Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 12 (21.3.1935)
- Date
- 1935-03-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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iuntitd)cu Situation berühren. Und cs ist zu verhindern, das; im XIrctfc der jüdischen Jugend Deutschlands diese ' Schicksalss r a g c n nicht in' ihrer Tiefe ersaßt werden. sticht nur die Absatzlrisc hat zu jener Erhebung geführt, sondern elnmsosehr der aus die Tauer . unerträgliche Umstand, ' das; die moderne kapitalistische Gesellschaft und Wirtschaft die schöperifche Eigenkraft mittels der wirtschaftlichen Abhängigkeit in einen Zustand der g e i st i g e n XI it sreiheit versetzt. Das Arbeitsverfahren der kapitalistischen Wirtschaft führt mit logischer Folgerichtigkeit zu einer Zerstörung der Persönlichkeit. Namentlich die überkapitalistische: moderne Bandarbeit erniedrigt, wie die arbeitspsychologischen Erhebungen einwandfrei ergeben haben, den Menschen zur denknnsähigen Maschine. Er wird von seiner rein mechanischen Verrichtung abhängig, weil er nicht inehr in die Lage kommt, den gesamten Verlauf des Arbeitsverfahrens zu übersehen und dadurch eine geistige lleberlegenheit zu gewinnen. Tie innner fortschreitende Vervollkommnung der Maschinernvelt -- das Mcnschenwerk der sogenannten Ratio-- ualisicrung — gleicht somit dem Saturn, der seine eigenen Binder verschlingt. Damit nicht genug. Ter kapitalistische Wirtschaftsbetrieb hat feine Produktion von dem N ü tz l i ch k e i t s ft a n d p u n l t abhängig gemacht. Daher Zwingt sein Zweckrationalismns die schöpferische Eigenkraft zu einer weitgehenden Spezialisierung. Sie wird dadurch ebenso ein Sklave der kapitalistischcn Wirtschaftsorganisation, ivie der moderne Bandarbeiter ein Sklave ihrer Maschineliwelt. Denn die „spezialisierte Eigenkraft" verliert natürlich die Spannkraft und den MachtiviUen. um das Ganze des Wirtschaftsablanfes mit einem Griff zn um« jvannen. Wer sich in jenen zwangsläufigen Mechanismus nicht freiwillig einfügt, kommt unter feine Näder. Die schöpferische Eigenkrast mag deshalb noch so schöne und wertolle Gedanken erzeugen, wenn sie mit den Diktatoren der kapitalistischen Wirtschaftsdogmatik in Widerspruch gerät, wird sie entweder nachgeben müssen oder untergehen, So wird die wirtschaftliche Not zur seelischen Not: ans dem schöpferischen Menschen wird der Maschincnmensch. Tie Abhängigkeit des einzelnen von ärft, werm wie gcgcni*ifc hereinbricht, den . > m 1 ine harte Auslese macht ' cad seiner Tauglichkeit > Wurzel der biologischen - •< nenschen im kapitalistii!. r rr wkö -UN NMli TWUs Die deutschen Inden begehen oft den zwar begreiflichen, aber nichtsdestoweniger schwerwiegenden Fehler, das gegenwärtige deutsche Geschehen zu sehr nur aus dem Gesichtswinkel ihrer Lage zn betrachten. Aber sie sollten einsehen. daß — ganz unabhängig von ihrer Sondersituation — bei dem welthistorischen Versuch einer A u s l e h n u u g gegen die Folgen des k a P i t a l i st i s ch e n SYste m 8, der dem dents ch e n Aufbaupro - (ir a.m m zugrunde liegt, ihr eigenes Schicksal mitentschieden wird. Tenn täuschen wir uns nicht: der Kampf um die Maschincnwclt — die Maschmenwelt als Idee, nicht als Arbeits- Prinzip — ist noch nicht zu Ende. Hier wird auch unser Schicksal entschieden; hier allein. Wenn wir daher das Wirtschasts- und Arbeitsbeschasfnngsprogramm der nationalsozialistischen Negierung unter dem Gesichtspunkt der Erhebung des Menschen gegen die Maschine verstehen wollen, scheint es uns angezeigt, von dein Satze auszugehen, den der Leiter der deutschen Wirtschaftspolitik, Reichsbankpräsident Schacht, in seinem Buch „Das Ende der Reparationen" niedergelegt hat: „Ein Kapitalismus, der nicht imstande ist, die Arbcitermassen in der Welt zn ernähren, hat keinerlei Eristenzbcrechtignng." So entstand der neue deutsche Sozialismus sowohl ans dem Gefühl der b i o l o g i s ch e n Gefährdung des Volkes durch Abhängigkeit vom Weltmarkt, als auch ans dem Gefühl der Notwendigkeit, beit ein* zctnen Menschen vor den seelenzerstörenden Folgen des kapitalistischen. Systems zn schützen. Tie Reagrarisierung Deutschlands. der Abbau der aufgeblähten Industrialisierung, die Austeilung industrieller Riesenstädte in Stadtlandschasten mit Stadtrandsiedlung: alle diese tiefcingreisenden Maßnahmenverfolgen nur den einen Zweck, durch „eine bodenverwnrzelte Raum- Politik die proletarisierende Exportpolitik" emzuschränken, d. h. die Lebensbedürfnisse der Bevölkerung von den Absatzschwankungen des Weltmarktes möglichst unabhängig zu machen. Die Nücksiedlung, die die von der' Exportindustrie freigesetzten Arbeitermassen vom industriellen Westen nach SK mm »f um Mg JMei* fön Ifsn“. ..C AM A J0“-KAFFEF,.«ROSSKOSTERKl C'ftrl Max JoM-pli*! B It F. MEN 4 ■ ' 'It. — - X/ ’ Wie wir in 91 r. 45 vom 8. November .1934 mitgctcilt hatten, umt der Berner Prozeß vertagt worden, da der von den Beklagten ursprünglich als Sachverständiger genannte Pastor Münchmcyer nicht anfzusinden tvar. Als Sachverständiger der Beklagten war nunmehr Oberstleutnant Fleischhauer genannt worden, der inzwischen das Gutachten eingereicht hat. Vorher bereits hatte der vom Gericht benannte Obcrgutachter Loosli fcstgcstellt, daß keine einzige der Behauptungen über die angebliche Echtheit der Protokolle einer ernsten Prüfung standhält. Zum gleichen Ergebnis war der von den. Klägern benannte Gutachter Professor Baumgarten gelangt Nachdem jetzt das Gutachten Fleischhauers'eingereicht ist, dürfte der Termin bald anberaumt werden, und zwar, nach Mitteilung des „Völkisthen Beobachters" vom 12. März, Voraussichtlich am 29. April. Ans diesem Anlaß veröffentlicht der ..Völkische Beobachter" in seinen Nummern 71 bis 73 vom 12. bis 14. März eine Artikelreihe unter der Ucberschrift „Alljuda und die Protokolle der Weisen". Nach einem Bericht über die Vorgeschichte des Prozesses wird die Gcsetzcsstclle genannt, aus die sich die Anklage stützt; es handelt sich urn Artikel 14 des Berner Gesetzes betreffend Schundliteratur, der folgenden Wortlaut hat: „Verboten sind: die Drucklegung, der Verlag, die Fcilyaltunq, der Verlauf, die entgeltliche Ausleihe. die öffentliche Ausstellung und Anpreisung sowie jedes andere Zn-Aerkehr-bringen von Schundliteratur. insbesondere von Schriftwerken, deren Form und Inhalt geeignet sind. zur Begehung von Verbrechen anznreizen oder Anleitung zu geben, die Sittlichkeit zu, gefährden, das ischamgcfühl gröblich zn vertonen, eine verheerende Wirkung auszuiiben oder sonstwie groben Anstof; zu erregen. Das Verbot trifft Bücher. Schriften. Drucksachen. Lieber. Abbildungen. Plakate. Inserate und andere gedruckte oder bildliche Darstellungen." Nach einer abwertenden Beurteilung des bcreits eingereichten Gutachtens von Loosli und der bereits erfolgten Zeugenaussagen, die gegen die Echtheit der Protokolle sprechen, wird sestgestellt, daß diese Zeugenaussagen von Pfarrer Lmble, Leipzig, nicht bestritten und von dem als Antisemiten bekannten Dr. Wilhelm Stapel im „Deutschen Volkstum" als richtig angenommen werden. Es wird ferner berichtet, daß das Gutachten Fleischhauers unter M i t h i l f e e i n e s t n t e r - nationalen Zentralkomitees zustande■ gekommen sei, zu dem sich die Schutzkomitees der einzelnen Länder (z. B. „Arischer Schutzbund", „Aryo - Protection - Fond") zusammengeschlossen hätten und da? sich den Nachweis der Echtheit der' Protokolle zur Ausgabe gesetzt habe. Wir werden bei Beginn der Verhandlung, bie für den 29. April beabsichtigt ist. über den weiteren Verlauf des Prozesses, sowie über'den Inhalt der einzelnen Gutachten berichten. Der bekannte Kairoer Prozeß, der vor etwa einem Jahre die Weltpresse beschäftigte, wird jetzt in der Berufungsinstanz fortgeführt. Ein jüdischer Kaufmann, Jabes. hatte seinerzeit gegen die Hersteller einer antisemitischen Broschüre Klage erhoben, da er sich durch die in ihr ausgestellten Behauptungen beleidigt fühlte. In der ersten Instanz war die Klage abgewiescn worden, weil das Gericht die Aktivlegitimativn des Klägers verneint hatte. Die Berufnngsverhandlung ist für den 11. April in Aussicht genommen. Mit der Bertretung des bek/agteu Deutschen Vereins ist Professor Grimm, Essen, beauftragt, der sich bereits nach Kairo begeben hat. Vertreter worden noch etrxjeftollt. einer Veranstaltung des' Wintcrhilföwerls bz>v der NS-Volköivohlfahrt im großen Saal eine „Geschmacklosigkeit und eine Unverschämtheit" darstelle. Wenn der Pächter von städtischem Grunl»- besitz Juden in den Betrieb hineinlasse, besonders dann, wenn die Partei dort tage, müsse er auf alle Veranstaltungen der Partei verzichten. GMsÄMungsrsM im Saar- Der „Westdeutsche Beobachter" in Köln belaßt sich in einem Artikel mit den Vesitzverbältnisie:; eines Kaufhauses in Saarbrücken und ber ch-. sammem'etzung seines Vorstandes und Aussicht, rates. Wie in dem Artikel mitgeteilt wird, sind im Vorstand und Aufsichtsrat des. Warenhauses auch einige Juden vertreten. In diesem Zusammenhänge bemerkt das Blatt: „Seit zivei Wochen ist das Saargebiet wieder in die Berwaltung dc-5 Deutschei; Gleiches übergegangen, (** erscheint nicht ausgeschlossen, daß man in absehbarer Zeit auch hier eine „Glcichschaltnugsivellr" erleben wird, um die jüdischen 'Namen ans t>cr Oeffentlichkeit verschwinden zu lassen, auf daß die Geschäftstätigkeit nicht gestört wird." MArMmg In der Ausgabe vom 7. März ist der nach, stehende auffallende Kasten zu finden: Die Juden sind die Totengräber des deutschen Volkes! Meidet jüdische Geschäfte! Ms MMWMSt Wie wir erfahren, ist die Mitteilung, daß das Flaggen durch Juden in den Ncichsfahnen unerwünscht sei, im Zusammenhang mit dem Heldengedenktag auch der Jüdischen Gemeinde Berlin zugegangen. _ ZWZot k§ Ät NASS ErMiMSlattöS Der „Westdeutsche Beobachter". Köln, vom 17. März schreibt: „Das in Köln erscheinende .Gemeindeblatt für die jüdischen Gemeinden in Rheinland und Westfalen' wurde wegen Verächtlichmachung de? nationalsozialistischen Nasseempsiudeus und einer dreisten Beschimpfung des .Westdeutschen Beobachters' auf drei Wochen verbvteu. Der verantwortliche Nedakteur, der Kölner Jude »Fritz Nenlaender, wurde von der Staatspolizei in Schutzhast genommen. Der .Westdeutsche Beobachter' hatte unlängst mit einem Artikel seines Redakteurs Peter Schmidt das wieder unglaublich dreist gewordene Geschäftsgebaren jüdischer Händler in der Kölner Altstadt gebrandmarkt. Anstatt die Leser des Jüdischen Gemeindeblatte? zu der Bescheidenheit anzuhalten, die ihnen als nueingeladene Gäste des deutschen Volkes zukvmmt, hatte der Redakteur Nenlaender einen zynischen Artikel verfaßt, der im Weltbühnen-Stil den .Westdeutschen Beobachter' und seinen Ausklärungskampf in der rheinischen Bevölkerung zu ironisieren versuchte. Dem Schriftleiter und Gauabtcilungsleitcr Pg. Schmidt waren als Verfasser des Artikels im .Westdeutschen Beobachter' eigennützige Motive unterschoben worden. Die Staatspolizei hat Nenlaender nunmehr wegen dieses dreisten Angriff auf das Negierungsorgan in Schutzhasi genommen und daS Verbot seiner Zeitung verhängt." Der Verband der Kölner Einzelhändler hat für die geplante Sondernummer des „Westdeutschen Beobachter" ein Rundschreiben versandt in dem es heißt: „Der „Westdeutsche Beobachter" bringt Ende März eine Sondernummer unter dem Titel: „Judenwirtschaft oder judenfceie Wirtschaft". Diese Iudennummer im März soll der gesamten Leserschaft in klarer und deutlicher »Form das sachliche Rüstzeug liefern für den unerbittlichen Kampf, der nur mit dem vollständigen Sieg des Deutschtums sein Ende finden wird. Es ist eine Ehrenpflicht eines jeden deutschen Einzelhändlers, in dieser Iudennummer mit einer Anzeige vertreten zu sein, um auf diese Weise eine Einheitsfront zu schaffen zwischen allen Organisationen, die für die nationalsozialistische Wirtschaft zu kämpfen bereit sind. Wir bitten sie daher, auch für ihre Firma ein Inserat aufzugeben und sich an diesem Kamps gegen den jüdischen Geist in der Wirtschaft zu beteiligen. Es ist notwendig, daß diese Anzeige rechtzeitig nusgegeben.. wird, da guter Anzeigensatz Zeit erfordert." _ M MökhMvMMMrlsl Der Wuppertaler Kreisleiter hat mit sofortiger Wirkung eine Leranstaltungssperre für die Stadt- Halle Wuppertal-Elberfeld aiigeordnet. Veranlassung zu diesem Entschluß, der anläßlich einer Kundgebung des. Winterhilfswerks bekanntgegeben wurde, soll das Verhalten des Pächters der Stadt- Halle gewesen sein, der am gleichen Abend einen der kleineren Stadthallensäle für eine Veranstaltung des jüdischen Kulturbundes zur Verfügung gestellt hatte. Der Kreisleiter erklärte u. a.. daß das Erscheinen von Inden in der Stadthalle während Kauft nur bei arischen Geschäftsleuten und berücksichtigt vor allem den deutschen Handw c r k s m e i st e r „Ser Mythus des xx. Zuhrhunderls"' Die „Germania" erfährt aus München, das: auf Anordnung die Geheime Staatspolizei Bayerns jede Behandlung des Werkes „Mythus des 20. Jahrhunderts" in geschlossciien oder öffentlichen Versammlungen außerhalb der Kirchen zu unterbleiben habe. Durch die Behandlung dieses Werkes fei eine starke Beunruhigung einsekreten. Gegen Zuwiderhandlungen sei mit wsung der Veranstaltung vorzugehen. EutVÄlung des druMn WHkMrrS Die Zeitschrift „Jugend und Recht", das Organ der Neichsgruppe Iungjuristen des Bundc"- Nationalsozialistischcr Deutscher Juristen, setzt sich auf Seite 63 mit der Notiz der E.-V.-Zeitung vom 7. Februar über die Tätigkeit der jüdischen Anwälte auseinander. Hierbei heißt es: „Eines lvird jedoch bei der forrnellen Gleichberechtigung der zugelassenen jüdischen Anwälte noch stets übersehen: die rassengcsetzliche Ncchtslehre verlangt grundsätzlich die Ausschaltung des Juden in jeder Phase unteres Rcchtslebens. Tie gesetzlich sestgclegten Ausnahmen von diesem Grimdsatz tragen keinen dauernden Charakter, sondern stellen lediglich eine Ausnahme vorüberehender Natur dar. die durch den Sachverhalt egründet ist. da eine weitere Zulassung von Frontkämpfern und von sonstigen, die Ausnahmebestimmungen erfüllenden Anwälten nicht mehr in Betracht kommen dürfte, die zugelasscnen jedoch mit der Zeit durch natürlichen Abgang ausscheiden werden." dem agrarischen Osten verpflanzt, liegt ebenso im Zuge dieser organisatorischen Maßnahmen, wie der Arbeitsdienst, dem die ranmpolitische Ausgabe der Gewinnung neuer Nahrungsanbausläche (d. h. Unabhängigmachung vom Weltmarkt) zugewiesen ist. Diese Umstellung aus Binncnwirtschast ist keineswegs mit Autarkie identisch, vielmehr wird die Notivendigkeit einer starken deutschen Außenwirtschaft nachdrücklich betont: aber es soll nicht mehr wie früher um der Außenwirtschaft willen die Liuneuwirtschast über Gebühr vernachlässigt werdeu. Ebenso wenig will das deutsche Ausbauprogramm da? Prinzip der freien Wirtschaft außer Kurs setzen: es vertritt nicht eine statische „PlanwirtschastF sondern eine dynamische „politische Führungs- Wirtschaft", d. h. es will durch staatliche Wirtschaflsstenernug nur darüber wachen, daß das Lebensinteresse der Nation das oberste Gesetz des wirtselpstlichen Handelns bildet. Primat der Politik vor der Wirtschaft. Das deutsche Programm geht von der Voraussetzung aus, daß die äußeren wirtschaftlichen Maßnahmen fruchtlos bleiben müssen, wenn sie nicht wechselseitig von einer inneren politisch-pädagogischen Reform begleitet werden: wenn eS nicht gelingt, das kapitalistische Profitdenken durch ein neues sozialistisches Gemeinschaft s d e n k e n zu ersetzen. Seitdem aber Mar Weber, die bürgerliche Ethik des Puritanismus als Urheberin des kapitalistischen Geistes, und seitdem Werner Sombart den Bourgeois.als den Träger der modernen kapitalistischen Gesellschaft erwiesen haben, ist es üblich geworden, daZ Bürgertum als Stand für die kapitalistische Wirtschafts- - gesinnung verantwortlich.zu machen. Hieraus scheint uns. eine der hervorstechendsten Erscheinung in der Wandlung unserer Zeit zu resultieren: die allgemein verbreitete Frontstellung gegen das Bürger tu nt.. Denn je härter die Menschen unter den Folgen der knpitalistischcn Krise litten, desto bitterer mußten sie dem Bürger als dem kapitalistischen Wirtschaststypus fluchen. Tie Opposition gegen den Bürgertypus ist daher das eigentliche Kennzeichen der weltanschaulichen Theorie des neuen deutschen Sozialismus. Und wenn man die Wesensänderung .unserer Zeit begreifen will, ist es nötig, die Motivierungen jener Opposition im einzelnen kennenzulernen. Dabei reichen die Wurzeln der antibürgerlichen Frotide weit bis in jene Epoche zurück, die mit 3techt als die Glanzzeit des neueren deutschen Bürgertums angesprochen wird, die Zeit, die in Keller, Storm, Freytag und Fontane ihren literarisckzen Ausdruck findet: das große bürgerliche Jahrhundert. Aber bereits in Nietzsche, der den bügerlichen Geist der Schwere für die Ertötung der heroischen Instinkte verantwortlich macht, treibt die Bürgerzeit ihr eigenes Gegengift hervor; George und Moeller van den Bruck sind die Erben seines antibürgerlichen Vermächtnisses. Ihre letzte,' rn den Spiegelungen romantischer Ironie aufgelöste Verklärung findetdie bürgerliche Dekadenz im Werke Thomas Manns. Das aber ist nur Vorspiel zu der unerbittlichen Abrechnung, die der neue deutsche Sozialismus mit dem Geist der Bürgerzeit gegenwärtig vornimmt; so stoßen wir etwa in einer nationalsozialistischen Zeitschrift auf solgende Begriffsbestimmung: „Den Menschen- . typ, dev diesen Aufgaben (den Ausgaben der neuen Zeit) gewachsen ist, nennen wir einen Sozialisten. Alle Sozialisteir.stehen in dieser Front. Sie stehen überhaupt überall an der Front. Nur der Bürger sitzt in der Etappe/ — Hier ist ganz klar der massive Vorwurf ausgesprochen, der heute allseits gegen das Vürgertttm erhoben tvird: der Avnvurs der Feigheit, der Mimikry, der Verst e l l u n g. der F l u ch t vorder Entscheidung. §o spricht Werner Roß in - einem Aussatz „Ter Tod ztvischen zwei Welten. Bürgerlick)e und nationalsozialistische Haltung zitm Tode" („Volk im Werden, 2. Jahrgang. Heft 3) dem Bürgertum die metaphysische Kraft zum heroischen Untergang ab. Earl Schmitt sucht in seiner geistreichen Studie „Staatsgesüge und Zusammenbruch des zweiten Reiches. Ter Sieg des Bürgers über den Soldaten" zn beweisen, daß der ztvangsläufige Zusammenbruch des zweiten Reiches durch den Konflikt zwischen dem preußischen Soldatenstaat. der vom Geiste Friedrichs des Großen getragen wurde, und dem bürgerlichen V'erfassnngsstaat. der sein Ideal in der westlichen Demokratie sah,'verschuldet tvurde. Ernst ftriKf ergänzt in dem Aufsatz „Ter politische und der unpolitische Deutsche" („Volk im Werden", 2. Jahrgang, 7. Heft) die Anklage Schmitts, indem er dem deutschen Bürgerin!" vorhält, es habe durch seine Flucht ans der P o l i t i.k die volksentfremdendc Isolierung und Radikalisierung des beutfclicu Arbeitei2ums verschuldet. Otto Henning A'ebc wendet sich sin einem Buch „Ter .christliche' Bürger" (1934) gegen den Liberalismus der „bürgerlichen Christen", der — in der Politik beseitigt — sich aus dem Gebiet der Religion versteckt habe. Man' sieht: der neue dentsche Sozialismus hat hem Bürgerjypus den Kriegerklärt. . (Wird fortgesetzt.)