Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 13 (1934)
- Issue
- 48 (29.11.1934)
- Date
- 1934-11-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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?o schön und so klug, so gut und so zart, hatte eS ui-.c> Swwestern -- die wir alles andere alS zart miteinander waren— nun einmal angetan, und U'ir lasen diese Novellen mit eben derselben Ge» Jniitvitimmunß wie Goethe und Schiller und Deuter und Keller. Wir spürten kaum das jüdische in ihnen, cs war wirklich nur das Menschliche, was uns in ihnen besonders rührte. Und daß es so war, lag wohl daran, daß der dicke dnnkclrote Band, der beide Novellen umschloß, in vordildlichcm Hochdeutsch geschrieben war. Ganz anders der neue Band aus dem Schocken-Verlag. Gr ist in der Urfassung, das heißt durchsetzt mit vielen jüdischen Worten und vielen „gleichen Wörtchen", die den Rhythmus tmb die Stimmung der kleinen Kehilla im Groß» Herzogtum Posen ausstrahlen. Es ist für jemanden. der in einer Zeit groß geworden ist, als jedes Jargonwort gegen die „Hhgiene der Sprache", mir der Großvater es nannte, zu verstoßen schien, nicht immer leicht zu lesen. Aber die Fußnoten erläutern alles Wissenswerte — und die haben nur schließlich bei Router damals ja auch gebraucht. Wenn man heute „Bügele der Maggid" lesen will, und mindestens jede Frau und jeder junge Mensch Külte es lesen, so soll man nur diese Ausgabe wählen, denn sie ist so viel echter und wahrer als die verdeutschte und rührt auch uns moderne Menschen, trotzdem uns das Leben jener Mädchen eigentlich fremd sein müßte, mit einer Zartheit und Innigkeit an, wie es ein moderner Roman kaum vermag. Margarete Edelhcim. „ZMvittZMLWier" - „SfeSäsciteSleST .KuW kssere Sfusöe* Adrienne Thomas, die uns vor Jahren mit dem unvergeßlichen Mädcheiitagebiich „Kathrin wird Soldat" beschenkt hat, legt jetzt einen Roman ..Treiviertct Neugier" vor <E. P. Tal Eo.. ^>erläg. Leipzig-Wiens. Dieser zweite Roman hält nicht das. was der erste versprochen hatte. Adrienne Thomas ist zweifellos eine Künstlerin von Bang. Aber gerade weil sie das ist. legen wir an iyre Werke auch einen anspruchsvolleren Maßstab. Diese Geschichte eines jungen Mädchens, das nach dreitägiger Kriegstrauung Witwe wird, dann versucht, sich durch Musikstudium ein Bernfslebeu aufzubauen und dabei am Manne zugrnnde geht. ist. gehobene Unterhaltungslektüre, aber nicht mehr. Die Figuren sind nicht genug gestaltet, und es ist in diesem Buch mehr der Zufall, der regiert, als die innere Notwendigwi t der E ha ra ttere. Dieser Barbara Schwab der Adrienne Thomas sind „Die Schwestern Aid)' von Eina Kans in mancl'.ein verwarldt. (E. P. Tal L Eo.. Verlag. Leipzig-Wien.) Auch dieses Buch spielt in der Nachkriegszeit. Eine Frau, die als Hausdame in das Haus eines Wiener Juweliers kommt, um die Stelle der Mutter an zwei kleinen Mädchen zu vertreten, schreibt die Geschichte dieser beiden Schwestern, die unter ihrer gütigen und vielleicht zu guten Leitung ausgewachsen sind. Es entrollt lieh das Drama einer Liebe, daS uns mitreißt und uns erschüttert. Die ältere der beiden verlobt .sich mit einem Architekten, den sie alS .<riegsverletzten pflegt. Als sie mit dem Verlobten in das Vaterhaus kommt, verliebt sich die jüngere in. diesen Mann, und auch er erkennt, daß sie. Lotte, die eigentliche Ergänzung seines Lebens sei. Trotzdem heiratet er Irene. Lottes Leben aber hat durch diese Liebe in der ersten Jugend einen unheilbaren Bruch bekommen. Wie sich dieses künstlerisch reich begabte Leben weiter abspielt, wie es durch menschliche Tiefen zu menschlichen Höhen und zum schlimmsten Absturz führt, soll hier nicht verraten werden. — Dem Verlag sei für eine weitere Auflage empfohlen, >.das Buch von Druckfehlern zu säubern. „Ruths schwere Stunde" ist der vorletzte Vornan in der Serie der Familienromane, die Georg Hermann kürzlich mit „Eine Zeit, stirbt" abgeschlossen zu habe,: scheint. „Ruths schlvere Stunde" (Verlag Albert de Lange, Amsterdam 1934. zu beziehen durch die Jüdische Buchvereinigung, Berlin W. 15) schildert, wie Fritz Ei8ners geliebte Freudin und spätere »Frau Ruth ihr Töchterchen zur Welt bringt. Das heißt von dieser Tatsache, die den Hintergrund des Buches bildet, ist eigentlich kaum die Rede. ES ist vielmehr eine Schilderung de§ Münchens der Inflation, der Stadt, die eben die Rätezcit hinter sich hat unt> die nun — anders als der deutsche Norden — ftcmäUidiar und stammesbewußter mit der Krise fertig,»»werden versucht. Es ist-viel von Krieg und Frieden, von Lebensmittelknappheit und grellem Nachtleben die Rede, und alles* mit der stillen feinen Beobachtung mit den philosophierenden Bernerkungen, rvie wir sie an Georg Hermann kennen und liebeu. Dabei tanchen wieder die alten Bekannten Paul Gumpert und seine schöne Freundin und manche andere auf,- tmd wir befinden uns wieder in dem »Familienkreise, in dem rvir schon so oft geweilt haben, und den wir mit seinen, daZ übliche Maß weit übersteigenden Streitigkeiten, aber auch mit seinen liebenswürdigen Seiten trotz alledem zu den guten Bekannten rechnen. Diese drei Bücher spielen zur gleichen Zeit, lind wenn diese Zeit auch erst wentg mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt, so sehen wir sie doch schon fast mit dem Auge des Historikers — denn sie ist für uns schon sehr fern. M. E. Hcmsjürgen Weidlich: „Felix contra USA." Buch- und Tiefdruck Gesellschaft mbH., Abteilung Buchverlag. Berlin SW 19. „Ein Deutscher haut sich mit Amerika, Roman des Onota-Innnigraut Nr. 10 363", ist der Untertitel dieses amüsanten Buches, das sehr. lehrreich schildert, rvie ein junger karisminuiischer Angestellter von Teutsehland nach Amerika ausrvandert und dort in die Hohe zn kommen versucht. Ans dem kaufmännischen Angestellten wird der Schrverarbeiter, der bei Bay & Ace tagest), tagaus Aisten packt und auspackt und schleppt, und ans dem „Kistenllopper" wird ein kaufmännischer Rayonchef. Und als ihm das ewige Einerlei der Arbeit, der nur ans Arbeit und nicht auf Kultur geriehtete Sinn dieses Lebens zu langweilig wnd. bummelt er mit einem Antofrennd durch tJ. Staaten, und dann, soll das Arbeiisleben wieder beginnen, aber es wird zunächst das Leben des Arbeitslosen, der die Arbeitsuche in einem Lande ohrre städtische Arbeitsnachweise und ohne Sozialversicherungen bis fast zur Vernichtung kennenlernt. Das Buch ist bei allen) Ernst humoristisch, rhythmisch und durch die Sprache mitreißend und packend geschrieben. DaS bappy ertd ist die Heimkehr nach Deutschland. Ein Buch, da8 jeder lesen sollte, der in Anterika noch immer das Land der tausend Möglichkeiten und Wunder sieht — nicht, nn) sich absehrecken zu lassen, aber um die Schwere der Ausgabe zu erkennen, die er ans sich nimmt, wenn er hinübergeht. M.E. Peter Mendelssohn: „Das HauH Cosirrskh." Verlag Oprecht und HeLbling in Zürich. Peter Mendelssohn erweist sich vo)) neuem als ein Erzähler, der die Technik des mit Spannungs- Momenten gesättigten Romans beherrscht und seine Figuren genügend durchwär)nt, um ihnen Anteilnahme zu sichern. Er schildert Bestand und fortschreitenden Zusammenbruch einer Adelüfamtlie vor dem düsterroten Hintergrund oe§ Krieges und der folgenden Jahre. Alles scheint zu zerbrechen; aber im Herzen des mit sanfter Gewalt bei der Sache gehaltenen Lesers blüht das Pflanzchen Hofsnnng, so oft es auch verdorren will, immer wieder auf. Alles wird gut werden — das ist und bleibt das Licht im Dunkel der Ereignisse. Diese sympathische Erwartung wird nicht getäuscht. Au5 dem Kreis der Gestalten, die So schwer an der Not der Zeit und an eigener Schuld zu tragen haben, wächst das junge Weib heraus und empor, immer wieder der Liebling vor Romanschriftsteller, das junge Weib, das in Irren und Wirren erstarkt, das sich selber und andere rettet und in einer wohlgegründetcn Liebe Glück und Zukunft findet. F.E. V- \ \ /y'' \ \'J \3 ' : / i i i y.i-; y. V -h 3! :;. Unübersehbar ist die Fülle der Ncnerscheimmgen. Es wird allmählich ein Beruf, sich durch ihre Flut hindurchzuarbeitcn. Ter interessierte Law muß sich damit begnügen, hier und da ein Buch, das ihm interessant erscheint, mitz)lnehmen. Wenn wir die vier imö heute vorliegenden Werke nach der Tarstellnngöweisc ordnen, so hätten wir zu beginnen mit den) „Palästina- Bilderbuch", 96 Photographien von Hans . E a 8 p a r i u 8, Vorwort und Tert zu den Bildern Arthtw Rnndt, Verlag E. P. Tal'L (io., Leipzig- Wien 1934. Palästina-Bilder gibt es unzählige. Hans Easparius, bekannt als Photograph großer Reisen und Expeditionen, hat mehr gewollt. Aus einer begrenzte») Zahl von Aufnahmen sollte ein möglichst vollständiges, ungeschminktes und vielfettiges Bild des modernen Palästina entstehen. Der Vcrsnch ist voll geglückt. Ungewöhnlich gnte Photos sind in geschickter Auswahl zusammengestellt. Ter Text ist gut rmd knapp, vielleicht etwas zll knapp, wenn man an die Gefahr benü, daß solche Bilderbücher den Nichtinformierten leicht ein zu glattes und. unproblematisches Bild geben. iOlit dieser kleinen Einschränkung ein sehr zu empfehlendes Werk. Rcisebücher über Palästina sind immer eine zweifelhafte Sache. Es stürzt sich setzt zu viel reine Journalistik ohne genügende Kenntnis der Problematik des Lebens ans palästinensische Reiseberichte. Wer über Palästina schreibt, uirtß wissen, daß ein Buch für die Lebenoentschcidtmg von Mensche» bedentltngspvll tverden kann. Wer mir dem darstellerisch Interessanten nachgeht, sollte über irgendwelche erotische Länder schreiben, aber nicht über Palästina. Um so wohltuender, dem Buch eines Mannes zu begegnen, der daS Handwerk des Schreibens witbringt, aber auch die Kenntnis lind Vertrautheit m)t dem Leben des Landes. „Deutsche Juden im jüdischen Land" heißt das Buch, se)N Verfasser ist Alfred . . l /. J, I: Kupferberg, der Hauptschriftleiter des Israelitischen Fnmilienblattes. Verlag M. Leßm a n n n , Hamburg 1934. Das Buch besteht aus enter große» Anzahl zivanglos aneinander gereihter Berichte, die teils noch im La)tde, teils gleich nach der Rückkehr geschrieben wurden. Sie tragen alle de)) Stempel des frischen und tmmittelbaren Eindrucks, sind sehr lebendig in der Darstellung und getragen vo» großer Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, wie starker Einfühltingsfähigkeit gegenüber dem Betrachteten. Wer selbst einmal in der gleichen Situation des Besuchers für kurze Zeit war, ist erstaunt über den Umfang des in wenigen Wochen und durchaus nicht oberflächlich bewältigten Problems. Aus kluger Selbstbeschcidung und frischer, liebevoller Betrachtung ist hier ein wirklich gutes Palästina-Rcisebuch entstanden, das die wissenschaftlichen und weltanschaulichen Werke nicht ersetzen will, aber ein lebendiges unt> zum Nachdenken anregendes Bild des Lnrwes gibt. Wer dem aus sitbjelLiven Empfinden gestalteten Bild die Welt objektiver Tatsachen vorzieht. dem. kann ebenfalls eine Neuerscheinrmg empfohlen roerden. Hugo Hermann: „P a tä ft ina i u u bc", Fiba-Berlag. Wien, 4Lieferungen, bisher erschienen J.—lir. Hugo Hermann, desien Buch „Palästi)ta, wie es wirklich ist" im vergangenen Jahr ein großer Bucherfolg war, hat es hier unternommen. reiches Tatsachenmaterial über Palästina zmam« menzustellcn. Ausgctcilt in Geographie, Bürger, ktrnde, das jüdische Aufbantverk und — demnächst erscheittcad — Geschichte, wird in den bUher vorliegenden Lieferungen ein riesiges Material geboten, das sehr übersichtlich geordnet tit. Eine Fülle von guten kartographischen Darsielluu. gen u'nd Tabellen ergänzen den Text. Bei der Billigkeit der Preisgestattnng stellt die Sammlnng eine gute Grundlage für Kurse, Arbeitsgcmeii'.. schäften. Ingendbnnde tind Genteinden dar. Zn den Tatsachenbüchern gehört anch der in Nettmtslage erschienene „Fü h ret dnrch da s neue Palästina". Azricl Preß. Jerusalem. Das gut ausgestattete Heft gibt einen Uoberblick über alle wichtigen Orte und Siedlniigen des Landes, soweit sie Bestandteile des jüdischen Vlttfbaue« sind. »Für eine Neuauflage würden wie uns noch ein Kapitel mit praktischen Rat schm gen für den Reisenden (Verkehrsmittel. Tarife. Reisehhgiene, Ernährungsweise, Kleid),ng und. ahnliches) wünschen. Wer sich um das Verständnis der politischen Sintation Palästinas bemüht, wird nicht ohne Kenntnis der politisch-wirtschaftlichen Gesarnllaoe des vorderen Orients anskommen. Eine tombolle Hilfe hierfür waren schon immer die Bücher voir Hans Kohtt. insbesondere seine-„Geschichte der nationalen Betvegnng im Orient" und „Nationalismus imt> Imperialismus ittt Sorbeten Orient". In Abrundung und Abichließung dieser Bücherreihe übergibt jetzt Hans Kohn ein nettes Buch „Tic E u r o p ä i s i e r u n g de-; Orients" fSchocken-Berlag, Berlin) der Leifentlichkeit. Attsgehend von einem geschichtliche» Ueberblick wird der Strukturwandel auigezcigt. der sich durch das Eittdringen der europätschet) Vorstellungstvelt in den Ländern des zwrdere» Orients vollzieht. Es tvird gezeigt, wie sich hier in verschiedenem Tempo und modifiziert durch die Bersel)iedenheit der wirtschaftlichen und volitischen Lage in allen diesen Ländern der gleiche Prozeß abspielt. Die Bedeutung der Wcltßraße» ztl Wasser. Land und Lust, der weltwirtichairlichen Verflechtungen und der weltpolitischen Spannnngsselder wird aufgedeckt und schließlic» eine Darstellung^ des im Augenblick erreichte» Umsanges des Europäisiertlngsprozesses in de» einzelnen Ländern gegebett. Die Lektüre de; dicken Bandes, der sich im übrigen gut liest, lohnt mit einer »Fülle interessanter Einzelheiten und einer Gesamtschan, die zugleich eine Bereicherung der historischen Erkenntnis wie ein besseres 2erständnis der palästinensischen Wirklichkeit nermittelt. Ericdrkh Brodnitz. * Dr. Alfred Engel: „Hygienische Ratschläge für Einwanderer nach Palästina." Verlag Kedem, Bcrlin-Charlottenburg. Wer nach Palästina einwandern oder da; Land als Tourist besuchen will, muß wenigstens das Wichtigste über die klimatischctt Eigentümlichkeiten und gesundheitlichen Derhältnu'se dc; Landes wissen. Deshalb ist die kleine Broschüre, die in leicht verständlicher Form diese Fragen bespricht, zu begrüßen. macht sagen: „Ich schlage vor. einander zu lieben!" Steht das schlichtschönc Wort attf dem Grabstein Hermann Heijerntans'? Aus allen Grenzsteinen der Welt müßte es iedenfalls eingemeißelt sein. Fritz Engel. AÄ SM MWs - «nc NertdemuLggLr leineö Werks Sog 3. Lanvüu „Das Land der — Detttschen mit der Seele snciiend" sitzet! seit Generationen in den podvli- . scheu Niedernugen Juden, die noch nach Jahrhunderte» ihre deutsche, ihre fränkische Herkunft nicht vergesset) können. Das mitgebrachte deutsche Sprachgnt ist heute noch, recht verwildert freilich, ihre lltngangssprache. Trotz der Vermischung mit ilavischeu, mit hebräische)) Einschiebseln, birgt diese Sprache noch Kernworte. Sprüche, Redensarten. die ihrem Ursprtmgslande verlorengegangen sind. Eine Nachgrabung würde einem deutschen Sprachforscher guten Ertrag bringen. Mit allen Fasern hängen diese Itiden an den Ncstcn deä mitgebrachten deutschen Kulturbesitzeö. In ihren,' )nei]t ärmlichen, Wohnungen ist, neben Bibel und Gebetbuch, sehr oft ein Band Schiller zu finden, )tnd so mancher, eifrig über seinem Talmud brütende Jüngling hat, neben dem Gemara-Foliantet) ein kleines Neklanchest, dem Goethe'schen ..Faust", dem er das gleiche liebevolle Studium )vidmet wie seinen hebräischen oder aramäischen Traktaten. Ztt den fortgeschrittenen, von den Strömungen der Atifklärttngszeit erfaßten und mit sortgerisse-' neu Elementen, die zu Mendelssohn und Lessing innere Beziehungen hatten, gehörte die Familie Franzos. Sie zählten zwar nicht zu den vormals auL Franken eingewanderten, von den polnischen Könige» gastlich aufgenommenen deutschen Juden, sondern war, nach der Dertreilumg aus Spanien, in Frankreich ansässig geworden und später, dnrch geschäftliche Bcziehnngen, nach Galizien gelangt. Ihr französischer ^'iame. Levert, war dem Gedächtnis und der Zunge der neuen Landsleute nicht geläufig, und so nannten sie den nenzngezogenen Glaubensgenossen einfach de,) Franz o o s. mit dem Tot) auf bet zweiten Silbe. Und diesen Namen behielt der Großvater des Dichters bei, als, nach der Derordnung Kaiser Joses II., die Inden deutsche Familienname,) bekamen. Früher Pflegten sie ihrem Bornamen nur den Vatersnamen anzu-. gliedern. Zugewaudcrte wurden nach dem Lande oder nach der Stadt ihrer Herkunft benannt, und diese Letzteren behielten ihren Länder- oder Städtcnamen bei bis ans den heutigen Tag. Schon Großvater Franzos hatte sich weltliches Wissen und deutsche Bildung erworben, weit mehr noch der Vater des Dichters, der in Wien Medizin studiert hatte. Der Drang zum Deutsch, tum, das Strebet) zu den Quellen deutscher Bildrrug. deutschen Geistes, war aber besonders stark in Karl Emil Franzos, dem frühverwaisten Sohn des Czortkvwer Bezirksarzteö. Darum übersiedelte seine Ntutter mit ihm nach dem damals ganz deutschen Ezernotvitz, das eine gute deutsche Universität hatte. Dem Zuge nach einem größeren, kerndeutschen Volkstum folgend, wandte sich der junge Franzos bald nach Wien und schloß sich der Burschenschaft an. deren schwarzrotgoldenes Band schon sein Vater stolz und in Ehren getragen hatte. Eine flammende Rede, die er beim Vurschenschaftstage. in Berlin. 1868, hielt, und in der er den junges Norddeutschen Bund feierte, trug ihm in Wien eine polizeiliche Maßregelung ein. Verärgert ging er nach Graz. Hier schon regte sich in Franzos der Drang nach der künstlerischen Gestaltung seiner Jugendlvahrnehmungen, deren Besonderheit ihm erst im Gegensatz zum steierisch-deutschen^ Leben scharf zum Bewußtsein kam. Hier auch setzte er sich schon kämpfend ein für deutsche Art rmd deutsche Dichtung. Als einmal in Graz^ eine ausgehehte, zclotische Rotte feindliche Demonstrationen gegen den Dichter des „AhaSder in Nom", gegen Robert H a m e r l i n g, unternahm, der dort auf dem Schmerzenslager seine letzten Lebensjahre verbrachte, da war es Karl Emil FranzoZ, der sich eifrig und mitführend an einer Gegendemonstration beteiligte, an einrr Huldig)mg für Hamerling. die dem kranken,-verbitterten Dichter wohlgetan hat. Als nach den triumphalen Siegen von 1870(71 tu alter Glorie ein deutsches Kaiserreich wieder erstand, als in Straßburg die deutsche lluivcrsität wieder auflebto, da pllgcrte Karl Emil Frmizos nach der Hauptstadt des alten deutschen Elsaß, mit einer Studentendeputation, zur Feier der Universitäts-Einweihung. Znm Festredner für jene Feier war B e r t h o l d A u c r b a d) berufen. Der Schöpfer, wie man ihn oft nannte, jedenfalls der Meister der deutschen Torfgeschichte. Berthold Auerbach, der, zu alt zum Waffcnführen, dochmit hinausgezogen war in den Krieg, den er, eine Zeit lang, in Zivil und mit der Soldatettmütze auf dem mächtigen Haupt, im Gefolge des Kronprinzen und nachmaligen Kaiser Friedrich, miterlebte. „Wir fittö groß!" Das war das immer wicderkehrende Kernwort, auf das Auerbach, im Rausch vaterländischer Begeisterung, seine Wciherede ans gebaut hatte. Bei jenem Anlaß lernte Franzos den von ihm so hoch verehrten Auerbach kennen, der ihn. wenige Jahre später in Berlin sehr herzlich wieder begrüßte. Die ersten kleinen Novellen, denen seine Selbstkritik sehr skeptisch gegenüberstand, uird die, im Manuskript, beim Grazer Literatenkreis keine ermunternde Aufnahme fanden, hat dafür der damalige ' Herausgeber - der'' „Westermann'fchen Monatshefte", Adolf Glaser, in ihrer ' ganzen Eigenart bald richtig erkannt und eingeschätzt. Nun bewarben sich auch andere Zeitschriften um die kleinen Meister-Erzählungen, aber für die BuchauSgabe fand sich lange kein Verleger. Bei siebzehn VerlagLanstalten hat Franzos vergeblich angeklopft. Immer wieder kam das weitgereiste Manuskript zurück. Erft als die deutschen Dichtungen in dänischer Uebcrsetzung in Kopenhagen erschienen und starken Anklang fanden, nahm sich ihrer ein deutscher Verleger an. Vorher war „Halbasien" herauLgekommen und hatte großen Eindruck gemacht. Inzwischen hatte ' FranzoS oftmals baS Mort ergriffen in der Erörterung des Judenproblems, das er. -in einem Aufsatz der „Neuen Freien Presse", auf die einfache Formel brachte:.„Jedes Land hat die Juden, die e8 verdient.'- Die Darstellung jüdischen Wesens und Lebens blieb ihm — obschon nebenher bereits manche Erzählung auch daS bunte Volkstum % in seinem ..Halbasien" und ebenso deutsches A''cicn gestattet halte — die Hauptaufgabe jottu-j Schaffens. In gleichet» Grade lag ihm das Wirten üw deutsches Schrifttum, die Entdeckung und Fördcrung junger Talente, das Eintreten für vergejiciie oder vernachlässigte deutsche Dichtungen am Herzen. Mit aller Hingabe arbeitete er an de: sä)tv'certgc» Herausgabe der Werke des früh seine»'. Schaffen entrissenen Georg Büchner; dem von ihm besonders hvchgehaltene» Eonrad Ferdinand Mcper widmete er liebevolle Studien: in der „Deutschen Tichinng" aber, die er begründet hatte, zur Ausschau nach neue,) dichterischen Kräften und zn ihrer Einführung, hat mancher, später zu hohem Ansehen gelangte Schriststellcr seine ersten Schöpfungen veröffentlicht. Als ^der österreichische Kronprinz Rudolf den Vorsatz gefaßt hatte, seinem Oesterreich ein Monumentalwerk zu widmen, eine große Darstellung von Landschaft, Volkstum und Wirtschaft der einzelnen Provinzen, berief er Franzos als seinen wichtigsten Berater in den Redaktioltsau-:- schuß. Auch da fand und nützte Franzos die Gelegenheit, für das Deutschtum mit aller Wärme einzutreten. _ $üjc dte Pflege und Reinhaltung der deutschen Sprache hat sich Franzos immer und überall voller Eifer etngesetzt. Je nach dem Anlaß, in temperamentvollen oder liebevollen Ansiührtitf gen. Mehr noch wirkte er durch das Vtuster des eigenen Cttls, durch die einschmeichelnde Mclodte oder den^frtschcn, flotten Rhythmus seiner klang« retchen Sprache. Ob er uns aufs Tiefste rührh ^i,^ftrnen Erzählungen erschüttert oder höchuch beluttigt, immer ist feine Sprache der treffsichere Mittler seiner dichterischen Absickt. Ucber seinem Werke aber ist der Verfasser eine denkwürdige, liebenswerte Gestalt. Unsicher gemacht durch seine Kurzsichtigkeit, zurückhaltend tm Wesen, mit seiner weichen, gedämpften Sprechwmse war. er. nicht die Persönlichkeit, die rasch für sich einnimmt. Aber seine nie ermüdende Hilfsbereitschaft, sein Gerechtigkeitssinn, 'seine Herzcnsgüte erwarben ihm bei allen, die ihm nahten, eine Liebe und Hochschätzung, die heute noch sortwährt,