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Central-Verein-Zeitung · 1935-02-21 · 8 (21.2.1935) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
8 (21.2.1935)
Date
1935-02-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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hht^hh i n!! 21. Febr. Nr. 3 2. Bcibl, Gedanken M praktischen Mitarbeit in Berlin Die Entwicklung der Zeit hat auch viele Berliner Juden jüdisch bewußt gemacht. Manche drücken dies in der Weife aus, daß sie mit einer etwas alnvertcndcn Betonung sagen, die Zeit habe die * Menschen aus ihr Judesciu „zurückgeworfen". Dabei vergessen sie, daß die Berliner Judenheit, im ganzen betrachtet, stets eine im wesentlichen jüdisch in sich geschlossene Gruppe bildete. Die. ivahre^Scheidung lag zwischen denen, die sich über diese Tatsachen dadurch hinwegzutäuschen suchten, daß sie sich jüdisch uninteressiert erklärten, und denen, die schon vor der Wandlung der Verhältnisse eine bewußt jüdische Gemeinschaft erstrebten. Die heutige Zeit ist dadurch gekennzeichnet, daß die Schicht derer, die an der Umwandlung des unbewußten Ghettos in bewußt jüdische Gemeinschaft arbeiten, um ein Vielfaches gewachsen ist. Bei diesem Entwicklungsvorgang kommt dem C.-V. eine besondere Aufgabe zu: Er muß den Menschen, die eine deutsch-jüdische Zukunft wollen, den Rückhalt an eine lebendige jüdische Gemeinschaft geben. ' , Erfüllt der (5.-V. diese Aufgabe? Wir müssen - cö — im ganzen betrachtet — bejahen. Unsere überfüllten Versammlungen zeugen davon, daß man über die grundsätzlichen Fragen des deutschjüdischen Seins unterrichtet zu werden wünscht; das Interesse, auf das unsere Hausveranstaltungen stoßen, zeigt, daß man Einzelheiten unserer Arbeit erfahren möchte, und daß man das Bedürfnis hat, sich zwanglos über Fragen unseres deutschjüdischen Schicksals anszusprechen. Besonders in den Außenbezirken der Stadt macht sich das Streben zum Zusammenhalt deutlich bemerkbar. Aber ermöglicht man dem>C.-V. die Aufgabe der Gemeinsckiaftsbildnug zu erfüllen? Das wird man verneinen müssen. Immer noch ist die Zahl derer groß, die den C.-V. lediglich als Verleger der „C.-V.-Zeitung" anseheu, die gar nicht wissen, lvelche Leistungen der C.-V. im Dienste der Eristenzerhaltung der deutschen Juden leistet. Es fehlt ihnen die persönliche Verbundenheit mit den Dingen, um die es geht. Sie glauben heute noch, die Arbeit anderen überlassen zu können, und sie vergessen, daß die Praktische Tätigkeit des C.-V. für unfern Lebcusranm nur dann einen Sinn hat, wenn sie sich' ihm als einer innerlich gefestigten Bewegung verbunden fühlen. Vielleicht ' glauben sie auch, daß es gar bricht viel zu tun' gäbe, weil sie selbst noch nicht in die Lage ge« gegner, wobei dann die Kleinigkeit übersehen wird, nehmen. Andere wiederum sind fanatische Vereinskommen sind, die Hilfe des C.-V. in Anspruch zu daß ernste Gemeinschaftsarbeit nichts mit organisatorisch-spießbürgerliche': Vereinsmeierei zu tun hat. Wieder andere denken vielleicht auch, die geistige und materielle Stoßkraft des C.-V. sei unabhängig von dem Bestand der Mitgliedschaft; wer. aus meinem Bekanntenkreis noch nicht.dem E.-V. angehvrt — so meint der eine oder andere —, dem wird schon über Nacht von allein die Erleuchtung kommen, und er wird seinen Beitritt erklären; ein Werbungsversuch ist daher überflüssig und — unfein. Die Gründe für die Trägheit des Herzens lassen sich beliebig vermehren. Aber indem wir sie nannten, führen wir auch gleichzeitig eine Reihe von Tätigkeitsgebieten an, auf denen wir Helfer gebrauchen. Es geht nicht an, daß die Arbeit der einzelnen Berliner Ortsgruppen auf wenige Schultern ruhen. Wir brauchen in jeder Ortsgruppe Vertrauensleute, die sich regelmäßig über Fragen Tie Ortsgruppe Rordwesten veranstaltete in den Räumen von E. S ch a r l i n s k i einen Heimabend, der besonders starken Besuch ausivies. In einer einleitenden Ansprache legte der Vorsitzende der Ortsgruppe, Rabbiner Dr. Karl R o s e n t h a l, ein Bekenntnis zur deutsch.jüdischcn Idee ab. Dann sprach Dr. Kurt Julius R i c g n e r von der Bundesleitnng des Bundes Deutsch-Jüdischer Jugend über „Die Sorge um den Beruf". Dr. Riegner ging von der Notwendigkeit einer an der deutsch-jüdischen Wirklichkeit ausgerichteten, systematischen jüdischen Sozial-, Wrrtschafts- und Berufspolitik ans und führte an Hand anschaulichen Materials aus, wie sich der einzelne mit seiner beruflichen Entscheidung in die Gcmeinschaftssituation einzusügen habe. An das mit starkem Beifall auf- ' genommene Referat, das einen Einblick in die praktische Arbeit des Central-Vcreins für den Lebensramn der deutschen Juden vermittelte, schloß sich eine lebhafte Aussprache, in der die Erschienenen von ihren persönlichen Sorgen und Erfahrungen berichteten. Die gelungene Veranstaltung führte dem Central-Vercin eine Anzahl neuer Freunde zu. In der Groß, Berliner Frauen - ArbeitS gemcinschaft sprach am 14. Februar Dr. Margarete Edel heim über die jüdische Presse. An ihre Ausführungen, in denen sie vom Standort der jüdischen Presse, von den Bestimmungen des Reichskulturkammergesctzcs, von der Geschichte und schließlich vom Inhalt und den Aufgaben dev jüdischen Presse sprach, schloß sich eine lebhafte Anssprache. lieber 300 Personen füllten die Veranstaltung der E.-V.-Ortsgrnppen Char'.ottenburg und Alter Westen am 12. Februar im Lvgenhaus Kleiststraße. Dr. Fritz G o l d s ch m i b t sprach über den Behanptnngswillcn des deutschen Judentums, der in der Arbeit des Eentral-Vereins seinen U'esentlichcn Ausdruck gefunden habe. Dr. Bcrthold W e i n b e r g betonte die Notwendigkeit, das deutsche Judentum zu erhalten. Es sei eine selbständige, geschichtlich gewachsene Wertfülle, die aus sich selbst heraus gerechtfertigt sei. Der Central-Verein sei kein bloßer Verein mehr, sondern er verwalte ein Amt, das von allen deutschen Juden als eigene Sache. und Pflicht empfunden werden müsse. der grundsätzlichen Einstellung und der praktischen Arbeit des C.-D. aussprechen und die am Ausbau der Organisation Mitarbeiten. Wer heute noch glaubt, er könne abseits stehen und die Arbeit für die jüdische Gemeinschaft andern überlassen, der vergißt dabei, daß nur Solidarität uns helfen kann, und daß auch er selbst eines Tages in die Lage kommen kann, die Solidarität, die Hilfe der jüdischen Gemeinschaft, ihrer Einrichtungen und Organisationen für sich in Anspruch zu nehmen. Wir brauchen mehr Menschen, die uns helfen, damit auch wir mehr helfen können. vr. Werner Ro8vN8toelc. berliner CV Beide Redner ernteten starken Beifall. Großen Anklang fand auch ein Sprechchor, der von den Mädels des fünften Zuges im Bunde Deutsch- Jüdischer Jugend frisch und diszipliniert vorgetragen wurde. Am 18. Februar veranstaltete die Ortsgruppe Charlottenburg des C.-B. gemeinsam mit den w e st l i ch e n Zügendes B n n d e s Deutsch- Jüdischer Jugend einen Elternausspräche »Abend. Der zahlreiche Besuch zeigte, welches Interesse unter der Elternschaft für Aussprache über F^gen der jungen Generation besteht. lieber „Wege in die deutschjüdische Zukunft" referierte Dr. Werner R o s e n st o ck. Er wies auf die Wandlung im Bewußtsein, der jüdischen Menschen und auf ihre neue Verbundenheit mit dem Jüdischen hin und betonte, daß erste Voraussetzung jeder Erziehung des jüdischen KindeS die Bewußt,nachuug des Jüdischen sein müsse. Von hier ans lasse sich auch eine freie, unvoreingenommene Stellung zu kulturellen Werten der Ilmwelt herbeiführen. Er erörterte dann Fragen, die mit dem Besuch von jüdischen und allgemeinen Schulen zusammenhängen und kam schließlich auf die Berufsprobleme der jüdischen Jugend zu sprechen. Am Schluß wies er auf die praktische Arbeit des E.-V. im Dienste der Existcnzerhaltung dc8 deutschen Judentums hin. Anschließend sprach Günter Friedländer über das Thema „Bund und Elternhaus". In lebendiger Weise gab er ein Bild vom Leben und Treiben des Bundes. Er betonte die Bereitschaft des Bundes, mit'dem Elternhaus zusammenzuarbeiten, aber verlangte, daß auch die Eltern Verständnis für die Notwendigkeit' des BündeS gerade in unserer Zeit aufbringcn mögen. * 28. Februar, 17 Uhr: Sabbath-Nachmittagsfeier mit dem Bund Deutsch.Jüdrscher Jugend. Rabbiner Dr. Karl Nosenthal, Sprechchöre, Vorlesung aus jüdischen Schriften, jüdische Gesänge. Trausaal der Synagoge, Levehowstraße 7/8. 28. Februar, 20 Uhr 30 Min.: Frauenarbeitsgemeinschast. Leitung Margarete Fried. „Ein Lebensbild von Moses Maimonides", Logenhaus, Kleiststraße 10. Berliner nehmen Abschied von Max Liebermann Seltsam bewegt und lebendig war es in dieser letzten Woche auf dem alten Friedhof in der Schönhauser Allee. Nach der Beerdigung Max Liebermanns — an der die Berliner Judenheit nur durch ihre offiziellen Vertreter teilnahm — gingen die einzelnen Juden, die erst aus den jüdischen Zeitungen den Ort der Beisetzung ersahen, hinaus auf den Friedhof, um ihrerseits Abschied von dem großen Toten zu nehmen. Nicht Neugier, sondern wahre und aufrichtige Trauer, nicht der eitle Wunsch, „auch dagewesen" zu sein, sondern ein echtes Gefühl herzlicher Pflichterfüllung — das war es, was so viele Berliner- Juden auf diesen alten, so selten nur noch benutzten Friedhof zog, was sic dort zum Erbbgräbnis Nr. 326 führte. Berliner Geschichte wurde auf diesem kurzen Weg über den Friedhof vor ihren Augen wieder lebendig. Ta sprachen sie von den alten Grabsteinen wohl vertraute und zum Teil auch längst vergessene Namen an — Namen, deren Träger einst im Leben der Berliner Juden und im Berliner Leben überhaupt eine bedeutsame Rolle gespielt haben. Wir wissen, daß manch ein Nachkomme von denen, die hier bestattet sind, über deren Grab sich hier ein Stein mit hebräischer Inschrift erhebt, sich in den beiden letzten Jahren erst seiner jüdischen Abstammung bewußt wurde ... Tann steht man vor der schlichten Begräbnisstatt der Liebermanns: Louis Lieberinann und seine Frau, des Künstlers Eltern, einer seiner Brüder: Georg Licbermann, der bekannte Historiker, ruhen hier. Und da ist nun ein riesiger Hügel von Kränzen und Blumen. Flieder und Tulpen, Mimosen und Alpenveilchen — ein frohes, buntes Bild. Tag für Tag kommen neue Kränze. Ter Grabhügel Mar Licbernimms kann sie nicht alle tragen. So werden sie auf die Gräber der Eltern gelegt. Ein srisckfer grüner Lorl>ccrlrcmz ist an einen Baum gelehnt. Lose Blumen. Sträuße liegen daneben. Leicht flattern die schwarzen Schleifen im Winde, die einzelne dieser Kränze tragen. Die Namen jüdischer Organisationen sicht man darauf, der Verein Berliner Künstler ist vertreten, Ludwig Fulda steht auf einer anderen Schleife, auch der Name Fürstenberg ist zu lesen. Immer wieder kommen neue jüdische Menschen zu diesem Grabe — Vornehme und Schlichte, Einfache und Elegante, Minner und Frauen, ganz junge und ganz alte Berliner. Ein paar Augenblicke stehen sie stumm und ergriffen vor bicfcrtx buntleuchtenden Blumcnhügel — dann gehen sie schweigend und ernst davon. Kamn einer von denen, die hier zu Max Liebermann kommen, uni Abschied von ihm zu nehmen, hat ihn persönlich gekannt. Mer sie alle kennen viele Bilder von ihn?, haben sie oft gesehen und bewundert — und kommen nun, um dem Künstler zum ersten und letzten Male stummen Tank zu sagen. Sie wissen, daß dieser Mann, an dessen Grab sie „Line Nacht: in Palästina!“ Es ist wieder Faschingszeit. Wir sind sehr wüst geworden und wenige unserer Juden sehen ' im Grau des Tages die bunten Farbflccken am llostüm des Prinzen Karneval. Da leuchtet plötzlich fltQtt ein Plakat auf, irgendwo in einem indischen .Lokal, Cafe, Kleinkunstbühne: „Eine Nacht in Palästina" — und darunter steht etwas von Stimmung und Prämierung der schönsten Kostüme und was so eben zu einem kleinen Trubel gehört. O ja, wir wissen, es ist viel Trubel um dieses Land, Trubel der Meinungen und des Kampfes. Des Kampfes — soviel wußten wir bisher. Wir wußten auch, daß mancherorts Konjunktur getrieben wurde mit diesem Gedanken Palästina, der zum Begriff einer schwer ringenden Gemeinschaft geworden ist. Aber wir wußten nicht — und wollen es auch nicht wissen , daß fern von dem Land und innerhalb der Grenzen des besonders hart kämpfenden - deutschen Juden-- tums, aus dem Wort Palästina plötzlich Jazzrhythmus klingt — aus diesem Wort, das nn Ohr ■ jedes Juden - auch des Nicht-Zronisten - von dem Rhythmus hämmernder Maschinen, umgebrochener Schollen und in der Arbeit schweratmender Menschen begleitet ist. Man mag zur Idee Palästina, stehen wie man *cbcn'r" erzwingt sie sich, heute überall die Achtung vor einemgroßen Aufbauwerk, das als Faktor dem heutigen Judentum nicht mehr wegzudenken ist. Und mau wird sich überall, wo man noch Achtung vor einer großen Idee wahrt, dagegen auslehncn, daß der Ernst einer 1 1^ Sache und sei es auch nur für einen -lbend im allzu leichten Scherz einer Maskerade a ' aelvst wird. Es ist vielleicht keine Shcfyttöfe* kein Anachronismus, daß Juden sich auch heute auf diese Weise vergnügen wollen; aber dann b nicht unter der Devise und auf Kosten einer Id, die doch schließlich durch den^Schwerß.oftdur) das Leben von jüdischen Menschen geweiht st und zu hoch für solche Scherze! .^Erne NachtPa lästina" — dabei kann man sich verstellen. Stunden im Schimmer orientalischer Nacht.: erfüllt-von der eigenenSchönßeit des Landes, er-. füllt von. heiliger Hingabe an die uralte Geschichte, die aus dem Boden steigt, erfüllt vielleicht auch von der zehrenden Sehnsucht nach einem Land, das verlassen, werden mußte — oder Stunden des tranmlosen Schlafes, der Erschöpfung nach zähester Arbeit. Daß wir heute in Deutschland nicht „Eine Nacht in Palästina" kennenlernen möchten, in der die schwere Wahl des schönsten Kostümes die größte Sorge ist — ist das zu viel verlangt? 8. m. Phantasie, die auch stofflich Abseitiges mühelos zu meistern weiß. 8. L. LudwigHardts Künstlet jubiläum Aus Anlaß seines dreißigjährigen Künstlerjnbiläums gab Ludwig Hardt im Berliner Logenhaus zwei Abende, an denen er seine beiden, bewährten Programme „Vom Hnnior der Inden" und, „Theater! Theater! Theater!" in den mannigfachsten Abwandlungen einem empfänglichen und beifallsfreudigen Publikum erneut präsentierte. Zum Ruhme dieses vorläufig letzten der großen Rhapsoden ist bereits so viel gesagt worden, daß Neues zu sagen fast nichts mehr übrigbleibt. Immer wieder staunt man über die expansive und intensive Fülle eines Naturells, von dem Thomas Mann einmal bemerkt hat, daß ein Element von Dämonie in ihm läge; imrner von neuem bewundert man die in sich völlig ausgeglichene Verbindung von Verstandes- und' Willensenergien, von Bewußtsein und Leidenschaft,. von Wesenskräften also, die das Bild dieser seltenen Persönlichkeit haben formen holfen und die in der Sprache ein ebenso elementares wie kunstvoll gestaltendes Ausdrucksmittel gefunden haben. Wie der Sprachkünstler Hardt die dichterischen Gebilde in lebendigste Anschau, ung umsetzt, wie er mit einer Tonskala, die vom zartesten, duftigsten Piano zum gehämmerten Forte, vonverschwebcnder Melancholie z?t stampfender, rhythmisch geballter Wucht ansteigt, nicht bloß unheimliche Klangwirkungen, sondern auch-Disionen von fast körperlicher Rundung * hervorzaubert — das zeugt, man durfte es an" diesem Abend wiederum feststellen, von einer Beweglichkeit und -intuitiven Sicherheit sprachlicher a Händels „Belsazar“ Die Berliner Aufführung anlässlich des Handel-Gedenktages Kulturbund und Künstlerhilfe führten zum Gedenken an den 250. Geburtstag Händels Oratorium „Belsazar" auf, in der von der gewohnten Ausgabe der Händel-Gesellschaft stark abweichenden Neubearbeitung Ernst Zanders. Zander beschränkt sich nicht aus Aenderungen, Umstellungen im einzelnen, sondern verlagert durch übermäßige Striche im ersten Akt' den Schwerpunkt: während in der Urfassung nach dem Höhepunkt, der Szene mit der Rätselinschrift (dem berühmten „Mene lekel"), die Handlung vergleichsweise rasch dem Ende zutreibt/liegt ber Zander diese wesentlichste Szene so früh, daß erst nach ihr die Unterbrechung durch die unbedingt gebotene Pause gemacht werden kann; so schiebt sich zwischen die Verkündung vom Untergang Babels, der Errettung der Juden und der Erfüllung jener prophetischen Deutung ein Einschnitt äußerer Art; vor allem aber verschieben sich die Proportionen allzu sehr zugunsten des ersten Teils, während für den zweiten nur ein geringes Matz an schlagkräftiger Dramatik und erfüllter, vorwärtstrerbender Handlung bleibt. Am besten hätte man wohl (Handels Dreiteilung darf man mit.. Recht aufgeben) den ersten Teil mit der Schlachtmusik der Perser geschlossen, den zweiten mit dem Fest der Babylonier begonnen, so wären ' die äußeren Dimensionen, die inneren Spannungen am gleichmäßigsten verteilt. Leider war diesmal Daniel, der Prophet Gottes, der Sprecher des jüdischen Volkes, zu sehr in den Hintergrund getreten, seine Arien waren durchweg gestrichen. Dr. Kurt Singer, der Dirigent der Auffl"lhrung, hat den eminent dramatischen Zug dieses Werks (ich erinnere mich des tiefen Eindrucks einer szenischen Wiedergabe) erkannt und mit Recht besonders hervorgehoben. Es sang der unter feinet ständigen Direktion stehende Berliner - Aerztechor und Sanders vortrefflicher K u l - turbundchor. Charakteristisch waren gegeneinander abgehoben die spottenden, scharf abgerissenen Chöre - der Babylonier« ihr Merschäumender Festestaumel, die stahlharte Siegesgewißheit der Perser, die beschwörenden Klänge einer breit getragenen Hymnik bei dem Gottesanruf der Juden. Hier ergab sich ein voller, bei aller Drastik kultivierter Chorklang; nur die leichten Koloraturen des O-ckur-Stückes hatten zu viel Schwere. Man erkannte Singers erfolgreichen Willen, zu machtvollen Steigerungen, zu nuancenreicheren Tönungen im Ausdruck verhaltener Klage zu gelangen, wenn auch bei den Kolossalgemälden Händels das zarte Detail naturgemäß hinter dem Zlufriß im großen zurücktreten muß. Dem instrumentalen Teil (es spielte das Kulturbundorchester) war nicht immer die gleiche sorgfältige Ausarbeitung zuteil geworden. a. B. in den Rezitativen, die in ihren orchestralen Parteien mehr Präzision verlangen. Ten Belsazar sang Hans Joachim Heinz, dramatisch belebt und impulsiv, im Gesanglichen hatte er die Rolle, seiner stimmlichen Eigenart entsprechend, die das Biegsame. Leise in feinen mannigfachen Tönungen nicht kennt, durchaus auf das Unbehauene, Rauhe gestellt; Heinz neigte stellenweise so stark zum Heroischen, daß das Schwankende, Haltlose, das die letzten „Belsazar"- Szenen im wesentlichen kennzeichnet, im Ausdruck nicht richtig getroffen werden konnte. Die sehr ausgedehnte, schwierige Partie von Belsazars Mutter Nitocris gab Ruth W o l f f r e i m, die ihren Part mit etwas mehr oratorienhafter Ruhe und Einfachheit hätte gestalten dürfen; rein stimmlich sollte sie das Anschleifen der Töne vermeiden. Thea Bieber-Brand, der man die erste Szene und Arie der Nitocris anvertraute, ließ aufhorchen: hier hörte man ein volles und klangschön gebildetes Organ, in der ausdrucksstarken Gebärde von Händels Geist erfüllt. Wirksam gestaltete Ernst Wolfs. Frankfurt a. M., den Cyrus, ein Tenor, der Glanz und Schmelz, Umfang und Ausgeglichenheit der Stimme verbindet. Auch Fritz Lechner ist ein geborener Oratoriensänger durch die Fähigkeit, innerlich Durchlebtes in epische Besinnlichkeit umzusetzcn. Entwicklunasfähiges Material hat Martha Frost (Daniel); schließlich feien noch genannt: Alfred Lehmann als der Bote, Hugo Streit tzer (Continuo) und Erwin Jospe, der zuverlässig und klar registierend den Orgelpart versah. Daß die Wiedergabe deS Belsazar' uns auch heute noch unmittelbar zu berühren vermag, erwies der große Beifall für deu Leiter der Aufjichrmig, und j-uv.Mei. Ludwig Altaun.

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