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Seite der Jugend · 1935-02-21 · 2 (21.2.1935) · page 1

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Journal
Seite der Jugend
Volume
1935
Issue
2 (21.2.1935)
Date
1935-02-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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4. Beiblatt der C.-V.-Zeitung Nummer 8 Nummer 2 Yom 21. Februar 1935 „Sage mir doch, worin deine grosse Kraft besteht?1.1 (Richter 16, 6.) , tT-V ^ernten w*r Galuth. Sie lag nicht in der Bannmeile der Verstossenen. sondern in dem Reich der Aulgeschlossenen, in dem Geheiss: Hei 1 i g sollt ihr sein, d. h. zunächst immer: anders sollt ihr sein, nicht Volk unter Völkern, das Land braucht, 11111 dort zu wohnen, Vieh und Acker, Fabriken und Kanonen, Elektrizität und Flugzeuge, Gas und Stacheldraht. Galuth war nicht Verbannung, sondern Zerstreuung und hiesse bei uns besser: Diaspora. Sie war der Mut zum gefährlichen Leben und die Pflicht zu einer sittlich geordneten Lebensführung unter Völkern und, wenn nötig, trotz ihrer. Sie war die Anerkennung einer zweitausendjährigen Geschichte, ausserhalb aller nationalen Eigengrenzen, und die Erkenntnis, dass einer solchen Existenz keine Willkür des Geschicks, sondern ein Sinn innewohnen muss, der nicht durch willkürliche Angleichung an die Geschichte anderer Völker, durch die Errichtung eines jüdischen Nationalismus, zerstört werden darf . . .“ Kraft, zu einem geschichtlich einzigartigen Faktum zu werden und alle Völker der einstigen Bedrängnis zu überdauern. Wo aber der Glauben in Israel bedroht war, ging es unter, und nur vergilbte Blätter melden von vergangenen, untergegangenen Geschlechtern. Gott selbst hat dieses Schicksal durch den Mund der Propheten verkündet, denn „wenn ihr nicht glauben werdet, so werdet ihr nicht bleiben“ (Jesaja 7,9). Man braucht wohl nichts über die erschütternde Aktualität dieser auch auf unsere Generation bezogenen Verheissung zu sagen. Sie und damit, als ein .Teil von ihr, unser Bund wird vor der Geschichte noch einmal den Beweis dafür anzutreten haben, dass aus Reden und Wollen Handeln und Glauben wird. Denn nur der Glaube war bisher imstande, das Böse im Verhängnis abzuwenden und das Bewusstsein des Bundes, der uns mit Gott verbindet, denn „nicht, nur mit unseren Vätern hat der Ewige diesen. Bund geschlossen, sondern auch mit uns, die wir hier alle am Leben sind.“ (Deut 5,3.) Franz Rosenthal (Breslau). Kräfte des Lebens Diese Worte hat Heinz Kellermann in seiner Schrift über den Bund niedergeschrieben. Wir führen sie an, weil sie Ausgangspunkt sein sollen für die weitere Ueberlegung, die es uns heute anzustellen gilt. Diaspora ist einer der Grundbegriffe, auf denen unsere Existenz ruht. Sie ist ein jüdisches Bekenntnis, eine Entscheidung im Judentum und eine Entscheidung zum Judentum. Sie ist geschichtliche Erscheinung so sehr wie ein Zeugnis der Geschichtelosigkeit, in der schon seit Jahrtausenden und auch,heute Juden sich bewegen und aus der ein einziger Schritt jede ^Generation hinführt zu den Quellen und zu dem Ewigen. Wir haben in der „Seite der Jugend“ bisher zumeist die Probleme unserer engeren Gemeinschaft, des Bundes, und der Zeit zur Rede gestellt, und wenn wir heute damit beginnen, von den zeitlosen Dingen der jüdischen Existenz zu sprechen, so hat das guten Grund. Wir glauben, dass es an der Zeit ist, von der. Deutung und vom , Bekenntnishaften vorzustossen zum Stoff und aus ihm Erkenntnis zu gewinnen. Wer eine Ueberzeugung in sich trägt und sie lebt, so wie wir im Bund alle, der muss es sich schwer damit machen. Mut zum gefährlichen Leben, das heisst die Furcht vor den Mächten der Wirklichkeit innen und aussen überwinden. Darum wohl muss und soll auch heute wieder für den Bund die Forderung: zu lernen, jüdisch zu lernen, erneut erhoben werden. Im Folgenden bemühen sich zwei Menschen unseres Kreises um die Fragen, die mit dem Begriff der Diaspora gestellt sind, um die Gebundenheit der in der Zerstreuung lebenden -J'udepheit an das göttliche Gesetz, um den geschichtlichen Auftrag des Juden und uin sein Verhältnis zur wirklichen Welt, ~ •in der er lebt. Weg des Gesetzes Wo auch immer Juden in dieser Zeit leben, ' leben sie in der Diaspora, in der Zerstreuung. Wer dies erkennt, trägt an das Judentum und die Jüdenheit eine bestimmte Einstellung her- , an, er nimmt Stellung gegenüber dem jüdischen r Gesetz und dem Weg, den der jüdische Mensch ' ] 'durch die Jahrtausende gegangen ist. Zu der Zeit, als Jerusalum durch den Tempel ' und den heiligen Dienst in ihm noch das Zentrum bildete für die b’ne jisrael chuz laarez, die Söhne Israels ausserhalb Palästinas, -verknüpfte die gesamte Jüdenheit ein unlösliches . Hand mit dem heiligen Boden., Er war den .Nachkommen Jaakobs von Gott als nationaler Besitz zugeheiligt worden. Israels, des Volkes, König war Gott selbst, der Melech und über ihm der Hohepriester, der kohen gadol, waren die Sachwalter seiner Herrschaft, seines Ge- : setzes. Teile dieses Gesetzes waren die beiden Tafeln, das schriftliche Manifest des göttlichen , . Willens, die torali, und der von den Menschen ' geschaffene Zaun,-der es-schützen sollte, die mündliche Lehre. Das Gesetz ist aber ohne Gott, der es gegeben hat, nicht denkbar.; Unter dieser Voraussetzung aber strahlte es eine für damalige Verhältnisse völlig neue, _ ethische Wirkung aus auf das Territorial-, Zivil- und Strafrecht. Die Sakral- und Priestergesetze sind gegeben mit der Sicht au! den Tempel und seine irdische Erhaltung, denn von^ ihm „geht aus die Lehre und das Wort Gottes“. Titus zerstörte die an den Tempel geknüpfte nationale, sakrale und territoriale Gebundenheit der Juden endgültig. Jetzt, in dieser historischen Stunde, -stellte Israel die Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit seiner Existenz vor der Welt unter Beweis. Der Tempel war gefallen, aber das Gesetz bestand fort als das ewige Fundament eines ewigen Weges, den Israel durch die Völker der Welt zu gehen hatte. Dieser Gang über die Erde und durch die Zeit erst ist die wirkliche _ Erwählung Israels „zu einem Reich von Priestern und einem heiligen Volk“ (Gen. 19,-C). Jochanan beu Sakkai hat mit der Gründung der Lehrschule in Jabne die territoriale und tempelkultiscbe Bindung des Judentums durch eine geistige abgelöst. Der Sakraldienst wurde vom Tempel in die Synagoge verlegt. An Stelle des Opfers trat dos Gebet, an die Stelle des plastischen Heiligtums die geistige Autorität 'der Lehrschule und damit des Gesetzes. Diese •Verlagerung des religiösen Schwerpunkts war ■nur möglich, weil im Judentum schon immer die Sicht auf eine rein geistig-religiöse Entscheidung vorhanden war. Sie Judentum in der Stunde des nationalen Unglücke vor dem Untergang. Die Tatsache, <dass sich das Judentum in der Diaspora mehr als zw ' ' Jahrtausende hindurch, weit länger nIso als 'Palästina, erhalten hat, zeigt nllTtc^1<äl«l<Aiifiabe Jichkeit, dass in der Diaspora Israels Aufgabe liegt — zumal es in der Zerstreuung sein wertvollsten Leistungen für die ElhwerunR un .Verinnerlichung des Judentums vollbracht ha. •' Für uns folgt aus diesen Erkenntnissen die -Ablehnung einer ■ nur nationaien jüdischen Konzentration, eelbst wenn sie “..^re*»Zi " heiligen Lande, vor sich geben sollte. Zion ‘und damit das Land bildete auch nach der Zer Störung des Tempels das Zentrum aller Sehn* . aüciite und ollen wehmütigea-Gedenken« für die Juden in der-Diaspora. Aber die Verbindung mit Erez Israel rückte In -eine-: mehr‘geiaUge Sphäre*;Dio Hauptgebete, wurden, in der Richtung nach dem Tempel gesprochen. Höchster Wunsch aller Frommen war es, eine Wallfahrt in das Land zu unternehmen, in dem Gott zu den Menschen in besonderer räumlicher Beziehung stand, wo er sich Künder seiner Lehre ' erkor, wo der Tempel stand üud wo die Grössen Israels begraben sind. Auf ihre Art hielten auch' die Lehrschulen die geistige Verbindung mit dem Lande aufrecht. Das jüdische Gesetz etwa, das mit dem Territorium, seiner direkten und'indirekten Bewirtschaftung in Verbindung stand, würde und wird weiter' gelehrt und ausgelegt. Auch dies ist Erinnerung an ferne, vergangene Zeiten. Die Zionsliebe der Jüdenheit fand die verschiedensten Antworten im Laufe der Geschichte. Sie trat in den Ausdrucksformen, die sich aus der politischen, sozialen und.religiös-geistigen Situation der Juden ergaben, in die Erscheinung, und ist 6omit ge- . boren und eben nur denkbar in der Zerstreuung. Von der Schau des himmlischen .Jerusalem eines Jecheskel, .von der. Vorstellung, vom Ende der Tage und voni Reich des Messias ging der Weg bis zum Versuch derpraktischen Wieder- - herstellung der einstigen Herrlichkeit. So er- wuchs der mittelalterliche Pseudo-Messianismus, so entstanden die organisierten Massenpilgerfahrten und WanÖorbrwogungon mich Erez, die dem malchuth schaddaj, dem Reiche Gottes; galten. Jede dieser Bewegungen suchte sich ihre .eigenen Mittel und Methoden, die Apokalyptiker, die Mystiker, die Karäer, die Spanio- - len, die Kabbalisten, die Chassidim und zuletzt der moderne staatsbetonende Zionismus. Menschen wie Abu Isa Ispahani, Abraham ibn Esra, Jehuda- Halevy, Benjamin von Tudela,. Möir von Rothenburg, Nachmanides, David Räubeni, Salomo Molcho, Ascher Lemle, Don Josef Nassi und schliesslich Theodor Herzl sind in die Ge- : schichte Israels eingegangen, alle aber in völlig voneinander verschiedener, individueller Be- Ziehung zu Palästina und damit zur Diaspora. Aber unabhängig von diesen Entwicklungsnhläufen konnte sich das Gesetz vor. den,neuen Anforderungen der Diaspora bewähren. Der Jude wurde durch die Verbindlichkeit des Gesetzes, die sich auf alle Dinge seines Lebens bezog, zum Sachwalter einer heiligen Aufgabe. Und das Gesetz selbst wurde zur Basis einer ehrlichen Einordnung der Juden in die Staaten der Diaspora, es legte ihnen einen. Teil der ..Verantwortung auf für das Wohl des Landes, in dem sie "lebten. „Suchet das Wohl des Staates, wohin ich euch führen liess, und betet für ihn zu Gott“ (Jeremias 29,7). „Das Landesgesetz ist auch unser Gesetz“ (Berachot 58). Diese Worte gnltcn den Juden als verbindliche Weisungen Gottes. Sie kämpften mit allen Mitteln, die man ihnen gestnttelo, für das Land ihrer1 Geburt, für die geliobto Heimat. Sie . brachten willig materielle und ideelle Opfer und oft auch ihr Leben dem Vaterlando dar. Wenn man ihnen ihren Glauben nehmen, sie aus der Verpflichtung gegenüber dem göttlichen Gesetz lösen, eie der Aufgnbo und der Gefolgschaft Gottes entziehen wollte, so gingen sie, freudigen Herzens den einzigen Weg, der ihnen noch blieb: Bie starben zur Heiligung des göttlichen Namens den Märtyrertod.. Man kann fast sagen, dass jedes Land der -Geschichte seine jüdischen . Märtyrer .hat, wie. auch die Geschichte Israels, in der Diaspora eine. Geschichte des »Martyriums ist. Dennoch hatsich ..Israel bis zum heutigen .Tage erhalten, denn der Glaube an Gott und die Verbindlichkeit .‘«eines Gesetzes gaben ihm. die Mit der Wucht und Prägnanz, die das Deuternomiuni unter den fünf Büchern Moses besonders auszeichnet, erzählt das vierte Kapitel von dem Sinn der Zerstreuung Israels. Aus ihm spricht schon jene religiöse Abgeklärtheit, die dem heroischen Zeitalter der Tempelzerstörung folgte; die Ahnung von der Schwere des Exil-Daseins ist bereits in ibm lebendig und die Besinnung auf ■ den Ewigen, den .Schöpfer des Himmels und der Erde, iin Vertrauen zu seiner Lehre: „Ein zählbar Häuflein werdet ihr unter den Nationen bleiben. Dort werdet ihr Götter verehren, Werke von Menschenhänden. — In deiner' Not, wenn dich in der Zukunft Tagen all diese Dinge treffen werden, wirst du den Ewigen, deinen Gott suchen und wenn du nach ihm verlangen wirst mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, auch finden. Du wirst zu-! ■ rikkkehren zu dein Ewigen und auf seine Stimme hören, denn ein barmherziger Gott ist der Ewige, er wird nicht von dir lassen und dichnicht verderben.“ (Deut. 4-, 27—31.) Gleichsam die letzte Konsequenz dieses Gedankens ist der Schluss dieser grossen Rede in . den Gefilden Moabs, da das Gute oder das Böse, das Leben oder der Tod zur Wahl gestellt wird: - „So wähle das Leben- Zu lieben den Ewigen, deinen Gott, au! seine Stimme zu hören und ihm lUfsnimiiiiiniuniiiniiiiifiiHuiiiiiniiiiniiiiiiiiiiiiiiiiüiiiiiiiiiminnii Unterwegs " r ‘ Gott ist die Welt, die mich liebend umfängt, . . Ist der Vogel im Baum; Gott ist der Traum, der sich über mich senkt, Gott ist der Traum. Gott ist die Stille im Rauschen : der Zeit, Ist der blühende Steg, Gott ist der Weg, der ins 1 ' . EVige weist, ' Gott ist der Weg. Gott ist das Lächeln in heiliger Not, Ist das Weise im Spiel; ‘ Gott ist das Ziel, das zu leben gebot, Gott ist das Ziel. Hilde Lewin-Sobotker. iilll!IIIIIIIilllllil!lllllllllllllliliillillllllllliSliI]IIII!lll[i!llllIlllI3IHIIIIlilI anzuhangen, denn er ist dein Leben und die Dauer deiner Tage“ (Deut. 30, 19—20). Die Stimme Gottes aber wurde vom Talmud als die Lehre gedeutet, das Befassen mit der Thora als die Stätte unseres Lebens, „denn sie ist dein Leben und die Dauer deiner Tage“ (Berk. 61b). Der Sinn des Lebens und die Dauer der Tage wurde die schrift- . licho und mündliche Lehre, sic wurde, mehr denn Ersatz zerstörter nationaler Existenz, zum Quell . der Erhaltung. Mit der ersten Verbannung, seit den ,, Tagen des Propheten Jeremias, begann der gran- . diose Versuch, Israel die Lehre in sein Inneres zu geben, und zur bitteren Wahrheit liess die von so viel Leid durchzogene Geschichte der Diaspora das Wort des Psalmisten werden: Wäre deine Lehre nicht mein Ergötzen, ich hätte in meinem Elend den Untergang gefunden (119,92). - So oft und vielseitig diese leidvolle Geschichte auch geschrieben wurde, sie vermag weder abzuptumpfen noch das Grauen vor ihrer Grausamkeit , zu mildern. In ihr haben der Glaubensmut und dio Standfestigkeit eine Stufe der Vollkommenheit erreicht, die in ihrer überzeugenden Wirklichkeit dem Gefühl des Juden der Gegenwart verschlossen bleiben. Einen besonderen Platz nimmt in ihr das deutsche Mittelalter ein. Und es ist erstaun- - lieh, dass In einer Zoit, die überall so reich an < Märtyrern war, die todesmutige Glaubenstreue gerade dor deutschen Juden als besonderes Kenn- . Zeichen in die Ferne hinausdrang. „Dio heiligen Gemeinden Deutschlands“, ruft ein in Frankreich lebender Schüler Raschis' aus, „seien alle zu ,J tausendfachem Segen erwähnt, sie sind voll des edelsten Gehalts, in ihren Taten ausgezeichnet..“ Die Beharrlichkeit, dio allen Versuchungen der streitbaren Kirche entgegengesetzt wurde, ist die /Frücht, der sofort nach der Zerstreuung einsetzen* - den Beschäftigung mit der Lehre; aus ihr entstand jene minutiöse Regelung des täglichen Lebens, erwuchs eine stets lebendig bleibende Tradition,.anpassungsfähig an die Umstände der Zeit und dennoch kontinuierlich, von Geschlecht zu Geschlecht . Die Vorschriften und Gebote gaben dem Juden des Mittelalters seine besondere Lebensform. Er ' gab, oft mit Bewusstsein, seiner Lebenshaltung ein eigenes Gepräge gegenüber der Umwelt; er sah auf die Reinhaltung seines Herzens und seiner Hände, er sah auf Sitte und Sittsamkeit in seinem Hause. Er hielt die Innigkeit des Familienlebens hoch und achtete auf die Sauberkeit seiner Wohnräume. Der Bereich des Juden wurde bewusst umgrenzt, die Gemeinde wurde seine Welt. Als die Juden nach den bitteren Erfahrungen der Kreuzzüge in die verlassenen Städte zurückkehrten, wurden systematisch die christlichen Häuser in den Judenvierteln aufgekauft, um den Zusammenhang zu stärken. „Meine Söhne und Töchter“, so heisst es in einem Testament aus dem 14. Jahrhundert, „sollen womöglich In jüdischen Gemeinden wohnen, damit ihre Kinder jüdisches Leben ke.nnen- Icrnen und ihre Söhne, wie auch ihre Töchter, ira göttlichen Gesetze unterrichtet werden können, sollten sic auch betteln müssen, um ihre Kinder durch religiösen Unterricht erziehen zu können.“ Wenn so von einer subjektiven Assimilation . an dio Umwelt nicht gesprochen werden kann, so ist dennoch eine objektive vorhanden. Es wäre historisch unrichtig, das Golusgefühl der Juden des frühen Mittelalters bis zur neueren Zeit zu leugnen, aber es ist religiös als ein Ausdruck jener Zeit der Leiden zu verstehen, und es verschwand mit dem bewussten Eintritt in die deutsche Kultur. Denn nunmehr kamen die Kräfte der objektiven Assimilation, die in der Geschlechterfolge auf deutschem Boden verborgen lagen, zur Entfaltung. An zwei Merkmalen wird diese objektive Assimilation sichtbar. Der Einfluss der Umwelt ist einmal an der Sprache, zum anderen an der Haltung des Geistes bei der Beschäftigung mit der Lehre erkennbar. Als der Schüler R. Meir ben Baruchs, Ascher Jechiel (Rosch), aus Deutschland nach Spanien floh und in Toledo Oberrabbiner wurde, wird der Einfluss des rauhen und schroffen Geistes seines Herkunftslandes deutlich (Dubnow). Eine dankenswerte Arbeit wäre etwa auf eine vergleichende Studie dos deut- ’ sehen Rabbinismus mit dem spanischen. Das zweite Moment stellt eine ungleich stärkere Beeinflussung dar. Die Literatur in jüdinchdeutscher Sprache ist ausserordentlich gross und vielseitig. In dieser Sprache sind nicht nur Uebersetzungen der Bibel, Kommentare und Erbauungslektüre geschrieben worden, sondern auch Volks- und Gesellschafbdieder. Auf dem Titelblatt des von Paulus Amelius besorgten Nachdrucks (1544) der Cremona-Uebersetzung (1540) heisst es: „Die fünf Bücher Mose, aus dem Hebräischen von Wort zu Wort, nach der jetzigen Juden art, inn die Teusch Sprach gebracht, un doch mit hebräischen Buchstaben getruckt.“ Die Biblia pentabla aus dem Jahre 1711 enthält neben der katholischen, lutherischen, reformierten und holländischen Uebersetzung als vierte Kolumne die jüdische Ueber- ' Setzung des Jos. Witzenhausen (1677) in deut- ' sehen Lettern. Der jüdisch-deutsche Dialekt ’ut ein Gebilde deutschen Geistes, denn er hebrüisierle nicht etwa das deutsche Element, ' sondern germanisierte die hebräischen Wörter. Diese Sprache wird die Familiensprache in allen Ländern, die deutsche Juden besiedelt haben. Von der Ukraine bis zum Stillen Ozean wird deutsche Sprache verbreitet. Sie hängen an dieser Sprache und bewahren sie mit liebendem Herzen in pietätvollem Sinn gegen ihre Vorfahren. Selbst die französischen Juden der neueren Zeit „savent encore, pour les avoir . entendu röpöter h leurs peres, quelques mots .et allemands; ces motB se prüsentant ä eux conmio des Souvenir» d’une langue nationale, ils le prennent pour de l'höbreu“ (Renan.’» Historie des lungues semitiques). Die Durchdringung mit deutscher Kultur erfolgt aber hauptsächlich durch die durchaus deutsch in Spracho und Geist gehaltenen Volks- und Gosellschaftsliedcr. Die Lieder werden, soweit Vorbilder der europäisch-christlichen Kultur zu . Grundo liegen, in der Ausführung ganz selbständig geformt, soweit Dichtungen allgemeinen Inhalts vorliegen, bis auf religiös untragbare Stellen fast wörtlich übernommen. Eine Handschrift der Oppenheim-Sammlung in der Bodleiana in Oxford wird dem Sammler und / •Dichter Eisak Wallich aus Worms, abgeschlossen . etwa 1605, zugeschrieben Sie enthält in jüdischdeutscher Sprache mit hebräischen Lettern ein . Schauspiel, und .54 Lieder, von denen zwölf von

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