Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 15 (11.4.1935)
- Date
- 1935-04-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ntjpnnnr j w1 Lj lü Li Li v Nr. 15 2. Beiblatt IC?'. Srnn ich bin rin §kn?Ä ssrorsen Um das Schlechte gleich vorweg abzutun und erst einmal den Schutt wegzuräumen: — c? ist fast zu viel Schutt in. um. unter, neben, über diesem Roman von Johann R a b e n c r (Verlag Ernst Rowohlt. Berlin). Der Roman ist die Geschichte einer herzzerreißend großen Liebe, aber der Liebhaber ist leider Schriftsteller.' Man behalte als Regel: neun Zehntel aller Dramen und Romane, deren Hauptpersonen .Künstler „sind", taugen nichts; Autoren, die leine Künstler slitd, machen gern wenigstens ihre fiktiven Figuren zu Künstlern. Johann Rabener gehört zivar zum zehnten Zehntel, er i st Schriftsteller, aber er gebardet sich wie fene thpischcn Talentlosen, er schreibt immer wieder vom Schreiben, sein Schriftsteller, Pardon, der Dichter, „ringt" ständig „um fein Weck". und wir müsse« nicht bloß den Ringlampf. nein, auch das Training und die Nachwelten und die Kritik in der Presse und die Auseinandersetzung damit und den Aerger darüber nütmachc». Da ist also ein junger Autor. Johann Rabener mit Rainen, dies hier ist sein zweiter Roinan. der erste war eine Talent probe, und im zweiten erscheint ein Schriftsteller. Joachim Ruderer init Namen, über dessen erstes Buch, da? eine Talentprobe uw. hier immerfort gesprochen wird: es ist klar, daß Joachim Ruderer ein naher Verwandter von Johann Rabener ist, der in seinem zweiten Buch mit sämtlichen nicht bloß öffentlichen Kritikern des ersten Buches seines nahen Verwandten abrechnet. Warum auch immer er das tut. cs verdirbt ihm die ganze schöne Parade. Zweiten?: Am Ende de? zweiten von drei Teilen des Roman? schenkt ein Freund dem Schriftsteller einen Roman von Eonrad. Da? ist ein schöner Zug von Dankbarseit. denn Rabener schuldet Eonrad und dessen östlichem Vor- und Gegenspiel Dostojewski allerlei Psychologie und auch die Technik der Stofsgruppierung: Wie Conrad beginnt er mit dem Mittelstnck, um die Exposition nachzuliefcrn. Leider verzögert, verschleppt Rabener die Spannung' er bringt die Handlung ans Seiten- und Rückwege, während Conrad dergleichen nur zu tun scheint, durch den Schein de? Gegenteil? die Handlung aber doppelt fördert. Drittens: Fm Detail ist Rabener nicht geschickter als in der .Nomposition de? Ganzen. E? wimmelt in feinem Roman von überflüssigen Regichemertungen, und die ohnehin ungleichmäßige Diktion wird dadurch noch mehr verwischt; aus gescheite, faszinierende, frappante Formulierungen — Rabener? starke Seite — folgen fast kitschige Primitivismen, da? Pathetische und die Parodie de? Pathetischen und das Saloppe haben eine unangenehme, einander erdrückende Gemeinschaft. Da? ist viel Schutt, und trotzdem quillt e? daraus und darunter hervor und darüber hinweg, und die eigentliche Geschichte, von der Liebe eines jungen Manne? und einer älteren Frau. die über ihre Vergangenheit nicht himvegkommt, diese .Liebesgeschichte ist ergreifend und hinreißend geschrieben, erlebt, gestaltet. So packend, so natürlich quellend, nicht krampfhaft chcranfgepumpt, . daß man auch alles Unkraut und Schlinggewächs . noch in Kauf nimmt. Was dieser Roman uns angeht? Er spielt . zwischen dem Kricy tmd unserer Zeit, und es gibt auch einige Juden tu seiner Welt, z. B. den Großschieber Triwatt. den ausbeutenden Boxer- Manager Pirol und vor allem einen Arzt Jona?. Dessen Lebensfrage ist die Indenfragc. die somit auch gelegentlich erwähnt wird, zvobci einmal über die Abneigung der deutschen Inden gegen die Ostjnden die Bemerkung fällt, dieser Kamps ähnele den, Kampf der Stadtinan? gegen die Feldman?, später, als Resultat, die weniger blendende, der Jude solle sein Leid auf sich nehmen unb tragen. Dieser Dr. Jonas, der ein Serum gegen Krebs sindett will, „nin seine Rasse zu rehabilitieren", begeht zwar in einer durchaus zwingenden Rot ein Verbrechen wider keimende? Leben, mit tragischem Ausgang, stellt sich dann aber so tapfer tind genlleinanlike dem Gericht, unb sühnt so leidenschaftlich gelasseit. daß er. obgleich eine Aebensignr. die meisten Shmpathien finden muß. Daß er gerichtsnotorisch ein Verbrechen begeht, dürste entsprechend seiner eigene», vielleicht zu sensiblen Anschauungsweise attch feiner Herkunft angercchnet werden, aber wie er daztt kommt, wie er sich dann beträgt, wie er zu seiner Tat steht, und alle? auf sich ninnnt. das müßte für den vorurteilsfreien, denkenden Leser ein nm.üi besserer Beitrag zu diese? Doktors und nuferer Frage fein als alle Theorie des Romans. Was man, bitte, in eigener Lektüre nachprüfeu möge. Leo Hirsch. Ser ErfäoaulSaiÄ Wie man den Prager Erzähler Eritst Weiß' auch cinschäßen mag. ans alle Falle muß man ihm zugeben, day seine Fabeln schoit stofflich ein ,m» gewöhnliches Format haben, daß er sich Ansgaben stellt, die psychologischen Preisrätseln nicht unähnlich sind, und daß er sich ihre Auflösung nicht leicfit macht. Er liebt es, ein möglichst dichte? Gestrüpp anzupflanzen, um sich mit scharfen Messern einen Weg zt: bahrten. Tabei gibt es natürlich Um-, Ab- und Irrwege... Um die? aus dem neuen Bttch mit einem Saß zu belegen: der Gefängnisarzt ist der Sohn eines im Krtege gefallenen, höchst korrekten Beamten - und der Bruder eines im Verdacht des Raubmordes stehenden tmd des Totschlag? an einem Schutzmann überführten kokainsüchtigen Iünglittgs, den er. der Arzt, liebt trnd der nttn in dasselbe Gefängnis eingeliefert wird, in dem er Anstaltsarzt ist. Harte Nttß. bittere Pille, saftiger Braten' Aber die Nuß wird nicht geknackt, die Pille nicht geschluckt, der Braten nicht verdaut. Das heißt: die Pshchologie dieses kriminalistisch und psychiatrisch penetranten Falles bleibt im Gespenstischen, mehr noch: sie wird zum Gespenst. - t Diesem aber stellt Weiß citte Front von lebenstrotzender. übergestmder. praller Zeitfiguren (cs ist die Zeit nach der Inflation) entgegen, aus denen seitenweise monologische Be- und Erkenntnisse strömen, und diese haben es wahrhaft in sich! Das Angefaulte, was dtirch ebenfalls saftige Exemplare vertreten ist. steht unvermittelt daneben.. Das ist, angesichts des Verzichts auf soziologische und psychologische Biitdttng beider Lager, ein satirischer Tatbestand. Und die mit den kühnsten Mitteln arbeitende Satire istes, die diesem Buch seinen literarischen Rang gibt. Weiß, weit entfernt, auch nur das leiseste moralische Lüftchen in den Raum seiner Erzählung hereinznlnsseit. macht aus den Wichten uttd aus den Gewichtigen parodistische Gebilde und Bilder. Mit erstaunlich vielen Einfällen, mit unermüdlicher Laune, mit einem Gelächter, bei detn er. sozusagen, keine Miene verzieht. Er kommt da oft ntt große Vorbilder heran. Gegen den Bau des Romans (Verlag Julius Kitll? Nachfolger, Leipzig) kann matt alles oder nichts eimvenden. Denn er ist nicht cinmal ans Sand, sondern in die Luft gebaut. Aber mit einer Kunst der Spiegelung menschlicher Dinge, daß davor die . . . literarische Baupolizei ihre Kompetenz verliert. Sie tut gut, sich mit der Konstatierung zu beguügen, daß dieser Rontanbau. wenn er ein Ban wäre, schlvßartigen Charakter hätte. Alan spürt die Hand eines Birttrosen atif jeder Seile, aber eines menschlich tind künftterisch nnverbratichten unb unkonventionellen. unb wie oft matt dieser Hand attch dnrch die Finger sehen muß und kann, die Phantasntagorie der Erfindtmg tmd des Vortrags sättigt den Blick. hs. Sie vier Marschallstäöe Marika Stiernstedt erzählt in ihrem bei Hesse und Becker lLeipzig) erschienenen Rontatt das Leben zweier Familien in zwei Generationen, das Leben, das reich an Gefühlen, Etttsagttngen, Leidenschaft und Irrungen, reich an sehr viel Liebe ist, ait sehr viel unglücklicher Liebe. Ist cS nur Zufall, daß die Menschen, die wirklich znsantntcngehörten und da? Talent besäßen, sich gegenseitig glücklich ztr machctt, aneinander Vorbeigehen, verpassen.. oder wollte Marika Stiernstedt an den unbeugsamen Willen eines vorbcstimmtcit Schicksals erinnern, der uns in seine Buchten zwing!'., ob wir cs wollen oder nicht? Zwei Familten, die eine ist eine vornehme alte Lfsiztersfamilic, die. andere die sozial viel tiefer gestellte Familie de? Kantors. Hier ein verschuldetes Gut. müde gewordener Ehrgeiz und müde gewordene AnfpriieOe. ein langsam verfallende? Schloß in schönen und edlen Proportionen, ein Gutsbesitzer, der resignierte Mann, der Ziel und Sinn des Lebetl? verloren hat, seine Frau vergrämt und grau, und zwei Kinder. Dort die gesunde, üppigschöne, ungebildete uttd herrschende Gattin eilte? schüchternen Kantors, Wohlstand. Parvenüttim. und auch zwei. Kinder. Ter Gutsherr verfällt der großen Leidenschaft zu der Käntorsgattin. Der Tod beendet die Bcztchung. Tie Kinder, beidental Bruder und Schtvestcr. sind durch eine innige Ittgendsrcnndschaft miteinander verbunden, aber das spätere Leben, und es ist das Schicksal, nicht Zufälligkeiten, führt sie auseinander, führt sie neben dem großen Glück vorbei, das für sie beinahe handgreiflich nahelag. und das sie doch nicht zu /affen vermochten. Marika Stiernstedt, die selbst aus einer vornehmen Offiziersfamilie stammt, versteht es meisterlich, die Atmosphäre DU 0 u bist — wie Blume, Stern und Lieht —- mir nah und gut. Aus dir strömt Gottes feines Augenlicht . tief in mein Blut. Du bist — wie Blume, Stern und Licht — in meinem Kreis. Du siehst in mich wie Gottes Angesicht da» um mich weiss. Ich habe dich! Und Blume, Stern und Licht f So viel ist mein! Ich darf im Schein von Gottes Angesicht hier fröhlich sein. Anna Joachimithal-Schwab* deS alten Schlosses fcstzuhalten. sie zeichnet fein die Menschen mit iljrcit Gegenspielern, die hier ansunb ein gehen, unb cs sind besonders die Frauen in den verschiedensten und gegettsäßlichsten Typen, die hier. verständnisvollst geschildert werdeit. Die verkümmerte, gratte Frau Hauptmann Pattvel. mit ihrer leßteit zähen Kraft setzt sie sich für den Rttf und den Namen ihrer Familie ein, Frau Lbitz, die temperamentvolle Kantorsfrau. erlebt trvß ihrem weiblichen Sieg stbcr die Rivalin menschliche Niederlage, und die beiden Töchter dieser Frauen, zwei gesunde, vernünftige und tinsentintentale Mädchen, verstehen es. tapfer und ruhig, sich mit ihrem Leben abzufittden. das ihnett das große Los versagt hat. „Die vier Marschallstäbc" ist ein gutes und lesenswertes Buch. 6. h. Sie Standarte L e r n e t - H o l e n i a L bei S. Fischer, Berlin, erschienener Roman, nach dem der flachere Film „Mein Leben für Maria Isabell" gedreht worden ist, ist eine Meise von Liebe und Tod. In die Geschichte des trntcrgehenden alten Oesterreich wird __ eine Licbeshnndlnng verwoben. Voller Leichtsinn stürzt sich ein junger Fähnrich in ein Liebesabenteuer, empfindet, daß er selber die Disziplin durchbricht, durch deren Lockerung gegen Kriegsende die habsbnrgische Top)xck. Monarchie auscinattderstcl; er wird Standartenträger, reift im Aufstand und Rückzug zum Kämpfer für die Idee Oesterreich über diese Liebe hinaus, sicht zur Bergung der Standarte des Regimcnts Maria Isabell sein trnd seiner Kanteradcn Leben aufs Spiel, opferd die Geliebte int Grauen d?s größeren Todeserlebnisses, aber nur dieses Mädchen gibt ihn dem Leben wieder, einem für ihn leeren Leben freilich, nachdem der Kaiser ihn des Treueids entbunden hat und der unzcrreißbare Eid an das Heer der Toten übcrgcgangcu ist. Ter Erzähler (und Lyriker!) Lernct-Holcnia ist wertiger als der Trauratiker, der sich bei der Abfassung von Unterhaltungsstücken des Dichterischen gelegentlich völlig zu entäus^rn vermochte. Bsn Sr. ßans KMch . . Ich bin ein Mensch mit seinem Mdcrspruch" könnte als Motto vor Bettina Brentanos Leben stehen, die vor 150 Jahren, am 4. April 1785. in Goethes Vaterstadt geboren wurde. Der fast genau gleichaltrige Wilhelm von Humboldt sagte nach der ersten näheren Begegnung mit ihr: „So viel Geist und so viel Narrheit ist unerhört!" Ihr Werk war jahrzehntclang — bis nuf ihren von der Literaturkritik inzwischen richtiggestollten „Goethes Brief. Wechsel" mit cinent Kinde — so gut wie vergessen. Aber überall hat die Frau, die wie ein Irrwisch durch Zeiten und Menschen dahinsuhr, die Spur ihrer Persönlichkeit zurückgelassen. Es ist unmöglich, sie unter eine der gangbaren Kategorien zu bringen. Voll von Romantik, den Romantikern durch Familien- und Frcundschaftsbande zugehörig, war sie viel zu selbständig, um darin aufzugehcn. Man findet bei ihr manches, was an Aufklärung. Liberalismus, sogar Demokratie erinnert, aber ihr Wesen wird damit nicht erschöpft. Man kann vielleicht am ehesten sagen, daß sie eine geborene Oppositionelle war. Ein politisches System hat sie nicht gehabt und war überhaupt nicht Politikerin. Im Kern ihres Wesens war sie Poetin. Alle Zeit brauchte sie einen Gegenstand der Begeisterung. Erfüllt von. einem unbeirrbaren Gefühl für Gerechtigkeit, hat sie soziale Probleme sehen können, die den Romantikern ihres Kreises und den Männern ihrer Zeit überhaupt verborgen blieben. Sie war kein Mensch, der das, was er meinte, um ein Wort Lichtendergs zu gebrauchen „mit frachtbriefmäßiger Deutlichkeit" zum Ausdruck brachte. Die Poetin in ihr hat sie stets Wahrheit und Dichtung zugleich sagen lassen. Ihr bekanntes Werk. Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, benutzt den wirklichen Briefwechsel nur als Unterlage für einen Briefroman. Solcher Briefromane hat sie noch mehrere geschrieben. In höherem Mer hat sie in dem seltsamen Buch „D i e S B u ch gehört dem König" auf Friedrich Wilhelm IV.. der sie schätzte, im Sinne eine? sozialen Königtums einznwirken gesucht. 1852 folgte ihr letztes größeres Werk, des Königsbnches zweiter Teil: Gespräche mit Dämonen. Hier ist das I u d e n p r o b l e m in bemerkenswerter Weise erörtert. Ihr hatten die Götter das Glück in die Wiege gelegt. Sie war hineingeboren in die geistige Aristokratie ihrer Zeit. Wielands Jugendgeliebte, Sophie La Roche, ihre Großmutter. Goethes Jugendfreundin, Maximiliane, ihre Mutter. Clemens Brentano, der Bruder, Savigny, der Schwager, nahe Freunde die Brüder Grimm, die ihr für ihren Erstgeborenen die erste Auf-' läge ihrer Märchen widmeten: „An die Frau Elisabeth von Arnim für den kleinen Johannes Freimund." Wann hätte ein Kind ein schöneres Geschenk erhalten! DaS jtmge Dlädchcn war der Liebling der Fra u A j a. Tagatis, tagein saß sie dieser ztr Füßen und ließ sich vom kleinen Wolfgang erzählen, um dann dem großen Wolfgang einen nicht geringen Teil der Erinnerungen aus seiner Ittgendzeit wieder lebendig zu machen. Ihr Verhältnis zu Goethe braucht hier nicht näher erörtert zu werden. Es war zeitweise sehr ittnig. aber auf die Dauer ist Goethe doch ihre etwas gewaltsame Fürsorglichkeit lästig geworden. Als Bettina alS junge Frau den Respekt vermissen ließ, den Goethe für Christiane forderte, kam es zu einem jähen Bruch, der erst nach Jahren notdürftig geheilt wurde. Der Mann, dem sie sich verband. A ch i m v o n Arnim, war nach Charakter unb Weltanschauung ihr völlig entgegengesetzt. Daß die Ehe trotzdem glücklich blieb, ist nur dadurch zu erklären, daß jeder der Gatten den anderen auf seinen Lieblingsgebieten ohne Einrede gewähren ließ. Clemens Brentano und Achim von Arnim sind im Jahre 1811 in Berlin bei der Gründung der ch r i st l i ch - d e u t f ch e n Tischgesellschaft führend gewesen. Diese war ein Sammelplatz der Patrioten, die den Krieg mit Frankreich wünschten, daneben auch der Sitz der Opposition gegen die Stein—Hardenbergschen Reformen und die Zelle des Widerstandes gegen die gesellschaft- Bettina o. Arnim (1853) Ausschnitt aus einem ■Pastcllgcmäldc von Carl Arnold. Im Besitz von Frau Irene Forbcs-Mosse rhoto F. Sitssche (Nationalgalcrie, Berlin) liche und politische Emanzipation der Zudem Der moderne Antisemitismus hat von hier feinen Ausgang genommen.' Nur wer christlich geboren war. war zugelassen. Die zahlreichen frischgetauften Juden jener Zeit wurden damit abgolehnt. Brentanos .Schrift gegen die Philister, die einen starken antijüdischen Einschlag enthielt, wurde dort vorgelesen und mit Jubel ausgenommen. Das hat nicht.gehindert, daß einzelne Mitglieder dieses Kreises ebendieselben jüdischen Salons, die sie dort verspotteten, besuchten. Und manche jüdische Kreise, die die Stellung der Gesellschaft kannten und bitter empfanden, haben doch nicht die Selbstachtung aufgebracht, auf' einen derartigen Verkehr zu. verzichten. Gelegentlich hat das zu Zusammenstößen geführt. Der Konflikt zwischen Achim von Arnim, der allezeit in seinen Werken und in seinem Privatleben scharf antisemitisch war. mit Moritz Jtzig. der später bei Groß- Görschen den Heldentod starb, war eine Zcitlang das Tagesgespräch Berlins. Es war da? erste Aufflammcn sozialer Konflikte, die seitdem durch das Jahrhundert sortgeschwelt haben. Daß Bettina jemals mit Arnim über die Judenfrage Auseinandersetzungen gehabt hätte, ist nicht erfichtlich. Wir wissen aber, daß sie, unbeirrt durch die antisemitische Haltung ihres Bruders Clemens und ihres Mannes, mit Juden in Verkehr gestanden und ein reges Interesse für sie und ihre Lage gehabt hat. Das Frankfurter Milieit bot Gelegenheit genug, die Iudenfrage durch Anschauung kcnnenzulerncn. Der Vergleich mit Berlin ist lehrreich. In Berlin eine Iudenschaft, die seit der Zeit Mendelssohns an Bildung und sozialer Bedeutung ebenso vorgeschritten war, wie sie begonnen hatte, sich dem altüberlieferten Judentum zu entfremden. Es gab Salons, es gab christlichen Verkehr, es gab die Taufe. In Frankfurt war das anders. Noch stand das alte Ghetto. Alles war eng. überfüllt, altväterlich. Gab es auch schon beginnenden Wirtschaftsaufstieg (die Rothschilds singen eben an), so doch noch keinen sozialen Aufstieg, keine Salons, keinen christlichen Verkehr, aber auch keine Tauie. Tie Iudenschaft strebte aus dem Ghetto heraus, es gab Kämpfe um die Emanzipation. Goethe, den das als Frankfurter interessierte, hat hier eine Stellung eingenomnten. die zu betrachten lehrreicher ist, als seine Beztehttngen ztt Marianne v. Eybenberg, Sara v. Grotthus unb anderen. Bettina hat eine den Ittdcit freundliche Stellung nicht nur eingettommeit. sottdern auch Goethe gegenüber mit Nachdruck vertreten. Schon die ganz junge Bettina hatte sich vou ihrer Freundschaft mit ihrer Sticklehrerin, der Jüdin Veilchen, auch.dttrch die Vorstellungen. des geliebten Bruders nicht abbringen laßen. „Ihr verknetet' mir, mit einem armen Judenmädchen Umgang zu haben, und ich will Umgang haben mit allem, das zugleich mit mir auf dieser Welt lebt." Ein Idyll, das jeder lesen sollte, ist die Schilderung ihrer Freundschaft mit dem alter;