Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 8 (21.2.1935)
- Date
- 1935-02-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2278097-2278105--09239-2290338- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
A-jMrMWHVY» ^vvf »um 21. IeSruar WZ / Die Geschichte aller Völker kennt Männer und Frauen, die ohne Eigenleistung dadurch bedeutend sind, daß sie Leistungen anderer oder den Zustand einer ganzen Epoche widerspicgeln. Geistig bedeutend und mit weitem Blickfeld hat Karl August Varnhagen v. Ense, vor 150 Iah. ren am 21. Februar 1785 in Düsseldorf geboren der Nachwelt in seinen „Denkwürdigkeiten des eigenen Lebens" und der endlosen Reihe seiner Tagebücher das gesellschaftliche Bild eines ganzen Zeitalters aufbewahrt. Ruch das Bild, das die Nachwelt von Na Hel hat. ja. daß sie überhaupt Nahel kennt, beruht ganz aus dem, was der Witwer nach dem Tode der abgöttisch verehrten, viel älteren Frau mit hingehendstem Eifer zusammengetragen und veröffentlicht hat. Bei Varnhagen ging Leben und Denken in dem Suchen und Festhalten von Verbindungen und Beziehungen auf. Er hat ihrer die Fülle gehabt. Ber Männern, bei denen dergestalt zahl', lose Fäden sich kreuzen, hat es erneu gewissen Reiz, die Spannweite der empfangenen und weitergegcbenen Wirkungen sich zu vergegenwärtigen. Der jrmge Barnhagen hat noch Klopsto ck. der ältere irar Los sing. Wielan d und Goethe, gesehen, der alte Barnhagert hat H o l n e überlebt und hat noch den /.Grünen Heinrich" von Gottfried Keller gelesen; einer der letzten, der ihn aus der Nähe kainrte, war - Bettinas Cchrviegcrsohn, der 1901 verstorbene Hermann G r i m m. Barnhagen hat zeitlebens eine freie religiöse Stellung zwischen den Konfessionen eingenommen. Hierin.'und in seinem gemäßigten Liberalismus, tvar er ein Erbe der Aufklärung. In jungen Zähren starrd er den Rornantikern nahe, ohne jemals ganz zu ihnenzu gehören. Im Alter war er ein Gönner des jungen Deutschland. Zn allen Zeiten hat er — hier wohl von Nahe! geleitet — an der Verehrung für Goethe festgehalten. für bcn er mit Besprechungen seiner erscheinenden Schriften zu einer Zeit eingetrcten ist. wo das nicht überflüssig war. Varnhagen besaß im höchsten Maße, was wir heute mit Einfnhlungsfähigkcit bezeichnen, er war unzweifelhaft ein rezeptives Genie. Oskar Walzel spricht von seiner „w a ch s w e ich e n A n s ch m i e g s a m k e i t". Nur so konnte die Ehe. die der Neunundzwänzigjährige mit der dreiundvierzigjährigen, ihm weit überlegenen Frau einging, ihre Harmonie - bewahren. Der Mann, der seine Ueberzengiingen nie verlcngnete, aber auch nie schroff heraus stellte, konnte mit Menschen der verschiedensten geistigen Bezirke in Berührung bleiben. Er war der typische Mann der Querverbindungen. Regelmäßigen Schulbesuch hat er nicht gekannt, dafür von jung auf unablässig gelernt und gelesen. Nach dem frühen Tode des Vaters kam er nach Berlin auf die Pepiniere, verließ sie aber, ohne das Studium zu beenden. Als Hauslehrer und Literat hat er sich dann, zuletzt von befreundeter Seite unterstützt, mühselig und fleißig als ein rechter Merkstudent wcitergebracht. Das medizinische Studium trat dabei immer mehr zurück hinter klassischen Studien. Auf eine Hauslehrerstelle in Berlin folgte eine solche in Hamburg, wo er noch einmal um des Griechischen und Lateinischen willen die Schule besuchte, dann ging er auf die Universität Halle, wo er Schlei er - macher und den Philologen Wolfs und Immanuel B e k k e r nahetrat. Seine literarischen Bestrebungen führten ihn in den Nordsternb u n d, dem auch noch C h a m i s s o und K o r e f f angehörten. Eine Lebcnswende war für ihn der österreichischfranzösische Krieg, den er als Freiwilliger mitmachte. Bei Wagram wurde er verwundet. Es folgten einige Jahre einer ungewissen äußeren Stellung, bald als Sekretär, bald als Adjutant, insbesondere des russischen Freischarcnführers Tettenborn. Seiner gewandten .Feder wegen wurde er auch von Hardenberg zu mancherlei Diensten benutzt, wie sie heute etwa ein Pressechef leistet. So hat er den Wiener Kongreß erlebt und später auch den Einzug in Paris mitgemacht. Sein Leben hatte ihn in jungen Jahren unendlich viel sehen lassen. Neben den Freundschaften und Beziehungen in bürgerlichen und adligen stehen die zu jüdischen, allerdings zumeist getauften Kreisen, aus denen er sich auch die Gattin holte. 1814 mit Nahel verheiratet, wird er 1816 in den preußischen Staatsdienst ausgenommen. und glaubt sich am Anfang einer großen Karriere, als er. einunddrcrblgiahrlg. als preußischer Geschäftsträger nach Karlsruhe geschickt wird. Die Demogogenverfolgung bt8 wahres 1819 machte der Laufbahn ein zähes Ende. Seine Ansichten waren bekannt. Belastendes lag gegen ihn nicht vor. Der Fünfunddrcrßigiahr,ge wird in den Ruhestand versetzt. Er gieht nut Rahel nach Berlin und beginnt cm neues Levrn Das Barnhagcnlchc Haus!>mrd d'° » Jahre bis zu RahelL Tod ern gesellschaftlicher Mittelpunkt. Es ist daS R ah e lszwer t e Salon. Hier verkehrten die Unzufriedenen und Liberalen, die Männer d-S Jungen Deutschlands Gans, Börne. Heine. Th-ador Mund aber ach Männer ganz anderen Schlage-. w'° der »nel versprechende junge Arnim auch die Humboldt» und B-tti»- v. «rmm fehlten nicht. Nach Ra^ Tod «°- der hau g te East Alexander von Humboldt, der hier!-«»-» Unmut über di- Z-itverhältnissablud. Da- «arm die Jahre, in denen de- ®°nn. der den Drang zur Tätigkeit »«W '$1 formte, alles. wa8 er um sich herum börte.einsog und aufschrieb. Die verfrühte Veröffentlichung stüne» Briefwechsel» mit Alexander v. Humboldt Mil Dr. MS KMK und seiner Tagebücher durch seine Nichte Ludmilla Assing entfesselte einen Sturm. Im ganzen hat die Nachwelt nicht, immer günstig über ihn geurteilt. Es bleibt aber bestehen, daß, al§ der Tod ihm (1858) die Feder aus der Hand nahm, ein Werk zurückblieb, das in deutscher Sprache nicht seinesgleichen hat. Auch für uns Juden ist Varnhagen bedeutsam. Die Geschichte der ersten Assimilntionsbestrebungen und der ersten großen Tanswelle würde für uns noch undurchsichtiger sein, als sie es ist, gewährten uns nicht seine Aufzeichnungen Einblick in die geistige Haltung des nach außen bemerkbarsten Teiles der jüdischen Oberschicht. Vieles von dem, was die Judcnheit jener Tage bewegte, ist das Opfer einer Ouellcnverschnttung geworden. Die Judenschaft stand vor einer Aufgabe: nach außen sich die Emanzipation zu erringen, im* Innern die erstarrte religiöse Entwicklung neu ausznbanen. Es kann kein Zweifel sein, daß um 1800 gerade die Schicht, aus die es ankam. zum größten Teil versagt hat. Jeder Darstellung jener Zeit muß das harte Wort Schlcicrmachers vorgesetzt werden, das; die Gebildeten „entschlossen sind, ihre ungebildeten Mitbrüdcr sitzen zu lassen". In welchem Maße das geschehen ist. zeigt uns der Lcbcnsgang Varnhagcns. Seine erste Hauslehrerstelle war bei der Familie Eohen in Berlin, die er als „längst getauft" bezeichnet. Der Verkehr des Hauses Adel, Diplomatie und jüdische Familien gleicher Einstellung. Dann kommt Varnhagen als Erzieher der Kinder in das Haus von Jakob Hertz in Hamburg. Aus seiner Erzählung ist nicht zu ersehen, ob die ältere Generation getauft war oder nicht, nur so viel erfahren wir, das; eine große Empfindlichkeit gegenüber „Risches" bestand. Mir lernen aber auch, wozu jüdische Häuser dieses Schlages christliche junge Männer wie Varnhagen ins Haus nehmen. Als er das Haus verließ, wurde seine Stelle nicht wieder besetzt, die Kinder wurden in eine Pension gebracht, „was mancherlei Gründe empfahlen, da sich im Hausetrotz allerSorgfaltnoch immer zu viel des alten Judentums fand, von dein die Kinder um jeden Preis sreibleiben sollten." Wie in Hamburg >var cs in Wien, wo die Arnstein, Pereira und Eskelcs ihren viel bewunderten gesellschaftlichen Glanz entfalteten. Varnhagen er-, zählt uns, wie im Hause Eskeles die Kinder ohne . Kenntnis ihrer eigentlichen Herkunft aufwuchsen und wie neben dem glänzenden Salon der Hcknsfran, in dem sich alles zusamnicnfand, was einen ' Namen hatte, der Herr des HauseS noch seinen gesonderten alttestamentarischen Kreis pflegte. Bei den großen jüdischen Häusern in Wien ist überhaupt nicht alles so glänzend gewesen, wie es nach außen hin schien, und wie es Varnhagen in seinen Denkwürdigkeiten gepriesen hat. Aus Varnhageus eigenen sonstigen Aufzeichnungen läßt sich das Bild korrigieren. Da war die Frau von Eybenbcrg, geb. Marianne Meyer, aus Berlin, Witwe eines Prinzen Neuß. Ihre Mittel reichten nicht aus. um mit den Salons Arnstein, Pereiras und Eskelcs zu wetteifern. Da sie aber vom Judentum noch viel entfernter war als jene Häuser, wo jeweils die älteste Generation „noch" jüdisch war, war sie in hochadlige Kreise hineingelangt. die diesen verschlossen blieben. Ihre Freundschaft mit Goethe muß traditionell dazu hcrhalten, Goethes Beziehungen zu den Juden zu illustrieren. Sie hatte mit Juden nichts mehr gemeinsam. Es ist bemerkenswert, daß die R o th s ch i ld 8, die sich von den meisten jüdischen flinanzleuten jener Tage durch unverbrüchliches Festhalten am Judentum unterschieden, au der vornehmen Geselligkeit jener Zeit noch kaum tcilhatten. Ihr Aufstieg liegt später. Während jene berühmten Häuser verschwunden sind, haben sie Bestand gehabt. Man kann nicht von Varnhagen sprechen, ohne Rahels zu gedenken. Allerdings sollte nachgerade eingeschen werden, daß Rahel keine jüdische Angelegenheit ist. Was sie geleistet hat, hat sie nicht als Jüdin, noch weniger für die Juden, sondern als eine vom Judentum Entfernte geleistet. Treffend spricht Rudolf Haym von dem „schöngeistigen Treiben, das unter dem Vortritt der jüdischen Frauen und Mädchen, diesen jüng-' sien Freigelassenen der modernen Bildung, den Weg zu der neuen poetischen Welt suchte, die durch unsere großen Dichter erschlossen war." Hier ist Rahel sehr sichtbar dabeigcwesen. Aber der Ausdruck „Freigelassene" paßt auf den schweren Minderwertigkeitskomplex, der ihre Herkunft immer für sie bedeutet hat. Zu eigener schriftstellerischer Arbeit hat sie sich niemals ansgerafst. Ihre Zeit hat Frauen gleicher und höherer Bedeutung hervorgebracht, die aber nicht das Glück gehabt haben, einen Varnhagen als posthumen Jmpressario zu finden. Ich brauche nur an Caroline Michaelis, Bettina Brentano und Caroline von Humboldt zu erinnern. Wie hat sich Rahel, die Varnhagen nächst» stehende Person, zu jüdischen Dingen verhalten? Die Judenfrage war damals eine große Frage, und schon damals begann die antisemitische Bewegung. Rahel ist daS gar nicht unbekannt gewesen. Als 1819 die bekannten Hep-Hep-Krawalle losbrachen, schrieb sie ihrem Bruder einen aufgeregten Brief, worin sie Arnim und Brentano als Miturheber der antijüdischen Stimmung anklagt.- Es findet sich kaum eine Spur^ daß sie, die doch einen großen Kreis christlicher, zumeist adliger Freunde hatte, sich ernstlich gemüht hätte, antijüdischcn Vorurteilen entgegenzutreten. Man hat den Eindrucks daß über diese» Thema in diesen SalonZ nicht gesprochen wurde. Arnim, Brentano und Fichte waren Mitbegründer und Mitglieder der christlich.deutschen Tischgesellschaft. bei der „Juden und Philister" grundsätzlich ausgeschlossen waren. Das hat sie in ihrem freund, schaftlichcn Verkehr nicht gestört. Als 1811 Arnim dem Moritz Jtzig (der später bei Großgörschen den Heldentod starb), bei einem Ehrenhandel Genug» tnung verweigerte, gab ihm u. a. ein Herr v. Barnekow, der zu Rahels Kreis gehörte, ein Gutachten, das den Juden die Satissaktionsfähigkeit absprach. Bei gesundem Empfinden hätte Rahel sich mitbeleidigt fühlen müssen. Daran hat es aber gefehlt. Sic hat ihrem Freund vorgestellt, wie kränkend seine Ansfassung für Jtzig sei und hat dann zwischen beiden vermittelt. Der kleine Vorfall ist deshalb lehrreich, weil er ganz deutlich zeigt, daß aus dem Umgang mit einzelnen Ausnahmcjudcn oder -jüdinnen noch längst nicht auf eine günstige Stellung zu den Juden über-' Haupt geschlossen werden darf. Stellt man Rahels Verkehr zusammen, so treten die Juden ganz zurück, der Adel überwiegt. Ein Heines Kulturbild ist die Taufe Rahels. Da Mischehen nicht zulässig waren, war sie unerläßlich. Varnhagen macht in Berlin den Prediger Stegemann ausfindig, „der es sogleich tun wird". Und dann Rahels eigener Bericht: „Meder Hitzig noch Markus Titten daS Geringste eingeleitet. Ich habe Hitzig zum Prediger Stegemann geschickt, und ging daun selbst hin. Er empfing mich, al? ob Spinoza sich wollte taufen lassen: so zerknirscht von Ehre . . . Ter Professor Hartung, von dem ich ein Attest haben mußte, meinte, daß ich ihn so hoch beehrte, und wie hat cr es ausgestellt! .. . Zwei Männer — der andere ist Hitzig — müssen bezeugen, daß man würdig ist; das erhält die Polizei, dann die Potsdamer Regierung: noch ist's auf der Polizei. Redtel habe ich einen k ü n st l i ch e n Brief dazu geschrieben, denn sie sind in Potsdam beim Kon» sistorium ganz mystisch neuchristlich und halten auf. Ich werde doch befördert werden, ich spute mich so viel ich kann, Stegemann hält mich in nichts und mit nichts auf." Gewiß kann man der Eile einer liebenden Frau viel verzeihen, unwürdig bleibt diese Art Religwnswechsel, von beiden Religionen aus gesehen. Eine Frau von Rahels Geistigkeit hätte sich hier Gedanken machen müssen. Immerhin gibt es Fälle, die noch wesentlich unwürdiger abliefen. Auf die - Einzelheiten kommt es nicht an, nur auf deu Geist der Epoche, wie ihn uns Varnhagen ausbcwahrt hat. Das Bild, das uns Varnhagen bietet, ist Nicht lückenlos. Was sich nicht zu ihm selbst und zu Rahel in Beziehung bringen ließ, interessierte ihn wenig. So erfahren wir von ihm nichts darüber, das; es auch jüdische Häuser vornehmer Geistigkeit gab, die am Judentum festhiekten, so das Beer sche Haus, von dessen drei dem Judentum trcubleibenden Söhnen einer Dichter, einer Komponist (Meyerbeer), einer Kaufmann und Astro. nom war. Auch das Veit sche Haus wäre zu ßn ,/y /(//§ Oberstudiendirektor Dr. Otto Driesen, der verdienstvolle Leiter des Frankfurter Philanlropins, voll endet am 1. März sein 60. Lebensjahr Fot. Haas, Frankfurt a. M. nniill!i!lli!l!llllllllll!!l!l!lllllllllllinilllli!!llllinil!niillllinill!li!ll!il3 neunen. DaS Judentum wäre zugrunde gegangen, .wenn die Einstellung, deren Prototyp Rahel ist, herrschend geworden wäre. Zum Glück regten sich bald andere Kräfte. Es ist aber bezeichnend, daß vom Kulturverein. der in jenen Jahren entstand, Leopold Z u n z als Fahnenträger des Gedankens standhielt, als andere, Eduard Gans und Heinrich Heine, die Sache im Stich ließen. Gerade die Fahnenflüchtigen. Gans imd Hs zuPESSflCR _ (Kaffee «P fl -»Cof f e¥nf rol l«MJ« |Tec ,CAM AJ 0“.KAFFEE-fillO.SMimSTERKI Carl Max Joseph* > It It F, HEX 4 »A» Vertreter werden noch eingestellt. - Heine, gehören zu Rahels Kreis. Ebenso Börne. Das ist lein Zufall. Ein Judentum, das sich selbst respektiert, umß sich von. dem Geist der Schicht abkehreu, die Varn- Hagen uns so lebenswahr geschildert hat. Das ist die Lehre - einer Epoche wirklich „falscher Assimilation". mi Zu feinem 100. Geburtslas Als der Weltkrieg gerade vier Jahre währte, am 5. August 1918, vereinten sich die 200 »00 Juden Wiens im Schmerz um ihren geistigen Führer, den Oberrabbiner Moritz Güdemann. Das Geschehen des großen Völkerriugens, als dessen Sinn er in all seinen Predigten und Aeußerungen stets nur die Erringung des wahren Weltfriedens erkannte, hat den Vierundachtzigjährigen tief getroffen. Monate vorher noch hatte er seinen Freunden in der gewohnten Rüstigkeit, die ihn noch im Alter zu Hochtouren befähigte, in der ungebrochenen Größe von Geist und Körper aegcnübcrtreten können: als sich aber Jahr an Jahr fügte und der große Krieg, dessen Ende man schon viel früher erhoffte, noch immer andauerte, da schwanden mit einem Male die übermenschlichen Kräfte, und Moritz Güdemann beschloß sein an Erleben, Erfolgen und bleibenden Leistungen gesegnetes Leben, Mehr als ein halbes Jahrhundert wirkte Moritz Güdemann zu Wien als Rabbiner und Prediger. Als 61 jähriger wurde er von Magdeburg nach der österreichischen Hauptstadt geholt und die neue Wirkungsstätte stellte an den jungen Seelsorger die schwersten und verschiedensten Aufgaben. Noch stand die Gemeinde unter dem Eindruck zweier ganz großer Männer: des ersten Predigers in Wien, Isaak Noah Mannheimer, der fast abgöttisch verehrt worden war, und Adolf Jellineks, eines der wirkungsvollsten Kanzelredner des Judentums. Anderseits waren wenige Gemeinden auf dem Kontinent so umfassend, bunt und vielgestaltig wie die von Wien: eine starke Einwanderung aus allen Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie hatte eine Fülle von Gegensätzen gebracht. So sah Moritz Güdemann die Aufgabe seiner Wiener Amtstätigkeit vor allem im Kampf um die Festigung der Einheit der Gemeinde. Wenn Güdemann 1894 zum „Oberrabbiner" Wiens ernannt wurde, dann durfte er dies mit Recht als eine Bestätigung seiner unausgesetzten, mit viel Klugheit und heißer Hingabe erkämpften, Erfolge. um die Einung der Kehilla empfinden. Diese verinnerlichte Auffassung seines Berufs erwies Rabbiner Güdemann nun denn auch als Prediger, von dem er sagte: „Nicht die Predigt, sonderm ber Prediger, seine Lebensführung und Gesinnung, sind das Entscheidende." Die Worte Eüdemanns haben, gerade wegen der edlen Reinheit ihrer -Sprache und Gedankensühruna auch heute noch ihre starke Wirkungsmöglichkeit und die wenigen - Male, da der Wiener Oberrabbiner in großen Volksversammlungen da§ Wort ergriff, um in klassischer Größe etwa der Empörung über die Pogrome oder die Kneblung des Rechts in den Ritualmordprozessen Ausdruck zu geben, werden zu den bleibenden Höhepunkten der Geschichte der; Wiener Gemeinde gehören. . . DaS Werk des Wissenschaftlers und Gelehrten Moritz Güdemann ist schon lange in den unverlierbaren Teil unseres Schrifttums eingereiht worden. Nicht allein, weil er klaffende Lücken zu schließen wußte, sondern vor allem, weil in seinen Werken eine einmalige Fülle des Wissens und denkerischer Grüße ihren Niederschlag gefunden hat. Tie ersten wissenschaftlichen Vcrösfeiitlichim-« gen — so seine 1858 erschienene Dissertation über den Susismus — beschäftigen sich mit Erkenntnissen orientalischer Philologie und Philosophie. Wenn Güdemann im Lauf' seiner wissenschasl- Iicl)cu Tätigkeit auch zum Altmeister der Apologetik werden sollte, dann waren hierfür nie politische Erwägungen maßgebend. Allein die Erfahrungstatsache. welch erstaunliche Unkenntnis in sonst sehr gelehrten Kreisen über Judentum und jüdisches Leben bestand, zwang dem Wiener Oberrabbirier die Feder in die Hand, die er dann auch stets mit Schärfe und Ueberzengungslraft zu führen wußte. Wie überlegen selbst sein Spott gewesen ist und wie es ihm vor allem darauf an« mm, zur Klärung der objektiven Wahrheit bei,zutragen, läßt sich aus folgendem Zitat ersehen: „Als ich vor mehr als 40 Jahren den seligen Movers in Breslau darüber vortragen hörte, wie die jüdischen Schriftgelehrten die Teliphin aiilegten, fragte ich mich im stillen: Warum hat der gute Mann sich das nicht von dem ersten besten Juden einmal vormachen lassen? Er hatte es offenbar nie mit eigenen Augen gesehen." Ans - dieser Ueberzcugung, daß mangelnde Kenntnis die vielen schiefen Urteile christlicher Forscher und insbesondere Bibelkritiker vor allein hcrvorrief, daß man weiterhin die strengen kritischen Maßstäbe. die man ans Alte Testament anlegte, nicht auch beim Neuen Testament anwendcn wollte, ließ ihn zu einem der scharfsinnigsten und gewaltigsten Streiter^gegen Männer wie Hilgenseldt, Kittel, Wellhausen werden, und in seiner großartigen „Jüdischen Apologetik" (1906) vermochte er selbst Gedankengänge von Gelehrten, wie Wundt und Paulsen zu entkräftigen. „Das Judentum beruht auf der ,Lehre'" ist der erste Satz zu seinen „Oiiellciischristen", und diese Feststellung, daß es nicht das finstere „Gesetz" sei (wie es die nichtjüdischen Forscher immer wieder darstellen wollten), zieht sich als Leitgedanke durch sein Gesamtwerk. In seiner Darstellung von bleibendem Wert „Das Judentum, in seinem. Gesetz und nach seinen geschichtlichen Grundlagen" hat er, obwohl er mit Wucht und Meisterschaft Abwehr und Angriff zu führen wußte, sein Bestes wußte er als über den_ Tageskampf erhabener Forscher zu geben. Güdemanns Lehrer Grätz hatte vor allein die politische Geschichte des Judentums geschildert^ und auch sonst gab es kein überragendes wissenschaftliches Werk, das in das kulturelle und soziale Leben der mittelalterlichen Judenheiten Einblick gegeben hätte. Güdemanns Arbeiten auf diesem Gebiet, die umfassende OuellenkenntniS vermitteln, sind auch heute noch unerreicht und werden die Grundlage jeder Forschung auf diesem wichtigen Gebjet bleiben. Die interessanten Beziehungen Herzls zu Güdemann waren in der Geschichte des jungen Zionismus zu wesentlich, daß wir sie. hier nicht ganz übergehen können. Man nehme sich einmal die Mühe, die vielen Dutzende von Auszeichnungen Herz!» über Güdemann im ersten Band seiner