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Central-Verein-Zeitung · 1935-02-28 · 9 (28.2.1935) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
9 (28.2.1935)
Date
1935-02-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9 ■yLiUUUÜv'^ ] 28. Ptbr. »35. (\uliu5 Wolfssohn, der Verfasser des kürzlich im Kulturbund Rhein-Ruhr aufgeführten Schau- - , spicls „Joseph Ben 5Natthias", das auch in Berlin als Gastspiel gezeigt wurde, sendet uns nachstehende Ausführungen über Wege znm neuen jüdischen Drama. Wir haben die Leitung des Berliner Kulturbundes gebeten, sich zu den Ansichten Julius Wolffsohn's zu äußern. Im Auftrag de- .Kulturbundes hat Regisseur Kurt Bmnnann in neun Thesen aus Wolsssohns Vorschläge geantn'vrtct. Iullns Dolffsohn fdjrcibf: 3Bo heute in Deutschland non jüdischem. Theater gesprochen wird, geschieht es immer nur in Verbindung mit den Kulturbünden, da mibcrc Spielmöglichkciten so gut wie gar nid)t gegeben sind. Es must also zunächst darauf geachtet werden, den technischen Schwierigfeiten Rechnung zu tragen, denn von allen Kulturbünden ist lediglich Berlin in der glücklichen Lage, über ein eigenes Hans zu versügen. In allen anderen Städten must auf Bühnen gespielt werden, die jedesmal in Größe und Beschaffenheit wechseln und oft nur wenige Quadratmeter groß sind. Schon aus diesem Grund ist das dramatische Schaffen heute mehr denn je an bestimmte Voran ssestnngen gebunden. Auster diesen Hindernissen, die zwar weiter feiner Erwähnung bedürfen und viel schwerwiegender sind als bei journalistischer Arbeit, sind es nicht weniger die rein technischen Mornente, die das Schaffen ungeheuer komplizieren. Auf Massenszenen und dergleichen muß von vornherein verzichtet und alles darauf abgestellt U'erden. das; die Aufführung selbst unter sehr schwierigen Umständen stattfinden kann. Dies must also schon bei der Konzeption des Stückes unbedingt berücksichtigt Werdern. So zeigt sich die Frage vom Theater ans gesehen. Dem Dichter und Schriftsteller hält man hingegen vor, dast er sich in seinem Schassen von äußeren Dingen nicht so weitgehend beeinflussen lassen dürfe. Nun gibt cs aber wohl keinen Bühnenautor, der sein Werk im Schreibtisch liegen lassen möchte. Gin Schauspiel wird geschaffen, um anfgesührt zu werderu Der Wntor. hat also die Wahl, an den gegebenen Verhältnissen achtlos vorüber-,- z,»gehen und sich der Gefahr au-sznsctzen, dast sein Werk nicht anfgeführt werden kann, oder aber Konzessionen an die Umstände zu machen. VerglcichSiuöglichkeiten mit srühcren Zeiten bürftcn wohl kaum vorhanden sein, und ich weiß nicht, ob Schriftsteller jemals unterso schwierigen Verhältnissen gearbeitet haben wie heute. Da mein Schauspiel „Joseph Ben Mat- . thias" wohl das erste eigens für die Kulturbnndbühnen geschriebene und zur Arrfführung gelangte Werk ist, sei es mir erlaubt, seine szenische Konzeption als Beispiel dafür anzuführen, wie m. E. heute allein gearbeitet werden kann. Ich habe ganz bcrvußt vermieden, den handlungSmüßigcnAblauf auf die Bühne zu bringen, weil dies ohne größere Personal- und technische Schwierigkeiten unmöglich gewesenwäre, vielmehr habe ich lediglich jdde entscheidende Handlung in ihrem geistigen Werden und in ihrer Konsequenz gezeigt. Die einzige Möglichkeit, die mir dabei blieb, war die Verlegung der dramatischen Spannung in den Dialog. Allerdings ist dieser ganz, bewußte Verzicht auf eine äußere dramatisch stärkere Bühnenwirkung dann von der Kritik als „mehr referierend als dramatisch" und rlls „nur skizzenhafte Ausführung" bemängelt worden. Das zweite, nicht minder wesentliche Problem ist die Stoffwahl. Von dem, was an jüdischen Stücken bisher vorhanden war, kam für die Kulturbundbühnen nicht viel in Betracht. Das jüdische Publikum, das heute in ein jüdisches, d. h. „sein" Theater geht, kann mit Recht verlangen, daß es hier die Dinge zu sehen bekommt, die cs im Innersten bewegen. Außerdem befindet sich das jüdische Publikum heute in einer Situation, die es das Gemeinschaftserlebnis des Theaters in ganz besonders starkem Maße als solches empfinden läßt. Wir Juden müssen uns bei jeder Schicksalswendung dem Sinn des Vergangenen zuwenden, denn, so paradox cs auch klingen mag. — wenn Inden vorwärts wollen, müssen sie rückwärts blicken. Keines anderen Volkes Geschichte ist in so tiefem Sinne „rückwärts gerichtete Prophetie" als die unsrige. Ist doch die Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft über die Jahrhunderte hinaus immer nur durch die Orientierung nach rückwärts möglich gewesen. Ändere Völker leben in der Geschichte, wir leben von ihr. Das Erleben der letzten Jahre ist für einen großen Teil der jüdischen Gemeinschaft nur deshalb so ungeheuer tragisch gewesen, weil alle diese Menschen das historische, Fundament ihres Seins verloren hätten, — wobei für den. Juden historisches und geistiges Fundament, immer dasselbe bedeutet, — und daher mangels jeder.geschichtlichen,und damit geistigen Bindung haltlos zwischen den Zeiten schwankten. Rückbesinnung ans die Geschichte erscheint daher als wichtigstes Moment der neuen jüdischen Dramatik. Die Problematik des Judentums ist im Grunde immer dieselbe geblieben, und deshalb sehe ich vorläufig als' einzig gangbaren Weg die Verbindung von Geschichte und Gegenwart, die Verbindung von historischem Schauspiel und Zeitstück. In meinen beiden Schauspielen „Joseph Ben Matthias" und „Heimkehr" habe ich versucht, die Synthese zwischen den geschichtlichen Gegebenheiten und dem Erleben unserer Tage herzuftellen. Nur so, in der engen Verflechtung des .Heute mit dein Gestern, kann Geschichte für uns lebendig bleiben und so kann sie lebendig gestaltet werden. Als letztes und wesentlichstes Moment erscheint die Frage nach der Formgestaltung, die Frage, ob es nicht nur möglich sondern sogar statthaft und erlaubt sei, Dramen, in denen schicksalsschwere Epochen der jüdischen Geschichte darge.stcllt werden, vom Schriftstellerischen anstatt vom Dichterischen her zu erfassen und zu gestalten. Der nicht ganz unbekannte Thcatcrpraktiker Taiross hat einmal gesagt: „Die Dichtung ist ein Feind des Theaters. Was das Theater verlangt, ist ein Textbuch, sonst nichts." Dramatische Dichtungen sind schön zu lesen, aber sie sind, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, noch , niemals gute Bühnenwerke gewesen. Das Pnbliknm, stets der sicherste Beurteiler eines Werkes, wird von Dingen, die ihm, in seiner Sprache gesprochen, nahegebracht werden, schneller und intensiver gepackt werden, als von einem noch so edlen Pathos. Dazu kommt, daß dramatische Dichtungen niemals ohne großen, technischen Apparat aufführbar sind. (Zweig. Jeremias!) Die Resonanz, die mein Schauspiel „Joseph Ben Matthias" bei deu bisherigen Aufführungen beim Publikum aller Kreise gefunden hat. ist für mich lebendigster Beweis für die Richtigkeit des Tairofsschen Ausspruchs gewesen. Natürlich wird von vielen sofort erklärt, daß solches Schaffen „literarisch" wertlos sei. Das Literarisch-wertvolle ist aber nicht immer theatcrmäßig wertvoll, denn das Theater stellt andere Anforderungen als schone Literatur. Es muß daher einmal mit aller Deutlichkeit gesagt werden, daß es zunächst darauf ankommt, dem Theater zu geben, was des Theaters ist, wenn es überhaupt lebensfähig blerben soll. Jüdisches Theater von heute muß nicht nur sein.Publikum wachrütteln, ihm seine Zugehörigkeit zur ' jüdischen Gemeinschaft bewußt machen, sondern ihm gleichzeitig zeigen, daß es nicht nötig ist, sich mutloser Schwäche hinzugeben, — daß die jüdische Vergangenheit Epochen eines Heroismus anfwcist. die uns Nachkommen späterer Jahrhunderte immer noch verpflichtet. So sehe ich die Aufgabe der neuen jüdischen Dramatik. Es wird nicht darum gehen, die Bibel Stück für Stück zu dramatisieren. Solche Versuche werden schon allerorten gemacht, ohne überhaupt ernst genommen zu werden. Das Drama ist konzentrierte Form des eigenen Seins, und deshalb kann und muß aus dem Drama heraus der Weg zum Bewußtsein der eigenen Werte gewiesen werden. Regisseur Kurt Baumann schreibt: 1. Ein Drama kann nicht im Hinblick auf technische Möglichkeiten einer Bühne oder eines Ensembles geschrieben werden, sondern entsteht nach eigenem Gesetz als Vision des Dichters. 2. Sowohl der dramatische wie der theatralische Wert eines Stückes sind unabhängig von dem technischen Szenenapparat. Das einzig Wichtige ist der Schauspieler. 3. DaS Kennzeichen des dramatischen Dialogs ist die Darstellung des Handlungsablaufs und der psychologischen Entwicklung der handelnden Figuren. Nach Wolfssohns eigener Ansicht und Definition rst sein Stück also kein Drama, sondern ein Tatsachenbericht. 4. Der alte Streit: Literaturwertiges Drama mit allgemein menschlich interessierenden Problemen oder schriftstellerisch geformte Aktualität ist seit Bestehen des Theaters in seiner Dreicinhcit Dichter, Schauspieler.- Publikum zugunsten des ersteren entschieden. 5. Die Verbindung -von jüdischer Tradition und jüdischer Gegenwart im Drama und Theater ist nicht zu erreichen durch Ans- Pfropfung moderner zeithebundener technischer Aeußerlichkeiten auf historische Stoffe, son- - dern allein durch das Aufzeigen historisch, psychologischer Entwicklungsgänge" durch die - Jahrtausende und als Gegensatz die.ethisch-, konservativen Grundlagen des Judentums. 6. Letzten Endes sind die wirklich interessierenden Probleme heute wieimmer im Drama und auch im Theater die entscheidend bewegenden Kräfte des menschlichen Ethos: Haß, Liebe,. Opfer, Gerechtigkeit, Schicksal, d. h. daß Iphigenie und Hamlet, Ton Carlos und Egmont schließlich genau so wichtig wie Jaakobs Traum, Judith und Esther sind, mit dem Unterschied vielleicht, daß die letzteren Stoffe für den jüdischen Menschen heute stärkere seelische Bindung und breitere Gcfühlsbasis zur Erkenntnis der ewig ethischen Forderung sind. ' . 7. Tairoffs Wort über Literatur upd Theater ist im Rahmen unserer Untersuchung und der .speziellen Problemstellung -fehl-am Platze.. Auch Wolfssohns Reportage wäre kein .Stoff für Tairoffs Thcaterstil. da der eigentlich, dramatische Dialog fehlt. ' 8. Der Kulturbund deutscher Juden und seine Bühne braucht wesentliche Stoffe allgemein gültig men schlichen Ethos von dichterischer Vision, mit dramatischer Formungskraft gestaltet, in wesentlichen Ausführungen dargestellt, wobei der jüdische Gesichtspunkt zur Stellungnahme zu den großen Fragen dös menschlichen Gewissens als Ausgangsplmkt besonders geeignet ist. Die gesamte Diskussion über Drama und Theater, Slosfwahl unö Szene wird nichtig im Moment, wo eine dichtcrisck)e Kraft, zwangsweise getrieben von ihrer Vision, einen wesentlichen Stoff gestaltet, der uns Juden weiter bringt auf dem großen Weg von Iaakob, Mose, Maimonides, Spinoza, Mendelssohn und weiter hinaus. Statt Zeitnot föntet Elbogrn Mit Genehmigung der Jüdischen B uch - Verein i gun g bringen wir aus dem demnächst dort erscheinenden Werk von Professor Dr. Ismar Elbogen „Tie Geschichte her Inden in Deutschland" folgende Teile des ersten Abschnittes. Wir sind für die ersten Jahrhunderte lediglich ans Bcrnmtungcn angewiesen. Tie römische Kvlonialpolitik, die allgemeine deutsche Siedlungsgeschichte und die Ausbreitung der christlichen Propaganda sprechen alle für die Annahme früher jüdischer Siedlungen in Deutschland. Tic Inden lebten als römische Bürger mit alleil Pflichten, Rechten und Bctätignngsmöglichkeiten dieser. Eine beglaubigte Nachricht über das Bestehen einer jüdischen Gemeinde ans deutschem Boden besitzen wir erst aus dem Anfang des vierten Jahrhunderts. In Köln wohnte eine größere Anzahl Inden in einer organisierten Gemeinde, an ihrer Spitze „Priester, Archishnagogen, Shnagogcn. Väter" lmd aridere Beamte, luitct den Inden waren Grundbesitzer, die zu den städtischen Ehrenämtern zugezogcn lverden konnten. Diese Acrnter galten als ällßerst lästig, alle Bürger suchten sich von ihnen freizumachen. In cillem Edikt vom 11. Dezember 32l an ben Kölner Magistrat verfügt Kaiser Konstantin, daß den Juden in Köln, bis auf zlvei oder drei, die Befreiung von den städtischen Ehrenämtern entzogen werden soll. Zehn Jahre später wurde die Befreiung für die oben genannten Beamten wiederholt und ans alle persönlichen Leistungen ausgedehnt. Das ist die älteste, aber auch die einzig sichere Nachricht über eine jüdische Gemeinde in Deutsch-' land in der SRömmcit. Es ist sehr wahrscheinlich. daß Köln nicht die einzige Gemeinde war. Mit Ziemlicher Sicherheit daxf eine solche in Trier angenommen werden, der westlichen kaiserlichen Residenz, wo früh ein blühendes Gemeinwesen sich entfaltete, auch die christliche Mission rasch festen Fuß faßte — was ja meist das Vorhandensein emer jüdischen Gemeinde voraussetzt. In Trier hat man bei Ausschachtungen mitten in der Stadt, eine Terrakotte in Gestalt des siebenarmigen.Leuchters, des alten jüdischen Symbols, gefunden: damit ist nicht gesagt, daß der Leuchter einem in Trier ansässigen Juden gehörte und nicht von auswärts, dorthin gebracht worden war, noch weniger,.wie vermutet wurde, daß die Juden m Trier solche Terrakotten cinsührten lmd damit dem heimischen Töpfcrgewerbe Konkurrenz ' mochten. Auch scharf aiisgcprägte Karikaturen mit - semitischcrl Gesichtszügen.' die mail. dort auf Terrarotten gesunde» hat. müssen sich nicht unbedingt ans Inden, fönuen sich auch aus Syrer beziehen. Auch daß Kaiser Välcntinian ll. von Trier ans iin Jahre 308 untersagte, die Shnagogen mit E»nqnartiernngcn zu belegen, beweist nicht, daß er eine Swiagoge in Trier im Auge hatte — wenn das natürlich auch nicht ausgeschlossen ist. Ebenso wenig bezeugt die Tatsache, daft um 350 ein Simeon jüdischer Herkunft Bischof von Metz wnrde. daß cs dort eine Genwinde gegeben hat: denn der Bischof brauchte nicht der Stadt zu entstammen. Aber möglich ist es schon, daß an einem strategisch so wichtigen Platz wie Metz früh eine jüdische Gemeinde bestand. In Regensburg habeii topographische Forschungen zu der lleberzeugung geführt, dast der Kern des Iudenviertels von 1510 schon zur Römcrzeit als Iudensiedlung gedient hat. Damit kommen wir ,}» der weiteren Frage nach dein Schicksal dieser Indenniederlassungen beim Untergärig des römischen Reiches' ,md der Völkerivanderung. Wir kennen es nicht ' und dürfen amicl)mctt, daß ein erheblicher Teil der jüdischen Bevölkerung mit der römische«.zugrunde gegangen ist. Ein anderer aber hat sich erhalte«« niid den Kern der spätcreri jüdischen Gemeinden gebildet. Was von Regensburg vermutet wird, ikt in Köln mit Sicherheit nachzuweifen, daß nämlich die spätere Judenstadt innerhalb der alten römischen Stadtmauer gelegen war, während z. B. die Friesen sich «irr außerhalb dieser ansiedeln konnten. Das beweist, daß die Juden umuiterbrochen in der Stadt wohnen blieben. Aehnlich wird es in Mainz, in Worms und in anderen römischen Gründungen gewesen sein, daß ein Teil der Bevölkerung, auch der jüdischen, den Wandel der Zeiten überdauerte. Was freilich die Juden jener ersten Jahrhunderte in den Städten getrieben, womit sie sich beschäftigt haben, darüber fehlt uns jede Nachricht. Sie dürften, wie sonst im Nömcrreich. neben dem Warenhandel Handwerke ausgeübt, auch ihren Garten. Acker oder Weinberg bebaut haben. Daß sie Sklavenhandel trieben, wie man neuerdings behauptet hat, dafür bieten die Quellen auch nicht den geringsten Anhalt. . ' Msl LeM AnWr Eint .Rettung". Den Dr. Dertha Bubt < Strauß „Und wen glaubt man wohl, daß ich darinne gerottet habe? Lauter verstorbene Männer, die mir es nicht danken, können.' Und gegen wen? Fast gegen lauter Lebendige, die mir vielleicht ein .sauer Gesichte dafür machen werden . . ." Es tut immer wohl, wenn'auch nur ein paar Schritte, auf dem steilen und geraden Wege zu gehen, den einst der „tapfere Lcssing" wandertc. Und so sei es mir gestattet, wie einst Lessing etliche „verstorbene Männer", den Cochläus, den .Cardanus, den Horatius „rettete", hier ein Wort einzulegen für eine „verstorbene Frau", die lange Zeit hindurch vielleicht über Gebühr gepriesen ward und nun, wie mir scheint, vielleicht über Gebühr angegriffen wird: Rahel Levin. Kürzlich erst.hat Max Brod in seinem schönen-Heine- Buche etliche Pfeile gegen sie abgeschossen: und nun lese ich in dem sonst. sehr kenntnisreichen - Aufsatz von Dr. Hans Kälisch „K. A. Dörnhagen"- („C.-B.-Ztg." 21. Februar 1935) die Worte: „Allerdings sollte nachgerade eingesehen werden, daß Rahel keine jüdische Angelegen, heit ist". Ich getraue mir, das Gegenteil zu beweisen. Gewiß, Rahel Levin hat einen großen Teil ihres Lebens hindurch als eine „Entfremdete" gelebt; und wenn wir ihr vergessenes Grab heute suchen, so müssen wir es auf dem Kirchhof der Jerusalemer Kirche ausstöbern. Und dennoch geht uns Juden von heute dies Leben an. es ist uns fast gefährlich nahe, und wir werden im Innersten angerührt davon, wenn . . . wir es recht verstehen. Dqs Leben der Rahel Levin geht uns Heutige gerade eben so viel an wie einst den Rabbi Meir, den Meister seiner Zeit, fein ent» .- fremdotcr und verirrter Lehrer Elischa ben Abuja auging, ‘ den ttym Acher, den Abtrünnigen, nannte — der Schüler hielt dennoch Fest an ihm . und. lernte, was ihm der Acher zu.sagen hatte.- So,-meine ich, sollten.wir's mit Rahel Levin machen. . Kurz seien hier nur die einzelnen Stationen ihres jüdischen — dennoch jüdischen! — Weges genannt. ■ Naher Levin entstammt dem Geschlecht der Mendelssohn-Kinder. da man über der neuen Lichtflut der Emanzipation die alten Werte vergossen hatte. Ihre empfindliche und suchende Natur leidet lebenslang unter einer Kindheit ohne Gott, in einem Elternhaus, wo man vom Judentum nichts mehr kannte als ein paar unverstandene Formen und ... die Kränkungen, die man um seinetwillen zu ertragen hatte. So entsteht in ihr jener von Kalisch ganz richtig gesehene Minderwertigkeitskomplex. „ein Dolch, den man ihr bei der Geburt ins Herz gestoßen habe . und ähnliche Worte zeugen davon. Tann aber zeigt sich zum ersten Male in der Zeit der Arbeit für die deutsche Gemeinschaft, in der Zeit des Krieges, ihr jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl. „Die Einwohner toten wie in biblischen Zeiten alles; man verband, man speiste (die Soldaten) in den Gassen, in den Haus' flirren. Judemnädchon waren berühmt darin.. / Als ihr Ziel bezeichnet die Entfremdete es in diesen Tagen „eine echte preußische Ehcwrefran" zu werden. Viel tiefer aber noch -fühlt sic ihr jüdisches Sein in den Jahren nach dem Kriege, da neue Wogen des Judenhasses das Land zu überfluten begannen: mancher von uns. fo scheint es, hat heute ein ähnlich Schicksal erfahren. „Ich bin grenzenlos traurig, und in einer Art. wie ich es noch gar nicht war. Wegen der Juden . . ." Jetzt ober begnügt sie sich nicht damit, wie Kalisch meint, „ihrem Bruder einen aufgeregten Briet zu schreiben": sic tut. was in ihren Kräften steht, um die angegriffene Gemeinschaft.zu verteidigen, wenn sie ihrem Schwager Karl Asscr, den Verfechter. der Inden-Emanzipation in Holland, den ersten Juden im holländischen Parlament, beschwor, eine Schrift zur Verteidigung der Juden zu verfassen (auf ihren Wunsch hat ja Asser auch eine Geschichte der Juden in Holland geschrieben». Daß sic aber in dieser Zeit der Judennot auch innerlich sich wieder als Jüdin fühlte, das durfte ich vor einiger Zeit an einem noch unbekannten Zeugnis von Rahcls eigener Hand Nachweise«,I

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