Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 14 (1935)
- Issue
- 2 (10.1.1935)
- Date
- 1935-01-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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'-Feststellung nicht sogleich der Dank für das' ^schon Geleistete geknüpft würde. Die lobend iicrnerkannten AnsangScrsolge sind nicht zuletzt i auf das Konto der jüdischen Presse zu sehen. muß jedoch hmzugefügt werden, daß nach ^meinem Eindruck die. Wirkung. stärker wäre, iwenn man sich stets gegenwärtig hielte, daß; nur planmäßige und in - den großen Zusammenhang eingeordnete Arbeit vorwärts führt. Die Presse würde sich ein besonderes Verdienst erwerben, wenn sie dafür sorgte, daß glückliche Methoden, die in einer Gemeinde zur Anwendung gelangen, andern Ortes hin-; ^reichend bekanntwerdcn. Woran ich dabei ' denke, wird noch zu zeigen sein. 2. Einzuwirken ist auf Menschen der mannigfachsten Altersklassen und der derschiedenartigstcn Vorbildung. Man kann nicht alle in gleicher Weise erfassen. Man soll aber auch nicht zu sehr iudividualisieren. Es soll ja doch zugleich das Gcmeinschastsbewußtscin gehoben und gekrästigt werden. Eine Aufteilung m zwei bis höchstens drei Gruppen dürfte genügen. Zu trennen wären etwa die Schuljugend, die schulentlassenen bis zum 25., höchstens zum 90. Lebensjahr und diejenigen, die diese Altersgrenze überschritten haben. Gebührt der Jugend der Vorrang, so wäre es doch verhängnisvoll, wcnw man die Aelteren vernachlässigte. Und unbedingt sollte in nicht zu kurzen Abständen die Gesamtheit immer wieder zusammengefaßt werden, damit die Entwickelung zur lebendigen Gemeinschaft mit der Wissensdereichernng Schritt hält. 3. Wie mau es anfangen soll, die Menschen zu fesseln, ist an Hand der in den letzten Jahren erworbenen Einsicht in die Gesetze der Massenpsycholvgie, nach Pädagogischen Erfahrungen zu entscheiden. Ich kann dazu aus meinem Lebeuskreise nur zwei Beispiele beisteuern, die mir nachahmenswert erscheinen. So halte ich es für methodisch richtig, wenn den Ansprachen der Rabbiner an den Freitagabenden während des ganzen Winters das gleiche Thema zugrunde gelegt wird. In Essen wird gegenwärtig das Buch der Richter ausgeschöpft. Vorher waren „Köpfe ans dem Talmud" an der Reihe. Für nachahmenswert halte ich ferner die Verbindung von Arbeitsgemeinschaften mit großen Vorträgen. .Etwa fo, daß' allmonatlich über das Teilthema, das in der Arbeitsgemeinschaft durch genommen wird, von einem anderen Redner — im größeren Rah-' men — ein zusammensassender, auf die großen Gesichtspunkte abgestellter Vortrag gehalten mird. III. Man wird mir entgegenhalten, daß Auf- 'gaben dieser Art den Gemeinden obliegen, und daß sie nicht zur Zuständigkeit des C.-V. gehören. Ein solcher Emwurf scheint, mir nicht gerechtfertigt. Gewiß haben die Gemeinden ihre Menschen zu erziehen, sie zu guten Juden heranzubilden. Allein die Aufgabe ist so groß, so vielgestaltig und so dringend, daß die schwer belasteten Gemeinden.mit ihr allein unmöglich fertig werden können. Ohne Anspannung aller Kräfte geht es nun einmal nicht. Verbandscgoismus und Prestigegesichtspunkte hat der C.-V. erfreulicherweise völlig zurückgestellt. Das hat er bei der Schaffung der Reichsvertretung bewiesen. Und daran hat die Leitung des C.-V. seither treulich festgehalten. Dazu kommt: Der C.°V. darf bei dieser Erziehungsarbeit nicht fehlen, weil es nicht gleichgültig ist, in welchem Geiste sie geleistet wird. Umnicht mißverstanden zu werden, füge ich gleich hinzu: Es wäre unverantwortlich, wenn „weltanschauliche" oder, um den leider so beliebten Ausdruck zu benutzen, „ideologische" Gegensätze in die Arbeit hineingetragen und damit Reibungen ausgelöst würden. Das würde niemand schärfer mißbilligen als ich. Die Einschaltung dev dem C.-V. nahestehenden Menschen soll vielmehr gerade darauf gerichtet sein, zu verhüten, daß der Richtungsstreit hier eindringt. Und dazu kommt ein weiteres, das ich auf die Gefahr, anzuecken, ausspreche: Ich halte es für wünschenswert, daß über diese Brücke der C.-V. in aller Form in d a sei gen tli che Gemeindeleben ein dringt. Die Erkenntnis, daß unsere Gemeindefronten veraltet sind, ist nicht neu. Die Einsichtigen sind sich nicht erst seit gestern darüber im klaren. Die organisatorische Ausdrucksform des religiös-liberalen Judentums, das Jahrzehnte hindurch die Gemeinden in Deutschland geführt. hat, ist nicht mehr zeitgemäß. Es muß abtreten, wie jede Partei, die ihr Programm restlos - durchgesetzt hat. Gegenwärtig gibt es neben der zählenmäßig stark zurückgegangenen ^Orthodoxie nur zwei Richtungen. Die eine '.Gruppe sicht nach wie vor in .Deutschland, ihren Mittelpunkt. Ihre Anhänger wollen hier als Juden leben und wirken. Sie sind inVC.-D. znsammengefatzt. Die andere sieht in Palästina das Zentrum. Ihre Anhänger haben — stärker oder schwächer — den Wunsch, dorthin zu ' übcrsicdeln. Ten Ausbau, die volkliche geistige und wirtschaftliche Entwicklung Palästinas halten sie für wichtiger und dringlicher. So verläuft in Wirklichkeit die Scheidelinie', und nur so. In der praktischen Arbeit werden beide Richtungen weitgehendst, bei gebührender Rücksichtnahine auch harmonisch und fruchtbar zusamincngehen können. Um aber zu eininn gerechten Ausgleich zu kommen, müssen die Pole klar und scharf fixiert, die Linien sachgemäß herausgehoben und geführt werden. Bei dieser Forderung, deren Echo unschwer vorauszusehen ist, mag es heute sein Bewenden haben. IV. Zu den feststehenden, zudem allseitig anerkannten Programmpunkten gehört weiter die berufliche Umschichtung und ihre Folge, die veränderte soziale Gliederung. Die Probleme, die hier austauchen, werden so ausgiebig erörtert und fo mannigfach bearbeitet, daß ich mich darauf beschränken möchte, eine Frage zu stellen: die Frage nämlich, ob es richtig ist, eine Schwenkung um volle 180 Grad zu voll-' ziehen? Wir sind darüber einig, daß viel gesündigt wurde. Ist es indessen möglich und klug, das Kind mit dem Bade auszuschütten und restlos zu verpönen, was bislang an- - gebetet wurde? Weiter sollten, wie ich meine, unsere Ziele gegenwärtig nicht gesteckt werden. Man muß doch wohl das eigene Haus zuerst bestellen, im Inneren gesunde Verhältnisse schassen, ehe man weilerstrebt. So schnell, wie der ungeduldige Zeitgenosie es gerne möchte, werden wir damit nicht fertig. Es gilt, das in anderthalb Jahrhunderten Versäumte nachzuholen. Fünf Generationen sind in der verfehlten Richtung über die Lebensbühne gegangen. Haben wir einmal aufgcholt, fließt die jüdische Quelle wieder lebendig. Dann wird i n u n s das seelische Gleichgewicht der Kräfte wiederhergestellt sein. Und eine so gesicherte, im Judentum wie-im Deutschtum gleich festverankerte Gemeinschaft wird berufen sein, ihr Verhältnis zur Umwelt spruchreif zu stellen. Lurze Dettnchkungen zu neueren Angriffen aus das jüdische Schrifttum Don Rülrdiner Or. M. Eschelbachee-Düsseldorf Der Ausdruck „sondern Vieh" steht nicht im Talmud. Dieser behandelt die Frage dreimal gleichlautend, Bara mezia 114b, Jcbamoth 61a und Kerithoth 6b. Nirgendwo steht der Zusatz „sondern Vieh". Nur in einer einzigen Ausgabe, der bei Daniel Bömberg gedruckten, Venedig 15201! ist er in der Stelle Baba mezia eingeschobcn. An den beiden anderen fehlt er auch hier. Er ist em Fremdkörper. Denn er ist sachlich falsch. Nirgendwo bezeichnet die Schrift Nichtjuden als Vieh. Er stammt aber auch nicht aus dem Talmud. Denn er findet sich in keiner einzigen Handschrift. Ebenso fehlt er in sämtlichen Druckäusgaben von der Lubliner, 1559—1576, bis zu dem modernen Wilnaer Editionen. Ebensowenig nimmt die enorme rabbinische Literatur, die alles irgendwie Bemerkenswerteerörtert, auf ihn Bezug. > Er existiert eben nicht. Ein Kritiker mag sämtliche Handschriften und Ausgaben der - Gemara untersuchen, er wird den Zusatz nur in dieser »inen, anerkanntermaßen fehlerhaften Venetianer Ausgabe an einer von drei Stellen finden, sonst aber nirgends, weder vorher noch nachher. Vielleicht :ist er von Jakob ben Chajim eingeschmuggelt, dem Korrektor des Druckes und Verlegers Daniel Bömberg, der „in der Vorrede zu dessen Bibelausgabe sich sehr jüdisch-rechtgläubig gebärdete und später doch zum Christentum überging". (Graetz, Geschichte der Juden, Bd. 9. Leipzig 1866, S. 230.) Dieser spätere Konvertit mag vor seinem Ucbcrtritt seinen damaligen Glaubensgenossen noch dieses Kukuks« in die von ihm als Korrektor betreute Ausgabe gelegt haben. In deru sonst gleichlautenden Parallelstellen fehlt es. Die Worte „sondern Vieh" stammen eben nicht aus dem Talmud. Das kann mit völliger Bestimmtheit gesagt werden. Daß Menschen anderer Art als „Untermcnschen" bezeichnet werden, ist nicht selten. Beispiele liefern heute extreme Rassentheoretiker. Auch Heinrich von Treitschke verglich die Osmanen „jenenharmlosen wilden Hunden, welche tagsüber in den Gassen Stambuls schlafen, bei Nacht den Unrat aus den Häusern fressen, aber sobald man sie ins Haus nimmt, jeder Erziehung trotzen und aus Sehnsucht nach der Freiheit bald dahinsterben". (Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, V. Leipzig 1894, S. 67). Nirgendwo aber findet man im jüdischen Schriftum ein ähnliches Urteil über ein fremdes Volk. III. In der antisemitischen Literatur wird oft behauptet, der Talmud nenne die Nichtjuden Tiere. Als Beleg wird ein angeblicher Satz aus Baba mezia 114b zitiert: „Ihr werdet Menschen genannt, nicht aber werden die Nichtjuden Menschen genannt, sondern Vieh." Diese Uebersetzung ist im entscheidenden Punkte falsch. Die Worte „sondern Vieh" fehlen in: Talmud. Die ganze Stelle ist nur in ihrem gesamten Zusammenhang verständlich und lautet: „Rabbi Simon ben Jochai sagte: ,Die Gräber der Gcstirndicuer verunreinigen nicht durch das Zelt, denn e8 heißt (IV. B. M. 19. 11): .Wenn ein adam im Zelt stirbt (wird jeder, der im Zelt ist. unrein)', und cs heißt (Ezechiel 34, 31): ,Jhr aber seid Meine Schafe, die Schafe, die Ich weide, adam seid ihr.' Ihr werdet rn der Schrift adam genannt, nicht aber werden die Gestirndiener dort adam genannt." Es handelt sich hier um die biblischen Reruheitsgesetze, eine Schöpfung aus der Urwelt, die dem Verständnis der Gegenwart fern liegt, 2)a8 Zitat bedarf also der Erklärung. Wer den Leichnam eines Menschen berührt, wird nach dem Gesetz der Thorah (IV. B. 'Sk. 19, 11 ff) auf sieben Tage unrein. Erst wenn er bestimmte ReinigungZvorschristen erfüllt hat, darf er wieder den Tempel betreten, Opfer darbringen, vom Opfer genießen. Unter Umständen tritt aber dieser Zustand der Unreinheit auch ohne Berührung. bloß durch die räumliche Nähe eines menschlichen Leichnams, ein. DaS bestimmt die Thorah einige Verse nachher (V. 14 ff.): „Dies ist die Thorah: Wenn ein adam im Zelte stirbt, wird jeder, der in das Zelt kommt, sieben Tage lang unrein." . » Diesen Tatbestand bezeichnet Simon bei, Jochai in der oben angeführten Talmudstelle als „Verunreinigung durch das Zelt". Um sich vor ihr zu bewahren, darf heute noch der Priester (Kohen) den Friedhof nicht betreten. Für welchen Menschenkreis diese Bestimmung gilt, ist eine naheliegende Frage. Im zweiten nachchristlichen Jahrhundert suchte sie Simon ben Jochai mit den Mitteln der Philologie, durch Beobachtung des biblischen Sprachgebrauchs, zu lösen. Wen meint die Thorah an dieser Stelle mit dem Worte „adam"? Für die Beantwortung zieht er einen Vers aus Ezechiel. 34,31, heran, in dem ebenfalls das Wort „adam" gebraucht wird. Der Prophet verkündet als ein Wort Gottes: „Ihr seid Meine Schafe, die Schafe, die Ich weide, adam seid ihr." Ezechiel versteht also an dieser Stelle unter „adam" Israel. Daraus schließt der Rabbi, daß daS Wort in der Thorah an der angeführten Stelle die gleiche, eingeschränkte Bedeutung habe. Tann gilt also das Gesetz über die „Zeltunreinheit" nur im jüdischen Kreise, und die Gräber der Nichtjuden fallen nicht darunter, das bedeutet, sie machen nicht unrein und der Priester darf mithin einen nichtjüdischen Friedhof betreten. Die Deutung des Simon ben Jochai hat entschiedenen Widerspruch gefunden. In der Tat bezeichnet-die Bibel Nichtjuden durchgängig als „adam" und faßt sie. wie schon bemerkt, mit den Juden unter dem gemeinsamen Begriff der bens ackam, der Kinder Adams, zusammen. Die klasstchen Erklärer des Talmud polemisieren daher gegen die Auffassung des Simon ben Jochai. Die eingehendste Auseinandersetzung über die Frage stammt von den Tossaphisten, den Meistern des Talmud im zwölften Jahrhundert (zu Jebamoth 61s. s. v. ween). Dabei liegt ihnen jede apologetische Tendenz fern. In ihrem Tagen, vor achthundert Jahren, hat ja noch niemand dem Talmud Menschenhaß vorgeworfen. Das Religionsgesetz hat denn auch in seiner endgültigen Fassung im Gegensatz zu Simon ben Jochai auch an dieser Stelle. IV. B. M. 19, 14, die Nichtjuden unter dem Begriffe „adam" eingeschlossen. Denn nach dem Schulchan aruch. Joreh deah 372. 2, soll der Priester einen nichtjüdischen Friedhof so wenig betreten, wie einen, jüdischen. Stt IliK mb iulelf Dr. Bruuo Weil, Stellvertreter des Vorsitzenden des C.-V., der sich zurzeit alS abstimmungsberechtigter Saar- -deutscher in Saarbrücken aufhäk!. sprach am 3. Januar in Liegnitz über l .Weg des deutschen Inden" und am 5. Jam in der Stettiner Shnagvge über „Rechschaft und Ausblick". Die Zuhörerschaft war v dem nach großen Gesichtspunkten geordneten u ■ . glanzvoll vorgetragenen Stoff auf das stärkste ■<. packt und folgte dem Redner in gespannter A: - mertsamkeit und mit stürmischem.und herzlich! - Dank für die Bereicherung und Ausrichtung, l er ihr gegeben hatte. In Licgnttz behandelte Dr. Weil besonders t Frage, ob es in der Welt tatsächlich irgend etw, wie eine „Jüdische Internationale" gäbe, die na dem Vorbild der Protokolle der Weisen voll Zii den Versuch der Aufrichtung einer Wclthcrrscha der Juden machte. Er verneinte diese Frage m . sehr großer Entschiedenheit und betonte, daß g rade die Erfahrungen der letzten beiden Jahre b> - wiesen, daß in einer selbst für das Judentum i der Welt durch die deutschen Ereignisse so schwieri gewordenen Situation sich nicht einmal Ansäszu gemeinsamen politischen Aktionen der Jude in der Welt gefunden hätten. Gerade diese Zei habe vielmehr bewiesen, daß die Juden der ein zelnen Länder, geleitet von ihrer Empfindung ab Staatsbürger und Juden überall in politischei Fragen, wo ein Kollision zwischen verschiedene, Interessen hätte entstehen können, sich be dingungslos auf die Seite ihres Lande? . geschlagen haben. Auch die Saarsrage werde als bald für diese Anschauung ein gutes Beispiel bilden. Vtan werde vergeblich ganz Frankreich durch'aui'en, um dorl einen Juden zu finden, der in dieser Frage die jüdischen Interessen würde rvahren wollen, wenn diese irgendwie mit der Politik Frankreichs in ver Saarfrage nicht übereinstimme. Tie Saarfrage se: -aber auch ein geradezu klassischer Beweis dafür geworden, daß die deutschen Juden Besserung und Erleichterung ihres Schicksals nicht von nebelbaftcn ausländischen Interventionen zu erwarten hätten, sondern daß die Lösung der deutschen Judenfrage in Deutschland gesucht werden müsse. Niemand könne sich darüber wundern, daß die Juden der ganzen Welt Angriffe, die gegen ihre Religion oder ihre Abstammung gerichtet seien, zurückgcwlcsen, auch niemand darüber, daß dem materiell sehr fdjiradj gewordenen deutschen Judentum, vor allem in seinen nicht ausgewanderten Gliedern, materielle Hilfe-und Unterstützung von Glaubensgenossen in der ganzen Welt zuteil geworden sei. TieS sei aber auch alles. In Stettin stellte Dr. Weil'die Emanzipationsfrage in den Vordergrund seiner Betrachtungen. * Dr. Rudolf Callmann. Stellvertreter des Vorsitzenden des C.-D.. sprach in Karlsruhe vor einem bis auf den letzten Platz besetzten Saal über „Der jüdische Mensch in der Problematik der Zeit". Es war kein Referat und kein Vortrag, was er gab, sondern ein von tiefster Lci.dcnschustlichkeit und letztem Wissen um die geschichtlichen und philosophischen Grundlagen unserer Existenz getragenes Bekenntnis zu den über das Materielle herausgehenden Dingen in unserem Leben, unsere gegenwärtige Lage als Menschen, als Deutsche, als Juden in ihrer großen und grundsätzlichen Krisis zu zeigen — er bezeichnte sie treffend-als „Stellung zwischen Frage und Antwort" — rollte er ein Bild vom geistigen Gang der Menschheit in zweitausend Jahren auf. der auch uns mitgorissen und uns unsere spezielle Formung gegeben hat. Jeder verspürte, hier sind Dinge, denen wir in unserem Leben Platz geben müssen, die wir gewiß im Kampf des Alltags nicht verwenden können, die aber ebenso, sicher den Weg unserer Zukunft mitbestimmen. 'Dafür dankte ihm denn neben dem stürmischen Beifall der Landesverbandsvorsihende, Rechtsanwalt Hugo Stein mit warmen Worten. H. 8—r. Asm Begreifen des Allen Tesiamenis In der „Rhein- und Ruhrzcitung" (6. Januar) lesen wir in einer Betrachtung besinnliches" von Pfarrer Traub: „Nach alter Sitte lasen wir in unserem Haus beim scheidenden Jahr die Worte unerreicht metallenen Klanges: „Herrgott du ' bist unsere Zuflucht für und für! Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit." Der Mensch greift hinüber über die Zeit nach der Ewigkeit. Solange er das nur selbst tur, wird er auch diese Ewigkeit zuletzt immer noch irgendwie einreihen . in seine kleinen, armen Vorstellungen von der -Zeit. Er wird sich immer Mühe geben, sie an der Zeit selbst zu messen. Als würde die Ewigkeit ' da anfangen, wo die Zeit aufhört oder ähnliche tastende Versuche menschlichen Denkens und Sinnens! Wirkliche Ewigkeit wohnt nur bei Gott und bei dem Menschen, dem er sich schenkt. - Das ist die frohe Gewißheit einer frominen Ueberzeugung, die gegen alle Zeit stand- - hält. Wenn es heute manche Menschen gibt, die da8 Alte Testament lächerlich machen und ihm einen knechtischen unterwürfigen Geist andichten. dann haben de das Alte Testament noch nicht gelesen öder sich wenigstens noch nicht erfassen lassen von. der Tiefe eines solchen Psalmwortes. Demgegenüber muß man ganz still werden und. nichts anderes tun als dankbar sein, daß über allen Zeitech- .Über allen Völkern. - über allen Staaten dörHWelt. noch ein anderes. Reich lebt, das unvergänglich ist. ein Reich — von Ewigkeit ' zu Ewigkeit/- D!e Wer von OvMrM mW Wir haben in der vorigen Nummer über eine Friedhossschändung in Ovelgönne berichtet. Die! „Oldenburgische Staatszeitung" vom 4. Januar enthält einen Polizeibericht, das „die Grabschänder, die auf dem Judenfriedhof in Ovelgönne Grabsteine zerstört hatten, festgenommen sind. Es handelt sich um einen zwölf- und einen vierzehnjährigen Jungen. Ter ältere ist in Haft genommen. Vorerst sei bemerkt, daß die Täter keiner Formation der NSDAP angehören." Die „Oldenburgische Staarszeitung" betont in einem Kommentar zu dieser Dteldung, „daß die Juden sowohl als jeder Deutsche vor Söerftöfceu gegen das sittliche Gefühl geschützt werden." Sie wendet sich aber dagegen, daß die Jüdische Gemeinde in der örtlichen Presse eine Belohnung von 50 RM und dann von 100 RM aus setzte. Sie nennt das „eine möglichst weite Bekanntmachung der Grabschändung an sich". Die Zweckmäßigkeit der Aussetzung von Belohnungen für die Ermittlungen von Missetätern ist ebenso wie die Beteiligung möglichst weiter Kreise des Publikums an ihrer Ermittlung ein kriminalistischer Erfahrungssatz von unbestrittener Zweckmäßigkeit. Wenn die jüdische Gemeinde auf Grund einer solchen von allen Kreisentit gleicher Weise verurteilten Lall'die Belohnung auSsetzte, so tat sie daS in der gleichen Absicht wie jeder Betroffene, der bei einem.schweren Verbrechen durch Aussetzung einer Belohnung die Ermittlung der Täter beschleunigen-, will. Daß eine Jüdische Gemeinde die Schändung ihres Friedhofes als eine ihr zugefügte schwere Unbill ansieht, wird Verständnis finden. •"' ~