.- Fr.Marcus,Bln.-Gharl..Carm8rstr.n. Md.i.G. Aut Wunsch par55nl.Hnlcltg.2-3 o<xxxx>o<><><><xx><><><><><>ock> Badk §SSMLM?r -VW <1, Knrlstr&be 18 / Tel. 0 2 Großes Lager ans allen Wissenschaften alt und neu / Ankauf — Verkauf Med. Jouru&Islrkol „Aeskul&p* Kataloge kostenlos. Der Possachtago wegen erscheint die nächste Ausgabe der C.-V.-Zeitung bereits am Mittwoch, den 24.April. Redaktionsu.Anzeigenschluß: Dienstag, den 23. April, mittags 12 Uhr. In diesen Tagen das von allen interessierten Kreisen sehnlichst erwartete umfassende jüdische Liederbuch (Auf! Lasst uns singen!) für Unterricht, Bund und Haus Herausgegeben von Dr. Jos. Jacobsen, Hamburg und Erwin Oospe, Berlin Preis elegant kartoniert RM. 2.— Das 240 Seiten starke Buch enthält ca. 250 Lieder, die den Stoff für alle |j Klassen in drei grossen Haupt- || abschnitten (Mensch-Natur- Gott) vereinigen in jeder einschläg. Buchhandlung zu haben oder direkt vom Verlag Anton J.Benjamin, A.-G., Ab». Sortiment, Leipzig CI, Täubchenweg 20. ” X iIrdkJJ: *i3jÖX Schneidermeister