Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 15 (11.4.1935)
- Date
- 1935-04-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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JSo wurden sie die ersten Schöpfer jener klassizistischen Theologie des Geistes, alS die man den Humanismus dieser Prägung charakterisieren konnte." Demgegenüber erlösche die kulturelle Bcdcu? lung des vorhcllenischen Orients. Denn der Orient sei zunächst ohne Empfinden für Wert und Würde des Individuums, mit einem „uns fremden metaphysischen Empfinden", Gesetze zwar schaffend, doch nicht das Gesetz suchend, das in den Dingen selbst -wirkt, und entsprechend lebend und denkend, über- Haupt nicht eigentlich bedacht und bewußt erzieherisch. Bor allem aber und über die Entdeckung - des subjektiven Ich hinaus unterscheide sich der Grieche vom Orientalen durch seinen Humanismus. das Wort im strengsten Sinn als Erziehung zum eigentlichen Menschsein, seiner wahren, idealen - ftornt genommen: Paideia. So wird endlich Kultur bei Jaeger ein nur griechischer und nur auf das Griechentum und seine Nachfolge anwendbarer " Begriff, während, was .Aegypten. Babylon. Indien, das Alte Testament, selbst das China des Laotse und Konfutse geschaffen, mit diesem Wort noch lange nicht zu bezeichnen fei. Ten Grund dafür zu finden, gehe man „wohl am besten von der rassemnäßigcn Formanlage des griechischen Geistes aus/ Dieses Wort „Rasse" erscheint bei Jaeger mehrmals wie hier in der prinzipiellen Einleitung zur „Paideia", manchmal beiläufig, immer eigentlich - unvermittelt. Aber die Unerklärlichkeit der griechischen Besonderheit wird leider nicht geringer, wenn man sie eine angeborene Rasseneigentümlichkeit nennt, so wenig wie in der Mathematik die Unbekannte dadurch bekannt ist, daß man sie „x" nennt. Die Rasse der alten Griechen ist tatsächlich eine große Unbekannte, aber wie wenig man auch davon weiß, eins ist gewiß: man kann das Griechentum nicht gegen den Orient stellen: sowohl in der rassenmäßigen wie in der kulturellen Zusammen- . setzung des antiken Griechentums sind die orientalischen. wie hundertfach ausgcsührt worden ist. die stärksten Elemente. Wie Kleinasien, besonders das des Alten Testaments, so hat auch Griechenland für den Westen und Norden immer den „Orient", für den Osten und Süden immer „Europa" bedeutet. Davon abgesehen, ist es nicht notwendig, die Rolle des Orients in der Erziehung des Menschengeschlechts zu einem Ideal der Mcuschlichleit, die man mit gleichem Recht Humanismus nennen muß. zu verteidigen und auss neue zu diskutieren. Doch es erscheint uns notwendig, auch die beiläufigen Aeußerungen eines Mannes wie Werner Jaeger in einem Werk wie diesem zu erwähnen, dessen sonstige Bedeutung über aller Kritik steht. —cb. An§ LrrDüüMti drS EchsckenÄerlWs Hermann Cohen: Der Nächste. Vier Abhandlungen über das Verhalten von Mensch zu Mensch nach der Lehre des Judentums. — Martin Bubcr: Des Baal-Schcm-Tow Unterweisung im Umgang mit Gott. — Moritz Jabel: Der Sabbat, sein Abbild im jüdischen Schrifttum, seiner Geschichte und seine heilige Gestalt. Bon Hermann Cohens vier Abhandlungen ist die erste 1888, die letzte 1914 entstanden, und der Bank-Schein, der Gründer dcS Chassidismus. ist 1760 gestorben. Ist es notwendig, heute aus so verschollenen Zeiten — und Cohens Zeit ist heute säst noch verschollener als des Baal-Schem Zeit — Literatur zu yeben, auszugraben, zu verbreiten? Darauf ist zu antworten, daß cs in beiden Schriften nicht um Literatur, sondern um das nahe, harte, schwere Leben geht, und nicht um Verschollenes, sondern um bitter und unentrinnbar Aktuelles. Hermann Cohens vier Stücke über die Nächstenliebe im Judentum — geschrieben als Aufsätze, Anmerkungen und (das Kernstück) als Gerichtsgutachten für einen Prozeß um die angebliche jüdische Erlaubnis, „die Gvjims" zu betrügen — enthalten alles wichtige Material zu dieser Frage, und zwar in wesentlicher, gültiger Formulierung. Die jüdische Tendenz, die Hermann Cohen hier klipp und klar herauöstellt und die heute erst recht klargemacht und betont werden mich, lautet etwa: Da wir Juden wissen, wie es den Fremden — richtiger, wenn auch noch nicht populär BuberS Uebersetzung: Gastsasscn — zu Mut ist, da wir selbst Gastsassen in Aegypten waren, heißt — wieder in Anders Formulierung — die Richtung, die uns von der Bibel an bis heute und morgen , bestimmt ist: „Sei liebend zu deinem Mitmenschen als zu einem, der wie du ist — ihr kennt ja die . Seele des Menschen, dem cs nottut, daß man liebend zu ihm sei, denn Menschen seid ihr ulid ■ leidet selber die Menschennot." Man sicht, cs handelt sich bei Hermann Cohen um das Wesen des Judentums, obwohl er es nur aus einem aktuellen Anlaß behandelt iind nur einen Ausschnitt untersucht, das Ganze also nur wie am Zipfel faßt, uiid obwohl man noch da8 Wesen der Zeit hcronsspürt, in der er. der Äer>« fechter des Idealismus in der deutschen Philo-' sophic, der Verteidiger von Menschlichkeit, Toleranz, der sich ganz und gar deutsch und emanzipatorisch wissende Deuker nur der Wahrheit, dem Recht, der Menschlichkeit stellt. Dergleichen apologetische und jedenfalls vom Anlaß, nicht von der >--ache, dem Judentum, und nicht von den Menschen, den Juden, ausgehende Betrachtungen müßten, sollte man meinen, einem Mann wie Bnbcr. einigermaßen fremd sein. Dennoch hat er diese populäre Ausgabe angeregt und eingeleitet. Es ist nicht der Anfang von Cohens Weg. sondern . dessen letzte Strecke, auf der Bnbcr mit ihm mitgehen kann. Es ist der alte Gcheimrat Hermann Cohen, der. sozusagen nach seiner Pensionierung als deutscher Philosoph, ein jüdischer Denker tvurde, und das mit solcher Nnbedingtheit, daß sein und jedes wahrhaft jüdische Denken 'und ' Fühlcu sich mit dem seinen decken muß. Und Bnbcr fühlt solche Deckung vielleicht um so tiefer, und schätzt sie, wie wir bald sehen werden, um so höher, als er das Trennende weiß, die anderen Oucllbereiche kennt, ans denen Cohen ins Judentum heimgekchrt ist. B n b e r s Baal-Schem-Büchleiu ist „nur" im allerhöchsten Sinn aktuell zu nennen. Es enthält eine 'Auswahl der Bruchstücke, die ans den Reden des Baal-Schem überliefert sind. Große und groß, artige Mystik, — man kann darüber nicht schreiben, sondern jeder muß das selbst lesen, mit aller Hingabe, deren er fähig ist. Eins aber darf man auch hier erwähnen, nämlich BuberS Vorwort. in dem er die vielleicht knappsten und trefdenfsten Worte seiner Jahrzchntc-Arbeit an der Deutung und dem Ausdruck des Chassidismus gefunden hat. Hier stellt er dem Baal-Schem Zinzendors als Gegcnpartner und Zeit- und Altersgenossen gegenüber: „Durch beide vollzog sich die Wiederentdeckung des „Gegenübcrstehens", der realen Gegenseitigkeit — der Deutsche entdeckte sie in der Abgelösthcit des Gefühls, der Polnische Jude in der Einbozogcnheit des ganzen Welt-, lcbens. Das deutsche philosophische Nachspiel endet mit dem sungen Schleiermacher, das jüdische hat mit dem Alterswerk Cohens begonnen . . In der Beschränkung auf das Jüdische, in dem Verzicht auf Apologetik und Propaganda besteht die Bedeutung des schönen Buches von Moritz Z ob e l. Hier spricht der Sabbat gewissermaßen in Person. Zuerst werden die Libelstellen zitiert, die auf den Sabbat Bezug haben, die Apokryphen, Talmud und Midrasch. wo der Sabbat — „das Abbild der künftigen Welt" — schon ins Mystische zurückwächst. dann die weisen und schönen Erörterungen unserer mittelalterlichen Großen. Die nichtjüdischen Beobachter des Sabbats erscheinen, die Sabbatvorschriften der Karäer werden auf-, geführt und vor allem die praktisch wichtigen Dinge: der Begriff des Werkvcrbots und seine Grundsätze, die Aufzählung der verbotenen Arbeiten, das häusliche und synagogale Gebetritual und sämtliche Sabbatbräuche. Schließlich wird der Oneg Schabbat erwähnt, und die in den meisten Büchern sonst miserabel oder gar nicht übersetzten Sabbatgesänge folgen in guten Uebertragungen. Ein schönes, gutes Buch. L. Heb. ÜÜOfft / Kuiznoklzen zu WoMtnNelittlüMungc.1 Fast unergründlich scheint der Schatz an Quellen und' sonstigen Materialien zu sein, die die Alteingesessenhert der Juden in Deutschland dokumentieren, auch dann, wenn man oft nur gelegentliche Forschungsarbeiten betrachtet. Lokalhistorische Darstellungen finden heute erhöhtes Interesse, mögen sie als selbständige Schriften erscheinen oder in anderem Zusammenhang zur Geltung kommen. . Große, mittlere und kleine jüdische Gemeinden sind daran beteiligt. Die Gesamtschau über die Ergebnisse bestärkt uns in ' unserem Willen zur Zugehörigkeit zu Deutschland. Köln als Stadt mit der ältesten jüdischen Ansiedlung in Deutschland sei zuerst genannt. Ein Fvrtsetzungsband des gewaltigen Standard- Werkes „Die Kunstdcnkmälcr der Stadt Köln" (Verlag L. Schwann, Düsseldorf), das im Aufträge des Provinzialverbandes der Rheinprovinz und der Stadt Köln in Berbindung mit Dr. Hans Vogts und Professor Dr. Fritz Witte von dem Bonner Professor Dr. Paul Elemen herausgegeben wird, ist vor kurzer Zeit der Lcfseutlich- . reit übergeben worden. In der Vorbemerkung ist neben vielen anderen namhaften Fachleuten auch Gemeinderabbincr Dr. Adolf Kober (Köln) genannt, der den Abschnitt über die jüdischen Friedhöfe und Synagogen bearbeitete. . Die Friedhöfe, dessen ältester Grabstein bis ins Jahr 1173 znrückreicht. sind Zeugen alter Ansässigkcit. Der ganz knappe Tert ist stets mit ' wertvollen Litcraturangaben versehen. Die 125. Wiederkehr des Todestages der Schillschen Offiziere im vorigen Jahre richtete die Aufmerksamkeit auch auf Ereignisse vor der Erschießung dieser Freiheitskämpfer in Wesel. Ein-französischer Ingcnieuroffizicr namens Nocl Perwez war deren Offizialverteidiger und fand dabei die Unterstützung angesehener Weseler Bürger. Bernhard Vollmer bemerkt zu diesem Vorgang in seinem Aufsatz „Das Schicksal der 'Schillschen Offiziere" („Rheinische Dierteljahrsblätter", Oktober 1934) u. a.. daß „der frühere Huissier beim Douancgericht, I. Zaudy, sich in einer Eingabe an Hardenberg um der zunächst abgelehnte Uebernahme in den Staatsdienst darauf berufen habe, daß er „den zu Wesel gefangengewesenen und erschossenen Schillschen Offizieren furchtlos voraestandcn habe". In gleicher Weise habe er zur Begnadigung des zu den Schillschen Offizieren gehörenden Leutnants Zaremba durch Napoleon beigetragen und dem Grafen v. Bentinck durch seine Verteidigung das Leben gerettet. Im Zusammenhang damit wird auch darauf hingcwiesen. daß in den Akten des Geheimen Staatsarchivs in Berlin-Dahlem ein Votum vom 14. April 1816 vorhanden ist. in dem unter Erörterung des Zaudyschen Falles die Frage der Verwendbarkeit von Personen jüdischen . Glaubens im Staatsdienst grundsätzlich behandelt wird. Jedenfalls sprechen die Akten für einen wesentlichen Anteil Zaudys an der verdienstvollen Haltung angesehener Weseler Bürger um die Schillschen Offiziere. Nachkommen jener Familie wohnen noch heute im Rheinland und' rn Berlin. Kleinheubach ist ein kleines Städtchen in ' der Nähe von Miltenberg am Main. Heute wohnen dort noch drei jüdische Familien, die zum Teil seit Generationen ansässig sind. Der eigentliehen „Geschichte der Jüdischen Gemeinde zu Klernheubach am Main", die mit Unterstützung von Dr. Sigmund Sichel von Pfarrer i. R. Eottlieb Wagner hcausgebracht wurde, ist ein Verzeichnis der ehemaligen Schutzjudeu vorauangestcllt, das bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückreicht und mehr als 70 Namen uuckaßt. Man bemerkt, daß die kleine Schrift mit Freude an gründlicher historischer Forschungsarbeit verfaßt ist. Sie kann . als bemerkenswerter Beitrag zur Geschichte der nordbayerischen Juden betrachtet werden. E. G. L. Dos olle Fconksuct In einer hübschen Aufmachung gibt der Verlag L. Köhler GmbH, Frankfurt a. M.. einen Führer durch die alte Reichsstadt. „Ein Rnndgang durch das alte Frankfurt" von Tr. Hermann Techent ist das kleine Heft betitelt, das Reisenden und „Eii>- gcplaclten" oder „Zugelofscnen" — so nennt der Frankfurter Volksmund zugezogene Bürger — ein wertvoller Begleiter sein wird. Tie historische und kulturelle Bedeutung dieser Stadt, ihr wcchselvolles Schicksal, wird durch bauliche und erbauliche Zeugen dokumentiert wie ein Onerschnikt durch Jahrhunderte deutschen Schicksals — und jüdischen Lebens in dieser Stadt. Ter Führer zeigt uns die Stelle, an der einst die Fettiuilchsäule stand, errichtet um den Romen des Lebküchlers Vinzenz Fettnülch ..dem Fluche der- Nachwelt zu überliefern". Wir finden die Pci'ilskirche, werden an das deiitsckte Parlament von 1848 erinnert, tit dem neben Uhland, Arndt und Dahlmann auch ein Gabriel Rießer wirkte — das Stammhaus der Familie Rothschild in der alten Judengasse, jetzt Börncstraße tnit dem Börncplatz. Es folgt ein Hinweis ans die Synagogen uitd auf die Grabstätten. „Am I e b e n d i g st e n erinnert an die alte Zeit der I n d e n f r i e d h o f." Leben die Toten? Sie zeugen dafür, daß auch hier Juden wirkten, um den Namen der alten freien deutschen Reichsstadt Weltruhm zu verschaffen — dauernder als Erz. W.S.M. Die FrrAlt teS lilerorlMn Urteils In der „Münchener Wochenschrift für dctltsche Polttik und Kultur, ,,(r iserne Blätter", fjerausgegcbcn von D. Traub, findet sich am 24. März in Rümmer 12 unter der Rubrik „Antworten" die folgende an Herrn T. in W. (Kanada): „...Ste schreiben: .Ist Berthold Auerbach, der Schöpfer der deutschen Dorfgeschichten'. welchen Ehrentitel ihm selbst Bartels .nicht gerade rauben will', kein . detttscher Dichter? Sind der Diethelm von Büchenberg und der Lehnhold nur jüdisches Machwerk? Nein, diese Novelle bleibt eine der besten in der gesamten deutschen Literatur? Dieses Urteil hat mich darum gefreut, weil Sie ein solch überzeugter Anhänger von Fritzsch, dem antisemitischen Herausgeber des .Hammer' sind und sich dadurch doch die Freiheit Ihres literarischen Urteils nicht nehmen lassen." Warnung vor einem Schwindler. Ein gewisser Paretz ki n versucht in Hamburg Abonnements für den „Morgen" zu werben. Er ist dazu vom Philo-Berlag nicht ermächtigt. W:r warnen vor ihm! (Kaffoo ]-j<o??«Tnfrcl „CAM AJO“.KAITEElflRO*i.SR«STEREI Carl Nox Joicphn I II R EM EN 4 M Die Herjfellg. orfofgt unt. Aufsicht d. Rituol-Kommisiion aiifopfcrilng, die man aber dann feinem Charakter und feinen Launen znrechnet, statt eben jenem übermächtigen Schicksal, dem er. der zur Nachgiebigkeit mehr als zum Widerstand begabt war, notwendig erliegen muß. Indes sein Geist sich mit seiltänzerischer Akrobatik zu einer jähen Höhe aufschwingt, entsinkt ihm die Seele, man kann ruhig sagen: sein Menschliches, in eine bodenlose Tiefe. Sein Zeit- und Altersgenosse Moses Mendelssohn, übrigens sein Protektor und Korrektor, hat ja auch einiges gedichtet. Insofern war er der allererste. Aber der erste Jude, der sich — unter Beimischung allerdings einer gcwisien, nicht ganz uncitlen Bescheidenheit — als Dichter berufen fühlte und mit Dichten sein Leben auSfüllte, war Kuh. Er errang sich den Beifall seiner Zeitgenossen als Epigrammatiker; Lessing, mit dem er in Breslau bekannt wurde, als jener Sekretär beim General Tauentzien war, schätzte ihn. Mendelssohn nahm sich seiner Produktion an; vor allem aber tat dies Karl Wilhelm Ramler, der Kuh unter seinen besonderen Schutz nahm und an seinen Arbeiten, wozu Ramler eine besondere- Neigung hatte, die letzte Feile anlegte. Aus dem Schlesischen nahm Kuh die Anregung zum Sinngedicht und Epigramm, darin Logan und Gleim - folgend, auch Lieder und Fabeln dichtete er. und endlich übersetzte er auch Martial. den römischen Epigrammatiker. Er verfügte über genügend Schärfe und Knappheit, über gerade genug Lebens- Weisheit imb Situationswitz, um bei den anspruchövvllsten Lesern und Beurteiler« feiner Zeit Beifall zu finden. Er war al8 Beispiel eines deutschen Dichters jüdischer Herkunft, das er als erster aufstellte, repräsentativ' genug, um neben dem Wirken Mendelssohns das Ansehen der Juden in der literarischen Welt begründen zu helfen. DaS Leben, das seine Werke ergab — er hinterließ nicht weniger als 5OO0 mehr oder minder Poetische Erzeugnisse —. war denkbar unglücklich. Berthold Auerbach hat es in seinem Roman ..Dichter und Kaufmann" dichterisch zu gestalten versucht. Er hat die romantische und empfindfame Figur Kuhs vollends romantisiert. DaS ist ein literarisches Unrecht, zumal einige Heraus-- gcbcr und Biographen ihr Material zum Teil aus jenem Roman geschöpft haben. Knh war ein gebildeter Mensch, der unablässig an der Bereicherung seines Wissens arbeitete. Dabei war er von einer fast übertriebenen Gutmütigkeit und Wohltätigkeit und streute sein ererbtes und verdientes Geld wahllos unter die Menschen aus, unter jüdische und christliche. Er fand daher viel Anhang, aber wenig Freundschaft. Er wurde oft ausgenutzt und oft geradezu auch betrogen. Er verstand es nicht, zwischen der erhabencn Welt der großen Geister, in die er sich' schwärmerisch versenkte, und der realen Welt einen Einklang herzustellen. Auch sonst verlief sein Leben unsäglich traurig. Ganz in seine Bücher und Manuskripte vertieft, versank er zugleich in Weltschmerz und Melancholie und somit auch in Einsamkeit. Sein Zustand verschlimmerte sich bis zum Wahnsinn, von dem er aber wider alles Erwarten nach sechs langen Jahren wieder genas. Vier Jahre vor seinem Tode, nämlich 1786, erlitt er einen Schlagansall. der ihn lähmte und der Sprache beraubte. Am 3. April 1790 erlöste den 59jährigen. ein sanfter Tod. Dian darf sagen, daß er für seine Begabung und Schwärmerei schwer gebüßt hat. Ein zwischen Anakrcon und Horaz. den beiden damals ekstatisch verehrten Vorbildern.-umhertaumelnder Kavalier, der er war, erlitt er sein jüdisches Schicksal. Dazu hat nicht wenig eine Vielzahl von Kränkungen beigetragsn, die er besonders auf Reisen als Jude hinzunehmen hatte. Daß er immer wieder in jedem neuen Klein- oder Großstaat den Leibzoll zu zahlen und erniedrigende Bittgänge zu machen' hatte, das erschöpfte nicht nur seine Kasse, sondern auch seine seelische Widerstandökraft. Und ebenso griff ihm auch der Anblick seiner armen, geschundenen Glaubens- und Leidensgenossen anS schwache Herz, das er mit rührender Vergeblichkeit immer wieder mit den . erhabensten Gedanken und Gefühlen bis über den Rand hinaus' anfüllte. Er war auch ein Bewunderer Friedrichs deS Großen, dem er manchen ausgezeichneten Zwei- oder Vierzeiler widmete. - aber er setzte auf den großen König übertriebene Hoffnungen in bezug auf die Besserung der bürgerlichen Stellung der Juden. So war er eine rührende und tragische Figur des Judentums, dessen damalige Vertreter ihm - allerdings ebenfalls nicht reine Treue und Anhänglichkeit an den gemeinsamen Glauben ent-' gölten haben. Hier möge als Zeugnis seiner Selbsterkenntnis stehen, was er sich selbst als Trabschrift versaßt hat: „Hier liegt der Dichter Kuh, Den bald des Schicksals Tücke, Bald auch das schnöde Glücke Geneckt; hier hat er Ruh." Hermann 8insbeimer Der elfte Mrggng Mit dem Ap rilh e ft beginnt „Der Morgen" das 11. Jahr seines Bestehens. Es mag ein Zufall sein, daß das Jubiläum der Universität Jerusalem und die Gedenkfeier des 800. Gcburtstage8 des Maimonides Gelegenheit bieten, die Tradition des Judentums mit der Aktualität des Tages zu verbinden. In Wirklichkeit ist solche Vereinigung mehr als Zufall. Es ist in all den vergangenen Jahren das ernsthafte Bestreben des „Morgen" gewesen, über alle Problematik der Stunde hinaus die ewigen Ideen des Judentums zu Worte kommen zu lasten. Auf diese Weise ist der „Morgen" die Zeitschrift geworden, die immer wieder von übergeordneter Warte aus zu allen Fragen des lebendigen Judentums Stellung nimmt. Eine Reihe von Beiträgen sind in diesem Heft dem Werden des neuen Palästina gewidmet. Neben einem Leitartikel, ber dem Sinn der Jerusalemer Universität gilt, stehen zwei interessante Arbeiten über die Entstehung und den Ausbau der ncuhebräischen Sprache. Ludwig Strauß feiert in einem von großer Gestaltungskraft zeugenden Gedichtzyklus „Land Israel" die eigen-. . artige Schönheit- Palästinas. Deyr Misten um die Vergangenheit gelten die' Aufsätze von FrihBamberger. der das Typische in der philosophischen Fragestellung des Maimonides und damit seine Wirkung in die Zeit hinein anschaulich darzustellen versteht, und von Felix Hirsch, der die Stellungnahme Wilhelm v. Humboldts anläßlich dessen 100. Todestag zu Juden und Judentum zu klären unternimmt. Einen interessanten Beitrag zur Typologie und Soziologie des jüdischen Gelehrten im deutschen Raum liefert: David Baumgardt in einer Studie: „Jüdische Gelchrtenköpfe". Es weht durch diesen Atlfsatz ein erfreulich kritischer Geist, der allen Geistern des Ressentiments das Lebenslicht ausbläst. Eine Anzahl eingehender Buchbesprechungen bilden den Beschluß dieses inhaltsreichen Heftes, das in seiner Zusammenstellung die beste Gewähr dafür bietet, daß das umfassende Programm des „Morgen" auch weiterhin zur Durchführung gelangen wird. Dr. Hugo Hahn, Essen. Vom Phil», Lexikon sind seit Erscheinen de» verbesserten Nachdruckes in knapp .einem Monat weitere 2000 Exemplare abgesetzt worden. Die von uns in Nummer 12 der C.-V.-Zeitung besprochenen drei ersten Bändchen der Philo- Büchcrei habenbeim Publikum großen Anklang gesunden. Die Serie, die dem Schaffen lebender ' jüdischer Schriftsteller dient, wird voraussichtlich mit Erzählungen von Alice Stein-Landesm a n n und Max Spanier, die unseren Lesern aus Arbeiten in der C.-V.-Zeitung ebenfalls bekannt sind, fortgesetzt werden. ¥ Professor Elbogens „Geschichte der Juden in Deutschland" wird, wie die Jüdische Buchvcceinigung mitteilt, spätestens bis zum 15. April in den Händen der Mitglieder sein. Die Verzögerung des Erscheinens beruht auf einer nochmaligen Durchprüfung der letzten Abschnitte des Buches. * Im Verlage von Joel Sänger, Frankfurt a. M., erscheint am 14. Nissan, dom Geburtstage deS Mcnmonideö, unter dem Titel »Von Moses -biS MofeSLeben und Wirken des Mosche den Maimon" ein Werk aus der Feder von S. Schachnowitz.