Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 52 (28.12.1934)
- Date
- 1934-12-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Alfred Stern 1× ep/1024141
- Berthold Auerbach 1× ep/1025877
- Fanny Lewald 1× ep/1025310
- Fritz Mauthner 1× ep/1025365
- Jakob Bernays 1× ep/1025909
- Karl Emil Franzos 1× ep/1026099
- Kurt Pinthus 1× ep/1026269
- Lazarus Geiger 1× ep/1023468
- Ludwig Börne 1× ep/1005809
- Ludwig Fulda 1× ep/1026697
- Paul Heyse 1× ep/1006556
- Paul Lindau 1× ep/1026440
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nuf bcm „roofen Boden", der ihn hervorgeprg.chtz der fränkischen Heimat. Beiden, Heiue wie Wasserinaun. eignet der ungeduldige^ jüdische Drang, der „die Endzeit bc-, drängt", indem er dnZ Geistige tii-5 Wirkliche dincinznziehen sucht, um das Gottesreich jciitackenloser Gerechtigkeit auf Erden „bald und in unseren Tagen" 311 erfüllen. Aber -während Heine als ein kecker Fechter verheißtu ..Ja. Zuckererbsen für jedermann. Sobald die Schoten Platzen. Ten Himmel überlassen wir Den Engeln und den Spaßen." ringt Wassermann nach-seinem Ziel mit dem qualvollen Aechzen eines Mannes. der an den Steinen des Widerstandes sich wundstößt. Im Verhältnis zur Umwelt endlich bezeichnet Heine die Frühzeit der Emanzipationsepochc. Wasserman ihr Ende. - Beide sind deshalb - unb nicht allein aus persönlicher Veranlagung — schiver zcrspaltene Naturen, die niemals Ruhe finden. Beide begleitet durch ihr ganzes Leben die Frage nach dem Sin,: ihres Zudeseins, zu dem sie beide am Ende ihres Gebells sill) bekennen: aber sie sind beide ehrlich genug, alle glatten und klaren ..Lösungen". die so oft von wohlmeinenden Freunden angcboten werden, abznlehnen. Sie lassen sede ..vorzeitige Harmonisierung". Einen Sah wie den Heiueschcn: „Die Juden, wenn sic gut. sind sie besser, wenn sie schlecht, sind sie schlimmer wie die Christen" hätte cmd) Wassermann, wenngleich unwillig den ihm fremden aphoristischen Geist anerkennend, richtig heißen müssen. Aber Heines Leiden an der „unheilbar großen Brüdcrkrankheit" wie an dem eigenen schweren Schicksal ist überstrahlt von der Hoffnung, daß dermaleinst alle freien Geister ans Juden und Christen in der Republik des europäischen Sozialismus geeint sein mochten, während Wassermanns „Weg als Deutscher und Jude" durch das immer dichter werdende Gestrüpp einer Zeit führt, in der alle gegen alle anfstehen und in welcher der Suchende zum Schluß in Vorurteilen wie in einem dornigen Dickicht erstickt. Heine hat noch am Ende als vergifteter Kämpfer von seiner Matratzcngrust aus die Morgenröte der Freiheit gegrüßt. Wassermann gehört einer Generation an. die den Untergang im ttebergang erleben muß und die stirbt, bevor sic das neue Land gesehen hat. EKillerS re) Wir rrhi-Tte:? einen Hinweis auf das Buch .'"i 5,. eoricius: „Schiller als Kampf- - ' , n dem Empfehlungsschreiben, iv: y k, 1 ' yt Buche mit auf den Weg gibt, I' e< könne auch „Schiller, der erste?u-'';'i ' wißen. Es wird betont, daß .■c-ni-iU” ur tiefschürfender Weise den Rationauozmnsmus m Schillers Dramen vor Augen führe. Werter wird behauptet: „Schiller mußte wie Horst Wessel einen frühen Tod st c r b e n, weil er den Juden und den Freimaurern ein Dorn, im Auge war." Schließlich heißt es: „Das Buch gell ö r t' i u die H a n d d e r deutschen Jugend. des führenden Lehrers." Wenn in dem hier zitierten Schreiben, das dem Buche des Herrn Fabricins den Weg zur Jugend und ihren Erziehern eröffnen soll, erklärt wird, daß'an Schillers frühem Tod die Juden und die Freimaurer schuld seien, dann darf dies nicht unwidersprochen bleiben. Für die Freimaurer haben wir nicht cinzntreten. Wenn der Verfasser jenes „Waschzettels" aber irgendwelche Berührung mit Kulturgeschichte und Schrifttum hat. dann kann ihm nicht unbekannt sein, mit welcher Liebe, mit welcher Inbrunst das Judentum an dem Dichter der Mcuschenrcchte gehangen hat. wie er für das Getto ein Licht in der Finsternis gewesen, ein Pfadfinder in die Freiheit, wie bis aus den heutigen Tag lein einziger Dichter der Weltliteratur für die Juden so sehr Besitzstand des Geistes und Gemütes geworden ist? Erst unlängst, beim t 75. Geburtstag Schillers, ist das sestgcstellt worden. Und diese Juden des achtzehnten und beginnenden neunzehnten Jahrhunderts sollen den Sänger der weltinnfasscuden Menschenwürde als einen Dorn im Auge empfunden haben, einen Dorn, den man ausScißen und vernichten mußte? Kein Lehrer wird vor seinem Gewissen verantworten können, daß er seinen Pflegebefohlenen entgegen allen eimvandfrei beglaubigten Zeugnissen vom Leben, körperlichen Ermatten und Sterben Schillers wetterverbreitet, er sei gleillifanr einem geistigen Ritualmord von seiten der Inden zum Opfer gefallen. Schillers Lebenslicht war früh Heruutcrgebrannt. Aber bis zur letzten Stunde hat es in Reinheit geleuchtet. Man soll es nicht mit den Staubwolken nachträglichen Kampfes trüben! g G. LMM AMMAN In diesen Tagen konnte der Cottasche Verlag in Stuttgart sein 275jährigcs Jubiläum feiern. Unter der großen Reihe bedeutender Autoren, deren Werke im Laufe der langen Zeit im Cottaschen Verlag erschienen sind oder die an einer der Cottaschen Zeitschriften mitarbciteten, befinden sich viele Juden. Lange Jahre hindurch stand Heinrich Hein e als Mitarbeiter an der Cottaschen „Allgemeinen Zeitung" und am „Morgenblatt für gebildete Stände" in enger Beziehung zu dem Hanse Cotta. „Das war ein Mann, der hatte die Hand über die ganze Welt", schreibt er von Joh. Friedr. Cotta, dem Freund Schillers und Goethes. Und er schildert Georg von Cotta, dem damaligen Leiter des Verlags, in einem Brief, wie sein Vater als wackerer, würdiger Mann, vorurteilsfrei und weitsichtig, in seiner Erinnerung lebe. Auch mit dem Redakteur der „Allgemeinen Zeitung". Gustav Kolb, war er befreundet. Roch im Jahre 1841 betont er, daß ihn nicht die Eitelkeit locke, in der „Allgemeinen Zeitung" zu „figurieren", statt in einem minder angesehenen Blatte, vielmehr der Umstand, daß die Redaktion in befreundeten Händen sei und.daß die „Allgemeine Zeitung" i>a§ Lieblingsinstitut Joh. Friede. Cottas war. Für dieses sein Lieblingsinstitut' hatte Cotta auch noch andere bedeutende Juden zur Mitarbeit gewonnen. Ludwig Robert, der Bruder der Rahel, nahm im Jahre 1829 Cottas Vorschläge an, wöchentlich einen Brief, überdies bei interessanten Neuigkeiten besondere Berichte für die „Allgemeine Zeitung" anS Berlin einzuscnden. Und im Januar 1827 schreibt der Dramatiker Michael B e e r an Cotta: „Die freundliche Art und Weise, die ehrende Zuvorkommenheit, mit der Sie mir in Paris entgegengetreten sind, der ausgesprochene Wunsch, mit mir in literarische Verbindung zu treten, muntert mich auf. Ihnen eine kürzlich hier /-vollendete literarische Produktion zu senden.-von ... 'welcher ich sehnlichst wünsche,.daß sie in Ihrem geehrten Verlag erschiene." Cotta verlegte Vcers Dramen und schätzte seine Beiträge für seine Zeit-- . schriftcn. Er und seine Familie standen in freundschaftlichen Beziehungen ,zn ihm. Einem Brief aus dem Jahre Itzllü fügte Beer seine Empfehlungen an Frau von Cotta hinzu, „die alle Herzen im Sturm erobert. Mehrere Damen, die das Glück gehabt, sie in Baben'vorigen Sommer zu sehen, ', können nicht aufhörcn. von ihrer Liebenswürdigkeit und Anmut zu erzählen. Mir freilich haben sie dadurch nichts Neues erzählt, indes hört ein echter Freund seine Freunde gern, loben." Ludwig Börne, August und Fanny Lewald. Moritz Gottlicb Saphir. Gabriel Ricsscr, Julius Friedrich Stahl. Einil Kuh u. a. in. waren in jenen Zeiten für den Cottaschen Verlag tätig. Besonders freundschaftliche Beziehungen aber verbanden Georg von Cotta mit Berthold Auerbach. Im April 1858 schickt ihm dieser das Manuskript von „Friedrich dein Großen von Schwaben" und fügt hinzu: „Ich bin begierig, den Eindruck von Ihnen zu'vernehmen, das ist immer meine schönste Hoffnung. Ihr warmes Miteinpfinden rege zu machen. Sie können mir ohne , Besorgnis jeden Tadel anssprechen. Wo der Tadel ans der Quelle solchen Wohlwollens kommt, wie ich bei Ihnen weiß, hat er nie eine Spur der Verlegung." Georg von Cotta antwortete: „Nun habe ich in einem Atem alle 3 Stücke (für den deutschen Volkskalendcr auf das Jahr 1859) heute Rächt durchlesen, und schildere Ihnen einfach ' ohne ^Prätention ein kompetentes Urteil abgebcn zu können, -über mit der Offenheit, die ich einem Freund schuldig bin. den Eindruck, den mir diese Lektüre zurückgelassen hat. Friedrich der Große von Schwaben, so schön er auch in einzelnen Teilen, hat mich nicht so angesprochcn, entfernt nicht, wie Ihr Gellerts letzte Weihnachten, vor dem ich immer noch in Gedanken niederknie und das ich für den Prototyp eines klassischen Kalenderstückcs halte." Es gefällt Cotta nicht, daß Auerbach die kleinbürgerlichen Verhältnisse schildert, in die Schiller hineingeboren wurde. Aber Schillers Tochter, Emilie von Gleichen-Rußwurm, hält ihm entgegen, daß sich ganz Bonnland jetzt um den Kalender reiße. „Es hilft Ihnen nichts. Sie . müssen sich ergeben, daß Schiller geboren wurde" und nicht wie Cotta an Auerbach schrieb, als ..ein geistiges Meteor, ohne Hcimathaus in dieser Welt, gerade vom Himmel heruntergekommen" sei. Auch eine Reihe wissenschaftliche^ Werke jüdischer Autoren verlegte Cotta. Es seien hier nur genannt die Werke des Sprachforschers Lazarus Geiger, des Altphilologen Jakob Bernays, der Philosophen Georg Simmel und Fritz Mauthner, Des jüngst verstorbenen Musik-- Historikers Max Frie dlan der und des Geschichtschreibers Alfred Stern. . Don den Dichtern und Romanschriftstellern, deren .Werke bei Cotta' erschienen, seien erwähnt Lou An d rea s-Sä lomdie Freundin Nietzsches, 'Oskar Blumen thal, Georg H i r s ch f e l d, Paul Lindau, in neuerer Zeit Karl Emil FranzoS, der Schildsrer jüdischen Lebens im Osten, und Ludwig Fulda. In seiner Jugend sagt Paul Heyse einmal; „Es. war ein seltener Glücksfall, bei Cotta anzukommcn." Dieses Glück hatte eine beträchtliche- Anzahl von Juden, denn in dem altangesehenen Verlag wurden die Werke unbestechlich auf ihren Werk geprüft, unparteiisch und ohne Ansehen der- Person. Dr. Alice Blumgart. %4wj| Im „Antäus" von O. F. Gruppe. einem der vortrefflichsten und vergcssenstcn deutschen Echriststeller und Sclüstdcnker, finden wir einen Abschnitt, der jetzt etwa seinen hundertsten Gebnrtstog feiern dürfte, mit einer bemerkenswerten Aeußerung über die Ursachen des Fortbestehens und einer entsprechenden über das lyrische Talent des Judentums: TaS kleine Volk verdanke feine Eigentümlichkcit nicht Palästina, „vielmehr den Ländern, in welche das Schicksal cs vertrieb: Aegypten, Arabien, Persien. Das Land der Kasten. Aegypten, die Lebe der arabischen Wüste und die persönliche Starrheit in Mosis Eharaltcr.gaben ihmjenes Gesetz, das Jahrtausende ansgchalten. und die damaligen klimatischen und Kulturverhältnisse bescstigt hat. Vorstellungen des patriarchalischen Lebens sind sonach diesem Volk, das. von Aegyptens Mumicnlnst angesteckt, erhärtete, für alte Zeit eigen geblieben, selbst in seiner Zerstreuung.. Aber die hebräischen Vorstellungen' von Gott sind durchdrungen von der schönsten Menschlichkeit, und so muß man sic denn auch ausehen, wenn . mau sie selbst haben mifl: man hüte sich insonderheit. dieser Einheit Gottes irgend etwas Metaphysisches nntcrzulegen. Tic bildende Kunst gedieh in Palästina zu freier Schönheit nicht. Sie konnte es auch nicht wohl, aus Gründen, die bei dem Vergleich mit Griechenland von selbst einleuchten werden: dafür aber, gleich der Palme, entfaltete die Poesie, und zwar fast nur die lyrische, ihre großen Blätter. Wie diese Kunst nun selbst ist. schon darum wurde das Wesen Gottes in das Gebiet des unsichtbar Mächtigen, nicht aber in ein körperliches Ideal gezogen. Eine Wechselwirkung ist hier allermindestens." * Ter berühmte Mediziner Leo von Liebcrmann verzeichnet in seiner Autobiographie folgendes kleines Erlebnis, das seine Berufswahl mitbestimmt hat. aber auch an sich nicht reizlos ist. (Eine ganz ähnliche Episode findet man in Ludwig Strauß' eben erschienenem Büchlein „Botschaft.") „Mein Vater wurde häufig auch in meilenweit entfernte Dörfer gerufen, und es war mir manchmal erlaubt, ihn auf solchen Krankenbesuchen zu begleiten. So hielt nun ivieder einmal am Rachmittag eines Spätsommertages ein mit zwei Bauerupscrdchen bespanntes Wägelchen vor unserem Hause, um Vater zu einem erkrankten Kinde in ein einige Meilen entferntes Dorf zu holen. Ich durste ihn auch diesmal begleiten. Unser Weg führte durch einen dichten Eichen- und Buchenwald, und da cs schon spät am Nachmittag war, als wir unS auf den Weg machten, war es im Walde bald völlig finster. Ein gelindes Gruseln trachtete ich durch eifrige? Geschwätz zu übertäuben. Da plötzlich erscholl der Befehl: „Halt! Stehen bleiben!" Ter Wagen hielt, und ein Paar Gestalten — wir konnten nichts deutlich unterscheiden — näherten sich. „Was wollt ihr von mir?" fragte mein -Daker.- ».Das werden Sie gleich sehen", war ' die Antwort: gleichzeitig fiel das schwache Licht wahrscheinlich einer Stallaterne auf unser Gefährt. „Wer was wollt ihr denn, ich bin ja der Doktor Liebermann, haltet mich doch nicht aus, ich muß zu einem Kranken fahren." Da geschah das mir Unvergeßliche: es wurde meinem Vater ins Gesicht geleuchtet, und dieselbe Stimme, die-wir schon gehört haben, ließ sich also vernehmen: „Ja. es ist der Doktor Liebermann. Von Ihnen, Euer Wohlgeboren. wollen wir, nichts. Gott segne Sie. Kutscher, fahr zu!" Zen Israel gebunden und bot nun vor dem Kreuze in der - Weise unserer jüdischen Religion dem toten Freunde still die letzten Wünsche, während rings um uns Granaten den Boden auswühltcn. Wie ich mich dann aber bereits zum Gehen wenden wollte, da fühlte ich aus den,, Blicken der Kameraden, die mit mir waren, daß sie etwas vermißten. Da sprach ich ihnen noch im Heulen der Geschosse das Vaterunser vor. und sie beteten voll neuer, frommer Zuversicht mit mir. indes mir ihre Augen dankten, lieber uns aber flammte ein wundervolles Abendrot, wie das sanfte Lächeln einer gütigen Fran. Weißt Du nun, warum ich jetzt über die- Bosheiten unserer Gegner lächeln kann?" Von solchem Einig- und Einswerden der Juden und der Christen wird mehrfach erzählt, am überzeugendsten, wenn der Rabbiner Zweig in seinem letzten Brief schreibt: „Am Weihnachtsabend machte ich zwei Feiern mit, die erste bei R. Hirsch Lcwkolz. wo es köstliche Nudelsuppe und Fleisch gab, und dann die Weihnachtsfeier mit me inen Kameraden . . . besonderen Anklang fand es bei allen, als ich nach einigen Liedern als einziger eine kleine Ansprache an die Kameraden hielt." In einigen Fällen äußern sich nicht die Gefallenen selbst, sondern ihre Vorgesetzten sprechen sich in Briefen an die Eltern über die menschlichen und militärischen Eigenschaften der jüdischen Soldaten aus. So schreibt über den Fliegerleutnant Max Pappenheimer sein Hauptmann: „Ihr Herr Sohn war einer der besten-Beobachtungsosfiziere, die nicht nur die Abteilung, sondern die ganze Fliegertruppe zu verzeichnen hatte. In emcm Jahr war er 228mal gegen den Feind geflogen und hat 100 Batterien mit Erfolg eingeschossen, eine Leistung, die wohl einzig dasteht und die belohnt werden sollte durch die Eingabe zum Ritterkreuz des Kgl. Hausordcns von Hohenzollern. Ihr Herr Sohn nahm eine Sonderstellung in der Abteilung ein, jeder bewunderte ihn wegen seiner Leistungen, und jeder mochte . ihn besonders gern wegen seiner vornehmen, bescheidenen Gesinnung, mir persönlich war er der fleißigste und tüchtigste Mitarbeiter und ein lieber Freund." "Niemals handelt es sich um Cchemabriefe. sondern stets um ergreifende Dokumente ehrlich Ergriffener; das Ergreifendste ist der Brief eines Divisionspfarrers an den Vater eines Oberarztes: ,)Wir verlieren den besten Arzt unserer Division. Was er um unsere tapferen, geplagten Leute verdient hat, läßt sich nicht sagen . . . ich möchte sagen, er war der Hausarzt seiner Truppe in dem umfassenden Sinn, den das Wort in vergangener Zeit hatte . .. Und das war möglich. weil er ein grundcdler, durch und durch vornehmer, gänzlich selbstloser Vtensch. unbestechlich in Ueberzcugung und Urteil war, ehrenfesten und unerschütterlichen Charakters blieb er sich selbst treu ... Er war der Religion der Väter treu ergeben und verleugnete sie auch vor denen nicht, die oft, ohne es selbst zn merken, eine den Juden verletzende Bemerkung taten. In welch würdiger und wirkungsvoller Weise wußte er solche Bemerkungen zurückzuweisen... Das Wort des Herrn Jesu, dem ich dienen darf, und das emst dem Nathanael galt, möchte ich auf unfern lieben, dahingegangenen Doktor anwenden: .Siehe, ein rechter Jsraeliter, in welchem kein Falsch ist'." Zwischen die Prosa-Dokumente sind Gedichte der Gefallenen eingestreut. All diese Gedichte sind volksliedhast einfach. Selbst Alfred Lichtenstein, der vorher in ironisches Großstadtpoesie exzellierte, findet jetzt diesen Ton. Alle singen vom Ausmärsch, von der Schönheit des Lebens und von Todesahnungen. Jedes der hier mitgeteilten Gedichte schließt mit Frage oder Wissen um den nahen Tod. Doll Todesahnungen, ja voll- Todesgewißheit sind auch oft die Briese, die dann wirklich die letzten geblieben sind vor einem Sturmangriff: „Wenn Ihr diesen - Brief bekommt, habe ich mein Leben auf dem Altar unseres Vaterlandes geopfert... und deshalb hoffe ichj daß Ihr mein Schicksal so ertraget, wie eS sich Deutschen und Juden geziemt: gefaßt und gottergeben, das ist mein letzter Wunsch." Ebenso herzbewegend wie diese Briefe lesen sich die Testamente, in denen die Morituri ihr Innerstes offenbaren und ihren Angehörigen Trost zusprechen. Mit diesen fast wie ein Gebet tönenden Worten nimmt ein Dreißigjähriger Abschied von seinen Eltern, von Deutschland und von seinem Leben: „Möge diese schwere Zeit recht bald ein Ende nehmen, damit der ganzen Menschheit und insbesondere unserern Mischen Volke bessere und schönere Tage wie ehedem beschieden sein mögen. Dies sei mein letzter Gruß." Mancher, durch dies Denkmal jüdischer Kriegsgefallener, das ihnen nicht die Nachlebenden, sondern sie sich selbst gesetzt haben, im Tiefsten erschüttert, wird anfstehen und das Totengebet sprechen. Wir hörten noch einmal die Stimmen, die seit zwei Jahrzehnten verstninmt sind. Die Uebriggebliebenen und Nachgeborencn senken das Haupt... und horchen: aus diesem Buch klingt das kleine Frühlingslied. . das einer von ihnen (Seligsohn) sür alle sang: . ».Und wieder wird der Flieder blühen. Und wieder wird der Frühlingswind Durch dunkle Blütenbüsche streifen. Die voll von schwerem Duste sind. Und nichts aus . früher Zeit wird fehlen. Nur wir allein . . / Kurt Pinthus. Das Atelier von Meta Cohn-Hendel liegt so. wie. eS sich gehört, oben im sechsten Stock unter dem - Dach, und wenn man hineintritt, und wenn man gleich auf das erste Bild blickt, das links an der Wand hängt, ist man noch viele, viele hundert Mter höher gestiegen, hinauf auf eine Bergspitze, wohin man mit keinem Fahrstuhl mehr fahren kann, auf.. eine golden - funkelnde Bergspitze. der Dolomiten. .Ja, also da hängen die bekannten Bilder von Cohn-Hendel, niemand steigt mit Palette und Pinsel wie sie hoch in die Berge hinaus, niemand bringt es so wie sie eS fertig, den mächtigen Berg mit feiner unheimlichen Massivität. umhüllt von dem durchsichtigen, geheimnisvollen Luftmantel, auf die Leinwand zu bannen. Einen Berg von unten zu sehen, das bedeutet Sehnsucht, einen Berg zu erklimmen und oben zu erfassen, ihn oben zu bannen in seinem ganzen Dunstkreis, dort, wo er den Himmel küßt, wie man nur von unten vermeint, dort also ihn zu malen, das gleicht beinahe einer Erfüllung. Tie Mendel bei Bozen, das Digilioch, das Etschtal.^och. es ist der ganze herrliche Alpenrückcn. wie er sich biegt und krümmt und aufbäumt gegen den Himmel. aus dem er sich Schleicrsetzen herunterzielst, um sich zu verhüllen, um sie wieder wegznrafsen. damit sich seine lcuchteude Nacktheit von der Sonne beschcincn lassen kann. Tie Kiefernholzschnitte befassen sich ebenso wie die Oelgcmälde und Aquarelle immer wieder mit den Massen, die die Wolken durchdringen, um die höheren Sphären zu erreichen, straff und streng steigen die Linien hinaus, fassen große Schichten in eine knappe Kontur, und beängstigend und gefährlich dampft die Rauchsäule ans dem Vesuv. Dazu ein seltsamer, zarter Kontrast. Im NcbLnzimmcr hängen die Llumenbilder von Rieta Cohn-Hendcl. DtcistcnS vier- und fünf- und sechsfarbige Holzschnitte. Seerosen und gelbe Orchideen. rosa Apfelbäume und zarte Birken am Wasser und eine Blumenwiese. Die Blumenwiese — cs ist die bunteste und reichste Blumenwiese. die nian sich denken kann — ist ein beglückendes Meisterwerk. Aus dem harten Holz wurden rote und gelbe Blumen geschnitten, auf dem harten Holz wurde den zartesten Gräsern und Farnen nachgclcbt, niit einer Empfindsamkeit und Innigkeit, die einen das mehr al8 glauben lassen, was Meta Cohn-Hendel einem Beschauer der Wiese antwortete: „Nein,' dazu gehört keine Geduld, dazu gehört nur Liebe." - Und damit hat Meta Cohn-Hendel nicht nur das Geheimnis ihrer Kunst, sondern das Geheimnis aller Kunst und das Geheimnis des Lebens verraten. Es gibt nur wenige, die das Geheimnis kennen, cs gibt nur wenige, die so malen, so holzschneiden .. , so zart lieben können wie Meta Cohn-Hendel. 6. 8. EffiSSSKSSeSSBSS! sslfflBPbsHasssffies