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Central-Verein-Zeitung · 1935-02-14 · 7 (14.2.1935) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
7 (14.2.1935)
Date
1935-02-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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16 2 1335' XfV. Jahrgang } Nr. T/ Barlin, 14. Februar 1935 Prels25 Pfennig jentrql lerein - / I.ja:8 ,fe MO Ä ....L L L Dieser Nummer liegt bei: Gedenkblatt für Max Liebermann Von Max Osborn .AuS einem Leben von Leidenschaft und Verpflichtung", so hieß es in der würdigen Todesanzeige der Familie, ist Max Lieber-- mann im 88. Jahre fernes durch Kämpfe und Triumphe, hohe Beglückungen und schmerzvolle Enttäuschungen geleiteten Erdewallens abberufen worden. Man kann die großen Hauptelemente dieses Künstlerdaseins nicht knapper und treffender umschreiben. Die Leidenschaft des schöpferischen Menschen, Welt und Leben in sich einzufangen und aus der rätselhaften Gabe seiner inneren Anschauung neu zu formen, war der Motor, der die gestaltende Kraft des Unermüdlichen, in seiner Arbeit Unersättlichen bis weit über die den Sterblichen gemeinhin angewiesenen Grenzen trieb und in Bewegung hielt. In diesem däuwnischen, göttlichem Ursprung entstammenden Feuer der Seele sah er den Urgrund aller bildnerischen Begabung. An ihm entzündete sich sein Genie. „Nicht die Technik, die Leidenschaft macht den Künstler", schrieb er einmal in einem der Briefe, die er mit feiner gebieterischen, durch 'ein.halbes Jahrhundert unveränderten Handschrift. an mich gerichtet hat/ und die ich als einen heiligen.Schatz bewahre. Aber mit dieser. Erkenntnis verband sich das tiefe- Gefühl der „Verpflichtung", das Ver° antwortmugsbewußtsein gegenüber der bändigenden, ordnenden Macht, die allem künstlerischen Tun erst seine rundende Prägung leiht. Ihren unnachgiebigen Forderungen beugte er sich in seinem Werk wie in der großartigen. vorbildlichen Führung seines persönlichen Lebens. Erst aus der Verbindung der beiden sich ergänzenden Faktoren ging seine einzigartige Erscheinung hervor. Goethe, der HanSheilige Licbcrmanns. sagte einmal vom Künstler und Poeten, die Persönlichkeit des Schassenden sei „doch das das einzige, was in die Kultur des Volkes übergeht"'. Er dachte dabei zunächst an den Dichter, der mit dem Wort arbeitet, und bei dcrn es leichter zu erkennen ist. daß er immer nur Bekenntnis von sich ablegt, mit Ibsen zu reden: Gerichtstag über sich hält. Vecm Maler liegen die Dinge nicht so einfach. Seme Werke sind gegen die des Dichters stumm; pe scheinen losgelöst von dem. der sie erzeugte, ein selbständiges Dasein zu fuhren Er^ allmählich begreifen die Zeitgenossen den Menschen. der 'dahinter steht, die seelischen und geistigen Zusammenhänge des erstaunlichen, individuellen Wesens, ans dem sw hervorwuchsen. . Man hat Liebermann einen großen AanonaUftcn qcuaunt. Tas Wort erschöpft ihn aowitz nicht. Aber dies trifft zuwältipender Guheit und Ee,chl°I,enh°>t st g hier eine Pertörperung der UcberzeuMug °u, m Sinn imd Inhalt. unfercr.Enitenz nur in der geistigen Durchdringung der Maten liegen kann, von der und ui der, wir leben. Jede Arbeit Liebermau»?. jedes %oxt, baS et gesprochen oder niedergcschriebcn. st _ Offenbarung dieser Wahrheit geuch e. . lllillllllHrillillillllMIlIilM^ Ernst mumm iahr Unsere Glückwünsche> sind. im erste Beiblatt dieser Nummer veröffentlicht. hat sich sein Leben lang weidlich hermnschlagen müssen. Einst gegen rechts, von wo ihm der Tadel entgcgenscholl. seine Gemälde seien zu wenig Natur. Später gegen links, wo man ihm znrief, sie seien zu viel Natur. Beide Einwände schossen vorbei. Denn imnier hat Liebermann seinen Stoff aus dem. Erdboden der Wirklichkeit gezogen, um ihn durch die ihm, dem Künstler, eigentümliche Form zu einem vergeistigten Bilde, zu einer neuen Wirklichkeit emporznheben, die mit der tatsächlichen Wirklichkeit um uns durch hundert Fäden verbunden, aber nicht identisch ist. In einem Aussatz, den er „Ein Credo" nannte, weil er darin für seine.Grundanschauungen letzte Formeln gefunden zu haben glaubte, hat er sich, mit Recht, dagegen gewehrt^ daß man - überhaupt von einer „naturalistischen Form" spreche, denn jede künstlerische Form entspringe aus dem Geist, aus der Idee, und könne darum von Anbeginn nur etwas Idealistisches sein. . -Das hat nichts damit zu. tun, daß Lieber-, mann von jeher mit beiden Füßen auf dem- . Planeten stand, dem wir durch unbegreifliche; organische Vorgänge entwachsen sind. ' Nicht . nur auf diesem Planeten so im allgemeinen, sondernaus seinem deutschen, preußischen, berlinischen Abschnitt. Er hat nur wenige eigentlich Berliner Themata behandelt; Wannsee tauchte erst-in den letzten zwanzig Jahren ans. Gleichwohl trägt alles, was er geschaffen, auch die in Holland entstandenen Hauptwerke, heimlich einen norddeutschen, märkischen Stempel. Wie er an Menzel anknüpste, so liebte er seinen ersten Lehrer Karl Stesfeck und dessen Meister Franz Krüger, den Berliner Porträtisten und Soldatenmaler der Bicdermeierjahre, so leuchtete sein Auge auf, wenn er von Gottfried Schadow sprach, dem. Vater und Begründer der „preußischen Reihe" — der Brief, der an anderer Stelle dieses Blattes wiedergegeben wird, gibt davon ' Kunde. Die Losung hieß: die Welt zunächst in ihrer Gegebenheit anpacken und überwinden. Darum muß sie mit unbestechlichem Wahrheitsmnt als Stoff vorgenvmmcn werden. Darum gilt cS. sich bei dieser Funda-. nientalavbeit nicht durch eine ungebärdige, verstiegene Phantastik beirren zu lassen. Für den, der das tat. hatte der Berliner Lieber-' mann seine Pfeile der Skepsis und der Ironie im Köcher. - Ans der Hnldignngsausstellnng, die die Akademie der Künste ihrem- Präsidenten zum- 80. Geburtstag veranstaltete, hingen im Hanptsaal einander gegenüber die „Flachs-, scheuer" der Nativnalgalerie und das Doppelbildnis der Eltern — ein vielsagender Äon-, traft, der.dcn Wortführer der von sozialen Er-, regungcn aufgewühlten Zeit um 1880 und den guten Bürger zusammenrückte, die beide in Liebermann wohnten und sich verschmelzen' konnten, weil sie ebenso weit von thematischer' Propaganda wie von Philistertum eicksernt waren. Die „Flachsschener" gehört zu den Gemälden der, ich möchte wieder sagen- „rechen-- artigen" Komposition: aus denen (ähnlich itne: in Gerhart' Hauptmanns „Webern) eine' gleichmäßig geordnete Schar von Menschen der. Arbeit anrückte, die sich jenseits des-Rahmens', zu verbreitern scheint,' als ernste Repräsercka-! tiou der werktätigen. Massen. ,Dazu zählten' auch die' „Konservenmächerinnen", die ,-Ar-. beiter im Rübenfeld", die „Gänserupserinnen", die Bilder von den Invaliden und . den Rekruten der Mühseligkeit: aus den Altmänner-' Hausern, den Waisenhäusern, den Nähschulen. Gegen Ende der achtziger Jahre ging es ' von dieser Methode empor zu den gewaltigen ' ty'fs, " "V " t l'% ' 's A. H. Ntax Liebennanns Leben und Werk sind, eine Bestätigung unserer Vorstellung, daß deutsches Judentum ist und möglich ist. Wir versuchen keine beckmesserische Aufteilung seiner Lebensphasen, um die Kräfte fcstzustellcn, die er etwa selbst in den mannigfaltigen Entwicklnngsznständen seines großes Weges durch die Zeit mit if}i*cn Menschen und Strömungen in seiner Wesensart verspürt und zum Ausdruck gebracht hat. Niemals wollte sich Max Liebcrmann der Verpflichtung entziehen, Kind seiner Zeit zu sein. Sv trug er ihre Segnungen, ihre Lasten, ihre Prüfungen. Er ordnete sie alle in seine Persönlichkeit ein und verstärkte damit nur ihre Lebenswirklichkeit. Aus dieser in sich ruhenden Kraft traf er seine menschlichen Entscheidungen, auch wenn sie den Sinn und die Sicht seines Lebens umzudeuien zwangen. In chm, einem seiner größten Söhne erwies sich die Wesensart des seiner Wirklichkeit' bewußten deutschen Judentums: lernen, wie nmn vor unerwarteten Ereignissen besteht und nicht vor ihnen vergeht. Max Liebermanns Weg, der sich.durch drei Generationen erstreckte, führte, wie bei' den meisten jüdischen Menschen dieser Epoche, durch die europäische, die, deutsche , Kultur/ ohne betonte ' Be- . stirpmung und Besinnung jüdischer Sonderznsammenhänge. f Und ' er. mündete, in, eimc starke und' bewußte, Verpflichtung gegenüber. dem Judentum. Er selbst hat es für uns an feinem .87. Geburtstag so ausgedrückt, daß er.lange den Unterschied zwischen Juden und Pichtjuden'. Nicht enchsunden hätte. Jüdische /V ' , <f? \ Phot. Gcrty Siinon (Bcrlhij Kläger: über Zurücksetzung habe er mit der Aufforderung beantwortet, man müsse fleißiger und tüchtiger sein. Jetzt habe er gelernt: das Tüchtigsein allein nützt uns nicht. Im. Geiste müssen wir das Wertvolle sehen. Es ist weniger rvichtig, wie die jüdische Jugend rein ärrßerlich. materiell im Augenblick lebt. Wesentlich ist ihre innere Haltung, ihr Geist. Und der ist gut. — Selbst diese Wandlung bestätigt noch das deutsche Judentum in seinem Wege von außen nach innen, von glänzenderen: zum echteren, wenn auch bescheidenere::: Sein. Und unsere deutschcküdische Jugend wird die Erscheinung vonMaxLiebennann in ihrer ganzen inneren Geschlossenheit und Wahrhaftigkeit empfinden, und sich als Erben und Nachlebende durch sie verpflichtet fühlen. Wir wissen von seinen Anssprüchen der freudigen Bejahung und zuletzt auch einer sarkastischen Bitterkeit. Beides ist echt. Man zerstört seine Einheit, wenn man nur das Eine hören will. Persönlichkeit bedeutet nur zuletzt, sich selbst jeden Augenblick als Vorbild empfinden und Sentenzen für die Ewigkeit nicderschrnbcn wollen. Persönlichkeit ist großer Umriß in schwer übersehbarer Landschaft, tiefliegender Schwerpunkt in aufgewühlter See, Magnetnadel, wenn Nebel aus dem Wege sind. So empfinden wir Max Lrebermann. An die Persönlichkeit denken wir, wenn wir uns die nie erschöpfbaren menschlichen Möglichkeiten unseres deutschen Judentums vorstellen. die Persönlichkeit, die unseren! Besten znzurusen scheint: So könnt ihr sein, wenn ihr euch nicht entflieht! neuartigen Ausprägungen desselben Motivenkreises. in deners.viülercht der Höhepunkt von Liebermanws Schaffen ruht: zu den „Netzeflickerinnen" der Hamburger Kunsthaüe, der „Frau mit den Ziegen" aus der Münchner Pinakothek und den andern Holland-Gemälden dieser - Gruppe.- Hier wird das Gleichnis anders gefaßt, die Einzolgestalr tritt hervor und an Stelle der „Reihe". Aus schlichter, bewußt nüchterner Naturnachbildung ballt sich ein monumentaler Ausdruck; er wird nicht in das Werk hineingetragcn. sondern kommt aus seinem Blut. Für viele steht an oberster Stelle unter allen Bildern Liebermannsdie. Herr-

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