Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 10 (7.3.1935)
- Date
- 1935-03-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2277379-2278097-2278107--09276-2290379- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sl'Uücii, Gott aber siebt in da» Herz" und ähnliche Wendrmgen sind vhne weiteres nach ihrer Herkunft kenntlich. Man hat and) an? ber einzigartigen Lebensbeschreibung vom König David die These ableitcn wollen, das; ..Biblisches Führcrtnm" mit anderen Masten zu messen sei al» Führcrtnm in der Geschichte. Tie „Führer" der Bibel. seien zumeist Schwache, Geringe: wie sic ihr Führcrtnm vollziehen, sei „ividcr die Geschichte", c? sei da? Führertum der Erfolg, losen und Besiegten: die göttlichen Absichten würden nicht mit Gervalt und weltlichen Erfolgen verwirklicht. Für David gilt diese Deutung nicht, die Texte widersprechen ihr. Die zwei großen Fluchtcr.fählnngen, au? denen nach dieser These da? Leben David? im wesentlichen bestehe: der jungeDavid auf der Flucht vor Saul, der alte König auf der Flucht vor seinem rebellischen Sohn Al'salom, beide Fluchlerzähluugen bleiben in dein Gesamtbild diese» Leben? Episoden. Bon einet „Verherrlichung der Erfolglosigkeit" oder einer Art „Vergoldung de? Lebcmsdrilck?" ist noch keine Rede; e? handelt sich vielnn'hr um echte Gcschich1?tertc. die nur ganz schwach thcologisiert sind. Von ewiger Gröste und Gültigkeit, wie Absalon,, der Rebell, den Tod von der Hand Ioab?, des finsteren Feldhauptnianns, findet! Wieder siegt die höchst weltliche StaatZraison, die Politische Vernunft. Ioab zwingt seinen Herrn zu dieser eiskalten ( Staatsraisonf die harten, ungeschminkten Worte, die Ioab (II. Buch Samuel 19. 6—95) über den Tod Absakom? zu dem trauernden David spricht, sind von schneidender Schärfe: „Heute hast du deutlich gemacht, dast deine Obren und Dieustmäuuer dir nicht? sind; ich weiß ja seit heute, lebte nur Absalom und wir alle wären tot, ja das wäre dir recht. Nun aber, steh' ans, geh' hinan?, zeige dich, sprich zum Herzc-n deiner Diener!" David ist nur mehr der Vorgeschobene, der unter dem Willen seiner Umgebung steht, von Ioab zum HerrschaftS- und Königsgedanken gezwungen wird und mitten im Gewebe der Palastintrigen entkräftet die Augen schließt. Da? Erstaunliche, die geschichtSphilosoPhische und politische Onintesst'uz diese? Lebe,;? bleibt: der reine, unverfälschte Tatsachenablans. der in den biblischen Annalen ohne Beschönigung und Glorifizierung eingetragene einfache Sachverhalt. 45 Jahre eines wild bewegten, gcfahrcnnmlancrtcn Leben?, da? erfüllt war von unansdcnktichcn Tücken von innen und außen, gelebt mit den ungezähimen Leidenschaften von einer verbissen bekämpfenden Kraftnaturen vor 3000 Jahren, höchste Weisheit, ungebändigte Kraft, willenlose Hingegebenhcit an den Trieb de? Augenblicks in Einem, die? alles in einem Buch wie der Vibil fixiert und ewig feftgehalten vermag dem Heldenbild und der religiösen Verklärung von „Dovldha-melech", de? von Gott geliebten Harfenspielers und Psallneusängers nicht Eintrag zu tun. Bon David? Stamm, au? ^)sais Geschlecht wird der Messias erwartet. David, das Ideal de? Königs mit Krone, Hermelin und Zepter, de? begnadeten Stellvertreters eine? Höheren! Das Urbild eines Herrschers für jüdische und nichtjüdische Gläubige! Der „Thron Davids", die „Stadt Davids , das ^.Haus Davids" sind zu religiösen Begriffen geworden. In diesen». Bild sah das zertretene Volk die zuversichtlich erhoffte kommende Herrlichkeit des wiedcrcrftehenden Reiche?. Frömmigkeit. Eercchtigfeit, wahren Dienst Gotte? versinnbildlichte man in der ewigen Gestalt König Davids. Der große zeitgenössische Bericht, der van dem jungen David und dem alten König so unbefangen, wic cs wirklich gewesen ist. erzählte, war kein Hindernis für diese Verklärung. Der Wcltherrscher ans davidischem Han?, der ewige» Frieden und soziale Gerechtigkeit bringt, „ein Nei? ans dem Stumpfe Jischass" (Jesaias 13,1), der wiedcrkehrende David, so lautete die Prophezeiung, wird die Welt erlösen. Eine M>LWr Enzyklopädie Nach dreijähriger vorbereitender Arbeit ist es endlich gelungen, ein Knltnrwerk zu schassen: Soeben ist der!. Band der ersten allgemeinen Enzpklopädie in jiddischer Sprache lVcrlag: D u b n o w - F o n d, Pari?, 1031) erschienen. lieber die Bedeutung und den Nutzen einer allgemeinen Enzyklopädie in jiddischer Sprache reden, hieße offene Türen cinrenncn. Für die jüdischen Blassen, die m;r das „Jiddisch" beherrschen, ist eine solche geschickt zusammengestcltte populär-wissenschaftliche Arbeit die einzige Quelle zur Teilnahme am kulturellen Leben. Von den zwei Methoden, der einen, die in der individuellen Behandlung einzelner Begriffe besteht in Form selbständiger Artikel ohne Zusammenhang mit den anderen Begriffen derselben Disziplin, und der anderen, die die Einfügung sämtlicher Problcme in ein System erstrebt, gleichsam wie in ein Sammelwerk, hat die Redaktion mit Recht die Mittellinie eingehalten, unter Berücksichtigung und Angleichnng an die iutellcktnellc Entwicklung de? Durchschnittslesers, ans den die Enzyklopädie zngeschnitten ist. s)n dem ersten Band ragen durch die Reichhaltigkeit ihres Inhalts n. a. hervor: die Artikel von Professor S. D u b n o w („Autonomie in der indischen Geschichte"), Professor M. Wischnjak („Autonomie", „Asplrccht"), Dr. A. Steinb e r g („Unsterblichkeit"), Wl. W oYtinski („Agrarkrisis". „Agrarpreisc"), Tr. E. Tschcrikower („likraina. die Inden in der Nlraina"). Professor M. Krull („Australien". „Äserbaidschan"), I. Delewski („Atom" n. a.), I. Lew i n („Universität"). D. Landmann. As Mii hu LMchm MMn Die Festschrift, die der badische Oberrat der Israeliten als nachträgliche Jnbilänmsgabe anläßlich seine? 1-5jährigen Bestehen? heran?- gibt, „Gedenlbnch zum 125jährigen Bestehen des Oberrat? der Israeliten Baden?" (I. Kaufftnann Verlag. Franlfurt 1031), zeigt nicht nur die außerordentlich wichtige und dankbar anerkannte Arbeit ans, welche diese bedeutsame Institution für mehrere 'Generationen de? badischen Judentums geleistet hat. — die Veröffentlichung mit ihren wertvollen Abhandlungen darf auch als willkommener Beitrag zu einer objektiven und von einseitiger Darstellung freien Geschichtsschreibung der Emanzipation frendig begrüßt werden. Die klugen Worte, mit denen der Präsident der Neich?- vcrtretnug. Leo Baeck, in der stimmungsvollen Gedenkfeier die geschichtliche Bedeutung des badischen Oberates und feine? Werkes gewürdigt hat, über da? in diesen Blättern ausführlich berichtet wurde, sind mir Recht den Aussätzen vorangestellt, in welchen Selma Stern-Täübler eine außerordentlich gründliche und aufschlußreiche Darstellung der Jndcncmanzipation in Baden gibt, während Sigmund Neichenberger ein interessante? Lebensbild de? Oberratc? Naphtali Epstein, einer für die geistige und religiöse Entwicklung de? badischen Judentums, insbesondere für seine Erziehungsarbeit, bedeutungsvollen, markanten Persönlichkeit zeichnet. In engem, innerem Zusammenhang damit behandelt Berthold Rosen th a l, dem wir eine ausgezeichnete Heimatgeschichte der badischen Inden verdanken, den Entwicklungsgang der jüdischen Bvlksschnle in Laden, eine historische Betrachtung. die durch die neue Wandliuig dieser Frage auch eine nahe Gegenwartsbedentung gewinnt. Auch wenn die Festgabe nur Spezialgebiete und daniit nur einen Ausschnitt ans dem großen Komplex der Emanzipationsgeschichte wiedcrgibt ist sie weit mehr als ein Erinncrungsbuch. „Wahrhaft sich erinnern bedeutet zugleich wahrhaft hoffen", sagt Leo Baeck in der schon erwähnten Festansprache. So möge da? Gedenlbnch den Zweck erfüllen, den ihm das Geleitwort des Obcrrates Porzeichnet: „Ansporn z;l sein und Mahnung zu Eintracht, zu Ilreuc, zu Würde und zu aufrechter Haltung in Gegenwart und Zukunft." H. 8t. Gesellschaft „ONT". Die' guten Erfolge, die die A n 8 b i 1 d n n g s k u r s e für jüdische Jugendliche ans Deutschland den .,ORT"-A»ßaltc» in Osteuropa im Laufe der leistenanderthalb Jahre gezeitigt haben, veranlassen „ORT" cinzurichlen: einen zweiten landwirtschaftlichen Knrsu? in Litauen (Beginn: März. Tauer: 1 Jahr, Kosten: 50 RM monatlich), einen zweiteil Bl a s rl) i n e n schloss e rkiirsu? in Kaunas (Litauen) PBeginn: Mai. Datier: lllr Jahre. Kosten: etwa 10 NM monatlich) Ulld einen Tischler luvfu? in Wilna (Beginn: April, Dauer: 1)4 Jahre, Kosten: etwa 10 RA! monatlich). Anmeldungen für sämtliche Kurse bei der „ONT"-Gesellschast, Abt. Tcutschland, Berlin IV 57, Bnlvivstraßc 90. Selbsthilfegrnppe der jüdischen Blinden in Deutschland (Geschäftsstelle: Berlin-Eharlottenbirrg 4, Tahlmannstraße 5. .1 6 Blcibtreu 2050). Nächste Sitzung: 32. März, 20 Uhr, 0 2, Avsenstraße 2—1. Vortrag von Organist Oiichard Altmann: „Ein Blinder reist nach Palästina". Blnmcnforscher — ja, das gibt cs! — haben entdeckt, wie problematisch das Zusammenleben verschiedener Blumen ist. Wenn z. B. eine bcstimmte Rosenart allein in einer Vase ist, so hält sie sich bei Halbweg? achtsamer Behandlung zehil Tage frisch. Tut man aber noch eine Nelke in die Vase, so fallen schon nach zwei Tagen die Nosenblättcr ab. TaS glaube ich gern, sagte, als man in einer Pariser Gesellschaft darüber sprach, die bekannte französische Zivilistin Madame X; c? ist ja mit uns Menschen ebenso. Auch Nienschenblnmen verschiedener Art sollte man tunlichst nicht in die gleiche Vase stellen. Ich will gar nicht sagen, daß es immer die schwächere oder edlere Art sein ums;, deren Blätter zuerst absallen- Wie geht es aber der Nelke in dieser Vase? mitcvbrad) die Madame Z. Soviel ich gehört I)abc, geht auch sie früher dabei zu Grunde, al? wen» sie allein geblieben wäre? Tann braucht man ja gar nicht davon zu sprechen, vb die Rose von Saron edler oder schwächer als die Lilie aus dem Felde des Bourboncnbanncrs oder de? übrigen Frankreich ist, sic können einfach zusammen nicht blühen! Frankreich — eine Base, da? Judentum eine Blume, da? Franzosentnm eine Blume, meine Damen, das Bild ist zu bezanl>crnd. um akzeptabel zu sein!, erklärte nun Madame $., eine leidensi-haftliche Jüdin und Nichtzionistin. Und doch scheint mir von allen Bildern, die je in Diskussionen über unser Problem gebraucht wurden, dieses da? treffendste zu sein, denn e? trifft die Falschheit des Vergleiches auf den Kops. Reden wir nicht immer vom Judentum' und vom Nichtjudentum, vom Franzoscnsein und Europäerwcrden, von Emanzipation. Geschichte, Palästina und von allem und jedem wic von abgeschnitteiwn Blumen, in Basen gestellt, in kanwarmer Stnbenluft mit Bast gebunden und mit einer immergrünen Allerweltsphrase aus Tannenzweiglein oder Spargelkraut zu einer Art von Kondvlation?stränßä)en erhoben? Aber geht? nicht auch ohne Vasen? Reden wir endlich einmal unverblümt! In Vasen kann allerdings keine Rose mit einer Nelke leben. Aber im Boden, im Garten, auf dem freien Felde wurzeln die verschiedensten Blumen nebeneinander und leben! Der Fehler, meine Damen, liegt nur im abschncidcn der Wurzeln! Ysaie. »Bleibt lieber zu Ms" Die „Nenstettiner Kreiszeitung" veröffentlicht unter der Ueberschrift: „Bleibt lieber zu Haus!" einen Artikel, in dem es heißt: „Ter Staat Adolf Hitler? ist ein Staat der Toleranz — der Duldsamkeit! Jeder soll leben! Wir haben and), trotz der Greuel- Meldungen de? Auslandes, keinem Inden ein Haar gekrümmt. Friedlich können sic N'eiter ihrer Beschäftigung uachgchen. Unscretwegen . . .! — Sie sind für einen deutsche» Mcmschen einfach nicht da! Wir sehen sic eben nicht. Aber eins paßt uns nicht: daß diele Gäste unsere? Volkes so ganz sacht und unaiissällig Boden zu gewinnen suchen . . . Aber auch in den Lokalen Nenstcttins tauchen sie schon wieder ans! Man hat sie bisher keinesfalls vermißt, und man hat durchaus keine Lust, .in ihrer Gesellschaft seine Freizeit zu verbringen. Es ist eigentlich eine Angelegenheit des Taktes, und dieser deutliche Wink hätte sich wirklich vermeiden lassen, wenn man sich nicht in bewährter Unverfrorenheit wieder breit zu machen versuchte. Also, in aller Deutlichkeit: Bleibt zu Hause, c? ist für beide Teile da? Richtige, und laßt unsere Lokale uns!" lim Nietzsche „Gegenüber der Behauptung, Nietzsche sei der geistige Vater des Amiseinitismus. den er allerdings nicht ertrem gewünscht habe, muß wahrheitsgemäß seftgestclit werden, daß Nietzsche — man mag darüber denken, was man will — den Antisemitismus jederzeit ans? schroffste abgekehnt hat." Zn dieser Feststellung gelangt der Nictzschesorscher Mess (Weimar im Jannarheü des „Archivs für Recht- und Sozialphilosophie' bei einer Besprechung der Schrift „Nietzsche — die Erfüllung" von Fritz G iese. In dieser Arbeit wird u. a. der Versuch unter, noinlncn. den von Nietzsche psychologisch sormn- Iiertcu Gegensatz de? Di onh fischen zum Apollimschen auf das rastegeschichtliche Gebiet zu übertragen. Mcs? weist in seinem Aufsatz nach, zu welchen Widersprüchen solche Begrifsvermcngm;- gen führen. Giese setzt dionhsisch gleich nichtariich. weiblich. mutterrcchtlich, faustisch, romantisch, organisch. nnedclweltliche Diesscitsbejohnng. Apollinisch gleich arisch, männlich, vaterrcchtlich. euklidisch, humanistisch, rationalistisch. liberal, edclwcltliche Tiesseitsbejahung. — Mess bemcrkr hierzu: „Rosenbcrg und Moeller v. d. Bruck bekennen sich znm faustischen und romantischen, also (müßte man nach Giese folgern) zum nichtarischen und weiblichen Typ." rote Schlußlichter sind alle?, was die plötzlich stillgewordme Menge zurückbchält. Er schreibt von Märschen, Märschen, Märschen. Er schreibt von der treuen Kameradschaft in der Kompagnie. Er schreibt von seinem Freund, mit dein er oft an den feuchten Aprilabcndenüber die Heimat spricht: denn er wohnte ja auch in einer dieser hcimatigen Gassen des alten schönen Wien, nicht weit von seinem eigenen zu Hause. Doch die Freundschaft brachte erst dieser Krieg, der die Männer mit dem gleichen Schicksal und dem gleichen Wollen zn'cinandcrdrängt und sie verknüpft in lrnlö?barer Gemeinschast. Sie übersteigen den Wall der Karpathen in endlos sich hinziehendem Hcerwnrm. Zerschossen und zerrissen das Land. Hier hat so mancher Brave sein Leben, sein junges Leben lassen müssen. Sie denken nicht daran. Sie ziehen weiter. Und dann das Rollen und Grollen der Geschütze. Tagelang, nächtelang. Endlich stockt der Bormarsch, die Front ist erreicht. Mai will es werden, trotz allen Haders unter den Menschen. Und er schreibt, wie ein wundersames, kaum faßbares Blühen anhcbt mitten im unwegsamsten Trichterfeld. Und cZ ist sein letztes Schreiben. Denn zwei Tage später geht cS m die Schlacht. Er konnte cs später noch selbst erzählen: luic sie im frühesten Morgengrauen sich schon rüsten zum Sturm, die Waffe fester fassen. Wie sie dtcht- gedrängt im Graben hocken und warten, daß das Ge'schützscuer aus die russischen Stellungen abreißt. Sein Freund und er, sie sitzen beisammen, das Herz schlügt ihnen bis zum Halse hinauf. „Einer hilft dem andern —" sie geben sich die Hand. „Und wenn's den einen trifft, dann schickt der andere die paar Habseligkeiten nach Haus'." Da ist schon das Kommando, da8 harte Kommando: Sprung auf...! und es beginnt der mörderische Tag. dem die Geschichte den Namen gegeben hat: Durchbruch bei Gorlice. Sie halten sich beieinander die Freunde, sie stürmen Seite an Seite in den-blutigen Sonnenansgang, der plötzlich anhebt. Ein Graben ist scsion genommen, die Russen weichen zitrück, verschanzen sich auf? neue, ^ie drängen nach, setzen wieder zum «türm cm. Schon ist die Kompagnie ziemlich weit auseinander gezogen. Bösartig hämmern Ntaschinengewehre. Da fällt der Freund mitten im Sprung vornüber. „Einer Hilst dem andern —" und er - Hilst. Doch zn spät. Der Sensenmann hat fein Opfer schon in den Klanen. Zrnn Besinnen ist keine Zeit, er nimmt ihm die Uhr. faßt ihm in die Tasche — da brüllt es auf neben ihm, - die ganze Welt stürzt zusammen, ein blutigroter Schmerz raubt ihm die Sinne. Ter Granatsplitter reißt ihm das Bein vom Knie an ab — und in seiner Ohnmacht preßt er instinktiv den Schenkel zusammen, um das kostbare Blut znrückznhalten. das in zuckenden Stößen hineinströmt in die mißhandelte Heimaterde. Vom Morgen bis zum Abend liegt er so, von einer Ohnmacht in die andere tauchend, und die Schlacht rast immer noch um ihn. Endlich verhüllt der schreckliche Tag sein Ant- . litz. Es ist an der Zeit, die Toten zu zählen. Und sie suchen das Schlachtfeld ab, und sie finden ihn über dem toten Freund. Er lebt . noch. Ein Bündel Fleisch und Knochen wird auf einen Wagen gepackt, rumpelnd geht die Fahrt zurück. Erstiegt zwischen Toten und merkt es nicht; doch für ihn ist es noch nicht so weit. Im Lazarett erwacht er wieder, aber nur zu den unmenschlichsten Qualen. Doch es wird besser mit ihn:; es wird sogar so gut, daß er zurücktransportiert werden kann, um bei Wien in einem großen Feldlazarett geheilt zu werden. Der Vater und die Schwester stehen wieder auf ».ein Bahnhof. Und es ist immer rcoch das große Getriebe um sie. Nur scheint eS noch einen Grad stiller und dumpfer geworden zn sein als vordern. Und die Züge kchren viel langsamer wieder ein, als sie ausfuhren. Denn über ihnen weht das rote Genfer Kreuz. Und die unsagbare Anast überfallt den Vater, die Angst'um'sein Kmd, und er läuft und läuft an de:n Inge entlang, der kein Ende nimmt und sieht in jedes Fenster und in jedes Abteil — und findet seinen Sohn nicht, erkennt ihn nicht unter alll diesen so furchtbar entstellten Gesichtern. Und dann stellt er sich an die Sperre und nimmt das schreiende Herz in beide Hände, um Hinsehen zu können ans all diesen 'menschlichen Jammer. Und er erkennt den Sohn nicht. Bis Plötzlich eine zitternde Stimme an sein Ohr schlägt, die ihm durch Mark und Bein geht; „Vater, Vater, kennst du mich denn nicht mehr?"'Da erkennt er ihn. Noch zwei Wochen währte der Kamps. Es war ein rvahrhaft schweres Ringen, schwer für den, der litt, und bitter schwer für die. die es mitansehn mußten und mcht helfen konnten. In diesem Haus der entsetzlichen Wunden erhielt der Getroffene die letzte Weihe zum Mann. In diesem Hans des Schmerzes, wo es so viel Kummer gab. daß er für das ganze Menschen-geschlecht für alle Zeiten ansreichen sollte, wurde er zum Helden, der zn sterben verstand. Seine letzten Stunden gehörten lvieder dem Kameraden, der ihm Vvrangegangen war. Und sein letzter Seufzer war der Vorwurf gegen sich selbst, daß seine Hilfe dergebens gewesen war. „Zu spät —" hauchte er und verschied. An demselben Tage, da sein Bruder nach geglückter Flucht airs sibirischer Gefangenschaft sich wieder bei seinem Regiment meldete. — Diese Zeilen sollen ein Denkmal sein und ein Mahnmal an einen ans unserer Familie, der gefallen ist für sein Vaterland. Und wenn heute wieder der Stnrnrwind weht, um den Baum zu entwurzeln, dann möge das Blut dieses Getreuen tief eindringen in die Wurzeln und sie stark machen, auf daß sie festhalten rn der Heimaterde. Laos LebLUer. Eine Gefallenen«Gedenkfeier veranstaltet der Neichsbund jüdischer Frontsoldaten unter dem Motto „Stunde de8 Gedenkens" .am 10. März. 1U5 Uhr. in der Singakademie, Berlin, zugunsten der jüdischen Kriegsopfer. ' Ein jüdischer MhtAkäWfer 154$ Zn dcn tapferste» Kämpfern uu schlcswig-yvl' stcinischcn Freiheitskriege gehörte »»bestritte» d.'r am 3. Jauuar 1010 im H5. Lebensjahr i» Elmshvc» verstorbene Selig Nathan O p p c n h e i m. Er zeichnete sich beim mörderischen Sturm ans Friedrichstadt am 4. Oktober 1850 derart ans. kaß er vom Herzog von Augnstenburg eine der für die drei tapfersten Kämpfer gestifteten Goldene» Niedaillen erhielt. Tie Berleihungsurknnde hat fofgenden Wortlaut: „Das 18. Infanterie-Bataillon zu. Nr. 81$. An den Gefreiten Selig Nathan Oppenheiia! Das Bataillon übersendet Ihnen anbei e:;;e wertvolle Goldmünze, welche ein patriotisifter Mann für denjenigen bestimmt hat. welcher sich am 4. d. M. bei dem Sturm auf Friedrickstadt besonder? und am meisten ausgezeichnet hat. Vom hohen Generalkommando beauftragt, diese Denkmünze nach Bestimmung de? Geber? dem Tapfersten ausznhändigeu, nimmt da? Unterzeichnete Kommando gern Veranlassung. Sie für Ihre bewiesene Tapferkeit und Hingebung, die für den Soldaten stet? die schönsten Zierden sind, mit diesem Andenken zn beehre». Kantonnements-Onartier zn Holm. 17. 10. is50. Da? Kommando de? 15. Infanterie-Bataillon, gez. Claien, Hauptmann n. p. t. Batllillons- Kommandeur." Ans dein Führungsattcft veröffentlichen wir diese Stellen: „Er avancierte wegen seiner Bravour;nm Gefreiten, zeichnete sich im Gefecht bei Nriftlnrde rühmlichst aus, bei Friedrichstadt wurde er am linken Oberarm schiver verwuicdet . . . Wegen seine? während des Sturnces auf Friedrichsradt bewiesenen männlichen Mutes und seiner Ausdauer wurde ihm von seiner Exzellenz dem kommandierenden General Herrn von Melicfeit eine goldene schleöwig-hvlsteinik'chc Denkmünze als Anerkennung zuteil . . ." Elf Enkelkinder de? Selig Nathan Oppcnhüm nahmen am Weltkrieg teil, vier blieben ans dem Felde der Ehre. Fritz Werner Oppenheim.