Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 4 (24.1.1935)
- Date
- 1935-01-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4 2. Beiblatt 24. Januar 1935 Der Wanderer durch Bayerns Hauptstadt er« blickt, auf Schritt und Tritt das stete Wahr. Zeichen Münchens, die Frauentürme, die immer wieder aus dem Häusermeer cmporragen. Selbst wenn er. vor dem.monumentalen Bau der Synagoge steht, grüßen ihn über die Giebel des Gottes- Hauses in nächster Nachbarschaft die. hohen Türme des gotischen Domes. Den Platz vor der Synagoge Münchener Synagoge begrenzen das Künstlerhaus mit seinen berühmten Festsälen und die Herzog-Max-Burg: ein städtebaulicher Zufall, aber vielleicht doch etwas mehr als das, ein Charakterbild des alten Münchens, ein stillschweigender Beweis der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Kirche und Synagoge, zwischen Hof und Künstler. Obwohl schon . im Jahre 1181 Juden nach München kamen, allerdings unter den schwierig, sten Verhältnissen dort lebten und zeitweilig vertrieben waren, sind es doch erst 116 Jahre her, seit die Jüdenschaft die Erlaubnis zum Bau ihrer Synagoge erwirkte. König Ludwig I. stiftete die ersten vier Säulen für das Gotteshaus und wohnte auch seiner Einweihung bei. Bis zu dieser Zeit hatte die jüdische Bevölkerung . Münchens nur Betftuben. in denen sie sich kaum die Riten ihrer Religion auszuüben getraute. Als an-einem ZLeujahrstag-das Schofarhorn geblasenwerden sollte, hatten sie Angst, öffentliches Aergernis zu erregen. Auf der Straße mußten kleine Buben auf Kindertrompeten Lärm machen, um die Klänge des Schofars zu übertönen. München als Kunststadt — dieses Wort zieht jährlich Tausende von Fremden an. und ein hoher Prozentsatz dieser Fremdenbesuche in Bayern gilt den Aufführungen der Wagner-Opern im Münchner Prinzregententheater oder im Festspieltheater von Bayreuth. Im Münchner Nationaltheater hängt ein Bildnis von General- Musikdirektor Hermann Levi, der die erste Auf. führung des „Parstfal" vor 52 Jahren in Bayreuth leitete. „Ihr Sohn Hermann müßte als mein alter ego eigentlich meinen Namen führen", sagte Wagner zu dem Bater des genialen Dirigenten, der auch der Uraufführung des „Parstfal" beiwohnte. Die freundschaftlichsten Beziehungen verbanden Hermann Levi mit Richard Wagner bis zu dessen Tode, und auch dann blieb er der treue Freund des Hauses Wahnsried. Wie im Nationaltheater ein Gemälde an den großen Künstler Münchner Musik erinnert, so ist es wieder ein Bild, das einen Blick — und wenn's auch nur ein kleines Streiflicht ist — in die Lebens« und Sittengeschichte der Münchner Juden erlaubt: das Porträt einer Jüdin in der Schön, heitsgalerie der Residenz. Ludwig I. erteilte einst den Auftrag, alle vaterländischen Schönheiten zu malen, und Nanette Kaula. die durch ihre Anmut und Schönheit die Herzen aller Münchner Künste ler gewann, wurde als eine der allerersten dem Nanette Kaula König für. die Schönheitsgalerie vorgeschlagen und von Stieler gemalt.. Die schöne Nanette, die Tochter eines jüdischen Kaufmanns, trägt auf dein Bild die modische Tracht der Biedermeier, zeit, und ihre Locken sind nach höfischer Sitte gedreht und gesteckt. Nur ihre fast schwarzen Äugen und eine gewisse Schwermütigkeit des Ausdrucks lassen vielleicht die jüdische Herkunft erraten. Ein Beweis für.die Schönheit und den künst. lerischen Wert der frühen jüdischen Buchkunst sind die kostbaren Handschriften der Hebraica aus der bayerischen Staatsbibliothek. Aus der Zeit der maurischen Herrschaft in Spanien liegt eine Bibel vor, deren'Vignetten und Ornamente den orien. talisch.persischen Einfluß erkennen lassen. Auf der ersten Seite fällt ein in Quadratschrift geschriebenes, rhythmisch gegliedertes Gebet in Gestalt eines Baumes auf. Die Zeilen, die gleich Zweigen nach links und rechts strahlenförmig auslaufen, sind abwechselnd in roter und schwarzer Tinte geschrieben. Vignetten Tn der Technik der'Feder. Zeichnungen und der farbenfrohen Miniaturen, malerei schmücken' Bibeln und Gebetbücher aus dem 13., 14. und 15, Jahrhundert. Eines dieser Werke ist schon frühzeitig in christlichen Besitz übergegangen und fast auf jeder Seite mit latek- Aus dem Bibelkommentar des Salomon Isaki (13. Jahrhundert) nischen Marginalien versehen. Hebräisches Schrifttum aus den Sammlungen Fuggers und Herzog Albrccht V. bekunden das rege Interesse des bayerischen Landes auch für jüdische Kulturdenkmäler und begründen den Weltruf der Hebraica, der bedeutendsten Sammlung hebräischer Handschriften aller deutschsprechenden Länder. Von der Residenz aus durch den alten Schloß. Hof und die Burgstraße kommt man ins Tal der alten Handelsstraße, die nach dem Osten der Stadt führt, nach Rosenheim und weiter bis nach Italien. Auch jüdische Äausleute zogen durch das Jsartor ins Tal. und ein heute noch bestehendes Gasthaus mit altem berühmten Namen bot ihnen, da an Juden damals noch kaum Wohnungen vermietet wurden, nicht nur Unterkunft für kurze Zeit, sondern gestattete ihnen auch, ihr ständiges Domizil in seinen schützenden Mauern aufzuschlagen. Das alte Gasthaus hat leider jetzt eine ganz nichtssagende Fassade, aber wenn man durch den Torbogen in den Hof konunt, so i'tberrascht das Häuserbild durch seinen fast italienischen Charakter: verwitterte graue Mauern mit Fenstern ohne jegliche Einfassung lind Verzierung, direkt aus der Hauswand herausgeschmtten. Ueppiger Blumenschmuck in allen Farben, rankende und ^tv"vV- Scite aus einem Machsor (deutsch sirka 14. Jahrhundert) hängende Blattpflanzen beleben die Hausfrout. Die Fenster selbst sind schmal und hoch, und bte ausgehängte Wäsche im engen Fensterrahmen erinnert an südlichere Gegenden. Hier und da ein winziger balkonartiger Vorbau, besten weit aus« einanderstehende eiserne Eitterstäbe in ausladenden Arabesken in die Höhe streben und ein Hinausbeugen aus dem Fenster gestatten. Neugierigen Augenpaaren wird ein größerer Ausblick in die Welt deZ Hofes ermöglicht. Alles noch wie anno dazumal, nur die beträchtliche Anzahl von Köchen und einige Hinweise für Autoboxen zeugen von den anderthalb Jahrhunderten, die inzwischen vergangen sind. Aus der gleichen Straße, aus der einst jüdische Händler nach Italien zogen, wandert heute jüdische Jugend Münchens an jedem schönen Sonntag isaraufwärts durch Wälder und Täler dem Gebirge zu und lernt ihre Heimat, trotz aller Schwierigkeiten der Gegenwart, immer mehr kennen und lieben. Text und Zeichnungen von Uly Szkolny m, Es war einmal ein Schneider, eines Schneiders Sohn. Der hatte ein Weib und war gesegnet mit Söhnen und Töchtern. Er wohnte in einem kleincn Hause, daS ihm von seinen Vorfahren als Erbe zugesallcn war. Aber das Haus war ihm zu eug, da die Hausgeuossen recht zahlreich waren. Alle Tage seines Lebens nun grämte sich der Schneider über die Enge und Bedrängnis in seinem Hause. Da kam eines Tages ein hochbcrühmtcr Wundertäter nach der Stadt, der für alle Rat wußte, die ihn darum angingen. Der Ruf davon drang auch zu unserem Schneider. So ging er denn zu dem Wundertäter, um von ihm Abhilfe zu erbitten. „Mein Haus", sagte er, „ist zu klein, und ich habe eine Frau und Söhne und Töchter in Menge. Die kleinsten von ihnen sind Zwillinge, und die ältesten im Hause fiitb heiratsfähig. In dem Häuschen ist ein beständiges Gestoße und Geschrei. Darum, heiliger Manu, bitte ich dich von ganzem Herzen, tue au uns ein Wunder und erweitere uns die Wohnung." „Hast du -vielleicht einen Schwiegervater oder eine alte Schwiegermutter - außerhalb deines Hanfes?" fragte der Wundermann. „O ja", antwortete der Schneider, „cme alte Schwiegermutter, die habe ich. Sie ist krank, und drei verwaiste Enkel liegen ihr zur -ast. welche ihr von ihrer jüngeren Tochter, dre vor einem halben Jahre gestorben ist, zurückgeblieben sind." „So nimm sic und ihre Enkel und^rhre Habseligkeiten in dein Halls, und in drei -ragen komm wieder zu mir." „ . Der Schneider tat, wie ihm geheißen wurde. Am brüten Tage kam er wieder zu dem Wundertätcr. „Hast du Platz?", fragte dieser den <-chnol° der. „Ach Rabbi, es geht mir schlimmer als vorher. Die Enge ist noch größer, und der -arm nur schwer zu ertragen. . Die klemen W 1 kriechen in jede Ecke; sic spielen und hauen sich abwechselnd mit .neiuen kleineren Kmdern. Dw Schwiegermutter zankt mit meiner §rau. M ' was hast du mir angetan!" . „Hast du melle ch einen verheirateten Sohn oder euie verheirate Tochter -außerhalb deines Hauses?", fragte der Wundermann. „O ja", cntgegnete der Schneider, - „eine verheiratete Tochter, die habe ich. Sic ist geschieden, lebt in sehr dürftigen Verhältuifseu und hat vier Kinder, die ihr vorn Manne zurückgeblieben sind, der ihr vor zwei Monaten davongelauferi ist. Sie wohnt bei ihrem Schwieger- Vater." „So nimm sie samt ihren Kindern und ihrem Mobiliar in dein Haus, und am dritten Tage komnl wieder." Der Schneider gehorchte dein Befehl des Heiligen; aber mit tränenderi Augen erwartete er den dritten Tag. Daun ging er zum Wundertäter. „Hast du nun Platz?", fragte dieser den Schneider. „Wehe. Rabbi, warum hast du so übel an mir gehandelt? Wahrlich, es graut mir beinahe vor meinem Leben. Mein ganzes Haus wimmelt von Unmündigen. Meine Kinder, die Kinder meiner Tochter, und die Enkel meiner Schwiegermutter schlagen sich gegenseitig. Es ist ein ewiges Gezanke und Geweine. Die Schwiegermiüter streitet mit meinec Frau; meine verheiratete Tochter verspottet ihre ledig gebliebene ältere Schwester. O, du Heiliger, habe Erbarnren mit mir!" „Hast -du vielleicht Geflügel außerhalb deiner Wvh. uung?", fragte der Wundertäter. „Gewiß", sagte der Schneider. „Geflügel ist da, ein weißer Hahn und eine Henne mit sechs Küchlein. Sie befinden sich im Verschlag auf dem Hofe." „So nimm den Hahn und seine Henne samt ihren Küchlein in - dein Haus, und am dritten Tage komm wieder." Der Schneider erschrak. Aber wenn der Mund des Heiligen etwas befohlen hat, sollte es da der Schneider nicht tun? Am dritten Tage, schon ganz früh am Morgen, pochte er an . die Tür Des Wundertäters. „Was habe ich gesündigt, oh Rabbi, daß du mich so hart strafst! .Wahrlich, ich möchte lieber sterben, als länger so leben. Sobald der ZRorgen anbricht, kräht der Hahn. Die Henne scharrt den ganzen Tag. die Küchlein fliegen in die Höhe. Mein ganzes HauS wimmelt von Unmündigem Meine Kinder, die Kinder meiner Tochter und die Enkel meiner Schwiegermutter balgen sich miteinander. Es ist ein unaufhörliches Zanken und Weinen. Meine Schwiegermutter zankt sich mit meiner Frau. Meine verheiratete Tochter verspottet ihre ältere Schwester. O Rabbi, erbarme dich doch!" „Hast du vielleicht sonst irgend welche Haustiere", fragte der Wundcrmann. „Haustiere? — Ja. Haustiere sind da; eine alte Ziege und zwei Zicklein; im Holzstall find sie uniergebracht." „So nimm die Ziege mit ihren Zicklein in dein Haus, und am dritten Tage konun zu mir." Der Schneider schwankte anfangs sehr, ob er diesen Worten folgen sollte oder nicht. Aber schließlich gab er sich drein, denn einem einfachen Schneider steht cs nicht an, dem Ausspruch eines Wundertäters zuwider zu handeln. Und so ging er hin und holte die Ziege und ihre Zicklein in sein Haus. Aber noch waren nicht zlvei Tage uni. da konnte er es nicht mehr länger oushalten, und er eilte zu dem Heiligen. „O, heiliger Mann, treibst du deinen Spott mir mir, dem bedauernswertesten aller Schneider? Was habe ich dir Böses, getan, daß du meiner spottest? In meiruun Zimmer ist keine, Luft mehr zum Atmen. Die Ziege stößt: die Zicklein lassen ihren Unrat fallen; der Hahn kräht, sobald der Morgen, anbricht; die Henne scharrt den ganzen Tag; die Küchlein fliegen in die Höhe. Mein ganzes Haus wimmelt von Unmündigei,. Meine Kinder, die Kinder meiner Tochter und die Enkel meiner Schwiegermutter schlagen sich gegenseitig, und es ist ein ewiges Lärmen und Streiten und Weinen. Die Schwiegermutter zankt mit meiner Frau, meine verheiratete Tochter hänselt ihre ältere ledige Schwester. Heiliger Mann, ich komme um, wenn du mir nicht schnell zu Hilfe kommst!" „So gehe schleunigst nach Hause", sagte zu ihm der Heilige. „Schaffe deine alle Schwiegermutter mit ihren Enkeln aus deinem Hause. -Deine ver- ' heiratete Tochter mit ihren Kindern führe zu ihrem Schwiegervater. Den Hahn und die Henne - mit ihren Küchlein jage - in den Hühnerstall auf dem Hofe und -die Ziege undihre Zicklein bringe wieder in den Verschlag zurück. — Und morgen früh komm wieder!" J ' Am anderen Morgen schlief noch der Wunder, täter. als der Schneider schon ganz früh an die Tür des Heiligen kam... mit 18 Gulden als Ge-- schenk. „Hast du nun Platz?", fragte ihn der Wundertäter, indem er ihn begrüßte und das Geschenk freundlich in Empfang nahm. „Du hast mich gerettet, Rabbi, du hast mich gerettet. Jetzt erst kaim ich bequem Atem schöpfen. Ich habe meine alte Schwiegermutter mit ihren drei Enkeln und meine Tochter mit chren vier Kindern und den Hahn und die Henne mit ihren sechs Küchlein und die Ziege mit ihren zlvei Zicklein hlnausgeschafft. Oh, oh, vH! Jetzt hat der Lärm ausgehort nnb ruht aller Streit* alles Geschrei und Geweine. Das Haus ist rein und geräumig, wie ein weites Feld. Meine Augen hast du erleuchtet, heiliger Mann. Möge dir Gott nach seiner großen Huld vergelten!" >f. A. Ein Kulturbuudvortrag von Dr. Anneliese Landau in Berlin galt der heiteren BersvieUheit älterer Programmusil, den weltlichen galanten Kouversatioussormeu zünftiger Organisten in Frankreich und Deutschland. Die gewinnende Darstellung der Vortragenden konnte die Schönheit und Eigenart jener Kunstcpoche vor einem großen Hörerkreis mit Erfolg ausbreiten und das Verständnis des diesmal besonders reich bedachten mnsikalischen Teils durch geschickt verbindende und einführende Worte gut vorbereiten. Wesentlich aber war, daß die Hausmusik jener fernen Zeit im Klange ihres Originalinstrumentes, des Cembalos, lebendig wurde. Gertrud Wertheim spielte Taquiu und Couperin, Kuhnau und Bach, mit ftilkundigcr Hand die Möglichkeiten der Doppelklaviatur und der verschiedenen Registerzüge nutzerrd; die naive, behagliche Tonmalerei einer „Biblischen Sonate" des Thomaskantors Kuhnau, die teils turbulente, teils drastisch schildernde Musik eines Couperin erfuhren eine Wiedergabe, die nicht nur den historisch Denkenden, sondern das ganze Publikum entzücken mußten. ' l.A.- Das Mohrsche Konservatorium für Muyk, das einzige Konservatorium Berlins, das heute noch unter jüdischer Leitung steht, voranstaltete eine Schüleraufsührung. bei der die jüngsten und älteren Zöglinge des Instituts zeigten.