Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 2 (10.1.1935)
- Date
- 1935-01-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Entschluß, sondern auf gesetzlichem Zwang. Kirren Arrerparagraphen ausdrücklich kennt das Reichskulturkammergesetz nicht, wäh. rend das Schriftleitergesetz. deffen Materie in das Gebiet der Reichskulturkammer gehört, solche Sonderbestimmungen enthält. Text und Zeichnung von Dr. Ernst G. Lüwenthal NSllL ÄRSOyyNgM kl aiels»feteiM Ter Präsident der Reichsschrifttumskammer hat am 12. Dezember 1934 eine Anordnung für das A d r e & * n n d A n z e i g e n b 11 d) t> er* lagsgewerbe erlassen. Danach ist Fachverband der Verleger von lausend erscheinenden Buchwerten mit Anzeigen von nun an der Reichsverband des Adreß- und Anzeigenbuchverlags- Geiverbes. Ihm gehören an: Tie Berlage von lausend erscheinenden Vnchwerleii mit Anzeigen (z. B. Stadtadreßbücher. Firnienadreßbücher im bezirk, lichcn oder fachlichen Sinne. also Reichs-. Landes- oder Bezirls^Firmenadreßbücher. sogenannte Hand« bücher oder sirmentundlichc AachschlageN'erke. Kataloge und Varenregistcr. warenkundliche Nachschlagewerle. Fach- und Unterbaltungskalender), ferner sämtliche Direttoren und sonstige leitenden A n g e st e l l t e n der genannten Berlage, gleichgültig, ob sie gesetzliche Vertretungsbesugnis haben oder nicht, außerdem sämtliche im Hangtberuf in den genannten Verlagen beschäftigten A n g c st e l l t e n , deren Dätigleit nicht eine rein kaufmännische oder technische ist. sondern einer besonderen Fachausbildung bedarf, sowie sämtliche im Hauptberuf als Anzeigen- und Vertriebs- Vertreter für die genannten Berlage tätigen Personen. Alle in Frage kommenden Berlage und Personen. die nicht schon Mitglieder eines anderen Fachverbandes der Reichskulturkammer sind, haben ihre 10c i t g l i c d s ch a ft bei dem genannten Reichsverband «Berlin-Wilmersdorf. Hindenbnrg. straße unverzüglich. s p ä t e st e n s aber bis 3 1. ^rtiutnt 1933. zu beantragen. Für Anzcige-i' und Bertriebsvcrtretcr besteht diese Verpflichtung ohne Rücksicht ans eine etlvaige Mitgliedschaft in einem anderen Fachverband. Berlage und Personen, die bereits ordentliche Mitglieder eines anderen Fachverbandes der Reichskulturlamrner sind, haben sich ebenfalls innerhalb der gesetzten Frist zwecks listenmäßiger Erfassung bei dem Reichsverband anznmelden. Wer dieier Verpflichtung bis zürn 31. Januar 193.3 nicht nachlonunl. läuft Gefahr, daß eine Ordnungsstrafe gegen ihn verhängt und ihm die weitere Ans- Übung seiner beruflichen Tätigkeit auf diesem Gebiet untersagt wird, lieber Zweifelsfälle der Zugehörigkeit entscheidet zunächst der Reichsverband des Adreß- und Anzeigenbuchverlags-Gewerbes. endgültig der Präsident der Neichsschrifttums' kannncr. Der Präsident der Reich-Kammer der bildenden .Uünsle hat in einer Künsten Anordnung vorn 28. Dezember v. I. die in seiner Zlvciten Anordnirng betr. den Schutz des Berufes und die Bernssausü b u r, g der Architekten vom l. Oktober 1934 festgesetzte und durch seine Vierte Anordnung vom 29. November 1934 bis zum 2. Januar 1935 verlängerte {yrift zum Einreichen von Plänen bei den Baupolizeibehörden erneut bis zum 31. Januar 1935 verlängert. (Vgl. ..Völkischer Beobachter". Nr. 36K65 vorn 30.,'31. Dezember 1934.) 1 Osmiida Mu. verlauft1 ZZ3 a* BSumenreich, 'j It^rlln W. 35, Si-hfinebereer l'for 31. I wJl Telefon: B 1 Knrf. 303a >s, \ £>'4, Ssn Friedrich Brvdaitz Irr der vorigen Nrumnor der ..C.-V.-Zeituug" hat Friedrich Brodnitz den .^Versuch einer Ilm* rißzerchnnng gemeinsamer Arbcitsproblematik der jüdischen Jugerrdbürrde" gemacht und dabei besonders die Forderung nach Selbstzucht der hündischen Jugend erhoben und das Führer- Problem erörtert. Im folgenden wendet er sich besonders der Frage der bündischeu Bildrurg der Führergeneration imrerhalb der Jugcndbünde zu. War die hündische Erziehungsarbeit zu allgemeiner Bildurigswcite eine Aufgabe der . fester verankerten älteren Generation, so liegen die Verhältnisse bei der Frage der jüdischen Bildung umgekehrt. Hier ist heute schon oft zu beobachten, daß die Kenntnisse abnehmen, je hoher man in der Führerhierarchie emporstcigt. Tie Heranwachsenden Jahrgänge erwerben sich auf unseren jüdischen Schulen wenigstens ein gewisses Maß jüdischen Wissens; die älteren Jahrgänge — die Führer — stammen noch aus Zeiten, in denen jüdische Erziehung nur eine ' freundliche Arabeske war. die an einen allgemeinen Bildungsgang angehängt wurde. Wie erschreckend schlecht es um das jüdische Wissen der Jngendführer steht, das hat die Beantwortung von Fragebogen gezeigt, die die Mittel stelle für jüdische Erwachsenenbildung von den Teilnehmern des bayerischen Ingendschnlnngsknrsns ansfüllen ließ. Ter Organisator dieses Kursus. Hans L a m in, hat in einer Arbeit die Ergebnisse der Rundfrage zusammengefaßt. deren Einzeloervffcntlichung nicht vorgcgrifsen werden soll. Tie Ergebnisse sind deprimierend genug. Von 63 Iugendsührern. von denen übrigens keiner nur die Volksschule als Bilduugsgruudlage angab. hatte ein Drittel nie einen hebräischen Bibeltert gelesen. Historische Bildung aus den Onellcnwcrken jüdischer Geschichte war kaum vorhanden. Der Mangel an Kenntnissen geht durch alle Richtungen. ob zionistische, ob deutschjüdischc Führer, gleichmäßige Lückenhaftigkeit. Hier rächt sich die Abgeschlossenheit der Bünde, die nicht aus eigener Kraft das Bildungsprobtem lösen können, die das Bekenntnis zu sehr zuungunsten des Wissens gepflegt haben. Wir respektieren durchaus den Wunsch der Bünde, ihren Mitgliedern d i e geistige Schulung zu geben, die ihrer Ausrichtung entspricht. Die methodische Schulung der Führer selbst aber kann nur zentral und gemeinsam mit Nutzen erfolgen, wenn nicht dem Totalitätsanspruch jedes wirkliche Wissen geopfert werden und wenn sich nicht ein krasser Dilettantismus ansbreiten soll. Tie Mittflstelle für jüdische Erwachsenenbildnng hat mit ihrem Lehuitzer Schulnngskursus den Weg gewiesen, ans dem bei aller Respektierung hündischer Eigenintcressen eine gemeinsame Schulung erfolgen kann. Sie hat aber auch gezeigt, wie lehrende Autoriät mit lebendiger Einfügung in jugendliche Lebensform gepaart sein kann. Daß diese Zustimmung nicht in gleicher Weise — von wenigen wohltuenden Ausnahmen abgesehen — auch unseren Rabbinern und Lehrern gegeben werden kann, ist eine der beklagenswertesten Erscheinungen unserer Zeit. Sie hatten jetzt ihre große Chance, d i e Chance, die in Zeiten jüdischer Erneuerung noch immer die berufenen Lehrer des Judentums gehabt und auch ausgenutzt haben. Man sollte nicht über den BildungsdileitanLismus der jüdischen Jugendbünde klagen, ohne sich klar darüber zu sein, wie sehr die Jugend in ihrem Drang nach Lernen fast ganz auf sich selbst angewiesen ist. Wichtiger fast als das Lernen aber ist das Tun. Uebcr den Auseinandersetzungen über Weltanschauungen wird oft genug vergessen, daß eine Tat mehr ist als tausend Worte. Wir wissen sehr gut. daß heute au jeden jungen Menschen in der Praktischen Gestaltung seines Lebensweges schon große Anforderungen gestellt locrden. Daneben aber muß mit Nachdruck gefordert iverden, daß die Bünde als Einheit auch im Tun jüdischen Lebens ganz anders in Erscheinung treten. Die Institutionen der Hilfe und des A u f b a u e s, das große Werk des Zentralansschusses. arbeiten heute ohne rechte aktive Anteilnahme der Jugend, der fast ihr ganzes Wirken gilt. Das muß vor allem von der S 0 z i a l a r 0 e i t gesagt werden, die reichste Betätigungsmöglichkeiten bietet und die in früheren Jahren das Fundament des Reichsausschusses der südlichen Jugendvcrbände war. Nun wird zwar innerhalb der Bünde viel soziale Arbeit getan. und einige Bünde haben versucht, diese Arbeit zu organisieren. Aber das reicht nicht aus. Mit negativer Kritik an veralteten Wohlfahrtsinethnden ist nichts getan, nur durch aktivste Mitarbeit in allen sozialen Institutionen kann die Jugend dafür sorgen, daß der Mandel unseres sozialen Denkens seinen Niederschlag in diesem Aufgabengebiet findet, das von immer größerer Bedeutung für das deutsche Judentum wird. Bon hier aus kann auch die so dringend notwendige Eroberung d er G e m e i n d e n durch die junge Generation erfolgen. Allerdings soll man uns nicht mit der unzureichenden Antwort mancher Gemeindevorsitzcnden kommen, die sich gegen Hereinnahme jüngerer Menschen mit der Begründung wehren, sie hätten niemanden finden können. Damit, daß man in, ein eingefahrencs Gremium einen jüngeren Menschen hineinnimmt, im übrigen fest entschlossen, nichts ändern zu lassen, ist nichts getan. Alan darf sich nicht wundern, wenn Jugendliche in solcher Mitarbeit in unseren manchmal zu Prächtigen Bürogemeinden ausgewachsenen Verwaltungen nichts Berlockendes sehen. Alan stelle ihnen richtige verantwortungsvolle Aufgaben, und sie werden kommen. Einige der großen jüdischen Organisationen haben den Weg gewiesen, wie man bei Wahrung des Einflusses des erfahrenen Alters jungen Menschen entscheidende Mit- Wirkung einräumen kann. Zum Schluß noch ein Wort zur Verbindung von gesonderten Zielen und gemeinsamer Haltung in der jüdischen Jugendarbeit. Die Bünde müssen und werden auch weiterhin ihre Menschen in der von ihnen für Recht erkannten Ausrichtung erziehen. Gerade aber in ihrer besonderen Art sicheren und fest verankerten Menschen sollte es leicht fallen, daneben die großen Gemeinsamkeiten z« setzeü. die sich aus der Einheit des Schicksals, der Generation und der Zukuustsöejahuug ergeben. Wenn zu Beginn eines Jahres ein Wunsch für die jüdische Jugendarbeit gesagt werden darf, so ist es der nach der gememsamen Anerkennung der großen Gcstaltungsversuche: des Versuches, drüben, in Palästina, neues jüdisches Leben zu formen, und des Versuches, hier in Deutschland jüdisches Leben zu erhalten und ncuznformen. Welchem der beiden Wege jeder für sich und seinen Bund den Vorzug geben wird, das ist die Sache 'des gesonderten Weges, der getrennten Arbeit: gemeinsam aber sollte sein — und das ist unser fordernder Wunsch —. die vorbehaltlose Anerkennung beider Gestaltungswege jüdischen Lebens. Hellste Klarheit des e i g e n e »Weges und der eigenen Entscheidung, entschiedenes Eintreten für die gewählte Ausrichtung, aber gemeinsame tätige Verantwortung für alle Wege, ans denen jüdisches Leben erwächst, das sollte die wichtigste Aufgabe jüdischer Jugend im kommenden Jahre sein. Eemeindrabrnd der Waß M in Berlin Xfl Bor nahezu 50 Jahren wurde die Adoir Jisroel. von dem unvergeßlichen Esriel HU d e s h e i in e r bereits 15 Jahre vorher gegrünt:, als Religionsgesellschast öffentlichen Rechts o;;rrfamit. In dieser Zeit ist sie., weit über m Rahmen ihrer eigentlichen Mitglieder hinaus.;i: einem sehr bedeutenden Faktor des jüdisch-rcligiöscn Lebens Berlins geworden. So war es von besonderem Interesse, das; im Nahmen eines Gemeindcabends. der am Lonrtc.,^. 23. Dezember, im Berliner Logenhans natti,n'd. Mitgliedern und Freunden der Adaß Getegcnbe,'. gegeben wurde, über den heutigen Stand der Ecineindeangclcgenheiten Ausschluß zu gewinnen. Tr. E. Hirsch vom Gcmeiudevvrstand ent wickelte kurz die Geschichte der Adaß in iiivcu einzelnen Phasen und sprach daun über die jetzige Loge. Im Mittelpunkt der Arbeit steht, neben denc Tempel, das Schullverk. Naturgemäß sind die Kosten des Schulwerks ungeheuer. Trotzdem ist die Gemeinde bis zum vorigen Jahr, ohne die Geldmittel anderer Institutionen in Anspruch zu nehmen, imstande gewesen, das Werk aufrecht',u-* erhalten. Erst seit dieser Zeit wird auch die Reichs- Vertretung finanziell beansprucht. Die Ehcwra Kadischa und der Frauenverein. über die Tr. Ac. Birnbaum sprach, nahmen in der Adaß den Platz ein. den in der Berliner Hauptgeineinde etwa das Wohlfahrtsamt hat. Ter Unterstützung von Kindern, die das Schulgeld nicht bezahlen können, dient das Patenschastskomitee, über dessen Leistung und Ausgaben Rektor S i n a s 0 h n Bericht erstattete. Etwa ein Drittel der Kinder sind schulgeldsrci. Als Tagesheim steht mit diesen Institutionen in engem Zusammcnliang das Rosa-D a r t H-Hciw. über das Johanna Lewy berichtete. Bon Lchu9 schlnß an bis zum späten Nachmittag werden hier Kinder mittags und nachmittags verpflegt und bei Schularbeiten und Spiel beaufsichtigt? Läglick. werden 100 Portionen Essen verabfolgt! Das Israelitische Krankenheim der 2ldaß wird von 700 Kranken jährlich besucht. Heinrich F re i * r i ch richtete einer! dringenden Appell an die Besucher. von dem Bestehen dieses Krankercheim'- weite Kreise zu unterrichten, da es in dicstr schweren Zeit seinen Aufgaben nur Nachkommen kann, wenn es ständig ausreichend besetzt ist. war leider nicht immer der Fall ist. Ter Gemeindcabend wurde von Musikvorträgcn des Chors und Orchesters der Adaß-Schulcn umrahmt. IVar. Die Sehnsucht zum heiligen Beruf läßt nickst locker. Nach drei Jahren steht der Jugendliche zur grimmigen Enttäuschung Angela' Neumanns, an einem Vorbe.terpult ferner Heimat und erfüllt seine heilige Mission, zu der er sich berufen weiß. Noch einmal begegnete ich Mahler in Wien an einem denkwürdigen Abend, an dem das Werk Charpentiers ..Louise" uranfgeführt wird. Aber der Stempel des Leidens liegt ans dem edlen Gesicht. Dennoch ist man vollkommen im Banne dieses nngebändigten Temperaments eines Meisters, und dessen Werke fortleben werden bis in die spätesten Zeiten. Gütig und freundlich winkt er vom Dirigcntenpult aus mir herüber, um mir zu zeigen, daß er mich erkannt hat. Es war eine Abschiedsgeste. Wenige Jahre später starb er, kaum 51 jährig. Der erste ..große Mmmger" Vor wenigen Tagen starb der große Schauspieler und Regisseur Max Grube, der als der „letzte große Meininger" gefeiert ivird. Sein Tod weckt die Erinnerung an den Mann, der die Meininger Schauspielkunst, die für Jahrzehnte. bis über das Ende des 19. Jahrhunderts hinaus, die europäischen Bühnen eroberte, geschaffen hat: Ludwig Chronegk. Ludwig Chronegl wurde 1837 als Sohn eines armen jüdischen Schneiders in Brandenburg a. d. Havel geboren. Schon als Schüler erkannten wohlhabende Gönner seine große Begabung und ermöglichten ihm den Besuch eines Potsdamer, dann eines Berliner Gymnasiums und schickten ihn später, als er sich gegen den Willen seines Vaters durchaus der Schauspielkunst tvidmen wollte, für ein Jahr nach Paris zunr Studium der dortigen Theaterverhältnisse. Diese aber befriedigten ihn, der im Herzen der Mark Brandenburg ausgewachsen war, wenig. Ihn erfüllten andere Ideale. Auch als er selbst mit 19 Jahren zum ersten Male in Berlin im Krollschen Theater, und danach in Leipzig, Görlitz. Hamburg, besonders in komischen Rollen viel Erfolg hatte, blieben diese Ideale unbefriedigt. Erst als sein glücklicher Stern ihn nach Meiningen und mit dessen begeistertem theaterschöpferischem Herzog Georg II. zusammenführte, wurde seiner eigenen besonderen Begabung der Weg frei. Zwei Menschen hatten sich gefunden, deren künstlerische Sehnsucht die gleichen Ziele suchte; nun mit sich ergänzenden Kräften konnten sie Hohes erreichen und Neues schaffen. Ludwig Chronegl verzichtete freiwillig ans eigene schauspielerische Darstellung um seiner großen Liebe zur Schauspielkunst willen! Er gab der deutschen Bühne mehr und Unvergänglicheres. Er sah das Ganze. Er erlebte den Dichter und sein Werk, und ihm gab er sich mit ganzem Verstehen und selbstloser Liebe hin. Da? gleiche verlangte er, als der Herzog ihm zum General- Intendanten der Meininger Hofbühnen bestellte, auch von all seinen Künstlern: Kein virtuoses Start,rm. wie cS zuvor die Bühnen beherrscht hatte, gab eS bei ihm. Jeder hatte sich an seinem Platze dem Ganzen und der Absicht des Dichters unterziwrdncn und da sein Bestes zu geben. Damit eroberte er auf Gastspielen der „Meininger" die europäischen Bühnen auch für die großen deutschen Klassiker und gewann die Herzen des Publikums, selbst des fremdsprachlichen, für deutsche Dramen. Auch die äußere Ausstattung, die umu vordem ohne Rücksicht auf Zeit und Ort des Geschehens willkürlich ans Augenblicks- Wirkungen zugcschnitten hatte, wurde von ihm mit historischer Treue stilecht und wesensecht gestaltet. Wohl hat in unserem Jahrhundert die Bühnenkunst neue Wege bcschritten und vieles, was den Meiningern unerläßlich schien, gelockert und verdrängt, aber die Gesetze, die er und sein Herzog der deutschen Theaterkunft gegeben haben, bilden auch heute noch das feste Gerüst, auf dem die Nachfahren ausbauen konnten. Und die Liebe und datz Verständnis für deutsche Dichter, die er erwecken half, sind dem Publikum geblisbem Idekl» 8fcoro. Mer Wischer MWs in MM In der Näl>e von Bamberg liegt WalSdorf und bei Walsdorf, außerhalb des Ortes, einer der ältesten jüdischen Friedhöfe Frankens. Sanft gewellt und in weiche Hügel aufgelockert ist hier echte fränkische Landschaft, und einer der Hügel trägt den Friedhof. Ringsum stehen dichte, hohe Wälder, eine Straße schlingt ihr Band in schöner Windung und neben ihr fließt ein Bach. Ter ist jetzt, im Winter, dick gefroren und nur das leise Knacken des Eises klingt durch die Stille; manchmal knarren die Räder eines schweren Wagens vorbei, neben dem stumm ein Mann hergeht. Sonst ist Ruhe; das Dorf grüßt mit seinen Giebeldächern und seinem Kirchtürm freundlich herüber und der Friedhof hat nur die Weite des Landes um sich und die Endlosigkeit ' des Himmels über sich. Erst im Jahre 1851 bekam die jüdische Gemeinde in Bamberg einen eigenen Friedhof. Bis dahin wurden die Toten aus Bamberg und den kleinen Orten der näheren und weiteren Umgebung unter großen Schwierigkeiten der Beförderung in Walsdorf begraben. Die erste vorhandene Urkunde, in der dieser Friedhof genannt wird, stammt ans dem Jahr 1719; aber er lnuß schon lange vorher im Gebrauch ge,vesen sein, da in dieser Urkunde um Envciterung nachgesucht wird. Und die älteste Jahreszahl, die nran aus einem Grabstein entziffern konnte, ist 1692. Der Friedhof in Walsdorf weiß nichts von Künstlichleit. Ein schmaler Weg führt den Hügel hinauf, eine kleine Lattentür im Zaun ist zu öffnen und man steht schon zwischen den alten Grabsteinen. In der Mitte des Friedhofs ragt eine riesige Eiche, deren Alter auf etwa 600 Jahre geschätzt wird. Hinter chr steht das frühere LeichenhauS. ein Heller fränkischer Fachwerkbau; einmal war es von Wärtern bewohnt, die dort die Toten wuschen und ausbahrten; heute ist eS verlassen und nur zwei Tafeln mit hebräischen Inschriften sprechen noch von seiner Bestimmung. Nein, dieser Friedhof weiß nichts von Künstlich, keit. Lr ist ein Stück des Landes, auf dem Büsche wild wachsen und einsame kleine Tannen nach den großen Wäldern sich sehnen. Aber Kunst besic!:! hier in den unzähligen Grabsteine». Kunst fr? Lebens mit der Weisheit des Sterbens verschwiileil. Es sind nur ganz wenige Ntarlnorsteine aus dcc neueren Zeit zu sehen. Tie anderen sind Steine rc; Landes, grau, alt und verwittert, mit hcbräisckiea Inschriften, die aber teilweise noch sehr gut leserlich sind. Es liegt eine tiefe Symbolik in de:n Gesamllüld. das die Grabsteine bieten, manclie stehen noch aufrecht und fest im Grund der Erde, aber die meisten haben sich tief geneigt, als ob sie sich, nach der Weisheit der jüdischen Lehren, der Allgewalt der Schöpfung und dem ewigen Wandel der Welt beugten; manche liegen stach und schwer auf den Boden gedrückt; manche sind halb in ihn: versunken und wecken Gedanken an die. die unter den Schritten der Zeit ganz in ihn eingegangen und eins geworden sind mit der Erde, aus der sck kamen und die sie wieder aufgeiwmmen hat wie die Gebeine der Menschen, die in ihr zur letzten Ruhe gebracht wurden. Viele Gräber bezeichnet kein Stein mehr, und nur der darüberschrcitendc Fuß fühlt die Erhöhung der ehemals aufgeschlUl^ ten Erde. Hier sind viele Landcsrabbiner begraben; nnn sagt, sie liegen dort, wo z>vei Steine die Ruhestätte schmücken: zwei schlichte, graue Steine sind cs immer, manchmal in der Form der Gesetzes tafeln. So verschieden Größe und Form der einzelnen Steine ist. bei allen herrscht die hohe Kunst der einfachen Gestaltung; vielfach hat die Zeit harte Furchen in den Stein gegraben wie in das Gesicht eines alten Menschen; aber dann hat sie auäi wieder eine milde Sainthülle darumgelegt ans feinem grünnn Moos. Hier liegen jüdische Menschen aus Jahrhunderten. aus allen Klassen. Menschen, denen der Tod Erlösung von einem feindlichen Dasein oder schwere Trennung^ von einem freudigen Leben bedeutete. Aber alle, die hier liegen, hatten eine gemeinsarnc Heimat: Deutschland. Franken; und aller Kraft stieg in die herrliche Eiche, durch den Stamm in die Krone, die sich liebevoll breitet und in deren Lch-K die Toten der Ewigkeit schlummern. Hilde Marx.