Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 7 (14.2.1935)
- Date
- 1935-02-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Naturalismus voilzictzn: indem wir aus Schadvw zurückgreiscn, ebnen wir dem künftigen Genie den Äca zur Entwicklung. Hoffentlich kommt das Genie nun bald, ich möchte es noch gern erleben. Sonst muß ich mich schon wie Moses damit begnügen, von ferne das gelobte .'Jiiiib zu schaun! Mit nochmaligem Tank lt. bestem Gruß Ihr sehr ergebener Max Liebermann. ÜjsdüJ^uAcyuc, jhte&A'-?' zf* Aus einem Brief von Max Liebermann an Df. Max Osborn lichkeit dieser Netzcslickcrinnen, die gleich ergreifend sind in der Herbheit des Naturgefühls, in der unbeschreiblich schönen Bezwingung von Licht und Luft und Wind, in der machtvollen Nanmvorstellung wie in der souveränen Beherrschung des Aufbans, in der Turchgeistignng und Steigerung eines rührend einfachen Motivs. Tenn eben in der Verschmelzung der WirklichkeitSaufnahme mit der geistigen Umgestaltung ruhen das Rätsel und die Größe seiner Kunst. Um diesem Gesetz seines Innern mit eisernem Bemühen bis zu den letzten Befehlen zu genügen, hat Lieberinann in unablässiger Selbstdisziplin gearbeitet. Durchaus preußisch, nach Menzelschen Rezepten, nahm er sich m Zucht. Es gab kein Ermüden. Sehr schön sagte.einmal Max I. Fncdländer von den Zeichnungen: „Das einzelne Blatt ist Vorarbeit zu diesem oder jenem Gemälde — aber alles, was Liebermann geschaffen hat, ist Vorarbeit zu dem. was er schafft." Er war bereits über die Fünfzig, als er noch einmal eine gründliche Wandlung durchumchte. Jetzt warf er die oft etwas zähe Farbe der Frühzeit und der mittleren Mannesjahre über Bord und entwickelte, inmitten der aufsteigenden Jugend der von ihm begründeten Berliner Sezession und von ihr mitgerissen, selbst verjüngt, die tonige Helligkeit seiner Porträts, die in Farbe. Lust und Licht getauchte, von lockerem Vortrag beflügelte Malerei seiner Landschaftskunst, seiner Freilichtbilder, bis zu der blühenden, rauschenden Pracht der Gartenausschnitte von seinem geliebten Sommersih in Wannsee. Nun erst ging der Weg zu jener merkwürdigen spirituellen Sinnlichkeit der Malerei, wie man sie nennen könnte, die Liebermann allein gehört. Mit ihr offenbarte er verschwenderisch seine Entdeckungen von dem strömenden, in Bewegung zitternden oder weise gebändigten Leben, das aus der Natur quillt, und von dem geistigen Walten, das sich in Gestalt und Antlitz fremder Menschen als greifbares Gleichnis darbot. Das war Liebermanns „malerische Phantasie", von der er einst in einem berühmten Aufsatz sprach, die auch das „Häßliche" verklärt und den sachlichen Ernst in der Sphäre des Schaums löst. So wurde er. schon jenseits des Gipfels der Lebensbahn, als Führer des revolutionären, gegen den offiziellen Berliner Kunstbetrieb aufbegehrenden Nachwuchses, dann als leitender Kopf der durch ihn erneuerten Akademie ein weithin wirkender Ansporn und Anreger des deutschen Kunftwesens. Das Porträtwerk bildete ein Kapitel für sich. Hier ist alles wie in einen festen Rahmen gebannt. Im ganzen Umkreis dieser Köpfe spürt man die Einheitlichkeit des künstlerischen Willens wie des Kulturkreises, den Liebermann um seine Bildnismalerei ansiedelte. Er wurde der Historiker d,er großbürgerlichen Berliner Gesellschaft des Vorkriegs. Die ihm saßen, waren Geheimräte, Professoren, Exzellenzen. Generaldirektoren. Würde man sie einmal zusammenhängen, so würde ihre Zcitähnlichkeit verblüffend deutlich. Tie Linie reicht über Emil Rathcnau, Wilhelm von Bode, Richard Strauß, den Hamburger Bürgermeister Petersen (der einst in der Kunsthalle im Direktionszimmer hinter einer grünen Gardine versteckt werden mußte), den Dheaterdirektor Alfred v. Berger, den Philosophen Hermann Cohen bis zum Reichspräsidenten von Hindenburg, seinem Altersgenossen, und dem alles übertrei senden Bildnis des Chirurgen Sauerbrnch, aus den: der Fünfundachtzigjährige ein Wunder und Meisterwerk höchster Geltung machte. Wie in dieser Porträtliste jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten wechseln, so mischte sich in Liebormanns ganzem Wesen Deutsches und Jüdisches zu einer unlöslichen, sclbswerständlichen Harmonie. Er war ein glühender Patriot, Preußen und Deutschland waren ihm die mit tiefster Liebe umfaßte Heimat. Mit welcher Erbitterung konnte er, der die Pariser Malerei mit solchem Respekt verehrte, während des Krieges über die französische Diffamierung alles Deutschen sprechen. In den Ausstellungen der Sezession war es sein stetiges, in den geistvollen Eröffnungsansprachen immer wieder betontes Ziel, die deutsche Kunst zu Ehren zu bringen. „Unsere etwaigen Schwächer: durch Anleihen aus dem Auslände 3u verdecken", hieß es da etwa, „schien uns der deutschen Kunst nicht würdig." Mit freudiger Bewegung kündigte er an, wenn es gelungen war, mit der vorwärtsstürmenden Jugend den alten Menzel, oder Leibl und Böcklin. die ungleichen Ehrenmitglieder der Sezession, zu Worte kommen zu lassen, oder Hans v. Maries, Hans Thoma, Franz Krüger, Schwind. Spitzweg und Rerhel, die älteren deutschen Zeichner des 19. Jahrhunderts von Genelli und Carstens bis zu Ludwig Richter und Oberländer zu zeigen, oder den Schweden Anders Zorn, der „trotz der virtuosen Meisterschaft, die er der französischen Schule verdankt, das nordische Empfindungsvermögen sich zu bewahren wußte". Aber mit der gleichen Inbrunst und Wärme seines leidenschaftlichen Empfindens fühlte Max Liebermann sich als Jude. Nicht indem er sich äußerlich nach jüdischen Bildvorwürsen umsah; die.Amsterdamer Judengaffe, deren wirbelndes Gedränge er immer neu in der Zeichnung, in der Radierung, im Oelgemälde zu erfassen suchte, und die Simson-Dalila-Szene stehen fast allein. Aber in seiner Gesinnung, seiner aufrechten Treue, seiner eifervollen Liebe stand er zu der Gemeinschast und der Religion der Juden. Er war stolz auf seine Ahnen, die seit Generationen im wirtschaftlichen und kulturellen Leben Berlins sich Ansehen erworben hatten. Schmunzelnd erzählte er gern, wie sein Großvater, der spätere Kommerzienrat Josef Liebermann. zu Friedrich Wilhelm HI. sagte: „Majestät, ich bin derjenige, der die Engländer vom Kontinent vertrieben hat — nämlich in der Kattunbranche." Gehaltene patrizische Vornehmheit bestimmte sein Haus am Pariser Platz neben dem Brandenburger Tor, das schon seine Eltern besaßen. Immer wieder tauchen in den Briefen neben zahllosen sonstigen, oft weit entlegenen Zitaten, die seiner umfassenden, stets präsenten Bildung und Belesenheit entstammten, Sätze und Hinweise aus der Bibel auf. „Uebrigens", schreibt er einmal, 1929, „lese ich gerade die Propheten in der Luther-Uebersetzung und bin ganz der Meinung Tisraelis: ein Jesaias täte uns not!" Wie er 1918 die Niederlage Deutschlands als ein persönliches Leid empfand, so sah sich der Greis aufs tiefste erschüttert und gebeugt durch das Schicksal der deutschen Judenschaft während seiner letzten Jahre. Was jetzt geschah, konnte ihn nur noch inniger mit seinen Stammes- und Glaubensgenossen verbinden. . Nun ist der beredte Mund verstummt, der mit soviel Witz und origineller Schlagkraft in Schrift und Siebe wie in plaudernder Unterhaltung die köstlichsten Wahrheiten über Kunst und Menschentum hervorsprudelte, der in diesem gesalzenen Spott, auch das urberlinisch, ein Mittel fand, verdächtig aufsteigende Zartheit des Gefühls keusch zu verhüllen. Die Hand sank nieder, die ein so ragendes Lebenswerk aufgerichtet. Dennoch, für uns ist er nicht gestorben. Seine Gestalt wandelt weiter vor uns und mit uns als ein Muster hochgestimmter, fruchtbringender, leuchtender Gestaltung des eigenen Lebens, als ein uns alle befeuerndes Beispiel für die Erfüllung der Forderung,- „Leidenschaft und Verpflichtung" in Einklang zu bringen und danach zu handeln. Mit ehrfürchtigen Herzen nehmen wir Abschied von dem wundervollen Maler, dem stählernen Charakter Max Liebermann, von diesem scharfen, anmutigen Geist, von einem der letzten großen Berliner des echten alten Schlages und einem der Besten, Strahlendsten, die das deutsche Judentum je hervorgebracht hat. Die Tore des alten jüdischen Friedhofs in der Schönhauser Allee öffneten sich am Montag vormittag wieder einmal, um einen der alten Geschlechter auszunehmen, die hier ihr Erbbegräbnis haben: Max Liebermann. Tag und Stunde der Beisetzung war nicht bekanntgegeben, aber trotzdem versammelte sich ein Kreis von etwa hundert Menschen, die meisten von ihnen der Kunst verbunden, um dem großen Maler das letzte Geleit zu geben. Der schlichte Sarg war von weißem Flieder ganz zugedeckt. Vor einem Hintergrund von Lorbeer und Palmen blühten Frühlingsblumen, und unzählige Kerzen gaben, dem Raum weihevolle Stimmung. Rabbiner Dr. Warschauer hielt die Gedächtnisrede. Nach ihm sprach Karl Schesfler Worte der Huldigung und des Dankes; Heinrich Stahl. Leo Wolfs, Alfred Klee standen als Vertreter der Berliner Jüdischen Gemeinde neben dem Sarg. An der anderen Seite saßen die Angehörigen, die Gattin, deren gütiges Antlitz uns von manchen Bildern deS Meisters bekannt ist, 'die Tochter mit ihrem - Gatten und die Enkelin, die gleichfalls in das Werk de8 Künstlers eingegangen ist. Rabbiner Dr. Warschauer führte etwa auS: Ihm fei durch fein Amt die Aufgabe gestellt, Persönlichkeit. Leven und Schaffen Max Liebermanns an religiösem Geiste zu deuten. Dies erfordere ein Doppeltes: aufzuweisen. was hieran Gnadi». Gottes und was. im -edelsten Sinne des Wortes, sittliche Leistung des Verklärten selber sei, wie die Religion sie als höchsten Sinn und Wert detl Menschenlebens fordere und ehre. Ein tal.« mudischeL Wort möge ansdrückcn, was Liebermann an Gnade geworden sei, das Wort: „Deine Welt mögest du schauen dürfen in deinem Lebens Eine Welt bedeutete Licbcriuanns Leben an Dauer und geschichttichem Erheben. Don vormärzlicher Zeit reiche cs bis in die Gegenwart und umfasse so einen großen geschichtlichen Wandel, besonders auch in der deutschen, berlinischen. jüdischen Bürgerlichkeit, in der der Verstorbene so tief verankert, die seine Welt war. Vor allem aber ward ihm als Gnade das Schauen, die Fähigkeit, sehend die Welt zu erleben. sie zu der seinen zu machen und sie so anderen zu schenken. Am lrastvollsten und charakteristischsten offenbare sich, nach des Redners Auffassung. Licbcrmanns Künstlertum dort, wo er das Kennzeichen des Lebens, die Bewegung, mit Auge und Hand zu erfassen suche. Ergreifend sei eS, wie er, dem die große Welt so viel gegeben — wir denken an Paris und Holland — seine Eindrücke immer wieder in seiner Welt, das ist im Bereiche der Heimat und des persönlichen Lebens, suche und finde. So immer aufs neue zu erleben, wo der Sinn anderer durch Alltag und Gewohnheit stumpf geworden ist. könne nur der, dem Schauen eine Berufung, und in dein das Leben selber llxfraft ist — und das sei Gnade. Zu dem, was diese ihm gegeben,, fügte er das selbst Errungene. Es fei vergegenwärtigt durch das Psalmwort: „Es geht aus der Mensch zu seiner Arbeit und zu seinem Dienste bis zum Abend." Bis zum Abend, zum späten Abend war dieses Leben durch siebzig Jahre ans gefüllt von unablässiger Arbeit. Dieser Schaffensdrang aber hatte einen tiefen sittlichen Ursprung. Für Liebermann war, >vic das Pfalmwort sagt, Arbeit ein Dienst, ein heiliger Dienst an der Kunst. Wie er das Gute erfühlte uiid suchte, wenn er las, — Goethe war seine seelische Hciniat —, in den Menscheu, in den Werken anderer Meister, so forderte er es von sich und seinem Sck)affen. In dieser Forderung war er hart und streng gegen sich. Tie Fülle der Ehren, die ihm ward, machte ihn nicht zufrieden und gestillt. Er strebte, ja, er stürmte immer wieder' bvrivärts über sich hinaus. In der strenge seiner Forderung und der Härte seines Pflichtgefühls zeigt er sich dem deutschen Idealismus wid jenem Preußentum verbunden, das durch seine Heimat und tvohl auch durch seinen künstlerischen Gesteltcr Adolf Menzel ihm vertraut und teuer war. So wuchs er durch sein menschlich künstlerisches Ethos zur Größe empor. Es macht ihn nach Friedländers schönem Wort allen Generationen vorbildlich in lauterer Künstlergesinnung und zu einem unvergleichlichen Beispiel organischer Entfaltung. Tann trat der bekannte Kunstschriftsteller Kark Schesfler an den Sarg, um im Namen dcutsclrer Künstler von dem verstorbenen Freunde Abschied zu nehmen. Ein Licht ist erloschen, so etwa führte er aus, das sechzig Jahre lang der deutschen Kunst geleuchtet hat, ein Licht, das Leuchtfeuer geworden war für die Kunst. Mar Liebermann hatte erkannt, daß das Wahre schön rwd das Schöne wahr sein könne, und weil er ^verstanden hatte, Wahrheit und Schönheit in seinem WcrL zu verbinden, konnte er zwei Generationen von Künstlern Vorbild sein. Alle fühlten, wenn auch manche widerwillig, daß hier einer schuf, der zutiefst ehrlich in seinem künstlerischen Wolleir war, und deshalb konnte sich ihm niemand entziehen. Liebermanns Lebensform und Erscheinung waren bürgerlich. Er vermied jede Geste. Er Z V.yr. Phot. J. Abraham (BerlinA, wollte mehr sein als scheinen und llnauffälligkeit mar ihm oberstes Prinzip. Ihm haben deutsche Künstler und Kunstfreunde gehuldigt, denen er ein Stück ihres Lebens war. Max Liebermann ist aus der Zeit nicht wegzirdenkerst er war die symbolisckfe Form einer Epoche. Deshalb stirbt er nur leiblich, sein Werk aber ist unverlierbar, geht in die Geschichte ein und wird Jahrhunderte überdauern. Für ihn zu kämpfen rvar ein Glück, eine Ehre wird es sein, ihm die Treue zu halten. Orgel und Geige hatten die Reden umrahrnt und unter'ihren verklingenden Tönen setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Max Licbcrmanns sterbliche Reste werden nun Teil" der Berliner Erde, die ihm Heimat war und bleibt. Hauptgeschäft, .Zweiggeschafft« Weisse Federn von M. 1.- an, Daunen, fertige Betten, Bett-Inlette, Bettwäsche, Steppdecken. StadSbahnhof Börse 9 ttmMrStr.83 Kunstseideno Daunendecken M. 34.50 / Metaiibettsteiien, Polster-Matratzen usw.