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Central-Verein-Zeitung · 1935-01-10 · 2 (10.1.1935) · page 11

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
14 (1935)
Issue
2 (10.1.1935)
Date
1935-01-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Unserem Vorsatz getreu, über die Vorgänge im Lager der Wissenschaft fortlaufend zu berichten, müssen wir einer bedeutungsvollen Veränderung gedenken, die in dem Weltbild der Wissenschaft iminer stärker in die Erscheinung tritt. Während das zurückliegende 19. Jahrhundert in der Ausbildung aufs höchste verfeinerter S p e z i a l w i s s e u» schäften und in der Vervollkommnung der crakteu S P e z i a l f o r s ch u n g fein Genüge fand, mehren sich heute die Stimmen, die eine entschiedene Abkehr von einem übertriebenen wissenschaftlichen Spezmlismus. den sie als „Mikrolvgie" bezeichnen, fordern und eine Wendung der Wissenschaft zur Ganzheit, zum Organischen, d. h. zur Totalitat der L e b e n s e r s ch e i n u it g e n für notwendig erachten. Die neue organologische Wissenschaft soll im Gegensatz zu der überwundenen m c ch a n i st i s ch e n Wissenschaft. die ..beziehungslos" war. zu den Mächten des Blutes und Bodens in Beziehung gesetzt werden. ' In einem Aufsatz ..Grundlaqenwandel in der Wissen sehnst" („Deutsches Volkstum". 16. Jahr« gang. 26. -best) hat Professor E r u st Krie cf, der bekannte politische Pädagoge, das Programm der neuen Wissenschaft entwickelt. Mit der national« sozialistischen Revolution und völkischen Welt« anschaunug. so führt er aus. tritt jetzt die Forderangier Lebensganzheit gebieterisch hervor. Wenn jede wirf)’ und Fachwissenschaft. ohne ihren gesonderten Ausgangspunkt — etwa in Sprache. Wirtschaft. Recht, Gesundheit und Krankheit us>v. — oder die Strenge ihrer Methode auszugebcu. ihre Schranken öffnet. Licht und Zusammenhang der völkischen Lebensganzheit gewinnt, so erlangen damit die verzweigten und verselbständigten Wissenschaften untereinander den großen Sinnzusammenhang, die Sinneinheit. die tragende Ebene. Und jede einzelne Wissenschaft erhält daraus neuen lebendigen Antrieb. Was soll aber — so fragt Kricck weiterhin — das völkische Ganze für den Romanisten, für den Anglisten, den Orientalisten, für die vergleichende Sprachtvisscnschaft, die Geographie, Geologie, Völkerkunde, Biologie? Das völkische Ganze, der deutsche Lebensranm, ist der weltanschauliche Mittelpunkt und Rückhalt, von dem aus notwendig die Auseinandersetzung mit Welt und Menschheit, mit Natur und Geschichte, mit Völkern und Kulturen erfolgt, und aus solch lebendiger Auseinandersetzung werden die Wissenschaften gerade neue Wirkungs- und Bildungskraft erhalten. Wenn der Romanist die Auseinandersetzung mit dem Romanen und der Anglist mit dem Anglo-Amerikanismus, der Slawist mit dem Slawentum auf dieser Ebene beginnt, so wirbt und wirkt er für den deutschen Gedanken in der Welt, für die Ausstrahlung und Kraft deutschen Geistes aus Blut und Boden. So entsteht auch hier (nach Kriecks Meinung) die wahrhaft ausbauende, die militante und 'soldatische Wissenschaft des Dritten Reiches. Den weltanschaulich-philosophischen Unterbau für die neue ganzheitlich-organologische Wissenschaft hat der unlängst verstorbene nationalsozialistische Denker Paul Krannhals in einem zweibändigen Werk „Das organische Weltbild. Grundlagen einer neu entstehenden deutschen Kultur", das bereits 1928 erschien, geschaffen. rr nm®üüu°nij Einem Nekrolog zufolge, den der Marburger Professor Erich Iaensch in den „Nationalsozialistischen Monatsheften" (5. Jahrgang, 56. Heft) veröffentlicht, ruht das Werk über „Das organische Weltbild" auf folgenden Grundgedanken: Der g e s e l l s ch a f tl i ch e Z w e ck v e r b a n d. in dem sich reiner Individualismus verkörpert, muß folgerichtig zu einem sinn- und wertlosen Existieren. gelangen: denn er kam; seine Selbstbehauptung ans keinem naturgegebenen Gesetz herleiten, sondern nur aus einer lebensfremd gewordenen, rein rationalen GeisteShaltnng bekommen, die organisches Leben und Werden zerstört. Der natürliche und naturgemäße Zustand der einzelnen menschlichen Lebens- und Wirlungsgebiete tffc eS. lebendig miteinander zusammenzuhängen, eine organische Einheit zu bilden. Ansdruck eines einheitlichen Lebensstils zu sein, den wir „Kultur" nennen. Der r e i'n e Verstand tötet lebendige Formen; er ist der Schöpfer der Gesellschaft und Vernichter der Gemeinschaft. In ihm zeigt sich da8 zerstörende, anflösende Prinzip in seinem ewigen Widerstreit mit dem schöpferischen, aufbauenden Prinzip: der Vernunft, dem Gefühl und den irrationalen Seelenkräften überhaupt. Erst die Verbindung von beiden schafft die Totalität dev Persönlichkeit, und ein Volk ist erst lebensfähig, wenn es in solchem Persönlichkeitsbewußtsein wurzelt. Gesellschaftliche Zweckverbände, die vom rein rationalen Geist geschaffen sind, kennen keine Grenzen der Volksgemeinschaft, sondern zerstören diese. Es bleibt die Erwägung übrig., in welchem Maße und Umfange die organologische Einstellung ein Kennzeichen neueren deutschen Denkens bildet. Jedenfalls legt der Widerstand, den der Leipziger Philosoph Hans Driesch — der schon vor Krannhals' kulturpolitischer eine naturwissenschaftlich orientierte Philosophie , des Organischen schuf — auf dem Prager Philosophenkongreß fand, eine solche Erwägung. nahe. Darüber berichtet K. H a n ck e in der Zeitschrift „Geistige Arbeit". Nr. 19. es sei nicht zu leugnen, daß.der Vortrag Hans Drieschs weder das Niveau noch die Bereitschaft vorfand, die ihm entsprochen hätte. Und so ging es ihm nicht allein unter den Deutschen. Seine Ordnungslehre, die er als fundamentale Logik schilderte und zur Führerin aller Wissenschaft erhob, hatte er insbesondere gegen die Einwände der Prager Lvgistenschule und ihres Lehrers R. Earnap zu verteidigen. Man griff dabei weit über das gestellte Thema zurück auf Drieschs frühere Arbeiten und suchte die Diskussion so auszuweiten, daß die allgemeine Gegensätzlichkeit spürbar würde. Ganzheit und Entclechie (Entwicklungsmöglichkeit), Organologie und Vitalismus (Lcbensphilosophie) standen gegen Summe und mechanische Kausalität (abstrakt mathematisches Verfahren), Pan- Physik und Logismns. Der Durchbruch der organologische» Denkiveisc aus dem Gebiet der bisher logistisch-mechanistischen Naturwijscnschaft kündigt sieh in einem Aufsatz „Völkergeist. Zeitgeist und Wissenschaft" an. den der Münchener ^aturphilosoph Edgar Dacquä in der Zeitschrift „Ständisches Leben" (4. Jahrgang, 10. Heit) veröffentlicht hat. Durchaus im deutschen Wesen und Fühlen und Denken — erklärt er — liegt es. die organische Gestaltung. sa alle Gestaltung der 'Natur, auch die vermeintlich tote unorganische, im tieferen Sinn als einen schöpferischen Ausdruck au8 einem Innerlich-Ganzen zu wissen. Nicht mechanistische Hausung, nicht rationalistisches Reagieren als Anpasiung an die Umwelt, sondern das Gestalten ans einer lebendigen Formidee, die sozusagen um ihrer selbst willen „in erhabener Zwecklosigkeit" da ist und alles bildet und erst aus dieser übergeordneten, stets gegenwärtigen inneren Ganzheit und Lebensverbunocnheit das Acußere, das Viele und Vielerlei geschehen läßt — dies scheint (meint Dacquü) das eigentliche Wesen des deutschen Denkens zu sein, und so ist es entsprechend auch das Wesen des deutschen wissenschaftlichen Wollens und Sehens. Nie war es im deutschen Volk erloschen. und trotz allen rationalistischen und mechanistischen Zeitgeistes sehen wir es immer wie einen tiefen Unterstrom durch den deutschen Geist hindurchgehen: aber es war in der Epoche des äußeren materiellen Aufstiegs und Glanzes nicht mehr die maßgebende Zeittracht unserer Wissenschaften. Wie Dacqu6 auf dem Gebiete der Naturphilosophie. so verrät Hans Riehls Aufsatz „Philosophie als Grundlage von Staat und Gesellschaft", der bezeichnenderweise in demselben Heft des „Ständischen Lebens" erschien, die Einwirkung des einheitlich.ganzheitlich.orgaiwlvgi. scheu Denkstils auf die Neliaionsphilosophie. Das Wurzeln der Philosophie in der Mystik bedingt — wie Riehl auseinandersetzt — eine grundsätzliche Abhängigkeit alles Denkens vom religiösen Erleben. dre wesenhafte Bindung aller entfalteten Fülle an die Sinnbilder der Einheit. Wie befremdlich dieser Gedanke „aufgeklärten" Zeitaltern auch sein mag, cs ist nicht zu leugnen, daß nur in dieser Verbindung die Religion wirklich das Ganze des Lebens zu durchdringen vermag, daß aber auch die Philosophie nur durch sie im Glanze voller Unmittelbarkeit erstehen kann. Eine Religion, die sich einsinnig im Philosophischen auswirkt, steigert sich (nach Niehls Darlegung) gleichsam nach beiden Seiten hin: zum immer tieferen Gefühle der Einheit — in der religiösmystischen Versenkung — wie zu immer klarerem Erfassen, Auslegen und Ausgestalten dieser Einheit im Entfalten der sinnlichen Welt. Das Ganze des Geistes in all seinen Auswirkungen und- Möglichkeiten, vom innigsten Gefühle bis zum gewagtesten Begrifssgebäude, ist in ihr befaßt. Zugleich ist sie vor jeder Skepsis bewahrt: was immer gedacht wird, dient zu ihrer Verherrlichung und Erhöhung, und da alle Inhalte der Kultur unmittelbar aus ihr emporblühen, werden sich auch die größten Geister ihr zuweuden, ihr schöpferisch dienen. F. F. WöMLA» bsr Äfsafe In der Zeitschrift der deutschen Skudeukenschaft „Der deutsche Student" (Dezember 1964) übt W o l f g a n g E r x l e b e n an dem Verlauf der Phrlologentagung in Trier scharfe Kritik. Wir bekennen uns — so erklärt er als Sprecher der akademischen Jugend — zu wissenschaftlicher Arbeit, betonen aber zugleich, daß es uns nicht um die Wahrung überlieferter Güter „echten deutschen Philologentums" geht, sondern um Revolution. Weil Wissenschaft — so fährt er fort — ihrem Ursprung nach im Volke steht, müssen ihre Aufgaben und Fragen stets von Bedeutung sein für das Leben des deutschen Volkes. Das erfordert vom Wissenschaftler eine sehr bestimmte umere Haltung: jeder Wissenschaftler muß sich so eng an die Sorgen und Nöte seines Volkes gebunden fühlen, daß jeder seiner Gedanken ein Mitsorgen und ein Mittragen der Not wird. Es handelt sich für ihn nicht um die Erkenntnis der „Wahrheit . sondern um die Verwirklichung der ihm vom Volk her und in Bindung an das Volk gegebenen geistigen Kräfte. Er denkt nicht „über sein Volk nach, sondern aus den Kräften des Volkes heraus. Aus der Not, dem Schicksal und der Art seines Volkes wird jeder seiner Gedanken geboren; Ursprung jedes seiner Gedanken muß die Sorge für sein Volk und der Wille, seines Volkes Schicksal mitzutragen und mitzubanon. sein. Wenn der deutsche Wissenschaftler daher von Fehlern spricht, die Teiüsche gemacht haben, dum muß er sich dessen bewusst sein, daß er die Vor- . antwortung für diese Fehler mitträgt. Wir verachten, erklärt Erxleben. jedes „unbeteiligt'-objeltive Denken, dem; wir wissen, das; kein einziger unserer Gedanken in Wahrheit „unbeteiligt" sein kann. Zn gleicher Weise rechnet Werner Kulz in einem Beitrag „Wissenschaftliche Weltbildformung" („Die Sonne", Monatsschrift für Rasse. Glauben und Volkstum. 11. Jahrgang, 12. Heft) mit der Trierer Philvlogentagnng ab. Wir sind uns, erklärt er wie Errlcben. längst klar darüber, daß jede Forschung und jedes Wissen und selbstverständlich erst recht jede Lehre dem eigengearteten Leben und seiner artgercchten Fortentwicklung zu dienen hat. Wer Geschichte anders betrachtet, schaltet sich ans de:; Kampfe für die Volkheit aus. Jede Persönlichkeit können, wir als solche nach ihrem eigenen Gesetze sachlich werten, im Volksleben aber ist nur ihr Wollen und Wirken für oder gegen das Volk nach dessen entscheideirdcm Artgesctz von Bedeutung. Wa8 nicht dazu dient, in deutlich absehbarer Zeit zum reinen deutschen, in seiner Ganzheit aus norbischer Seele heraus bestimmten Loben hinzuführen, hat für uns jede Bedeutung verloren. . ZM esa KMim Aus einer 400jährigcn Vergangenheit, die in diesem Falle fast völlige Aergesienheit bedeutet, ließ Tr. Kurt P i n t h u s an der Hand reichen Materials in einem Vortrage vor den Mitgliedern des Berliner Kulturbundes das Bild des clsässischen Juden Josel von Rosheim wieder aufsteigen. Von dem weltgeschichtlichen Hintergründe politischer, sozialer und religiöser Machtkämpfe hob sich, scharf belichtet rind menschlich greifbar, die Persönlichkeit eines Mannes ab, der. mit ungewöhnlicher Tatkraft ausgestattet, als der lebendigste Jude seines Jahrhunderts die Interessen seiner Glaubensgenossen in Wort und auch in Schrift unermüdlich und ganz uneigennützig vertreten hat. Eine im jüdischen Sinne heroische Erscheinung, eine persona ngens auf der Weltbühne, Spieler und Gegenspieler zugleich, der. eigenen Anschuldigungen und Verfolgungen mehrfach ausgesetzt. schließlich nichts Geringeres erreicht hat. als die Austreibung der Juden aus Deutschland zu verhindern. Ileberall. wo es sich in Mittelenropa um die Angelegenheiten seiner bedrohten Glaubensbrüder handelte, erschien der kleine Geld- Verleiher ans Nosheim auf dem Plan, vor Kaiser und Landesherren, auf den Reichstagen in Nnrnberg. Augsburg und Speyer, erstritt für die Juden Aufenthalts- und Handelsprivilegien, trat als Ber- Leidiger in Prozessen wegen Hostienschändung und Ritualmordes auf, erwirkte einen besonderen Schutz der Juden durch Kaiser Karl V. während des Schmalkaldischen Krieges, klagte mit Erfolg vor dem Rat von SLraßbnrg gegen die Verbreitung von Luthers judenfeindlicher Schrift, schlichtete vielfach auch Streitigkeiten in den eigenen Reihen — kurz: Josel, der anfänglich nur das Amt eines Vorstehers in seiner kleinen Gemeinde im Unterelsaß bekleidete, wurde in der Folge seines Lebens der „Oberste über alle Juden deutscher Nation". Und so darf er. wie der Vortragende am Schluffe seiner Ausführungen bemerkte. in seiner weitausgreisenden Tätigkeit, über Zeit und Raum hinweg, wls Vorbild für die Institution gelten, die wir heute die Rrüchsvertretung der deutschen Juden nennen. H. L. Der Verband Berlin deS Jüdischen Frauenbünde? teilt mit. daß in seinem Mabchenwohnheim Auguststraße 14/15 einige Plätze frei werden. Seit kurzem sind dort auch einige Plätze für junge Männer in .der Berufsausbildung eingerichtet worden. Meldungen an die Leiterin. Frau Abrahamsohn, Berlin 24, Auguststraße 14/15. Bemerkungen zu einem neuen Bus von Ricarda Such. (Allaniis-Aerlng) Mit ihrem neuen Werk Über das Römische Reich Deutscher Nation schenkt uns Ricarda Huch ein Lesebuch zur Geschichte des Mittelalters, wie man cs sich klarer zugleich und farbiger nichthätte wünschen können. Fähigkeit zu sachlichem Urtell und leidenschaftlichste Anteilnahme verbinden sich, um eine Gesamtanschauung von einprägsamer Bildlraft hervorzuruscn. Was dem deutschen Juden von heute dieses Buch besonders wertvoll machen muß. ist. daß das in der Wirklichkeit wie in der GeschichtSkegcnde so arg verkannte mittelalterliche Judentum dort eine Würdigung erfährt, so schön, so rein von menschlicher Trübung, so gerecht, daß damit viel Ungemach und Schande, die andere Autoren uns aufgebürdet haben, vor Gottes Thron ins gleiche gebracht werden kann. „Es ist lein Blatt in der Geschichte der Menschheit so tragisch und geheimnisvoll wie die Geschichte der Juden." So beginnt Ricarda Huch den Abschnitt, in dem sie über die Juden im Mittelster spricht, und sie faßt die Antwort, in der die ganze Spannung der jüdischen-Geschichte, in jener Zeit ansgedrückt ist, in einigen knappen Fragesätzen zusammen. „Waren sie anserwählt. weil in keinem anderen Volle eine so leidenschaftliche Spannung zwischen dem Guten und dem Dösen bestand? lind warum konnten sie, nachdem der Gottmensch in ihrer Mitte Fleisch geworben war. nachdem sie aufgelöst und in alle Teile der Erde zerstreut waren, nicht untergehen? Sollte ihnen die irdische Unsterblichkeit zuteil werden, weil sie an die jenseitige nicht glauben wollten? Sollte das Götter- und Sünderblut behalten bleiben als ein Tropfen bald heilsamen. bald tödlichen GifteS für seine Nachbarn? Gewiß nicht ohne Vorbedacht wird der Abschnitt, in dem in gesammelter Weise über die Juden gesprochen wird, an die Stelle des Buches gesetzt, an der davon die Rede ist. daß „der Goldgrund des Drüben", der die Gedankenwelt des frühen Mittelalters erfüllt hatte, sich langsam auslöste und die verwirrende Fülle der fpätmittelalterlichen Wirklichkeit, die schon in die neueren Jahrhunderte hinüberlcitet, sich austat. Mit Recht wird hervorgehoben, daß die Inden während der Regierungszeit der Karolinger, der Ottonen, der Salier und der Staufer im wesentlichen unangefochten. wenn anch in den von der Kirche sowohl wie von ihnen selbst gezogenen Grenzen, im Nahmen des Heiligen Reichs gelebt haben. Tie Erschütterungen des ersten Kreuzzugs haben die Judenschast sowohl wie die christlichen Zeitgenossen völlig unvorbereitet getroffen. Tie Mehrzahl der geistlichen und weltlichen Fürsten, wie auch die Bürgerschaft der Städte, in denen die Juden wohnten, haben sie zu schützen gesucht. Insbesondere war die kaiserliche Macht noch ehr furchtgebietend genug, um einem Satz Anerkennung verschaffen zu können, wie demjenigen, der in dem Privileg Kaiser Friedrichs I. für die Regensburger Juden steht: „Es ist die Pflicht der kaiserlichen Majestät, vom Recht wird es gebilligt und von der Vernunft gefordert, daß sie jedem unserer Getreuen, nicht nur den Vertretern der christlichen Religion, sondern auch denen, die. von unserem Glauben abweichend, nach den von ihren Vätern überlieferten Gebräuchen leben, das, was ihnen znkommt, nach Maßgabe der Billigkeit erhalten, ihren Gewohnheiten Dauer, ihren Personen und Gütern Frieden gewähren." Und vom letzten Staufer, der noch einmal Deutschland und Italien unter seiner Herrschaft vereinigt hatte/ von Friedrich II.. weiß man. daß er, ebenso wie ein Jahrzehnt später Papst Innozenz IV.. die Beschuldigung des Ritualmords nach eingehender Untersuchung als unbegründet und strafwürdig, bezeichnet hat. Mit dem Ende des ftaufifchen Kaisertums beginnt, wie die Wende der mittelalterlichen Welt überhaupt, so auch der Umschlag in der äußeren und inneren Lage der Juden, die inmitten des Römischen Reichs Deutscher Nation wohnten. In einem eigenen Abschnitt spricht Ricarda Huch über daS wirtschastspolitische und wirtschaftsethische Problem deS Wuchers im Mittelalter und über die Rolle, welche den Juden in diesem Zusammenhang zngosallen war. ,^Die Nebernahme der- Geldgeschäfte durch die Juden hatte für Juden und Christen verhängnisvolle Folgen. Indem die Juden zu .Gläubigern, die Christen zu Schuldnern wurden, entstand ein gespanntes Verhältnis, mit der Neigung zu gewaltsamen Entladungen. Während der Glaubenshaß eigentlich nur von der Kirche ausging, betras der Schuldncrhaß fast alle Kreise des Volkes." Von der Regierungszeit Rudolfs von Habsburg an waren die Juden das Objekt steuerlicher Erpressung durch die Fürsten und Herren, und sie konnten sich nicht anders helfen als dadurch, daß sie selbst wiederum zu Erpreffern gegen^ über ihren säumigen Schuldnern wurden. „Die Judenverfolgungen des 14. Jahrhunderts wühlten auf, was an bestialischen Trieben in den Untiefen des deutschen Volkes sich verbarg, und offenbarten den Heroismus, dessen die Juden fähig waren'. So pflegt die ewige Gerechtigkeit Gewinn und Verlust zwischen Verfolgern und Verfolgten zu verteilen."- Besonders aufschlußreich sind die Bemerkungen, dis Ricarda Huch im einzelnen zu den Derbrennungsorgien macht, welche zur Zeit des schwarzen Todes durch das ganze mittlere Europa rasten. Damals standen sich nach dem plötzlichen Tod Kaiser Ludwigs des Bayern die Gegenkönige Karl von Mähren und Günther von Schwarzburg gegenüber. Schon war das Ansehen des Kaisertums so weit gesunken, daß derjenige, der auf den altehrwürdigen Titel Anspruch erhob, gezwungen war, die Stimmen seiner Wähler zu kaufen. Karl von Mähren machte es sich zunutze, daß er als der Herr des Judenschutzes den Regierenden zu verstehen geben konnte, es sei ihm durchaus nicht unerwünscht, wenn sie sich an dem einzuziehenden Gut erschlagener Juden schadlos halten würden. Auch wollte er niemand für die Tötung von Juden zur Verantwortung ziehen. Als der Judenbrand - auögetobt hatte, setzte er dieser nnkaiserlichon Haltung die Krone aus. indem er aus der Wiederzulaffung von Juden erneuten Vorteil zu ziehen verstand. Nirgends als an dieser Stelle deutscher. Geschichte kann deutlicher gemacht werden, in wie verhängnisvoller Weise jüdisches Schicksal an ihm ■ eigentlich völlig fremde Entscheidungen gekettet ist. Zugleich wird deutlich, wie mit dem Sinken kaiserlicher Macht auch die Stellung der Juden in Tiefen abstürzte, aus denen sie sich erst wieder erheben konnte, als mit dem Ende des 18. Jahrhunderts neue Ideen am Horizont des europäischen Geistes heraufzogen. ) Vr. Vkerner Caimmann. WÄfZÄlssleMDWk Am 30. Januar 1933 wurde, erst 86 Jahre alt. Dr. Rudolf Hallo, wissenschaftlicher Mrtarbeiter am Kasseler Landesmuseum, in seiner Vaterstadt Kaffel zur letzten Ruhe bestattet; ein Dtann, der trotz der kurzen Aeit seines Wirkens durch hervorragende Schriften auf allen möglichen Gebieten sich besondere Anerkennung m weitesten Kreisen verschafft hatte. Ter viel zu früh Verstorbene hat der Nachwelt jetzt sein letztes Werk über Rudolf Erich Raspe „Ein Wegbereiter deutscher Art und Kunst" („Göttinger Forschungen". Heft 5, Verlag W. Kohlharnmer, Stuttgart-Berlin) hinterlaffen. Raspe war einer der hervorragendsten Gelehrten < der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Freund Herders und Lessings, ein bedeutender Philosoph, der sogar Einfluß ans Kant genommen hat. Bekannt als Geologe, als solcher auch von Goethe beachtet. In Kassel Professor an der Hochschule, dem sogcuanutcn Karoliinnn und Leiter des 5Nünzkadinetts des Landgrafen, vergißt sich der in Schulden Geratene und entwendet aus dem von ihm verwalteten Besitz eine große Anzahl Ätünzeu, Er flieht, mu nicht auf Grund des gegen ihn erlassenen Steckbriefs verhaftet zu werden, nach England und wird dort wieder wiffenschaftlich tätrg. Er beschäftigt sich u. a. mit Münchhausen, gibt dort die Münchhausen-Geschichten heraus. Ohne in England anerkannt zu werden, stirbt Raspe dort in Armut. Hallos Darstellung ist meisterhaft. Er zeigt eine einzig dastehende Kenntnis des deutschen Geisteslebens des 18. Jahrhundert. Wieder einmal sehen wir, wie etn jüdischer Gelehrter mit deutschem Wesen verwachsen war. Gerade mit seinem letzten Werk hat sich Hallo als deutscher Schriftsteller ein dauerndes Denkmal geschaffen. Lkeoäor Deltevie. . Die. : Zulassung deS Chaplin-FilmS „Gold- .aufch", dre 1926 erteilt war. ist auf Grund einer .vom Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda angeordneten Nachprüfung von d.r Filmooerprüfstelle widerrufen worden.

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