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Central-Verein-Zeitung · 1935-04-11 · 15 (11.4.1935) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
15 (11.4.1935)
Date
1935-04-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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brr Crr.^iililcr. nli solcher nicht nach Gebühr gewürdigt, wird, auch wenn er nnr spannend unterhalten ivill, norl) ilnsretivillig zum Dichter, dem Tiefen wie lteistische Gefühlsvcrwirrungcn zugänglich find. Die Musil und das Militär, die Komödie und der pos des alten Oesterreich geben diesem Buck) eine Patinafarbc, die doller Grazie und Morbidezza schimlncrt. Lutz WeUmnnn. <ä>y$Zv<?'uL-Vv W (;^Wws, Im Verlag Die Runde. Berlin, erschien 193-2 eine Schrift,' die Aussehen erregte: „Der Dritte H u m a n i s m n *" lum Lothar •V> c Mi i ii fl. ~ Kuntdgcbuug einer deutschen geistigen Bcn'egnng. wurde sic zugleich Programm des Berlages. Danon zeugen jetzt. neben der 3. Auflage dieser Schrift. eineReiye schmaler Bücher wie „P o l i 6" von H r inri rij e i u st o rf, „c t e s a u G e o r g e. Deutscher und Europäer" von A r v i d B r v d e r s e u. „B o in S eh i cl s a l des d e u t s >ch e n Gei st e s" (1. Folge; Die Degegnung mit der Aniilel. „bkeden mn ZlNitterimstst", herausgcgebeu von W o l s g a n g F r o in - in e l (Lothar Heltnug). Wir berictiten über diele Grjcheinungen wegen ihrer Bedeutung für das deutsche .Uulturtcben, ohne selbst Stellung zu nehmen. Als verwirltichuugSuahes Wunschbild umreißt H e l b i n g den ..Dritte n H u in a n i s m u e" allseitig in seiner Schrift, stark auf das staatliche gerichtet in seiner Bede: „Der Dritte H u m a u i S m us a l s Aufgabe unserer Zeit." Stofs. Bild, Ansdrnel strömen ilun zu. alles flieht lebendig. Festlegung ist seine Sache lauin. t'vitr it]n ls! vnntauismns ctiva die geistige Ba'weguug zur ..Befreiung und Sicherung des al'eudländi scheu Nlensclien". die „geist-leiblich Harmonisch" ihn zur Gestalt zu bilden strebt, nach dent borbildlichen Vorgang der griechischen Autile, Es gellt iintner um den ganzen Menschen, seine organische Stellung im Gesamt wie im All. nie um technisch-soziale Zielsetzungen. Der erste Hiiinanisinns, im IG Ia>>rliiuidert (Erasmus). hat voni Wissen her. der .yveite Humcinismus der deutschen Klassik (Goethe) von der Kunst her das Gewicht in die menschliche Bütte verlegt. Leiter verdarb, dieser versandete. Aber, sagt Heilung, ein dritter Humanismus kündet sich an, der die gültigen Maße sucht in allen geistigen Bereicheiü im Religiösen. Erzieherischen. Staatlicheii. um sich im einzelnen und endlich wieder im Staat zu verwirklichen, „der höchsten irdischen Ordnungssorm. in der eilte Einheit Vollhafter Art und geistiger Haltung atif die Datier sich darstellen kanii." Jeder echte Staat, ebenso fern von Erstarrung nue von allmnsasienden Wohlfahrtsirebeit, ioachse seiner eiiunaligetl Gestalt zti. einen „göttliclien Auftrag" erfüllend. Was den aniikcn Menschen ausgemacht habe, sei auch im Deutschen zu westen. Bei deit Ursprüngen müsse angeknüpst werdet!, namentlich da. „wo ein Volkstum überhaupt zu einiger Bedeutttug heranwächst. in der eigenen Sprache". Dichtung', die nicht Spiel sei. sondern Beschwörnng. schlage ..die heilige Brüste zwischen dem Grnnd der Welt iind der Enizelseele". sie enthalte auch die echteste, ..die. mythische Wirklichkeit des Staates". Vieles von Heilung hier nnr Berührte wird von anderen erhellt. Die (im Rundfunk gehaltencn) M i t t c r n a ch 1 s r c d e n beginnen mit einem Blick ans den Urmenschen in deutscher W i e d e r e r i n n e r n n g < Albert Borso): „Vor dent lonnderbar vertieften Hintergrnnde des llrmenschen erscheint das hellenische Bild in neuem Glanz." Worte wie „staatliche Mhstik", „göttlicher Auftrag" öffnen ihren Sinn, wenn wir „Schell ing und die Philosophie des Mhthos" und den „Durchbrtlch zum antiken Mhthos" Icfcn; dort: „Die Götter sind es, die sich ihr Volk erschaffen" lI. G. Greinen. hier: ..Der Mythos ... ist nicht ans dem Volk und seiner Kultur erwachsen. WhNW / WmMiKatlNsM sondern hat das Volk selbst erst geschaffen als die große Formnngsnnd Einignngsgelvalt. ohne die keine echte Gemeinschaft geboren werden kann" (W. F. Otto). „Das Vaterland in der Dichtung Hölderlins" von Arnold Bergsträsser lässt den Dichter sehen, dem „Germanien" ersteht „als neue Tochter der heiligen Grde, anders nnd doch verwandt dem Göttlichen der hellenischen Vergangenheit." Bei Jakob Burckhardt liegt mit dem Humanismus der Historismus irr Streit (Rudolf Stadclmann). „Ist i e st s ch e und die P h i I o f o p 1) i c i nt tragischen Zeitalter der Griechen", der Beitrag I. I. Ruedorfsers. zeigt, wie Nietzsche die Aiitilc gesehen hat: als „in sich gespannte Einheit des Apollon Mid Dionysos". Eine neue Verschmelzung vollzieht sich, nach Fritz llsinger, ,M lassischer G e i st u n d Wirklichker t", in Stefan Georges „Wissen lim den Sinn der Weltstunde: das; nämlich, nach ciiient Jahrhundert der Aufspaltung . . . Gott und der Stoff ivieder zilsammeiigeführt iverden tnüssen, nnd daß der Ort ihrer Einung die Gestalt ist". In „Friedrich il it d R o n s s e a n" stellt .stark Sclnnid „.stunst und Natürlichkeit als staatsbauende Wirksamkeiten" gegenüber. „A n t i k e und .st l a s s i k in der M u s i V von Gerhard Front inel, ,.D e n t s ch e s und antikes D r a in a" von .stark Neinhardt gehen der Beziehung z»m Altertum nach. Reinhardt beschränkt ans Goethe (..Iphigenie". „Helena") nnd st lei ft („Guiskard"). Das staatliche Vorbild steht in der Frage bei Waldemar Gras Urlnll-Ghllenband: „V o n S Part a s U n t e r g a n g": cs ist ein Gegenbild. einseitige störperausbildnng führt zur Veruichtiing, „weil sie glaubten, den Geist, der wandelt nnd iiinbildet, entbehren zu könncti". Diese Rede berührt sich mit dein Buch von H e i n r i ch W c i n st o ck : P o l i ö. Hier wird, „der griechische Beitrag zu einer deutschen Bildung herttc an Thulydides erläutert", durch llebertragung näinlich und Aiislcgiing ivesentlicher Stücke des Geschichtswerkes.. Dies zu bcgründcn, dient der größere Teil der Schrift: Er- Ziehung, notwendig für den Staat nnd ihm ansgegeben, laste sich nur durch wahre Bildung verwirklichen. Bloßes Zweckwissen habe dazu geführt. ..daß die Wirktichleit eutgeistet. der Geist riitwirklicht worden ist." Das abstralte Bildungsideal des zlveiten Humanismus freilich. Vollendung der Individualität, habe zur Vereinzelung geführt, zwar sei der Mensch wieder als Grundkraft des geschichtlichen Lebens begriffen, die Person aber sei aus ihrem Boden gelöst worden. Echte Wissensbildung wende sich gleichfalls an die geistigen (Ordnung wirtenden) Mächte, meine aber den ganzen" Blenscheu in seinem Daseinsgrimde. wie die recht verstandene Pnidcia. Der Grieche, in seiner klassischen Zeit, habe im Einklang gelebt mit der göttlichen Ordnung. die seine staatliche Gemeinschaft, die Pvlis, ihm verkörpert habe. Jur den Deutschen sei. bei der Sähaffung der eigenen Palis, des heiligen Reiches. kein Beispiel so aufschlußreich wie Athen. Auch im gültigen Wort habe hier die Polis Gestalt angenommen. So diene das Werk deS Thukydidcs. voll „gläubigen Blutes vor der Wirklichkeit", politischer Bildung. Ihm entnimmt Weinstost solcl>e Bilder: „Die Polis", Athen, höchstes Herrschaftsgebildc, „das allen lebendigen Mächten nnd strästen des Volkes ihre lebendige Entfaltiiug geivährt", mit bem Gcgenbild des spartanischen Staatsabsotutismns. der „das Leben der .stultnr abgewürgt, darum aber' den Staat doch nicht gerettet hat." „Ter FüYrer", Perikles. „besistt die höchste straft der Einsicht, der Uebcrzengnng, der Treue zu seiner reinen Sache, die die Sache des Volles ist." „Verfall" tritt ein nach seinem Tod. sittlich-politische Erkrankmig. „Der Verführer", ^llkibiadcs, der „znnt Iührer . . . begabt, sich nicht ganz zum Iührer verpflichtet", muß fdjcilcvn, weil „dauerndes Vertrauen nnr einer echten politischen", leßtlich auch ^religiös sittlichen Eristenz" zuteil wird. „Das Ende": Zusauiincubruch. Aber überzeugt, daß die Stunde der gegenwärtigen deutschen Weltzeit „die der Erneuerung verfallener Polis" sei, Platons Stunde, behandelt Wcinstost noch die geschichtlich gescheiterte, geistig geglüelte „Wiederherstelliuig der Polis durch Platon". Er erivartet. daß so aiisgerichtet, sich endlich verwirkliche: „mit der Versühnung von Biacht und Geist die deutsche Polis". Der glcici,cn geistigen Beivcgnng znzurechnen und gleiclieriveisc der deutschen Zukunft zugewandt ist die Betrachtung des jungen Norwegers A r v i d Brodersen: Stefan George. Deutscher und Europäer. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt, haben Helbings DarstcUnng in ihrer glänzenden Vielfalt etwas Bestechendes, Weinstosts in ihrer starren Strenge ctivas Bezwingendes, Brodersens in ihrer kühlen Klarheit und Gelöstheit etwas gjiIIIII!II!ri!IIIlrill!I!lllI!lIIlIlII!ll!!lll!l!Il!IlIllIHII!!I!Hl!!!lll!lIIIIIllriU Regenlied üdc, stille Rcgcnliedcr Singt die Nacht uns bang und viel, Tausend kleine Pcrlcnbrüdcr Steigen auf die Erde nieder " Als ein Rauschen, leicht und kühl. J^lankcr Asphalt spiegelt wider Jeden Lichtschein, der ihn traf. Kleine, stille Regenlicdcr — Immer leiser, immer müder Singt die Nacht uns in den Schlaf. Rolf Radlauer lllllllllllllllllllllllillllllllllllllllillilllllllllilillllliillillllllllüllllllllllllll UeberzeilgciideS. Sein Verfahren erseiiließi. durch lvechselseitige Belicl)tirng. eine Gesinnung nnd eine Gestalt. Der Dichter, in Erscheinung und Werk, ioird deutlich gerade in so bcgronzlcr Sicht. Die an ihrem beispielhaften Träger erläuterte Gesilimlng aber heißt nicht einseitig mehr Hmnanismus. sie wird vielmehr zurüstgesührt ans zwei Wurzeln. Die Entdestung des Volkstums durch die deutsche Bomantik scheidet sich, als Geburt des Völkischen aus nordischem Geiste, von der Entdcstnng der Antike durch die deutsche Klassik, der Geburt der Uebervölkisch-Europäischen aus südlichem Geiste. Es sind „zwei ungleiche ,Funktionen" einer Lebenskraft. . „Völkisch und zugleich übervölkisch — die Zormel für das giitc Europäertum." Goethe, der beides vereint, war dennoch „ein großes Umsonst"; nach ihm cntzivcien sich vaterländischer und weltbürgcrlicher Sinn. Nichsche findet den Süden, den Weg zur Heimat zurück geht erst wieder George. In seinem Wesen, in seiiier Entwistlmtg weist Bcodorsen die deutschen Züge ans und die überdcutschcn. Er verfolgt im Gedicht die Answirkung des Nahen, die Abneigung nnd Einbeziehung der Weite Deutschlands. Eitropas, der südlichen fremde, und die . lltüstlehr in eine größere Heimat, wo dem Dichter „dies lehtc zu tun" bleibt: „Im Innern das werdendc Reich zti gründen." Georges ganzes Wir- SdUü sj Liv ü der Lficär, rtasisSor füurKi'.crA fcn. heißt cs hier, stehe tm Dienst der brutfdjcir Gestaltwerdung: daß die Deutschet; klmslig. erfüllt und ohne Zern sucht, um ihren eigenen inneren Süd kreisen", „das ivirkltche -verzvolk Europas". Bildschasscndcr Drang, wie der Dtstücv selbst ihn verkörpere, vertnöge sogar Gegenlraile durch Einbeziehung zu bannen, die auf deutsc'ie.n Boden hciinisch geivordenen .Plcnßcrstcn allzu nördlicher und allzu südlicher Art. -vier wird auch jüdisst;er {yrennbe des Dichters gedacht. BUt einem Ausblick auf das Meer, das „Schicksalsinotiv in - Georges Dichtung", schließt diese .Ilbhandlnng nach Art eines Versuchs". Sie ist gehaltrercli. von nobler Haltung und voll herber Anmut, unter me diesen wertvollen Schriften scheint sic uns die schönste. __ m MUM WM M m Das neue Werl des bekannten Graecisten Werner Iaeger heißt „Paideia". behandelt die „lIormniig des griechischen Menschen" und geht außer den fachmännisch Interessierten auch uns an. zumal es eine Leistuiig npn allgemeiner Bedeutung ist. Das darf uian schon je(;t getrost seststellen. obivohl erst der erste Band erschienen ist (bei Walter de Gruhter & Go.). Dieser Land umfaßt Ausbau und Krisis der griechischen Bildung im Zeitalter des heroischen und politischen Bcenscheu, nämlich in der frühen und klassischen Periode des griechischen Volkes, nnd endigt mit dem Zusammenbruch des attischen Reiches. Ter zweite Band soll die geistige Rcstauration in dem Jahrhundert Platos. ihren Kampf um Staat und Bildung und den Wandel der griechischen Kultur zur Weltherrschaft darstellen. Ausdrücklich schreibt Iaeger dies Werk nicht nur für die gelehrte Welt, soudcrn für alle, die im staiupf unserer Zeit um den Bestand rinserer Kultur wieder den Zugang zum Griechentum slrchen. Darum steht nicht das wisteuschastlich. sondern das lebensmäßig Wichtige im Vordergrund: die Zormnng des Adelsideals der Zrühzeit. Homers erzieherische Mission, die politische nnd sittliche Aufgabe attischer Bildung, kurz Paideia. die Erziehung des Btenschengcschlechts. die Iormung des griechischen Bcenscheu durch den griechischeir Geist. Mit welcher Leidenschaft, mit welcher Kunst und mit welch universalem Wißen und Lichhmeinfühlen Iaeger die Iormung des griechischen Menschen vorträgt, das ist gar nicht genug zu rühmen, lind er tut es keineswegs nur als Historiker und Philologe, durchaus nicht prosessoral. sondern eben auch selbst als Erzieher, als Blcnschenbildner. mit dem dringlichsten Bezug aus die Gegenwart und ihre Strebungen: „Ter Grund unseres Zurückgehens lzum Griechcntuin) ist inlmer das eigene LebensbedürfuiS." So erscheint der Grieche von Homers Achill bis zu Pindars Adclsidcal als der Prototyp des Heroischen, der spartanische Staat ols Prototyp des autoritären Staates. Ist nicht olles Gute und Schöne, wovon unsere Kultur erfüllt sein kann, den Griechen zn danken? „Der Begriff der Natur, den sic ldie Griechen) zuerst geprägt staben . . sagt Iaeger einmal, oder: „Der Grieche ist der Philosoph unter den Völkern." Oder: üudcu Ephraim. „O, pfui, wer seinen Umgang wollte richten mich detn äiißcrcn Rang! Von Vorurteilen sich nwllte fesseln lassen nnd mit denen prangen! Der einzige Stolz, den ich habe, der ist, frei sein von ihnen: — mtb der schon nuf anderen Wegen seinen Vorteil sucht, als in der heiligen Uebcrzeugung seines Gewissens, der ist nicht mein Geselle." Am nierkivürdigsten ist, was sic über die I n d c n g a s s e sagt. Sic sah hindurch durch das Pittoreske, den Schinnß, nnd das Elend. Sie i st der c r st e M c u s ch g e - wesen, der das Ghetto als soziales P r o b l c in g e s e h e rt h a t. Sic unterrichtet Goethe über die Versuche, die ein christlicher Philantrop M v l i t o r mit einer Schule macht, die von christlichen und jüdischen Kindern geineinsam besucht wird. Sie hat mit ihm eingehende briefliche Anscinandersehnngen über die neue Inden-Stättigkeit. und den Kamps, den Israel I a c o b s o h n in Eingaben und Ilugschristcn dagegen führt. Goethe ist recht ablehnend. Bettina hält ihrn den Widerpart, so gut sie kann und sucht ihn auch für die Zeitschrift Sulainith zu interessieren, die die Inden ihr „als ihren Protektor und kleinen Nvthelfer" verehrt hätten. Im Brieslvcchscl mit einem Kinde führt sie ihren Staudpnnlt naher atis. Tie eigentliche Iundgrube für Bettinas Stellung in der Illdensragc sind aber die Gespräche mit Dämonen, wo sie Iran Aja mit Fürst- PrintaZ. Pfarrer tlnd Bürgerineister seltsame Unterhaltruigcn führen läßt, ^ran Aja legt sie dabei in den Mund, ivas sie selbst benft. Es können hier nur kurze Proben gegeben werden, die den reichen Inhalt nicht annähernd ausschöpfen. „3hm wie wollten Sie cs tnachett mit den Juden?" „I ch wollte erst in c n s ch l i ch in i t ihn em reden, das i st bisher n i ch t geschehe n." „Wenn ich . . . und sie obendrein, tanzen, fechten lernen lasse — ^Naturwissenschaft. Philosophie, Geschichte — alles waS sie wollen — Wa8 würde dann daraus werden? — Der Jude ließe sich doch nicht verleugnen." — „Was ist denn da zu verleugnen? — Auch im Juden liegt die Offenbarnn g seiner Eigentüinlichkeiten, es ist nicht die Rede, diese a u s z u r o t i e n. vielmehr sie iviederz u g e b c n in lichteren Farben'. . ." An: verblüffendsten für ihre Zeit ist aber folgendes: „Sie w ü r d c n also d i e I u d e n n i ch t b ek e h r c n wolle n?" „N ein, aber sic bewegen, die Wahrheit zu erlciincu." „Ist denn das Ghristeutmn nicht die Wahrheit?" „Für den Primas, aber nicht für den Nab b i." Blau vergleiche hiermit den Brief, in dem R a h e l jüdischen Freunden sorgliche Ratschläge für die vorznnehnicnde Taufe gibt, nnd jedes iveitere Wort erübrigt sich. Auf den Einwand: „das jüdische Volk scheint aber von jeher, sogar bis heute den reinen Blick für das Höhere int Bietifchen nicht gehabt zu haben, der alte Rest seiner plumpen Saßnngcn würde sonst von selbst von ihm abgcfcrllcn sein", läßt sic erividern: „Das Anrecht freier Entivicklung seiner gesunden Anlagen kann tun keiner Boransscßnng willen einem vorcnthalten werden, noch weniger ist es denen abznsprechen, deren Natnranlagen nicht in heiteren Lebensbächcn dahinzuranschen vergönnt ist. Gebt erst Luft, wie bald lvird dann Licht lctichten! —" Diese Flamme! — diese einfache hinunelreißende — Natur nnd Welt dnrchgrciscndc Flamme sie lodert auch im Iinlcrn des Juden, es vcrinag in den Abgrund des Denkens und Fuhlens sich zu vcrfenfen: int Bann der Erniedrigung, aus dent er sich aufschivingt." Die Proben ließen sich vervielfachen, das Gebrachte genügt, zn zeigen, wie tief diese Frau tu das Iudcnproblcm eingedrnngcn war. Ztveierler hat sie gesehen nnd erkannt: das soziale Problem, N'ie Leuten, die voll der Mehrheit abgelchnt ivurden. Lebensrannt zu schassen sei ttnd, daß die Taufe nicht die crstrcbensiverte Lösung sei. Hiermit steht sie in ihrer Zeit fast allein. Wie sie heute tirtclleu würde, ist schiver zn sagen, jedoch: Weder das Wort noch der Gedanke der' Assimilation finden sich bei ihr. Vieles von dem. was sie für die Juden erstrebt hat, ist Tatsache geworden und dann wieder geschwnitdeu. Wir stehen heute in der Zeit der Rückschau und Selbstbesinnung vor der Tatsache, daß die Löstmg tticht erfolgt ist. Man kann fragen, ob nicht das Versagen eines so großen Teiles gerade der geistig und lvirtschastlich Prominenten der ersten Generation hier einen Teil der Schuld trägt. Ter Bekehrnngswilt ist nicht hinreichend Widerstand geleistet worden. Lctztcti Endes lag doch ein Bcangcl an Gemein sinn vor. Tic Frage ivnrde unter dem Gesichtspunkt des individncllen Fortkominens und der individuellen Sicherheit gelöst. Mau tue sie das Leben von Gans und Heine, Don Nahe! und Börne, von Abraham Blettdelssohn und vieler Prvntinentcr jener Zeit an dem Marimc stanis: „Handle so, als ob die Blariine deiner Handl'uiig durch deinen Willen zum allgenteinen Naturgesetze iverden sollte." Was Bettina vor ihnen voraus hat, ist das Bedacht sein auf das Wohl anderer, das Hineinversenten in das Schicksal einer Gemeinschaft, die nicht die ihre war Sie hat vieles gesagt, an dem sich der Jude auch heute noch aufrichten kann. Sie gehört zu der kleinen Zahl großer Frauen, die Deutschland hervorgcbracht hat. Gern würden mir Juden wünschen, auch eine große jüdische F-rau zu besitzen.' die als Jüdin uns teures Vorbild sein lönnte. Tie cs hätten sein können, haben versagt. Was Rahcl gefehlt hat. hat Bettina besessen, was bei Bettina freie Steigung ivar, hätte Rahel Aufgabe und Pflicht sein können. Der erste Jude während der Emanzipation, den seine Zeitgenossen und auch die Nachgeborenen als deutschen Dichter gelten ließen und bczeichneteu, war Ephraim Moses K u h aus Breslau, wo er 1731 als Sohn eines reichen und srvmmen. Kaufmanns geboren .wurde. 3tach dem Wunsch seines Vaters wollte er Schriftgelehrtcr und Rabbiner werden. Aber sein Lehrer im Talmud pflanzte den Geist der Aufklärung in ihn ein, so daß der Jüngling fein Augenmerk vom Religiösen ab- und dem Weltlichen zuwandte. Er wurde Kaufmann — zuerst in dem Woll- - und sonstigen Warengeschäft seines Vaters, dann in dem Bankgeschäft seines Berliner Onkels Beitel Ephraini, des Porzellan- und Münzsaktors Friedrichs des Großen. Und schließlich widmete er sich ausschließlich der Dicht- und Lcbenskunst, worin er es zu einem problematischen Grad und Rang brachte. Tie deutschen Juden des 18. und auch schon des vorhergehenden Jahrhunderts waren durch ihre allmählich immer mehr hervorstechende Beteiligung am Wirtschaftslebcll zum Teil dem Ghcttozustand eutivachsen. Zuerst begann voir alledem die Besonderheit der Sprache zu weichen. Die wcltläusig gewordenen Iudcti lernten das Deutsch der gebildeten Stände. Das schlug die erste Bresche in die ohnedies nicht mehr hohen m.b dichten Ghettomanern. Mit der deutschen Sprache drang der deutsche Geist, mindestens aber der Zeitgeist — nnd dies war der Geist der beginnenden „Aufklärung" — in die Judengemeinden ein. Wenn mm da in Breslau ein Jüngling aus reicher Familie ansing, atlS innerenr Drang die deutsche Sprache zu lernen, seine Fortschritte in ihr durch Versc-rtigung von Versen zu beweisen, so war das eine Art von Seiltänzerarbeit mit überaus großer Absturzgefahr. Es galt sich also zu sichern. Zu diesem Zweck begnügt sich der Jüngling nach seinem Erfolg in der deutschen Sprach- Übung nicht mit dem Deutschen; er lernt — immer auf dem hohen Seil balancierend — gleich auch Französisch, Englisch, Italienisch. Und nun liest, liest, liest er. Gestern noch auf der Schwelle des Ghettoarlsgangs stehend, findet er sich heute schon auf der so erstaunlich anderen Schwelle, über die er in eine ihm grenzenlos scheinende Welt des Geistes und der großen Geister eintritt. Welch ein Sprung aus einem psychischen Klima ins andere! Er müßte ein Riese sein, ein Riese an Herz und Verstand, um diesen jähen Wechsel zn bestehen. Ephraim Moses Kllh war das Gegenteil davon. Er wurde im Hand- und Buchumdrehen ein echtes Kind seiner Zeit, spielend mit den wirklich oder scheinbar großen Gedanken, die in der Lust lagen und spielerisch auch in seinen persönlichen und privaten Gefühlen. Dieser „Erste" bezahlt das ihm gewordene Schicksal mit einer Art von Selbst-

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