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Central-Verein-Zeitung · 1935-01-31 · 5 (31.1.1935) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
5 (31.1.1935)
Date
1935-01-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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fast nicht Zutrauen mochte, griffen ins teere, ohne Bewegung blieb er am Boden liegen wie damals, als sie ihn am Meere fanden. Die Insel war gerrltct. In der Zeit, die der in der tiefsten Erschöpfung Erstarrte nochbrauchte, um in der Warme des Zimmers zum zweitenmal den Weg in das Lehen zuriiekzufimlc», waren die Männer schon zusammen' gekommen und sprachen von der Gefahr, die vorübergegangen war. Ein Damm musste errichtet und fest untermauert werden, das gab dringende Arbeit; noch einmal hielten die Felsen dem Anprall der Wellen nicht stand. Das, was die Männer in der Nacht geschafft hatten, sah min, am hellen Tage, kümmerlich genug aus. aber es hatte genügt, das Unglück abzmvomlon. Noch gellte ihnen allen der Schrei In den Ohren, mit dem der Fremde sic licrangebolt hatte, sie sprachen von ihm, es war keine Frage, dass, ihm Dank und Vertrauen gehörte. Er hatte ihnen Land und Leben gerettet; der alte Bauer Christian erzählte von seinem Gespräch und von dem Brief, der geschrieben war. Die Männer sahen sich an, bedurfte es jetzt noch einer Rechtfertigung? War es nicht fast eine Beleidigung, eine Schmacn, noch nach Herkunft und Vergangenheit zu fragen? Der alte Bauer machte einen Vorschlag: der Fremde sei gleichberechtigt in die (ionuMnsehaft der Insel aufzunehmen, man solle ihm ein Stück Land zu eigen geben, gross genug, um ein Leben darauf aufzubauen: denn er sei ja heut? noch nur als Gast geduldet und gepflegt. Darüber hinaus müsste man ihm frei-, lieh Holz zur Errichtung eines Hauses in genügend grosser Menge zur Verfügung stellen, Pflug, F..?ee, Dreschflegel würden ihm die Nachbarn überlassen. Christian selbst schritt mit den anderen das Land ab, das mit einigen Pflöcken notdürftig gekennzeichnet wurde, sechs Bauern gaben je einen Teil ihres Bodens her, die anderen, die zum langgestreckten Südstrand hin wohnten, übernahmen es, in den ersten Monaten für das Holz und für die Nahrungsmittel zu sorgen, ihm ferner mit ihren Geräten beizustehen. Dies alles wurde in kurzen Worten aufgeschrieben, sämtliche Bauern setzten ihre Namen. darunter, dann gingen sie auseinander, um die tägliche Arbeit zu verrichten. Am nächsten Morgen — der Fremde war in der Nacht wach geworden und hatte kraftlos, in einer beengten nie erlebten Stille gelegen, bis os hell wurde — holte ihn einer der jüngeren Bauern in die Wohnung Christians, wo der Beschluss des vergangenen Tages vorgelesen und mit feierlichem Handschlag bekräftigt wurde. Man führte ihn hinaus und zeigte ihm das Land, das man für ihn abgesteckt hatte. Er liess sich, fast schien es ohne Wissen und Willen, geleiten, die Bauern erzählten später, kein Muskel seines Gesichts habe gezuckt, als er seinen Boden betrat: zögernd gingen seine Filsse von der Mitte der Insel bis zum Meer. Dort gab er jedem der Bauern noch einmal die Hand, er vermochte nicht zu sprechen, schwerfällig und müde setzte er sich auf einen Sleinblock nieder, der am Ufer lag, und starrte hinaus. Er bemerkte die anderen nicht, sie verliessen ihn mit leisen Schritten. Die beiden letzten gingen gemeinsam, auf dem Weg in die Häuser sprachen sie davon, dass es sonderbar sei, wie still, beinah bedrückt, der Fremde am Strand gesessen habe, aber es beunruhigte sie nicht. Mochte es die Grösse des Landes sein, das sie ihm übergeben hatten, mochte es sogar Furcht vor den Forderungen des neuen Lebens sein, was ging es sie an. Genügte es nicht, zu wissen, dass er sich selbst vergas-, wenn Gefahr über die Insel kam, hatte er nicht gezeigt, dass er.Mut hatte, wenn Mut gefordert wurde: sonderbare Leute gab es auch unter ihnen. Keiner begriff, dass nicht allein Glück, dass Glück und Schmerz zugleich aus der Erde strömten, aus jedem Schritt, der über den weichen Boden führte. Denn keiner sah die Weite der Welt, die hinter den fernen Wolken lag; sie Hessen ihn allein in der schlimmen Einsamkeit, die über die Grenzen springen wollte, der Fremde fasste nach einem Stein, der nebdn ihm lag und hob ihn auf: mein Stein, dachte er, meine Erde! Noch war es nur ein Wort; aber er spürte die grosse Versuchung, sich an ein Neues, Ungeahntes hinzugeben, die Ferne verblasste, die Nähe wuchs stark und lockend empor, man musste sie bestehen, man musste um sie - kämpfen, wenn man Sie unterwerfen wollte. Die Müdigkeit kam nach der schweren Anspannung über ihn, vom Meere her kam ein kalter Wind, er hätte in das Haus, in die Stube gehen können. Doch es war nicht sein Haus, es war nicht seine Stube, dies hier, dies war sein Land, er knöpfte die Jacke fester, legte sich auf den Boden und schlief ein. Die Arbeit, die mit dem nächsten Morgen begann, zog sich durch viele Jahre hin. Es waren schwere und einsame Jahre; er war der einzige von den Bauern, der nicht verheiratet war. Doch die Einsamkeit schien seine Kraft zü vermehren: schon nach drei Jahren glich sein Hof den Höfen der anderen, hohe Zäune aus Holz und Weiden schlossen ihn ab. Hafer, Weizen und Gerste wareu angebaut, die Zucht, die mit wenigem geschenkten Vieh begonnen war, liess sich gut an, er gönnte sich keine Ruhe, in den ersten Monaten war er selbst an den wenigen Tagen auf dem Hof geblieben, an denen die Rauchfahne des Postdampfers emporstieg und die meisten Bauern Ernst LccSiner L Horkbelmer Frankfurt a. ML Liebfraaenberjt 89. 1. Stock - Gegr. 1887 Engl, und Deutsche Herrenstoffe dem Boot das Geleit gaben, das die Grüsse hinübertrug. Die langen untätigen Abende des Winters wurden mit Plenen für den Sommer ausgefüllt; der Fremde kam — nach den ersten Monaten, in denen die versprochene Hilfe in wortloser Selbstverständlichkeit gewährt wurde — während des Sommers nur wenig mit den anderen Bauern zusammen: Jeder war mit seiner Arbeit beschäftigt. Im Winter entwarf er eine Saline, auf der das Meerwasser über trockenes Reisig geleitet wurde, das Salz lagerte sich ab; er klügelte eine kunstvoll? Bewässerungsanlage aus, die den Feldern auch in der Dürre ausreichende Mengen von Wasser zuführte. Der salzgetränkte Bodcm war doppelt fruchtbar: schon in den ersten Jahren trug er reiche Ernte. Im Winter wurden die Ställe ausgebaut, soweit es sich mit dem vorhandenen Werkzeug machen liess. Im Winter kam auch wohl bisweilen einer . der Nachbarn auf den Hof, liess sich eine Ver-_ besserung zeigen, von der er gehört hatte (es gab keine Gäste, und dennoch blieb, seltsam genug, nicht einer der kleinen Kunstgriffe, die er für sich erfunden hatte, den anderen verborgen) und sah sich, in einer stillen Spannung, in den Ställen und zwischen den Feldern um: sein Rat galt, weil sie sahen, wie er sein Land io Ordnung hielt. Noch freilich hatten sie, von der gespenstischen Stunde der ersten Begegnung mit dein Fremden, eine geheime Scheu, ihn um Hilfe zu bitten; doch allmählich wurde es wichtiger, dass ihnen die Tränken gefielen, die er für das Vieh anlegte; dass sich vieles bewährte, was er vorschlug: so faad sich einer nach dem anderen bei ihm ein. E:: war von immer gleicher gelassener Freundlichkeit. Aber io der ernsten Bereitschaft zum Helfen blieb doch sein eigenes Dasein so sehr verborgen, dass nie die letzte Wärme der geöffneten Herzen ihn mit den anderen verband: hatte nicht hin und wieder einer der Bauern das Gefühl, als mache sich der Fremde über sie lustig? Es traf gewiss nicht zu; er konnte Schlaf uod Kräfte hingeben, wenn jemand ihn brauchte; so war es nicht verwunderlich, dass sie voller Anerkennung über ihn sprachen und gute Kameradschaft hielten. Erst viel später fiel ihnen auf, dass c; niemals einen unter ihnen in sein Haus gebeten hatte; davon wurde freilich erst gesprochen, als er selbst dio Einsamkeit und Abgeschlossenheit, die er um sich gelegt hatte, durchbrechen wollte. Das war, als er um die Tochter Beate des Bauern Heinrich Weddelow, die damals neunzehn Jahre alt war, anhielt. Der Bauer Heinrich und der Bauer Philipp, Freunde seit Kindertagen, gingen viele Abende miteinander über die einsamen Wege der Insel, bis sich der Bauer Heinrich entschloss, seine Tochter Beate dem Fremden zur Frau zu geben. Der Entschluss war schwer, weil es keinen Grund gab, mit dem er sie ihm hätte versagen können. Der Fremde war in die Gemeinschaft aufgenommen, Haus und Ställe waren in Ordnung, das Getreide stand gut auf den Feldern, die Wege waren sauber gehalten, und alles war in zäher Arbeit, ohne Müdigkeit, entstanden, eine gute Gewähr für eine Ehe. Die Bauern schätzten ihn, fast gingen sie an den Abenden lieber zum Fremden als, wie früher, zum Christian, dessen Wort unantastbar gewesen war. Die jungen Menschen, die auf der Insel herangewachsen waren, liebten ihn sehr, ja, es schien, als sei die Verehrung, die sie ihm darbrachten, durch das, was er konnte, allein nicht zu erklären. Beate hatte geweint, als der Fremde zu ihr kam: selige, bereite Tränen. Dennoch gab es ein hartes Gefühl, das den Bauern warnte. Nicht dass er Furcht hatte, die Tochter zu verlieren; er mühte sich ab, ein Wort für das Unheimliche zu finden, das ihn bisweilen überfiel. Es war überhaupt nicht Furcht; er war vielleicht der Einzige, der die Gewalt spürte, die der Fremde hatte, weil er von den Meeren kam, er war der Einzige, welchen der Hof und die sauberen Aecker nicht darüber täuschten, dass in den Augen des Fremden ein Glanz lag, der etwas anderes widerspiegelte, als das, was zwischen den festgefügten Zäunen des Hofes lag. Er wusste, dass es dieser Glanz war, der ihm die Macht über die Jungen verlieh, und obgleich er es wusste, vermochte er es nicht auszusprechen; denn die anderen begriffen es nicht. Vielleicht ging cs ihnen weniger nah, sie hatten ja keine Tochter herzugeben. So redete ihm jeder zu, so kam es, dass er einwilligte, obgleich der leise Stachel im Herzen blieb. Am Abend vor der Hochzeit sassen Beate und der Fremde am Strand, die Nacht war klar und warm,' die Sterne flimmerten, sie landen keine Ruhe im Spiegel des Wassers, das sich leise bewegte, das Licht aufnahm und es verwandelnd zurückgab. „Du wirst cs nicht leicht haben, Beate“4, sagte er. „Du kennst das unruhige Blut, das Sehnsucht nach deiner Ruhe hat und dos da draussen“ — weit griff sein Arm über das Meer — „nicht vergessen kann. Manchmal, in den letzten Jahren, überfiel es mich plötzlich: weshalb bin ich nicht glücklich? Ich habe es nicht gewusst; jetzt, als ich dich haben wollte, musste ich wieder darüber Nachdenken. Das war »ehr schwer, aber es ist gut, dass ich es nun woiss. Denn jetzt kann ich mir doch Mühe geben, Beate . . Er schwieg, und sein Blick ging von ihr fort in die verlassene Weite. „Ja“, antwortete sie leise und strich ihm sacht über das Haar. Aber noch war es nicht gewiss, ob ilire Stimme zu ihm gedrungen war ... In der Nacht erhob sich auf dem grossen Platz, der genau in der Mitte der Insel angelegt war und an sechs grosse Höfe grenzte, ein geschäftiges Treiben. Die Jugend hatte beschlösse», die erste Hochzeit, die auf der Insel gefeiert wurde, festlich zu begehen: in grosser Heimlichkeit wurden Blumen herangetragen, ein schlanker, schimmernder Baum — ein Stamm, dessen Rinde in mühsamer Arbeit abgeschält war — wurde in die Erde gerammt, um einen Kranz aus grünen Zweigen zu tragen, davor wurde aus Holz und Blüten ein kleiner Altar errichtet. Dann wurde eine bunte Girlande vom •' llnus der Braut bis zum Platz rechts und links vom Wege ausgespannt. Strahlend begann der Morgen. Der Fremde holte Beate aus dem Haus, Arm in Arm gingen sie über den geschmückten Weg, ohne einem Menschen zu begegnen. Oben empfing sie Christian inmitten der Bauern, die Kinder* hatten sich an den Händen gefasst und schlossen, in festlichen Kleidern, fröhlich. das weite Rund. Auf dem Altar lag die Chronik der Insel, Christian schlug sie auf, Beate und der Fremde, Ernst, traten vor ihn hin, der alte Bauer nahm beider Hände und fragte, ob sie gewillt' seien, Leben an Leben zu binden.« Dann legte er ihre Hände ineinander und trug in die Chronik ein, Beate Weddelow und Ernst Rosenbauer seien am siebenten August achtzehnhundertsechzig in den Stand der Ehe getreten. Er hob die Hand; im Augenblick drängten die Kinder heran, nahmen das Brautpaar in die Mitte und sangen, ein wildes Häuflein, in aufgeregter Begeisterung mit hellen Stimmen und stürmten ebenso rasch davon, wie sie gekommen waren. Dio Adlcren bildeten eine Gasse, durch die das Brautpaar hindurchschritt. Als sie am Ende waren und eben heraustreten wollten, wurde es plötzlich hinter ihnen ganz still; ein Lied, von dunklen Stimmen begonnen, setzte leise ein, andere nahmen es hell und jubelnd auf, und als die beiden sich umwandten, sahen sie, wie eine Fahne emporgezogen wurde und sich langsam im Winde entfaltete. Das war freilich eine besondere Ueberraschung. Als die Bauern abends am Tisch sassen und von der Hochzeit sprachen, erwähnte einer, es sei doch sonderbar, dass es in den zwanzig Jahren, in denen sie dio Insel bewohnten, im Gleichmass des täglichen Lebens nicht einen Feiertag gegeben hätte, zu dem sie eine Fahne gebraucht hätten. Sie nickten nachdenklich, gewiss, sie erinnerten sich an Tage in der alten Heimat, an denen in allen Fenstern die blauweissen Farben der Stadt geleuchtet hatten, um den Herzog zu ehren; aber hier gab es keine Herzoge und keine Kriege. Die Feste, die hier gefeiert wurden, Ostern, Pfingsten, Weihnacht und die Tage der Sonnenwende, waren still, jeder blieb im eigenen Haus; in den ersten . f Jahren wurde sogar die Weihnacht ohne Baum gefeiert, die Tannen waren noch klein, andere Bäume möchten sie nicht in den Stuben haben. So waren es Tage der Besinnung, Tage zum Ausruhen, bedurfte es dazu festlicher Fahnen? Nun plötzlich kam diese Hochzeit, an der die ganze Insel teilnahm; Michael war es, der den Gedanken aufnahm und weiterspann, unter dem Beifall der anderen forderte er eine Fahne für dio Insel, man könne bei den alten Farben bleiben, er würde vorschlagen, einen weissen Löwen auf blauem Grund zum Wappentier der Insel zu machen, seine Frau könne die Fahne nähen; die Bauern lächelten und freuten sich. Es sei' nämlich nicht ganz leicht, sagte Michael noch, sie bis zur Hochzeit fertigzumachen, es sei zu spät, sie durch das Postschiff vom Festland zu bestellen. So sah die Fahne nicht ganz so aus, wie sie geträumt war, aber es war das erstemal, dass der starke Baum sie trug. Stumm und bewegt sahen alle auf das blaue Tuch, in dessen Mitte sich der Löwe unter den Schlägen des Windes zu bewegen schien, und fast konnte man meinen, die Zukunft sei weniger ungewiss, da die Fahne bestimmt war, sie zu schützen. Die Hoffnung auf eine frohe Zukunft erwies sich als trügerisch: viele Jahre vergingen, bis die Fahne wieder emporgezogen wurde. Es gab Sorgen, die niemand erwartet hatte, die niemand bewältigen konnte. Vor allem eine, die grösste, die mit jedem Tag drückender zu werden schien: die Sorge um das Schicksal der Kinder. Sie waren, ohne Pflege und Unterricht, gross geworden, in Sonne und Wind gewachsen, hatten sich gezankt und hatten sich liebgehabt, Schläge und Zärtlichkeiten hingenommen. Plötzlich, fast über Nacht, waren aus Kindern junge Männer und junge Frauen geworden, die mitredeten, Beschwerde führten, Ansprüche stellten. Die Insel hatte Nahrung für alle: aber den Jungen gefiel es nicht, Knechte und Mägde auf den Höfen der Väter zu sein; waren die Väter Herren des eigenen Bodens, mochten sie nicht geringer sein als die Väter. Bisweilen ordnete der Tod Ratlosigkeit und Verwirrung: der alte Christian starb, als er den Hof ln dio Hände des Sohnes legen konnte. Dio Tochter führte — bis zur Heirat — die Wirtschaft, die Mutter zog sich in ihr Stübchen zurück: es gab nichts zu bedenken und zu bereden. Aber auf den anderen Höfen warteten meist mehrere Söhne, drei und vier unversorgte Töchter. Noch wagte niemand, offen darüber zu sprechen; hastige Gerüchte liefen oft über dio Insel. Es geschah, dass man auf bekannten Wegen neue Grenzen fand; dass Zäune gezogen, Bäume für neue Häuser gefällt wurden: auf der nächsten Gemeindeversammlung wurde dann kurz bekanntgegeben, der Bauer Michael habe seinen Hof den Söhnen zu gleichen Teilen übergeben. Solche Entschlüsse wiederholten sich; der einzige, der Klarheit über alle Veränderungen und jeden Versuch eines stillen Auswegs hatte, war der Bauer Philipp, der nun an Christians Stelle stand. Man wandte sich an ihn, gewiss, er versuchte jedem beizustehen, so gut er konnte. Doch in mancher Nacht lag er wach und rechnete wieder die alte einfache Rechnung: zweiundzwanzig Menschen waren auf Es ist der Sabbat ausgezogen Von Arthur Silbergleit Es ist der Sabbat ausgezogen Aus allen Stübchen und Gelassen, Um überall sein Fest zu feiern. Er zündet sich am Himmelsbogen Die Kerzen an. Die Meereswogen Und Wolken können gar nicht fassen Die Andacht traumentrückter Stunden. Wie von Girlanden reichdurchwunden Erstrahlt die Luft, noch von der Schwebe Des Friedensengels sanft durchscbaukclt, Und mondgeküssten Gärten gaukelt Der Blütenschnee vor ein Gewebe, Als liehen die Narzissen Linnen. Im Rosenkelch, dem schönsten Becher, Perlt Tau wie Wein. Und schon beginnen Die Quellen, welche, immer schwächer, Die Stimmen zu verlieren drohten, Zu Lobgesängen anzuschwellen In dem ererbten Ton von Toten. Dem Hallelujachor gesellen Die Wipfel sich, die leisen Beter, Die in des Abends Schattentücher Zü gern sieb andachttief verhüllen Und Spruch um Spruch des Buchs der Bücher Ausmurmeln und sich ganz erfüllen In Gott und aller Blätterväter Gebot So fliesst ein scheues Raunen, Dass Rose, Reh und Sterne staunen, Durch Dorf und Stadt Weiter fortgezogen Ist Sabbat, schönster von den Freiern Der Welt, mit ihr am Himmelsbogen Und zwischen Blühn sein Fest zu feiern. iiiiiniiuimiiimiiiiHUimiiiniiiiimmiiiüiiiiuiiiminiiuiiiiiimimmi die Ins?I gekommen, jetzt lebten neunundvierzig auf vierzehn Höfen. Die Höfe wurden zerschnitten, Streit und Verstimmung zwischen Vätern und Söhnen beigelegt: aber liess sich wohl damit das Unausbleibliche abwenden? Philipp war in tiefster Seele überzeugt, dass es am Ende ein schlechtes Werk sei, dies alles zu dulden, nur um eine Ruhe zu wahren, welche die tiefen Spalten notdürftig zudeckte. Wer aber, fragte er sieb, hätte an seiner Stelle besser . handeln können? Aus der Verzweiflung der Nächte nahm er die Kraft für einen Plan, der Mut und Entschlossenheit erforderte: er setzte die Besiedlung der Nachbarinseln durch, die noch vor fünfzig Jahren als unbezwinglich gegolten hatten, mit unsäglicher Mühe wurden. Vieh und Geräte durch die Klippen herübergebracht, zwei Jahre hindurch gaben die Männer der Insel jede freie Miaute für die gemeinsame schwere Arbeit her: es gelang, sieben Familien mit einundzwanzig Personen ansässig zu machen. Im Frühling des Jahres achtzehnhundertsechsundsechzig wehten die Fahnen auf allen Inseln, die Herzen schlugen im gleichen Schlag, dies Fest war ihnen nicht in den Schoss gefallen, sie hatten es hart und ehrlich gewonnen. Lachen und Fröhlichkeit überall: am Abend dieses Tages schloss sich der Bauer Philipp in seine Stube ein und entwarf ein Gesetz, das für die nächsten zwanzig Jahre verbot, Kinder auf der Insel zur Welt zu bringen. Eine Nichtbefolgung des Gesetzes sei mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft der Insel zu bestrafen; nur so, hi'ess es in einem Nachsatz, seien die Folgen der überstürzten Bevölkernngszunahme einigermassen auszugleichen. Vorläufig legte er das Blatt, müde und traurig, beiseite; die wenigen, mit denen er darüber sprach, lächelten. Erst nach seinem Tode, sechzehn Jahre später, wurde es aufgefunden, verbreitet, ernsthaft besprochen. Aber da hatten die. graue Ungewissheit, die beklemmende Trostlosigkeit der Jahre, die nun kommen mussten, dir G Sichter der Menschen zum zweiten Male verwandelt. War die Ehe zwischen Ernst und Beate glücklich: niemand, nicht einmal Beates herzlichste Freundin, hätte mit gutem Gewissen wagen können, ein Urteil über die beiden abzugeben. In den ersten Jahren hatte der Bauer Heinrich versucht, seine Tochter zu fragen, ob «io zufrieden, ohne Täuschung und Enttäuschung, auch heute noch ja zu ihrer Ehe sagen könne: sie hatte mit solcher Leichtigkeit, mit einer so ertappten Fröhlichkeit geantwortet, dass ihm der 8chrecken über den Rücken lief; er sprach rasch von anderen Dingen. Er rührte auch später nicht daran; aber er beobachtete die Tochter heimlich, wenn eie, lächelnd versunken, den Spielen der Kinder zusah. Einmal trieb ihn der Zufall in die Nähe, als sie die Kinder vom Strande rief: der Vater hatte ihnen aus Baumrinden kleine Schilfe geschnitzt, die sie auf dem Wasser treiben Hessen. Die Mutter rief die Jungen, Friedrich, Heinrich, sie gaben dis Schiffe, Beate hielt sie' zu Angelika bin, als . wolle sie der Kleinen die Kunstwerke ganz aus ~ der Nähe zeigen: dann zerbrach sie die Schiffe mit rascher Bewegung. Sie tat, als sei das Unglück aus Versehen, durch ihr ' ungeschickte* Verhalten geschehen: die zerbrochenen Stücks warf sie weit hinaus in das Meer. Der Bauer Heinrich, der hinter einer Hecke gestanden batte, schämte «ich und ichlfch leise davon; er

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