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Central-Verein-Zeitung · 1934-11-15 · 46 (15.11.1934) · page 17

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
13 (1934)
Issue
46 (15.11.1934)
Date
1934-11-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Hummer 46 15. November 1934 4. Beiblatt der C-V.-Zeitung Phot. Herbert Sonnenfcld Freitag abend Die Volontärin Vort Ruth Dan;,lte sitzt ruhist tippend an der Schreibmaschine. ..Unter Bezugnahme ans Ihr Geehrtes vom . . „Fräi»eni Lind!" Erschreckt dreht sie sich um. ,->rnl'ei'end steht der Ehes hinter ihr. „Da« hoben -cieöenn da wieder angestellt? Habe.ich es Ihnen nicht erst gestern gesagt. daß es bei uns niedlich war. nach der amerikanischen Methode Briefe zu schreiben? «eie sollen doch nicht gleichmäßig jeden ÄtuaK ain Rand beginnen! .Nonnen Sie sich denn nirtjf iMdj meinen Anordnungen richten? Bei uns .feist immer alle« hübsch seinen altsteroohnten G.mg. mein gnädiges Fräulein!" stütsch — da hält;',!<r bereit« den im Zorn rot dnrchstrichenen und ferrillenen Brieibogen in der >>and. Sie nickt resigniert ihrer Armbanduhr zu. die bereits eine Schnute vor sieben zeigt. Briet noch einmal schreiben. Bost fertigmachen. Marlen ins Porto' l'iig, eintrageir. — cs wird wieder eine halbe Ltnnde später roerden, wie gewöhnlich. Würde ja nirrii im Brinzip nichts schaden, sic arbeitet gern, wenn nur — aber da erscheint auch schon die d'heün. 11c tippt, als gelte es einen Wettlaus. >!nr um nichts hören ,;u müssen. %xan Weih sieht die Zvrne-nalte ans der Stirn ihres Mannes und beginnt sofort: .Natürlich, das Fräulein Abi-- tnrientin braucht sich ja nicht nach den s)lnordnnnoi'n eines Eheis zu richten, warum auch? Sie lai'.n ia alles, sie weiß ja alles! So ein lumpiger «^eichästsbriei. den kann man ja ruhig falsch schreiben! 'Aber selbstverständlich, der Kavalier »'artet m Kavalier!" denlt Ilse lächelnd^, üebrigens. Fräulein Lind. Sic brauchen sich Ihren Kavalier anch nicht gerade an die nächste Ecke zu bestellen, so daß alle -vansberoohrwr mir davon er' fassten." Ilie will etwas lagen, schluckt es aber lnnunlcr. tippt weiter, klebt Marken aut, trägt ins Pertobuch ein, geht mit einem ururenndlich >niedergegebenen „Guten Abend" nach Haus. Die Mutier empfängt sic lächelnd, so ruhrend lächelnd, wie es nur Mütter tun, die verstehen wollen, aber manchmal nicht verstehen können, weil es ihnen eben noch so ganz anders ging. .Zischen, eine Schnitte?" .Ilse schluckt an ein paar tränen, .zieht sich schnell um, und da ist auch schon Günther, der sie ins Konzert abholt. „Ilsekind. was gibt's. bist heute wieder gar so bedrückt! Echt es so schwer?" Ilse lächelt ein wenig. „Fräulein Lind, seien Sie froh, heute noch Ü0 Mark verdienen zu können. So manch einer../ Günther erschrickt, so knarrigklingtihreStimme. ..Mädel/ sein braungebranntes Gesicht, das vor einem Jahr um soviel älter geworden ist, wird hart und entschlossen. „Mädel, wenn ich dich doch heiraten könnte, dann wäre alles gut. Bei mir hättest - du es nicht so schlecht!" „Schlecht. Günther." Ilse geht plötzlich aus sich heraus. „Aein. schlecht habe ich es nicht. Siehst du, das ist -' Wieder stehen Brot und. Wein bereit, Tenn das Werk der Woche liegt beendet. Nun sind wir zum Sabbat, hingewendet . Und ben Bräuchen aus sehr ferner Zeit. Me Dinge mögen sinnvoll sein Wie dies Leuchten stiller Sabbatkerzru. Nichts von Leid und Alltag mehr im Herzen. Zieht ein großer Frieden in uns ein. Uvll Undlauor cs ja eben. Ich bin wirklich nicht die, jüdische Abiturientin, die ins Geschäft gegangen ist, um ihre Zeit geldbringend zu verwerten. Ich will nichts Besseres sein als die Hunderte von Mädels, die weniger Schulbildung haben, aber dafür in jahrelanger Lchrlingszeit anerzogene Geschäftskenntnisse besitzen, kannst cs mir glauben, Günther, ich habe doch schon immer Interesse für das Geschäft gehabt. So wie du!" Der ehemalige Jurist, der jetzt auch im Geschäft eines Bei> wandten arbeitet, schaut ihr ernst ins Gencht. „Ilsekind. ich weiß doch, für wen ich das allein tue. und daun, es macht mir auch Spaß. Aber rede weiter, Ilse, vielleicht hilft dir das ein wenig." „Ia. siehst du. du hast gewiß anfangs auch mrijt alles richtig gemacht, aber dein Chef kennt diel, eben von früher her und weiß, daß ein Fehler nicht sofort bösen Willen kennzeichnet. Aber bei mir und vielen anderen, ich höre es so oft. da wird alles fdnver genommen. Biele von uns Blödels sind nicht aufs Land gegangen, weil wir meinten, man könne nicht plötzlich die unsagbare Liebe zur Landarbeit entdeckt haben. Wir hofften doch, auch in anderen Bernsen noch etwas leisten zu können. Aber auch wir haben doch um, geschichtet. Blau soll uns doch nicht immer vor* rvcrfeu, wir hätten nur zu einem Notbehelf ge* griffen. Sag, Günther, wer ergreift denn einen Berus so ganz aus Ueberzengung? Es ist doch auch nicht unsere Schuld, daß wir uns eben einmal einen anderen Beruf vorgestellt haben, daß wir das Lernen liebten und uns aufs Weiterlerncn gefreut haben, um schließlich selbst Lehrer zu werden. Gewiß, zuerst war die Umstellung „Mus/ aber ans dem Muß wollten wir doch eine freiwillige und selbstverständliche Pflicht machen. Da» rum sagt man mir denn bei jeder Gelegenheit „na ja. das Fräulein Abiturientin!" Habe ich jemals betont, daß ich das Glück hatte, bis zum Abitm auf die Schule gehen zu können, habe ich mich iemals geweigert oder innerlich gewehrt. Staub zu wischen, das Lager in Ordnung zu hakten. Ware hcrauszugeben? Ich habe meine neue Arbeit in dem festen Willen übernommen, mich in dieses Gebiet einznfügem Aber man muß auch mit mir ein wenig Geduld haben. Ich habe nur ein halbes Jahr die Handelsschule besucht, kann, wirklich flott und sicher stenographieren und Sasa ml? rafsH? Frage: „Ich-habe durch vieles Rauchen ganz gelbr Zähne bekommen. Meine Frau behauptet, ich könnte das natürliche Aussehen meiner Zähne nur wieder erlangen. wenn ich das Rauchen ganz aufgebe. . Da ich das nicht möchte, bitte ich um einen Rat/ Antwort: „Vielleicht versuchen Sie einmal Chlorodont, um den gelben Rauchcrbelag zu entfernen. Jeden Abend regelmäßige Zahnpflege mit Chlorodont verhütet gleichzeitig die Neubildung des Belages und machtdcn Atem sein.*' Kleine Herbstmusik Von Arthur Silbergleit I- Tic Matrone stellte neben die letzte Rose die erste Aster ins vcnetianische Kelchglas. Sic feierte w das Feit des Sommerendes und Herbstbeginns. Tann blätterten ihre rnnenreichcn Hände im Wandkalender, - sie blickte nach der alten, hohen Standuhr und bemerkte gar nicht, wie mit den Blumenblättern des Gartens anch im Gemach Blatt an Blatt zu Boden sank. Ter Abend dämwerte schon durch die Scheiben, die Zeit selbst schien wie eine lange sonnengeküßte Frucht reis und ernillt zu sein: die greife Frau aber träumte bereits von dem kühlen Schlaf ihrer nahen Nacht. n. Ein Lacchusfreimd Hub beim Anblick eines Weinberges also zu rhapsodieren an: „O ihr Myriaden winziger grüner und goldener Brüste, schwellend und geschwungen ans dem gehügeltcn Leib der Mutter aller Früchte, der herbstlichen Ueberfälle. o ihr zwischen Blätterpurpnr pran» gendcn Trauben, laßt mich wie ein Kind am Ämterbusen an euren schmalen Brüsten trinken! Ich will mir einen Meister der Goldschmiedekunst bestellen, aus das er mir Kelche wölbe, so kostbar, oval. gerundet und von so edler Geschliffenheit, deß sie würdig sind, die von Sonnen verzauberte <>'ße eures Traubenblutes zu umfangen!" Mit einem Male funkelte die Sonne selbst als erne üppige Himmelsfrncht gleich einer großen Gold» orange ans. Ter Bacchusfreund aber segnete, sie wie einen von Göttcrhänden geformten Riesenkclch. aus dem'die Himmlischen trinken. III. Ter Tichter schritt mit seiner Geliebten, durch einen herbstlichen Wald: „Horch, die Harfen der Bäume!" „Ich höre bloß ein unwirsches Rascheln. Ücberhaupt ist der Herbst nur ein ^ntillonnarr. der seine Blätter wie bunte Papier» lchnitzcl verstreut!". Ter Tichter grübelte gerade über die Möglichkeit, wie er ferne Geliebtemus ber Dell der grauen Wirklichkeit zu den blauen Bezirken seiner Andacht, geleiten könne, da spann ein dichter .Nebel alle Wege ein. und das laby» rinthische-Lichtchaos ließ keinen Irdischen .mehr erkennen,, wo.das Gefild des Lebens endete und wodass Reich der Träume begann. IV. Bajazzo schrieb an einen Staatsanwalt den folgenden Brief: „viernüt klage ich den Herbst wegen unlauteren Wettbewerbs an. Er benimmt sich possenhafter als» ich. arbeitet inrmer ohne Gage, reißt die Blätter von den Bäumen, torkelt hinter ihnen wie ein Betrunkener einher und treibt tausend. Allotria. So trägt er statt, meines spitzen Kegels den Himinel wie eine Riesenballonmntze auf seinem Haupt,, fegt die Hüte friedlicher Bürger von ihren Köpfen, pudert sich mit der Mondgnastc. toupiert seine Nasenspitze, so blutig.rot, als balancierte er aus ihr eine Preitzelbeere, und stolziert mit. seinem Harlekintleid aus bunten Blätterflicken durch die Manege der Welt." Kaum hatte Bajazzo diese Zeilen ans« Papier gesetzt, hüllte ein starker Nebel seinen grünen Wanderwagcn in Wolken ein, und der Himinel schien weiß wie die Tachplane eines unerineßlich hohen Zirkuszeltes. Ta erkannte Bajazzo, daß der Herbst stets stärker und siegreicher als. er selbst sein würde; er zerriß seinen Brief, dessen Fetzen die närrischen Winde in die Weite zerstoben. Ein Maler, stand vor seiner Palette: „Ich muß mich in meinein Herbstbild von jeder herkömmlichen Auffassung sernhalten! - Nicht Weinlaubscharlach noch, Fackelglnt sollen Bacchus umsprühen! Ich möchte einen Wolkenduft malen,.so filigranfein und perlmutterzart wie die silberblasse. Luft nebeldurch» webter Küstenstädte. Ter leiseste Atemhauch eines jeden Kindes sei hier zitternd erspürbar!"" Und er schuf ein Gemälde, so blaß durchflossen und doch innerlich geschlossen, daß der lange Sommer seines künstlerischen Strcbcns endlich von einem Herbst der Erfüllung erlöst wurde. VI. Ein greiser Edelmann starrte lange im Ahnen- -saal zu . den Bildern seiner Urväter hinan. Ihn dnrchsröstclte der Seclenherbst. daß er der -letzte seines Stannnes sei. und seine 'Wehmut winterte sich, kalkweiß und schläsenbleich, in die unbewegte Lmldschast der kühlen Wände ein. . . Am 11. November deranstalicle der Kulturbund deutscher Juden E. B. eine Besichtigung des Ateliers bei der Malerin Julie Wolfthorn. ' Wahrscheinlich schriebe such Julie -Wolf» thorn die ehrlichste und beste Kritik zu ihren Bildern selbst. Was hat diese Frau für eins sympathische Distanz zn sich und zu ihren Bildern, mit welchem gescheiten. Humor er» zählt sie von ihrem Werdegang, von ihrett Modellen, von ihren Stimmungen, man könnte ihr nur immer, immer zuhören, zum Schluß wüßte man, daß sie gute Bilder malen müsse, anch wenn man keines gesehen hatte« Ter Atelierräum ist vollgestellt mit Hunderten von Bildern. Porträts, Skizzen, Landschaften. Strichzeichnungen und Aquarellen!« das Atelier ist voll von Tausenden von Anekdütchen, Erinnerungen. Geschichten, voll tiovi dem Leben Julie Wolfthorns, das mit offenen Augen, offenem Herzen, mit frischem Atem und immer neuer, neuer Kraft gelebt wurde« „Mein Leben ist so lang, ich habe das Gefühl, als ob ich einige, viele Leben gelebt hätte", sagt Julie Wolfthorn und stellt sich damit in die Gruppe der wenigen, der Auserkorenen, die das Leben schlechthin als Geschenk der Götter ausgenutzt haben, die etwas Besseres zu tun hatten, als eine Kette von verpaßten Gelegenheiten, verpaßten Minuten ansznsädeln, die ans ihr Banner „primum vivere, deinde philosophari“ geschrieben haben. Und zu ihrem „primum vivere" gehört das Malen, oder es ist bei ihr dasselbe, wie man will. Julie Wolfthorn zeigt Bilder aus ihrer Pariser Zeit. Damals habe man nur Träume gemalt, erzählt sie, ganz verschleierte Träume, die Farben wurden aufgctragen, mit Seiden- Papier abgedrückt, immer wieder, bis die Leinwand mit einer Schicht bezogen war, die unlösbar an ihr hing: Die Werte müßten sich nahe sein; wenn man jung sei. sei man dumm und glaube, es gebe nichts Besseres als seine eigene Erkenntnis. Schwarz sei eine verpönte Farbe gewesen, und schmunzelnd schildert Julie Wolfthorn, wie sie und ihre Im Atelier bei Julie Wolfthorn

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