Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1935-03-21 · 12 (21.3.1935) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
12 (21.3.1935)
Date
1935-03-21
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2278097-2278109--09321-2290426
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Lord Reading Rufus Daniel Jsaacs, der bei seiner Berufung ins Oberhaus den Namen Lord Reading — nach seinem bisherigen Wahlkreis — annahm, hat schau bei Lebzeiten einen Biographen gefunden, der seinem Buch mit Recht den Untertitel „eine Studie über eine große Laufbahn'* g'.bt. (OereK Walker-Smith, Lord Reading and bis Cases, tbe Study of a Great Career. London, Chapinan & Hall. 3034.) Es ist in der Tat eine ungewöhnliche Laufbahn, die den Sohn des aus Deutschland stammenden City-Kaufmanns Joseph auf den Sessel des Lordoberrichters von vngland und den Thron des VizckönigS von Indien geführt hat. Ter Anfang dieser Laufbahn sah keineswegs vielversprechend ans. Während sonst die im englischen öffentlichen Leben erfolgreichen Männer in der Regel einem College m Oxford oder Cambridge zur Zierde gereicht haben, hat der sunge Rusus nur in London erst eine jüdische ^arbereitungsanstalt und dann eine höhere schule besucht, ohne hier oder dort besondere Erfolge aufzuwcisen oder auch nur seinen Bildungsgang regulär abzuschließen. Dann aber hat er, nachdem er einige Zeit in Hannover Deutsch gelernt hatte, sich entschlossen — Schiffsjunge zu werden. Als solcher ist er in der Tat bis Indien gekommen, das er 40 Jahre später in ganz anderer Eigenschaft betreten sollte. Aber damit war seine Marinelaufbahn abgeschlossen. Nach einer kurzen Tätigkeit in der Magdeburger Filiale des väterlichen Geschäfts wandte er sich der Londoner Börse zu. Auch hier waren ihm nur wenige Jahre erfolgreicher Arbeit beschieden, im Jahre 1884 wurde er das Opfer einer Krise und so muhte er sich im 25. Lebensjahre eingestehen, daß seine bisherige Laufbahn ein schweres Fiasko war. Daß die Erfahrungen und Kenntnisse, die er im Gcschästsleben gesammelt chatte, ihm doch noch später von großem Rußen sein würden, daß sie ihn einmal befähigen würden, den schweren Kampf gegen den großen Finanzschwindler Whittaker Wright erfolgreich zu bestehen, konnte er schwerlich vorhersehen. Aber nun, nach diesen Experimenten und Mißerfolgen, wandte er sich endlich dem Beruf zu, der ihm die großen Erfolge bringen sollte. Die Aorftellungen seiner Mutter, die an ihren Lebenswege englischer Juden Sohn trotz aller Enttäuschungen glaubte, bewogen ihn, seinen Plan, nach Amerika auszuwandern, fallen zu lassen und sich zum Rechtsanwalt auszubilden. Eine Ausbildung freilich, die sich im wesentlichen auf dem praktischen Gebict vollzog und des llnivcrsitätsstudiums entbehrte. Aber sein Beispiel scheint zu zeigen, daß e8 dessen nicht immer bedarf, um zu den höchsten Leistungen aufzusteigen. Jsaacs' Aufstieg an der „dar" vollzog sich wie bei allen großen englischen Advokaten durch eine Reihe besonders bedeutsamer Prozesse, in denen aufzutreten zuerst sein Glück und später sein Derdienst war. Diese .Prozesse sind in dem Buche Walker-Smiths mit großer Klarheit und Anschaulichkeit so dargestellt, daß nicht nur die luristischen, polnischen, wirtschaftlichen Probleme hcrvortreten, sondern vor allem die Eigenschaften, die Jsaacs an ihnen entfaltete und die ihm in wenigen Jahren den ersten Platz unter seinen Kollegen erwarben. Zwei Künste sind cs. die der englische Advokat vor allem beherrschen muß: die Kunst des klaren, eindringlichen, den Laien auf der Geschworcnenbank wie den gelehrten Berufsrlchter fesselnden Sachvortrags und die Kunst des geschickten, die Schwächen des Gegners ausnutzenden und die eigenen Schwächen deckenden Verhörs und Kreuzverhörs. In beiden war Jsaacs Meister. Seine Methode war nicht der massive, schonungslose 'Angriff, sondern die leichte, fast unmerklichc Führung, die auf feinstem psychologischen Verständnis für die Eigenart aller am Prozeß Beteiligten beruht. Selbstverständlich kam dazu die genaueste Sach- und Rechtskenntms. die nur unablässige und unermüdliche Arbeit verleiht. Sehr schnell wurden ihm schwierige Sachen von allen Seiten übertragen, fashionable Scheidungsebenso wie schwierige Finanzprozeße, Politische Bcleidigungsaffären der liberalen Presse wie . namentlich grundlegende arbeitsrechtliche Streitigkeiten, in denen die Gewerkschaften seine hervorragende juristische Beweisführung zu Hilfe riefen. Daß ein Mann, der dieses Ansehen genoß und dessen forensische Beredsamkeit solche Triumphe feierte, in dre politische Laufbahn gelockt wurde, nimmt nicht wunder. 1904. noch vor dem großen liberalen Wahlsieg, wurde er bei einer Nachwahl in Reading als liberaler Kandidat gewählt. Er hat den Wahlkreis ununterbrochen bis zu seiner Berufung ins Oberhaus in zahlreichen Mahlkämpfen gehalten. In einem dieser Wahlkämpfe wurde er wegen seiner Religion angegriffen: feine Antwort: „Als ich nach Reading kam, sagte ich, was ich heute sage, daß ich Jude bin und daß ich stolz darauf bin"', fand den Beifall des Wahlkreises. Seine Tätigkeit im Unterhaus litt, wie bei vielen politischen Advokaten, an der Schwierigfett, zwei so die ganze Zeit und Kraft beanspruchende Berufe miteinander zu vereinigen. Trotzdem konnte kein Zweifel daran sein, daß er die bedeutendste juristische Kapazität auf der Regierungsseite des Parlaments war und daß ihm das Amt des Solicitor-General (Gcneralstaatsanwalt) zur Verfügung stand, als es 1910 frei wurde. Er nahm das Angebot selbstverständlich an, trotz der sehr erheblichen Verschlechterung seines Einkommens, die der Verzicht aus seine höchst lukrative Privatpraxis zur Folge hatte. . In dieser Laufbahn de8 Kronjuristen stieg er dann weiter bis zum Kabinettsrang, das mit diesem Amt sonst nicht verknüpft ist. Die Art, wie er seines Amtes waltete, brachte ihm allgemeinen Beifall. Selbst die von der Partcileidenschaft stark aufgebauschte Markoni-Affäre, in der er immerhin eine schwere Unbesonnenheit zu beklagen hatte, konnte seinen Aufstieg nicht hindern. Als er im Oktober 1913 zum Lordoberrichtervon'England ernannt wurde, bestritten auch seine politischen Gegner nicht, daß seine ungewöhnlichen Fähigkeiten ihn dazu qualifizierten. Er hat dies große Amt vornehmlich rn der Kricgszeit ausüben und daher.manchen Fall entscheiden müssen, in dem es nicht leicht war. daS Recht vor der Verdunkelung durch die Politik zu schützen. Der — nicht juristisch, aber menschlich — schwerste Fall, in dem er zu Gericht sitzen mußte, war der Hochverratsprozeß gegen den irischen Schwärmer Sir Roger Casement, der nicht anders als mit einem Todesurteil enden konnte. Aber schon in der Zeit, in der Lord Reading Englands oberster Richter war, wurden seine Dienste wiederholt für diplomatische Missionen in Anspruch genommen. Die Anerkennung, die er sich hier erwarb, führten schließlich zu seiner endgültigen Trennung von der Rechtspflege, als er 1921 zum Vizekönig von Indien berufen wurde. Auch auf diesem glänzendsten und schwierigsten Posten der britischen Kolonialpolitik hat er sich so ausgezeichnet, daß der König von England ihn beim Ablauf seiner Amtszeit unser allgemeinem Beifall zum Range eines Marquis, der zweithöchsten Gruppe der Pcerage, erheben konnte. Seitdem hat er vorübergehend das Ministerium deS Auswärtigen geleitet. Als besonderes Zeichen seiner Wertschätzung hat ihm der König in diesem Jahr das althistorischo, heute freilich nur noch nominelle Amt des „HüterS der fünf Häfen' übertragen, das auch der Herzog von Wellington an seinem Lebensabend bekleidet hat. Es müsien eigenartige Gedanken sein, mit denen der „Hüter der fünf Häfen' an die Zeiten denkt, in denen er sie als Schiffsjunge passiert hat. vr. E. E. Als Alfred Mond, der seit 1928 Lord Melchctt hieß, im Dezember 1930 gestorben war, stellte seine Familie dem als Biographen des Prinzgemahl Albert bewährten Schriftsteller Hcctor Bolrtho seinen schriftlichen Nachlaß zur Verfügung. Bolitho fand in einem alten Schreibtisch, den der Verstorbene von seinem Vater Dr. Ludwig Mond geerbt hatte, vergilbte Familien- Papiere, die bis zum Jahre 1780 zurückrcichten und eine merkwürdige und charakteristische Entwicklung belegten. So ist seine Biographie (Alfred Mond, First Lord Melchett by Hcctor Bolitho, London, Martin Secker; Deutsch Verlag Ludwig Rath, Wien) nicht nur die Geschichte eines Einzellebens. sondern die Geschichte einer jüdischen Familie geworden, die* von kleinen Anfängen in . Deutschland ausgehend zu ansehnlicher Höhe in' England aufsteigt. Alfred Monds Großvater, Moritz Mond, war als armer Junge aus dem Dörfchen Ziegenhain um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert nach Cassel eingcwandert, hatte dort im Geschäft des angesehenen Scidenhändlers Levinsohn sich emporedient und schließlich dessen Tochter Henriette geeiratet, die schon auf der Höhe der deutschen Bildung ihrer Zeit stand. 1839 wurde ihr zweiter Sohn Ludwig geboren. Mit 17 Jahren ging er nach Heidelberg, um bei Bunsen Chemie zu studieren. Unter den Augen des von ihm hochverehrten Lehrers machte er seine ersten Erfindungen. ' Den Heidelberger Doktor hat er allerdings erst vierzig Jahre später erhalten und zwar ehrenhalber, als er einer der größten praktischen Chemiker Europas war. In seinem Fortkommen gehemmt, lenkte der junge Chemiker auf den Rat seiner Mutter feine Schritte Mitte der sechziger Jahre nach England. Dort Lord Melchett Antlantic-Foto* gründete er nach wenigen .Jahren die Firma Brunner & Mond, die nach schweren Anfängen sich zll dem größten Alkaliwerk der Erde entwickelte. Seme Frau hatte er sich aus Deutschland mitgcbracht; aus Köln, wo er als junger Mensch bei einem Onkel gearbeitet hatte. Alfred, der als der zweite Sohn geboren war, schien zuerst keineswegs nach dem Herzen des BaterS zu sein; die Grazien hatten an seiner Wiege nicht gestanden, es mangelte ihm an Geschick und Liebenswürdigkeit. Tie dominierende ungewöhnlich starke Persönlichkeit deS Vaters, der in der Familie nach Patriarchenwelse regierte, drückte auf den Heranwachsenden Knaben. Weder auf der Schule noch auf der Universität hatte er besondere Erfolge anfznwciscn. Das Studium und die Praxis der Jurisprudenz vermochten ebenfalls nicht seine ganzen Kräfte zur Entfaltung zu bringen. Sie kamen erst zutage, als er in die Leitung der von seinem Vater zur Auswertung seiner neuen umwälzenden Erfindungen ins Leben gerufenen Nickelwerke cintrit. Hier zeigte er seine enorme Arbeitskraft und Verantwortungsfreudigkeit. feinen durchdringenden, durch das juristische Studium disziplinierten Verstand und seine ungewöhnlichen Führcrgaben. Seine Zukunft sah er allerdings nicht auf dem Felde der Industrie, sondern aus dem der Politik. Schon als junger Mensch hatte er seine feste Ab sicht bekundet, hier um beit Erfolg zu ringen. Er hatte sich der liberalen Partei angcschlossen. Im Jahre 1906. als sie ihre Wiederauferstehung erlebte, eroberte er den ländlichen Wahlkreis Chester. Das war trotz seines großen Reichtums keine leichte Ausgabe. Ter Gegenkandidat war der langsährige Abgeordnete, ein angesehener, jedem Wähler wohlbekannter, angesessener Gutsbesitzer. Mond ein unbekannter Neuling, dessen Sprache nichts Gewinnendes hatte und oen fremdländischen Ursprung nicht ganz verbergen konnte. Aber er imponierte den Wählern durch sein großes Wißen, seine Intelligenz und den Mut. mit dem er auch die schwierigsten Fragen aufgriff. Charakteristisch für seine Methode ist, wie. er die Richtigkeit seiner Ansicht in der damals heftig umstrittenen Frage der weißen oder gelben Arbeit in den Goldgruben des Transvaal durchfocht: er schickte auf eigene Kosten fünf Arbeiter seines Wahlkreises nach Südafrika und Andrö M a u r o i s nennt in seiner Bioara. phie „Benjamin Disraeli — Lord Beaconssield' das Kapitel, in dem der Held nach Jerusalem reist, „Pilgerfahrt'. DaS klingt ein wenig ironisch, der Pilger ist erst fünfundzwanzig Jahre alt. und jeder Nerv und jeder Gedanke dieser süniundzwanzigjährigen Jugend streben mit ihrer 'ganzen stürmischen Kraft und nnt allem Ehrgeiz der steilen Höhe zu. wo sie den für sie einzig gangbaren Weg wissen, die Laufbahn, die der rein englischen Politik gewidmet ist. Pilgerfahrt', wenn man die Reise zuerst einmal nur deshalb unternimmt, um sich ein wirkungsvolles Wiederauftreten nach zwei Jahren in London zu sichern? Pilgerfahrt, weßn man als Jude geboren, seit Jahren getauft und von englischer Politik besessen ist? Nein, in dem Reisegepiick Disraelis muß noch etwas anderes als romantische und sensationslustige Abenteuerlust verschnürt gewesen sein, daß er den Weg nach Palästina einschlug. Es ist nicht schwer zu fmden. Wie lange liegt erst das übliche Schülerlcbms hinter ihm, wo er als jüdisches und begabtes Krnd durch sein andersartiges Aussehen und Wesen seine Klassenkameraden zu der naiven und kmdlich brutalen Abwehr und Feindseligkeit verfuhrt hat. deren Kinder fähig sind? Das ist eme belastende Erinnerung, sie beschwert das Gepäck, weil man sie in seiner ganzen Bedeutung erkennt. Man ist Jude, man ist etwas anderes, man stammt au8 einem ganz fernen Land. Das muß man kennenlernen, vielleicht kann dort die Lust deii verwundeten Stolz zum Heilen bringen. Pilgerfahrt? Ja, Pilgerfahrt, etwas anders in ihrer Ursache, anders m ihrem äußeren Gehaben, anders in ihrer Voraussetzung als sonst Pilgerfahrten vonstatten gehen und gingen, aber in dem tiefsten Sinne: Dort, wo sich religiöse Gefühle in dem kleinen nackten Wunsch aussprechen laßen, ich bin verwundet, ich leide, hilf und heile., ging der englische Jude Benjamin Disraeli auf dre Pilgerfahrt nach Jerusalem. Maurois erzählt, ohne zu beschönigen, von den vielen eitlen Schwächen des Pilgers. Ach. was trug er für bunte Anzüge, wie eitel war er. wie romantisch. Und wie tatseiner verletzten englischen Seele der höfliche Empfang des vornehmen Scheichs Wohl, wen« er überlegte, daß vor sechstallsend Jahren seine jüdischen Ahnen solche große Herren der Wüste gewesen waren. „Welche englische Familie hatte eine Vergangenheit von ähnlicher Kultur aufzuweisen?' Er besuchte die Gräber der Könige Israels, er war erschüttert, und er begann ernen Roman zu schreiben, den Roman des David Alroy. Wie gut paßt dieser Roman zu der damaligen Verfassung seines Autors. Solche dem Verfasser ähnlichen, solche ehrlichen Romane werden nicht so oft geschrieben. wie man eigentlich vermuten könnte. Man liest die Geschichte des Exilfürsten David Alroy. und es wäre nicht schwer, zu vermuten, daß man bei Maurois weiter liest, vielleicht einen Traum, den er Disraeli träumen läßt. Die Schilderung der Garderobenherrlichkeiten und -Absonderlichkeiten Disraelis läßt sich Maurois viele kleine Seitenhiebe und ein gütiges Schmunzeln kosten. Wenn man Disraelis Roman liest, nehmen viele, viele Seiten die Gewänder der Fürsten, Kalifen und der feiernden Krieger ein, mit einer unsäglichen Geduld werden sie gezeichnet, ihre Farbe, ihr Schnitt, farbentrunkene Phantasien eines romantischen Märchenerzählers aus Tausendundeiner Nacht. Und ebenso ergeht es mit den prachtvollen Schlössern und Gemächern, die der Dichter hier beinahe der Architekt,— vor uns aufbaut, mit den Festen, die gefeiert werden, und den vielen Kostbarkeiten, die sich die hohen Herrschaften in dem Roman gegenseitig schenken. Das waren in Disraelis Augen damals kerne Aeußerlichkeiten, die etwa besser zu verschweigen gewesen wären. Aber was ist nun der Inhalt des Buches? Ein historisches Ereignis au8 dem 12. Jahrhundert: David Alroy. ein Exilfürst der Juden, der geweihte Abkömmling Davids, zu tamadan, der Stadt, in deren Mitte sich - der age nach das Grabmal von Esther und Mordechei erhob, fleht za seinem Gott: „Gott meiner Väter — denn ich darf dich nicht nennen den Gott ihrer verworfenen Söhne — aber bei dem Andenken an Sinai laß mich dir sagen, daß noch, etwas von jenem alten Blute durch meine Adern rinnt, daß es noch einen gibt, der gern mit dir spräche von Angesicht zu Angesicht — ft»räche und siegte!" David Alroy wird erhört. Er gewinnt das Zepter Salomos, er gewinnt mit ihm Macht, Ruhm. Sieg,- er gewinnt die Herrschaft Über daS mächtige Reich der Kalifen und er 'gewinnt die Liebe Lr hetrlichen Schirene. Schirene ist die Tochter des Kalifen, und Schrrene ist der Beginn i de» Untergang». Alroy, «der vom Genius de» Volkes, dem er angehörte, in die Höhe gehoben wurde, dem Genius, der durch das Gesetz Mosis gebildet wurde', wird vom Genius verlaßen, Alroy ist König von Bagdad geworden, aber das Zepter Salomos geht ihm verloren. Alroy treibt Politik, Schirene übernimmt die Rolle der Delila — Alroy tft zu leicht befunden, sein Menetekel erfüllt sich, er stürzt. Als Besiegter und Gefangener des Kalifen soll er gepfählt werden. In letzter Stunde findet er wieder zu Gott zurück, er widersteht der Verlockung, gerettet zu werden, er zieht die Grausamkeit des Todes durch den Pfahl der Schande vor. seinem Glauben abtrünnig zu werden. Und Gott hilft wieder. Durch seine Beharrlichkeit, durch seine Festigkeit bringt er den rächenden Monarchen so aus dem Harnisch, daß er Alroy mit einem Streich das Haupt abschlägt und ihn so von allen Qualen der Hinrichtung befreit. Der letzte Satz des Romans lautet: „Das Haupt fiel,-und als es fiel, schien ein Lächeln triumphierender Verachtung um die sterbenden Züge des Helden zu schweben und seine Feinde zu fragen: „Wo sind nun alle eure Martern?' Dieser Schluß ist nun. beinahe dürfte man sagen die politische Pointe eines Diplomaten, ein Coup sondergleichen. Das ist nicht der Sieg eines Märtyrertodes, das ist der Sieg der milderen, der heidenmäßigeren Todesart. Die Rächer sind gestraft. Man kann den David Alroy kernen historifchen Roman nennen. Disraeli ist kein Historiker, Geschichte hat für ihn nur in lebendiger, lebender Form Bedeutung, und dann heißt sie Politik. Die tote, die vergangene Geschichte, historische Begebenheiten. sind für ihn ein Roman. So ist also alles rn allem die Geschichte des Exilfürsten fast freie Erfindung. „Eine übernatürliche Maschinerie' nennt Disraeli selbst in seinem Vorwort die Erscheinungen der Geister aus den Gräbern bis zu dem Zepter Salomos, alle die wundersamen Beaebenherten, die in dem Roman viele Kapitel füllen. Der Ton ist manchmal von einem ebenso unheimlichen Pathos, die Gespräche, die Liebende oder Krieger oder Geschwister miteinander führen, sind Gespräche von Geschöpfen, die nicht immer in dieser Welt lebendig sind. Aber dort, wo es um Politik, um Strategie geht, werden sie echt und temperamentvoll, geschert und knapp im wesentlichen. Vielleicht hat DiSraeli später als Lord über diesen stürmischen Kämpferroman gelächelt. Vielleicht hat aber auch der weise Lord, der nüchterne Realpolitiker, sich manchmal an den Zauber von CalomoS Zepter erinnert, dann, wenn in der Politik eine Elementargewalt, eine Unberechenbarfeit das Steuer erfaßte, die an keinem grünen Verhandlungstisch zu bestimmen war. oder wenn bei einer Unterhausrede ein Genius ihm daß Wort eingab, das nicht auf seinem Konzept ftanb. G.H. * Im Alter von 81 Jahren ist der langjährige Herausgeber der „Times'. G. E. Buckle, gestorben. Buckle gehörte auch zu den amtlichen Biographen Lord Beaconsieldr. The Philosophy of Spinoza and Brunner by Walter Sernard (Spinoza Institute of America). Höchst reizvoll, Constantin Brunners Verhältnis zu Spinozas Person und Werk zu betrachten. Er schmückt sem großes Werk „Die Lehre von den Geistigen und vom Volke' mit Spinozas Bild, als seines „liebsten Mannes auf Erden'. Unermüdlich betont er Spinozas überragende Bedeutung für Einzelheiten nicht minder als für das groß? philosophische Gesamtbild. In der Schrift „Spinoza gegen Kant' bezeichnet er Spinoza als das höchste Genie der Philosophie, den remsten, deutlichsten Künder der Wahrheit. Wer Brunners Werk gelesen hat, ist von seiner heißen Liebe zu Spino.za angesteckt; und so hat Brunner dem in unserer Zeit viel gepriesenen, wenig gelesenen und kaum noch verstandenen Spinoza eine Schar glühender Verehrer zugebracht. Doch wer versuchen wollte, der beiden Männer Systeme gemeinsam darzustellen, müßte scheitern. Man kann immer nur feststellen, daß sie sich in allen wesentlichen Er- §ebnißen decken, sonst aber in keiner Welse. Grundverschieden ist bei beiden der Ausgangspunkt. grundverschieden der Weg, die Methode, die Terminologie. Deshalb vermeidet es auch Bernard, die beiden Systeme in Einzelheiten zu vergleichen, er stellt sie vielmehr nebeneinander. Mit Spinoza braucht er seine Leser nicht bekannt zu machen. Bor sich da» hohe' Bild, das Brunner von Spinoza entworfen, führt Bernard uns im ersten Teil feines Buches schnell auf den mystischen Gipfel der „Ethik', wobei ihm mancher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.