Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 15 (11.4.1935)
- Date
- 1935-04-11
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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G-V.-Zfg. Nr» 15 KQSHSjSDWEfeliltiJSlSg In den folgenden Ausführungen nehmen eine Frau, ein Psychologe, ein Arzt und ein Schulmann zu dem Problem des schwer erziehbaren Kindes Stellung, das zu Schulbeginn wieder in den Vordergrund rückt. Begreiflicherweise beschäftigen gerade schwer erziehbare, kränklich veranlagte oder geistig nicht ganz normale Zöglinge Eltern und Erzieher in besonderem Maße. Jnteressanterweise ist eS lediglich der Praktiker, der Lehrer, der aus seinen Beobachtungen auch die Schlußfolgerungen zieht und bestimmte Richtlinien für die Erziehung der Kinder in der heutigen Zeit herauözuarbeiten versucht. Das Kind in der Familie In einem Hause, in dem die Frau und Mutter niemals berufstätig gewesen ist, ergeben sich Lebensformen, die aus ungewollten und durch Zufall herbeigefühcten Bindungen und Verpflichtungen entstehen, die aber ein;unger Mensch als unehrlich und zeitraubend empfindet. Hat die Mutter für die Umwertung vieler Begriffe und Normen Verständnis gezeigt, oder hat sie stattdessen die Heranwachsenden Kinder immer wieder zu Bindungen der Familie oder der Konvention gezwungen und die Jugendlichen in der Verfolgung ihrer Ziele gehemmt? Wird diese Frage gestellt, so hat sie heute um so mehr Berechtigung, da Zeit und Kraft der Jugend noch ganz anders beansprucht wird als früher. Nicht nur der Kampf um die Existenz und um den Beruf, — da der vom Vater eingefahrcne Weg nichts mehr nützt, — sind eine Belastung, die man früher nicht kannte; neben den beruflichen und den damit eng verbundenen materiellen Nöten stehen die vielen neuen Aufgaben eines geistigen und jüdischen Lebens. Den Platz als Jude unter Juden und den Platz als ■ geistiger Arbeiter muß sich der Jugendliche neu und schwer erkämpfen. Da in den seltensten Fällen fick Beruf und geistige Ziele decken, so kann ihm nur die äußerste Konzentration Helsen, dieses Ansturms Herr zu werden. Eine Mutter, die trotzdem noch versucht, den Jugendlichen mit Verpflichtungen und gesellschaftliche Begriffen zu beschweren, wird ihn nicht nur verlieren, sondern auch dazu beitragen, ihn die Familie als hemmend empfinden zu lassen. — Davon abgesehen, wird die Familie selbst gut daran tun. dre „guten Bekannten" einer konventionellen und reichlich verlogenen Zeit, mit denen sie nichts als die „Derpflichtung" verbindet, einer neuen Prüfung zu unterziehen. Ein zweites bedeutsames Hindernis der Familienerziehung ist die Gliederung in herrschende und beherrschte Familienglicder. Die jeweiligen Leistungen und Interessen der Jugend wurden von den Eltern entweder mit Gleichgültigkeit oder aber mit „Scheinwerferlicht" behandelt. Entweder man nahm sie unwichtig, oder man verband sie mit ehrgeizigem Zielen. Daraus erwuchs eine dauernde Spannung zwischen den Familienmitgliedern. Bei der Mutter, die ihr Leben hauptsächlich mit dem ihrer Kinder teilt, ist eher ein wirkliches Verständnis vorhanden als beim Vater, der häufig sein Privatsystem für Erziehungsfragen besaß. Er wandelte es nicht nach der Zeit ab, sondern nahm es aus seiner Jugendzeit in die.Ehe mit herüber. Es ist erklärlich, daß ein Mann, der nicht von Natuv pädagogische Fähigkeiten besitzt, mit den Fragen seines Verriss und seiner Existenz zu beschäftigt ist, um auf dem Gebiet der Erziehung schöpferisch zu sein. Gerade das Schöpferische ist es aber, was für das innere Wachstum der Kinder unentbehrlich ist. War in der Familie die „Konvention^ der erste Anlaß aller Erziehungskonflikte. so bildete „die vorgefaßte Meinung" gewiß den zweiten! Wenn ein Vater für das berufliche Leben seines Sohnes — und die Mutter für das private, — Vorstellungen in sich tragen, die sich mit den Jahren immer mehr festigten, so konnten Enttäuschungen und Meinungsverschiedenheiten nicht ausblciben! Sie vergaßen nämlich in ihrer falsch entwickelten Etlernliebe mit der Natur ihrer Kinder zu rechnen, die sich immer nur in den Grenzen bestimmter Anlagen fruchtbar und folgerichtig entwickeln kann. Die sprichwörtliche „Undankbarkeit" der Kinder bestand gewöhnlich in der gesunden Reaktion auf die Vergewaltigung ihrer Natur. Die „unverstandenen" Kinder überraschten ihre Angehörigen späterhin gewöhnlich mit Aeußerungen oder sogar Handlungen, die sie nie für möglich gehalten hätten. — Die Ursache lag an einem doppelten Leben, das solche Kinder zu führen pflegten: Eins gehört dem Bild, das sich die Eltern von ihnen machten, und das sie nicht zerstören wollten, — aus Furcht vor unliebsamen Szenen, — oder aus Mitgefühl. Das andre Leben gehörte ihnen und wurde um so unbeherrschter geführt, je größer der Zwang im Elternhause empfunden wurde. — .Bei dem Aufbau einer Familie, die von der Zeit uizd ihren Nöten wirklich gelernt har, muß das Autoritätsprinzip, ob cS nun von den Mann .oder der Frau in unbeschränkter Weise geübt worden ist, verschwinden, und die einzelnen Familienmitglieder müssen statt unter- und übergeordnet einem Gemeinschaftsgefühl eingereiht werden, das sie in gleicher Weise miteinander verbindet wie die Jugendlichen mit ihren Kameraden. Auch hier kann die Familie nur bestehen, wenn sie von dem Gefühl durchdrungen ist, daß jeder, — Mann. Frau oder Kind. — die Möglichkeiten ihrer Natur voll - ausschöpfen und entwickeln müssen, aber auch die Lasten miteinander teilen. Mag man auch heute geneigt sein, das Familienleben mit Skepsis zu betrachten und nur in der größeren Gemeinschaft das Heil zu sehen, so stammen doch aus ihm die größten und nachhaltigsten Werte. Gerade die schöpferischen Menschen sind zutiefst mit dem Elternhaus verbunden gewesen. Die Familie ist naturverbunden und besitzt daher auch eine unversiegbare Quelle von Kräften. Erst, wenn dem Familienleben neue und erfrischende.Luft zugetragen wird,-wenn man die Fenster öffnet, die nach draußen führen, werden unsere Kinder ihren Segen empfinden lernen. Mcla Samson. Das verwöhnte Kind Die ungewollte Sonderstellung der jüdischen Kinder in der heutigen Zeit bedingt eine äußerst schwierige Lebenssituation. Sie reagieren auf Umwelteinflüsse viel nachhaltiger als die Erwachsenen, da der Reifuligsprozeß noch nicht abgeschlosicn ist und daS Selbstgefühl erst allmählich ausgeprägt wird. Jeder äußere Schock zieht seelische Konflikte nach sich und leistet einer Entwicklung im neurotischen Sinne Vorschub. Sie hat eine gesteigerte Empfindsamkeit zur Folge, die mit Empfänglichkeit für neue Eindrücke gepaart ist, aber nicht genügend seelische Energien aufzuweisen hat, um eine reibungslose Verarbeitung des cinstürmenden Stoffes zu gewährleisten. Das schwankende Selbstvertrauen ist dem nicht gewachsen und schlägt in Unsicherheit um, die jedoch nach außen nicht gezeigt werden soll und dafür den Kampfplatz des Zwiespalts nach innen verlegt. Die Leistungssähigleit als solche läßt nach und zieht infolge des Rückschlags aus die antreibenden Kräfte immer weitere Kreise, so daß die Anforderungen der Realität nicht mehr bewältigt werden können und der Mensch lebensuntüchtig im weitesten Sinne wird. Durch eine vernunftgemäße Erziehung läßt, sich dieser anlagemäßigen Bereitschaft ein Widerstand entgegensetzen, der einen Ausgleich der fehlerhaften Konstitution ermöglicht und die Störungen auf ein erträgliches Maß reduziert. Allerdings muß damit schon in der frühen Kindheit begonnen werden. Es ist dazu nötig, dem Kinde seine Unbefangenheit zu erhalten und es nach Möglichkeit feine Erfahrungen selbst machen zu lassen, so daß sein Vertrauen auf die eigene Kraft nicht erschüttert wird. Seine Beziehung zu den Erwachsenen bleibt dann von selbst eine gute, da es sie nicht zu fürchten braucht und infolge der Anerkennung ihrer Ueberlcgenheit jederzeit Rat bezw. Hilfe von ihnen vorauSsctzt. Allerdings ist von Seiten der Eltern eine starke Selbstdisziplin * erforderlich, um vom Kinde nicht bei Inkonsequenzen und Widersprüchen ertappt zu werden, was gleichbedeutend mit einem Verlust des Vertrauens wäre. Leider werden die Grundbedingungen in der praktischen Durchführung noch immer viel zu wenig berücksichtigt, so daß sich recht häufig Störungen ergeben, denn das kritische Ueberlegcnheitsbedürfnis vieler Eltern, welches speziell im jüdischen Bürgertum zu finden ist. verleitet zu willkürlichen Aenderungen im Sinne ihrer persönlichen Ausassung. Am schwierigsten ist die Situation des Einzigen oder Jüngsten, da die Eltern sich auf seine Entwicklung konzentrieren können und eS infolgedessen maßlos verwöhnen. Seine oft sehr zarte Konstitution ruft eine übertriebene Besorgnis um sein Wohlergehen hervor und gibt dem betonten Familiensinn einen äußeren Anlaß zur Verweichlichung. Das Kind sieht sich auf Grund feiner Schwächen in den Mittelpunkt gestellt, was einerseits sein Minderwertigkeitsgefühl bewußt macht, andererseits seiner Eitelkeit schmeichelt und ihm die Aufgabe stellt, sich diese dankbare Position zu erhalten. Da es sich aber keine wirkliche Leistung zutraut und niemand versucht, durch eine Wechselwirkung von allmählicher Abhärtung und Stärkung des Selbstgefühls einen entsprechenden Ansporn zu geben, bleckst als einziger Ausweg die passive, zögernde Haltung. Infolgedessen wird eine Wehleidigkeit trainiert, um die Eltern dauernd in Aufregung zu versetzen und somit der sonstigen Verpflichtungen enthoben zu sein. Die Erledigung der realen Forderungen wird dagegen abgelehnt und ist durch keinerlei gütiges oder ermunterndes Zureden zu erreichen. Zwangsmaßnahmen haben ebenfalls keinen Erfolg, da ihnen ein passiver Widerstand entgegengesetzt wird, der oft durch scheinbares Wollen kaschiert ist. Praktisch äußert sich dies in einer leichten, körperlichen Anfälligkeit, speziell in Schwierigkeiten bei der Ernährung, und es kostet viele Mühe, diese Störnngen auf ein erträgliches Maß hcrabzusetzcn. Meist bleibt jedoch eine Neigung dazu bestehen, so daß der Fehler, der natürlich stets ans eine organische Disposition zurückzufüyren ist. bei besonderen Anlässen in der anfänglichen Stärke wieder zum Vorschein kommt. Der Eintritt in die Schule gibt den Anstoß zu neuen Konflikten; denn das Kind, welches zu Hause die erste Rolle spielte, sieht sich in eine Gemeinschaft versetzt, in der alle die gleichen Rechte haben. Es empfindet dies naturgemäß als eine Zurücksetzung und lehnt sich gegen den Unterricht auf. was Flüchtigkeit oder Ungeduld zur Folge hat und von Mangel an Ausdauer begleitet ist. Seine gute Intelligenz und leichte Aufassungsgabe ergeben aber trotzdem häufig eine Bewältigung des Pensums und können unter Umständen durch diesen Erfolg den Ehrgeiz anspornen, ein besonders guter Schüler zu werden. Seine Beziehung zu den Kameraden ist dagegen nie hervorragend, da es immer den Anführer spielen will und keinerlei Rücksichten auf andere nimmt. Außerdem macht eS, sich durch feine Empfindlichkeit und nörgelnde Befferwisierei unbeliebt, so daß es in dauerndem Streit mit seiner neuen Umgebung lebt und schließlich in eine zwangsläufige Isolierung getrieben wird. _ Eine ähnliche Entwicklung findet sich beim einzigen Knaben unter mehreren Mädchen und umgekehrt; denn auch hier spielt die Verzärtelung eine große Rolle. Häufig lehnen sich schon die Geschwister gegen diese ungerechte Bevorzugung auf und lassen den Jungen oder das Mädchen nicht an ihren gemeinsamen Spielen teilnehmen bzw. versuchen, es durch kleine Gehässigkeiten zu verletzen. Es kommt aber auch vor, daß sie die „Priuzen"rolle als etwas Unabänderliches hinnehmcm - und unterstützen, um davon selbst zu profitieren. Während das Kind im ersten Fall stets durch ein musterhaftes Benehmen im Haufe und in der Schule den Eltern zu gefallen sucht und den Geschwistern als gutes Beispiel vor Augen gehalten wird, schwingt es sich im anderen Falle zu einem Tyrannen seiner Umgebung auf und nützt seine Position weidlich aus. Es arbeitet nur. wenn es Lust hat oder einmal imponieren will. Im allgemeinen verläßt es sich jedoch darauf, daß ihm alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt werden. Das Fiasko stellt sich meistens erst heraus, wenn eine selb- »Leistung verlangt wird, da eine ernstrbeik unbekannt war und der wirkliche Erfolg nicht ohne ein zähes Einsetzen aller Energien zu erreichen ist. Von hier aus gehen Berührungspunkte zum ältesten Kinde. . Cs wird schon durch seine Stammhalter rolle zum Ehrgeiz getrieben, da die Eltern nur zu leicht seine Leistungen bewundern und diesen Stolz sogar in seiner Gegenwart äußern. Dadurch wird die Entwicklung von irgendwelchen Fähigkeiten nicht mehr als selbstverständlich angesehen und zu etwas Besonderem gestempelt, außerdem von den Obliegenheiten des Alltags, die ja jeder bewältigen kann, abgelenkt. Infolgedessen werden die Grenzen des individuell verschiedenen Könnens überschritten und elterliche Wünsche oder Maßnahmen nur dann berücksichtigt, wenn Belobigungen oder gar Geschenke zu erwarten sind. Der früher oder später einsetzende Mißerfolg macht die Unzulänglichkeit: der nur scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten gewaltsam bewußt und rust einen schweren Schock im Selbstgefühl hervor, so daß das bisher aktive Kind sich nichts mehr zutraut und unsicher wird. Da aber daS Streben nach Anerkennung weiterbesteht, wird eS aus den Widerstand verlegt und äußert sich in Trotz; denn die Vormachtstellung innerhalb der N. April 1935 Familie soll «cniastcnS aus diese Weise gchalieu werden. Vorwürfe und Tadel sind eine selbstverständliche Folge und verletzen das Kind, welches auf Grund seines Versagens schon heimliche Schuldgefühle hat, dauernd aufs neue. Schließlich wird jede Aeußerung der Umgebung als Angriff gewertet und entsprechend beantwortet, so daß eine ernsthafte Arbeit unmöglich ist, da wahrend dieser Zeit eventuell etwas übersehen bzw. übcrhörl wurde. Das Kind muß nämlich alles wissen, was in seiner Reichweite vorgeht und entwickelt eine krankhafte Neugierde, um die Erwachsenen zu entwerten— sie müssen. ihm ja alles sagen — und somit einen Ausgleich für seinen Ehrgeiz zu haben. Oft ist dieses Symptom mit einer Neigung zum Stottern verbunden. welches den gleichen Ausgangspunkt hat und in dem Augenblick cinsetzt, wo die überlegene Position bedroht ist. — In der Schule zeigt sich vor allem eine Konzentrationsunfähigteit, die mit einer Tendenz zur Zersplitterung gepaart ist und durch die häusliche Situation hervorgerufen wird. Undiszipliniertheit und mangelnde Selbstbeherrschung schließen sich an, werden außerdem vielfach von seiten der Eltern und Erzieher gefördert. Das Kind braucht dauernd eine Person, die cs antreibt, die Leistungen schwanken dementsprechend und seine Beziehung zu den Erwachsenen verschlechtert sich in gleichem Maße. Es versucht, zu lawicren, waS stets auf Kosten eines wirklichen Selbstgefühls geht, und bleibt mißtrauisch in bezug aus sich und aus seine Mitmenschen. Fließende Uebergange zwischen den drei geschilderten Typen sind ohne weiteres zu folgern, desgleichen daß alle angeführten Fehler auf der Basis einer charakterlichen Disposition zustande kommen. Sie lassen pch jedoch, wie schon oven angeführt, zumindestens rn eine für die Persönlichkeitsentwicklung unschädliche Form bringen, und es erscheint daher angebracht, sie durch entsprechende Erziehungsmaßnahmen zu bekämpfen; denn ein junger Mensch ist erst dann auf die Realität vorbereitet, wenn er in sich selbst die Kraft findet, äußere und innere Widerstände zu überwinden. Gerade ein Volk, das aus irgendwelchen Gründen unterdrückt wird, braucht aber den restlosen Einsatz aller Glieder, um seine Lebenstüchtigkeit zu beweisen. Herbert SiegimnuL Das unbeherrschte Kind Sehr lehrreich ist, wie sich Kinder in der Sprechstunde de8 Arztes verhalten. Die einen lassen ernst und gefaßt, wenn auch klopfenden Herzens, bei unangenehmen Handgriffen vielleicht auch mit einer Träne im Auge, die notwendige Untersuchung über sich ergehen. Bei den anderen dagegen wird die Visite beim Arzt zur Katastrophe. Schon vor dem Hause des Arztes oder vor dem Eintritt ins Sprechzimmer geht bei einem Teil der Besucher unter Protest und Geschrei jegliche Fassung derloren. Bei anderen wird ein erster Teck der Untersuchung. wenn auch unter ängstlicher Spannung erfragen, bis dann bei einem mit unangenehmen Vorstellungen verbundenem oder lästigem Abschnitt der Untersuchung, die mühsam bewahrte Haltung zusammenbricht. Der letzte Typ von Kindern steigert sich nach unseren Erfahrungen zu höheren Graden des Protestes, bei denen das Kind sich schließlich mit Gebrüll, mit Strampeln und Schimpfen am Boden wälzt. Solchen elementaren Ereignissen stehen die Angehörigen, wenn sie sich für alle Beteiligten überraschend erstmalig ereignen, ratlos gegenüber. Tränen der Mutter, die mit rotem Kopf hilflos, erschreckt ihrem Sprößling gegenüber steht, Drohungen mit schrecklichsten Dingen, die sich nachher „zu Hause" ereignen werden, Schlüge, die vom Kind zurückgegeben werden, und ein kleines bißchen Zorn auf den Arzt, der vielleicht doch mit schuld war, daß bei dem „sonst so braven" Kinde dieser Erregungs- ' sturm in Erscheinung trat, sind die Reaktionen von Seiten der Mutter und des Vaters. Nach öfterem Wiederholen des Ereignisses machen die Eltern, womöglich in Gegenwart des Kindes, darauf aufmerksam, was. jetzt bald passieren wird, und sie sind besonders überrascht, wenn.unter der Hand eines Arztes, der es versteht, der Untersuchung ihren Ernst zu nehmen, indem er aus der ärztlichen Visite ein kameradschaftliches Spiel macht, die ganze Prozedur mit stillem Vergnügt- . sein erledigt wird. Bei vielen, nicht bei allen dieser kleinen Tyrannen hört Toben und Brüllen aus, sobald die Angehörigen aus dem Zimmer entfernt werden, und Kind und Arzt sich als Mann au Mann gegenüberstehen. Kommt die Mutter, die ängstlich, die Klinke in der Hand, hinter der Tür gehorcht hat, wieder inS Zinimcr. so flüchtet sich das Kind allerdings erneut mit lebhaften Aeußerunaen seines Leids und seines Kummers an das Mutterherz. Dieses so sehr verschiedene Verhalten seiner jungen Patienten wird der Kinderarzt aus mannigfachen Gründen mit Sorgfalt registrieren Meist sind es einzige Kinder, die so reagieren' Sorgenkinder, solche, die im Mittelpunkt des Interesses ihrer Eltern stehen, aber auch gescheite, phantasiebegabte Kinder neigen zu dieser Protestaktion, Daboi ist es mit der inneren Sicherheit .der Kruder 'oft schlecht bestellt. Mit Prahlen und Großschnäuzigkeit, die solche Kinder auch sonst oft im Leben zur Schau tragen, und die einzelne bis - vor den Schreibtisch des Arztes nicht verläßt, suchen sie sich und andere Über die Nöte der wenig fundierten Persönlichkeit hinweazutäuschen, bis unter Verzickt auf jedes Schamgefühl Erwachsenen und Kameraden gegenüber das Kartenhaus ihres Selbstgefühls klüglich zusammensällt. sehnlich hemmungslos reagieren dann noch die geistig zurückgebliebenen, blöden Kinder, die in - Z^r Gecktesarmut keine Kritik in einer urigewohnten Situation aufbringen können; von diesen Kindern aber nicht weiter die Rede sein - Beherrschtheit ist eine Eigenschaft, deren Besitz . schon im KmdeSalter für Wohl und Wehe von entscheidender Wichtigkeit ist. Es sei nur aus Folgendes hingewiesen: Ob ein Kind beherrscht oder unbeherrscht einer Krankheit gegenübei.tritt. ist für den Krankheit?- ablauf und Krankheitsausgang von weitgehendster Bedeutung. Unbeherrschte Kinder sind vor allem bei schweren, langdauernden Erkrankungen Sorgenkinder. Der Arzt wird die Aussicht auf Heilung und Genesung bei Patienten, die sich hemmungslos ihrem Leid hingeben, bei denen die Ausführung jeder ärztlichen Verordnung mit Weinen oder Disput verbunden ist, die in steter Unruhe die meist nervösen und ängstlichen Angehörigen plagen, um viele Grade schlechter einschätzen muß als bei einem Kinde, das ruhig und beherrscht sein Leiden und die damit verbundenen unangenehmen Maßnahmen erträgt. Aber auch in Tagen der Gesundheit wird das Schicksal des unbeherrschten Kindcs sich nur selten. glücklich gestalten. In der Unbeherrschtheit liegt die Wurzel manches seelischen Leidens, das nicht nur im Kindcsaltcr Schwierigkeiten bereitet. sondern das weit ins Erwachscncnalter hcrübcrgctragen wird. Erst nach manchen trüben Erfahrungen wird die reisende Einsicht Mann oder Frau zwingen, späte Erziehungsarbeit an sich selbst zu leisten, um die vielen Konflikte zu vermeiden, denen der Unbeherrschte immer wieder auögesctzt ist. Was in jungen und jüngsten Jahren an Beherrschung nicht gelernt wurde oder . verloren ging, muh mühsam später neugelcrnt werden. Für das Kind tommt, nicht anders als für den Erwachsenen, hinzu, daß der als unbeherrscht bekannte in der Gemeinschaft meist eine schlechte Stellung hat. Unbeherrschte sind die Störenfriede beim Spiel, die lauten Besserwisser und Protestler, oft die Tyrannen junger Spielkameraden. Unbeherrschtheit _ mag manchmal Temperamentsache sein. Weit öfter ist aber Unbeherrschtheit Folge von Fehlerziehung, falscher Einreihung des Kindes in die Familie oder Nachahmen eines üblen Beispieles oft nächster Angehöriger. Angst, Unterbindung des Selvstbewußiseins, zu starte Bindungen an Erwachsene, meist an die Mutter oder an eine Pflegerin, und anerzogene Unselbständigkeit sind die häufigsten Wurzeln, ans denen zunächst innere Selbstunsick-erheit und dann — als fehlerhafter Versuch, für die Schwäel-e einen Ausgleich zu schaffen — die Unbeherrschtheit erwachsen. Mit der Erkenntnis der Erziehungsfehler, aus denen die Unbeherrschtheit entsteht, sind die Möglichkeiten aufgewiesen, durch die der Eintritt dieses Fehlers vermieden und der vorhandenen Fehler — wenn auch mühsam — geheilt werden kann. Schläge, Schimpfen, strafen sind hier wie bei den allermeisten Erziehungsfehlern schlechte Kilverfahren. Hebung oder Erneuerung des verlorenen Selbstbewußtseins (es würde zu weit führen, über die hier gegebenen Möglichkeiten zu sp::ecl)en), Lösung von zu starken Bindungen an die Mutter, Erziehung zur Selbständigkeit durch Vermeidung von Verwöhnung und allzu große Aengstlichkeit ' von seiten der Erzieher. Vermeidung oder Auslöschung von Angstzustanden und Angstvorstellungen, wobei oft die führende Hand oder die Aufklärung der Situation durch einen in der , Kinderpsychose erfahrenen Arzt nicht zu entehren sein wird, können dazu beitragen, die Unbeherrschtet zu bannen. Auf den Nutzen deS Sports, insbesondere deS. . Boxens Md, beim älteren Kinde deS Fechtens sei als wertvolle Anter-