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Central-Verein-Zeitung · 1935-03-21 · 12 (21.3.1935) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
12 (21.3.1935)
Date
1935-03-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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, Wieder werden in diesen Gedenktagen die Namen Dach und Händel zusammen genannt, in ihrem Wesen und Wirken neben- und gcgeneinandcrgestellt ' als die größten, die einzigen Repräsentanten jener älteren Musik, die in Werk und Persönlichkeit dem lebendigen Bewußtsein bis heute erhalten blieben. 3u. Lebzeiten der Meister urteilte man anders: da war das musikalische Europa von Händels Kom. ponistenruhm erfüllt. Bach aber galt im wesentlichen nur als der große Orgelvirtuose, sein Werk, für die Erfordernisse von Tag und Amt geschrieben, drang nicht in die Weite. Diese unterschiedliche Wertschätzung, welche die Zeit unseren Meistern entgegenbrachte, muß ihre tieferen Ursachen haben. Schars wie im Werk sind auch die Gegensätze im Lebensgang, den Arbeitsgebieten, denen Bach und Händel zustrebten, ausgeprägt. Bach, geistig und das heißt hier religiös, fest mit der Tradition eines Geschlechts verwurzelt, das ein gut Teil der thüringischen Organisten, Kantoren. Lehrer stellte, über die engere Heimat aber nicht hinauskam und auch nicht hinausstrebte. Händel, der Weltbürger, weltlich gesinnt, angeschlossen an den .Ideenkreis der Zeit. Bach, im Musikalischen der Erbe jener seltsam phantastischen Musik der Norddeutschen, mit dem starken Hang zum Mystischen. Händel, der heitere Sonnenmensch, der die Kunst Italiens an der Quelle studieren durste, sie mit seinem Geist durchdrang und vertiefte und an England, das seine zweite Heimat ward, weitergab. Bach. Gipfelpunkt einer alten. Musik.' letzter und größter Deuter der kühnsten Kombinationen des Kontrapunkts, Händel, eine Epoche freierer, gelösterer, lunstloserer, sinnlicherer Formen führend. Zwar darf auch bei Bach der Einschlag des Neuen. nicht unterschätzt werden: nicht zufällig ist eins seiner schönsten Klavierwerke im „italienischen "usto" geschrieben und zahlreiche Orchesterkonzerte der Italiener von ihm für Cembalo und Orgel gesetzt worden. Aber die tiefsten Wurzeln seines Werke? ruhen in der Vergangenheit der deutschen Kirchenmuftf; dieser Stil galt zu Bachs Lebzeiten schon als abgetan, als zu gelehrt, ja schwülstig, deshalb hat Bach keine Nachfolge, keine Schule hinterlasscn. In Handels Musik aber erkannte die Zeit ihren Geist, mit ihm strebten Zahllose nach gleichen musikalischen Gesetzen und nur graduelle Unterschiede bestehen zwischen jenen und Händel. Er stand mit vielen, Bach allein, und. deshalb dürfen wir vielleicht so gegenüberstellen: in Bach lieben und verehren wir das Jndividuelle.in Händel den konzentriertesten und stärksten Ausdruck einer Zeit. . Persönliche Beziehungen zu den Juden jener Zeit konnten natürlich nickst bestehen. Nur die Juden Londons, haben, den „Judas MaccabäuS" als Verherrlichung des eignen Stammes angesehen und strömten in Massen zu den Aufsüh-- rungen. Der englische Biograph Ncwmann Flower schreibt darüber:.,.Daß ein Jude als Held und nicht als verspottete Figur auf die Bühne kam, war in London buchstäblich noch nie dagewesen. und Händel gewann im Handumdrehen ein neues Publikum/ Innig waren Bindung und.Verbin düng mit un-. s e r s r Bibel, die den Werken beider Meister immer wieder Textgrimdlage wurde. Das war bei den Kirchenmnsikern des ganzen Barockzeitalters so. ja, im 17. Jahrhundert sind die Bibel- Vertonungen noch weitaus zahlreicher, weil damals der Text unverfälscht komponiert wurde, während in der Händel-Zeit neben Altes und Neues Testament in erheblichem Maße and) Ncnbidjtimgcn meist pietistischer Art traten. Bet Bach finden wir das Alte Testament vor allem in den mannigfaltigen Formen der Choralbearbeitung und der Kantate inseinem Geist gestaltet. Bei der fast unübersehbaren Fülle . deS Materials verhiebet sich hier eine auch nur annähernd erschöpfende Darstellung von selbst. Als besonders bemerkenswerte Beispiele seien angeführt die Kantaten: /„Gott ist.meinKönig", „Schauet doch und sehet". „Es erhub sich ein Streit", „Sie werden ans Saba alle kommen", „Himmelskönig, sei willkommen". „Herr, gehe nicht ins Gexicht", „Du Hirte Israels, höre", „Die Elenden sollen essen", „Gott fahrt auf mit Jauchzen" „Herr, Deine Augen sehen nach dem- Glauben", „Der Herr denket an uns", „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes", „Lobe den Herrn meine Seele", „Was soll ich aus Dir" machen". „Singet dem Herrn ein neues Lied", „Lobet den Herrn alle Heiden", die beiden letzten Texiworte auch als Motetten von Bach bearbeitet, und schließlich die Reformationskantate''„Gott der Herr ist Sonn' und Schild". Allein die hier genannten. Werke enthalten Verse aus den Psalmen 19, 22. 32. 34, 40, 47, 74, .84, 97, 103, 115, 117, 113 und 149, Stücke aus den Büchern Jesaia, Jeremias'Samuel. Hosea. aus dem ersten und fünften Buch Moses. Die Worbe des Propheten Jeremias (Klagelieder, 1. . Kapitel, 12. Vers) haben Bach, zu einer so verinnerlichten Musik inspiriert, daß ' er sie in seiner Hohen Meste (gu'i tollis poccata mundi) notengetreu wieder aufnahm. Nietzsche sagt: „Erst in Händel»- Musik erklang das Beste aus Luthers und seiner Der-, wandten Seele, der-jüdisch-heroische Zug. welcher der Reformation einen Zug der Größe gab. da8 Alte Testament Musik geworden, nicht dcrs Neue." In der Tat konnte die wechselvolle Geschichte des jüdischen Volkes im Musikalischen keim schönere Auferstehung und Verklärung finden als im Werke Händels. Schon als. Achtzehnjähriger Haler den 112. Psalm vertont.' später die zwölf berühmten, Anthems. ebenfalls, auf> Psalmtexte ge« schrieben. DaS Größte abergab Händel tavßtd- zum 250. Geburtstag 21. März 23. Februar torium, das zum überwiegenden Teil von' den Leiden und den heroischen Leidenschaften Israels erzählt. Wir nennen „Esther", „Deborah", „Saul", „Israel in Aegypten", „Samson", „Joseph"> „Belsazar", „JudaS MaccabäuS". „Jofua", „Salomo", „Jephta". Gewiß ging es Händel nicht um eine Verherrlichung des Juden-, tums, sondern Anspielungen auf andere, Völker, auf aktuelles Geschehen spielen in beträcht, lichem Dtaße herein; aber das zeugt eben von der Allgültigkeit der Bibel, daß jede Nation sich mit dem Volk Gottes identifizierte, in Händels Oratorienstoffen. besonders im „MaccabäuS", sich selber sah, mit all seinen Idealen, seinem Heldenmut, seiner Begeisterung, seinem Gottvertrauen, seiner Erwartung ewigen Bestehens, zeitloser. Geltung der eigenen Gemeinschaft. Ein Zeichen der ewigen Gültigkeit der Bibel, ihrer völligen ■ Unabhängigkeit von Zeit. Raum und Nation im politischen Sinn, wenn ein namhafter Musikhistoriker über den „JudaS MaccabäuS" sagen kann: „Dies taghelle, mannhafte Meisterwerk hat in Deutschland durch ein volle!« Jahrhundert die , Rolle, unseres schönsten vaterländischen Oratoriums gespielt, und es steht innig zu hoffen, daß es als solches bei uns weiterleben wird." In Bach und Händels Stellung zum. Alten Testament müssen wir unbedingte Gegensätze erkennen: Händel hat das Historische zur Gestaltung gelockt» Bach mehr der dahinter stehende, innere Sinn des von göttlicher Vorsehung geleiteten Geschehens, Händel der Stoff, die Handlung in der ganzen Vielfalt ihrer Bilder und dramatischen Stimmungen, Bach die Religiosität, der Glauben als solcher, losgelöst von" aller erdhaften Bindung, rein als Konfession und Bekenntnis zur GotteSgläubigkeit, und nur so konnte der überzeugte Protestant neben dem Luther-Choral Stücke aus dem Pentateuch und den katholischen Messentext verstehen und im musikalischen Kunstwerk gestalten. Während nach dem Tode der Meister (Bach starb 1750. Händel 1759) Händels Werk der Nachwelt' lebendig und wert blieb, war das von Bach'schon von der nächsten Generation vergessen. Die B a ch - P f l e g e, die sich heute mit Recht zu einem wahren Bach-Kult gesteigert hat, wurde durch Mendelssohns Aufführung der Matthäus - Passion (1829) eingeleitet. Interessant ist die Bewertung von Mendelssohns Tat in dem gerade in diesen Tagen erschienenen Werk „Das Atlantisbuch der Musik": „Hier bot sich nicht nur eine der herrlichsten Früchte des historischen Sinnes der Romantiker dar, sondern hier war ein ganz überragender Wendepunkt der Musikgeschichte erreicht. Bach ... bis dahin ein Name, den nur einige Auserwählte ehrfurchtsvoll nannten, wurde fast mit einem Schlage tiefster, unvergänglichster Volksbesitz." Wenig bekannt ist, daß Mendelssohn auch später Klavier- und Orgelmusik aus seine Konzertprogramme gesetzt hat. Welchen Widerstand er damals noch zu überwinden chatte, mögen folgende' Worte Eduard Devrients erweisen: „Es war ihm (Mendelssohn) in diesem Jahre gelungen — was im vorigen /nicht —, einen Psalm von Sebastian Bach auf das Programm zu bringen. .Die Festkomitees sträubten sich noch immer gegen den alten, strengen Komponisten, Felix' Beharrlichkeit hatte es durchgesetzt . . . und ohne Frage hat die Neuzeit es Mendelssohns nachhaltigem Bemühen zu danken, daß diese Grundpfeiler der Musik wieder ehrfurchtgebietend zutage getreten sind." Auch sonst haben Juden' vielfach für Bachs Kunst gewirkt, es sei nur an Hermann Levi und Siegfried Ochs erinnert. Wir Juden dürfen an diesen Gedenktagen mit' Recht auf die besondere Bedeutung des Bibclwortes in Bachs und Händels Werk Hinweisen; kritisch wertende Vergleiche zwischen den Antipoden Haben zu schweigen vor der Erkenntnis: hier haben zwei Musiker ein zeitüberdauerndes Werk geschaffen von einer Größe, die nur nach ihren eigenen Maßstäben und Gesetzen geniesten werden kann. Ludwig Altman?. über Allenthalben in den Werken Goethes erblicken und fühlen wir Goethe, den wirklichen, tatsächlichen, zu unscheidbarer Einheit verbunden mit dem Wesentlichen, zu dem er sich gestaltet und erhöht; als ein ungeheures Subjekt, das dennoch Abstand zu sich selbst gewonnen, das sich als ein ungeheures Objektives aufgerichtet hat, so ragt Goethes Wesen und Werk. Völlig anders steht es um Bach. Seine Briese, die Nachrichten, die über seine Existenz zu uns gedrungen sind, besagen nichts, woraus man erschließen könnte oder gar müßte, daß er ein Schöpfer so ungcheurern Ausmaßes., ein Träger so unermeßlicher Gnade war. ES ist ' ungemein schwer, sich zu verdeutlichen, wie daS ' Verhältnis von Sein und Sendung sich in dieseyr Leben ausgewirkt hat. Bachs Vorfahren sahen seit zwei Jahrhunderten als Kantoren, Organisten und Stadtmusikanten vornehmlich in Thüringen, doch bis nach Franken, nach Ober- und Niedersachscn ausgebreitet. Diese unendliche Ueberlieferung mündet in Bach. Wie die ganz Großen zumeist, bricht er nicht neue Bahnen, sondern er faßt zusammen; die gewordenen Formen gehen noch einmal durch seine ordnende und sichtende Kraft,' werden neu empfangen und erneuert, zu höchster Notwendigkeit gesteigert und gestaltet. Und so - liegt es nahe, sich auf die Formel zurückzuziehen./'.; daß Bach Gefäß und Instrument dieses überper-. sönlichcn. Vollendnngswillens gewesen sei. Wohk trifft sie zu. aber gleichwohl bleibt die tiefere Frage offen, wie denn dies einmalige, bedingte, zwischen 1685 und 1760 lebende, empirische Jndividuum Johann Sebastian Bach in eben dieser Eigenschaft als Träger überpcrsönllcher und überzeitlicher Mächte sich verhalten habe. - Schweitzer sagt, daß in. Bachs Musik der Geist der Gotik lebe; aber noch in einem anderen Sinne '• spüren wir das Walten mittelalterlichen Geistes. Noch wirken letzte mittelalterliche Bindungen. Der Betrieb der Musik hat noch ein wenig Handwerk-. . lich-zünftlerischen Charakter. Freies und angewandteS Musikschaffen sind noch nicht getrennt. Die Organisten stellen sich ihren Bedarf an Musikstücken selbst her; auch Bach komponiert vieles im : Dienste seiner kirchlichen Tätigkeit. Wenn die; Zeitgenosten Bach rühmen, so meinen sie den. gewattigen Orgelspieler. Als der Musikkritiker 7 - Scheibe Bachs Musik.für schwülstig und überladen,, erklärte, veranlaßte er einen Freund zu eiüer" Gegenschrift. .Der Grund war nicht, daß er sich nicht zureichend gewürdigte fühlte, sondern daß', über seine Kunst das Widersinnigste. ausgesagt:'' ward, indem man sie mit der Poesie des leeren. Worte häufenden Lohenstein verglich. Bach wußte wohl, daß er innerhalb der großen musikalischen . Ueberlieferung mehr konnte als die Zeitgenosten;; aber dies Bewußtsein blieb innerhalb der Grenzen; seiner Zeit. Er überschritt, wie es sein Gesetz war, die Formen nicht, abereben darum konnte er r nicht fühlen, daß er mitten in der Zeitlichkeit sich - in einem Bereich des Ueberzeitlichen bewegte, aus - ' dem Zeitlichen in ein Ueberzeitliches ragte. ErZ bemühte sich, ein ganz ausgezeichneter „Kompositeur" und „Direktor musice" zu sein^ doch er., ahnte nichts von seiner eigenen Größe, anderwie' die- Söhneeiner - subjektiv entfalteten- Zeit.' Beethoven und au$- Bruckner. -• c . .u:. j. r' I Von Ernst Lissauer Wir haben bei Bachs Erfindungen nicht den Eindruck, daß sie ihm in irgendeinem bestimmten Augenblick eingegeben worden seien, etwa, als er über den Weimarer Marktplatz oder an Auerbachs Keller vorüberging; vielmehr ist es. als seien sie alle von Anfang an in ihm vorhanden gewesen, und er habe diesen unendlichen Vorrat nur nach und nach tönend aus sich heraus gesponnen. Bach hat seine erste Frau ganz plötzlich verlorener hat Freude und Kummer an den vielen Kindern gehabt, Widerstand und Aerger von Rat und Rektor, Kollegen und Schülern erfahren; aber wir haben nicht daS Gefühl, daß daS uncrmeßlichc Leid seiner Adagios, der stürmende Jubel seiner .Allegros persönlichen Kummer, persönliches Glück ausdrücke, sondern es ist,' als ob in ihm Gram und Glück, Andacht und Innigkeit, Freude und Schmerz von vornherein und in unabsehbaren Mengen angesammelt vorhanden waren und, unabhängig von dem persönlichen Erleben des Menschen Bach, erklangen. Was wir nehmen, ist nicht Schmerz und Freude Johann -Sebastian Bachs, sondern der menschlichen - . Kreatur schlechthin. Bachs Musik wirkt eigentlich immer als absolut. Zwar weist Schweitzer eingehend nach, wie eng seine Musil sich den Texten/ und Passionen der Kantaten anschließt; aber-der - .-Zuhörer fühlte diese Worte doch nur als -eine mehr oder minder notdürftige Unterlage, durch» ^aus zeitgebunden, und überaltert, dem- Wert und Gehalt nach von dieser ewigkertlichen Musik so ' unendlich verschieden, daß-sie sich fast verflüchtigt Bachs. Musik ist aber „absolut" auch/ in dem, . Sinne, daß sie sich nicht nur von dem Menschen. ..Bach gelöst hat. sondern' gleichsam ohne, im ' engeren Sinn personales Zutun und Zutat ent-- standen scheint. ' Der individuelle Wille, doch auch die individuelle Willkür ist.ausgeschattet. Das - mathematische Element der Musik versichtbart sich bei ihm in höchster Vollendung, und wie die Ans.' gäbe des Mathematikers ist,- das logische Gesetz der -Dtathematik aufzufinden, so scheint Bach nur da8 eingeborene, mathematische Gesetz darznbilden. Indem sich aber dies Gesetzhafte unlösbar mit letzter Kraft des. Gefühls verbindet und diese strengste' Mathematik sich mit der innigsten Mystik als dem andern'Urelement der" Musik durchdringt, geschieht das eigentliche- Wunder de8 Bachschen Schaffens, und zwar nicht - bisweilen, selten, sondern schlechthin ununter^ brachen...... . . .. ' . « ■-"SBit können diesen Vorgang nur verstehen.' indem wir der großen Baumeister Mittelalter- ' ttcher Dome gedenken, .in deren Gewölben und-' Bögen. Fassaden und Türmen, sich ebenfalls- Mathematik und Mystik aufs innerstedurch., drangen, und die neben diesem überlebensgroß ‘ entrückten Sein unbegreiflicherweise ihren lebensgroßen täglichen Alltag hatten, in dem sie sich l mrt Baupflegern. Geistlichen. Parlierern.Steinmetzen. mrt Rechnungen, Lieferungen und so weiter J auseinandersetzen mußten. In Geistern wie jenen . Dombaumeistern und in Johann Sebastian Bach wirkt gesamtheitliche Ueberlieferung mit solcher Gewalt als lebendige Macht und hat dermaßen" , enifdfjetttnb teil an ihrem Schaffen.Iwie. die-Im. -.der: Spätzeit der. individualistischen Zeitalter-.. Erwachsenen es sich üiuw mehr worstellsn können."' Die Wiedererweckung der Matthäus- Passion Wenig' bekannt ist die Erzählung' Therese. Devrients, geb.. Schlesinger, der Frau Eduard Devrients. die von einer Voraufführung .der Matthäus-Passion im Hause Mendelssohn berichtet: „Es war an einem Lktoberabend (1828), als sich bei Mendelssohns eine kleine Gesellschaft eingcfunden hatte, die geladen war, um' zum erstenmal etwas von Sebastian Bachs Passionsmusik kennenzulernen. Wir waren alle in höchster Spannung und Aufregung. Felix hatte dieses Wunderwerk, das gerade hundert Jahre versteckt gelegen, in Zelters oder vielmehr der Singakademie reichem. Notenschatz entdeckt und ans Licht gezogen. Sein Entzücken, seine Bewunderung wuchs an .jedem Tage der eingehendsten Beschäftigung mit der Partitur, und er konnte nicht widerstehen, seinen Freunden diesen Genuß auch zu verschaffen. Die Familie war natürlich auf der Stelle bereit, alle- Anstalten dazu zu treffen. Die Mutter schickte ^inladungsbilletts an etwa zwölf musikalische Personen, die Schwestern schrieben Stimmen aus, so konnten wir bescheiden, aber voll tiefsten Ernstes beginnen. Felix setzte sich bleich und. erregt an den Flügel, wir Singenden umstanden ihn, so daß er' uns immer im Auge haben und einhelsen konnte, was'höchst notwendig war. denn es ging miserabel? - Wir hatten nicht allein die Schwierigkeiten, diese Musik vom Blatt zu singen: auch die. sehr unleserlich geschriebenen Noten und Text zu lesen war fast eine Unmöglichkeit, und. trotzdem waren wir ganz erschüttert und wie in eine neue musikalische Wett verseht. Felix sprach abends viel von dem für einen Musiker höchsten Glück, dieses Werk mit vollem' Chor und Orchester einzustudiercn und der Welt vorzuführen, hielt es aber für eine Unmöglichkeit bei all den vielen Hinderungen und Schwierigkeiten. Anders war es mit Eduard, der ganz entschieden und mit festem Entschluß auf dieses hohe, schöne Ziel losschritt. Er ging am nächsten Morgen zu Felix, ihm seinen Plan mitzuteilen, der schon vollständig ausgebildet war. Er verlangte von ihm. die Partitur für die Aufführung faßlich einzurichten, während er ihm Orchester- und Chor zu verschaffen versprach. Er war so oft schon der Singakademie bei ihren Oratorien und Konzerten gefällig gewesen, daß er ohne Scheu auch ihre Teilnahme einmal für sich in Anspruch nehmen-durfte. Ebenso war es mit denk Königlichen Orchester: nur den alten Zelter zu bewegen, seinem jungen Schüler (Felir war 20 Jahre alt!) einmal den Taktstock zu überlasten, hielt er für eine große Schwierigkeit. Doch auch diese ward überwunden. Zelter willigte ein. ebenso mit Freuden die Singakademie und viele Dilettanten. Jetzt macht sich Mendelssohn an dre Arbeit, die Vorbereitungen und Proben nahmen fast den ganzen Winter ein . . ." Wie die Aufführung der Passion am 11. Marz 1829 zustande kam, wie Felix, der junge Musiker/ den alten Meister Bach verstanden, mit feinem Takte und richtigem Geschmack eine Auswahl der Musikstücke getroffen, sie instrumentiert, einstudiert und das Ganze geleitet hat. das alles ist in Eduard Devrients „Erinnerungen an Mendelssohn" genau geschildert: -.Ich kann nur von dem Eindruck sprechen, den es aus mich wie alle Zuhörer, gemacht hat, und der ewig unvergeßlich sein wird. Die Partie des Jesus habe ich von den ausgezeichnetsten Sängern mit wärmster Hingebung vortragen gehört. Bei Eduard aber war . es anders. Es klang nicht, als ob er vorgeschriebone Noten sänge, es klang wie eine Offenbarung, eine Eingebung, die frommen Worte in Tönen ausgesprochen. So ernst erhaben und doch so un-' endlich rührend, daß man in aller Augen Tränen sah. Ich pries es als ein Glück für mich, wie für alle, an den Proben--wie an der Aufführungteilnehmen zu dürfen.' Wenn z. B. die Choräle, - ohne Begleitung von 400 Stimmen gesungen, wie ein Hauch durch ./, den großen Raum schwcbten.- .-nelrr leise-den Taktstock weglegte. Eduard bei der. : Hand nahm und bis ans Ende des Saales ging,' - sie dort nebeneinander..standen, mit verklärtem - Lächeln und tränenfeuchten Äugen den Tönen 'lauschten, mußte man fbie beiden jungen Freunde . .und Künstler' lieben und verehren. Die Wieder-' - .hölung der Passion, die bald darauf (am 21. März> '..'erfolgte, gelang ebenso vortrefflich als die erste" .. Aufführung ünd-- erregte - dieselbe Begeisterung beim Publikum." ' . . — Ludwig Nellstab schrieb in der „Vossischen Zeitung" vom 13.-März'1829 über die d.nkwür-' dige Aufführung u. a.: ' ' ' ' „Die Aufführung der großen Passions-Musik' von Sebastian Vach, schon vorläufig als ein höchst: wichtiges Kunstereignis mit . Recht bezeichnet, ist auch vom Publikum als ein solches anerkannt - worden; denn fast können wir uns keiner ähnlichen eifrigen Theilnahm für ein großes, ernstes Werk erinnern . . . Dcu-größten Dank verdienen alle,' die dabei mitgewrrkt haben; wir haben fast noch nie eine so vollendete-Aufführung gehört. ' Daß Einzelnes' durch Einzelne mißlingt', ist' niemals ..Schuld des Dirigenten (Felix Mendelssohn), der hier mit seltenem Eifer und Talent das Trefflichste . geleistet hat," ' .L. Baraberger. r Hauptschriftlei ter und für dea gesamten Inhalt verantwortlich: Dr. Alfred Hirschbere; . Steljvertr-; Dr.; IT» r e a r e t e E d e i h e 1 m.' , Beide in Berlin. Für Rücksendung unverlangter -Manuskripte ist Freiumschlag beizufügen. Leiter '. der Anzeigen-Abteilung und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Friedrich Nathan^ -. . Berlin. DA IV. Vj. -46.823. Verlag: Centralverein : deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V.. Berlin W 15, Emser Strasse*«. Tel.-Adr.. „Centralglttuben Berlin“. Feruspr.J2011v»8MM5. ..Postscheck: Berlin 80472.-.. Druck der Buch- und Tiefdruck .Gesellschaft mbH, Berlin SW 18. r\\- Zurzeit ist Preisliste-Nr. 3 gültig. ' . .; •;':Bfc*ügspKri*Vierteljährlich RH 3,-. r i t .? 1 | i! :

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