Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 16 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
- Tunis 1× ep/1048155
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Von VITALIS DANON Aus clem Französischen von FELIX GUTH r Im äußersten Süden von Tunis, der nordafrilanischeu Küste gegenüber, liegt eine flache, sandige Insel, vom Festland kaum getrennt. Alls ihr lebt eine zahlreiche jüdische Bevölkerung. Sie behauptet, von Vorfahren abzustanunen. die zur Zeit König Salomons dorthin gekommen feien, C*ö handelt sich um Djerba, die berühmte Insel der Lotophagen. an deren Gestade ein widriger Wind einst -Odysseus und seine Gefährten verschlagen hatte. Schon viele Reisende sprachen seit Homer bis aus den heutigen Tag mit Begeisterung von ihrem milden Klima lind von der Schönheit ihrer Gärten. Wieder andere, die für den Orient schwärmten, schilderten mit Liebe das einfache Leben der über die sieben Marktflecken der Insel zerstreuten Araber. ^Aber ich. der ich eines Abends einen kleinen Segler bestieg, um die letzte Strecke meiner Reise Sfax—Djerba zllrückzulegcn, landete dort nur, »oi die Inseljuden kennenzulernen. ..... IStnc ganze Woche hielt mich das Reisefieber gepackt. In meinem Inneren sang der klangvolle Namen Djerba wie ein vertrauter Refrain: Djerba! Djerba! Endlich werde ich die so oft verlorene, immer wiedercroberte Insel sehen! Zahllos sind die Völker, bic über ihren Boden schritten, die glaubten, dort den Grundstein zu einer unvergänglichen Herrschaft legen zu können. Alle fegten über sie weg wie Staub und Wind. Von ihren Eroberern, Karthagern. Römern, bcrbcrischen Piraten, Rittern von Rhodos. Grafen von Tripolis, normannischen Kriegern des Königreichs Sizilien. Spaniern und endlich Türken, blieb nichts. (Nichts oder nur so wenig! Ein spanisches Schloß am Raiide des Meeres, das von den Wellen und der Seeluft allmählich zerstört wird.) Alle sind verschwunden. Nur ein einziges Volk, bekannt durch seine Hartnäckigkeit, hat sich durch eine erstaunliche Willensleistung unter der Knute der aufeinanderfolgenden Eroberer behauptet. Und da es an Wunder glaubte; traf das Wunder ein. War der Himmel wieder hell, richtete der Jude seinen Kops hoch und lebte weiter. Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich mich nachts quer durch ein Labyrinth stiller und dunkler Gassen zum kleinen Kanal von Sfar begab. Am Kai standen etwa zehn Menschen vor einem Segler, den man an seiner länglichen Form erkannte. Ein schriller Pfiff machte der Unterhaltung plötzlich ein Ende. Eilig kletterte man an Bord. Klirrend wird der Anker gelichtet, zwischen stilliegenden Booten mit entfaltetem Segelwerk fahren wir lautlos aus. Das Meer schien zn schlafen. Seine breiten. langsam rollenden Wogen schlugen sanft an die Wände des stillen Seglers. Bald kam die Brise aus. Die dreieckigen Segel bewegten sich, von kurzen Schauern geschüttelt, hin und her, entfalteten sich und streckten sich endlich gefüllt im Wind, der nun regelmäßig zu wehen begann. Rote und weiße Leuchttürme, die als Wegweiser an den Ufern des Kanals standen, warfen ihre unruhigen Strahlen auf das schwarze Wasser. Und Zwischen den Wolkenfetzen kam immer wieder der Mond herdor. Sehr fern, weit von uns ab, hellte sich der Horizont aus: von diesem Augenblick an schwammen wir auf einem Silbersee. Die Nacht war schwül, eine jener erstickenden Nächte Afrikas, in denen der Schlaf uns flieht, Geist wie . Körper; durch jene feuchte Hitze erschlaffen, die den tunesischen September charakterisiert, und die um so stärker vom Himmel herabfließt, als 5te Sonne am Horizont verschwindet. Ein Araber aus dem Süden stimmte eines jener endlosen nasalen Lieder an. Sobald er eine Strophe gesungen hatte, wnrde sie von seinen Landslenten. die im Kreis um ihn herumsaßcn, im Chor wiederholt. Schließlich ermüdeten die Sänger unter dem aufdringlichen Rhythmus der fettfamen Melodie und streckten sich der Länge nach an der Brüstung ans. Die leichte Zigarette verglomm, jemand hustete noch einmal, und dann lag tiefer Schlaf über ihnen allen. . . Nur ein kleines Mädchen, das sich neben seiner. Mutter znsammengekanert hatte, blieb, von einem heftigen, durch die Feuchtigkeit verschärften Hustenanfall geschüttelt, die ganze Nacht wach. Ich vermochte aus den harten Schifssplauken nicht zn schlafen und ging voller Ungeduld nach dem Ziel meiner Reise immer wieder aus und ab. Zn unserer Rechten zeigte sich ein Licht und verschwand in regelmäßigen Abständen. Dieses Licht sandte der Lenchtturm von Thyna. am Strande des antiken Thene errichtet, einst römische Stadt, heute von Sandmassen begraben. Thene war ein bedeutender Handelsplatz: davon zeugen noch die, Straßen nach Tripolis. Tebessa und Karthago. Während der Segler lautlos im Mondschein die stille See durchfuhr, dachte ich an die Zeit zurück, in der man auf staubigen Straßen mit langsam dahinziehenden Karawanen wertvolle Güter beförderte, fleckenloses Elfenbein, kostbare traumsarbene Steine, Ämber und Moschus, öltriefende Oliven und durchsichtige Datteln. Endlich graute der Morgen. Den ersten besten fragte ich nach unserem Standort. „Wir sind in den Gewässern von Djerba", antwortete mir ein Italiener, der neben mir den Horizont absuchte. „Aber man sieht nichts". erwiderte ich. „Nur Geduld. Gleich wird die Sonne die dünne Nebelwand, die aus . dem Wasser schwimmt, durchbrechen/ Und tatsächlich hoben sich nach einiger Zeit in der Ferne die Umrisse einer flachen Insel ab, während die Leuchtfeuer allmählich verloschen. Die Passagiere drängten nach vorne und hielten Ausschau nach der Küste, deren Formen immer deutlicher hervortraten. Dann kam die fieberhafte Landung und die Erregung, die allen Besuchern orientalischer Häfen bekannt ist. In schmutzige Lumpen gehüllte Lastträger stürzten sich auf die Reisenden und risien ihnen die Gepäckstücke aus den Händen.' In einer eigentümlichen und wohltönenden Sprache,- unter einem, großen Aufwand von Gesten gaben sie zu verstehen, daß, man' ihnen folgen solle. Ich lließ: mich also führen-und' kam gleich nach Verlassen-der Seeküste zu einer schmucken,, von Binsen umgebenen Allee. . . C1 Häuser stehen wle Kuben länß's des-WegeS. Einen halben Kilometer weiterliegt die weiße Stadt, die klassische.arabische Stadt mit ihren waagerechten oder' kuppelsörmigen Dächern wie ein Riesenfriedhof, von Kakteen und Aloen umgeben. Das ganze Land ringsumher ist ein einziger Garten von Palmen, die hoch emporgewachsen den Himmel mit ihren dunklen Silhouetten überschneiden. Ans schöner gelber durchfurchter Erde stehen unzählige verkrüppelte und knotige Ollvcnbäume wre Sonnenschirme. Einen Augenblick betrachte ich die sich immer mehr verjüngenden Linien ihrer Fluchten. Aber der Anblick. ermüdet, und man gibt es auf. den Horizont zu verfolgen, der steigt und fällt und allmählich ver- , geht. In der Ferne, kann man die wuchtigen Bäume mit ihrem grauen Laub nicht mehr erkennen. Es ist ein grünliches Meer mit silbernen Reflexen, in dem sich die Wipfel im Winde schaukeln. . Ach. warum habe ich nicht sogleich wieder den Segler bestiegen, der mich hierher gebracht hatte? Dann hätten meine Augen den märchenhaften Anblick einer unvergleichlich schönen afrikanischen Landschaft sestgchaltcn. Aber ich ging weiter. Und nachdem ich einige krumme Gassen durchschritten hatte und zum Marktplatz gekommen war. blieb ich enttäuscht stehen. Bor mir lag das armseligste und banalste Dorf des Südens mit seinen schmutzigen Nomaden und seinen Händlern. die auf dem Boden hockten und fettes Fleisch, ölgefüllte Schläuche, Siebe und alte Soldatenröcke verkauften . . . Ter Marktauf, scher fuhr aus einem Fahrrad von einer Gruppe zur anderen. Mitten durch die Menge zogen die Kamele in ihrem gleichmäßigen Schritt. Einige Schafe folgten. ' War das die Insel mit dem goldenen Sand, die bezaubernde Insel der Lotophagen? Wer wird mir Lotus zu essen geben, damit ich soviel ausgebreitete Häßlichkeit vergessen kann? Während ich so stand und den aufgeregten arabischen Markt betrachtete, vergaß ich. daß ich eigentlich die Juden von Djerba besuchen wollte. So irre ich quer durch die Basare, durcheile kleine Gäßchcn. die beginnen, sich kreuzen und jäh enden, die ein Labyrinth bilden, in dem man sich schließlich nicht mehr anskennt. Endlich sehe ich Juden. Man erkennt sie an ihrem schwarzen oder dunkelblauen Turban. an ihren bauschigen Hosen und an dem Hemd, das über die Hose fällt. Ihre nackten Füße stecken in zerrissenen Sandalen. Alle tragen verschlissene Kleider, so daß man sich fragt, ob sie jemals neu gewesen sind. Zum Wocheumarkt sind sie aus ihrem Hara,..aus denn großen,und kleinen Ghetto zu Friß, auf dem Rücken des Esels oder auf dem Fahrrad hcrbeigckommeu, um zu kaufen oder zu verkaufen.. Was treiben sie.tagsr'wer? Si,ewissen cs selber nicht. Aber der Gott Israels, der groß und mächtig-ist, läßt seine Kinder nicht im Stich. Deswegen zieht der Jude von Djerba mit zufriedenem Herzen, einen Sack auf dem Rücken, etwas Geld in der Tasche durch die Basare, nachdem er im Morgengrauen lange in der Synagoge gebetet und den Magen mit einem Gläschen Alkohol gestärkt hat. Der Beduine nennt seinen Preis und verfolgt mit unruhigem Blick das Gehabe des Käufers. Andere Glaubensgenossen treten hinzu. Und dann beginnt ein ganz außergewöhnlicher Handel zwischen drei oder vier Personen, -die heulen, brüllen, sich beleidigen und zu gleicher Zeit die Thora anrufen. Das Gewrtter legt sich soschnell wie es gekommen ist. Die Brüder, in Israel verlassen das Getreide und seinen Beduinen, stürzen sich auf eine Frau, die mit einem Korb Eiern oder ein paar Hühnern, einem Schmuckstück oder einem Teppich vorüberzieht. Das Geschrei beginnt von neuem, bis einer von ihnen zwei Sous'mehr als-seine Konkurrenten bietet, und die verdutzte, nach allen Seiten gezerrte Händlerin sich für ihn entscheidet.' Es ist Mittag. Die Sonne steht im flammenden Zenit und strahlt unbarmherzig auf die weiße Stadt herab. Die fieberhafte Emsigkeit des Marktes läßt nach. Schon leert sich langsam der riesige Platz, auf dem man die Geschäfte unter großem Lärm abschloß. Blinde Wasserhändler bieten der dürstenden Menge noch immer Getränke für einen Sou an. Gierig stillen Araber und Beduinen, den Durst, ihre Lippen kleben am Flaschenhals, ihr Kopf -ist weit nach hinten geworfen. Aber der Jude mit seinem Gefühl für peinlichste Sauberkeit hebt den Zipfel seines Hemdes, das ihm wie ein langer Latz über die Hose fällt, und spannt ihn, über die Oeffnung des Wasserbehälters, um so das Master zu filtrieren. Ach dieses merkwürdige Hemd deS Juden von Djerba« das ihn von dem so häßlichen und schmutzigen Araber unterscheidet, muß für alles herhalten: mit ihm wird der Schweiß von der Stirn gewischt, der kleine Platz des Trottoirs, auf das man sich -setzt, entstaubt« mit ihm trägt man die honigsüßen Datteln und das gerade gekaufte Gemüse nach Hause! Und wenn sie die, rauchigen Garküchen betreten, trocknen sie sich alle. Junge wie Me, mit -gewohnter Peste daran die Hände ab, und sprechen.dabei ein Gebet, bevor.,sie essen. . Wie' kann man diese -Straße der Speise- Häuser vergessen, in -der sich-den lieben-langen Tag Juden aller Art, Negermusikanten-und Bettler aufhalten? Vor den Türen liegen tzausenweise aus geflochtenem Strotz Lerne tyjY/l runde Brote. Auf einem Stcinherd steht ein riesiger schwarzer Kochkessel, in dem ein übles Essen schmort, während neben chm über - schlecht brennenden Kohlen aus einem Gitter' Fische geröstet werden. .Ein kniecnder Greis bückt sich über das Fener, daS durch herabtropfendes Fett zur Hälfte erloschen.ist. dt bläst hinein. Seine vlauangeschwollenen Halsadern drohen zn platzen. Seine entzündeten Augen tränen. In dieser Straße sah ich das traurigste Schauspiel, das man sich vorstellcn kann: einen einäugigen Greis als Schuhputzer! Hier lassen sich am Markttage die Schuster nieder, die sich keinen Laden leisten können. Hier nähen und flicken sie das erbärmlichste Schichwerk und klopfen auf alte Sohlen . . . Einige Schritte weiter sitzen die Spengler aus unebenem Boden und verarbeiten alte Konservendosen zu Petroleumlampen oder Kaffee- .können. Neben einer Karawancnherberge, vor der sich wiederkäuende Kamele niedergelassen haben, und Esel sich im Staube wälzen, befinden sich die höhlenähnlichen Werkstätten der jüdischen Schmiede. Beim roten Feuerschein, der im Hintergrund jeder dieser Höhlen wie ein Leuchtfeuer in pechschwarzer Nacht funkelt, bemerkt man die bärtigen Gesichter der Männer und ihren mit einem zerrissenen Hemd kaum bedeckten Leib. Ter übrige Körper verschwindet im Rauch. Die Hämmer singen das Lied der Arbeit. Man hört das schwere Keuchen der asthmatischen Blasbälge. Draußen liegen Sicheln, Gittcrwerk. Schlösser, Pflug-, eisen und der ganze Plunder eines Schrotthändlers. - Wenn der Kunde eines Tages drängt, wird der Schmied Pflugschar und, Gittcrwerk nehmen, die vergessen unter Schrott ruhen-, wird sie glühen und auf den:' Arnboß bearbeiten, um sie recht und schlecht, zu reparieren... ' Djerba ist ein Stück Erde,-das sich jeder Zivilisation verschließt. Es kennt keine Eaf6s. - keine Kinos, keine Theater. Selbst oas' banale „Hotel de l'Oasis" oder „Hotel de France", das man sonst im kleinsten afrikanischen Wüstenncst findet, sucht man dort vergebens. Glückliches Land, in dem die Gastfreundschaft wie in der guten alten Zeit ausgeübt wird. Wer Unterkunft sucht, braucht mir an eine Tür zu klopfen! „Guten Tag! Hier ist ein Brief für Sie von Herrn L..Ihrem Freunde. Er ist auch mein Freund; ich komme von Tunis . . .!" „Tritt ein, mein Haus gehört dir. Sei willkommen!" Bald umstehen mich Kinder mit großen schwarzen Augen, ihre Haarlöckchen drängen sich unter den Kappen hervor; sie freuen sich mit mir und rufen ihre Mutter. Graziös, aber ängstlich streckt mir die Gastgeberin mit gesenktem Blick ihre Hand entgegen., nähert sich, und ihre Schmuckstücke klirren. Armbänder« schwere Halsketten und Fußringe, wie die Beduinen sie tragen, geben ihr das Aussehen; eines geschmückten Idols. Man empfängt mich in einem deckenlosen! Raum, dessen Boden ans blumenbemalten Fayencen besteht. Schöne schwarze Augen werden von allen Seiten aus mich gerichtet. Man führt mich auf die Terrasse, von der man den ganzen jüdischen Ort. den Olivenwald und das Meer überblicken kann. Dis Nacht senkt sich herab, aber hier oben ist es. schön und hell. Der SonnenunterganK wird von breiten roten Streifen durchzogen. Ueber unseren Köpfen ist der Himmel -so zart,, so rosenfarben, daß man Luft bekommt, ihn mit den Fingern zu streicheln. Bon unten, aus den .benachbarten Straßen dringt - der eigen« tümliche Lärm der arabischen Innenstädte herauf, die erst bei Anbruch der' Nacht zu erwachen scheinen, wenn die Menschen vorn Markt heimgekehrt sind. -; Ich steige herab und mische mich untertztz Leuter die ohne Eile, als ob es gar keine